Einmal und nie wieder

An alle, die an den Openairs landauf und -ab jetzt wieder stundenlang deutschen Hip-Hop, französischen Rap und Artverwandtes über sich ergehen lassen müssen, bis kurz vor Schluss vielleicht doch noch jemand richtige Musik macht: Das war das Lineup des “Out in the Green”-Festivals, das vom 5. bis am 7. Juli 1991 in Frauenfeld stieg:

Offiziell war ich als akkreditierter Reporter vor Ort. Tatsächlich erlaubte mir mein Badge aber vor allem, mich als Fan nach Lust und Laune in diesem musikalischen Schlaraffenland zu tummeln.

Als ich nach dem Simple Minds-Konzert in einem zigzehntausendköpfigen Menschenmeer weit nach Mitternacht völlig überraschend meinem Brüetsch und seinem besten Freund über den Weg lief, wusste ich definitiv: Auch wenn du 400 Jahre alt wirst – so etwas erlebst du nie wieder.

Eiger, Magronen und Frau Utiger

Natacha haben wir verpasst, The Baseballs spielten gerade den letzten Song, als wir aufs Gelände kamen, Foreigner sahen und hörten wir nur von Weitem, Amy Macdonald lieferte uns die Hintergrundmusik für eine angeregte Plauderei.

Abgesehen davon gibts zum Snowpenair 2010 eigentlich nicht viel zu sagen, ausser:

– Die Kulisse ist tatsächlich einzigartigatemberaubendunbeschreiblichgigantisch. Als ich vor zehn Jahren das letzte Mal am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau war, schneite es dermassen, dass mein Brüetsch und ich kaum auf die Bühne mit Deep Purple drauf sahen, obwohl wir direkt davorstanden. Jetzt aber, bei Sonnenschein: Wow!

– An keinem Openair der Welt gibt es bessere Bratwürste mit Rösti als am Snowpenair. Leckerere Älpermagronen werden ebenfalls nirgendwo serviert (und wenn: ganz bestimmt nicht so zügig und freundlich). Günstigere Band-T-Shirts kann man lange woanders suchen, ohne fündig zu werden.

Natacha (Alter streng geheim; es dürfte gegen die 50 zugehen) tut immer noch, als ob sie ein Megastar wäre, obwohl es dafür kaum Gründe gibt. Wie Frau Utiger aus Ersigen in ihrer langen, schwarzen Skijacke und mit einer “Hey-ich-bin-berühmt-und-tue-nur-so-als-ob-ich-nicht-erkannt-werden-möchte”-Sonnenbrille im auf jung gestrichenen Gesicht durchs Publikum spazierte in der vergeblichen Hoffnung, um ein Autogramm gebeten zu werden: das hatte schon fast etwas Tragisches.

– Für Foreigner ist die Zeit der ganz grossen Stadien schon seit einem geraumen Weilchen und vor allem seit dem Ausstieg ihres an einem Gehirntumor erkrankten Frontmanns Lou Gramm zwar vorbei. Obwohl (oder gerade weil) sie nun schon seit 34 Jahren Rock-Geschichte schreiben, gelingt es den bemerkenswert würdig gealterten Herren aber problemlos, manchen Möchtegernnachfolgern zu zeigen, wo Bartli den Most holt.

– Grosse Menschenansammlungen sind eher nichts für Amy Macdonald. Natürlich: Sie hat eine tolle Stimme. Sicher: Sie komponiert eingängige Songs. Und ja: Sie verfügt über eine handwerklich einwandfreie Begleitband. Aber irgendwie fehlt der völlig zu Recht hochgelobten Schottin das letzte Quentchen Charisma, um Zigtausende von Menschen anderthalb Stunden lang zu faszinieren. In einem kleineren Rahmen – zum Beispiel in einer Beiz oder in einem Club mit höchstens 300 Gästen – würde sie ungleich mehr Wirkung entfalten. Andrerseits: Ihre Plattenfirma schmiedet das Eisen nicht ganz unverständlicherweise, solange es heiss ist, und zwar vor möglichst vielen potenziellen Kunden auf einmal. Dass es dabei vorzeitig verglüht, nehmen die Manager in Kauf; es sitzt ja hinter jedem Busch eine junge Frau mit einer Gitarre in der Hand und der Hoffnung im Herzen, “die neue Amy” zu werden (ob Macdonald oder Winehouse, spielt keine Rolle. Hauptsache:  berühmt).

Weiter bemerkenswert ist:

– Simon Amman nimmt sich selber tatsächlich nicht sooo ernst, wie ihn andere Leute zu nehmen glauben müssen: Der mehrfache Skisprung-Olympiasieger mischte sich lieber unters gewöhnliche Volk, als den Nachmittag beim Cüplischwenken im VIP-Zelt zu verlauern.

– An Rockkonzerten hats bald mehr Fotografen als Fans. Auch am Snowpenair 2010 stapften Rudel von unglaublich wichtigen Leuten mit Medien-Badges am Hals und riesigen Kameras in der Hand durch die Gegend. Mit etwas müssen die ganzen Online-Portale ja abgefüllt werden; und wenns immer nur die selben People-Föteli sind, die irgendwelche Sabrinas mit ihrem neuen Lover Sven zeigen.

– Es ist für Leute, die keinen Alkohol trinken, immer wieder erstaunlich zu beobachten, welche Mengen von Bier und Schnaps an so einem Event hinter x Binden gekippt werden. Das wäre ein interessantes Experiment: Am Snowpenair oder auf dem Gurten oder am Greenfield-Festival (dort ganz besonders!) ohne Vorankündigung keinen Alk auszuschenken und dann einfach einmal zu schauen, was passiert.