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Heinz und Mary und Susi und ich

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Hei-ei-ei: das war jetzt eine Osterüberraschung! Fast auf den Tag genau 24 Jahre, nachdem wir miteinander eine Ferienwoche auf Kos verbracht hatten, schickte mir Heinz Häfeli (links im Bild) heute ein Erinnerungsfoto. Wer weiss, wie lange ich darauf hätte warten müssen, wenn die Digitalisierung noch nicht erfunden worden wäre und so Sachen immer noch von der Post spediert würden (die übrigens mein letztes Fachgesuch noch nicht beantwortet hat, weder zustimmend noch abschlägig, aber ich bleibe dran).

Das Bild zeigt Heinz (der es als Teilnehmer an der vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlten Montagabend-Show „Traumpaar“ damals gerade zu einer gewissen landesweiten Berühmtheit im oberen Wynental gebracht hatte), Mary und mich an einer Tankstelle/vor einem Restaurant/spielt keine Rolle (Zutreffendes bitte ankreuzen). Geschossen hat es Susi R., auf die ich schon beim Begrüssungsapéro im Hotel alles geworfen hatte, was mir an Augen zur Verfügung stand, aber wie das halt so ist in diesem Alter: What you see is not always what you get, und so geschah es, dass zwischen uns sieben Tage und sechs Nächte lang rein gar nichts geschah, und vielleicht – nein: ganz bestimmt – war das auch besser so, für sie und für mich und für uns beide sowieso.

Die Single-Hitparade dominierten damals, to whom it may interest, Enigma mit „Sadness„, Roxette mit „Joyride“ und die Scorpions mit ihrem elenden „Winds of change“ sowie Bryan Adams mit „Everything I do (I do it for you)„.

So peinlich es mir auch sein sollte: Der Begrüssungsapero im Hotel ist mehr oder weniger die letzte konkrete Erinnerung, die ich an jene – abgesehen von der Susisache – ganz und gar unbeschwerten Tage habe. Im Namen des Reiseveranstalters offerierte uns eine Dame an der Bar des Hotels ein Gläsli Ouzo. Die Flasche liess sie gleich stehen, und nachdem uns schon im frühesten Kindesalter eingebläut worden war, dass einmal angebrochene Lebensmittel aufgegessen oder -getrunken werden müssen, weil sonst: gute Nacht, Afrika!, nahmen Heinz und ich die Flasche mit aufs Zimmer, und als ich am nächsten Morgen erwachte, ahnte ich, wie sich Curt Cobain, der Sänger der damals noch unbekannten Grunge-Band Nirwana, vier Jahre später fühlen wird, wenn er sich eine Ladung Schrot in den Kopf schiesst.

Den Rest der Woche verbrachten wir, wenn mich die Erinnerung nicht trübt (was sie aber, wie schon erwähnt, tut) mit Töfflifahren, Fetaessen, Herumbummeln und Verschiedenem, und wenn ich gerade „Verschiedenem“ lese, möchte ich die Gelegenheit, auf die Hauptversammlung des von mir präsidierten Theatervereins Szenerie Burgdorf hinzuweisen, nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Also: Die Hauptversammlung der Szenerie Burgdorf findet am 20. April im Restaurant Bernerhof in Burgdorf statt. Sie beginnt um 19.30 Uhr. Die Traktandenliste lautet wie folgt:

1.) Protokoll der letzten HV
2.) Jahresbericht des Präsidenten
3.) Jahresrechnung 2014 und Revisorenbericht
4.) Budget 2015
5.) Wahlen Vorstand/Rechnungsrevision
6.) Informationen zum neuen Stück 2016
7.) Verschiedenes

Für ein zahlreiches Erscheinen und eine wohlwollende Berichterstattung danke ich im Voraus bestens.

Im Fall von Heinz und Mary liefs auf Kos ein bisschen anders als bei Susi und mir. Aus ihrer Ferienbekanntschaft wurde erst chli und dann sehr viel mehr und tja: statt seine Freizeit mit mir in allerlei obskuren Schuppen im Mittelland und in der Zentralschweiz zu verbringen, fuhr Heinz an den Wochenenden immer öfter in die Ostschweiz, zu Mary.

Irgendwann heirateten die beiden und ritten auf einem bis zum Anschlag frisierten Zweitakter – er mit wehenden Locken am Lenker, sie sich überglücklich strahlend von hinten an ihn klammernd – in den Sonnenuntergang. Über der Ägäis funkelten die Sterne wie Diamanten, und im Hintergrund röhrte Joe Cocker dazu „Unchain my heart“.

Das mit dem Reiten und dem Sonnenuntergang und der Ägäis und Joe Cocker ist frei erfunden (wobei: „Unchain my heart“ haben wir damals tatsächlich endlos gehört, mit mindestens 120 Dezibel, im Hotelzimmer), aber ich fand halt, zu einer so schönen Geschichte gehöre einfach ein extrem romantischer Schluss.

„Was letztlich zählt, ist das Füreinanderdasein“

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Wie neulich schon angekündigt: Hier ist die Laudatio, die ich am Eröffnungsabend der Burgdorfer Krimitage im vollbesetzten Casino Theater auf Bernhard Aichner, den Gewinner des Krimipreises 2014, halten durfte:

„Lieber Bernhard Aichner,
liebe Ursula Aichner,
liebe Mitglieder der Stadt- und Gemeindebehörden,
liebe Leserättinnen und –ratten,
liebe Importeure und Exporteure,
liebe Krimifreundinnen und –freunde,
liebe Liebhaberinnen und Liebhaber des Bösen,
lieber Max Broll,
lieber Johann Baroni

Durch rund 100 Bücher haben sich die Mitglieder der Jury, die alle zwei Jahre den Burgdorfer Krimipreis vergibt, gelesen. Vier Romane schafften es ins Finale – und nach einer für das mörderische Genre erstaunlich lebendigen Debatte stand für uns fest: The Winner is Bernhard Aichner mit ‚Leichenspiele‘.

Ich darf wegen des berüchtigten Schweizer Jurygeheimnisses nicht sagen, wen Sie alles – verzeihen Sie bitte den Ausdruck – ‚ausgestochen‘ haben. Aber ich kann Ihnen verraten, dass darunter Autorinnen und Autoren waren, die Fernseherinnen und Fernsehern, Radiohörerinnen und Radiohörern sowie Zeitungsleserinnen und -lesern – auch die gibts noch! – seit Jahren bestens bekannt sind.

Die Helden Ihres Krimis sind ein Totengräber, der von seinem Job genug hat, und ein ehemaliger Fussballer, der wegen seiner Spielsucht am Abgrund seiner Existenz steht. Das alleine ist schonmal eine interessante Ausgangslage. Die Geschichte selber spielt im Grunde eine Nebenrolle. Sie ist wie eine Staffelei, auf der Sie, lieber Bernhard Aichner, lustvoll mit Worten und Sätzen malen.

Die Handlung lebt von der Freundschaft der beiden Protagonisten, die mit erstaunlicher Regelmässigkeit in die haarsträubendsten Situationen geraten – und es miteinander immer wieder schaffen, sich auch aus der verzwicktesten Lage zu befreien.

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Mit ‚Leichenspiele‘ schenkten sie uns eine sehr, sehr schöne Erzählung, die sich extrem flüssig liest, mit aussergewöhnlich viel schwarzem Humor angereichert ist und die ohne den ganzen Sozialkitsch auskommt, der an immer mehr Fernseh-„Tatorten“ zur Grundausstattung gehört. Sie scheren sich einen Deut um Political Correctness, packen den Leser mit dem ersten Satz und lassen ihn bis zum letzten Abschnitt nicht mehr los.

Einer meiner früheren Deutschlehrer hat einmal gesagt, beim Schreiben gehe es nicht darum, ein bestimmtes Thema zu treffen, und auch nicht darum, den Leser oder die Leserin zu belehren, oder ihm vorzuspielen, man wisse weiss Gott nicht was alles. Was zähle, sei, den Leser bei der Stange zu halten. Ihn an der Hand zu nehmen und mit einem kaum merklichen Ziehen dazu zu bewegen, einem bereitwillig über staubige Strassen, in stacheliges Dickicht und durch dunkle Gassen an einen Ort hin zu folgen, den er nicht kennt.

Oder anders gesagt: Erlaubt sei beim Schreiben alles, nur eines nicht: den Leser zu langweilen. Dr. Gerhard van den Bergh, der besagte Lehrer und Philosoph, hätte am Träger des Burgdorfer Krimipreises 2014 seine helle Freude gehabt.

Wenn Sie, werter Herr Aichner und liebe Damen und Herren im Publikum, sich langsam zu fragen beginnen, wer hier eigentlich spricht – ein Mitglied der Jury oder ein Fan? – muss ich Ihnen sagen: Ich weiss es nicht. Aber das spielt hoffentlich auch keine zu grosse Rolle. Was ich weiss, ist, dass Aichners Figuren – allen voran natürlich Max Broll – es mir mehr angetan haben als viele andere Hauptdarsteller in anderen Romanen und Filmen; Börne und Thiel inklusive, und das will etwas heissen.

Dass unser Sieger zu Max Broll und seinem Kumpanen Johann Baroni ein ausgesprochen inniges Verhältnis haben muss, ist offenkundig. Wer mit soviel Verständnis und Herzblut über jemanden schreibt, den es gar nicht gibt, sieht in diesem Jemand sehr viel mehr als bloss eine Figur, die die Handlung vorantreibt. Ihn verbindet mit diesen Wesen etwas, was weit über eine ‚Arbeitsbeziehung‘ hinausgeht: eine wahre Freundschaft.

Der Begriff ‚Freundschaft‘ hat, seit jedermann und –frau sein Face in einem virtuellen Book präsentieren kann, an Wert verloren. In den paar Minuten, in denen ich hier stehe und rede, werden Millionen von Freundschaften aufs Geratewohl hin geschlossen oder beiläufig aufgekündigt; mit einem einzigen Mausklick. Sehr vielen Menschen ist nicht mehr wichtig, was für Freunde sie haben, sondern wieviele. Freundschaften sind für sie eine Zahl, mit der sie vor anderen Leuten angeben könnten, falls sie im realen Leben noch reale Leute treffen würden.

Doch was eine echte Freundschaft auszeichnet – das bedingungslose Sichaufeinanderverlassendürfen, das endlose Vertrauen in- und Verständnis füreinander, der unbrechbare Wille, zusammen durch Dick und Dünn zu gehen – zählt auf Facebook und artverwandten Plattformen nur am Rande. Das ist bemerkenswert in einer Gesellschaft, die zunehmend von Neid und Missgunst und Habgier geprägt ist.

Wenn alle mit ausgefahrenen Ellenbogen unterwegs sind, um jeden beiseitestossen zu können, der ihnen im Kampf um Geld und Macht und Ruhm im Wege stehen könnte, kann es doch kein beruhigenderes Wissen geben als jenes darum, jemanden in der Nähe zu haben, dem es völlig egal ist, welchen Beruf man ausübt, wieviel man verdient, wo und wie man wohnt oder ob man einen Schweizer Pass hat oder einen österreichischen oder einen nigerianischen oder gar keinen.

Dass Sie, lieber Bernhard Aichner, mit Max Broll und Johann Baroni zwei Typen geschaffen haben, die eine wahre Freundschaft leben – oder leben müssen, um überleben zu können – rechnet Ihnen die Jury des Burgdorfer Krimipreises ganz, ganz hoch an.

Ihre Helden sind liebenswürdige Vorbilder für uns alle, indem sie zeigen, dass es am Ende nicht auf einen faltenfreien Lebenslauf ankommt oder darauf, wer materiell wieviel zu bieten hat. Was letztlich zählt, klingt recht unspektakulär, ist aber mehr wert als alles Gold dieser Welt: Das Füreinanderdasein – in guten wie in schlechten Zeiten.

Ich weiss nicht, ob schon jemand plant, die ‚Leichenspiele‘ zu verfilmen. Zu gönnen wäre es nicht nur Ihnen, lieber Bernhard Aichner, sondern auch all jenen Unterhaltungsjunkies, die guten Stoff lieber im Kino oder im Fernsehen konsumieren, statt ihn sich lesend reinzuziehen.

Vor allen anderen zu gönnen wäre eine europa- oder gar weltweite Verbreitung der Geschichte Max Broll und Johann Baroni: Ihrer Art, eine Freundschaft zu pflegen, können nicht an genügend vielen Orten Denkmäler gesetzt werden.“

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Bei Jack, Diego und Nora

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Nur wegen der Musik hätten wir in diesem Sommer nicht un-be-dingt ans Moon & Stars-Festival nach Locarno reisen müssen. Wäre der Auftritt von Jack Johnson ein Essen in einem Restaurant gewesen, hätte ich der Serviertochter, wenn sie vor dem Abräumen gefragt hätte, wies gewesen sei, gesagt, „scho rächt“. Ich hatte das Gefühl, zwei Stunden lang ein und dasselbe Lied zu hören. Vermutlich war ich einfach nicht in Gitarrengeschrummelstimmung. Die Tickets für das am nächsten Tag steigende Konzert von James Blunt verhökerten wir dem nächstbesten Schwarzhändler. Dann machten wir es uns mit Lesestoff in einem Beizli am See gemütlich.

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Sehr viel mehr Freude bereitete mir das Treffen mit Dieter Diego Eichenberger. Wir haben miteinander einen sehr grossen Teil unserer Kindheit und Schulzeit verbracht und uns irgendwann – genauer gesagt: kurz nach dem Rolling Stones-Konzert 1982 in Basel – aus den Augen verloren. Dafür gab es Gründe, und zwar sehr gute, aber darauf mag ich jetzt nicht eingehen.

30 Jahre später trafen wir uns nun in seinem schmucken Haus im Tessin wieder, um bei Fleisch vom Grill und Salaten aus dem Garten über die alten Zeiten zu plaudern. Selbstverständlich genügte ein Nachmittag bei Weitem nicht, um uns gegenseitig auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen, weshalb wir uns fest versprachen, nicht wieder über ein Vierteljahrhundert verstreichen zu lassen, bis wir wieder mal zämehöckle.

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Eine tierisch schöne Erstbegegnung erlebten wir im Zoo von Maglio bei Lugano. Seit bald einem Jahr ist mein Schatz stolze Patin einer dort lebenden Waschbärendame. Nun war es an der Zeit, das Gottemeitschi (wenn die Zooverantwortlichen und uns nicht alles täuscht: links im Bild) zu besuchen. Nora – den Namen hat sie von Chantal bekommen – freute sich über die Visite mindestens genauso wie über die Bananenstückli, die wir ihr durchs Gitter reichten. Kein Interesse zeigte sie hingegen an den Apfelschnitzli und dem Popcorn, aber Patenkinder dieses Herzigkeitskalibers dürfen natürlich so gschnäderfrässig sein, wie sie wollen.