Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?”

Hofstetter: “Ich glaube, ich bin nahe dran.”

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): “Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…”

Hofstetter: “Was murmelst du da?”

Hofstetter: “Nichts. Gar nichts.”

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

Eine Art Betriebsausflug (I)

Alle Jahre wieder kommen nicht nur das Christkind und der Osterhase. Fast genauso regelmässig fliegen Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter – der Gründer, der Betreiber und der Geschäftsführer eines Schreibstüblis in Burgdorf – nach Gran Canaria. Gewisse geschäftliche Dinge lassen sich ihrer Ansicht einfach besser weit ausserhalb des Büros besprechen.

Nachdem die Herren am Morgen in Las Palmas gelandet sind, höcklen sie jetzt bei über 30 Grad unter dem wolkenlosen Himmel in einem Beizli an der Strandpromenade von Maspalomas, um einfach mal wieder die Seelen baumeln zu lassen halbnackten Frauen hinterherzustarren die Konzernstrategie für die nächsten 12 Monate zu skizzieren.

Hofstetter: „Hach…“

Hofstetter: „Hör doch auf!“

Hofstetter: „Ich habe ja noch gar nicht richtig…“

Hofstetter: „…das ist auch nicht nötig. Wir wissen alle, was jetzt kommt: Ein endloses Blabla darüber, was wir doch für eine tolle Truppe seien und wie schön du es findest, dass wir uns immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, versammeln, undsoweiter, undsofort.“

Hofstetter: „Eigentlich wollte ich nur sagen, dass wir eine tolle Truppe sind und dass ich es schön finde, mit euch immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, ein paar Tage verbringen zu dürfen, und sonst vielleicht noch Dieses oder Jenes.“

Hofstetter: „A propos ‚alle’…“

Hofstetter: “Hat jemand ‘alle’ gesagt?”

Hofstetter: „Ja. Du. Gerade vorhin, als du sagtest: ‚Wir wissen alle, was jetzt kommt.’ Da sagtest du ‚alle’“.

Hofstetter: „Gut, haben wir darüber geredet. Also: Was hast du zu Aproposen?“

Hofstetter: „Als du ‚alle’ sagtest, fragte ich mich plötzlich, wo eigentlich unser VRP ist.“

Hofstetter: „VRP?“

Hofstetter: „Das ist die deutsche Abkürzung für Unique Selling Point. Auf Englisch heisst das USP. Wird gerne verwechselt mit USB und UBS, aber nicht von mir.“

Hofstetter: „Ach so. Ok. Wo ist er denn, unser ‚Unique Selling Point?“

Hofstetter: „Mir hängts gleich aus. ‚VRP’ heisst Verwaltungsratspräsident. Unser Verwaltungsratspräsident fehlt. Hofstetter ist nicht da. Weiss jemand, wo Hofstetter ist?“

Hofstetter: „Nein.“

Hofstetter: „Keine Ahnung.“

Hofstetter: „Hat wirklich keiner von euch daran gedacht…“

Hofstetter: „Nä-ä.“

Hofstetter: „Was heisst hier ‚von euch’?!? Du hättest ihm genausogut einmal sagen können, dass wir wieder hier runterfliegen. Du siehst ihn schliesslich jeden Morgen und Abend im Badezimmer. Dann wäre er jetzt auch bei uns und…“

Hofstetter: „…ich führe keine Diskussionen im Konjunktiv.“

Hofstetter: „Sag mal, ganz ehrlich: Findest du das wirklich gut?“

Hofstetter: „Dass wir Hofstetter schon wieder daheim vergessen haben?“

Hofstetter: „Nein. Diesen Schoggi-Dürum.“

Hofstetter: „Hättest du lieber einen mit Früchten? Oder einen für Laktose-Inkontinente?“

Hofstetter: „Jessesgott!“

Hofstetter: „Wusst ichs doch.“

Hofstetter: „Ich bringe das Zeug beim besten Willen nicht runter.“

Hofstetter: „Dann lässt dus halt liegen. Man könnte schon meinen…“

Hofstetter: „Ich habe aber Hunger, tami!“

Hofstetter: “Wie alt bist du eigentlich?“

Hofstetter: „Gleich alt wie du.“

Hofstetter: „Du meinst: Gleich jung.“

Hofstetter: „Im Moment habe ich weniger ein Problem mit meinem Alter, als vielmehr mit diesem…diesem….“

Hofstetter: „Ich muss bei allem Respekt vor der osmanischen Kultur sagen: Ich bin ebenfalls ein bisschen irritiert. Erst verkündest du grossartig, dass du uns heute einmal regionale Spezialitäten vorführen willst…und dann schleppst du uns in eine Beiz, in der es Schoggi-Dürüms gibt.“

Hofstetter: „Eben.“

Hofstetter und Hofstetter (im Duett): „Was, eben?“

Hofstetter: „Schoggi-Dürüms sind eine hiesige Spezialität.“

Hofstetter: „Sagt wer?“

Hofstetter (zeigt auf einen sehr autoritär wirkenden Mann in einem “Staff” T-Shirt, der an der Kasse gerade die Tageseinnahmen zusammenzählt): „Der Typ da hat es mir vorhin verraten.“

Hofstetter: „Der Typ da ist offensichtlich der Betreiber dieses Lokals.“

Hofstetter: „Siehst du.“

Hofstetter: „…???“

Hofstetter: „Wer, wenn nicht ein eingeborener Wirt, könnte sagen, was eine regionale Spezialität ist und was nicht?“

Hofstetter: „Vielleicht hats ja auch Dürüms mit Fleisch.“

Hofstetter: „Fleisch ist sowas von out.“

Hofstetter: „Und das weisst du von…“

Hofstetter: „…den metoo-Leuten.“

Hofstetter: „Das ist doch etwas völlig anderes. Denen gehts um…“

Hofstetter: “…Gehyster ist Gehyster. Meinst du wirklich, ich frage hier in aller Öffentlichkeit, ob der werte Herr Kollege vielleicht etwas mit Fleisch haben könne, nur um dann von einem Flashmob tagelang kreuz quer über die Insel getrieben zu werden?“

Hofstetter: „Es heisst ‚Lynchmob’. Ein Flashmob ist, wenn man….“

Hofstetter: „…miteinander ein Flash hat. Das weiss ich dänk schon. Ich wollte dich nur testen.“

Hofstetter: „Was würdet ihr davon halten, wenn wir einfach in ein anderes Restaurant zügeln würden?“

Hofstetter: „Gute Idee.“

Hofstetter: „Matador! La fattura please; subito.“

Hofstetter (zu Hofstetter): „Falls jemand fragt: Ich kenne den nicht.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter bezahlen je mit einer der 100 Euro-Noten, die sie nach der Landung aus dem Bankomaten am Flughafen gezogen hatten. Dann schlendern sie durch die Beizengasse. Schon nach wenigen Schritten bleiben sie stehen.

Hofstetter: „Schaut mal!“

Hofstetter und Hofstetter: „Schon besser.“

Hofstetter: “Was gibts hier?”

Hofstetter: “Moment. Ich gehe mal schauen.” (Geht mal schauen. Dann rapportiert er: “Asiatisch und Chinesisch.”)

Hofstetter: „Aber: Warum ist da niemand?“

Hofstetter: „Stimmt. Warum isst da niemand?“

Hofstetter: “Solche Wortspielchen kannst du dir schenken.”

Hofstetter: “Wieso? Ist doch witzig, dieses ‘ist’ und ‘isst…”

Hofstetter: “Das funktioniert nur schriftlich. Und auf Hochdeutsch. Müsstest du eigentlich wissen.”

Hofstetter (kaum hörbar, mehr zu sich selber als zu den anderen): “Und so jemand arbeitet in unserem Büro.”

Akkutes Problem

Wenn mein E-Bike ein Mensch wäre, hätte der Arzt zu ihm gesagt: “Ihre Pumpe ist chli in die Jahre gekommen. Wir wechseln sie am besten aus, dann fühlen Sie sich sofort wie neugeboren.”

Nur: Das mit dem Auswechseln war so eine Sache. Wenige Tage zuvor hatte ich den Schlüssel für meinen Flyer verloren. Ohne ihn konnte ich den Akku nicht entfernen.

Also brachte ich das Gefährt zum Velohändler meines Vertrauens. Ich schilderte ihm mein Problem und sagte, ich würde die alte Batterie nicht mehr benötigen. Von mir aus könne er sie gerne mit der Trennscheibe oder sonstwie vom Zweirad mechen und durch eine neue ersetzen.

Toni – der Gewalt in jeder Form aufs Tiefste verabscheut – dachte nicht im Traum daran, zu schwerem Gerät zu greifen. Stattdessen erkundigte er sich in einem nahegelegenen Veloladen, der Flyer im Angebot hat, was in einem solchen Fall zu tun sei.

Der Mitbewerber sagte ihm, er könne einen Ersatzschlüssel bestellen. Toni sagte, das wäre wunderbar und bat den Flyer-Händler darum, dies sofort telefonisch zu erledigen.

Daraufhin schickte der Mitbewerber der Schlüsselfirma eine Mail. Eine Woche verging, ohne, dass Toni eine Antwort erhielt. Dann teilte ihm der hilfsbereite Konkurrent mit, die Schlüsselfirma lasse ausrichten, sie benötige für die Herstellung eines neuen Schlüssels zwei Wochen.

Das war nicht die Antwort, die Toni hören wollte. Er setzte sich persönlich mit der Schlüsselfirma in Verbindnug und erfuhr zu seinem nicht gelinden Erstaunen, dass diese den Schlüssel ihrerseits woanders habe ordern müssen.

Aus dem Mai wird gleich Juni. Ich habe die Hoffnung, darauf, meinen Flyer im Sommer wieder benützen zu können, noch nicht aufgegeben, frage mich aber langsam, in welchem.

 

Nachtrag 8. Juni: Das Warten geht weiter.  In der Flyerfabrik hätten sie vergessen, die Seriennummer meines Velos zu notieren. Deshalb könnten sie keinen Schlüssel nachmachen, teilten die Fabrikleute Toni mit. Aussergewöhnlich sei das nicht; so etwas komme “ab und zu vor”.

Nachtrag 10. Juni: Ich habe wieder einen Schlüssel. Den alten. Nach langem Suchen fand ich ihn, wobei ich mir nur schwerlich erklären kann, wieso ich ihn dort abgelegt hatte.

Vielleicht klappts ja beim dritten Versuch

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Freud’ und Frust liegen näher beieinander, als man denkt, wenn man sich nicht mit der Organisation seiner postalischen Angelegenheiten beschäftigen muss.

Schön ist: Die Post hat mein Gesuch um ein Postfach schon im zweiten Anlauf und nach nur wenigen Beschwerdeschreiben bewilligt (siehe Bild).

Weniger schön ist…aber ich mag das jetzt nicht noch einmal tippen. Ich copypaste deshalb einfach hierhin, was ich den Verantwortlichen des Gelben Riesen soeben mitgeteilt habe:

“Sehr geehrte Damen und Herren

Mitte März habe ich am Schalter in der Burgdorfer Hauptpost für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf ein Postfach beantragt.

Unter der Referenz-Nummer 48.02.340001.04661144 teilte mir Ihr Martin Kohlbach am 24. März mit, es sei Ihnen nicht möglich, mir ein Postfach zur Verfügung zu stellen, weil die “Sendungsmenge” dafür “zu gering” sei. Die Mindestmenge für ein kostenloses Postfach betrage “durchschnittlich 25 adressierte Briefe pro Woche oder fünf Briefe pro Tag”, teilte mir Herr Kohlbach mit.

Ich hatte der Dame am Schalter bei der Gesuchstellung angegeben, ich rechne für den Anfang – mein Geschäft wird erst am 1. Mai eröffnet – mit rund 15 Briefen täglich. Damit wäre die von Ihnen festgelegte Mindestsendungsmenge nach meinem Dafürhalten erfüllt gewesen.

Ende März beantragte ich online zum zweiten Mal ein Postfach. Diesem Gesuch haben Sie nun stattgegeben (die entsprechende Referenz-Nummer lautet 48.03.303044.047417071).

Leider haben Sie mir damit etwas bewilligt, was ich gar nicht gewünscht hatte. Denn dem Brief, den ich heute von Herrn Kohlbach erhalten habe, entnehme ich, dass das Postfach “auch für Sendungen für andere Mitglieder Ihres Haushaltes” zur Verfügung stehe und dass auch “Briefsendungen, die an Ihre Domiziladresse adressiert sind”, neu ebenfalls in dieses Postfach statt wie bisher in unseren Briefkasten am alten Markt 6 gelegt werden.

Nur: Das wollen weder die “anderen Mitglieder” meines Haushaltes, noch ist es das, was ich brauche, noch entspricht es folglich dem, worum ich nun schon zweimal schriftlich bei Ihnen nachgesucht habe.

Um weiteren Missverständnissen (und, zugegeben: einem langsam wachsenden Ärger meinerseits) vorzubeugen, wiederhole ich mein Anliegen hiermit zum dritten Mal:

Ich hätte gerne ein Postfach für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf. Diese wird am 1. Mai 2015 eröffnet. Es wäre sehr schön, wenn das Postfach ab spätestens dann zur Verfügung stehen würde. Die von mir geschätzte Eingangsmenge an adressierten Couverts beträgt rund 15 Stück pro Tag.

Falls Sie sich ausserstande sehen sollten, dieses Gesuch im positiven Sinne zu behandeln, bitte ich Sie, sämtliche Postsendungen, die an Hofstetter Kommunikation adressiert sind, in meinem Briefkasten am alten Markt 6 in Burgdorf zu deponieren. Meine Postfach-Anträge könnten Sie dann als nie erteilt worden betrachten.

Ein weiteres Formular werde ich so oder so nicht ausfüllen.”

Eines nach und mit dem anderen

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Einen Namen finden, den Namen registrieren, bei der AHV anmelden, im Handelsregister eintragen, ein Konto eröffnen, eine Website basteln, Passfotos machen, Drucksachen gestalten (lassen), Adressen sammeln, ein Büro suchen, das Büro mieten, den Grundkurs “Geschäftsführung” besuchen (1 Woche), Werbebriefe schreiben, ein Budget erarbeiten, mit der Treuhänderin reden, ein Postfach organisieren. um Referenzen bitten, Büromöbel suchen, den Hauptkurs “Geschäftsführung” besuchen (4 Wochen), einen Businessplan schreiben, die Website mit Inhalten füllen, erste Kundengespräche führen, Versicherungsdinge klären, einen Fotografen engagieren, mit Ämtern verhandeln, Zeitungen überfliegen, Gemeinde-, Firmen- und Vereinswebsites lesen, Newsletter abonnieren, die Corporate Identity festlegen, Kontakte reaktivieren und knüpfen, die Mailadresse registrieren, Möbel kaufen, eine Datenbank bauen, immer und immer wieder: Fragen stellen (sich selber und anderen Leuten), Daueraufträge einrichten, ein Marketingkonzept austüfteln, Formularstapel abbauen, einen Notar suchen, die Unterschrift beglaubigen lassen, Fachliteratur studieren, Social Media-Kanäle eröffnen, die Gästeliste für den Eröffnungsanlass zusammenstellen, Termine fixieren, die Bürotechnik installieren, reden, reden, reden, die Website überarbeiten, neue Werbebriefe schreiben, Formulare ergänzen, Papiere kopieren und so weiter, und so fort.

Wenn ich gewusst hätte, was alles zu erledigen ist, bevor ich mich beruflich selbstständig machen kann: Ich würde es wieder tun.

Die Vorbereitungsarbeiten schlauchen mich ziemlich – aber mit jedem Schrittli, das ich gehe, komme ich meinem grossen Ziel näher.

Am Postschalter, mit ohne K

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“Guten Tag. Ich eröffne am 1. Mai ein Büro in der Burgdorfer Oberstadt und brauche ein Postfach. Ist vielleicht noch eines frei?”

“Das weiss ich nicht. Da müssten wir nachschauen.”

“Dann schauen wir doch einfach nach.”

“Genau. Moment…”

(geht nach hinten und kehrt mit einem Formular in der Hand alsbald von dort zurück)

“…also. Ein Postfach.”

“Exakt.”

“Dafür müssen wir einen Antrag machen.”

“Gut.”

“Dann benötige ich…Moment…das ist eine Firma, sagen Sie.”

“Ja.”

“Haben Sie einem Ausweis dabei?”

“Natürlich.”

(lege den Ausweis auf den Schalter)

“Und Sie heissen…”

“…Hofstetter. Johannes Hofstetter.”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-s-t-e-t-t-l-e-r”)

“Entschuldigung, nein: Hofstetter.”

“Ja, klar. Moment….”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-f-s-t-e-t-t-l-e-r”)

“Sorry, nein: Mit ohne L.. Nur Hofstetter.”

“Ach so. Gut.”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-f-s-t-e-t-t-e-r”)

“Mit einem oder zwei T?”

“Hinten mit zwei, vorne mit einem. Macht im ganzen drei.”

“Gut. Das haben wir. Und das wäre ab…”

“…1. Mai. 1. Mai 2015.”

“Ich sehe gerade: das wäre dann ab dem 30..”

“April.”

“Nein, März.”

“Aber ich brauche das Fach erst ab dem 1. Mai.”

“Ach so. Natürlich. Dann 30. April. Das heisst: 27. 27. April. Das ist ein Montag. Wäre das gut?”

“Yup.”

“Und Ihr Büro heisst…”

“Hofstetter-Kommunikation. Mit einem Bindestrich.”

(tippt, hält inne, überlegt, tippt noch einen Buchstaben und schaut von der Tastatur auf)

“Jetzt muss ich doch fragen: Kommunikation mit C oder K?”

“Mit K.”

“Gut.”

(tippt, hält wieder inne, überlegt und schaut erneut von der Tastatur auf)

“Und dann noch einmal K oder…?”

“Wo?”

“Hinten.”

“Ja. Noch einmal K. Zweimal K. Einmal vorne, einmal in der Mitte.”

“Gut.”

(tippt)

“Und die Adresse?”

“Meine oder die vom Büro?”

“Die vom Büro. Zuerst die vom Büro.”

“Hohengasse 4.”

(tippt)

“…in? Also, ich meine: die Postleitzahl?”

“Burgdorf. Sorry: 3400”

“Gut. Das haben wir. Und privat?”

“Alter Markt, in zwei…”

“…zuerst die Nummer.”

“6.”

“Gut. Und dann…”

“Alter Markt. In zwei Wörtern. Burgdorf. 3400.”

“Klar.”

(tippt)

“Hier steht, dass wir angeben müssen, wieviele Briefe Sie erhalten werden. Nur ungefähr.”

“Das kann ich jetzt beim besten Willen noch nicht sagen. Ich habe ja noch nicht angefangen.”

“Ja. Aber ungefähr.”

“Pro Tag oder pro Woche?”

“Pro Tag.”

“Zehn. Sagen wir: Zehn bis fünfzehn.”

“Zehn bis fünfzehn?”

“Vielleicht sinds auch weniger. Oder mehr. Ich weiss es wirklich nicht.”

“Also: Zehn bis fünfzehn.”

(tippt)

“So. Das hätten wir. Jetzt bekommen Sie dann Post. Dann sollte das mit dem Postfach laufen.”

“Sehr schön, danke.”

“Danke auch. Auf Wiedersehen, Herr…”

“Auf Wiedersehen.”

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Über und unter den Wolken kann der Frust grenzenlos sein

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“«Travel Service Airlines» ist ein Profi im Charter-Fluggeschäft und erfüllt unseren Kunden (…) alle Wünsche”: Mit diesen Worten wirbt die Firma Travelhouse – laut Eigenwerbung “Die führenden Ferienspezialisten der Schweiz” – für ihren Partner, die Fluggesellschaft Travel Service.

Mit Travel Service arbeitet Travelhouse seit letztem Sommer zusammen. Damals ging die Schweizer Tiefstpreislinie Hello, mit der Travelhouse bis dahin kooperiert hatte, Konkurs. Also musste Travelhouse einen neuen Partner finden, der “unsere Gäste” – und damit weiter im Werbetext – “zuverlässig und komfortabel in ihre Ferien bringt”.

Wie Travelhouse auf die Idee kommen konnte, dass ausgerechnet Travel Service diese Kriterien am besten erfüllen würde, ist kaum nachvollziehbar. Denn die Adjektive “zuverlässig” und “komfortabel” passen nur sehr bedingt zum Label “Travel Service”.

“Travel Service”: Das verbinde ich vor allem mit “unzuverlässig”, “unfreundlich” und “unbequem”. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht alleine da: In einem “Airline-Test”, der von “Angolan Airlines” bis “Tyrolean Airlines” 54 Fluggesellschaften aufführt, von denen kein Mensch je gehört hat, belegt Travel Service den 41. Platz.

Als einzige Erklärung für den Schulterschluss bietet sich dem Laien folglich an: Travelhouse hat aus finanziellen Gründen einfach jenen Partner gewählt, der die Auslagen – zum Beispiel mit minimstem Personaleinsatz und Löhnen am Rande des Existenzminimums – so tief wie möglich hält.

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Dazu passt, was der Airline-Pilot und Aviatik-Fan “Danix” im Onlineportal “flightforum.ch” an die Adresse des ebenfalls mit Travel Service verbundenen Veranstalters Hotelplan zu bedenken gibt: “Es ist scheinheilig, wenn man Hello vorgeworfen hat, dass sie mit ihrem Personal unmenschlich umgehen, nur um jetzt den Markt von einem ähnlich operierenden Ausländer abdecken zu lassen.”

“Ähnlich operierend” geht im Fall “Travel Service” so: Sowohl der Flug QS4528 von Zürich nach Las Palmas am 5., als auch der Rückflug QS4529 am 12. April sind um über eine Stunde verspätet. Auf dem Hinweg kommt hinzu: Als die Passagiere endlich im mit laufendem Motor wartenden Bus zum Flugzeug zusammengepfercht sind, müssen sie in totaler Ahnungslosigkeit über das Warum und Wielangenoch eine halbe Ewigkeit ausharren, bis sich das Gefährt in Bewegung setzt.

Weder in Zürich noch auf Las Palmas werden die wartenden Gäste über den Grund für die umterminierten Flüge informiert. Beide Male erachten es die Travel Service-Verantwortlichen als nicht angezeigt, sich bei ihren Kunden für das aktuelle und noch folgende Ungemach (verpasste Anschlusszüge oder -flüge, im Ungewissen gelassene Angehörige am Bestimmungsort und so weiter) zu entschuldigen.

Der Service an Bord ist mit “lieblos” nur unzureichend beschrieben, doch dafür bleiben wir damit auf der juristisch sicheren Seite. Vor dem Start gibts Orangensaft und Wasser, aber nicht für alle. Falls der Fruchtsaft von einer ähnlichen Qualität gewesen sein sollte wie die Hühner- und Härdöpfelpampe, die einem später ohne Vorwarnung und wortlos aufs Tischli geknallt wird, hat allerdings keiner der Übergangenen viel verpasst.

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Wer sein iPad oder iPhone (im Flugmodus!) eingeschaltet hat, um zu lesen oder Musik zu hören, wird nicht, wie in anderen Jets, freundlich gebeten, das Gerät während der Start- und Landephase zu deaktivieren, sondern in einem Ton, der jeden Oberstleutnant erstarren liesse, zum “Switch it off!!!” verdonnert. Ein Lächeln der Flight Attendants kostet wohl extra. Wer bar bezahlt, geniessts sogar zum Dutyfree-Tarif.

Die Schuld an der Misere dem Personal in die Schuhe zu schieben, wäre aber unfair. Die zwei Damen und der Herr, die zwischen den thrombös eng bestuhlten Sitzreihen Dienst nach Vorschrift leisten, haben vor noch nicht allzulanger Zeit vielleicht in den rosarotesten Farben davon geträumt, sich hoch über den Wolken aufmerksam – und anständig entschädigt – um ihre Klientel kümmern zu dürfen.

Dann landeten sie bei Travel Service und damit auf dem Boden der luftfahrttechnischen Realitäten: Nur was und wer nicht kostet, ist für unzählige Anbieter in der Flugschnäppchenbranche etwas wert.

Jetzt geht es für sie nur noch darum, die rund 40 Jahre bis zur Pensionierung mit einem letzten Rest Selbstachtung über die Runden zu bringen. “Wenn wir uns schon von den Chefs alles gefallen lassen müssen, spielen wir zumindest für die Passagiere nicht die daueraufgestellten Hampelmänner und -frauen”: Mit diesem Gedanken steigen sie jeden Tag aus irgendeinem Hotelbett. Man mag sich das gar nicht zu plastisch vorstellen.

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Unmittelbar nach der Landung in Zürich schrieb ich auf Facebook, dass ich der Firma Travel Service dringend eine Namensänderung empfehle: “Getravelled wird nur mit Verspätung, der Service entspricht dem aktuellen Standard an Bord von MH370.”

Minuten später meldeten sich zwei Facebook-Freundinnen, die mit diesem Unternehmen ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Die eine notierte:

“Wir sind letztes Jahr auch mit Travel Service auf die Kanaren geflogen. Hin- und Rückflug mit Verspätung. Beim Einchecken für den Rückflug hiess es zuerst fünf Stunden, schlussendlich waren es “nur” gute drei Stunden. Ein Grund wurde uns nicht genannt, Entschuldigung kam auch keine. Einmal, aber nie wieder!!!”

Noch übler war es der anderen Freundin ergangen: Sie hatte auf ihrem Flug von Las Palmas nach Zürich sieben Stunden Verspätung, was nicht zuletzt auf eine unangekündigte Zwischenlandung auf Teneriffa zurückzuführen war.

Sieben Stunden Verspätung: Das ist bei Travel Service offensichtlich nichts Aussergewöhnliches.

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Genauso lange wartete in der Hauptstadt von Gran Canaria auch ein gewisser Artur Nideröst auf den Take-off. Das Flugzeug, das ihn heim in die Schweiz bringen sollte, sah Nideröst zwar auf der Startbahn stehen. Er realisiert auch, wie es abhob.

Nur sass er nicht drin.

«Kein Mensch sagte uns, was los war», erzählte Niederöst später dem Konsumentenmagazin K-Tipp. Erst nach beharrlichem Durchfragen am Flughafen und einem Gespräch mit der Hotline seines Reiseveranstaltes habe er den Grund für die Flugverspätung erfahren – “aber nicht, wie lange das Warten noch dauern würde”. und: “Einen Verpflegungsbon gab es erst nach Insistieren.”

Der komplette Artikel mit Niderösts Geschichte findet sich hier.

Ich gehe nicht davon aus, dass dies der letzte Erlebnisbericht bleibt, den der K-Tipp über enttäuschte Travel Service-Kunden veröffentlichen kann.

Kleines Imageproblem

Das ist jetzt doch ein wenig ernüchternd: Ein Vierteljahrhundert lang bildete ich mir mit einigem Erfolg ein, die seriöse Minderheit der schreibenden Zunft zu vertreten. Ich dachte, dass alles das meiste von dem, was ich tippe, die Menschheit irgendwie weiterbringen würde.

Kurz: Ich war fest davon überzeugt, als Journalist und Blogger einen Beitrag wider die intellektuelle Verarmung der Welt zu leisten.

Und dann…dann finde ich mich auf der Website einer Berner Liegenschaftsvermittlung wieder; unter der Rubrik “Gute Unterhaltung”:

Aus der Hölle

Einmal, sagte die Frau um die 40, habe der Chef ihr geraten, “meine Reize ein bisschen besser zur Geltung zu bringen”; das hebe den Umsatz. Immer wieder habe er von ihr gefordert, den Leuten mehr Waren auf Kredit zu verkaufen. Doch das, sagte sie, sei ihr zuwider gewesen. “Vor allem bei jungen Leuten hatte ich Skrupel.” An einer Weihnachtsfeier sei der Chef schon nachmittags um 3 betrunken gewesen. Als sie und eine Kollegin die Festivitäten vorzeitig verlassen wollten, habe er versucht, sie zu küssen.

Ein anderer Vorgesetzter habe sie wissen lassen, erzählte die Frau weiter, dass er sich durchaus vorstellen könnte, mit ihr etwas anzufangen – “ausserhalb der Arbeit”, versteht sich. Pausengespräche mit Kolleginnen seien faktisch verboten gewesen.

“Manchmal”, sagte die Frau heute Morgen vor Gericht, “war es die Hölle”.

Irgendwann meldete sich eine junge Frau, die ihr Geld ebenfalls in der Hölle verdiente, per Telefon bei der älteren Frau und teilte ihr schluchzend mit, der Chef habe sie sexuell belästigt. Sie wagte sich nicht mehr nach Hause. Die ältere Frau nahm die jüngere vorübergehend bei sich auf. Wenig später erzählten zwei weitere Mitarbeiterinnen ihr als inoffiziellen Team-Mami dasselbe.

“Jetzt längts!”, sagte sich die ältere Frau. Mit einem eingeschriebenen Brief orientierte sie die Chefs ihres Chefs über die Zustände in ihrem Betrieb. Am selben Tag, an dem die Beschwerde die Chefchefs erreichte, wurde sie ins Büro ihres Vorgesetzten zitiert. Eine Viertelstunde später stand sie, fristlos entlassen, vor der Türe. Die zwei Männer, die sie dorthin gebracht hatten, sagten zum Abschied, sie solle sich hier nie mehr blicken lassen.

Ob der Chef sich tatsächlich an Mitarbeiterinnen vergangen hat, wurde juristisch nie abschliessend erörtert. Zwei Frauen zeigten ihn zwar an. Doch das eine Verfahren wurde mangels Beweisen eingestellt, das andere endete mit einem aussergerichtlichen Vergleich. Beide Frauen – sie arbeiten inzwischen nicht mehr in der Firma – erhielten von vermeintlichen Täter Geld. Wofür und wieviel genau, ist nicht ganz klar.

Die ältere Frau aber lässt sich den Rauswurf nicht einfach so bieten. Sie hat die Firma wegen missbräuchlicher Kündigung verklagt.

Heute fand die erste Verhandlung zur Sache statt. Der Richter fragte die Parteien, ob sie sich allenfalls auch ohne Mitwirkung der Justiz einigen könnten. Ja, sagte der Anwalt der Frau: Wenn die Firma seiner Mandantin 12 000 Franken bezahle, sei die Sache vom Tisch. Nein, sagte die Firma. Die Frau habe ihre Geschichte schon dem Lokalfernsehen erzählt. Andere Medien hätten die Story aufgegriffen. Damit habe die Firma keinen Grund mehr, ihr entgegenzukommen.

Ein Direktor der Firma versicherte, die Mitarbeiterin sei nicht wegen dieses Briefes entlassen worden, sondern, weil sie ihre Leistung nicht gebracht habe. Abgesehen davon habe sie menschliche Dezifite gehabt. Bei einem Mitarbeitergespräch habe man sie gewarnt, dass ihr der Rauswurf drohe, wenn sie sich nicht bessere. Einen Monat später habe die Firma keine Fortschritte erkennen können. Also habe der Chef die Konsequenzen gezogen.

Die Firma liess das Gericht schriftlich wissen, man habe sich fristlos von der Mitarbeiterin getrennt, um ihr soviel Zeit wie möglich zu geben, sich nach einer neuen Stelle umzusehen.

An den Vorwürfen gegen den Chef sei im Übrigen nichts dran, sagte der Chef des Chefs dem Richter. Eine interne Untersuchung habe ergeben, dass es keine Gründe gebe, gegen ihn Massnahmen zu ergreifen.

Der Chef, der der Frau das Leben zur Hölle gemacht hatte, arbeitet immer noch in der Firma.

Als Gerichtsberichterstatter hat man dazusitzen, zu schweigen und zu notieren, was die Leute sagen. Das ist normalerweise kein Problem. Doch heute Morgen hätte ich der Frau gerne zugerufen, sie solle doch froh sein, dieser Firma entronnen zu sein, auch wenn sie jetzt keinen Job mehr hat.

Ob die Kündigung unrechtmässig oder gerechtfertig war, weiss noch niemand. Das Gericht setzt die Verhandlung nächstes Jahr fort. Dann wird auch der Chef  aussagen müssen. Irgendwie kann ich mir heute schon vorstellen, wie seine Version der Geschehnisse klingen wird.