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Schlagwort: Flug

Schaffer, Schotten, Schlüssel, Schnäppchen

Während ich kurz vor Sonnenuntergang in einem Beizli am fast menschenleeren Strand von Playa del Inglés höckle und frohen Gemüts der Welten Lauf reflektiere, fällt mir siedenheiss ein, dass zuhause niemand weiss, wie es mir geht (aber ungut: Es hat mich, wie ich nicht gänzlich irritationsfrei konstatieren muss, auch kein Mensch danach gefragt).

Das war schon anders; ganz anders sogar: Als ich vor einem halben Jahr mit meinen Co-Geschäftsführern Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria weilte, erreichten mich fast täglich Mails und WhatsApp-Nachrichten, in denen sich zum Teil wildfremde Leute danach erkundigten, was wir so treiben, obwohl ich über unser Wirken auch ohne diese nervötenden Zuschriften wertvollen Inputs so ausführlich, wie es unser enggetakteter Zeitplan halt zuliess, Bericht erstattet hatte.

Um das also gleich vorwegzunehmen: Hofstetter und Hofstetter arbeiten in der Konzernzentrale dermassen intensiv am Umsetzen all der Leuchtturmprojekte, die unsere Vision „Rise to Eternity“ prägen – Kauf einer Kaffeemaschine, Klären, ob das Personal bis zu zweimal pro Woche daheim statt im Büro übernachten soll dürfen, regelmässige Lohnzahlungen undsoweiterundsofort – dass sie gar nicht mitbekamen, wie ich meine Siebensachen packte und vor die Küste Westafrikas verschwand. Das war jedenfalls die offizielle Version für die Medien.

Die inoffizielle lautet: Ich dachte keine Sekunde daran, Hofstetter und Hofstetter in meine Reisepläne einzuweihen, weil ich einfach wieder einmal meine Ruhe haben wollte. Nicht nur, aber auch und ganz besonders vor ihnen. Falls die beiden gerade mitlesen: Jetzt möchte ich eure Gesichter sehen! Ihr glaubtet, ich würde seit Freitag als Head Keynote-Speaker am Communication World Global Summit in Frankfurt von Messehalle zu Messehalle chauffiert, dabei nippe ich bei 26 Grad GMT an einem eisgekühlten Cola Zero, livin‘ live in peace watchin‘ the wheels go round and round (soviel nur am Rande zum inzwischen fast schon absurd kontrovers diskutierten Thema „Ist es möglich, Texte aus zwei John Lennon-Songs in einem Halbsatz miteinander zu verbinden?“).

Den erschütternd wenigen, dies interessiert, kann ich also versichern: Es geht mir wunderprächtig. Das liegt auch daran, dass das Gran Canaria im März ein etwas anderes Gran Canaria zu sein scheint als, sagen wir, jenes im April oder im Mai oder im Juni oder im Juli oder im August oder im September oder im Oktober oder im November oder im Dezember oder im Januar oder im Februar.

Um diese Zeit ist auf „GC“, wie der Sogutwieeingeborene sagt, alles chli ruhiger als sonst. Die Allinclusivehorden aus Germanien, Helvetien und Hollandium rüsten sich auf dem Festland für die sommerlichen Schlachten an den kalten und warmen Buffets,

die zigtausend Seniorinnen und Senioren, die in der wohligen Wärme des kanarischen Archipels überwintert hatten, schauen seit Kurzem wieder in ihren eigenen vier Wänden rund um die Uhr fern.

Durch Playa del Inglés streunen aktuell viele Schotten und Finnen, wobei man Letztere fast gar nicht bemerkt. Sie machen tagsüber weniger Lärm als ein kaputtes Radio. Was sie nachts tun, entzieht sich meiner Kenntnis, aber rentierisch auf die Pauke hauen sie kaum: Sie zmörgelen immer als Erste und sehen dabei aus wie aus dem Truckli.

Die Schotten hingegen sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die vier mittelalterlichen Gesellen aus der Greater Glasgow Area, die unter grossem Hallo mit Eheringen an den Fingern, aber ohne Ehefrauen im Schlepptau, eincheckten, lassen sich vom Morgen bis am Abend durchgaren. Ihre Hautfarbe hat längst von käseweiss zu hummerrot gewechselt, doch das kümmert sie kein bisschen. Vermutlich haben sies noch gar nicht bemerkt.

Wenn das Servicepersonal sich daran macht, für den Mittagsservice einzudecken, philosophieren sie schon wieder oder immer noch sternhagelvoll über Fussball, Fussball oder Fussball. Wer an ihnen vorbeigeht, wird wie ein alter Freund aufs Überschwänglichste begrüsst und nur in gut begründeten Ausnahmefällen nicht dazu genötigt, das eine oder andere Fass mitzutrinken.

Zweimal am Tag gönnen sich die kugelrunden und fast flächendeckend tätowierten Glatzköpfe ein Bad. Dann halten sie sich an den Händen und hüpfen miteinander ins Becken. Wenn die halbe Tonne Fleisch durch die Wasseroberfläche kracht, bekommen die Umliegenden jeweils eine Vorstellung davon, was bei einem Tsunami passiert.

Passiert ist auch einem Ehepaar aus der Ostschweiz etwas: Am Samstagabend hatten die beiden noch jedem, ders hören wollte (und allen anderen auch) erzählt, was für ein „suppa Schneppli“ sie mit dieser Onlinebuchung doch gemacht hätten: „Achthundertfüfzg Frangge für zwei Wuche Grangganaria mitsamtem Flug; das müendir eu mal vorstele!“

Am Dienstag sassen sie in aller Herrgottsfrühe im Speisesaal. Sie verleibte sich mit offensiver Achtsamkeit ein Birchermüesli ein, er schoss seine Cholesterinwerte mit einer Wagenladung Rührei und Speck durchs Dach im zwölften Stock. Neben ihnen standen drei Koffer und zwei Sporttaschen. Bald würden sie vom „Schauinsland“-Bus abgeholt, der sie – mit Zwischenstopps in weiteren zwei Dutzend Unterkünften – in nicht einmal drei Stunden zum Flughafen bringen würde (mit dem Auto dauert die Fahrt nach Las Palmas knappe 30 Minuten, aber so ein Ferienende ist schliesslich auch ohne Raubüberfall durch einen kanarischen Taxifahrer schon frustrierend genug).

Weil sie nicht wussten, wie sie die Wartezeit totschlagen könnten, griffen sie zu ihren Handys. Sie leikte Facebook-Beiträge, er überflog seine Mails. Mitten in die Stille hinein entfuhr ihm ein „Hueresiech!!!“. Erschrocken blickte seine Frau von ihrem iPhone auf. „Die hend üse Flug kensslet“, teilte er ihr mit vor Fassungslosigkeit bebender Stimme mit. „Eifach so. Kensslet!“

„Verzell kän Schaiss!“, bat sie. „Lueg doch selber!“, blaffte er zurück. So ging das ein ganzes Weilchen hin und her, bis ihnen endgültig klargeworden war, dass aus ihrem Heimflug nichts werden würde; ämu nicht heute und, wer weiss?, auch nicht morgen und übermorgen. Für sie hiess das, wie sie ihm stocksauer mitteilte: Ihre Turnstunde fällt aus, und aus einer für Donnerstag fixierten Einladung würde, wenns ganz dumm laufen sollte, ebenfalls nichts werden.

Er scrollte, ununterbrochen tamisiechmurmelnd, durch seine Agenda und gab seiner Gattin mehrfach zu verstehen, dass ein gewisser Charly nun schön im Saich sei. Das nenne er ein Problem, wohingegen ihre Turnstunde seiner Ansicht nach eher als Pipifax zu taxieren sei. Auf den Besuch bei Sowiesos könne er so oder so verzichten.

Dann verkündete er wie weiland Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, er gehe die Sache klären. Wenig später kam er, deutlich entbronsont, zurück. Der Mann am Empfang wisse von nichts, der Reiseleiter habe erst um 11 Uhr Sprechstunde und bei der Fluggesellschaft antworte nur ein Automat, gab er seiner Frau zu verstehen.

Wenn ich je wieder von einem „Häufchen Elend“ lese, werde ich unweigerlich an sie denken; wie sie mit der Handtasche auf dem Schoss und einem zerknüllten Kleenex zwischen den Fingern versuchte, sich damit abzufinden, zwischen zwei Löffeln Müesli von einer unbeschwerten Touristin zur Gefangenen einer höheren Macht geworden zu sein, die sie nicht kannte und gegen die weder sie noch ihr Mann (der offensichtlich schon gar nicht!) etwas ausrichten konnten.

Spontan fühle ich mit ihr. Verlängerte Ferien auf Versicherungskosten: Wer würde bei dieser Aussicht nicht zusammenbrechen?

Der Car kam und fuhr ohne die beiden los. Auf dem Sofa in der Lobby beratschlagten die Schnäppchenjäger, was zu tun sei. Ich bekam nicht alles mit, was sie sagten, hatte aber das Gefühl, dass ihr Gespräch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer Art Gerichtsverhandlung mutierte, bei der sie sehr überzeugend die Rolle der Anklägerin spielte („Ich habe ja gesagt, dass wir das gescheiter mit einem Reisebüro machen!“) und er den Angeklagten geben musste, der ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Schuld auf einen nicht näher definierten Dritten („Scheiss Internet!“) abzuwälzen.

So oder so: Das Paar ist an diesem Donnerstag immer noch im Hotel. Und wo immer es auftaucht, fällt die Temperatur ins etwas Unangenehme.

Aber kühl ist es auf Gran Canaria shockingwise, wie die Schotten sagen würden, manchmal sowieso, wenn auch nur am Abend und das auch bloss, wenns kalt wird. Um es draussen auch nach Sonnenuntergang aushalten zu können, ging ich meine aus zwei Badehosen, einigen ärmellosen Shirts und Unterwäsche bestehende Garderobe kurzentschlossen und weder Kosten noch Mühen scheuend aufstocken:

Fündig wurde ich in einem Chinarestaurant. Ich bestellte einfach das Menü 3.

Nun kann mir eigentlich nichts mehr passieren; nicht einmal im Hotel. Dieses erfüllt, wie ich unmittelbar nach meiner Ankunft in Erfahrung brachte, die höchsten Sicherheitsstandards. Die Zimmer zum Beispiel sind mit sogenannten Türen von restlichen Bereich abgetrennt. Diese schliessen sich hinter einem, sobald man das Zimmer verlässt. Öffnen lassen sie sich mit einem Schlüssel im Kreditkartenformat. Man hält ihn an einen Sensor und schwupp, ist man drin.

Das funktioniert aber nur, wenn man beim Verlassen des Zimmers daran gedacht hat, das Chärtli mitzunehmen. Das schaffen, wie mir der Mann an der Rezeption glaubhaft darlegte, nicht alle. Immer wieder müsse er an seinem Compi für Schlufis, die sich selber aussperrten (oder „outlockeden“, wie der Fachbegriff heisst) mühselig neue Schlüssel nachmachen.

In diesen Tagen, fügte er an, sei ein Kunde drauf und dran, sämtliche diesbezüglichen Rekorde zu pulverisieren: Der Gast aus Zimmer 608, der am Samstag angekommen sei, habe ihn seither schon viermal nach einem Ersatzschlüssel gefragt, erzählte der Rezeptionist schmunzelnd.

Ich konnte darüber nicht lachen. Mir wurde ganz gschmuuch. Schliesslich lebe ich mit diesem Deppen unter einem Dach.

Über meine weiteren Pläne habe ich mir noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken gemacht. Mein Aktionsradius wird weiterhin plusminus zwei Kilometer betragen. Soweit ist es, mit ein paar Umwegen zu den angesagtesten Boutiquen, bis zum Strand. Kulinarisch bewege ich mich wie bis anhin in von Tintenfischen, Muscheln, Krabben und Clubsandwiches gesäumten Pfaden.

Kulturell steht mir jedoch eine völlig neue Erfahrung bevor. Aus der Schweiz riet mir eine Kanarenkennerin:

Ich muss sagen: Das Plakat sieht sehr vielversprechend aus. Auch Touristen, die mit deutschem Liedgut nichts am Hut haben, dürfte sein Anblick ekstatische „Hossa! Hossa! Hossa!“-Rufe entlocken.

Für mindestens zwei von ihnen avanciert der Frühschoppen möglicherweise gar zum Höhepunkt des Jahres: Wer fast eine Woche lang gezwungenermassen auf dieser Insel festsitzt, muss irgendwann selbst den grössten Chabis als Glanzlicht empfinden.

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Neue Erkenntnisse und alte Gewissheiten

Dieses Bild dürfte unzählige Eltern in Erklärungsnotstände bringen: Der Samichlaus verbringt seine Freizeit nicht in einem bescheidenen Iglu am Nordpol oder in einer spartanisch eingerichteten Hütte im Schwarzwald, sondern, wie wir gestern stirnrunzelnd feststellen mussten, an einem Strand in der Nähe von Sydney.

Abgesehen davon ist der Schmutzli offensichtlich kein Mann, und was das Eseli betrifft, muss die Weihnachtsgeschichte vermutlich sowieso von Anfang an neu geschrieben werden.

Wir haben den Heiligen Abend soeben mit unserer australischen Familie gefeiert. Gleich fahren wir zum Flughafen. Um 4 Uhr geben wir das Mietauto zurück, zwei Stunden später heben wir in Richtung Dubai ab, von wo aus es dann weiter nach Zürich und Burgdorf geht.

Während ich so dasitze und mit einer Mischung aus Abschiedsschmerz und Heimweh (an dieser Stelle: Herzliche Grüsse an all unsere Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde und last, but überhaupt nicht least, Tess!) in den Nachthimmel über der Südhalbkugel starre, wird mir wie jedesmal, wenn wir diesen Kontinent verlassen, klar, dass es mit der Zeit immer dasselbe ist: Sie rast einem davon, sobald man auch nur daran denkt, sich zu wünschen, dass sie für einen Moment viele Jahre stillstehen möge.

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Wie es sein sollte

Sonntag, 18. Dezember, 14.32 Uhr südostaustralischer Zeit: In einer Woche sitzen wir in einem Flugzeug, das uns erst nach Dubai und dann nach Zürich bringen wird, wo wir nach einer dreissigstündigen Reise am Abend desselben Tages landen werden, an dem wir achtzehn Stunden zuvor gestartet waren.

Das ist nicht nur ziemlich strange, wie der Australier sagen würde, sondern, vor allem: sehr schade. Die Tage, die wir zu Zweit in Tasmanien und mit Familienmitgliedern auf einer winzigen Streifen dieses gigantischen Kontinentes verbrachten, rasten und rasen nur so vorbei. Kaum haben wir uns beim Zmorge überlegt, was wir in den nächsten Stunden unternehmen könnten, verdauen wir das Znacht.

Im Moment höcklen wir bei Chantals Cousin Christian auf der Terrasse vor seinem Haus in einem Aussenquartier von Sydney. Auf dem Wiesli nebenan räckelt sich eine Echsenfamilie in der Sonne. Ein mildes Lüftchen zeichnet Kringel auf das Wasser im Pool, im Radio besingt Sade ihren „Smooth Operator.“

Kurz: Es ist alles, wie es sein muss, und doch…

…aber mir wei nid grüble (wie der Australier garantiert nie sagen wird).

„Jump!“, singen jetzt die Pointer Sisters. Ich nehme das als Aufforderung, kurz ins Wasser zu hüpfen. Bin gleich zurück.

Oder auch ein bisschen später.

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Schlapp, aber glücklich

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Gleich gegenüber, im Pub des „New Sydney Hotel“, spielt eine der besten Bluesrock-Bands, die ich je gehört habe, doch ich mag einfach nicht aufstehen und geniesse die Musik glücklich vor mich hindösend in unserem Zimmer des Midcity Hotels in Hobart.

Über 30 Stunden ist es nun her, seit mein Schatz und ich in Zürich einen „Emirates“-Airbus bestiegen haben, der uns erst nach Dubai und dann nach Melbourne brachte. Von dort flogen wir mit einer ungleich kleineren Maschine nach Tasmanien, und jetzt…jetzt sind wir hier, am Ausgangspunkt unserer dritten Australienreise, und chli schlapp, aber das wird schon wieder mit dem Jetlag, und überhaupt: Wenn dieses bisschen Kopfweh der Aufpreis für dreieinhalb wunderschöne Ferienwochen ist, bezahlen wir ihn gerne.

Nachdem wir das Gepäck in der Unterkunft deponiert hatten, bummelten wir zum Hafen, um einen Blick auf die „Ocean Warrior“, das neue Patrouillenschiff der Sea Sheperds, zu werfen, und dann weiter zum Salamanca Market. Dieser unterscheidet sich von anderen Märkten nicht nur dadurch, dass auf dem Gelände absolutes Rauchverbot herrscht, sondern vor allem durch seine beeindruckende Grösse und das ebenso vielseitige wie originelle Angebot an über 300 Kleider-, Kunsthandwerk- und Kulinarikständen.

Für Abendessen entschieden wir uns aufs Geratewohl hin zu einem Besuch beim „Mexican with a Mission“ – und wurden nicht enttäuscht; ganz im Gegenteil. Ich habe schon lange nicht mehr so gut, genug und trotzdem gesund gegessen wie in diesem Lokal, olé!

Was gibt es sonst zu erzählen? Eigentlich noch nicht viel, ausser, dass in der Reception unseres Hotels ständig Classic Rock aus den 80ern läuft und der Mann am Empfang ein Guns’n’Roses-T Shirt trägt.

Ich nehme beides als gute Omen für unseren zweitägigen Aufenthalt in Hobart und unsere weitere Reise durch diesen bezaubernden Flecken Erde zwischen Australien und der Antarktis.

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Boardingliner

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Das Boarding für den Swiss-Flug von Rom nach Zürich verzögere sich um etwa eine Viertelstunde, sagte die Frau am Lautsprecher.

Niemand denkt auch nur im Traum daran, sein Plätzli in der Warteschlange, das er sich zuvor so mühevoll erkämpft hatte, aufzugeben. Statt noch ein Kafi trinken zu gehen, bleiben die Leute auf ihren 40 Quadratzentimetern stehen. Es könnte ja sein, dass der Sitz im Flieger nachher besetzt ist. Oder die Maschine ohne einen abhebt.

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Gspässig, hässig und lässig

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Es ist 4.06 Uhr hier in London, und weil die Versicherung später wunder nehmen könnte, wann genau was passiert ist, schreibe ichs am besten auf, solange ich noch lebe.

Zeitpunkt des Schadensereignisses: 4.02 Uhr GMT a.m..

Hergang des Schadensereignisses: Ich habe mir auf dem Weg zum WC den kleinen Zeh gottsjämmerlich an einem

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Stahlstück

angetätscht, das aus der vorderen linken (oder auch rechten; es kommt ganz darauf an, von wo aus mans betrachtet) Ecke meines Bettes ragt.

Aber gut: Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass London gemeinhin als Geburtsstätte des Heavy Metal bezeichnet wird.

So eine Stange hat es nicht an jedem Bett, aber an meinem schon, weil: Meine Liegestätte ist eine, die tagsüber an einer Wand lehnt und am Abend

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heruntergeklappt

werden kann (jedenfalls, wenn man weiss, wie es geht. Wenn mans nicht weiss, schläft man halt am Boden oder im Stehen, an der Wand; ganz, wie es einem bequemer ist).

Dieses Bett gehört nicht zur Standartausrüstung des Hotels, in dem ich gerade weile. In allen anderen Zimmern stehen ganz normale Betten, ohne Metallstücke vorne links oder rechts. Ich habe sehr spontan einen…sagen wir: Spezialraum zugewiesen bekommen, weil es das Zimmer, das mein Freund, der mit mir das Wochenende in London verbringt, für mich gebucht hatte, laut dem Mann an der Rezeption gar nicht gibt.

(Frage aus dem Dunkel der hinteren Zuschauerreihen: „Wieso brauchen zwei Männer, die miteinander eine Städtreise machen, überhaupt Einzelzimmer?!? Das ist doch der pure Luxus! Mit diesem Geld könnte man in Afrika eine Schule und zwei Dorfbrunnen bauen!!!“

Antwort: „Weil wir beide tierisch laut schnarchen und uns nicht gegenseitig zwei Nächte lang wachhalten wollen.“)

Nur eine halbe Stunde, nachdem Luc, unser Mann am Empfang, herausgefunden hatte, dass seine Leute für uns ein Phantomzimmer reserviet hatten, stand ich auch schon in Room No. 407; etwas ratlos zwar (ich hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht bemerkt, dass darin auch ein Bett versteckt ist), dafür aber hochentzückt über die tolle Aussicht:

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Nein, halt. Das ist nur ein Bild im Gang.

Die Aussicht geht so:

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Super, isn’t it? London by Night. Andere bezahlen für eine Postkarte mit diesem Sujet viel Geld; ich habs sozusagen gratis und franko, und wenn wir schon dabei sind: Die Frage, ob ich für dieses Todeszimmer am Ende tatsächlich den selben Preis bezahlen muss wie mein Begleiter, der eine wesentlich ungefährlichere Unterkunft beziehen konnte, müssen wir mit Luc dann noch klären.

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Lange wird diese Debatte kaum dauern: Als ich mich mit ihm gestern Abend über the not existing room unterhielt, liess ich durchblicken, dass mein Freund in Switzerland eine Travel Agency betreibe, was auf den Rezeptionsmann glaub ziemlich Eindruck gemacht hat: „Travel Agencies – das sind doch diejenigen, die uns die Kundschaft zuführen“, dachte er, sagte er jedoch nicht. Verstanden dürfte er es aber haben.

Wenn nicht, lasse ich beim Auschecken am Sonntag halt beiläufig einem weiteren Nebensatz auf seinen blankpolierten Tresen fallen, im Sinne von „my friend here is the CEO of the very huge Travel Agency that brought us here. It might be easier for you to communicate directly with him. I’m only his extremely well-paying client.“

Je nachdem füge ich dem noch an, dass ich als Journalist bei einer der grössten Tageszeitungen in Switzerland arbeite. Aber so, wie ich Luc inzwischen kennengelernt habe, wird das wahrscheinlich gar nicht nötig sein. Schliesslich ist er ein gebürtiger Schweizer. Er macht einen recht vernünftigen Eindruck und weiss so gut wie wir, dass es für ihn nicht ganz einfach sein dürfte, in London auf die Schnelle einen neuen Job zu finden.

So. Während es in meinem Fuss nach wie vor surret und macht wie blöd – ich nehme an, dass in diesem Moment Zilliarden von Bakterien zu retten versuchen, was an dem Chnöcheli noch zu retten ist – entsinne ich mich hochachtungsvoll des Swiss-Piloten, der uns gestern mit dem Flug LX466 in die britische Metropole gebracht hat.

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Wobei: „Flug“ ist chli viel gesagt. „Stand“ trifft es besser, ämu, was die erste Stunde betrifft, die wir im Flieger verbrachten. Kaum war klar, dass aus dem Start um 17.15 defintiv nichts mehr werden würde, informierte der Käptn die Passagiere via Bordlautsprecher dahingehend, dass die Verspätung ungefähr 30 Minuten betrage.

Das war eine nette (und nicht unbedingt selbstverständliche) Information, aber noch lange nicht alles. Nach diesem quasi offiziellen Teil sagte der Mann in der Kanzel vorne, dass die Warterei darauf zurücktuführen sei, dass…(die folgende Passage habe ich nicht ganz verstanden, weil ich mit mir, über mein iPad gebeugt, am Jassen war)…und das habe er, der Pilot, den zuständigen Leuten im Tower auch zweimal mitgeteilt, aber offenbar habe es in Zürich irgendwelche Probleme mit der Koordination gegeben, und…ja.

Er danke für unser Verständnis und alles und melde sich wieder, wenn es etwas Neues gebe. Falls jemand telefonieren wolle oder die Toilette benützen müsse: Kein Problem. Wir könnten die Handys bis zum Start ungeniert benutzen und auch die Sicherheitsgurte wieder öffnen.

Insgesamt meldete der Pilot sich dann noch zwei- oder dreimal, und jedesmal wurde der Unterschied zwischen dem, was er durchgab, und dem, was er meinte, deutlicher hörbar. Am liebsten hätte der Käptn zweifellos gesagt, „wenn die Säcke im Turm einmal, aber auch nur einmal auf das hören würden, was wir von der Front ihnen sagen, gäbs hier viel weniger Puff, tami!“, aber so konnte er das natürlich nicht sagen, vor allen Leuten.

Übrigens: Bei Schlechtwetter und wenn man auf eine Rollbahn steht und nicht auf jedes Detail achtet, siehts

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in London

fast tupfgenaugleich aus wie

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in Zürich.

Eigentlich hätten wir also genausogut zuhause bleiben können, aber zuhause hats kein British Museum. und, noch fast wichtiger, auch keine Angus Steakhouses.

Ersteres gehen wir uns heute in aller Ruhe anschauen, in Letzterem stärken wir uns demnächst für einen langen, lässigen, interessanten und amänd sogar unfallfreien Tag.

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Adiós, Gran Canaria – und vor allem: Tschou Burgdorf!

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Kein Leben auf dem Wasser…

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…tote Hose am Strand…

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…gähnende Leere in den Beizen…

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…und ein Höllenkrach beim Zmorgekaffee:

Es ist Zeit, das Rucksäckli zu packen und zu verschwinden.

Beim Gedanken daran, nach Hause zu fliegen und bald wieder in Burgdorf, im alten Markt, dem tollsten Quartier der Welt, zu sein, bei meinem Schatz und all den anderen Menschen, die ich in den letzten Tagen zwischendurch schones Birebitzeli vermisst habe, wird mir trotz der 16 arktischen Grad auf dem gleich verregneten Gran Canaria so richtig wohlig warm ums Herz.

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Klatschendes Pack und matschiger Snack

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Sie habens getan.

Natürlich haben sies getan. Sie tuns ja immer, seit Jahren und Jahrzehnten.

Und sie tun es vermutlich auch noch im nächsten Jahrhundert, falls sich nicht irgendeines wunderschönen Tages ein Pilot ein Herz fasst und unmittelbar nach der Landung seine Kabinentür aufreisst und in den Passagierraum brüllt: „Hat euch Charter-Pack eigentlich noch niemand gesagt, dass wir euer Klatschen hier vorne gar nicht hören können?!? Zwischen und uns euch hats eine schalldichte Türe, wegen der Terroristen. Ihr könnt also applaudieren, bis eure Hände grün und blau sind und bluten: Wir bekommen das nicht mit!!! Und selbst wenn wir es mitbekommen würden: Spendiert ihr eurem Busfahrer auch eine Standing Ovation, wenn er euch unfallfrei vom Bahnhof zum Kronenplatz gefahren hat, hä? Sinkt ihr vor eurem Taxifahrer auch jedesmal ehrfürchtig in die Knie, wenn er euch vor eurer Haustüre abstellt, ohne, dass beim Bremsen das Auto explodiert ist?

Eben.

Also: Lasst! Den!! Kindischen!!! Scheiss!!!! Endlich!!! BLEIBEN!!!!“, sonst…ich weiss auch nicht, was sonst. Aber bitte, BITTE: Applaudiert Piloten nie, NIE mehr!!!!!!!!!“.

Wer übrigens nicht glaubt, dass geklatscht wurde und nun stirnrunzelnd einzuwerfen müssen glaubt, „das kann ich einfach nicht glauben, dass im Jahr 2013 immer noch geklatscht wird: Hier ist der Beweis.)

Als der Flieger um ziemlich genau 16.29 Uhr kanarischer Zeit zum Stillstand gekommen war, taten die Leute, wie dressiert, selbstverständlich auch noch Das Andere, was mich nach der Landung jedesmal in die Luft gehen lässt: Kaum hatte ein „Bling“ signalisiert, dass die Sitzgurten jetzt geöffnet werden dürfen, erhoben sich sämtliche Passagiere von ihren Plätzen,

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um ihre Hartschalenköfferli und ihre Handtäschli und ihre Plasticsäcke aus den Fächern über ihren Köpfen zu ziehen, worauf an ein geordnetes Verlassen der Maschine nicht mehr gedacht werden konnte.

Weil das alles so langsam ging, bot sich mir die Gelegenheit, hinterrücks eine jener Flugbegleiterinnen zu fotografieren, die mir während der vierstündigen Reise von Zürich nach Las Palmas einen

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weltrekordverdächtig gruusigen Snack

serviert hatte. Was die Fluggesellschaft „Niki“ (eine mir bis heute Morgen offenbar zurecht völlig unbekannte Tochter der Air Berlin) eine „Zwischenverpflegung“ nennt, entpuppte sich nach dem ersten Bissen als etwas matschig-pappig Undefinierbares mit Hühnerfetzen, was man allenfalls auf Transatlantikflügen Gästen vorsetzen könnte, die alkoholbedingt sowieso nicht mehr merken, was um sie herum passiert.

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Und wenn wir schon bei den Flugbegleiterinnen sind: Die „Niki“ lässt ihre Hostessen (das hab ich jetzt grad extra geschrieben, „Hostessen“, um stumm gegen diesen beängstigenden Gendercorrectnesshype zu protestieren) in einem pinkfarbenen Blusli mit hinten nur suboptimal sitzenden Jeans darunter auf die zahlende Kundschaft los, und da muss ich schon sagen: OMG! Das geht ja gaaar nicht!

Wenn während eines Fluges ständig Frauen hin und herlaufen, die aussehen, als ob sie gerade von einem Meet & Greet mit Justin Bieber oder jemand Artverwandtem kommen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Leute am Ende vor lauter Glück, wider Erwarten heil heruntergekommen zu sein, clap their hands and say yeah (tolle Band, übrigens, „Clap your hands and say yeah“. Wer die Musik doof findet, kann immer noch anerkennend murmeln, „aber einen originellen Namen haben sie, das muss man ihnen lassen.“)

Abgesehen von allem verlief der Flug aber recht unspektakulär. Nachdem wir die Alpen überquert hatten, wurde mir langweilig Ich klaubte unter allerlei „Sorrys“ und „Tschuldigungs“ meinen Laptop aus dem Gepäckablagefach, klappte ihn auf…und merkte in diesem Moment, dass ich hier oben so schnell keine Internetverbindung haben würde.

Um mich trotzdem irgendwie zu beschäftigen (und um den Herrn links und die Frau rechts von mir im Glauben zu lassen, die Störung vorhin sei wirklich nötig gewesen, weil ich genau jetzt etwas unaufschiebbar Wichtiges schreiben müsse), organisierte ich mir aus dem Word-Programm eine leere Seite und begann, draufloszutippen.

Viel Schlaues kam dabei nicht heraus. Denn als das Kabinenpersonal mit dem Essen „Essen“ vorbeikam, musste ich den Compi unter allerlei „Sorrys“ und „Tschuldigungs“ zwischen meinen Füssen zwischenlagern. Dann gabs Kaffee und ein Theater wegen eines dicken Rentners und noch einen Kaffee und, damit einhergehend, einen Fleck auf der Hose (aber nicht auf meiner).

Der Bustransfer zum Hotel klappte traditionsgemäss nicht. Eine Taxifahrerin brachte mich zu einem bemerkenswert humanen Tarif nach Playa del Ingés.

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Jetzt höckle ich auf meinem Balkon im dritten Stock des Parque Tropical, geniesse den Blick aufs Meer und die Illusion, ganz alleine auf der Welt zu sein.  

Ich frage mich, wo wohl der Playaboy bleibt. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er mir gleich nach der Schlüsselübergabe über das süüferli gefägte Wägli im Hotelareal laufen würde, aber oha.

Nun gut: Er heisst ja „Playa-“ und nicht „Hotelboy“; wahrscheinlich treffen wir uns morgen am Strand.

Wenn nicht: Egal. Ich kann mich hier auch ohne ihn gäbig vertöörlen. Er soll ja nicht meinen.

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Zweimal Trauminsel einfach, bitte

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Falls jemand chli Zeit für und Lust auf einen kleinen Aus-Flug hat: Diese zwei Filme entstanden bei unserem Abstecher in den weissen Sand von Whitehaven Beach. Sie dauern zusammen rund 20 Minuten und bieten jede Menge Wasser, Inseln und Propellergeknatter.

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Hell & dunkel

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Schneeweisser Sand, türkisblaugrünes Wasser, kaum Touristen: Die Stunden, die wir gestern auf Withehaven Beach verbringen durften, waren für uns wie ein Wirklichkeit gewordener Traum. Wir werden sie nie mehr vergessen.

In dieses Paradies gebracht hat uns ein überaus gmögiger Mann namens Dan. Mit einem Wasserflugzeug flog er uns, nur wenige hundert Meter über Meer schwebend, von Airlie Beach nach Hayman Island, um zwei weitere Gäste an Bord des Maschinelis zu nehmen. Eine weitere Viertelstunde später setzte er erneut auf dem lauwarmen Wasser auf; diesmal vor dem fast unberührt scheinenden Strand, der laut unserem Piloten zu den drei schönsten Stränden der Welt zählt.

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Nachdem wir – von den Eindrücken immer noch erschlagen – zurück in Airlie Beach waren, gönnten wir uns im Restaurant des Mini-Flughafens etwas Kühles zu trinken. Dabei konnte Chantal ihre Knieverletzung, die sie sich bei einem Zusammenstoss mit dem Flugzeug zugezogen hatte, genauer studieren. Ein zufällig in der Beiz anwesender Kookaburra assistierte ihr bei der Diagnose.

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Die Prellung ist zwar schmerzhaft und lästig, aber nicht so gravierend, dass sie uns an der Weiterreise hindern könnte. Also gings auf dem Bruce Highway ab nach Townsville, wo wir nach einer vierstündigen Fahrt im nächstbesten Hotel eincheckten. In einem Supermarkt besorgten wir Eisbeutel und Voltarensalbe. Das sollte fürs Erste genügen.

Townsville selber? Naja: Hügel, Hafen, Hotelkästen.

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Im Moment sitze ich im Internet-Café im Parterre des Hotels. Als ich vorhin vor das Gebäude ging, um zu rauchen, näherten sich mir wie aus dem Nichts zwei Aborigines. Sie trugen halbzerfetzte Turnhosen, die in den frühen 80er Jahren modern gewesen waren, und sonst nichts.

Der eine hatte eine Schnapsfahne, die vermutlich noch in Melbourne zu riechen war, und einen verschmutzten Verband am rechten Oberarm. Dem anderen waren im Laufe der Zeit ein Auge und die meisten Zähne abhanden gekommen. Er blutete aus dem Mund. „A fuckn dollah“, verlangte er. Als ich nicht reagierte, wiederholte er: „Gimmi a fuckn dolla. Just a fuckn dollah!“

Ausser den zwei Ureinwohnern war auf der Strasse zu dieser frühen Stunde kein Mensch zu sehen. Irgendwie wurde es mir chli gschmuuch. Ich liess die beiden Dunkelhäutigen stehen und ging, von wüsten Flüchen begleitet, zurück ins Hotel.

Auch das ist Australien“, dachte ich, als sich die Glastüre hinter mir lautlos vor den Fremden schloss.

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