Akkutes Problem

Wenn mein E-Bike ein Mensch wäre, hätte der Arzt zu ihm gesagt: “Ihre Pumpe ist chli in die Jahre gekommen. Wir wechseln sie am besten aus, dann fühlen Sie sich sofort wie neugeboren.”

Nur: Das mit dem Auswechseln war so eine Sache. Wenige Tage zuvor hatte ich den Schlüssel für meinen Flyer verloren. Ohne ihn konnte ich den Akku nicht entfernen.

Also brachte ich das Gefährt zum Velohändler meines Vertrauens. Ich schilderte ihm mein Problem und sagte, ich würde die alte Batterie nicht mehr benötigen. Von mir aus könne er sie gerne mit der Trennscheibe oder sonstwie vom Zweirad mechen und durch eine neue ersetzen.

Toni – der Gewalt in jeder Form aufs Tiefste verabscheut – dachte nicht im Traum daran, zu schwerem Gerät zu greifen. Stattdessen erkundigte er sich in einem nahegelegenen Veloladen, der Flyer im Angebot hat, was in einem solchen Fall zu tun sei.

Der Mitbewerber sagte ihm, er könne einen Ersatzschlüssel bestellen. Toni sagte, das wäre wunderbar und bat den Flyer-Händler darum, dies sofort telefonisch zu erledigen.

Daraufhin schickte der Mitbewerber der Schlüsselfirma eine Mail. Eine Woche verging, ohne, dass Toni eine Antwort erhielt. Dann teilte ihm der hilfsbereite Konkurrent mit, die Schlüsselfirma lasse ausrichten, sie benötige für die Herstellung eines neuen Schlüssels zwei Wochen.

Das war nicht die Antwort, die Toni hören wollte. Er setzte sich persönlich mit der Schlüsselfirma in Verbindnug und erfuhr zu seinem nicht gelinden Erstaunen, dass diese den Schlüssel ihrerseits woanders habe ordern müssen.

Aus dem Mai wird gleich Juni. Ich habe die Hoffnung, darauf, meinen Flyer im Sommer wieder benützen zu können, noch nicht aufgegeben, frage mich aber langsam, in welchem.

 

Nachtrag 8. Juni: Das Warten geht weiter.  In der Flyerfabrik hätten sie vergessen, die Seriennummer meines Velos zu notieren. Deshalb könnten sie keinen Schlüssel nachmachen, teilten die Fabrikleute Toni mit. Aussergewöhnlich sei das nicht; so etwas komme “ab und zu vor”.

Nachtrag 10. Juni: Ich habe wieder einen Schlüssel. Den alten. Nach langem Suchen fand ich ihn, wobei ich mir nur schwerlich erklären kann, wieso ich ihn dort abgelegt hatte.

Vielleicht klappts ja beim dritten Versuch

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Freud’ und Frust liegen näher beieinander, als man denkt, wenn man sich nicht mit der Organisation seiner postalischen Angelegenheiten beschäftigen muss.

Schön ist: Die Post hat mein Gesuch um ein Postfach schon im zweiten Anlauf und nach nur wenigen Beschwerdeschreiben bewilligt (siehe Bild).

Weniger schön ist…aber ich mag das jetzt nicht noch einmal tippen. Ich copypaste deshalb einfach hierhin, was ich den Verantwortlichen des Gelben Riesen soeben mitgeteilt habe:

“Sehr geehrte Damen und Herren

Mitte März habe ich am Schalter in der Burgdorfer Hauptpost für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf ein Postfach beantragt.

Unter der Referenz-Nummer 48.02.340001.04661144 teilte mir Ihr Martin Kohlbach am 24. März mit, es sei Ihnen nicht möglich, mir ein Postfach zur Verfügung zu stellen, weil die “Sendungsmenge” dafür “zu gering” sei. Die Mindestmenge für ein kostenloses Postfach betrage “durchschnittlich 25 adressierte Briefe pro Woche oder fünf Briefe pro Tag”, teilte mir Herr Kohlbach mit.

Ich hatte der Dame am Schalter bei der Gesuchstellung angegeben, ich rechne für den Anfang – mein Geschäft wird erst am 1. Mai eröffnet – mit rund 15 Briefen täglich. Damit wäre die von Ihnen festgelegte Mindestsendungsmenge nach meinem Dafürhalten erfüllt gewesen.

Ende März beantragte ich online zum zweiten Mal ein Postfach. Diesem Gesuch haben Sie nun stattgegeben (die entsprechende Referenz-Nummer lautet 48.03.303044.047417071).

Leider haben Sie mir damit etwas bewilligt, was ich gar nicht gewünscht hatte. Denn dem Brief, den ich heute von Herrn Kohlbach erhalten habe, entnehme ich, dass das Postfach “auch für Sendungen für andere Mitglieder Ihres Haushaltes” zur Verfügung stehe und dass auch “Briefsendungen, die an Ihre Domiziladresse adressiert sind”, neu ebenfalls in dieses Postfach statt wie bisher in unseren Briefkasten am alten Markt 6 gelegt werden.

Nur: Das wollen weder die “anderen Mitglieder” meines Haushaltes, noch ist es das, was ich brauche, noch entspricht es folglich dem, worum ich nun schon zweimal schriftlich bei Ihnen nachgesucht habe.

Um weiteren Missverständnissen (und, zugegeben: einem langsam wachsenden Ärger meinerseits) vorzubeugen, wiederhole ich mein Anliegen hiermit zum dritten Mal:

Ich hätte gerne ein Postfach für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf. Diese wird am 1. Mai 2015 eröffnet. Es wäre sehr schön, wenn das Postfach ab spätestens dann zur Verfügung stehen würde. Die von mir geschätzte Eingangsmenge an adressierten Couverts beträgt rund 15 Stück pro Tag.

Falls Sie sich ausserstande sehen sollten, dieses Gesuch im positiven Sinne zu behandeln, bitte ich Sie, sämtliche Postsendungen, die an Hofstetter Kommunikation adressiert sind, in meinem Briefkasten am alten Markt 6 in Burgdorf zu deponieren. Meine Postfach-Anträge könnten Sie dann als nie erteilt worden betrachten.

Ein weiteres Formular werde ich so oder so nicht ausfüllen.”

Eines nach und mit dem anderen

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Einen Namen finden, den Namen registrieren, bei der AHV anmelden, im Handelsregister eintragen, ein Konto eröffnen, eine Website basteln, Passfotos machen, Drucksachen gestalten (lassen), Adressen sammeln, ein Büro suchen, das Büro mieten, den Grundkurs “Geschäftsführung” besuchen (1 Woche), Werbebriefe schreiben, ein Budget erarbeiten, mit der Treuhänderin reden, ein Postfach organisieren. um Referenzen bitten, Büromöbel suchen, den Hauptkurs “Geschäftsführung” besuchen (4 Wochen), einen Businessplan schreiben, die Website mit Inhalten füllen, erste Kundengespräche führen, Versicherungsdinge klären, einen Fotografen engagieren, mit Ämtern verhandeln, Zeitungen überfliegen, Gemeinde-, Firmen- und Vereinswebsites lesen, Newsletter abonnieren, die Corporate Identity festlegen, Kontakte reaktivieren und knüpfen, die Mailadresse registrieren, Möbel kaufen, eine Datenbank bauen, immer und immer wieder: Fragen stellen (sich selber und anderen Leuten), Daueraufträge einrichten, ein Marketingkonzept austüfteln, Formularstapel abbauen, einen Notar suchen, die Unterschrift beglaubigen lassen, Fachliteratur studieren, Social Media-Kanäle eröffnen, die Gästeliste für den Eröffnungsanlass zusammenstellen, Termine fixieren, die Bürotechnik installieren, reden, reden, reden, die Website überarbeiten, neue Werbebriefe schreiben, Formulare ergänzen, Papiere kopieren und so weiter, und so fort.

Wenn ich gewusst hätte, was alles zu erledigen ist, bevor ich mich beruflich selbstständig machen kann: Ich würde es wieder tun.

Die Vorbereitungsarbeiten schlauchen mich ziemlich – aber mit jedem Schrittli, das ich gehe, komme ich meinem grossen Ziel näher.

Am Postschalter, mit ohne K

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“Guten Tag. Ich eröffne am 1. Mai ein Büro in der Burgdorfer Oberstadt und brauche ein Postfach. Ist vielleicht noch eines frei?”

“Das weiss ich nicht. Da müssten wir nachschauen.”

“Dann schauen wir doch einfach nach.”

“Genau. Moment…”

(geht nach hinten und kehrt mit einem Formular in der Hand alsbald von dort zurück)

“…also. Ein Postfach.”

“Exakt.”

“Dafür müssen wir einen Antrag machen.”

“Gut.”

“Dann benötige ich…Moment…das ist eine Firma, sagen Sie.”

“Ja.”

“Haben Sie einem Ausweis dabei?”

“Natürlich.”

(lege den Ausweis auf den Schalter)

“Und Sie heissen…”

“…Hofstetter. Johannes Hofstetter.”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-s-t-e-t-t-l-e-r”)

“Entschuldigung, nein: Hofstetter.”

“Ja, klar. Moment….”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-f-s-t-e-t-t-l-e-r”)

“Sorry, nein: Mit ohne L.. Nur Hofstetter.”

“Ach so. Gut.”

(tippt und sagt dazu leise zu sich selber: “H-o-f-s-t-e-t-t-e-r”)

“Mit einem oder zwei T?”

“Hinten mit zwei, vorne mit einem. Macht im ganzen drei.”

“Gut. Das haben wir. Und das wäre ab…”

“…1. Mai. 1. Mai 2015.”

“Ich sehe gerade: das wäre dann ab dem 30..”

“April.”

“Nein, März.”

“Aber ich brauche das Fach erst ab dem 1. Mai.”

“Ach so. Natürlich. Dann 30. April. Das heisst: 27. 27. April. Das ist ein Montag. Wäre das gut?”

“Yup.”

“Und Ihr Büro heisst…”

“Hofstetter-Kommunikation. Mit einem Bindestrich.”

(tippt, hält inne, überlegt, tippt noch einen Buchstaben und schaut von der Tastatur auf)

“Jetzt muss ich doch fragen: Kommunikation mit C oder K?”

“Mit K.”

“Gut.”

(tippt, hält wieder inne, überlegt und schaut erneut von der Tastatur auf)

“Und dann noch einmal K oder…?”

“Wo?”

“Hinten.”

“Ja. Noch einmal K. Zweimal K. Einmal vorne, einmal in der Mitte.”

“Gut.”

(tippt)

“Und die Adresse?”

“Meine oder die vom Büro?”

“Die vom Büro. Zuerst die vom Büro.”

“Hohengasse 4.”

(tippt)

“…in? Also, ich meine: die Postleitzahl?”

“Burgdorf. Sorry: 3400”

“Gut. Das haben wir. Und privat?”

“Alter Markt, in zwei…”

“…zuerst die Nummer.”

“6.”

“Gut. Und dann…”

“Alter Markt. In zwei Wörtern. Burgdorf. 3400.”

“Klar.”

(tippt)

“Hier steht, dass wir angeben müssen, wieviele Briefe Sie erhalten werden. Nur ungefähr.”

“Das kann ich jetzt beim besten Willen noch nicht sagen. Ich habe ja noch nicht angefangen.”

“Ja. Aber ungefähr.”

“Pro Tag oder pro Woche?”

“Pro Tag.”

“Zehn. Sagen wir: Zehn bis fünfzehn.”

“Zehn bis fünfzehn?”

“Vielleicht sinds auch weniger. Oder mehr. Ich weiss es wirklich nicht.”

“Also: Zehn bis fünfzehn.”

(tippt)

“So. Das hätten wir. Jetzt bekommen Sie dann Post. Dann sollte das mit dem Postfach laufen.”

“Sehr schön, danke.”

“Danke auch. Auf Wiedersehen, Herr…”

“Auf Wiedersehen.”

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Über und unter den Wolken kann der Frust grenzenlos sein

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“«Travel Service Airlines» ist ein Profi im Charter-Fluggeschäft und erfüllt unseren Kunden (…) alle Wünsche”: Mit diesen Worten wirbt die Firma Travelhouse – laut Eigenwerbung “Die führenden Ferienspezialisten der Schweiz” – für ihren Partner, die Fluggesellschaft Travel Service.

Mit Travel Service arbeitet Travelhouse seit letztem Sommer zusammen. Damals ging die Schweizer Tiefstpreislinie Hello, mit der Travelhouse bis dahin kooperiert hatte, Konkurs. Also musste Travelhouse einen neuen Partner finden, der “unsere Gäste” – und damit weiter im Werbetext – “zuverlässig und komfortabel in ihre Ferien bringt”.

Wie Travelhouse auf die Idee kommen konnte, dass ausgerechnet Travel Service diese Kriterien am besten erfüllen würde, ist kaum nachvollziehbar. Denn die Adjektive “zuverlässig” und “komfortabel” passen nur sehr bedingt zum Label “Travel Service”.

“Travel Service”: Das verbinde ich vor allem mit “unzuverlässig”, “unfreundlich” und “unbequem”. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht alleine da: In einem “Airline-Test”, der von “Angolan Airlines” bis “Tyrolean Airlines” 54 Fluggesellschaften aufführt, von denen kein Mensch je gehört hat, belegt Travel Service den 41. Platz.

Als einzige Erklärung für den Schulterschluss bietet sich dem Laien folglich an: Travelhouse hat aus finanziellen Gründen einfach jenen Partner gewählt, der die Auslagen – zum Beispiel mit minimstem Personaleinsatz und Löhnen am Rande des Existenzminimums – so tief wie möglich hält.

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Dazu passt, was der Airline-Pilot und Aviatik-Fan “Danix” im Onlineportal “flightforum.ch” an die Adresse des ebenfalls mit Travel Service verbundenen Veranstalters Hotelplan zu bedenken gibt: “Es ist scheinheilig, wenn man Hello vorgeworfen hat, dass sie mit ihrem Personal unmenschlich umgehen, nur um jetzt den Markt von einem ähnlich operierenden Ausländer abdecken zu lassen.”

“Ähnlich operierend” geht im Fall “Travel Service” so: Sowohl der Flug QS4528 von Zürich nach Las Palmas am 5., als auch der Rückflug QS4529 am 12. April sind um über eine Stunde verspätet. Auf dem Hinweg kommt hinzu: Als die Passagiere endlich im mit laufendem Motor wartenden Bus zum Flugzeug zusammengepfercht sind, müssen sie in totaler Ahnungslosigkeit über das Warum und Wielangenoch eine halbe Ewigkeit ausharren, bis sich das Gefährt in Bewegung setzt.

Weder in Zürich noch auf Las Palmas werden die wartenden Gäste über den Grund für die umterminierten Flüge informiert. Beide Male erachten es die Travel Service-Verantwortlichen als nicht angezeigt, sich bei ihren Kunden für das aktuelle und noch folgende Ungemach (verpasste Anschlusszüge oder -flüge, im Ungewissen gelassene Angehörige am Bestimmungsort und so weiter) zu entschuldigen.

Der Service an Bord ist mit “lieblos” nur unzureichend beschrieben, doch dafür bleiben wir damit auf der juristisch sicheren Seite. Vor dem Start gibts Orangensaft und Wasser, aber nicht für alle. Falls der Fruchtsaft von einer ähnlichen Qualität gewesen sein sollte wie die Hühner- und Härdöpfelpampe, die einem später ohne Vorwarnung und wortlos aufs Tischli geknallt wird, hat allerdings keiner der Übergangenen viel verpasst.

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Wer sein iPad oder iPhone (im Flugmodus!) eingeschaltet hat, um zu lesen oder Musik zu hören, wird nicht, wie in anderen Jets, freundlich gebeten, das Gerät während der Start- und Landephase zu deaktivieren, sondern in einem Ton, der jeden Oberstleutnant erstarren liesse, zum “Switch it off!!!” verdonnert. Ein Lächeln der Flight Attendants kostet wohl extra. Wer bar bezahlt, geniessts sogar zum Dutyfree-Tarif.

Die Schuld an der Misere dem Personal in die Schuhe zu schieben, wäre aber unfair. Die zwei Damen und der Herr, die zwischen den thrombös eng bestuhlten Sitzreihen Dienst nach Vorschrift leisten, haben vor noch nicht allzulanger Zeit vielleicht in den rosarotesten Farben davon geträumt, sich hoch über den Wolken aufmerksam – und anständig entschädigt – um ihre Klientel kümmern zu dürfen.

Dann landeten sie bei Travel Service und damit auf dem Boden der luftfahrttechnischen Realitäten: Nur was und wer nicht kostet, ist für unzählige Anbieter in der Flugschnäppchenbranche etwas wert.

Jetzt geht es für sie nur noch darum, die rund 40 Jahre bis zur Pensionierung mit einem letzten Rest Selbstachtung über die Runden zu bringen. “Wenn wir uns schon von den Chefs alles gefallen lassen müssen, spielen wir zumindest für die Passagiere nicht die daueraufgestellten Hampelmänner und -frauen”: Mit diesem Gedanken steigen sie jeden Tag aus irgendeinem Hotelbett. Man mag sich das gar nicht zu plastisch vorstellen.

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Unmittelbar nach der Landung in Zürich schrieb ich auf Facebook, dass ich der Firma Travel Service dringend eine Namensänderung empfehle: “Getravelled wird nur mit Verspätung, der Service entspricht dem aktuellen Standard an Bord von MH370.”

Minuten später meldeten sich zwei Facebook-Freundinnen, die mit diesem Unternehmen ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Die eine notierte:

“Wir sind letztes Jahr auch mit Travel Service auf die Kanaren geflogen. Hin- und Rückflug mit Verspätung. Beim Einchecken für den Rückflug hiess es zuerst fünf Stunden, schlussendlich waren es “nur” gute drei Stunden. Ein Grund wurde uns nicht genannt, Entschuldigung kam auch keine. Einmal, aber nie wieder!!!”

Noch übler war es der anderen Freundin ergangen: Sie hatte auf ihrem Flug von Las Palmas nach Zürich sieben Stunden Verspätung, was nicht zuletzt auf eine unangekündigte Zwischenlandung auf Teneriffa zurückzuführen war.

Sieben Stunden Verspätung: Das ist bei Travel Service offensichtlich nichts Aussergewöhnliches.

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Genauso lange wartete in der Hauptstadt von Gran Canaria auch ein gewisser Artur Nideröst auf den Take-off. Das Flugzeug, das ihn heim in die Schweiz bringen sollte, sah Nideröst zwar auf der Startbahn stehen. Er realisiert auch, wie es abhob.

Nur sass er nicht drin.

«Kein Mensch sagte uns, was los war», erzählte Niederöst später dem Konsumentenmagazin K-Tipp. Erst nach beharrlichem Durchfragen am Flughafen und einem Gespräch mit der Hotline seines Reiseveranstaltes habe er den Grund für die Flugverspätung erfahren – “aber nicht, wie lange das Warten noch dauern würde”. und: “Einen Verpflegungsbon gab es erst nach Insistieren.”

Der komplette Artikel mit Niderösts Geschichte findet sich hier.

Ich gehe nicht davon aus, dass dies der letzte Erlebnisbericht bleibt, den der K-Tipp über enttäuschte Travel Service-Kunden veröffentlichen kann.

Kleines Imageproblem

Das ist jetzt doch ein wenig ernüchternd: Ein Vierteljahrhundert lang bildete ich mir mit einigem Erfolg ein, die seriöse Minderheit der schreibenden Zunft zu vertreten. Ich dachte, dass alles das meiste von dem, was ich tippe, die Menschheit irgendwie weiterbringen würde.

Kurz: Ich war fest davon überzeugt, als Journalist und Blogger einen Beitrag wider die intellektuelle Verarmung der Welt zu leisten.

Und dann…dann finde ich mich auf der Website einer Berner Liegenschaftsvermittlung wieder; unter der Rubrik “Gute Unterhaltung”:

Aus der Hölle

Einmal, sagte die Frau um die 40, habe der Chef ihr geraten, “meine Reize ein bisschen besser zur Geltung zu bringen”; das hebe den Umsatz. Immer wieder habe er von ihr gefordert, den Leuten mehr Waren auf Kredit zu verkaufen. Doch das, sagte sie, sei ihr zuwider gewesen. “Vor allem bei jungen Leuten hatte ich Skrupel.” An einer Weihnachtsfeier sei der Chef schon nachmittags um 3 betrunken gewesen. Als sie und eine Kollegin die Festivitäten vorzeitig verlassen wollten, habe er versucht, sie zu küssen.

Ein anderer Vorgesetzter habe sie wissen lassen, erzählte die Frau weiter, dass er sich durchaus vorstellen könnte, mit ihr etwas anzufangen – “ausserhalb der Arbeit”, versteht sich. Pausengespräche mit Kolleginnen seien faktisch verboten gewesen.

“Manchmal”, sagte die Frau heute Morgen vor Gericht, “war es die Hölle”.

Irgendwann meldete sich eine junge Frau, die ihr Geld ebenfalls in der Hölle verdiente, per Telefon bei der älteren Frau und teilte ihr schluchzend mit, der Chef habe sie sexuell belästigt. Sie wagte sich nicht mehr nach Hause. Die ältere Frau nahm die jüngere vorübergehend bei sich auf. Wenig später erzählten zwei weitere Mitarbeiterinnen ihr als inoffiziellen Team-Mami dasselbe.

“Jetzt längts!”, sagte sich die ältere Frau. Mit einem eingeschriebenen Brief orientierte sie die Chefs ihres Chefs über die Zustände in ihrem Betrieb. Am selben Tag, an dem die Beschwerde die Chefchefs erreichte, wurde sie ins Büro ihres Vorgesetzten zitiert. Eine Viertelstunde später stand sie, fristlos entlassen, vor der Türe. Die zwei Männer, die sie dorthin gebracht hatten, sagten zum Abschied, sie solle sich hier nie mehr blicken lassen.

Ob der Chef sich tatsächlich an Mitarbeiterinnen vergangen hat, wurde juristisch nie abschliessend erörtert. Zwei Frauen zeigten ihn zwar an. Doch das eine Verfahren wurde mangels Beweisen eingestellt, das andere endete mit einem aussergerichtlichen Vergleich. Beide Frauen – sie arbeiten inzwischen nicht mehr in der Firma – erhielten von vermeintlichen Täter Geld. Wofür und wieviel genau, ist nicht ganz klar.

Die ältere Frau aber lässt sich den Rauswurf nicht einfach so bieten. Sie hat die Firma wegen missbräuchlicher Kündigung verklagt.

Heute fand die erste Verhandlung zur Sache statt. Der Richter fragte die Parteien, ob sie sich allenfalls auch ohne Mitwirkung der Justiz einigen könnten. Ja, sagte der Anwalt der Frau: Wenn die Firma seiner Mandantin 12 000 Franken bezahle, sei die Sache vom Tisch. Nein, sagte die Firma. Die Frau habe ihre Geschichte schon dem Lokalfernsehen erzählt. Andere Medien hätten die Story aufgegriffen. Damit habe die Firma keinen Grund mehr, ihr entgegenzukommen.

Ein Direktor der Firma versicherte, die Mitarbeiterin sei nicht wegen dieses Briefes entlassen worden, sondern, weil sie ihre Leistung nicht gebracht habe. Abgesehen davon habe sie menschliche Dezifite gehabt. Bei einem Mitarbeitergespräch habe man sie gewarnt, dass ihr der Rauswurf drohe, wenn sie sich nicht bessere. Einen Monat später habe die Firma keine Fortschritte erkennen können. Also habe der Chef die Konsequenzen gezogen.

Die Firma liess das Gericht schriftlich wissen, man habe sich fristlos von der Mitarbeiterin getrennt, um ihr soviel Zeit wie möglich zu geben, sich nach einer neuen Stelle umzusehen.

An den Vorwürfen gegen den Chef sei im Übrigen nichts dran, sagte der Chef des Chefs dem Richter. Eine interne Untersuchung habe ergeben, dass es keine Gründe gebe, gegen ihn Massnahmen zu ergreifen.

Der Chef, der der Frau das Leben zur Hölle gemacht hatte, arbeitet immer noch in der Firma.

Als Gerichtsberichterstatter hat man dazusitzen, zu schweigen und zu notieren, was die Leute sagen. Das ist normalerweise kein Problem. Doch heute Morgen hätte ich der Frau gerne zugerufen, sie solle doch froh sein, dieser Firma entronnen zu sein, auch wenn sie jetzt keinen Job mehr hat.

Ob die Kündigung unrechtmässig oder gerechtfertig war, weiss noch niemand. Das Gericht setzt die Verhandlung nächstes Jahr fort. Dann wird auch der Chef  aussagen müssen. Irgendwie kann ich mir heute schon vorstellen, wie seine Version der Geschehnisse klingen wird.

Demnächst, beim Chef

gespräcjhEs ist fast wie vor Weihnachten: Mit fiebriger Vorfreude warten unzählige Menschen in ihren Büros und an ihren Maschinen darauf, hereingebeten zu werden, um sich die Bescherung anzusehenhören. Wie alle Jahre, wenns langsam gegen den Frühling zugeht, naht auch jetzt wieder die hohe Zeit der Qualifikationsgespräche.

Man kann diese Besprechungen nicht ernst genug nehmen: Wann bietet sich den Vorgesetzten schon die Gelegenheit, einem zu sagen, das und das habe man am 17. Mai letzten Jahres gut gemacht und das und das am 18. November dafür ziemlich verbockt, wenn nicht jetzt, Monate später? Wann sonst als in diesem einen Moment haben sie die Möglichkeit, einen zu bitten, chli konzentrierter zu schaffen oder sich ab und zu auch um eher Unangenehmes zu kümmern? Eben. Man sieht sich ja nie in diesen verwinkelten Räumen, in denen sich jeder vom Morgen früh bis am Abend spät in seinem Büro einschliesst; immer darauf bedacht, jeglichen Kontakt zu den Gspändli zu vermeiden.

So sitzt man dann halt alle zwölf Monate einmal dem Chef gegenüber und fragt sich bange, was zum Teufel er auf diesen Formularen alles über einen angekreuzt und notiert hat. Man nickt an strategisch wichtigen Stellen, lässt hier ein “Ja, klar!” fallen, schüttelt da über sich selber den Kopf, murmelt dort ein schuldbewusstes “Hm…” und strahlt wie ein kleines Kind, wenn einem der Vorgesetzte zum Abschluss, wie es sich mitarbeitermotivationsfördernd gehört, etwas Positives mit auf den Weg zurück an die Arbeit gibt.

Dann macht man, hochkonzentriert, an der vor dem Gespräch angefangenen Büez weiter und vergisst vor lauter Freude darüber, dass mans überstanden hat, glatt, sich zu überlegen, was genau einem diese Qualifizierung jetzt bringt.

Mehr Lohn? Die Arbeitgeberin hat ihr Personal schon vor Wochen dahingehend orientiert,  dass es sich allfällige Gedanken an höhere Gagen gleich aus dem Kopf schlagen kann; was würden auch die Aktionäre denken.

Eine Beförderung? Wer auf der Karriereleiter eine Sprosse hochklettern will, findet auch ohne Multipltschoissbögen Mittel und Wege und Beziehungen, um sein Ziel zu erreichen. Alle anderen sind einfach froh darüber, ihre Jobs behalten zu können.

Eine bessere Arbeitsleistung Performance? Mag sein. Jeder und jede bemüht sich nach dem Untervieraugen-Termin schliesslich nach Kräften, die Kritikpunkte subito auszumerzen, auf dass sie nächstes Jahr kein Thema mehr sein mögen.

Das heisst: Wenn die Qualifikationsgespräche bringen würden, was sie bringen sollen, wären sie längst überflüssig geworden. Dann wäre alles, wies sein muss. Offensichtlich bringen sie aber nicht, was sie bringen sollten, sonst müssten sie nicht Jahr für Jahr geführt werden.

Also könnte man sie genausogut abschaffen. Und stattdessen – als Chef und als Mitarbeiter – vermehrt versuchen, genau dann zu loben und tadeln, wenn es tatsächlich etwas zu loben oder tadeln gibt. Zur Sicherheit kann mans ja immer noch schriftlich festhalten und von beiden Beteiligten unterschreiben lassen, damit die Verwaltung weiterhin etwas zum Ablegen hat.