Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?”

Hofstetter: “Ich glaube, ich bin nahe dran.”

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): “Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…”

Hofstetter: “Was murmelst du da?”

Hofstetter: “Nichts. Gar nichts.”

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

Eine Art Betriebsausflug (2)

Kaum waren Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria gelandet, stellten der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer einer Burgdorfer Schreibwerkstatt fest, dass sie ihren Verwaltungsratspräsidenten Hofstetter zuhause vergessen hatten.

Um sicherzustellen, dass so etwas in Zukunft weniger häufig passiert, treffen sie sich heute zu einer Sondersitzung. Mit einem Memo, das er weit nach Mitternacht verschickte, zitierte Hofstetter die anderen beiden auf 3.30 Uhr zum Pool beim Hotel. Um diese Zeit, schrieb er, würde “noch nicht ständig der Fax rattern”. Man sei also völlig ungestört.

Nun baumeln sechs flipflopmalträtierte Füsse im Wasser. Nicht alle Mitglieder des Trios machen den gleich busperen Eindruck.

Hofstetter: “So, meine Herren: Ich danke euch fürs Erscheinen. Einziges Traktandum unseres Meeting ist die Causa ‘Hofstetter’. Ich wäre froh, wenn wir uns ausschlieslich darauf konzentrieren würden und möglichst wenig Nebenschauplätze…”

Hofstetter: “Mir ist sterbenselend.”

Hofstetter: “Schlecht geschlafen?”

Hofstetter: “‘Schlecht’ wäre schön gewesen. Ich habe kein Auge zugetan.”

Hofstetter: “Ich schon.”

Hofstetter: “Ich auch. Also: Reden wir über…”

Hofstetter: “Gegen 23 Uhr kehrten wir vom Allyoucaneatasiaten ins Hotel zurück. Dann ging ich duschen. Anschliessend las ich noch ein paar Seiten.”

Hofstetter: “Was liest du gerade?”

Hofstetter: “Das brauchst du nicht zu wissen. Kennst du sowieso nicht.”

Hofstetter: “Sag schon.”

Hofstetter: “Nein, ich sags nicht. Und wenn ich nein sage, meine ich nein.”

Hofstetter: “Wenn dus mir verrätst, lade ich dich zu einem Cordon bleu im ‘Stadthaus’ ein, mit ohne Gemüse.”

Hofstetter (flüstert): “Fifty shades of grey”.

Hofstetter: “Hä?”

Hofstetter: “Fifty shades of grey!“

Hofstetter: “Na und? Meine Grossmutter sagte, das sei gar nicht so schlecht. Im Darknet habe sie darüber nur lausige Kritiken gelesen. Aber dann habe sie gemerkt, dass das wie ein Pilcher-Roman sei, nur mit mehr Werkzeug.””

Hofstetter: “Jedenfalls: Kaum hatte ich den Schalter zum Lichterlöschen gefunden, riefst du an und sagtest, seit soeben liege eine Mail in meinem Postfach.”

Hofstetter: “Stimmt. Genauso habe ich das gemacht. Um Punkt Einsfünzehn, wenn ich mich richtig erinnere.”

Hofstetter: “Du sagtest, in der Mail stehe, dass wir uns um 3.30 bei diesem Pool hier versammeln, um über Hofstetter zu sprechen.”

Hofstetter: “Richtig.”

Hofstetter: “Um ehrlich zu sein – und nimm das jetzt bitte nicht persönlich! -, habe ich mich in diesem Moment zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob du eigentlich noch alle Tassen im Schrank hast, und wenn ja, ob sie noch ganz sind.”

Hofstetter: “Bitte?!?”

Hofstetter: “Ich meine: Kein Mensch – kein einziger Mensch auf dieser Welt! – ruft mitten in der Nacht einen anderen Menschen an, um ihm zu sagen, er habe ihm gerade etwas gemailt…und ihm gleich noch zu erklären, was er gemailt hat.”

Hofstetter: “Ich habe ja nicht nur dich angerufen, sondern auch Hofstetter.”

Hofstetter (langsam, aber sicher verzweifelnd): “Das spielt doch keine Rolle.”

Hofstetter: “Und ob das eine Rolle spielt: Gerade hast du gesagt, dass niemand mitten in der Nacht einen anderen Menschen anrufe undsoweiterundsofort. Das war, wie du selber weisst, Chabis. Mit Hofstetter warens zwei Menschen. Also hundert Prozent mehr als von dir behauptet.”

Hofstetter (dem Weinen nahe): “Ich mag jetzt nicht über so Zeug diskutieren. Du hast Recht mit deinen Prozenten und allem, und ich danke dir auch aus tiefstem Herzen für deine Infos zu später Stunde…”

Hofstetter: “…keine Ursache…”

Hofstetter: “…aber mir ist wirklich ganz grauenhaft übel. Ich…”

Hofstetter: “…denk jetzt einfach nicht an den Schoggi-Dürüm, den wir am ersten Tag hier bestellt hatten. Denk! Um! Himmelswillen! Nicht! An! Diesen! Schoggi-Dürüm!!!”

Hofstetter (hält sich die Hand vor den Mund, stösst sich mit der anderen Hand aus dem Wasser und rennt quer durch den Hotelgarten zum Ausgang. Noch bevor die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen ist, sind aus dem Dunkel Würgelaute zu hören, die nichts Menschliches an sich haben).

Hofstetter: “Wetten, er hat eine Palme…”

Hofstetter: “…auf dieser Seite hats keine Palmen. Das ist ein kleiner Parkplatz. Die Randständigen von Maspalomas legen sich jeweils hier schlafen.”

Hofstetter: “Gut. Dann reden halt nur wir beide über diese Verwaltungsratspräsidentensache.”

Hofstetter: “Zuerst will ich noch wissen, was das mit dem Fax bedeuten sollte.”

Hofstetter: “Das mit dem Fax?”

Hofstetter: “In deinem Memo stand, dass wir uns so früh treffen, weil dann noch kein Faxgerät rattert.”

Hofstetter: “Ach so, das. Ja, das habe ich geschrieben.”

Hofstetter: “Wieso?”

Hofstetter: “Hörst du einen Fax? Oder sonst etwas, was uns stören könnte?”

Hofstetter (lauscht angestrengt): “Nein. Keinen Mucks. Nur diese…diese…Geräusche von hinter der Mauer.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter (sich kaum hörbar selber fragend): “Ist das noch Wahnsinn – oder ist es schon Genie?”

Hofstetter: “Wie meinen?”

Hofstetter: “Nichts, nichts.”

Hofstetter: “Nun denn. Bevor ich anfange, darf ich euch, beziehungsweise jetzt halt nur dir, beste Grüsse von unserem geschätzten Verwaltungsratsvorsitzenden Hofstetter ausrichten.”

Hofstetter (leicht erstaunt): “Du hast mit ihm geredet?”

Hofstetter: “Natürlich. Gestern Abend, nachdem wir wieder im Hotel waren.”

Hofstetter: “Ich bin jetzt gerade ein bisschen…was hat er denn gesagt? Habe ihr DAS Thema überhaupt ansprechen können, ohne einen Bruderkrieg anzuzetteln?”

Hofstetter: “Wir haben uns nur darüber unterhalten. Er sagte, dass das alles kein Problem sei. Und dass er auch dann nicht mitgekommen wäre, wenn wir ihn mit einem Chärtli zu dieser Reise eingeladen hätten, sagte er. Ihn brauche es bei diesen Strategiemeetings ja gar nicht. Da nutze er die Zeit lieber für Sinnvolles, sagte er.”

Hofstetter: “Wörtlich? Auch das mit dem Sinnvollen?”

Hofstetter: “Wortwörtlich. Weiter sagte er noch, es könne uns und dem gesamten Konzern sicher nicht schaden, wenn wir einmal für ein Weilchen ohne ihn z Schlag kommen müssten. Wir hätten den Laden ja auch zu Dritt total im Griff.”

Hofstetter: “Er war nicht hässig oder so?”

Hofstetter: “Kein bisschen. Eigentlich klang er so munter wie seit Jahren nicht mehr.”

Hofstetter: “Und er sagte auch nicht, nächstes Mal wolle er mit von der Partie sein?”

Hofstetter: “Nein, will er nicht. Weder nächstes noch ein anderes Mal.”

Hofstetter: “Das heisst…Moment…das heisst, wir hätten uns über ihn gar keine Gedanken zu machen brauchen?”

Hofstetter: “Du hast es erfasst.”

Hofstetter: “Das heisst aber auch, dass wir uns diese Sitzung von Anfang an hätten schenken können?!?”

Hofstetter: “So betrachtet, hast du zumindest nicht völlig unrecht.”

Hofstetter: “Nicht ‘so betrachtet’. Ich habe in jeder Hinsicht recht.”

Hofstetter: “Wenns dir hilft: In jeder Hinsicht, tatsächlich.”

Hofstetter: “Wenn Hofstetter das erfährt, dreht er durch.”

Hofstetter: “Kann sein, ja. Heute scheint nicht sein bester Tag aller Zeiten zu sein.”

Hofstetter: “Was wollen wir machen?”

Hofstetter: “Überlass das nur mir. Du wirst sehen: In zwei Minuten will er mich küssen.”

Hofstetter: “Ganz bestimmt wird er das wollen.”

Hofstetter (wankt vom Tor her leichenblass in Richtung Pool und krächzt): “Hallo?!! Seid ihr noch da?”

Hofstetter: “Klar sind wir noch da. Wir haben extra auf dich gewartet.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob ich das gutfinden soll. Eigentlich würde ich lieber direkt ins Bett…”

Hofstetter: “…dorthin kannst du auch gleich. Wir haben die Angelegenheit bereits a Fong durchbesprochen. Hofstetter wird Hofstetter nach dem Sonnenaufgang anrufen und ihm sagen, wie leid uns das alles tut, und dass wir, ihn engster Absprache mit ihm, am liebsten gleich die Daten für unseren nächsten Betriebsausflug fixieren möchten. Dann gibt uns Hofstetter zwei, drei Tage durch, an denen es ihm passen würde. Aber wenn es soweit ist, hat er die Reise schon wieder vergessen.”

Hofstetter: “Das klingt jetzt fast zu einfach, um wahr zu sein…bist du sicher, dass das funktioniert? Wieso sollte er unsere Reise vergessen?”

Hofstetter: “Lueg, unser VRP hat dermassen viel um die Ohren, dass ihm immer mal wieder etwas unters Eis gerät. Darunter sind bestimmt auch einige Termine, die wichtiger sind als unsere Ausflüge; ämu für ihn.”

Hofstetter: “Ich…”

Hofstetter: “Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich weiss so sicher, dass er nicht mitkommen wird, als ob er mirs selber gesagt hätte.”

Hofstetter (beugt sich zu Hofstetter hinüber, legt ihm einen Arm um die Schultern, zieht ihn an sich und sagt: “Sorry, Alter. Aber dafür muss ich dich einfach küssen!”

Hofstetter: “Geh dir erst die Zähne putzen. Und leg dich dann für ein paar Stunden hin.”

Hofstetter: “Darf ich wirklich…?”

Hofstetter: “Aber sicher. Ich bestätige es dir gleich noch per Mail und rufe dich anschliessend kurz an, ok?”

Unter Politikern

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Leute, die ich nicht kenne, reden über ein Thema, das mich nicht interessiert: Das war die Ausgangslage, als ich gestern Abend nach Huttwil fuhr, um zum ersten Mal in meinem Privatleben an einem Politanlass teilzunehmen, genauer gesagt: einem Podium beizuwohnen, an dem über eine Abstimmung diskutiert wurde, und auf die Idee, mir das einmal anzusehen und -hören, war ich nicht gekommen, weil ich noch nicht wüsste, wie ich abstimmen soll, wenn ich abstimmen würde, was ich nicht werde; es war nur so, dass mein Schatz diese Veranstaltung moderierte, und kaum war ich drin in dem weder bis auf den allerallerletzten Platz besetzten noch übertrieben liebevoll dekorierten Säli, musste ich mich auch schon aufregen, weil die Dame, die die Anwesenden begrüsste, den Namen meiner Frau falsch aussprach, doch bevor ich aufstehen und von ganz hinten links sagen konnte, “so, das mit dem Debioll probieren wir jetzt gleich noch einmal”, gings auch schon los mit dem Vortrag eines jungen Mannes, der für eine Firma arbeitet, die in Solar macht, und als er sein “Inputreferat” seinen halbstündigen Werbespot durchhatte, konnte die Debatte starten, wobei, vor und hinter das Wort Debatte muss man ein Anführungs- und ein Schlusszeichen setzen, was ich hiermit gerne tue, Debatte, denn eine richtige Debatte im Sinne von “Sie haben ja keine Ahnung!” oder “Ich habe Sie vorhin ausreden lassen. Jetzt bin ich dran!!” oder “Leute wie Sie sind die Totengräber unserer Demokratie!!!” und allem wars nicht, was jedoch keinesfalls an der Moderatorin lag, sondern vielmehr daran, dass die vier Politiker und die eine Politikerin einfach das wiederholten, was jeden Tag in den Leserbriefen steht, die sie und ihre Parteikollegen im Akkord an die Redaktionen landauf und -ab schicken, nämlich, dass es um die EFFIZIENZ gehe und um die WERTSCHÖPFUNG und um ARBEITSPLÄTZE und um die SIGNALWIRKUNG, und um zu zeigen, dass sie sich in den letzen Wochen und Monaten umfassendst mit der Materie auseinandergesetzt haben, streuten sie in ihre Statements allpott Begriffe wie Staatsquotenneutralität oder Anschubfinanzierung oder Zubauraten oder Zeitfenster oder Kostendeckende Einspeisevergütung ein (was fehlte, war eigentlich nur die Nachhaltigkeit, ansonsten war von A wie Ahmedinedschad bis Z wie Zentralheizung alles da, was in ein Gespräch über Energiefragen gehört) und jemand sagte, dass die Eisbären am Nordpol sich langsam warm anziehen müssten, aber das sagte er natürlich nicht so, sondern anders, und ein anderer rühmte, es sei “wahnsinnig”, was in Oensingen passiere, bautechnisch und wirtschaftlich und überhaupt, und als nach ungefähr einer Stunde alle noch einmal zusammenfassen konnten, wieso sie am 3. März wie stimmen würden, stand für die meisten Gäste, wie vermutlich schon vor dem Podium, fest, dass die Energiewende eine sinnvolle Sache wäre, aber dass man man sich fragen könne, ob man beim Wenden wirklich regelmässig kontrollieren müsse, wies läuft, oder ob mans nicht einfach wenden lassen könne, ohne, dass der Staat undsoweiterundsofort, und am Ende bekamen die Diskutanten und die Diskutantin und die Moderatorin eine Art Früchtekorb und das wars dann, und wenn mich jetzt jemand fragen würde, und, wie hats dir bei den Politikern gefallen?, müsste ich sagen, es gibt sicher noch dümmere Arten, einen freien Abend zu verbringen, aber ganz bestimmt auch eine Menge sinnvollere.