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Schlagwort: Ferien

Schaffer, Schotten, Schlüssel, Schnäppchen

Während ich kurz vor Sonnenuntergang in einem Beizli am fast menschenleeren Strand von Playa del Inglés höckle und frohen Gemüts der Welten Lauf reflektiere, fällt mir siedenheiss ein, dass zuhause niemand weiss, wie es mir geht (aber ungut: Es hat mich, wie ich nicht gänzlich irritationsfrei konstatieren muss, auch kein Mensch danach gefragt).

Das war schon anders; ganz anders sogar: Als ich vor einem halben Jahr mit meinen Co-Geschäftsführern Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria weilte, erreichten mich fast täglich Mails und WhatsApp-Nachrichten, in denen sich zum Teil wildfremde Leute danach erkundigten, was wir so treiben. obwohl ich über unser Wirken auch ohne diese nervötenden Zuschriften wertvollen Inputs so ausführlich, wie es unser enggetakteter Zeitplan halt zuliess, Bericht erstattet hatte.

Um das also gleich vorwegzunehmen: Hofstetter und Hofstetter arbeiten in der Konzernzentrale dermassen intensiv am Umsetzen all der Leuchtturmprojekte, die unsere Vision „Rise to Eternity“ prägen – Kauf einer Kaffeemaschine, Klären, ob das Personal bis zu zweimal pro Woche daheim statt im Büro übernachten soll dürfen, regelmässige Lohnzahlungen undsoweiterundsofort – dass sie gar nicht mitbekamen, wie ich meine Siebensachen packte und vor die Küste Westafrikas verschwand. Das war jedenfalls die offizielle Version für die Medien.

Die inoffizielle lautet: Ich dachte keine Sekunde daran, Hofstetter und Hofstetter in meine Reisepläne einzuweihen, weil ich einfach wieder einmal meine Ruhe haben wollte. Nicht nur, aber auch und ganz besonders vor ihnen. Falls die beiden gerade mitlesen: Jetzt möchte ich eure Gesichter sehen! Ihr glaubtet, ich würde seit Freitag als Head Keynote-Speaker am Communication World Global Summit in Frankfurt von Messehalle zu Messehalle chauffiert, dabei nippe ich bei 26 Grad GMT an einem eisgekühlten Cola Zero, livin‘ live in peace watchin‘ the wheels go round and round (soviel nur am Rande zum inzwischen fast schon absurd kontrovers diskutierten Thema „Ist es möglich, Texte aus zwei John Lennon-Songs in einem Halbsatz miteinander zu verbinden?“).

Den erschütternd wenigen, dies interessiert, kann ich also versichern: Es geht mir wunderprächtig. Das liegt auch daran, dass das Gran Canaria im März ein etwas anderes Gran Canaria zu sein scheint als, sagen wir, jenes im April oder im Mai oder im Juni oder im Juli oder im August oder im September oder im Oktober oder im November oder im Dezember oder im Januar oder im Februar.

Um diese Zeit ist auf „GC“, wie der Sogutwieeingeborene sagt, alles chli ruhiger als sonst. Die Allinclusivehorden aus Germanien, Helvetien und Hollandium rüsten sich auf dem Festland für die sommerlichen Schlachten an den kalten und warmen Buffets,

die zigtausend Seniorinnen und Senioren, die in der wohligen Wärme des kanarischen Archipels überwintert hatten, schauen seit Kurzem wieder in ihren eigenen vier Wänden rund um die Uhr fern.

Durch Playa del Inglés streunen aktuell viele Schotten und Finnen, wobei man Letztere fast gar nicht bemerkt. Sie machen tagsüber weniger Lärm als ein kaputtes Radio. Was sie nachts tun, entzieht sich meiner Kenntnis, aber rentierisch auf die Pauke hauen sie kaum: Sie zmörgelen immer als Erste und sehen dabei aus wie aus dem Truckli.

Die Schotten hingegen sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die vier mittelalterlichen Gesellen aus der Greater Glasgow Area, die unter grossem Hallo mit Eheringen an den Fingern, aber ohne Ehefrauen im Schlepptau, eincheckten, lassen sich vom Morgen bis am Abend durchgaren. Ihre Hautfarbe hat längst von käseweiss zu hummerrot gewechselt, doch das kümmert sie kein bisschen. Vermutlich haben sies noch gar nicht bemerkt.

Wenn das Servicepersonal sich daran macht, für den Mittagsservice einzudecken, philosophieren sie schon wieder oder immer noch sternhagelvoll über Fussball, Fussball oder Fussball. Wer an ihnen vorbeigeht, wird wie ein alter Freund aufs Überschwänglichste begrüsst und nur in gut begründeten Ausnahmefällen nicht dazu genötigt, das eine oder andere Fass mitzutrinken.

Zweimal am Tag gönnen sich die kugelrunden und fast flächendeckend tätowierten Glatzköpfe ein Bad. Dann halten sie sich an den Händen und hüpfen miteinander ins Becken. Wenn die halbe Tonne Fleisch durch die Wasseroberfläche kracht, bekommen die Umliegenden jeweils eine Vorstellung davon, was bei einem Tsunami passiert.

Passiert ist auch einem Ehepaar aus der Ostschweiz etwas: Am Samstagabend hatten die beiden noch jedem, ders hören wollte (und allen anderen auch) erzählt, was für ein „suppa Schneppli“ sie mit dieser Onlinebuchung doch gemacht hätten: „Achthundertfüfzg Frangge für zwei Wuche Grangganaria mitsamtem Flug; das müendir eu mal vorstele!“

Am Dienstag sassen sie in aller Herrgottsfrühe im Speisesaal. Sie verleibte sich mit offensiver Achtsamkeit ein Birchermüesli ein, er schoss seine Cholesterinwerte mit einer Wagenladung Rührei und Speck durchs Dach im zwölften Stock. Neben ihnen standen drei Koffer und zwei Sporttaschen. Bald würden sie vom „Schauinsland“-Bus abgeholt, der sie – mit Zwischenstopps in weiteren zwei Dutzend Unterkünften – in nicht einmal drei Stunden zum Flughafen bringen würde (mit dem Auto dauert die Fahrt nach Las Palmas knappe 30 Minuten, aber so ein Ferienende ist schliesslich auch ohne Raubüberfall durch einen kanarischen Taxifahrer schon frustrierend genug).

Weil sie nicht wussten, wie sie die Wartezeit totschlagen könnten, griffen sie zu ihren Handys. Sie leikte Facebook-Beiträge, er überflog seine Mails. Mitten in die Stille hinein entfuhr ihm ein „Hueresiech!!!“. Erschrocken blickte seine Frau von ihrem iPhone auf. „Die hend üse Flug kensslet“, teilte er ihr mit vor Fassungslosigkeit bebender Stimme mit. „Eifach so. Kensslet!“

„Verzell kän Schaiss!“, bat sie. „Lueg doch selber!“, blaffte er zurück. So ging das ein ganzes Weilchen hin und her, bis ihnen endgültig klargeworden war, dass aus ihrem Heimflug nichts werden würde; ämu nicht heute und, wer weiss?, auch nicht morgen und übermorgen. Für sie hiess das, wie sie ihm stocksauer mitteilte: Ihre Turnstunde fällt aus, und aus einer für Donnerstag fixierten Einladung würde, wenns ganz dumm laufen sollte, ebenfalls nichts werden.

Er scrollte, ununterbrochen tamisiechmurmelnd, durch seine Agenda und gab seiner Gattin mehrfach zu verstehen, dass ein gewisser Charly nun schön im Saich sei. Das nenne er ein Problem, wohingegen ihre Turnstunde seiner Ansicht nach eher als Pipifax zu taxieren sei. Auf den Besuch bei Sowiesos könne er so oder so verzichten.

Dann verkündete er wie weiland Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, er gehe die Sache klären. Wenig später kam er, deutlich entbronsont, zurück. Der Mann am Empfang wisse von nichts, der Reiseleiter habe erst um 11 Uhr Sprechstunde und bei der Fluggesellschaft antworte nur ein Automat, gab er seiner Frau zu verstehen.

Wenn ich je wieder von einem „Häufchen Elend“ lese, werde ich unweigerlich an sie denken; wie sie mit der Handtasche auf dem Schoss und einem zerknüllten Kleenex zwischen den Fingern versuchte, sich damit abzufinden, zwischen zwei Löffeln Müesli von einer unbeschwerten Touristin zur Gefangenen einer höheren Macht geworden zu sein, die sie nicht kannte und gegen die weder sie noch ihr Mann (der offensichtlich schon gar nicht!) etwas ausrichten konnten.

Spontan fühle ich mit ihr. Verlängerte Ferien auf Versicherungskosten: Wer würde bei dieser Aussicht nicht zusammenbrechen?

Der Car kam und fuhr ohne die beiden los. Auf dem Sofa in der Lobby beratschlagten die Schnäppchenjäger, was zu tun sei. Ich bekam nicht alles mit, was sie sagten, hatte aber das Gefühl, dass ihr Gespräch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer Art Gerichtsverhandlung mutierte, bei der sie sehr überzeugend die Rolle der Anklägerin spielte („Ich habe ja gesagt, dass wir das gescheiter mit einem Reisebüro machen!“) und er den Angeklagten geben musste, der ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Schuld auf einen nicht näher definierten Dritten („Scheiss Internet!“) abzuwälzen.

So oder so: Das Paar ist an diesem Donnerstag immer noch im Hotel. Und wo immer es auftaucht, fällt die Temperatur ins etwas Unangenehme.

Aber kühl ist es auf Gran Canaria shockingwise, wie die Schotten sagen würden, manchmal sowieso, wenn auch nur am Abend und das auch bloss, wenns kalt wird. Um es draussen auch nach Sonnenuntergang aushalten zu können, ging ich meine aus zwei Badehosen, einigen ärmellosen Shirts und Unterwäsche bestehende Garderobe kurzentschlossen und weder Kosten noch Mühen scheuend aufstocken:

Fündig wurde ich in einem Chinarestaurant. Ich bestellte einfach das Menü 3.

Nun kann mir eigentlich nichts mehr passieren; nicht einmal im Hotel. Dieses erfüllt, wie ich unmittelbar nach meiner Ankunft in Erfahrung brachte, die höchsten Sicherheitsstandards. Die Zimmer zum Beispiel sind mit sogenannten Türen von restlichen Bereich abgetrennt. Diese schliessen sich hinter einem, sobald man das Zimmer verlässt. Öffnen lassen sie sich mit einem Schlüssel im Kreditkartenformat. Man hält ihn an einen Sensor und schwupp, ist man drin.

Das funktioniert aber nur, wenn man beim Verlassen des Zimmers daran gedacht hat, das Chärtli mitzunehmen. Das schaffen, wie mir der Mann an der Rezeption glaubhaft darlegte, nicht alle. Immer wieder müsse er an seinem Compi für Schlufis, die sich selber aussperrten (oder „outlockeden“, wie der Fachbegriff heisst) mühselig neue Schlüssel nachmachen.

In diesen Tagen, fügte er an, sei ein Kunde drauf und dran, sämtliche diesbezüglichen Rekorde zu pulverisieren: Der Gast aus Zimmer 608, der am Samstag angekommen sei, habe ihn seither schon viermal nach einem Ersatzschlüssel gefragt, erzählte der Rezeptionist schmunzelnd.

Ich konnte darüber nicht lachen. Mir wurde ganz gschmuuch. Schliesslich lebe ich mit diesem Deppen unter einem Dach.

Über meine weiteren Pläne habe ich mir noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken gemacht. Mein Aktionsradius wird weiterhin plusminus zwei Kilometer betragen. Soweit ist es, mit ein paar Umwegen zu den angesagtesten Boutiquen, bis zum Strand. Kulinarisch bewege ich mich wie bis anhin in von Tintenfischen, Muscheln, Krabben und Clubsandwiches gesäumten Pfaden.

Kulturell steht mir jedoch eine völlig neue Erfahrung bevor. Aus der Schweiz riet mir eine Kanarenkennerin:

Ich muss sagen: Das Plakat sieht sehr vielversprechend aus. Auch Touristen, die mit deutschem Liedgut nichts am Hut haben, dürfte sein Anblick ekstatische „Hossa! Hossa! Hossa!“-Rufe entlocken.

Für mindestens zwei von ihnen avanciert der Frühschoppen möglicherweise gar zum Höhepunkt des Jahres: Wer fast eine Woche lang gezwungenermassen auf dieser Insel festsitzt, muss irgendwann selbst den grössten Chabis als Glanzlicht empfinden.

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Frühansteher

Es ist immer dasselbe: Wenn auf dem Ticket «Boarding 6.10» oder so vermerkt ist, steht mindestens eine Stunde vorher ein – meist nicht mehr ganz junges – Paar am Schalter, um des Fräuleins zu harren, das ihnen mit seinem angebostichten Lächeln die Coupons von den Billeten rupfen wird.

Dass das Fräulein vermutlich in dem Moment, in dem die beiden ihren Posten beziehen, noch einmal in seine Wohnung zurückhastet, um das Handy zu holen, können die Reisefüdli nicht wissen. Um sich die Zeit zu vertreiben, kramen sie das Couvert mit den Ferienunterlagen aus ihrem Rollköfferli und studieren die Papiere andächtig zum sechshundertacht-zehnten Mal.

In die Leute, die sich die Nacht auf den Sesseln in der Wartehalle um die Ohren gehauen hatten – es heben ja ständig Flugzeuge ohne jede Vorankündigung zwei Stunden vor dem geplanten Take-off ab – kommt jetzt Bewegung. Die Erfahrung hat sie gelehrt: Sobald jemand vor dem Desk steht, kann der Start jede Sekunde erfolgen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin erhebt sich ein Passagier nach dem anderen. In 0, Nichts bildet sich hinter den Rentnern eine Schlange, die fast bis zum Check-in reicht. Die Uhr springt lautlos auf 5.37 Uhr.

Um Punkt 6 ist das Fräulein vor Ort. Wenn es nach den Anstehenden gehen würde, könnte – wobei: was heisst da „könnte“? „Müsste“, mit höchster Dringlichkeit! – es nun losgehen. Aber das Fräulein steht einfach nur da, erledigt ein paar Anrufe und funkt ein bisschen herum. Dann, endlich, greift es zum Mikrofon und heisst die Gäste des Flugs WK200 der Edelweiss-Air nach Gran Canaria herzlich willkommen.

Die zwei Senioren entern das Flugzeug zuerst. Auf ihren Sitzen in Reihe 33 müssen sie anschliessend sehr, sehr lange warten, bis ihre über 160 Mitreisenden samt Handgepäck in der Maschine verstaut und die Piloten parat sind.

«Eigentlich hätten wir gar nicht so früh dasein müssen“, sagt sie.

«Man kann nie wissen», murrt er.

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Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

„Probably the best Hamburgers on the island“ gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar „Unique“ gegenüber „meinem“ Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
„Der Südländer“, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: „der Schweizer“. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

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Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das „Sandia“ und die „Cita“, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das „Sandia“ oder die „Cita“ bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im „Sandia“ stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet „50 Shades of Black“. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse „Hap-bi“-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

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Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten „Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon“.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

„Ferien“ bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

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Zeitverschiebung

Wenn man beim Zubettgehen sieht, wie Leute aus dem Hotel gegenüber in den Ausgang verschwinden, und beim Aufstehen bemerkt, wie Leute aus dem Ausgang ins Hotel zurückkehren, beginnt man zu ahnen: Man wird in diesem Leben wohl nicht mehr jünger.

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Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.“

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?“

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: „Teilen wir uns ein Taxi?“

Hofstetter: „Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?“

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): „Ich komme mit.“

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): „Zahlen, bitte!“

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: „Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?“

Gundula: „Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.“

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): „Scho rächt.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.“

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

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Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

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Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?“

Hofstetter: „Ich glaube, ich bin nahe dran.“

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): „Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…“

Hofstetter: „Was murmelst du da?“

Hofstetter: „Nichts. Gar nichts.“

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

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