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Die neue Virklichkeit (31)

Vegetarier können einfach den schönen Teller angucken: Aus dem Burgdorfer „Stadthaus“ gibts jetzt beilagenfreie Cordon bleus für den Verzehr daheim. Auf den Küchenchef kommt schon bald etwas zu.

Wenn ich das, was ich mir während des Lockdowns zubereite, in einem Restaurant vorgesetzt erhielte und das Frölein beim Abräumen fragen würde, obs rächt xi isch, käme ich über ein artiges Nicken wohl nicht hinaus: Birchermüesli an Heidelbeer-Joghurt, Birchermüesli an Mango-Joghurt, Birchermüesli an Apfel-Joghurt, Birchermüesli an Blutorangen-Joghurt, Spaghetti Bolo, Hörni Bolo, dicke Nudeln Bolo, dünne Nudeln Bolo, Fusilli Bolo, Farfalle Bolo, Wienerli mit Härdöpfusalat, Härdöpfusalat mit Wienerli, Burger mit Ei, Burger ohne Ei, ab und zu ein Dürüm und alle Coronawellen einmal eine Pizza: that’s it, plusminus.

Aber jetzt, zu meinem einmonatigen Jubiläum als Lebensretter, wollte ich mir wieder einmal etwas ganz Feines gönnen. Das Hotel Stadthaus bietet seit Kurzem komplette Menüs für den Hausgebrauch an. Zur Auswahl stehen ein Swissprim Cordon bleu vom Kalb (mit ohne Gemüse!) oder ein individuell scharfgemachtes Rindstatar plus eine Suppe und ein Dessert für alles in allem 55 Franken.

Küchenchef Christian Bolliger bereitet die Essen in der Stadthaus-Küche zu und verpackt sie nach den aktuellsten Hygienevorschriften. Dann kann man sie bei ihm abholen. Für 10 Franken liefert er den Schmaus sogar nach Hause. Es versteht sich von alleine, dass ich dieses zusätzliche Nötli investiere; immerhin wohne ich im 4. Stock.

Ich fragte drei kulinarikaffine Freunde, ob wir uns zu diesem Festmahl bei mir treffen wollen, aber oha: der eine sagte ab, weil er in seiner Firma in Arbeit versinkt (doch, doch: das gibts noch), die beiden anderen schrieben, sie hätten seit Wochen null (in Zahlen: 0) Einkommen und müssten deshalb bedauernd verzichten.

Um doch noch zu meinem Cordon bleu zu kommen (das Drumerherum brauche ich eigentlich nicht zwingend, aber wenn Chrigu schon dabei ist, zu mir hochzusteigen, kommts auf die paar Kilo extra sicher auch nicht mehr an), habe ich also mehrere Optionen:

a) Ich bestelle es nur für mich und verputze es, im immer schwächer flackernden Schein des letzten noch funktionierenden Gaslämpchens, mutterseelenalleine in meiner totenstillen Wohnung,

b) Ich warte, bis der eine Freund nächste Woche vielleicht chly weniger Büez hat und ordere das Menü dann mit ihm.

c) Ich warte, bis der eine Freund nächste Woche vielleicht chly weniger Büez hat, ordere das Menü dann mit ihm und lade die anderen beiden einfach mit ein.

Eigentlich habe ich mich bereits für eine der drei Varianten entschieden. Ich verrate aber noch nicht, für welche, um gewissen Mitessern die Überraschung nicht zu verhageln.

A propos „Freunde“: Auch der Waggu, den ich mit zwei weiteren lieben Menschen aus meinem Umfeld diese Woche unternahm, hielt wiederum sehr viel mehr, als er versprochen hatte. Diese Bluescht! Diese Farben! Diese Düfte!

Wir waren nun schon zum dritten Mal hintereinander miteinander unterwegs. Weil wir – ausser in der Startphase; da legen wir Wert auf Abwechslung – immer dieselbe Route abbummeln, dürfen wir jedes Mal aufs Neue entzückt beobachten, wie sich die Natur an der Emme unten für den Sommer herausputzt.

Wenn wir im Juli oder August immer noch waggeln (was ich schwer hoffe), können wir bei jedem Strauch und jedem Baum, an dem wir vorbeigehen, sagen, dass wir ihn fast von Anfang an bei seinem Wiederwerden begleitet haben, und das ist, wie ich finde, ein schöner Gedanke (wenn auch einer, auf den man vermutlich nur in nationalen Notlagen kommt, weil sonst alles andere wichtiger ist zu sein scheint).

Nachdem ich hier jede Woche einmal von „Waggu“ schreibe, ist es vielleicht an der Zeit, sich einmal vertieft mit diesem schönen, aber leider vom Aussterben bedrohten Wort zu befassen.

Ein Blick in das Wörterbuch Berndeutsch-Deutsch führt auf eine heisse Spur…

…die bei der Konsultation von Perrypedia jedoch umgehend schockgefriert:

Auf Facebook entdeckte ich eine Frau einen Mann jemanden mit Namen Waggu. Wenn ich sie ihn mir das Bild so anschaue, kommt mir alles Mögliche in den Sinn, aber nichts, was auch nur annährend so tiefenentspannend wirken könnte wie unsere original echten Corona-Waggu.

Die neue Virklichkeit (24)

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„Vollentspannt“, „verunsichert“ oder „demütig“ erleben Freundinnen und Freunde die Corona-Isolation. Einige empfinden sie als „surreal“ oder „bereichernd“. Auch „Frühlingsgefühle“ kommen auf.

Es nahm mich einfach wunder: Wie erleben Menschen aus meinem Umfeld den Dauer-Hausarrest?

Deshalb bat ich 50 von ihnen, mir in einem Wort zu sagen, was ihnen zum Thema „Corona-Lockdown“ einfällt. Um der Sache einen wissenschaftlich-repräsentativen Anstrich zu geben, schickte ich die Anfrage an 25 Männer und 25 Frauen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.

Weitere 50 Personen bildeten die Kontrollgruppe und erhielten sie folglich nicht.

24 Frauen und 21 Männer schrieben zurück. Einige reagierten so schnell, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, wie sie in ihrer Halbgefangenschaft fingernägelkauend an ihren Schreibtischen sassen und nur darauf warteten, dass auf ihren Compi ein Fensterchen aufpoppte, das sie dazu aufforderte, etwas – irgendetwas! – zu tun.

Für die vielen Banker aus Nigeria, die die Vermögen von längst verstorbenen Superreichen verwalten, müssten dank Corona goldene Zeiten angebrochen sein: Wenn sie 100 Leuten schreiben, sie hätten auf einem Konto 42 Millionen Dollar gefunden, die sie stante pede dem ahnungslos in der Schweiz lebenden Coucousin des Toten überweisen würden, sobald dieser ihnen die Koordinaten ihres eigenen Accounts plus 8000 Franken geschickt habe, rücken mindestens 90 Adressatinnen und Adressaten ohne lange zu überlegen beides heraus, nur, weil sie so glücklich darüber sind, dass sich endlich wieder einmal jemand bei ihnen gemeldet hat.

Eine Totalkatastrophe scheint der Notstand für niemanden darzustellen. „Unsicher“ oder „verunsichert“, „Gefühlschaos“ und „Längiziiti“ waren die negativsten Ausdrücke bei vier weiblichen Befragten. Drei Männer fanden, die Dauerpause sei „mühselig“ und mache „einsam“ und „unsicher“.

Überraschend viele Teilnehmende gewinnen der aktuellen Lage positive Seiten ab: Sechs Frauen notierten „vollentspannt“, „bereichernd“, „Chance“, „ruhig“, „entschleunigend“ und „GanzOkWüuMirHeiJaAues“, eine verwendete Mary Poppins‘ Lieblingsausdruck supercalifraglisticexpialigetisch (das hat jetzt gedauert, bis das abgeschrieben war; schönen Dank auch) und eine freute sich über „Frühlingsgefühle“. Ihr widme ich diesen Song:

Fünf Männer mögen äbefaus nid chlage: Mit Begriffen wie „ruhig“, „Kreativitätssuperboost“, „Shuggabugga“, „geil“, „Entschleunigung“ und „Entschleufantasierelaxed“ signalisierten sie, dass es keinerlei Gründe dafür gibt, sich um sie Sorgen zu machen.

Die meisten Antworten lassen sich unter „Sowohl-als auch“ verbuchen. „Verrückt“, „Gegenwart“, „Uffffff“, „abwartend“, „nachdenklich“, „Wartesaal“, „surreal“, „aussergewöhnlich“, „Homeofficeschoolendemamahausfrau“ „herausfordernd“ und „ambivalent“ schrieben Frauen; eine stellte, das Thema nur um Haaresbreite verfehlend, fest, sie sei „sommerzeitumstellungsmüde“.

Eigentlichtiefenentspanntunddochgespanntwasdanochkommt“ (Schlaumeier!) „Stand-by“, „surreal“, „Metamorphose“, „besäuselt“, „esistwieesist“, „abwarten“, „daheim“, „warten“, „zwiespältig“ und „demütig“ verwendeten Männer, um ihre Gemütszustände zu beschreiben.

Der „Stand-by“-Mann kommt von mir das über,

auch wenn der Titel des Hits allem widerspricht, was der Bundesrat und Daniel Koch vom BAG seit Anbeginn der Zeitrechnung Mitte März predigen.

In einem Monat werde ich dieselben Damen und Herren dasselbe noch einmal fragen, und in einem halben Jahr oder so erhalten sie von mir schon wieder und dann hoffentlich bald öppe zum letztem Mal Post.

Mit der „Supercali“-Frau und dem „Metamorphose“-Mann unternahm ich einen zweiten Bummel der Emme entlang. Diese Waggu werden für uns langsam zu einer lieben Gewohnheit, um nicht zu sagen: zu einer kaum mehr wegzudenkenden Tradition. Mir hei no kei Verein, um sie zu pflegen, aber mir ghöre drzue; zu den vielen Leuten nämlich, die es verstehen, ihre massig vorhandene freie Zeit zwischendurch aufs Sinnvollste zu nutzen.

Nicht nur den unermüdlich homeschoolenden Veronikas können wir nach unserem Abstecher ins Freie berichten: der Lenz ist da, und wie! Überall wächsts und blühts und spriessts und knospsts. Die von uns so geschundene Mutter Natur hat alles gegeben, um für uns das Grau des Winters mit allen Farben, die der Regenbogen hergibt, zu übermalen.

Während die Liveticker rund um den Globus die Zahlen der Corona-Toten addieren, zwitschern an den lauschigen Gestaden des Burgdorfer Hausflusses munter die Vögelein in den Bäumen und reiben sich die soeben aus dem Winterschlaf erwachten Bären den Ziger aus den Augen.

Ohne, dass wir uns abgesprochen hatten, schafften wir es über eine Stunde lang, das Thema „Corona“ zu umschiffen. Doch als wir uns vor einer stillgelegten Oberstadtbeiz mit awaytaketer Tranksame von den Strapazen erholten, diskutierten wir auf einmal über die im Herbst stattfindenden Gemeindewahlen – und ehe wirs uns versahen, hatten wir den kleinen Schritt vom Burgdorfer Stapi Stefan Berger zu dessen Amtskollegen Boris Johnson in London getan (an dieser Stelle: good bettering!).

Von dem Moment an war jeder Gesprächsstoff, den wir von den Regalen unserer Gedanken holten, schneller von diesem Virus verseucht, als wir Bap sagen konnten.

Wenn wir am nächsten Dienstag ein paar Momente lang nichts von Corona hören wollen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als schweigend zu waggeln und anschliessend in stiller Kontemplation versunken zämezhöckle.

Die neue Virklichkeit (21)

Ei-ntönig: Das Thema „Corona“ verfolgt uns bis in die hintersten Winkel unseres Alltags.

Samstagabend, 18.45 Uhr: Über mir knirschts immer lauter. Von Minute zu Minute werden die Spalten in den Balken breiter. Bevor mir gleich die Decke auf den Kopf fällt, lade ich mich bei einer Freundin zu einem Spontankafi ein. Wenig später sitzen wir auf ihrem Balkon. Abgesehen von ein paar Kindern, die auf einem Klettergerüst herumkraxeln, ist das Quartier menschenleer. Langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Wir unterhalten uns über Corona, Corona und Corona.

Sonntag, 11. Uhr: Ich sichte das Bisschen Post, das seit Mittwoch im Briefkasten lag. Der Satz „Am 16. März 2020 hat der Bundesrat entschieden, wegen des Corona-Virus die ausserordentliche Lage zu erklären…“ fällt so oder sinngemäss in jedem Schreiben. Entweder bitten mich die Absenderinnen und Absender höflich darum, die noch nicht fällige Rechnung es Bitzeli früher zu begleichen. Oder teilen mir mit, dass das Unternehmen seine Geschäftstätigkeit auf das Minimum heruntergefahren habe, „telefonisch und online im Notfall aber jederzeit erreichbar“ sei.

Sonntag, 14 Uhr: Drei Freunde schauen vorbei. Wir stellen ein Tischli ins Freie, trinken Mineralwasser, Kaffee und Cola Zero, mampfen dazu Salzgebäck und haben den Frieden. Die Sonne scheint, am Himmel ist kein Kondensstreifen zu sehen. Wir geben uns Mühe, nicht über das Thema zu reden, oder ämu nicht nur. Aber welchen Gesprächsstoff auch immer wir anschneiden – nach spätestens zwei Sätzen landen wir, wo wir nicht hingewollt hatten: bei Corona, Corona und Corona.

Sonntag, 18.15 Uhr: Ich telefoniere mit einem ehemaligen Arbeitskollegen. Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gehört und könnten uns aus unseren Privat- und Geschäftsleben deshalb Vieles erzählen. Einziges Traktandum ist Corona, Corona und Corona.

Nein – es gibt kein Entrinnen: Corona ist immer und überall, genau wie das Böse im Uralt-Hit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

Wenn ich auf youtube ein Video abspielen will, appellieren zunächst einmal Alain Berset, Roger Federer, Christa Rigozzi und weitere Promis in allen vier Landessprachen an meine Solidarität mit den schwächsten Corona-Betroffenen, raten mir, die Hände zu waschen und versichern, dass „die sichere Versorgung der Schweiz mit Lebensmitteln sichergestellt“ sei, bevor der eigentliche Clip startet.

Wenn ich fernsehe, ermahnen mich diverse Sender mit einer Dauereinblendung in der rechten oberen Bildschirmecke, zuhause zu bleiben, um Corona nicht noch mehr Gelegenheiten zu bieten, sich weiterzuverbreiten.

Onlinemedien rechnen mir livetickernd vor, wieviele neue Todesopfer Corona in den letzten Stunden gefordert habe. In der Schweiz gibt es über 2000 Gemeinden. In keiner von ihnen scheint seit Mitte März etwas passiert zu sein, was nicht mit Corona zu tun hatte. Interviews mit Sportfunktionären, Porträts von Kunstschaffenden oder Reportagen aus fernen Landen drehen sich ausschliesslich um Corona. Facebook ist bald nicht mehr zum Aluege: Bei jedem zweitem Beitrag handelt es sich um ein lustiges Zeitvertreibspielchen, einen Aufruf, bei einer Bild- oder Film- oder Buchchallenge mitzumachen oder Verschwörungsschrott.

Wenn ich zum Schloss hochschaue, fällt mir als Erstes ein, dass die Jugendherberge und die Museen da oben wegen Corona noch nicht eröffnet werden konnten. Wenn ich auf den Hofstattplatz hinuntergucke, sehe ich niemanden, weil: Corona. Wenn ich mitten in der Nacht frustriert den Mond anheule, weil alle immer nur über Corona reden, fällt mir als Erstes auf, was für eine schöne Korona er hat.

Wenn ich einkaufen gehe, laufen mir zwischen den Gestellen Männer und Frauen über den Weg, die ich bis dahin wie aus dem Truckli angezogen kannte. Nun wirken sie mit ihren notdürftig gerichteten Frisen und in ihren Jeans und Trainerjacken, als ob sie wegen Corona seit Tagen daheim im Pyjama herumgegammelt wären und sich für den Gang unter die Leute einfach schnell übergestreift hätten, was gerade auf dem Schlafzimmerboden lag.

Dass ein Thema unser Leben bis in die hintersten und finstersten Winkel des Alltags dominiert, hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Nach dem 11. September 2001 diskutierten die Leute in Büros, auf Baustellen, in Beizen und am Familientisch zwar immer wieder über den Terror und dessen Auswirkungen. Das Grounding der Swissair, das Attentat von Zug oder die Pleite der Bank Lehmann-Brothers beschäftigten die Öffentlichkeit monatelang.

Daneben war aber immer noch Platz für anderes. Am Grimselpass wurde eine riesige Felsnase weggesprengt, Apple lancierte den ersten iPod (für die Jüngeren hier:

So sahen sie aus, die kleinen Wunderdinger.),

in den Kinos sorgte „Harry Potter und der Stein der Weisen“ für Umsatzrekorde und am 24. November kamen beim Absturz eines Flugzeugs über Bassersdorf 24 Menschen ums Leben, darunter auch die R&B-Sängerin Melanie Thornton, die in Langenthal ihr neues Album bewerben wollte.

Wenn sich all das heute ereignen würde: Ich glaube, es nähme davon kaum jemand Notiz.

Und falls doch, würde man sich als Erstes fragen, ob die Sprengarbeiten trotz Corona ausgeführt werden können, wie lange das Virus auf diesem Appledings überlebt, ob das Kino das Geld für die Tickets zurückerstatte und welche Sicherheitsvorkehrungen die Rettungskräfte treffen müssen, um sich beim Bergen der Leichen und Trümmer nicht gegenseitig anzustecken.

All das schreibe ich zu Beginn der vierten von noch unabsehbar vielen weiteren Corona-Wochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns auch im Juni, Juli, September und November ständig über Corona unterhalten, scheint durchaus zu bestehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits Familien vor dem Christbaum sitzen und darüber werweissen, ob das Tragen von Schutzhandschuhen auch beim Auspacken der Gschänkli angezeigt sei und wie man die Fleischstücke beim Fondue Chinoise am Elegantesten unter der Maske hindurch in den Mund schiebt.

Aber gut: Je mehr solcher Fragen an Weihnachten 2020 geklärt werden können, desto weniger prägen sie die Feiern der kommenden Jahre.

Die neue Virklichkeit (13)

Kleiner Aufwand – grosse Freude: Ein simpler Bummel der Emme entlang erscheint inzwischen nicht nur Angehörigen der Risikogruppe wie ein Geschenk.

Vor vier Stunden begann die Sommerzeit, für den Nachmittag ist Schnee angesagt: Das liest sich auf den ersten Blick ein bisschen schräg. Beim zweiten Hinsehen passt es in einer Welt, in der nur noch ganz wenig ist, wie es im Grunde schon lange vor dem Corona-Ausbruch zum letzten Mal war (also gegen Ende des verflossenen Jahrtausends, ganz bestimmt aber vor 9/11, dem Klimaschock und der Flüchtlingskrise) jedoch recht gut zusammen.

Die Zeit spielt, sicher nicht nur für mich, immer mehr eine Nebenrolle. Gestern realisierte ich erst lange nach dem Aufstehen, dass Samstag ist. Vorher war ich davon ausgegangen, wir hätten Mittwoch. Die Tage fühlen sich alle gleich an. Was auch immer sie einst voneinander unterschieden haben mochte (Wochenplanungssitzung am Montag, Yoga am Dienstag, Singprobe am Mittwoch, Vorstandstreffen am Donnerstag, Jassen am Freitag, Swingerclub am Samstag, Kirchgang am Sonntag), strich ein von blossem Auge unsichtbares Etwas über Nacht aus den Agenden von Millionen von Menschen.

Mit einer Freundin und einem Freund bummelte ich am Nachmittag der Emme entlang. Erleichtert stellten wir fest fest: Der Fluss, die Enten, die Bäume, die Sträucher – es ist noch alles da. Und wirkt ungleich schöner denn je. Bevor wir nach einer Stunde Unsfreuens auseinandergingen und uns vor den Bakterien versteckten, versicherten wir uns, dass das nicht unser letztes Ausflügli gewesen sei.

Es hatte sich angefühlt wie Miniferien. Es öffnete für uns einen Spalt in das Leben, das wir uns alle zurückwünschen (obwohl wir ahnen, dass wir es, zumindest in der uns vertrauten Form, nicht zurückerhalten werden) und ermöglichte uns, über viele kleine Naturwunder zu staunen, an denen wir im Februar achtlos vorbeigegangen wären. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Menschen zu reden, Gedanken auszutauschen und zäme zu lachen.

Es tat, kurz gesagt, einfach gut; wie ein eisgekühltes Cola Zero an einem glutheissen Sommertag. Solche Erfrischungen stehen für uns nach wie vor bereit. Sie sind bis auf Weiteres allerdings nur in schnell geleerten Eindezigläschen zu haben.

Eigentlich machen die meisten von uns seit dem Lockdown am 16. März ja nichts anderes als das, was John Lennon (für die jüngeren Leserinnen und Leser: John Lennon war ein englischer Musikant, der es weit hätte bringen können, wenn er nicht am 8. Dezember 1980 erschossen worden wäre) auf seinem letzten Album „Double Fantasy“ besang: Sitting here watching the wheels go round and round.

Der Unterschied zu ihm ist einfach, dass wir höchstens noch in mondlosen Nächten um 2 Uhr in den Park gehen, damit uns niemand wegen fahrlässigen versuchten Massenmordes anzeigen kann, uns vor und nach dem Teigkneten die Hände chemisch reinigen, bald nur noch dank der Schilderungen unserer Vorfahren wissen, was ein Rummelplatz ist und keine Ahnung haben, wann wir das nächste Mal einen Strand sehen werden, und ob überhaupt je.

Die Hoffnungen darauf scheinen halbwegs intakt zu sein. An einer Medienkonferenz sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit gestern: „Die schlimmsten Prognosen, die wie vor ein paar Wochen gemacht haben, sind nicht eingetreten.“

Ich verbuchte das sogleich als gute Nachricht, wunderte mich aber im selben Moment darüber, dass das Gehirn und das Gemüt sich offensichtlich schon mit sehr wenig zufriedengeben, um etwas positiv zu werten.

Schön ist auf jeden Fall: Im Haus gegenüber lebt ein Mann, der oft genau dann aus dem offenen Fenster schaut, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt regle. Ich weiss nicht, ob er alleine da wohnt oder ob seine Frau ihren Kopf erst nach dem Eindunkeln für ein paar Minuten ins Freie halten darf, aber das ist ja egal (ämu mir, der Frau vielleicht weniger).

Erst fiel uns nicht auf, dass wir häufig gleichzeitig das Bedürfnis nach einer kurzen Luftveränderung verspüren. Dann begannen wir, ein bisschen zu grinsen, wenn wir uns sahen. Inzwischen winken wir uns manchmal zu.

Wenn das so weitergeht (und das geht es, irgendwie, ja zweifellos), halten wir in vier oder fünf Wochen grosse Kartons mit unseren Vornamen hoch, um uns einander vorzustellen.

Hallo du!

Ganz geheuer sind sie einander noch nicht, die Alpacas beim Burgdorfer Gsteighof-Schulhaus und unsere Meite. Aber wenn wir mit Tess noch ein paar Mal am Gehege der Südamerikaner vorbeibummeln, sind sie bestimmt schon bald beste Freunde.