Im Traum- statt in Russland

Samstagabend, 17. Juni 2018: Millionen fiebern vor ihren Fernsehern und an Public Viewing-Plätzen mit, als die Schweiz an der Fussball-WM in Russland Brasilien ein 1:1 abtrotzt. Auch viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn verfolgen den Match. Regelmässig sind aus dem umliegenden Häusern und Gärten  “Jaaaa!”- und “Neeeei!”-Rufe plus ein frenetischer Jubel zu vernehmen.

Unserer Tess ist das alles egal. Sie schläft. Alles, was wir von ihr hören, ist ein gelegentliches Seufzen und Murmeln.

Inselleben (IV)

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Tag 4, Abend: Nachdem ich das WM-Spiel der Schweiz gegen Frankreich zum Glück extra verpasst habe, schaue ich im TV-Eggeli am Hotelpool heute den Deutschen gegen Ghana zu. Vom Barkeeper meines Vertrauens habe ich mir gegen ein kleines Bakshish einen Platz reservieren lassen. Wenig später sollte sich zeigen, dass das nicht unbedingt nötig gewesen wäre (siehe Bild oben).

Die Stimmung in unserer naturgemäss germanisch dominierten Mini-IG ist bis zum nicht alle restlos happy machenden end heiter und entspannt. Graue Haare statt Glatzen, Weisswein statt Wodka, Häkeljacken statt Hakenkreuze, Bravos statt Buhs und Röckli statt Raketen: Imagine all the Fussballfans livin’ life immer so in peace.

Vor lauter Freude darüber, dass sich auch bei Halbzeit noch keine Toten und Verletzten zwischen den Stuhlreihen stapeln, erwäge ich kurz, “Hopp Ghana!” zu brüllen, lasse es dann aus Rücksicht auf jene Hotelgäste, die nach dem Znacht früh in die Federn gehüpft sind, damit sie auch morgen wieder kraftvoll zubeissen können, bleiben.

Schwingpreis
(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Zwischen Tag 4 und Tag 5: Sekunden, bevor ich am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Beinwil am See mit meinem Freund Hannes Zaugg-Graf in den Schlussgang steige (als Kampfrichter fungieren Pesche Leu von der kulturfabrikbigla, mein Brüetsch und Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw; als Lebendpreis winkt ein im Hallwilersee parkierter Blauwal, auf den mangels eines passenden Stalls weder mein Gegner noch ich übertrieben erpicht sind), beauftragt Elisabeth Zäch mich damit, das Schloss Burgdorf vom Keller bis zum Dach und innen und aussen schwarzgelbkariert zu bemalen, mit Neocolor, und zwar ganz alleine (“wir haben kein Geld und du hast ja Zeit”), bis Ende nächster Woche.

Es dauert ein Weilchen, bis ich wieder einschlafen kann.

Tag 5, nach einer verchrügleten Nacht: Der Sommerhit des Jahres 2014 auf Gran Canaria heisst…

(Trommelwirbel, atemlose Spannung, strengstes Blitzlichtverbot)

…“Killing my softly“ , wie schon letztes Jahr und vorletztes und vermutlich auch vorvor- und vorvorvorletztes.

Irgendwie ist es schon faszinierend: Vor über 40 Jahren war „Killing me softly“, das damals noch “Killing me softly with his Blues” hiess (vielleicht ist das wichtig, vielleicht auch nicht) – zum ersten Mal ein internationaler Hit. Gesungen hatte ihn damals Roberta Flack, und zwar so:

23 Jahre später schoss der Song in der Fassung der Fugees schon wieder an die Spitze von zig Hitparaden in Europa und Übersee. Seither kreist er wie ein Kettenbrief rund um den Erdball und legt immer genau dann einen Halt auf den Kanaren ein, wenn ich auf selbigen dem hemmungslosen Faulenzen fröne.

Wo auch immer man geht und steht und höcklet: Spätestens nach einer Viertelstunde legt Lauryn Hill los mit “Strumming my pain with his fingers, singing my life with his words…”.

Was die Hiphopballade zu einem unlöschbaren Dauerbrenner macht, hat sich mir auch nach dem achtmillionsten Zwangshören nicht zur Gänze erschlossen. Mir ist sie nach dem dritten Mal verleidet wie seinerzeit die Schule nach der ersten Pause. Dennoch scheint das Lied ein musikalischer Nenner zu sein, auf den sich sämtliche Touristen zwischen Abu Dhabi und Zagreb einigen können. So betrachtet, gibts an ihm wenig auszusetzen. Ich weiss gar nicht, was ich habe.

Wenn – nein: falls – ich in zehn Jahren nach Playa del Inglés zurückkomme, dröhnt womöglich endlich etwas anderes aus den Boxen über den Beizen und Bars. „Feel“ von Robbie Williams etwa; das kam 2002 auf den Markt und hat folglich beste Aussichen, 2024 zum neusten Heuler in den Ualaubaparadiesen zu avancieren.

Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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gfürchige Wolkenwand

auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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245,

das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Was für ein Match!

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Läck, das war ein Spiel gestern Abend, als ich mich mit dem iPad auf dem Gartensitzplätzli zu einer Runde “Coiffeur” zusammensetzte: Die Trumpf- und Bockkarten flogen mir nur so zu. Während der Rest der Nation die Fussballnati bei ihrem WM-Auftakt gegen Ecuador anfeuerte, kurvte ich souverän durch Slaloms (siehe Bild), triumphierte ich von obenabe und undenufe und bekam ich genau dann Puur und Nell zu Fünft von Kreuz ausgeteilt, wenn ich nur noch Kreuz machen konnte.

Erst die Rechnung, dann das Rind

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Würde der letztes Jahr aufgestellte Rekord von 14 Minuten gebrochen werden können? – Das war die grosse Frage vor der Generalversammlung des FC Böju Club 90, und um sie gleich zu beantworten: Nein, konnte er nicht, was aber keinesfalls an einem unbremsbar redefreudigen Präsidenten lag oder an ausufernden Wortmeldungen zu den tiefschwarzen Zahlen in der Rechnung oder an rotköpfig geführten Grundsatzdebatten zur Besetzung des Vorstandes, sondern schlicht daran, dass die Donatorenvereinigung in der nächsten Saison ein Vierteljahrhundert alt wird, was naturgemäss allerlei festliche Aktivitäten auslöst (Höhepunkt: ein zweitägiger Ausflug ins Elsass), über die der Vorsitzende in groben Zügen informierte, sowie am Umstand, dass die Verantwortlichen – eher überraschend – zum ersten Mal überhaupt das Thema “Mitgliederbeiträge”, beziehungsweise eine allfällige Erhöhung derselben, auf die Traktandenliste zu setzen geruht hatten, worüber zwar niemand ernsthaft diskutieren mochte, was aber halt doch ein paar zusätzliche Sekunden kostete, nur: Irgendwie war das mit den 14 Minuten nach den letztlich benötigten knapp 30 Minuten sowieso nicht sooo schlimm, denn einen Rekord gabs dennoch zu vermelden: 41 von 71 Mitgliedern hatten sich im Restaurant Zihl an diesem Gründonnerstagabend zum offiziellen Teil (und, vor allem: dem fantastischen anschliessenden Essen) eingefunden, soviele wie noch nie, und alle hatten den Plausch und allen war spätestens, als nach und nach würzige Suppen, gartenfrische Salate, butterzarte Brocken vom Schwein und vom Rind plus fruchtige Coupes aufgetischt wurden und man dazu übergehen konnte, sich zum Teil schon recht bis sehr lange zurückliegender Heldentaten zu entsinnen, klar: Es gibt tatsächlich Generalversammlungen, die einfach nur Spass machen und darüberhinaus erst noch einem guten Zweck dienen (zum Beispiel jenem, junge Leute von the manch zweifelhafte Verlockungen bietenden Streets of Beinwil am See nach draussen, in die freie Natur, zu holen und ihnen dort eine sinnvolle körperliche Betätigung im Kreise Gleichgesinnter zu ermöglichen), und wir geniessen gerade das grosse Privileg, Teil einer solchen Veranstaltung sein zu dürfen.

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(Bild: Schatz)

Sturz durchs Zeitloch

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Eine kleine Notiz bescherte uns einen grossartigen Abend: Auf Facebook teilte der FC Beinwil am See mit, er treffe am Samstagabend im Seetaler Derby auf Meisterschwanden. Als ich das las, bekam ich aus heiterem Himmel chli Heimweh.

Weil es auch meine Frau wunder nahm, wo ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht hatte, fuhren wir kurzentschlossen aus dem Emmen- ins Seetal.

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Der FC Beinwil war ein fester Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebens: Beim FC Böju habe ich getschuttet und Junioren trainiert. Später, als Redaktor beim Wynentaler Blatt, schrieb ich über ihn (und zwar immer mit einem My mehr Herzblut als über die anderen Clubs; jetzt kann ichs ja sagen).

Der FC Böju: Das sind für mich glorreiche Siege, unverdiente Niederlagen, turbulente Grümpelturniere, bierselige Samstagabende, endlose Fahrten in die hintersten Ecken des Aargaus, Trainings im strömenden Regen und bei brütender Hitze, Grundsatzdiskussionen mit Vätern, die nicht verstehen konnten oder wollten, dass auch ihr Sohn keinen Stammplatz habe, meist kurzweilige Vorstandssitzungen und gemütliche Jahresendhöcks in der verschneiten Waldhütte.

Natürlich: Das alles gibt es in zig Vereinen landauf und -ab auch. Doch während man anderswo mit dem einen Auge ständig auf die Tabelle und mit dem anderen ununterbrochen in die Kasse schielte, stand in Beinwil am See etwas über allem anderen, was auch der potenteste Sponsor nicht herbeikaufen kann: Das Menschliche.

Als ich mit Chantal gestern Abend durch das Gittertor beim Sportplatz Strandbad gegangen war, merkte ich sofort, dass sich daran nichts geändert hat. Vom Grössenwahn, der schon manchen FC nach dem Aufstieg in die 2. Liga erfasst hat und der im Verbund mit Neid und Ehrgeiz auch die harmonischste Clubstruktur innert weniger Monate von innen zerfressen kann, ist am westlichen Ufer des Hallwilersees nichts zu spüren.

Entsprechende Befürchtungen hatte ich allerdings nie ernsthaft gehabt. Einerseits wird der FC Böju seit Jahr und Tag von meinem besten Freund Martin Hintermann (rechts im obersten Bild) geführt. Er alleine ist mit seiner bodenständigen Art ein Garant dafür, dass keines der weit über 200 Aktivmitglieder auf die Idee kommen kann, abzuheben, nur, weil man jetzt in einer höheren Spielklasse mitwirkt.

Darüberhinaus arbeiten im Hintergrund des Vereins zig Männer und Frauen mit, die wissen, wie man “Kontinuität” buchstabiert und die im FC so fest verwurzelt sind wie ein Mammutbaum in der Erde. Fremde Fötzel auf der Suche nach Schwarzgeldverstecken sind im FC Beinwil am See ebensowenig willkommen wie Egoisten, die auf und neben dem Spielfeld ihre Profilierungsneurosen ausleben wollen.

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Die Rückkehr auf das vertraute Terrain fühlte sich an wie eine weiche Landung nach einem Sturz durch ein Loch in der Geschichte: Der Platz, der Kiosk, die Festbeiz und die Unterstände für die Trainer und Ersatzspieler sehen noch fast genau gleich aus damals, als ich die 16 auf dem Rücken des gelbblauen Leibchens trug. Über allem liegt der vertraut-herbe Duftmix aus Dul-X, Schweiss und Bratwürsten. Verschwunden sind die Zuschauerbänkli hinter den Seitenlinien. Dafür gibt es eine elektronische Anzeigetafel auf dem Dach der Garderobe und eine hochwattige Flutlichtanlage und einen Kugelgrill plus einen Fan, der die Böjuer mit seinem Megaphon akustisch verstärkt.

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(Bild: pd)

Der Match selber war…naja. Wir haben gewonnen, doch in die engere Wahl für den Friedensnobelpreis wirds das Spiel kaum schaffen. Nach dem Abpfiff stürmte ein gegnerischer Fan auf den Rasen und streckte einen der Böjuer Akteure mit einem Faustschlag nieder. Wenig später war die Platzwunde am Kopf verarztet und die Polizei vor Ort, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mit all den Helden von früher, die sich das Seetaler Derby ebenfalls nicht entgehen lassen wollten, hätte sich beinahe eine komplette Mannschaft bilden lassen.

Die Freude und Herzlichkeit, mit der die ehemaligen Sportsfreunde Chantal und mich begrüssten, hatte etwas Rührendes. Es gab kein Fremdeln und kein Beschnuppern. Vielmehr fühlte es sich an, als ob seit unserem letzten Treffen nur fünf Tage und nicht 25 Jahre vergangen wären.

Als wir nach Hause zurückfuhren, wusste ich: Es gibt Bänder, die nie reissen. Auch wenn die Zeit noch so lange an ihnen zerrt.

News von den Oldies

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Falls jemals Ausserirdische wissen möchten, was so los ist in der Schweiz und sonst auf der Welt; worüber die Wesen auf diesem Planten reden; was sie beschäftigt; was sie aufregt oder lachen lässt – dann benötigen sie dafür keine Zeitung und keinen Fernseher und kein Radio und kein Internet.

Es genügt, wenn sie sich in einem Bahnwagen voller Senioren verstecken und die Ohren spitzen.

Ich hatte heute Morgen das grosse Vergnügen, mit einer zweidutzendköpfigen Ü70-Wandergruppe von Burgdorf nach Bern zu reisen. Der Zug hatte Lyssach noch nicht passiert, als ich schon wusste, dass man das, was “diese Scholie” mit ihren Brüsten gemacht hat, schon noch verstehen könne, irgendwie.

Andrerseits: “Wenn d Zyt chonnt, de chonnt si. Me cha em Chräbs ned devolaufe, ond öberhoupt vor gar nüütem”, sagte eine Frau, und erntete für dieses Votum betreten-zustimmendes Nicken.

Weitere Themen in anderen Viererabteilen waren: Das “Eidgenössische” in Burgdorf (“Muesch luege: De Sämpach!”), die “Tanz dich frei”-Demo in Bern (“Sesch doch guet, wenn di Jonge öppis mache.”), das Wetter (“Ned zum gloube!”), eine bevorstehende Taufe plus, kaum waren wir in der Nähe der Haltestelle Wankdorf angelangt, die Ausschreitungen von Basel- und GC-“Fans” am Cupfinal (“Eifach iischpeere, de Scheffe vo dene Chaote aalüüte und de Eltere säge, si söue eri Goofe ofem Poschte abhole.”).

So ging das, fast eine halbe Stunde lang. Obwohl die Geschichten so unterschiedlich waren wie die Ansichten dazu, gab es unter den Oldies nicht ein einziges Mal Streit. Man hörte einander zu, liess einander ausreden und schwieg, wenn man merkte, das man zu diesem oder jenem Punkt nichts zu sagen hat.

Und: Niemand steckte sich Kopfhörer in die Ohren, niemand brüllte ins Handy, und kein Mensch schien sich daran zu stören, dass mitten in dem – wie sich erst beim Aussteigen zeigte – für diese Gruppe reservierten Wagen seit der Abfahrt in Burgdorf jemand sass, der gar nicht dazugehörte.

Aus der Frühphase

“Weihnachten”: Dieses Wort ist Gold in Kinder- und Erwachsenenohren. Bei den Sprösslingen – so vermute ich wenigstens – stehen besonders die Päckli im Vordergrund. Bei den Erwachsenen mehr die Freude am Wiegenfest Jesus’ und nicht zuletzt das etwaige Musizieren ihrer kleinen Stradivaris und Mozarts.

Das Aufsatzthema lautet aber nicht, “Was ist Weihnachten?”, sondern: “Wie ist Weihnachten in Eurer Phantasie dargestellt?” – Ich möchte Weihnachten nicht als “Päckli-” oder Überraschungsfest erleben. Am liebsten wäre es mir, wenn Grossmutter, Grossvater, Onkel, Tante, Götti und die Gotte zu einem fröhlichen Schmaus kämen. Natürlich habe ich nichts gegen kleine Überraschungen, aber diese sollten nicht die Hauptsache sein.

Doch auch Vorweihnachten ist mir sehr sympathisch. Mir gefällt es immer sehr, wenn der Kranz mit den Kerzen auf dem Tisch steht und wenn zum Dessert ein Stück Kuchen serviert wird. Meine Tante hat mir einen wunderbaren Adventskranz aus leeren Streichholzschachteln gebastelt, in welchem jedesmal irgendetwas drin ist, was man gut gebrauchen kann. Zum Beispiel ein Spitzer, ein Gummi usw. Auf diese Weise könnte ich mir jedes Jahr ein kleines Büro einrichten.

Aber zu Weihnachten gehört sicher auch der Samichlaus. Am Abend des 6. Dezember sitzen wir mit den Grosseltern im Wohnzimmer, wo wir erwartungsvoll auf ein Klingeln im Treppenhaus warten. Sobald es dann läutet, beginnt mein Herz komisch zu klopfen, obwohl ich, ganz im Gegensatz zu meinem kleinen Bruder, ein ziemlich gutes Gewissen habe.

Ein Weihnachtswunsch von mir wäre aber auch, dass es in dieser Zeit keinen Krieg mehr gibt. Wenn man nämlich bedenkt, dass in Vietnam viele Väter Weihnachten im Panzer verbringen müssten, könnte einem fast ein bisschen die Festtagsfreude genommen werden.

Zum Schluss noch etwas zu Weihnachten im Allgemeinen: Man soll und darf dieses Fest nicht als Erwachsenen- oder Kinderfest beschreiben, sondern als eine Feier, welche in der ganzen Welt geachtet und geehrt wird.”

Dieser – nun ja – Artikel erschien am 5. Dezember 1978 im “Böjuer Informationsblatt”. Verfasst wurde er von einem gewissen Johannes Hofstetter (13).

Ich hatte damals an einem Schreibwettbewerb teilgenommen. In die Kränze kam ich mit der Erzählung nicht. Das lag weniger an der Konkurrenz (“Der Wettbewerb stiess leider nur auf wenig Gegenliebe und brachte termingerecht einen Beitrag”, teilte der rührige “Böjuer”-Verleger Franz Mattig seiner Leserschaft mit), sondern vor allem daran, dass ich den Einsendeschluss verpasst hatte. Aus Goodwill – und amänd, weil er sein Heft auch in den nicht übertrieben ereignisreichen Adventstagen füllen musste – druckte Mattig den Aufsatz trotzdem ab.

Jetzt, nachdem mir die Geschichte 33 Jahre später wieder in die Hände gefallen ist – Mütter neigen dazu, Dinge aufzubewahren, die man selber längst vergessen hat – muss ich sagen: Genauso würde ich sie wohl nicht mehr schreiben. Panzer und Krieg neben Adventskalendern und Kuchen: Mein erster und letzter gedruckter Kommentar zur grossen Weltpolitik wirkt rückblickend ein wenig sehr…wie soll ich sagen?…altklug. Und etwas gar konstruiert.

Unabhängig davon würde ich heute ganz bestimmt auf die Passage “…obwohl ich, ganz im Gegensatz zu meinem kleinen Bruder, ein ziemlich gutes Gewissen habe” verzichten.

Ich meine: Mein Brüetsch war damals siebenjährig. Was, bitteschön, kann am Gewissen eines Siebenjährigen schlecht sein?

Wahrscheinlich ist es nichts als ausgleichende Gerechtigkeit, wenn wegen dieses achtlos hingeworfenen Halbsatzes nun mich ein etwas ungutes Gefühl plagt.

Dasselbe gilt für einen Titel, den ich Jahre später über einen Fussball-Matchbericht setzte. Mein – schon wieder er! – Bruder stand eines unschönen Abends als Goalie des Drittligisten Reinach unter dem Dauerbeschuss der Stürmer des turmhoch überlegenen Zweitligisten Gunzwil.

Anderntags fiel mir nichts Gescheiteres ein, als den Text gross mit “Es war nicht Hofstetters Abend” zu überschreiben. Ich weiss nicht, welcher Teufel mich dabei geritten hatte. Vermutlich wollte ich der Leserschaft beweisen, dass ich beim Texten keine Rücksicht auf Verwandt- oder Freundschaften nehmen würde und als ganz und gar unabhängiger Reporter einfach rapportiere, was es zu rapportieren gibt. Möglicherweise wollte ich damit jemandem imponieren. Vielleicht wars auch nur der Restalkohol.

Die Gründe dafür mögen für immer im Dunkeln liegen. Klar ist jedoch: Obwohl mein Brüetsch nach mir in den Journalismus einstieg, wusste er lange vor mir, wie Worte verletzen können.

Ich selber merkte das irgendwann auch. Nach dem Stammtischerfolg “Sechs Frauen unter 400 Männern” (zum Start einer neuen Rekrutenschule in Freiburg) und dem romantisch-launigen “Küsse statt Schüsse” (über ein Schweiz-Kosovarisches Liebespaar) oder dem schampar originellen “Der Bundesrat gibt Gas” (im Lauf der Debatte über die Nachrichtenlosen Vermögen) sowie dem einen und anderen weiteren Schenkelklopfer segle ich schlagzeilenmässig nun schon seit einem geraumen Weilchen in gemässigteren Zonen.

Mein vorläufig letzter Titel lautete “…dann schreibe ich ein paar Zeilen”.

Damit gewinnt man keine Wettbewerbe. Aber dafür kann man sichs auch in 30 Jahren noch anschauen, ohne über sich selber den Kopf schütteln zu müssen.

Ist doch gerne geschehen

Eben: Wir haben bei der BZ ja die Rubrik “Wünsch dir was”. Sie ist ein grosser Erfolg – für alle Beteiligten: Die Menschen, für die ein Traum Wirklichkeit wird, freuen sich ebensosehr darüber wie die Leute, die den Traum Wirklichkeit werden lassen.

Neulich aber…

…neulich lag ein Brief von einer Mutter in meinem Mailfach. Sie schrieb, dass ihr Sohn ein riesengrosser Fan des FC Sowieso sei und sich nichts sehnlicher wünsche als ein original echtes und möglichst schon getragenes Leibchen des Spielers X.

Nun sind Sportvereine im Allgemeinen und Fussballclubs im Besonderen bei der Erfüllung von solchen Wünschen erfahrungsgemäss sehr, sehr zurückhaltend. Sie befürchten – sicher nicht ganz zu Unrecht – Hunderte von Anhängern zu enttäuschen, wenn sie einem einzelnen Fan ermöglichen, einen Spieler zu treffen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen oder, wie in diesem Fall, ein ganz besonderes Souvenir zu ergattern.

Deshalb fragte ich gar nicht erst bei dem Verein an. Stattdessen bat ich einen Arbeitskollegen, der sich fast hauptberuflich mit dem Club beschäftigt, sich einmal unauffällig bei X zu erkundigen, ob er einem Kind vielleicht eines seiner Shirts abtreten würde.

Ein paar Tag später berichtete mir der Kollege, das sei kein Problem. X mache bei der Aktion gerne mit.

Das sicher lösbare Problem sei nur: Vor oder nach einem Meisterschaftsspiel sei es ihm unmöglich, das Shirt zu übergeben. Er schlage deshalb vor, dass die Mutter und/oder ihr Sohn am Donnerstagmorgen zwischen 10 und 11.30 Uhr zum Training kommen; dann könne er ihnen das Leibchen persönlich aushändigen.

In der Annahme, ihr – und, vor allem: ihrem Sohn – damit eine kleine Vorweihnachtsfreude bereiten zu können, rief ich die Mutter an.

Das Erste, was sie sagte, war: “Aha. Am Donnerstagmorgen? Habe ich keine Zeit. Dann muss ich arbeiten.”