Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Nachtdienst in der Vorhölle

In Burgdorf war Solätte, wieder einmal, aber heuer gabs neben all der Routine, die dieses Riesenfest prägt (Blumenchränzli, weisse Röckli, farbenprächtige Umzüge…) etwas Neues: Erstmals mussten die Wirte das Abfallkonzept umsetzen, zu dem der Stadtrat vor zwei Jahren trotz lauten Murrens aus Gastro- und Veranstalterkreisen ja gesagt hatte.

Für die Beizer hiess das: Getränke werden nur noch gegen ein Depot in Mehrwegbehältern ausgeschenkt. So wird “die Qualität eines Festes” nach Ansicht der Weisen im Rathaus “gleich doppelt” gesteigert: “Essen und Trinken werden aufgewertet und der Veranstaltungsort bleibt sauberer und damit attraktiver. Die Festbesucher fühlen sich dadurch erwiesenermassen wohler”, heisst es auf der Website der Stadt.

Ein Lokalbetreiber sagte mir schon Wochen vor der Solätte, dass er für das Handling dieser Challenge einen Chief Executive Officer suche. Eine solche Person zu finden, sei alles anders als einfach, klagte er: Sie müsse über ein Höchstmass an sozialer Kompetenz und ein Maximum an kaufmännischem Know-how verfügen und darüberhinaus auf den ersten Blick gerichtsfest beurteilen können, ob ein Becher mit einem dicken, schwarzen Rand verziert ist oder nicht. Nur, falls Ersteres zutreffe, handle es sich um ein retournierbares Trinkgefäss aus seinen Beständen. Andernfalls sei der Kunde freundlich darauf hinzuweisen, er soll seinen Kram woanders loszuwerden versuchen.

Weil ich am Solätte-Abend sowieso nichts Dümmeres vorhatte, versprach ich meinem Kumpel, die offene Temporärstelle zu besetzen.

So sass ich dann an diesem Montagabend vor einem langen Holztisch. Darauf stand das Kässeli mit 420 Franken Stock. Hinten links tummelten sich, unbeschwert plappernd, die Gäste der Beiz, für die ich im Einsatz stand. Wenige Meter neben ihnen war vor einem Club jemand damit beschäftigt, ein DJ-Pult einzurichten.

“Schön”, dachte ich. “Ein bisschen Hintergrundblues oder Sommersonnesandstrandchillsound passt sicher wunderbar zu diesem prächtigen Abend.”

Als ich meinen Dienst antrat, wars in der Oberstadt noch recht ruhig. Zwar bummelten ununterbrochen Menschen an mir vorbei, doch überbeschäftigt war ich nicht. Denn bevor die Becher zurückgegeben werden können, müssen sie ja erst einmal gefüllt und geleert sein und dann gleich noch einmal gefüllt und erneut geleert undsoweiterundsofort.

Ich nutzte die freie Zeit, um mich bei Wirtsleuten in der Nachbarschaft danach zu erkundigen, wie sie die Mehrwegregel umzusetzen gedenken; bei meiner Premiere wollte ich möglichst nichts falschmachen. Auf drei identische Fragen erhielt ich drei verschiedene Antworten.

Kaum hatte ich wieder an meinem Tisch Platz genommen, brach etwas los, was mit “Inferno” nur unzulänglich beschrieben wäre. Es tönte wie damals, als ich im Traum mit den US-Truppen in Bagdad unterwegs gewesen war: Ein ohrenbetäubendes Rummsen und Chlöpfen und Tätschen und Pfeifen und Heulen toste durch die historischen Gemäuer und fegte alles weg, was an Gesprächsfetzen eben noch munter durch die Luft geschwebt war.

Bis dahin war es mir problemlos möglich gewesen, mit meinen sich auf einmal wie die Doppeladlerexperten vermehrenden Kundinnen und Kunden einen Schwatz zu halten, bevor sie mir ihre Becher aushändigten und ich ihnen einen Zweifränkler. Jetzt konnte ich nur noch ihrer Mimik entnehmen, dass sie mich fragten, ob sie das und das abgeben dürften.

Weiter vorne brüllten sich ehemalige Schulkollegen, die sich vielleicht gerade zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedersahen, an, als ob sie seit der Abschlussfeier nur darauf gewartet hätten, mit ihrem Ex-Gspändli was auch immer endlich z Grächtem z Bode zu reden. Liebespaare erstarrten mitten im Gefummel. Senioren liessen ihre Rollatoren stehen und flüchteten, die gichtverkrümmten Finger fest ineinander verschlungen, in Richtung Bahnhof.

Ich aktivierte die Dezibelmess-App auf meinem Handy und las: 109. Ein Dezibel mehr, und die Schmerzgrenze wäre auch nach wissenschaftlichen Kriterien erreicht gewesen. 110 Dezibel entsprechen dem Lärm einer Kreissäge oder eines Presslufthammers.

Nach einer Stunde begann ich zu ahnen, dass trotz meines Hoffens und Betens nie jemand des Wegs kommen würde, um die offensichtlich im- oder explodierten Lautsprecher vor dem Club zu flicken. Die Frau am Mischpult schien der Höllenkrach nicht im Geringsten zu stören, ganz im Gegenteil: Verzückt lächelnd sorgte sie dafür, dass die House-Orgie nicht auch nur für eine Millisekunde ruhte.

Also fügte ich mich in mein Schicksal und konzentrierte mich auf meinen Job. Dafür wurde ich ja schliesslich nicht bezahlt.

Im Laufe des Abends fiel mir auf, dass der Anteil der Menschen, die an so einem Anlass ungebremst in eine Tischkante stolpern, erstaunlich hoch ist. Und dass einen gestandene Männer als besten Freund betrachten, sobald sie zum dritten Mal einen leeren Becher vor einen hingestellt haben. Bei jenen Leuten, die sich tief zu mir herunterbeugten in der vergeblichen Hoffnung darauf, ich würde dann verstehen, was sie sagen, konnte ich bald wettendasskompatibel am Mundgeruch erkennen, was sie soeben konsumiert hatten. An den Lippen einer jungen Frau las ich ab, dass sie wissen wollte, wieviel der Eintritt koste (Eintritt? Hier? Bei der Mehrweggebinderückgabestelle?). Ein Mann krächzte mir solange “Onigg! Onigg!” ins Ohr, bis mir dämmerte, dass er wohl einen Gin Tonic bestellen möchte.

Darüberhinaus stellte ich fest, dass unzählige Gäste mit Billigbierbüchsen und Wodkaflaschen aus dem nächstbesten Tankstellenshop über das Gelände schlenderten und schwankten und nicht, wie von “der Stadt” vorgesehen, mit Recyclingutensilien bewehrt.

Die Box, in die ich das zurückgebrachte Geschirr warf, war bei meinem Abgang kurz vor Mitternacht nicht einmal ganz voll.

Aber die Festbesucher fühlten sich an diesem attraktiven Veranstaltungsort bestimmt auch so vögeliwohl.

 

 

Besuch von gegenüber

“So kalt hatten wir in unseren ganzen Leben noch nie”, sagten Chantals Cousine Niqui Caridad und deren Freundin Tiff Batcheldor, als sie uns neulich besuchten.

Das ist kein Wunder: Wenn zwei Australierinnen Ende November durch Europa reisen, ist ein Temperaturschock programmiert. Cool, wie die beiden nunmal sind, verkrochen sie sich jedoch nicht in der Wärme, sondern fuhren mit uns nach draussen, an die Frostfront.

Am Thunersee und in Interlaken bestaunten sie die Berge (und die unzähligen asiatischen) Touristen. Beim Bummel über den Weihnachtsmarkt in der Strafanstalt Hindelbank wärmten sie sich mit Glühwein wieder auf. Dann war die Zeit in wonderful Switzerland auch schon wieder vorbei: Unsere Gäste flogen weiter nach Madrid, wos den Prognosen zufolge zwei, drei Grad wärmer gewesen sein dürfte.

First World Problems

So ruft “unser” Hotel seine Kundschaft zum Wassersparen auf:

Es wäre ja wirklich zu schade, wenn all die Springbrunnen und Wasserfälle in dieser Wüstenstadt auf einmal versiegen würden, nur, weil ihre Besucherinnen und Besucher es nicht schaffen, ein Badetuch zweimal zu benutzen.

Als Gäste, die wissen, was sich gehört, und denen vor allem bewusst ist, dass wir die Welt, in der wir leben, nur von unseren Nachkommen geliehen bekommen haben undsoweiterundsofort, taten wir, wie gebeten, und hängten die Tücher nach dem Abtrocknen wieder auf.

Unser Room Cleaning Assistant wechselte sie trotzdem gegen neue aus.

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.

Altersunheimelig

Abends um zehn vor einer verschlossenen Hoteltüre zu stehen: Das ist mir glaub noch nie passiert. Doch zwei Minuten, nachdem ich hineintelefoniert hatte, sah ich durch die Glastüre auch schon einen jungen Mann herbeieilen, der mich aufs Freundlichste begrüsste und aufs Zimmer geleitete, und alles war bestens, oder ämu fast.

Irgendetwas – vielleicht warens die Alarmknöpfe an den Wänden oder das Sitzli in der Duschkabine; wer weiss? – irritierte mich, doch irgendetwas, merkte ich leicht verspätet, hatte schon mit dem Türöffner und der Rezeption nicht gestimmt.

Der Mann war ganz in Weiss gekleidet, als ob er gerade dem Set eines Ärztefilms entsprungen wäre oder seit Tagen darauf gewartet hätte, einen reumütig von seiner Flucht zurückkehrenden Patienten mit beschwichtigenden Worten in die Zwangsjacke zu stecken. Der Empfangsbereich wirkte auch zu dieser vorgerückten Stunde so steril wie ein Operationssaal vor dem ersten Eingriff des Tages.

Und überhaupt: Das Zimmer ist gar kein Zimmer, sondern eine komplette Wohnung mit Küche und Balkon und einem Sofa und allem und zwei Türen, die sich nicht öffnen lassen, und die mich wenig später albträumen liessen, was in den Räumen dahinter Bewohnern an Unaussprechlichem widerfahren kann, die sich nicht hauskompatibel benehmen (als Stichworte müssen „Fingernägel“ und „glühendheisse Zangen“ genügen).

Rasenden Herzens erwacht, tappte ich vom Bett zum Fernseher. Dort, erinnerte ich mich, lag ein Haufen Prospekte. Ich griff mir die erstbeste Broschüre – und merkte schon nach kurem Blättern, wie sich mein Puls von Seite zu Seite in den zweistelligen Bereich zu senken begann.

Ich bin mitten in Locarno nicht, wie befürchtet, in einer Kopie des “Overlook”-Hotels aus “Shining” gelandet, sondern an einem Ort, an dem ich “ein Leben mit gehobenen Services und vielen Annehmlichkeiten und einem gepflegten Ambience” verbringen darf. Ich könne, versichert mir das Management, “ganz nach Ihren Wünschen und Vorstellungen” leben und meinen “Tagesrhythmus selber bestimmen”. Für meine Sicherheit sorge “rund um die Uhr unsere Notrufbereitschaft”, las ich, und warf voller Dankbarkeit einen Blick auf den roten Knopf.

Für allerlei Kurzweil sei im Übrigen gesorgt, entnahm ich dem Hochglanzmagazin. Geboten werde “ein breit gefächertes, hausinternes Kulturprogramm, das sowohl den Geist als auch die Sinne anspricht”. Konzerte in verschiedenen Stilrichtungen, Spielnachmittage, eine eigene Bocciabahn, Diskussionsforen, Gedächtnistrainings, Lesungen, Sprachkurse und so weiter und so fort stünden zu meiner freien Verfügung. “Aktiv bleiben, neugierig sein und Interessen haben” gehöre schliesslich zu den “wichtigen Elementen für eine hohe Lebensqualität im Alter”.

“…im Alter”?!?

Mir fiel es wie Schuppen vom Fisch: Ich bin in einem Seniorenzentrum gelandet, das einige Zimmer (wobei, eben: “Zimmer”…) auch an Gäste vermietet, die nicht vorhaben, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen und für ihr Appartment, je nach Fläche, 3520 bis 5260 Franken pro Monat zu bezahlen; Sonderwünsche not included.

Hätte ich das gewusst, wäre ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer anderen Unterkunft abgestiegen, auch wenn ich einräumen muss, dass ich hier, lange vor Anbruch der Hauptsaison, sehr günstig hause.

Auf dem Portal, über das ich das Hotel “Hotel” buchte, hiess es, es verfüge nebst vielem anderen über einen grossen Garten mit einer Terrasse, einen Innenpool, ein Alacarterestaurant und eine Bar. Die Piazza Grande und das Ufer des Lago Maggiore seien nur rund einen Kilometer entfernt.

Dass es sich bei der Immobilie um ein Altersheim handelt, wurde mit keiner Silbe erwähnt.

Aber gut: Auf eine schräge Art ist es hier ja ganz gemütlich. Beim Zmorge war ich vorhin der mit Abstand Jüngste im Saal. In aller Ruhe und musikalisch begleitet von Céline Dion, Peter Reber und Elton John konnte ich mich ungeellböglet durch das riesige Buffet (mit einer bemerkenswert üppigen Auswahl an Müesli und Weichkäsen) futtern. Mit ihren Rollstühlen und Rollatoren hatten die Mitesserinnen und Mitesser gegen mich keine Chance.

Jetzt frage ich einen der Betreuer, die ununterbrochen durch die Flure wieseln, ob er Zeit habe, mich in die Stadt zu begleiten. Anschliessend gönne ich mir chly Wellness und Fitness im Hallen-Therapiebad.

Alles OK

FullSizeRenderWer die Panama Papers aufmerksam durchgelesen hat, weiss Bescheid. Für die anderen seis hier enthüllt: Der Präsident des Theatervereins Szenerie Burgdorf ist alle zwei Jahre auch OK-Chef der neusten Aufführung.

Das letzte Mal, als ich diese Doppelfunktion auszuüben die Ehre hatte, spielten wir 2014 in einem Landgasthaus “Schiffmann”. Infrastrukturell standen wir damals nicht vor übertrieben grossen Herausforderungen: In der Beiz waren Sitzplätze naturgemäss ebenso schon vorhanden wie getrennte WCs, eine Küche und ein Raum zum Umziehen.

Also konnte ich mich darauf beschränken, die eine und andere Sitzung einzuberufen, die OK-Gspändli hin und wieder zu fragen, wies läuft, und dem Lokalradio ein Wochen im Voraus arrangiertes Spontaninterview zu geben.

Nun, bei “Fäustchen”, ist alles anders. Dieses Stück führen wir – wie schon “Die Franzosenkrankheit” – im Burgdorfer Siechenhaus auf, und deshalb haben wir damit einen Siech voll zu tun.

Um den potenziell achthundert Gästen ein kulturell-kulinarisches Rundumwohlfühlprogramm bieten zu können, benötigen wir ein grosses Zelt und Ghüderchübel und eine Bar und eine Bühne und eine Tribüne und Wolldecken und Land für die Autos und Apérotischli und einen Parkdienst und jemanden, der nach jeder Vorführung die Toiletten fegt und extern fabrizierte Sandwiches und einen Ofen und eine Kafimaschine und Bewilligungen und Hinweistafeln und einen Fernseher und eine Zapfvorrichtung für das extra für uns gebraute Bier und weiss der Gugger was noch, und bis das alles eingefädelt und verschraubt und angeschlossen ist: Heiterefahne!

Ständig klingelt das Telefon und bimmelts im Mailfach, und immer ist es schampar dringend, und wenns zur Abwechslung einmal nicht so pressiert, wäre der Anrufer oder die Schreibende doch cheibe froh, wenn die Sache wenigstens bis gestern abgehakt werden könnte.

Inzwischen ist das Gröbste zwar erledigt. An einen lockeren Endspurt ist in unserem Gremium trotzdem nicht zu denken, im Gegenteil: Mit frustrierender Hartnäckigkeit kommt jetzt – gerne mitten in der Nacht – die ekligste aller Fragen aus ihrem finsteren Loch gekrochen: Was haben wir vergessen?

“Nichts”, murmelt beruhigend der Verstand. “Ihr macht das ja nicht zum ersten Mal. Und inzwischen habt ihr diesen ‘Fäustchen’ so oft miteinander durekätschet, dass die Wahrscheinlichkeit, last minute etwas zu vercheiben, gleich Null ist.”

“Das wirst du genau dann sehen, wenn dus brauchen würdest”, höhnt das vor Aufregung laut pochend’ Herz, und setzt nach “würdest” für zwei, drei Schläge aus. “Stell dir zum Beispiel vor, es ist Premiere, und alle Gäste stehen erwartungsvoll herum, und in dem Moment, in dem es losgehen soll…”

“…halt die Klappe!”, knurre ich, und versuche, wieder einzuschlafen.

Aber natürlich wird daraus nichts (was allerdings auch mit dem Hund zu tun hat, der draussen dringende Geschäfte erledigen möchte), und selbstverständlich verbringe ich die Zeit bis zum Morgengrauen dann primär damit, sämtliche Abläufe noch einmal bis zum letzten Eventualitätchen durchzugehen.

Nur: Das ganze Daranherumhirnen bringt ja nichts.

Der 4. Mai kommt, unabhängig davon, ob wir an alles gedacht haben, und am Abend dieses Tages, um 19 Uhr, trudeln die Besucherinnen und Besucher beim “Siecheli” ein, und falls sich dann tatsächlich herausstellen sollte, dass etwas fehlt oder klemmt oder überhaupt nicht funktioniert, dann ist das halt so; dann müssen wir eben chli improvisieren, doch deshalb wird unsere kleine Theaterwelt schon nicht untergehen.

Auch im Leben von “Fäustchen” lief schliesslich nicht alles wie von ihm gedacht. Auch er konnte, so klug er auch war, unmöglich alles voraussehen und planen, und trotzdem – oder gerade deshalb – entwickelte er sich zu einem überaus gefreuten Zeitgenossen.

Infos und Tickets gibts unter www.szenerie.ch

Nachtrag: Der Aufwand hat sich gelohnt. Die BZ lobt unser neues Stück in den höchsten Tönen.

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Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne

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Eigentlich hatte ich die Liveberichterstattung aus Playa del Inglés bereits abgeschlossen. Doch dann entdeckte ich unter dem Text “Bilder stehen Kopf” den Kommentar einer gewissen “Frieda, die flotte Bohne”.

Im Sinne eines tiptoppen Leserinnen- und Leserservices möchte ich mich dazu noch kurz äussern, auch wenn ich keine “Frieda, die flotte Bohne” kenne, oder, genauer gesagt, überhaupt keine Frieda, ausser “der Rothaarigen” von Abba, aber die heisst Annifrid, mit Anni vorne und ohne e hinten, und zählt folglich nicht, und deshalb checkte ich vorhin routinemässig die IP-Adresse der Absenderin, um zu sehen, ob sich dahinter amänd jemand versteckt, den oder die ich tatsächlich kenne und der oder die mir warum auch immer unter einem Pseudonym zu schreiben beliebt, aber nada: da war nichts, woraus ich hätte schliessen müssen, dass öpper als Frieda getarnt auftritt, was wiederum nur bedeuten kann, dass Frieda Frieda heisst, auch wenn sie amtliche Formulare und so im richtigen Leben möglicherweise nicht mit “die flotte Bohne” unterschreibt, sondern mit Hürzeler oder Meier oder Steffen oder was weiss ich (und in diesem Moment fällt mir ein: ich kenne doch eine Frieda, Frieda Steffen nämlich, aus meinen seligen Zeiten beim Wynentaler Blatt. Sie war damals mitverantwortlich für das Schöftler Blättli in Nachbartal, aber ich kann mir beim besten und auch beim schlechtesten Willen nicht vorstellen, dass diese Frieda sich den Beinamen “die flotte Bohne” zulegen würde).

Itemitem. Frieda, die flotte Bohne, schreibt:

“Hallo, blueser (sic!)!!

Mit grossem Interesse und Freude lese ich jeden Tag deine Reportagen ‘von der Insel’. Ich muss immer lachen, wenn ich sehe, was du in Gran Canaria erlebt hast. Gestatte mir eine Frage. Ist das wirklich passiert, oder erfindest du manchmal etwas? Ich mache nie Ferien an ‘solchen Orten’. Geht es dort wirklich so zu und her? Das wäre nichts für mich! Ich freue mich auf viele weitere Texte und wäre dir dankbar für eine Antwort.”

Nun denn: Ich hoffe, dass du mir es nicht allzusehr verübelst, wenn ich deine Fanpost coram publico ausbreite. Falls dus mir wider Erwarten krumm nehmen solltest: sorrysorry, ich konnte ja nicht ahnen, dass, aber jetzt ist es halt schon passiert, und überhaupt (ich sage nur: öffentliches Interesse!).

Deine Fragen beantworte ich in aller gebotenen Knappheit (der Flieger wartet schon bald und ich muss vor der Heimreise morgen Abend noch packen) wie folgt:

Ja (von anderthalb Ausnahmen abgesehen: den Jass mit Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter hats nie gegeben, aber wenn es ihn gegeben hätte, wäre er tupfgenauso abgelaufen wie geschildert. Wenn dus nicht glaubt, kannst du gerne Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter oder Hofstetter fragen), und die Konzertkritik bewegte sich zugegebenermassen am Rande des journalistischen Reinheitsgebotes; nein (wieso auch? Es passieren hier jeden Tag zehn Millionen Sachen – und zwar durchaus nicht nur lustige -, die zu notieren sich lohnen würde, aber wenn ich das alles aufschreiben möchte, käme ich zu nichts anderem mehr und könnte ich den Stacheldraht, den ich unmittelbar nach meiner Ankunft süüferli um meine Liege am Strand gewickelt habe, ebensogut wieder abmontieren); ja.

Um Tourismushochburgen wie Playa del Inglés machst du scheints einen weiten Bogen. Das kann ich verstehen, nur: bei Frauen, die sich “Frieda, die flotte Bohne” nennen, handelt es in der Regel nicht um Huschis, die bei allem, was auch nur entfernt nach Spass riecht, “Jessesgott!” kreischen. Sie neigen vielmehr dazu, sich die Haare mit Wasserstoffperoxyd zu färben, lauschen, wenn niemand ume ist, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer in Endlosschleife und nötigen ihre Enkelin, die für sie längst zur besten Freundin geworden ist, mit ans Gnadenlose grenzender Hartnäckigkeit zu gemeinsamen Discobesuchen, obwohl das Grosskind jedesmal, wenn sie dann miteinander auf der Tanzfläche herumhopsen, meckert, es sei für heute Abend für eine Gangbangparty gebucht gewesen, aber was mache man nicht alles, wenn s Grosi rufe und zahle, wenn auch deutlich weniger, als der Partyveranstalter locker gemacht hätte. IST ES NICHT SO?

Wenn du mich zusätzlich zu allem anderen auch noch gefragt hättest, wieso zum Teufel ich eigentlich Jahr für Jahr einmal nach Grosskanarien fliege, wenn ich dann doch nur einen schönen Teil meiner Zeit damit zubringe(n müsse), mich über meine Mitmenschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu wundern, wäre mir die Antwort sehr leicht gefallen: weils fägt.

Hier dürfen die Leute zwei, drei Wochen lang sein, wie sie zuhause gerne wären, und sie dabei zu beobachten, wie sie leben, was sie unter “Leben” verstehen: das ist besser, als sich rund um die Uhr gescripteten Realityschrott auf RTL II reinzuziehen.

Beispiel 1: Vor meinem Hotelzimmer beginnt sich jeden Abend um punkt 18 Uhr eine Schlange zu bilden (siehe Bild oben). Erst besteht sie aus vier oder fünf Personen. In den nächsten Minuten kommen immer mehr Leute hinzu, und um ziemlich genau 18.15 Uhr hat sie mit 60 bis 70 Gliedern ihre volle Länge erreicht. Die Menschen in dieser Schlange verhalten sich exakt wie ein Grüppli Liftbenutzer: sie starren zu Boden, suchen den Himmel nach Flugzeugen ab, noschen in ihren Handtaschen und wischen auf ihren iPhones herum. Kurz: sie tun alles, um sich ja nicht mit den Damen und Herren unterhalten zu müssen, die direkt neben, hinter und vor ihnen stehen, und wenn die Türflügel zum Speisesaal um 18.30 Uhr endlich aufschwingen, strömen sie ins Schlaraffenland, als ob es kein Morgen (und vor allem nicht genug Auswahl am Buffet!) geben würde, dabei wurde jedem und jeder von ihnen schon beim Buchen der Reise und beim Einchecken ins Hotel und beim Zimmerbezug garantiert, dass sie beim Znacht einen festen Sitzplatz haben und, ja: zu Essen sei mehr als nur reichlich vorhanden.

Beispiel 2: der FKK-Strand zwischen Playa del Inglés und Maspalomas. Dort treffen sich Tag für Tag Tausende von Zeitgenossinnen und -genossen, die ihre Körper offenkundig als eine Art Gottesgeschenk an die Menschheit betrachten. Wer mehr oder weniger zufällig an ihnen vorbeibummelt, mag sich bei ihrem Anblick fragen, wo die Walretter von Greenpeace seien, wenn man sie mal brauche, aber das ist den im ästhetisch besten Fall wie tot daliegenden und im worst case Federball spielenden Naturisten von Herzen egal. Sie schleifen ungeniert ihre Brüste durch die Dünen und lassen sich stundenlang ihre Schnäbi (oder Schnäbis?) sandstrahlen, doch wenn ihnen ein Nachbar in Salzburg, Bonn oder Luzern vorschlagen würde, sie sollen sich einmal zehn Minuten lang füdliblutt auf den Balkon stellen: “Gehts eigentlich noch?!? Ich bin doch nicht pervers!”

Nein, liebe Frieda, die flotte Bohne: pervers ist hier sozusagen fast niemand, aber spiessig sind sie samt und sonders, durch und durch, mich inbegriffen, mit ihrem sie alle verbindenden Wunsch, in Playa del Inglés ein paar Tage zu erleben, in denen theoretisch alles Mögliche passieren könnte (“alles Mögliche” im Sinne von “eine Platte Meeresfrüchte verputzen”), sich praktisch aber überhaupt nichts Besonderes ereignet, weil letztlich auch auf Gran Canaria alles so sein sollte wie zuhause (Pizza, Bier und nonstop Bundesliga am Riesengrossbildfernseher), nur mit mehr Sonne und Wärme und weniger Verpflichtungen und Textilien und, vor allem, keinen Menschen um einen herum, die einen in Salzburg, Luzern oder Bonn manchmal chli nerven, weil sie immer nur Pizza essen, Bier trinken und Bundesliga gucken.

Ein Gehen und Kommen

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Um Punkt 4 Uhr schellte bei Nachbars der Wecker, um 4.15 dudelten die ersten Takte von Bachs Toccata aus ihrem Handy, und fünf Minuten später beganns nebenan zu rumpeln und poltern, und wenns einmal nicht rumpelte und polterte, hörte ich die Frau immer wieder rufen, „Nee, so!“ oder „Lass ma!!“ oder „Das macha ma späta!!!“, und als ich schon dachte, potz, die sind aber noch fit für ihre plusminus 80 Jahre, schlug er vor, den einen Koffer schonmal auf den Gang zu stellen, und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Fischen: die Sachsen haben heute ihren Letzten.

Gutmensch, der ich bin, anerbot ich den beiden, ihr Gepäck in die Rezession zu tragen, aber nichts da: mit einem an Deutlichkeit wenig zu wünschen übriglassenden „Lass ma!“ machte sie sämtliche Hoffnungen ihres Herrn Gemahl auf einen entspannten Auszug aus dem Hotel zunichte.

Mit zwei Plasticsäckli (sie) und zwei Hartschalenkoffern in den Händen und einer Handtasche um den Hals (er) machten sich die zwei auf den Weg in die Lobby. Dort angekommen, stellte sie sich noch kurz auf die Waage (momoll: in der Hotellobby steht eine Waage!), während er sich am Tresen um die Auscheckmodalitäten kümmerte.

Draussen wartete laufenden Motores der Car, und als die beiden eingestiegen waren und ein Plätzli gefunden hatten, winkte er mir offensichtlich unfrohen Mutes kurz zu und dann fuhr der Bus los und im Musikzimmer meines Hinterkopfes schnallte Chris Rea sich die Gitarre um und sang “This ist the road to hell.“

Weil ich das Lied unbedingt zu Ende hören wollte und gerade ein Eggeli freier Zeit hatte, blieb ich noch ein Weilchen im Empfangsraum sitzen und beobachtete, wie Dutzende und Aberdutzende von Menschen, mit denen ich – Achtung: es wird jetzt kurz pathetisch, aber wirklich nur kurz – soeben noch unter einem Dach geschlafen und dieselbe Luft geatmet hatte, aus meinem Bewusstsein verschwanden; oder auch nur aus meinem Unterbewusstsein. Ich habe mit ihnen kein Wort gewechselt und würde jetzt, drei Stunden später, niemanden wiedererkennen, wenn die Polizei mir ein Bild von ihm oder ihr vorlegen würde.

Bei einigen fragte ich mich allerdings, was in der Heimat wohl auf sie wartet; oder wer (wenn überhaupt). Bei anderen stellte ich mir vor, wie sie fernab der Unbeschwertheit, die sie auf dieser Insel in den letzten Wochen geniessen durften, leben. Die alleinerziehende Mutter: wie lange hat sie für den Aufenthalt hier gespart? Das Ehepaar mit seinen drei Kindern: ist die Welt, in die sie zurückkehren, auch nur annähernd so heil, wie sie in Playa del Inglés für kurze Zeit war (oder einfach sein musste)? Der alte Mann an den Krücken: konnte er hier finden, wonach er nach dem Tod seiner Frau zu suchen begonnen hatte?

Gegen 10 Uhr war das Hotel schliesslich geräumt, und jetzt sitze ich mutterseelenalleine mit einem Dutzend anderen Gästen, die erst nächste Woche heimkehren, an der Poolbar, lausche zum grob geschätzt 1,428millionsten Mal „Killing me softly“ und schaue den Neuankömmlingen beim Ankommen zu.

Das erste Grüppli sitzt schon erwartungsvoll an einem grossen Tisch unter einem noch grösseren Palmenblätterdach, wo ihm der obligate Begrüssungsapero kredenzt wird. Eine zweite Horde ellböglet beim Eingang um die besten Plätze beim Verteilen der Zimmerschlüssel, und alle paar Minuten landet in Las Palmas wieder ein Flugzeug voller Träume.