Auf Zeitreise

Als ich Martin Schuppli zum ersten Mal traf, war er mir auf Anhieb sympathisch. Der frühere “Blick”- und “Schweizer Illustrierte”-Redaktor betreibt seit einiger Zeit das sehr lesenswerte Onlineportal “deinadieu.ch“.

Vor ein paar Wochen fragte er mich, ob er sich mit mir über meine Geschichte als Ex-Alkoholiker unterhalten könne. Ich sagte spontan zu. Wenig später trafen wir uns in Burgdorf. Was bei dieser Begegnung herausgekommen ist, kann hier nachgelesen werden.

Für mich hätte sich das Gespräch auch dann gelohnt, wenn Martin es anschliessend nicht journalistisch verwertet hätte: Es war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit – und in die (hoffentlich noch in sehr weiter Ferne liegende) Zukunft.

Nachtrag, gegen Abend: Dass dieses Interview einen gewissen “Impact” haben würde, war mir klar.

Dass das Echo darauf so viel- und doch einstimmig ausfallen würde, konnte ich aber nicht ahnen.

Kaum war der Beitrag auf Facebook verlinkt, wurde er kommentiert. Von Menschen, die ich kenne. Und von Leuten, die ich vielleicht noch kennenlerne.

Auch auf deinadieu.ch selber gabs Zuspruch:

Dazu kamen (und kommen) Whatsapp-Nachrichten, Anrufe, Mails…es nimmt fast kein Ende.

Sosehr mich all diese Reaktionen freuen, sosehr überrascht mich, dass das Thema “Alkohol” offenbar immer noch mit einer Art “Tabu” belegt ist.

Alleine in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 250 000 bis 300 000 Menschen alkoholabhängig. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es in jeder Familie mindestens einen Menschen gibt, der zuviel trinkt. So betrachtet, unterscheidet sich diese Krankheit in nichts von einem Beinbruch, einem Rückenleiden oder einem Herzinfarkt.

Und doch: Während die Leute in der Regel mit grösster Selbstverständlichkeit über ihre Beinbrüche, Rückenleiden oder Herzinfarkte reden, fassen sie das Thema “Alkohol” – wenn überhaupt – nur mit spitzen Fingern an. Das betrifft irgendwie immer nur die anderen.

Wenn die Gesellschaft lernen würde, genauso entspannt über Alkmissbrauch zu sprechen wie über zig andere Krankheiten auch, wäre, denke ich, allen geholfen.

Abgestellt statt ausgestellt

“Die Geschichte der Dorf-Apotheke Beinwil am See und der Reinacher Löwen- und Central-Apotheke”: Unter diesem Titel wurde in Beinwil am See gestern Abend eine Ausstellung eröffnet.

Ich reiste mit einigen Erwartungen an die Vernissage. Die Böjuer Dorf-Apotheke wurde von meinem Grossvater gegründet. Mein Vater führte sie anschliessend jahrzehntelang weiter, bis er sie im Pensionsalter verkaufte. Als TopPharm Homberg-Apotheke befindet sich nach wie vor im Parterre jenes Hauses an der Aarauerstrasse, in dem meine Geschwister und ich aufgewachsen sind.

Der Laden war uns Kindern so vertraut wie unsere zwei Stockwerke darüberliegende Wohnung. Wir gingen in dem Geschäft ein und aus. Hinten links befand sich das rauchgeschwängerte Büro des offiziell immer mal wieder nichtrauchenden Chefs und gleich daneben das Labor, in dem er an einem freien Tag einmal extra für mich irgendwelche Stoffe zusammenmischte, bis sie bunte Kristalle bildeten (ich glaube, er war auf diesen Trick damals genauso stolz wie ich auf ihn).

Die “Helferinnen”, wie die heutigen Pharma-Assistentinnen seinerzeit hiessen, waren in unseren Kinderaugen engelsgleiche Wesen. Sie gehörten für uns zur Familie: Sie hüteten uns mit langen Leinen, wenn die Eltern wegwaren, und assen bei Skiweltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mit uns vor dem Fernseher zu Mittag.

Über das Geschäft selber wusste ich jedoch nur wenig (aber gut: Ich hatte meinen Vater auch nie danach gefragt). Als mir der Lokalhistoriker Fritz Springer die Einladung zu seiner Ausstellung schickte, freute ich mich deshalb sehr: Nun würde ich doch noch erfahren, wie das war, als Ruedi Hofstetter und seine weissgekittelten Frauen das halbe Seetal mit Pülverchen und Tabletten versorgten. Was die Leute damals für Bresten hatten. Wie es kam, dass immer ausreichend Medikamente an Lager waren, obwohl zu jener Zeit weit und breit kein Internet in Sicht war. Wie sich die Apotheke nach dem Verkauf entwickelte. Und so weiter, und so fort.

Aber oha: Nach der Vernissage sind für mich mehr Fragen offen als beantwortet. Statt, wie versprochen, “die Geschichte der Dorf-Apotheke Beinwil am See und der Reinacher Löwen- und Central-Apotheke” zu erhellen, erging sich der Ausstellungsmacher in seiner Ansprache in ausufernden Betrachtungen zum Thema “Kaiserschnitt”, ohne auch nur einmal anzudeuten, was genau ein Kaiserschnitt mit einer Apotheke zu tun haben könnte.

Die Ausstellung selber befindet sich in einem Zimmer eines Buch- und Kunstantiquariats. Inmitten all der ohnehin schon präsenten Folianten und Bilder aus alter Zeit ist sie erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar. Auf einem Tisch liegen allerlei Utensilien, die ebensogut aus einer Haus- oder Zahnarztpraxis stammen könnten. Darumherum sind ohne Zusammenhang oder zeitlich-örtliche Einordnung Bücher und Dokumente drapiert.

Worum es sich bei den Geräten handelt, wird nicht erklärt. Was sich in den Fläschchen befindet und wofür oder -gegen die Mittel gut waren: Egal. Inwiefern die Ausstellungsstücke einen Bezug zu den drei Apotheken haben, bleibt ein Rätsel.

Der Raum erzählt weder, wie angekündigt, “die Geschichte”, noch Geschichten. Er wirkt wie eine vergessene Ecke in einem Flohmarkt. Was fehlt, ist ein aus Karton geschnittener Wegweiser mit der Aufschrift “Medizinischer Krimskrams”.

Und vieles, vieles andere auch.

Full House

Einen tolleren Jahresabschluss hätten wir uns nicht vorstellen können: Dutzende von Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskolleginnen und kollegen, ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn und weiteren lieben Leuten folgten gestern Abend der Einladung zur Einweihung unseres neuen Daheims.

Gegen Mitternacht hatten sämtliche Schuhe, die beim Eingang deponiert worden waren, wieder eine Besitzerin oder einen Besitzer gefunden. An der Hauswand erinnert nur noch ein knallgelber Knirps an diese wunderschönen Stunden im Kreise von wunderbaren Menschen.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Grosse Verschwörung

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(Bilder: Schatz)

Der Plan war, für Chantal in “unserem” Garten einfach so, ohne besonderen Anlass, ein Fest auszurichten, mit vielen Menschen, die meinen Schatz gerne haben.

Es sollte eine Überraschung werden. Im Idealfall käme Chantal gegen Abend nach Hause, und wenn sie aus dem Auto steigen würde, wäre das Wiesli neben dem Haus voller Leute, die essen und trinken und miteinander den Plausch haben, und meine Frau hätte keine Ahnung, wie diese Leute hierhergekommen sind und was sie hier machen und überhaupt.

Die Einladungen verschickte ich vor ungefähr zwei Monaten. Damit waren zwei Dutzend Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde wochenlang zum Schweigen verdonnert, auch wenn sie zum Teil fast jeden Tag mit Chantal zu tun haben. Mir selber fiel das auch nicht ganz leicht; besonders dann nicht, als Chantal mir ab Ende Juli immer mal wieder vorschlug, wir könnten im Garten doch wieder einmal eine Party für unsere Freunde steigen lassen.

Aber: Es klappte. Als Chantal am späten Samstagnachmittag heimkehrte – zuvor war sie von ihrem Frauenclübli raffiniert davon abgehalten worden, auch nur in die Nähe unseres Quartiers zu kommen – war die Feier für sie schon in vollem Gange.

Es wurde, wie erhofft, ein wunderschöner Abend.

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Schöner leben

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“Kannst du am Montag?”

“Klar. Wie siehts bei dir am Dienstag aus?”

“Dienstag ist gut. Mittwoch auch, aber am Abend habe ich auswärts eine Sitzung. Dann gehts nicht.”

“Kein Problem. Ich hole sie vorher ab. Am Donnerstag würde ich sowieso…”

“…gut.”

“Ok. Dann du am Freitag?”

“Yup.”

Regelmässig führen mein Schatz und ich Gespräche, die führen zu müssen wir uns noch vor einem halben Jahr nie vorgestellt hatten. Immer, wenns gegen das Wochenende zugeht, zücken wir unsere Kalender, um miteinander die Hundebetreuung zu organisieren.

Seit Tess bei uns eingezogen ist, hat die inzwischen gut siebenmonatige Labradordame unser Leben auf den Kopf gestellt. Auch wenn natürlich wir die Chefs sind sein sollten, bestimmt letztlich doch sie unsere Tagesabläufe: spätestens um 5 Uhr will sie zum ersten Mal geschäftlich raus. Um 6 gibts Zmorge. Wenig später fährt sie mit Chantal ins Büro oder trottet mit mir zum Einkaufen durch die Häuserschluchten von Burgdorf.

Wobei: damit, sie an die Leine zu nehmen und aus dem Haus zu gehen, ist es nicht getan: nur schon bei Kurzausflügen gehören ein paar Säckli zur Beseitigung von Frischverdautem ebenso zur Standardausrüstung wie ein Hämpfeli Gudis. Falls der Ausflug länger dauert, packt der oder die weitsichtige Hütediensthabende zusätzlich einen zähen Lederknochen oder ein wie ein Maimorgen duftendes Stück Dörrpansen plus ein Spielzeug mit ein.

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Sackerl fürs Gackerl, wie der Wiener sagt, können Hundehalter nie zuviele bei sich haben. Sie stecken deshalb in so gut wie jedem unserer Kleidungsstücke. Vor Gericht hätte ich neulich beinahe versehentlich in einen dieser roten Kunststoffbeutel aus der linken Hosentasche geschneuzt statt in eines der vorne rechts verstauten Papiertaschentücher.

Sind wir bei Freunden eingeladen, die bei sich daheim keine Hunde haben können oder wollen, gilt es, beizeiten einen “Baby”sitter zu finden (und bei Tisch auch mal ein Thema anzuschneiden, das die Gastgeber wirklich interessiert; es muss ja nicht immer nur um Tess gehen). Wir schätzen uns überaus glücklich über den Umstand, dass wir mit Nicole E., Trix B. oder der Familie D. & F. Menschen um uns wissen, die sich auch auf kurzfristigste Anfragen hin liebevoll und mit einem perfekten Mix aus Toleranz und Strenge um unsere Meite kümmern.

Zum täglichen Pflichtprogramm gehört – abgesehen vom mehrmaligen Gassigehen, dem Füttern und dem Renovieren der Wohnung – das Üben der benimmtechnischen Basics. “Sitz” und “Platz” und “Warten” hat Tess schon einigermassen intus. Mit dem Abrufen, dem Ohneleinelaufen und anderen Petitessen haperts zuweilen aber noch ein bisschen.

Um das zu korrigieren, besuchen wir mit ihr jeden Samstag die Hundeschule. Unter der Woche führen wir sie immer wieder auf die Schützenmatte, um das Gelernte zu vertiefen. Auf der grossen Wiese kann Tess das Nützliche gäbig mit dem Angenehmen verbinden: irgendein Artgenosse, dem der Sinn gerade ebenfalls nicht nur nach Trainieren steht, lässt sich immer in eine kollegiale Rauferei verwickeln.

Selbstredend prägt unser längst bestens ins Quartierleben integrierte neue Familienmitglied auch die Ferienplanung entscheidend mit, und überhaupt auch sonst alles: die letzten Bücher, die ich gekauft habe, drehten sich um Labis im Allgemeinen und die Hundeerziehung im Besonderen. Der Speicherplatz in unserer TV-Box ist nicht mehr mit Krimis und romantischen Filmen belegt, sondern mit Serien wie “Der Hundeflüsterer” und Artverwandtem.

Fuhren oder flogen wir früher aufs Geratewohl und Gefallegut irgendwo hin, müssen wir uns heute lange im Voraus überlegen, wohin die Reise gehen soll, und wie wir unser Ziel auf eine möglichst vierbeinerkompatible Art und Weise erreichen könnten. Tess im Frachtraum eines Flugzeuges zu verstauen, ist für uns vorläufig ebensowenig eine Option, wie ihr endlos lange Zugfahrten zuzumuten. Dazu kommt: auch die artigsten Hunde werden nicht in jeden Hotel geduldet. Theater-, Museum-, Konzert- oder Kinobesuche sind mit tierischer Begleitung in der Regel unmöglich.

Aber: auch wenn das alles vielleicht sehr nach “Müssen” und Einschränkung und Umstellung und weiss der Gugger noch nach was allem klingt: wir gäben Tess nicht mehr her; unter gar keinen Umständen und für kein Geld der Welt.

Sie treibt uns manchmal fast in den Wahnsinn, sie verwüstet mit bemerkenswerter Konstanz unser Daheim, sie ist hellwach, wenn wir schlafen wollen und döst ostentativ vor sich hin, wenn wir mit ihr etwas unternehmen möchten, sie klaut unseren Vermietern die Äpfel aus der Vorratskiste und verknurrt in aller Herrgottsfrühe den Zeitungsverträger, sie kämpft gegen den Staubsauger, verchaflet alles, was ihr zwischen die Zähne gerät und unterweist sich Abend für Abend ohne Rücksicht auf Verluste in der Kunst des lautlosen Tötens durch Furzen.

Manchmal, wenn ich mit Tess durch die Gegend bummle oder sie selig schnärchelnd zwischen uns liegt, frage ich mich, wie das eigentlich gewesen ist: das Leben ohne Hund.

Es war, natürlich, weniger verplant. Es bot, irgendwie, mehr Freiheiten. Die Zeiten, in denen Chantal und ich mehr oder weniger tun und lassen konnten, was auch immer wir wann auch immer tun und lassen wollten, sind seit dem 4. Oktober 2015 jedenfalls vorbei.

Aber schöner war das Leben deswegen nicht –  ganz im Gegenteil: rundum schön ist es erst an dem Tag geworden, an dem wir Tess gefunden haben.

Oder – wer weiss? – an dem sie uns gefunden hat.

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(Bild: Schatz)

 

Geschenkte Zeit

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(Bild: Urs Hofstetter)

Wir waren im «Dählhölzli» und warteten nach dem Tierligucken aufs Mittagessen, mein Neffe, sein Papi, seine Tante und ich, und irgendwann wurde es dem Kleinen chli langweilig, und deshalb bummelte er mir einfach hinterher, als ich vom Tisch weg an die Aare ging, um vor dem Salat noch eine Zigi zu rauchen, und als wir zwei Männer dann so nebeneinander am Geländer standen und auf den Fluss blickten, sagte er auf einmal, er habe neulich gesehen, wie ein “Siff abeggange” sei, und als ich ihn fragte, wo denn, lachte er mich mit einem Neffenlachen an und sagte, “ufem See!”, und dann wiederholte er, doch, wirklich: da sei ein “Siff” versunken, vor seinen Augen, und so ernsthaft und doch verschmitzt, wie er mich dabei musterte, musste ich ihm die Geschichte einfach glauben, auch wenn ich wusste, dass sie nicht stimmte, und ich hätte meinem Neffen noch stundenlang zugehört und ihm bereitwillig den grössten Chabis der Welt abgekauft, weil selbst der noch glaubwürdiger und interessanter wäre als manche andere Story, die mir in den letzten Tagen zu Augen und Ohren gekommen ist, und ich wusste: Diese Zeit hier, die er und ich gerade miteinander verbringen, ist unendlich viel wertvoller als jede Minute auf Facebook, jede Stunde vor dem Fernseher und jeder Tag im Büro.

Inselleben (X und Schluss)

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Ob ich wieder meine Zweitfamilie besuchen gehe, fragt meine Frau jedes Mal, wenn ich für ein paar Tage nach Gran Canaria verschwinde. Sie meint das nicht im Ernst – oder ämu nicht ganz – und selbstverständlich sage ich darauf jeweils, wo sie auch hindenke; es gehe mir nur darum, Sonne zu tanken und die Batterien neu zu laden und den Kopf auszulüften und zu lesen und laufen und, vielleicht, chli zu schreiben.

Aber irgendwie hat mein Schatz – wie übrigens immer, eigentlich – Recht. Viele Menschen in Playa del Inglés sind mir inzwischen tatsächlich ähnlich „vertraut“ wie entfernte Verwandte, die man aus Gründen, die sippenintern bestens bekannt sind, über die aber niemand so richtig sprechen mag, weils sowieso keinen Sinn hat, nur alle paar Schaltjahre sieht: Man weiss, wo sie herkommen, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen… und hat doch keine Ahnung, wer – und vor allem: wie – sie wirklich sind.

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Aber man wills ja auch nicht so genau wissen.

Ich staune hier einfach darüber, wie sich die Leute am Buffet die Teller bis zum Gehtnichtmehr vollbeigen – und mit ihren Tischnachbarn dann über das lausige Essen meckern.

Ich beobachte sie, wenn sie mit fünfzig anderen Erlebnishungrigen in einen der sechs Busse steigen, die die Touristen zweimal täglich in den Megagiasuperduperwahnsinnsabenteuerpark mit den Delfinen und den Papageien und der grössten Doppelloopingwasserrutschbahn nördlich des Universums karren – und bekomme Stunden später mit, wie sie sich an der Rezeption über die unpersönliche Massenabfertigung in dieser Anlage beschweren.

Ich schaue ihnen zu, wie sie mit ihrem ganzen angefernsehenen Fachwissen über nahöstliche Gepflogenheiten mit einem Senegalesen um eine Sonnenbrille feilschen und empört davonstapfen, wenn der fliegende Händler nach einer halben Stunde sagt, jetzt sei dann aber mal gut; einen Euro fünfzig müsse er für diese original echte Ferraribrille schon haben, sonst nix Bisness, my friend.

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Doch wie es hinter den auf Hochglanz polierten Fassaden dieser Leute aussieht, interessiert an Orten wie diesen an Tagen wie diesen naturgemäss niemanden. Es ist auch völlig egal, dass man sich im Hotel oder am Strand oder sonstwo allpott über den Weg läuft und sich trotzdem völlig fremd bleibt.

Wer zuviel Nähe zulässt, riskiert Kratzer im Lack oder, noch schlimmer, dass Wochen nach den Ferien auf einmal das Handy klingelt und Gitte Huber aus Osnabrück dran ist, die mit ihrem Mann damals, auf den Kanaren, in 425 wohnte, „direkt neben Euch; Ihr hattet 423! Wir waren Pälla essen miteinander, und unsere Göttergatten haben vor der Abreise die Telefonnummern getauscht, und Tataaaa!, hier bin ich, um zu fragen, ob Ihr am Wochenende schon etwas vorhabt; es wäre doch schön, wenn wir uns einmal treffen und Erinnerungen….“

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Ich verbringe meine Miniferien vor der westafrikanischen Küste jedesmal mit anderen – und im Grunde genommen doch stets mit denselben Typinnen und Typen. Die Hanspeters und Inges und Günthers und Vrenis, die auf diesem Eiland die „schönste Zeit des Jahres“ verbringen, eint unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem Beruf und ihrem gesellschaftlichen Status eines: Sie wollen alles genauso haben wie zuhause, aber südländisch temperamentiert und mit mehr Sonne.

Nur: Wehe, der Südländer – sagen wir: der für kaputte Zimmerventilatoren zuständige Handwerker im Hotel – macht mit seiner lehrbuchmässigen Entspanntheit mal Ernst und kommt tatsächlich erst mañana. Dann häscherets in den obersten Rechteggli des Organigramms, dass Dios erbarm, und Felipe VI grad auch noch.

Denn bel all dem krampfhaften Bemühen um Lockerheit mags kaum Abweichungen vom Gewohnten leiden. Hanspeter und Inge und Günther und Vreni kaufen immer am selben Kiosk ihre Zigaretten und die „Neue Post“, sie wählen in der immer gleichen Beiz aus vier Millionen möglichen Speisen die immer gleichen Spaghetti Bolo (wenns hochkommt, ordern sie zum Einstieg tollkühn ein Chnoblibrot, weil: “S ne typische Spezialität hier.”), sie liegen auf den immer gleichen Liegen am Bassin und am Meer und plaudern bei ihren Selbstverbrennungen über immer dieselben Themen (Wetter, Kinder, Fussball-WM; die Reihenfolge kann je nach Fifa ändern), kaufen die immer gleichen Souvenirs und reissen in ihren fünf oder sechs Stammlokalen die immer gleichen Sprüche (“heute gönn ich mir mal ein Bier, höhöhö!”)., worauf die immer gleichen Barkeeper und -keepsen immer gleich nachsichtig lächeln.

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Das alles weiss aber nur, wer seinerseits…

…und genau das, glaube ich, macht mir die Menschen hier trotz Vielem so sympathisch: Irgendwie sind sie ein bisschen wie ich, und einiges von mir steckt auch ihn ihnen.

Abgesehen davon, dass ich die cooleren T-Shirts habe als als die meisten andern Temporärimmigranten und im Flugzeug nicht jedesmal frenetisch applaudiere, wenn dem Piloten oder dem Kabinenpersonal etwas gelungen ist, unterscheide ich mich gar nicht soooo gross von den Millionen Pauschalualauban auf dieser Insel und sonstwo. Ich rede mir das nur gerne ein, aber auch das tun die anderen ja ebenfalls.

„Todo tranquillo, todo pacifico. Everybody happy“, rapportierte heute Morgen um 4.15 Uhr, wie jeden Morgen um 4.15 Uhr, Manolo, der Securitymann des Hotels, nachdem er seinen nächtlichen Rundgang beendet und eine Kanne Kaffee auf mein improvisiertes Schreibtischli beim Pool gestellt hatte. „Alles ruhig, alles friedlich. Alle sind glücklich“:

Passender hätte er meine letzten zehn Tage auf Gran Canaria nicht zusammenfassen können.

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“Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe”

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In meinem Mailfach lag neulich ein sehr langer Brief. Eine mir unbekannte Frau teilte mir mit, dass sie eine eifrige Leserin dieses Blogs sei.

Vor allem  diesen und diesen und diesen Beitrag habe sie “immer und immer wieder” studiert, weil diese Texte etwas in ihr berühren. Etwas, was auch sie betreffe.  Sie vermute, dass ich wisse, was sie meine.

Dann kam sie – und ich sah sie irgendwie vor mir, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen vor dieser für sie wahnsinnig hohen Hürde stand, die Augen schloss, auf Zehn zählte und  dann sprang – zur Sache: Sie würde gerne mit jemanden über ihre Alkoholsucht reden, schrieb sie, und ihre Gedanken mit einem Menschen teilen, der über einschlägige Erfahrungen verfügt.

In dem Dorf, in dem sie lebt, habe sie dazu keine Gelegenheit. Sich den Anonymen Alkoholikern oder dem Blauen Kreuz anzuschliessen, sei für sie wegen der kleinräumigen Jederkenntjeden-Verhältnisse keine Option. Abgesehen von ihrer Familie und ihren engsten Freunden wisse niemand, dass sie über Jahre hinweg jeden Tag knapp zwei Liter Rotwein getrunken habe.

Um ihre Krankheit geheimzuhalten, habe sie sich mit den üblichen Tricks beholfen: “Ich konsumierte nur alleine und zuhause. In der Öffentlichkeit oder an geschäftlichen Anlässen habe ich meist dankend abgelehnt. Dafür trank ich dann daheim weiter.”

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Inzwischen sei die Situation für sie physisch und physisch dermassen belastend geworden, dass sie einen Arzt und eine Psychologin habe einschalten müssen.

Das alleine, glaube sie, bringe sie jedoch nicht entscheidend weiter.  Deshalb frage sie jetzt mich als ehemaligen und längst “trockenen” Direktbetroffenen, ob ich sie auf der Suche nach einem Pfad aus dem Sumpf ein Stück weit begleiten könne und wolle.

Für mich stand ausser Frage, dass ich der Frau im Rahmen meiner Möglichkeiten unter die Arme greifen würde. Ich schrieb ihr zurück, ich stehe für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Allerdings würde ich es aus geografischen Gründen vorziehen, wenn wir diese Unterhaltungen schriftlich führen könnten.

Damit – sowie mit ein paar Spielregeln, die ich aufstellte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken und die gegenseitige Ehrlichkeit zu gewährleisten – war die Frau einverstanden.

Wobei: Was heisst schon „einverstanden“? Sie sitze, meine Mail vor Augen, „vor dem PC und heule, was das Zeug hält“, liess sie mich in ihrer nächsten Zuschrift wissen. Allerdings weine sie nicht aus Frust oder Verzeiflung.; es sei vielmehr„ein befreiendes Heulen“.

In den folgenden Tagen entspann sich in drei Dutzend elektronischen Briefen ein Dialog, den ich hier auszugsweise und stellenweise leicht redigiert wiedergebe. Bevor ich den Text freischaltete, gab ich ihn der Frau zu lesen; ich wollte sie nicht mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte überraschen, brüskieren oder gar verletzen. Ich sagte ihr, ich hätte kein Problem damit, wenn sie sich gegen eine Publikation aussprechen würde. Doch die Frau hatte keine Einwände; ganz im Gegenteil.

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Sie an mich: “Ich SCHÄME mich!!!! Das ist das schlimmste Gefühl für mich!“

Ich an sie: “Jeder Alkoholiker schadet mit seiner Trinkerei nicht nur sich selber. Er lässt auch sein privates und geschäftliches Umfeld mit-leiden. Nur: Das tut jeder kranke Mensch. Er macht das nicht in der Absicht, jemandem zu schaden. Und hat folglich auch keinen Grund, sich dafür zu schämen.”

Sie an mich: “Im Moment arbeite ich nicht. Nach einer krankheitsbedingten Auszeit hätte ich zwar wieder in den Betrieb zurückkehren können, aber das wollte ich nicht. Denn immer, wenn die Umsätze seiner Ansicht nach zu niedrig waren, rief mich am Abend der Chef an und schiss mich gottsjämmerlich zusammen. Diesen Frust konnte ich nur mit Wein bewältigen.”

Ich an sie: “Wichtiger als eine Arbeitsstelle ist, dass du körperlich und seelisch wieder auf die Beine kommst. Wenn du wieder festen Boden unter den Füssen hast, kannst du daran denken, loszumarschieren.”

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Sie an mich: “Mit der Arbeit hatte ich ein Sauschwein, da unser Chef nur sporadisch vorbeischaute. Wenn er hin und wieder für zwei, drei Stunden auftauchte, riss ich mich zusammen. Natürlich habe ich auch während der Arbeit konsumiert! Da ich aber schon immer ein Laferi war, fiel ich wahrscheinlich nicht aus dem Rahmen. Und mit Täfeli und Mundspray kann man ja viel vertuschen. Ja – man wird generell einfallsreich. Man entwickelt unglaubliche Strategien.”

Ich an sie: “Viele Alkoholiker merken erst, dass etwas schiefläuft und sie etwas dagegen unternehmen müss(t)en, wenn ihnen der vermeintlich feste Boden unter den Füssen wegbröckelt. Dann hilft auch die rafffinierteste Taktik nichts mehr. Doch bis dahin ignorieren sie die bisweilen schon riesengrossen Zeichen an der Wand. Mein Chef stellte mich damals nach drei Verwarnungen auf die Strasse. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn an jenem Tag wurde aus meiner vagen Vermutung, dass es möglicherweise an der Zeit wäre, mein Leben von Grund auf zu ändern, Gewissheit.”

Sie an mich: “Ich habe sehr schlecht geschlafen. Tausend Gedanken schwirren durch mein Hirni. Ich denke immer noch, dass ich mich dem Ganzen stellen muss. Auch wenn es mich gerade wieder einmal erhudlet – verdrängen nützt nichts; das habe ich gemerkt. Und endlich weiss ich, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin. Ich habe ewig lange das Gefühl gehabt, der einzige Mensch mit einem Alkoholproblem zu sein, obwohl mir Ärzte und Therapeuten immer wieder versicherten, dass dem nicht so sei.

Ich glaube, ich bin von der Wahrheit schockiert. Ich habe den ganzen Schrott einfach zur Seite gestossen und Jupiduutrallalaa in den Tag hineingelebt. Ich habe mich geweigert, zu akzeptieren, dass ich unter einer Leberzirrhose leide. Ich wollte davon nichts hören und nichts lesen. Ich hörte nicht darauf, was die Ärzte sagten. Wenn am Fernsehen etwas über Lebererkankungen gezeigt wurde, schaute ich weg. Ich bin vor allem davongelaufen.

Und jetzt, wo ich mich entschlossen habe, den ganzen Mist wegzuräumen, kommt das alles hoch. Ich fühle mich gerade wie…ich weiss nicht…wie Scheisse. Ich will immer nur das Schöne und Gute sehen. Am liebsten wäre mir, wenn das ganze Puff schon aufgeräumt wäre.”

Ich an sie: “Dass dich dein Fall immer wieder erhudlet, ist nichts als natürlich. Du steckst mitten in einem Schlamassel, von dem du bis vor nicht allzulanger Zeit nur geahnt hast, dass es existiert…und jetzt, nach vielen Jahren, siehst und spürst du, wie gross es wirklich ist.

Ich habe mich damals auch nächtelang hintersinnt und wegen der hohen (Schulden-)Berge vor mir oft das weite, freie Land dahinter kaum mehr gesehen.

Aber dann sagte ich mir jeweils: Jetzt bist du schon bis hierher und hierher gekommen. Also wirst dus auch dorthin und dorthin schaffen. Mit dieser Politik der kleinen Schritte kommst du am Weitesten.

Meine Geschichte liegt zehn Jahre zurück. Für mich ist sie, was für andere Leute die Briefmarkensammlung auf dem Estrich darstellt: Man weiss, dass sie da ist, nimmt sie aber nur noch bei besonderen Gelegenheiten hervor. Zum Beispiel, wenn jemand, der sich ebenfalls für Marken interessiert, aus heiterem Himmel fragt, ob er (nein: sie) die Alben vielleicht einmal sehen könne…

Du hast erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, dich freizukämpfen. Das erfordert viel Kraft und Geduld und Nerven und die Fähigkeit, immer wieder nach vorne zu blicken und daran zu glauben, dass es klappen wird. Lass dir diesen Optimismus auf keinen Fall nehmen. Du hast die richtige Strasse gefunden. Andere wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt. Sie hätten – oder haben – allen Grund, verzweifelt zu sein.

Hast du dir auch schon überlegt, dich für eine Weile in eine Klinik zurückzuziehen? Dann bist du weg von dem ganzen anderen Zeug, hast lauter Profis um dich herum und – sehr wichtig! – triffst zig Menschen, die dieselben Schwierigkeiten haben wir du.”

Sie an mich: “Dein Vorschlag tönt extrem richtig. Ich denke auch, dass mir die Ruhe sehr guttun würde. Ich habe am Anfang alle zwei Wochen einen Termin bei meiner Therapeutin gehabt. Dann haben wir die Gespräche auf meinen Wunsch auf einmal pro Monat reduziert, weil ich davon ausging, keine so engmaschige Betreuung mehr zu benötigen. Klar würde sich ein Klinikaufenthalt irgendwie einrichten lassen. Um mich herum ist ständig ein Gewusel. Ich kann mich überhaupt nicht entspannen.”

suchtvier

Ich an sie: “In einer Suchtklinik geht es darum, konzentriert am eigentlichen Problem arbeiten zu können und gleichzeitig auf neue Gedanken zu kommen. Und ums Reden über Erfahrungen und Teilen von Erlebnissen (kurz gesagt: um genau das, was du dir wünschst).

Das geht nicht mit einer Therapiesitzung alle paar Wochen. Da muss ein Intensivprogramm her. Wenn du im Garten Unkraut hast, fährst du auch nicht einmal im Monat mit dem Rasenmäher drüber. Dann rupfst dus aus, mit der Wurzel. Das ist zwar viel anstrengender, aber wesentlich wirkungsvoller.”

Sie an mich: “Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe.”

Ich an sie: “Ich schlage dir jetzt Folgendes vor: Du sagst deiner Familie, das du fest entschlossen bist, dich ein für allemal von der Trinkerei zu lösen. Weiter erklärst du ihr, dass das nicht nur für dich mit einem grossen Aufwand verbunden ist, sondern auch für sie. Du sagst deinen Lieben, dass du möglichst bald eine Therapie machen willst, in einer Klinik, und dass sie in dieser Zeit ohne dich werden auskommen müssen. Ich bin sicher, dass das alle verstehen. Und ich bin vor allem überzeugt davon, dass darüber alle mehr als nur glücklich sein werden.

Dann gehst du zu deinem Hausarzt und bittest ihn, dich in eine für dich geeignete Klinik zu überweisen.”

Sie an mich: “Das mit einer Therapie weg von zuhause klingt schon verlockend und auch vernünftig. Ich werde die Möglichkeiten bei der Psychologin nächste Woche ansprechen…und dann schauen wir mal. Zeitlich müsste dies einfach noch ein wenig warten, jedenfalls bis nach den Sommerferien. Bei uns steht relativ viel Wichtiges an.”

Ich an sie: “Mit Unverbindlichkeiten wie ‘schauen wir mal’ und ‘noch ein wenig warten’ kommst du nicht weit. Und ‘etwas Wichtiges’ wird auch nach den Ferien wieder anstehen. Einen Grund, die Therapie nicht antreten (oder zumindest fix einfädeln) zu können, findest du jederzeit. Denn wenn es im Leben eines Alkoholikers an etwas nicht fehlt, sind es Ausreden.

Du musst erkennen, dass für dich im Moment du das Wichtigste bist. Du kannst deiner Familie und deinen Freunden nur dann eine Stütze und ein Wegweiser oder auch ‘mur’ eine verlässliche Begleiterin sein, wenn zu zwäg bist. Doch das bist du nicht. Du bist schwach und verletzlich und labil und hilfsbedürftig und viele, viele Kilometer davon entfernt, ein freies und souveränes Leben führen zu können.

Aber ich bin nicht dein Therapeut und schon gar nicht dein Vormund. Ich habe dir nur erzählt, was in meinem Fall zum Ziel geführt hat. Ob und wie du diese Hinweise nutzt, ist dir überlassen. Es ist dein Leben.”

Sie an mich: “Deine Worte haben mich richtig ‘müffelig’ gemacht! Weisst du, warum? Es ist wieder einmal die Wahrheit, die ich nicht oder kaum ertragen kann! Ich möchte Recht haben, nicht die anderen. Das ist ein Charakterzug von mir, den ich schon früher hatte, vor meiner Flucht in eine vermeintlich heile Welt. In dieser Welt war alles Unangenehme nur gedämpft und für mich viel erträglicher. Ich sage mir immer, ich könne nichts dafür; alle seien zu mir so ungerecht. Aber ich weiss ja: Das ist nicht die Lösung. Ich habe meinen Ärger nun auf dem Hometrainer statt mit Wein abreagiert. Darauf bin ich stolz.

Habe ich einen Flick ab? Bist du in deinen Therapiesitzungen nie wütend geworden, weil du genau gewusst hast: Was diese Leute sagen, ist richtig, und ich liege falsch? Und dass du trotzdem nicht wolltest, dass sie Recht haben? Mich so zu sehen, wie ich mich soeben gesehen habe, tat verdammt weh. Aber es löste in mir auch einige Blockaden.”

Ich an sie: “Wer Recht hat und wer nicht, ist in einer Therapie meiner Meinung nach ziemlich egal. Wichtiger sind all die Gelegenheiten, über sich, seine Lage, seine Vergangenheit und seine Zukunft nachzudenken, daraus die passenden Schlüsse zu ziehen und die Weichen neu zu stellen (und zwar so, dass sie etwas aushalten und nicht beim ersten Zügli, das vorbeikommt, wieder verrutschen).

Wenn dich meine Post zum Hirnen gebracht hat: Tiptopp. Ich kann dir nur sagen: Hör auf damit, vor der Wirklichkeit zu fliehen. Hör auf damit, andere(s) für dein Befinden verantwortlich zu machen. Hör auf damit, dich selber zu bemitleiden.

Stell dich stattdessen deinem Feind. Geh auf ihn zu, schau ihn dir genau an – und mach ihn fertig.

Sei dir aber bewusst, dass du das alleine und in deiner gewohnten Umgebung nicht schaffst. Auf diesem Feld kannst du dich nicht auf ihn konzentrieren, weil du ständig abgelenkt wirst. Abgesehen davon geniesst er auf diesem Platz Heimvorteil. Die Kämpfe, die ihr beide schon darauf ausgetragen habt, hat er alle gewonnen.

Also: Lock deinen Gegner auf ein Terrain, auf dem er sich so unsicher fühlt wie nirgendwo sonst, und vertrau darauf, dass dort viele bis an die Zähne bewaffnete Leute nur darauf warten, dich bei deiner hoffentlich letzten und wichtigsten Konfrontation mit ihm zu unterstützen.

Diese Menschen kennen seine Schwachstellen. Sie werden sie dir zeigen und mit dir so lange trainieren, bis du dich dem Feind voller Stärke und mit einer Unmenge Selbstvertrauen stellen kannst.”

Sie an mich: “Es geht mir gut. Ich bin ausgeglichen und mein aufgewühltes Inneres hat sich beruhigt. Ich hatte ein tolles Wochenende mit zwei sehr guten und eingeweihten Freunden. Sie vermitteln mir, dass sie stolz sind auf mich und den Weg, den ich gewählt habe. Das tut mir sehr gut!

Natürlich ist deswegen nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber in und mit mir passierte in den letzten Tagen etwas. Das fühlte sich im ersten Augenblick beängstigend an. Doch jetzt spüre ich Zufriedenheit und Genugtuung. Ich habe gemerkt, was für mich stimmt und was nicht. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, ein Schrittchen weitergekommen zu sein. Ich werde dieses Schrittchen in meiner nächsten Therapiestunde erwähnen!”

Sie an mich (ein paar Tage später): Das Gespräch mit meiner Therapeutin war gut, aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend. Ich habe mit ihr einige unserer Mails angeschaut. Wir sind aber noch nicht ausführlich darauf eingegangen, da uns dafür die Zeit fehlte. Wir treffen uns nächste Woche wieder. Ich stehe auf dem richtigen Weg und komme darauf sogar vorwärts.”

Ich an sie: “‘Aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend…’: So werden noch unzählige Gespräche verlaufen, die du auf deiner Reise in die Abstinenz führen wirst. Je mehr sie dich beschäftigen und je mehr sie dir zu denken geben, desto besser! Halt mich über deinen nächsten Therapiebesuch auf dem Laufenden. Ich bin gespannt, was deine Psychologin zu all dem sagt, was du in den letzten Wochen unternommen, gelesen und geschrieben hast.”

Das wars, fürs Erste. Ich weiss noch nicht, wie sich die Frau entschieden hat. So oder so wünsche ich ihr von Herzen das Allerbeste, die nötige Portion Glück – und Angehörige und Freunde, die sie begleiten und verständnisvoll auf ihren Weg zurückschubsen, falls sie einmal davon abkommen sollte.

Jetzt, wo das Allergröbste für sie hoffentlich überstanden ist, kann ich ihr es ja verraten: Unser Mailerei hat nicht nur ihr etwas gebracht. Auch ich habe davon profitieren dürfen.

Und, wer weiss: Vielleicht erkennt der eine Leser oder die andere Leserin sich in diesem oder jenem Abschnitt wieder.

Das wäre dann vielleicht die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht eine gute Idee wäre, einfach mal jemandem zu schreiben.

Suchtfünf