Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit “…but seriously” von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach “P”. Wenig später kam er mit “..but seriously” zurück. “Los eifach mou ine”, sagte er. “Chasch si ha.”

Zuhause liess ich mich daraufhin mit “I wish it would rain down” in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo “I wish it would rain down” erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

***

Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am “Out in the Green” in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

“Mighty Quin”, “Davy’s on the road again”, “Blinded by the light”: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

***

Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?”). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der “Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‘Talking Heads'”, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und “Wild Hearts”-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

***

In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

***

Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

***

An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. “Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

***

Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war “Hold the line”.

Kleines Diliebemma

Um mir die Zeit bis zum Sonnenaufgang sinnvoll zu vertreiben, machte ich vorhin wieder einmal bei einem dieser wissenschaftlich durch und durch fundierten Persönlichkeitstests mit, die einem auf Facebook regelmässig empfohlen werden.

Wenn ich jetzt behaupten würde, das Resultat (siehe Bild) habe mich überrascht, könnte dies auf Defizite in meiner Selbsteinschätzung hinweisen.

Andrerseits: Wenn ich sage, genau das und nichts anderes hätte ich erwartet, heisst es vielleicht, ich sei überheblich.

Drum lasse ich das Ergebnis jetzt einfach mal so hier stehen.

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Vor-bildlich

bildschirmfoto-2016-10-14-um-16-49-52

Auf dem Burgdorfer Kronenplatz waren heute Morgen zum ersten Mal die Plakate für die Gemeindewahlen von Ende November zu sehen. Ich fotografierte die Ständerreihe und stellte die Aufnahme auf meine Facebook-Seite (siehe oben).

Wenig später machte Francesco Rappa, der Stapi-Kandidat der Bürgerlichen, seine Facebook-Freundinnen und -Freunde auf die Affichen aufmerksam. Dazu benutzte er ein Bild, das mir irgendwie bekannt vorkam:

bildschirmfoto-2016-10-15-um-04-11-58

Das zweite Déja-vu folgte unmittelbar danach, bei einem Blick auf die Facebook-Seite von Stefan Berger, der für Rot-Grün-Mitte um den freiwerdenden Stapi-Sitz kämpft:

bildschirmfoto-2016-10-15-um-04-12-30

Home alone

14495359_10210820695337948_5043880230649259267_n

Als ob es erst gestern gewesen wäre, kann ich mich heute noch genau daran erinnern, wie mein Schatz gestern um 7.38 Uhr in Burgdorf den Zug nach Bern bestieg, um von Zürich aus in die Ferien zu fliegen.

Mir macht das nichts aus; wirklich nicht. Einerseits mag ich ihr die Auszeit von Herzen gönnen. Andrerseits komme ich mutterseelenalleine tiptopp z Schlag. Und überhaupt: Chantal versinkt ja auch nicht in Depressionen, wenn ich hin und wieder solo nach Gran Canaria verschwinde, um fernab jeglicher Zivilisation meinen soziologischen Studien nachzugehen.

Total gelassen bummelte ich deshalb, nachdem die roten Rücklichter des hintersten Wagens auf Nimmerwiedersehen im Halbdunkel des langsam dämmernden Morgens verschwunden waren, ins Bahnhofbeizli. Dort beantwortete ich erst all die Fragen, die sich im Zusammenhang mit einem Kafi Crème heutzutage zwangsläufig stellen (“Gross oder normal? Hell, mittel oder dunkel? Beatles oder Stones? Hetero oder schwul?”).

Dann griff ich zum Telefon, um ein paar Anrufe zu tätigen, die ich eigentlich schon lange hatte tätigen wollen, aber nicht habe tätigen können, weil ich die Zeit, die dafür erforderlich gewesen wäre, lieber mit meiner Frau verbrachte. Doch bei der Dargebotenen Hand war entweder noch niemand auf oder schon jede Leitung besetzt. Das Mannebüro hatte den Beantworter eingeschaltet, und beim Care Team des Kantons Bern verhallte das Klingeln ebenfalls im Leeren.

Nicht, weil ichs nötig gehabt hätte, sondern einfach so; weil mir plötzlich einfiel, dass ich auf dieser Plattform schon seit Langem nichts mehr gepostet hatte, schrieb ich auf Facebook eine Notiz, der zu entnehmen war, dass ich gerade zum Strohwitwer mutiert sei und nun irgendwie das Gefühl hätte, dass mich niemand gerne habe.

Die Gemeinde reagierte prompt:

bildschirmfoto-2016-10-06-um-18-34-26
bildschirmfoto-2016-10-06-um-18-34-41
bildschirmfoto-2016-10-06-um-18-34-53

Keinerlei Anteilnahme zeigten, nur der Vollständigkeit halber, mein Brüetsch, meine Schwägerinnen, eine Cousine, ehemalige Arbeitskollegen und aktuelle Geschäftspartner, Theatervereinskolleginnen und -kollegen sowie rund 300 (in Zahlen: rund 300) weitere onlinebasierte “Freundinnen” und “Freunde”.

Jemand, den ich bis dahin wirklich gut mochte, liess mich wissen, das stimme schon: niemand habe mich gern. Meine Frau schrieb etwas Artverwandtes (meinte damit aber zweifellos jemand anders), nur: ein Grund zum Verzweifeln war auch all das nicht. So etwas kanns geben im Internet, wo ständig etwas los ist und in dem sich momentan alles um die Frage dreht, wie das das Bombardement auf Aleppo endlich beendet werden könnte ob eine Pornodarstellerin, die sich in ihren eigenen vier Wänden vor einer Webcam auszieht, ein Homeoffice betreibt oder nicht.

Den Nachmittag verbrachte ich im Saal 5 des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau. Dort sassen ein Mann und seine Ex-Frau und ein marokkanischer Übersetzer plus zwei Anwälte, doch nach einer Stunde stellte der Richter das Verfahren ein, weil die Klägerin, die extra für diesen Prozess aus Spanien eingeflogen war, aus unerfindlichen Gründen kein Interesse mehr an einem Urteil hatte, was dem Beschuldigten ganz recht zu sein schien.

Wieder daheim und ungebrochen frohen Mutes, schmiss ich für mich spontan eine Single-Party. Als nebenamtlicher DJ fiels mir nicht schwer, mich aus dem Stand in eine schon fast an Trancige grenzende Euphorie zu versetzen. Zum ersten Stimmungskanonier beförderte ich Albert Cummings

,

das Schlussfeuerwerk liess ich Gary Moore zünden:

.

Zum Znacht gönnte ich mir alleine auf dem Sofa – dessen Besitzerin (siehe Bild unten) verbringt ein paar Saurauslasstage bei ihrem Züchter – Spaghettireste. Nach einem Film, an den ich mich schon beim Abspann nicht mehr erinnern konnte, legte ich mich ins Bett.

14446179_699933240159816_5806998265033199769_n

Ans Einschlafen war jedoch lange nicht zu denken: Ich fragte mich ständig, was wohl die Schildkröten im Garten gerade so treiben.

Klimawandel nach Noten

IMG_2399

Als es Ende November zum ersten Mal in diesem Jahr schneite, wusste ich: dagegen muss ich etwas unternehmen. Also begann ich, auf meiner Facebook-Seite jeden Tag ein Lied mit “Sommer” oder “Meer” oder etwas Artverwandtem im Titel zu posten.

Bisher kämpfte ich mit folgenden Songs gegen den Winter:

Me Meer” von den Halunke
Looking for the summer” von Chris Rea
Our last summer” von Abba
Summertime” von Miles Davis
Boys of summer” von Don Henley
Summer day” von Sheryl Crow
Summer Romance” von den Rolling Stones
Summer nights” aus dem Musical “Grease”
Summer in the city” von Joe Cocker
Summer soft” von Stevie Wonder
Der Sommer” (aus den “Vier Jahreszeiten”) von Antonio Vivaldi
Someone somewhere in summertime” von den Simple Minds
The green fields of summer” von Peter Wolf
Summer” von Stiller Has
Summer of ’69” von Bryan Adams
L’été Indien” von Joe Dassin
Summer rain” von der Climax Blues Band
Ein Sommernachtstraum” von Felix Mendelsson-Bartholdy
Summer wine” von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood
Summer skin” von Death Cab for Cutie
All summer long” von Kid Rock
Summer nights” von Van Halen
Summer sunshine” von The Corrs
Un’ estate italiana” von Gianna Nannini und Edoardo Bennato
Summer night” vom Keith Jarrett Trio
Summer night city” von Abba
Summer madness” von Kool & The Gang
Summer son” von Texas
In the summertime” von Mungo Jerry
The first day of summer” von Tony Carey
That sunday, that summer” von Nat King Cole
A warm summer night” von Chic
All summer long” von den Beach Boys

Und siehe/höre da: es funktioniert! Seit dem Tag, an dem ich zum klimatischen Gegenschlag ausgeholt hatte, haben wir durchgehend überlebbares Wetter.

Forever young

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.24.44
(Bilder: von der Facebook-Seite von Verena Hofmann geklaut.)

“Musik” aus Computern, eine Million Menschen, Abfall überall – und das alles auch noch in Zürich: nie würde ich mich (bald 50) an der Streetparade blicken lassen.

Andere sehen das entspannter: Verena Hofmann aus Beinwil am See zum Beispiel stürzte sich gestern freudig in das “sehr wilde, aber sehr friedliche” Getümmel im Limmatbecken. Auf Facebook (siehe Bild oben) notierte sie nach ihrer Rückkehr, es sei “schön und heiss” gewesen, und als mein Bruderherz diesen Beitrag mit den Worten kommentierte, das sei jetzt “scho eis vo mine Highlights vo dem Johr: Du a de Streetparade…. Du besch soooone cooli Nudle!”, antwortete sie: “Be scho s vierti Mou gsi. Das esch emmer em Grosschend ond mi Tag.”

“Grosschend”? – Richtig gelesen: Verena Hofmann ist 71, und im Gegensatz zu sehr vielen ihrer – pardon! – Altersgenossinen und -genossen, die sich jeden Morgen von Neuem überlegen müssen, womit sie die langen, langen Stunden bis zum Zubettgehen totschlagen könnten, nutzt sie ihre Zeit, um fremde Orte zu entdecken, andere Menschen kennenzulernen, die Natur zu bestaunen oder kurz: das Leben zu geniessen.

Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist,

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.54.34
Schmetterlinge zu züchten,

besucht sie Konzerte von

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.18.34
Herbert Grönemeyer

oder Helene Fischer, kraxelt sie

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.55.58
in den Bergen

herum oder besichtigt sie

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.55.46
Sprungschanzen

und

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.22.47
Städte,

sitzt sie in

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 05.23.43
Freilichttheatern

oder drückt ihren motocrossenden und radquerfahrenden Enkeln

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 05.26.09
Ueli

und

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 05.31.55
Pascal

die Daumen.

Als die quirlige Urgrossmutter, rein spasseshalber, versteht sich, online kürzlich ihr “geistiges Alter” errechnen liess, dürfte das Resultat niemanden überrascht haben, der oder die hin und wieder mitbekommt, was sie jahrein und -aus so alles treibt:

Bildschirmfoto 2015-08-30 um 04.19.25

Als ich das sah, dachte ich: So möchte ich auch einmal jung werden.

Abschied ohne Tränen

Bildschirmfoto 2014-10-30 um 04.33.33

Was den einen der Frühlingsputz ihrer Wohnung, ist mir die Herbstausmistete meiner Freundesliste auf Facebook: 116 Damen und Herren löschte ich in den letzten Wochen mit einem Mausklick aus meinem virtuellen Bekanntenkreis.

Der Säuberungsaktion zum Opfer (wobei: “Opfer” ist in diesem Zusammenhang ein grosses Wort; ich weiss) fielen zuerst all jene Voyeure und Voyeusen, die immer nur lesen, was andere schreiben, aber nie selber etwas über sich berichten. Ihnen folgten mehrere Leute, die ununterbrochen Dinge posten, die mich nicht interessieren. Am Schluss entledigte ich mich noch einiger Nervensägen, die mir irgendwann von irgendwoher zugelaufen waren und von denen ich auch Jahre später keine Ahnung hatte, was ich mit ihnen zu tun haben könnte oder zu tun haben möchte.

Aktuell umfasst mein Facebook-Freundeskreis jetzt noch knapp 200 Personen. Die meisten von ihnen kenne ich persönlich, und mit jenen, mit denen ich bisher keinen direkten Kontakt hatte, könnte ich mir ohne Weiteres vorstellen, zumindest einmal einen Kaffee trinken zu gehen. Ihre Texte, Bilder und Filmchen bringen mich zum Schmunzeln, Staunen, Kopfschütteln undoder Nachdenken. Sie geben mir manchmal Feedbacks, diskutieren gerne auch Nebensächliches und tragen mit ihren Aktivitäten und ihrem Interesse, kurz gesagt, einiges dazu bei, dass ich mich in der Online-Welt meist rundum wohlfühle.

Bemerkenswert ist: Einige meiner nun ehemaligen “Freundinnen” und “Freunde” habe ich in der Zwischenzeit live getroffen. Keinem und keiner einzigen von ihnen scheint aufgefallen zu sein, was ihm oder ihr widerfahren ist. Über die Entrümpelung hat sich jedenfalls kein Mensch beklagt oder auch nur gewundert.

Entweder hat also noch niemand mitbekommen, dass er oder sie für mich nur noch am Rande existiert, oder dann ist es den Gelöschten egal, dass sie in meinem Leben keine Rolle mehr spielen. Im Ergebnis läuft beides auf dasselbe hinaus: Die Trauer über den Verlust hält sich hüben wie drüben in sehr überschaubaren Grenzen.

Echte Freude über die virtuellen Wünsche

IMG_0147

Irgendwie waren Geburtstage früher eine viel entspanntere Angelegenheit als heute. Damals sass man am Morgen daheim, wartete auf den Sattelschlepper mit den Geschenken, schaute dem Chauffeur beim Ausladen und Indiewohnunghochschleppen derselben zu und packte dann ein Päckli nach dem anderen aus. Gegen Mittag kamen die ersten Freundinnen und Freunde aus Fleisch und Blut vorbei, um zu gratulieren.

Den Rest des Tages verbrachte man damit, die liebevoll gestalteten Glückwunschkarten zu lesen, die nigelnagelneuen Sachen auszuprobieren und alles artig zu verdanken. Am Abend dann: Kollektives Lampenfüllen. Gegen Morgen: Spaghettikochen bei einem Kollegen (oder besser noch: einer Kollegin), die gerade sturmfrei hatte.

Seit der Erfindung des Internets sind diese Tempi passati. Heute verbringt der oder die Feiernde den grössten Teil des Geburtstages damit, die per SMS, Mail oder auf Facebook eingehenden Gratulationen zu lesen, zu analysieren (“Wurde das extra nur für mich geschrieben, oder haben genau diesen Gruss schon zig andere Leute erhalten?”) und, falls die Botschaften ein Mindestmass an Persönlichkeit erfüllen, zu beantworten, oder darunter zumindest “gefällt mir” zu klicken.

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Die Menschen in meinem Umfeld habens – was für eine Überraschung! – mehr mit dem Schreiben als mit dem Telefonieren oder Besuchen.

Bildschirmfoto 2014-10-16 um 15.27.24

– Glückwünsche an der Facebook-Pinwand (Stand: 16.34 Uhr): 36

– Glückwünsche per Messenger: 4

– Glückwünsche per SMS: 9

– Glückwünsche per WhatsApp: 5

– Glückwünsche per Mail: 18

– Glückwünsche per Post: 2

– Glückwünsche per Telefon: 1 (wobei: angerufen habe ich.)

– Besuche: 0

Macht total: 75 Gratulationen.

Das ist nicht schlecht: Alles unter 70 wäre chli deprimierend und alles über 80 an der Grenze zur Heuchelei.

Geschenke gibts offensichtlich keine mehr oder wenn doch, dann erst am Abend. Jedenfalls warte ich nun seit elfeinhalb Stunden auf den Lastwagen, aber alles, was ich vor dem Fenster sehe, ist die leere Strasse vor unserem Haus (siehe Bild oben).

Was die Qualität der Wünsche betrifft, darf ich – auch mit Blick auf die mit 0815-“Alles Gute!” und Allerwelts-“Happy Birthdays” vollgestopften virtuellen Briefkästen von anderen Geburtstags”kindern” – sagen: Potzpotz! Viele Gratulantinnen und Gratulanten liessen sich especially for me etwas einfallen, statt sich von der Website “Geburtstagswünsche für die Facebook-Pinwand” inspieren zu lassen (doch, doch: diese Site gibts!). .

Auszüge:

– “Von mir für dich.”
10561642_669679906480760_773024206952047001_n

“Es ist wieder so weit – herzliche Gratulation zum Geburtstag und nur das Allerbeste im neuen Lebensjahr. Ich hab das Gefühl, das gibt für Dich ein gutes neues Lebensjahr!”

“Happy happy birthday alles gueti, xundheit, glück, Liebi, Sunneschy und immer öppe e feini Flasche Wy.” (Anm. d. Blogwarts: “Wy”?!?)

“Alles nor erdenklech Gueti för en alte Schuelkamerad !!! Gnüss din Tag!”

“Happy Birthday mate. Enjoy your last year of being in your forties.”

“Ich wünsch dir ne tolle Portion Glück und drücke dir beide Daumen, damit du bald einen unglaublich tollen Job findest (oder ev. schreibst du ja in der Zwischenzeit einen Bestseller.”

“Lieber hannes, pack den letzten 40-er noch und dann rein in die 50er. alles gute zum geburtstag und liebe grüsse aus wien”

(A propos “Wien”: Gratulationen gabs auch aus dem sonstigen Ausland, zum Beispiel aus Paris – “HB mister H. With love from France” – , Australien – “Happy birthday from Phil and Sheila and family. Hope you have a good day” – oder dem oberen Emmental: “Ou d’Signouer schicke nach Burgdorf die beschte Wünsch u aus Guete. Enjoy.”)

Auf rund ein Dutzend Glückwünsche warte ich noch, aber es ist ja noch nicht allen Geburtstages Abend.

10679756_10152776423624670_6762483897157087997_o

Letzteren verbringe ich übrigens im Bären Münchenbuchsee, vor Hänis Sofa, auf dem die beste Schwägerin der Welt sitzt, und im Beisein von weiteren Menschen, die mir sehr nah am Herzen liegen.

Wenn ich, auf das nach wie vor sattelschlepperfreie Strässchen starrend, so darüber nachdenke, komme ich zum Schluss: Diese Stunden sind mehr wert als zig Gschänkli.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Special Edition

directory-106815_640

Was hat das neue Album von Pink Floyd (ja: von Pink Floyd!) mit dem Ebola-Virus zu tun und inwiefern beeinflusst die Börse in Südostasien das Wetter an Weihnachten?

Niemand kann das sagen, auch ich nicht, aber anzufangen, darüber nachzudenken, erscheint mir wenig sinnvoll: Wer weiss schon, was dabei herauskommt. Und, vor allem, was nicht.

Obwohl…

…nein.

Trotzdem: Immer, wenn ich einkaufen oder in eine der vielen Burgdorfer Underground-Discos abhotten gehe, höre ich: “Schreib doch mal wieder etwas über den Gang der Dinge! Es hängt schliesslich immer alles zusammen!!” oder “Ich vermisse Das Grosse Ganze” oder “Mir fehlen die Linien. Gazastreifen, Ukraine, Einheitskrankenkassenabstimmung: Da müsste doch jemand geistig ein paar Leitplanken setzen, oder zumindest den einen und anderen Gedankenwegweiser hinstellen, damit man weiss, wie das läuft auf der Welt. Damit man mitreden kann. Wer, wenn nicht…”.

Nun denn.

Zum Thema “Gazastreifen” ist Folgendes zu sagen:

Keine Hoffnung auf Frieden

554501_10201982673872935_791128721_n

Von unserem Nahost-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es im Nahen Osten auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Israel und seinen Nachbarn, den Palästinensern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot aus, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Zum Thema “Ukraine” nur soviel:

Die Zukunft wirds zeigen

1237663_10202063111003813_1189599583_n

Von unserem Russland-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es hinter dem Ural auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Russland und seinen Nachbarn, den Ukrainern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot an, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Was die Einheitskrankenkassenabstimmung betrifft, bin ich nicht so a Schuur. Ich empfehle ein Ja, weil Nein so destruktiv wirkt, und so unstaatstragend (“staatstragend”: Dieses Wort wollte ich schon immer mal in diesem Blog unterbringen).

“Nein!” – Das schoss mir auch durch den Kopf, als ich vorgestern Abend feststellen musste, dass sich mein iPad nicht mehr synchronisieren liess. Nachdem ich alle möglichen einschlägigen Foren abgeklappert hatte, ohne auch nur ein Kilobyte weitergekommen zu ein, schrie ich auf Facebook um Hilfe:

Bildschirmfoto 2014-09-24 um 19.01.40

Irgendeine(r) von meinen 281 Freunden und Freundinnen wird wohl wissen, was zu tun ist, wenn unversehens ein Hightech-Armaggeddon über einem losbricht, dachte ich mir – und siehe da: Meine Hoffnungen wurden nicht entäuscht, jedenfalls nicht durchgehend, aber in einem Fall schon; ganz massiv, sogar. Darauf mag ich jetzt aber nicht eingehen.

Als Erster meldete sich ein Politiker mit einem Nacktselfie-Scherz, den ich unter anderen Umständen und mit etwas gutem Willen vielleicht als halbwegs witzig hätte taxieren können, den aber in meiner Notlage als nichts anderes als, um es sehr zurückhaltend zu formulieren, total daneben!!! empfand. Nur zum Sagen: Nie fühlte ich mich gedemütigter, erniedrigter und verletzter und alles.

Aber kurz, bevor ich den Glauben an das Gute im Menschen definitiv zu verlieren drohte, trudelte auf meiner Facebookseite nadisna auch Hilfreiches ein. In dem Moment, in dem ich das schreibe, wird das iPad im Hintergrund lautlos neu…äh…formma sinch geupp

Bildschirmfoto 2014-09-25 um 12.31.24

gemacht, und wenn es so weiterläuft, ist das Gerät bis am Mittag wieder wie frisch aus dem Laden, mitsamt allen Nacktselfies drauf, die zum Teil schon vor 25, 30 oder 35 Jahren geschossen wurden, was natürlich nicht stimmt, mir aber die Gelegenheit bietet, mit einer Superduperüberleitung elegant zum nächsten Thema zu wechseln: Dem Unsinn, Platten, die vor 25, 30 oder 35 Jahren erschienen sind, als Jubiläums”geschenk” verpackt als “Remastered Edition”, “Special Edition” oder “Deluxe Special Edition” neu aufzulegen.

Unknown-3

Unknown-1

Unknown-2

Bob_Marley_Kaya_Deluxe

Unknown

Fleetwood Mac (“Rumours”), Cheap Trick (“Dream Police”), Prince (“Purple Rain”), Bob Marley (“Kaya”), Eric Clapton (“Slowhand”) und und und: Keine Band und keine Plattenfirma, die etwas auf sich hält (oder wenigstens noch schemenhaft existiert), verzichtet darauf, die Perlen von einst, frisch poliert, noch einmal auf den Markt zu werfen, wobei der Ausdruck “Frisch poliert” alles andere als immer zutrifft.

Der Unterschied zwischen den CDs von gestern und deren aufgemotzten Kopien von heute besteht in der Regel darin, dass damals nur auf die Scheibe kam, was die Musiker und deren Manager als tiptopp befunden hatten, während mit den Neuauflagen hemmungslos all das unausgegorene und halbfertige Zeugs öffentlich entsorgt wird, das seinerzeit aus guten Gründen im Giftschrank des Studios gelandet war, und dann erst noch zu Preisen, die mindestens so augenwassersprudelnlassend sind wie Sprüche über Nacktselfies an die Adresse von Mitmenschen, die wegen ihres nicht funktionierenden iPads fast die Schraube machen vor Kummer.

Wenn das so weitergeht, fange ich jetzt dann auch damit an, längst vergilbte Blogbeiträge zu recyclen und als Mehrwert am Ende ein “Adkfjhieruthi lddfiewqp dfs sf!” oder ein “plklwerwjzu .wqwe tu?” oder so anzuhängen. Mal sehen, obs jemand merkt.

Empfehlenswerte Links: Der “Chefkoch” kennt leckere Herbstmenüs. Eric Pfeil tippt für den von mir über wegen seiner Hitlisten überaus geschätzten “Rolling Stone” jeden Monat ein fantastisches Pop-Tagebuch. Die “Baumhausfee” hat in der Burgdorfer Oberstadt nicht nur vor Kurzem ein Lädeli eröffnet, sondern schreibt auch sehr kurzweilig-informative Texte. Wer sich über Stilblüten in Zeitungen halb tot lachen kann, ist hier richtig. Die kulturfabrikbigla eröffnet am Freitag ihre sechste Spielzeit, und wer wissen will, wie “Gala”, die “Neue Revue” und all die anderen People-Magazine Schundheftli funktionieren, wirft am besten einen Blick in den “Topf voll Gold”.

Was gibts sonst noch Neues auf diesem unserem Planeten, den wir nur geliehen erhalten haben, mit dem wir aber umgehen, als ob und so weiter und so fort?

Ach ja: Das mit mir entfernt bekannte Ehepaar H.-S. aus B. macht seit gestern Ferien auf Gran Canaria und dokumentiert dieselben schon fleissig im Netz:

1909828_10202622541500525_1300845502735602326_n

10672263_10202622542300545_8897737571346309582_n

10671239_10202622543420573_3755576851376517558_n

Ich mags ihm gönnen, wirklich, und bin kein bisschen neidisch.