Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die “Search”-App und tippte “Schlüsseldienst” und “Burgdorf” ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass “in maximal 20 bis 40 Minuten” ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den “Beobachter” lesen müssen.

Bei den Piraten

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(Bild: Schatz)

Wir schlenderten planlos durch den Hafen von Hobart, als wir sie auf einmal ganz hinten an einem Pier entdeckten: Die „Ocean Warrior“, das nigelnagelneue Patrouillenschiff der Sea Sheperds.

Mit armdicken Seilen festgezurrt, lag sie wie ein gefesselter Riese regungslos auf dem Wasser. An Deck informierten drei Mitglieder der Umweltschutzorganisation Touristen über die schwimmende Festung im Allgemeinen und die Sea Sheperds im Besonderen. An Land, nur wenige Meter von dem grauen Stahlmonster entfernt, verkauften zwei Walwächter Kapuzenpullis, Regenjacken, Mützen und andere Merchandising-Artikel, und ganz vorne, also: dort, wo jeder vorbeikam, der die „Warrior“ einmal aus der Nähe betrachten wollte, stand ein weiteres Mitglied, das sich seine Sporen in dieser Vereinigung erst noch dadurch abverdienen musste, dass es die Passanten um Spenden bat.

Die junge Frau mit dem leicht verklärten Blick ging dabei ähnlich übermotiviert ans Werk wie die professionellen Schnorrer von der Corris, die Woche für Woche an Schweizer Bahnhöfen und vor Einkaufzentren herumlungern und versuchen, die Leute zum Unterschreiben eines Dauerauftrages zu überreden.

Trotzdem war ich nahe dran, der Frau eine Fünfzigernote zuzustecken. Denn einerseits ist es alles andere als selbstverständlich (geworden), sich ehrenamtlich für Tiere einzusetzen. Andrerseits gehöre ich zu der wachsenden Schar von Fans, die die Aktivitäten der modernen Piraten am Fernsehen mitverfolgen.

Der Sender „Animal Planet“ dokumentiert ihre Einsätze in der Serie „Whale Wars“, und deshalb weiss ich: Wenn die Sea Sheperds im Südpolarmeer versuchen, die Japaner am Walfang zu hindern, läufts rund.

Dann rasen hochgetunte Schlauchboote über meterhohe Wellen, fliegen mit Buttersäure gefüllte Flaschen auf die Planken der Harpunenschiffe, versuchen waghalsige Männer, endlos lange Leinen unter metertief im Wasser liegende Kiele zu ziehen in der Hoffnung darauf, dass sie sich in den Schiffsschrauben verheddern, zirkeln dünnwandige Hightech-Maschinen durch Packeisfelder und versuchen zu allem entschlossene Waljäger, sich ihre ebenfalls vor nichts zurückschreckenden Verfolger mit hochpotenten Wasserwerfern, scharfgeschliffenen Enterhaken und ohrenbetäubendem Sirenengeheule vom Leibe zu halten.

Abgesehen davon bin ich seit Kurzem mit Fiona McGuaig von der Sea Sheperd Conservation Society bekannt, wobei das nicht allzuviel heissen muss: Aus einer Laune heraus schickte ich ihr via Facebook eine Freundschaftsanfrage, die sie genauso akzeptierte wie die vorherigen 4615 Anfragen von ihr grösstenteils wildfremden Menschen.

Doch dann ging ich an der Sammlerin vorbei, ohne ihr Geld zu geben, und wünschte ihr einfach so a nice day und good luck bei der Operation „Nemesis“, zu der die „Ocean Warrior“ in wenigen Stunden aufbrechen sollte.

Irgendwie empfand ich den Rummel, den die Sheperds in ihrem Heimathafen um sich und ihren – je nach Standpunkt – charismatischen oder kriminellen Anführer Paul Watson veranstalteten, als störend. Weiter fragte ich mich, ob meine Fünfzigernote eine Institution, die sich regelmässig so grosse Schiffe kaufen kann und die ihren eigenen Angaben zufolge Jahresumsätze in Millionenhöhe erzielt, bei ihrer Arbeit tatsächlich entscheidend weiterbringen würde.

Auf die Idee, dass es sehr viele Fünfzigernoten braucht, um Kähne wie die “Ocean Warrior” anzuschaffen und den Betrieb auch logisistisch und personell über Wasser halten zu können, kam ich erst später, als ich wieder im Hotel und der nächste Wal womöglich schon am Verenden war.

Deshalb, to whom it may concern: The money’s on the way.

Feine Sache

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Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich kapiert habe, was mit “Feinen” gemeint ist (“fine” nämlich, die englische Übersetzung von “Busse”), aber jetzt, wo es mir klargeworden ist, bezahle ich natürlich sofort; nicht, dass ich aufgrund des Artikels 377 des Schweizerischen Strafgesetzbuches am Ende noch wegen dem Betrug angeklagt werde.

“Artikel 377”?

Der Artikel 377 besagt:

“1. Die Kantone errichten und betreiben Anstalten und Anstaltsabteilungen für Gefangene im offenen und geschlossenen Vollzug sowie für Gefangene in Halbgefangenschaft und im Arbeitsexternat.
2. Sie können ferner Abteilungen für besondere Gefangenengruppen führen, insbesondere für:
a. Frauen;
b. Gefangene bestimmter Altersgruppen;
c. Gefangene mit sehr langen oder sehr kurzen Strafen;
d. Gefangene, die intensiv betreut oder behandelt werden müssen oder eine Aus- oder Weiterbildung erhalten.
3. Sie errichten und betreiben die in diesem Gesetz für den Massnahmenvollzug vorgesehenen Einrichtungen.
4. Sie sorgen dafür, dass die Reglemente und der Betrieb der Anstalten und Einrichtungen diesem Gesetz entsprechen.
5. Sie fördern die Aus- und Weiterbildung des Personals.”

Was das mit meinem (immer noch angeblichen! Auch und ganz besonders in diesem Blog gilt die Unschuldsvermutung!) “Betrug” zu tun haben könnte, weiss ich nicht, aber ich bin ja auch nicht für das Feineninkasso zuständig.

Wie auch immer: Wenn ich schon am Plündern meines Kontos bin, überweise ich gleich noch je 100 Euro an all die Olgas, Katjas, Maruschkas und Svetlanas, die mir jeden Tag das Mailfach volljammern, weil sie wegen der hohen Studiengebühren an ihren Universitäten in Weissrussland einfach nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen.

Toller Serswiss

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Am späten Abend des 19. Dezember letzten Jahres standen wir am Check-in im Flughafen von Maskat. Wir hatten all unser Ferienhabundgut in einem einzigen Koffer verstaut, der nicht ganz 30 Kilogramm wog, und dachten, das sei schon in Ordnung so. Immerhin sind pro Gepäckstück erfahrungsgemäss 20 bis 25 Kilo erlaubt. Ein Fall von Übergewicht lag nach unserem Dafürhalten folglich nicht vor; jedenfalls nicht, was den Koffer betraf.

Aber oha: Der Herr am Swiss-Schalter sagte, das gehe nicht, bzw., das koste zusätzlich, bzw., wir könnten uns “dort hinten” gerne Schachteln besorgen und neu packen.

Letzteres, sagte ich, komme nicht in Frage, worauf der Herr ungerührt antwortete, dann mache das 60 omanische Rial oder rund 150 Franken. Zähneknirschend zückte ich unsere Kreditkarte.

Während wir auf unseren Abflug warteten, schrieb mein Schatz noch vor Ort eine Mail an die Swiss, um sich freundlich über den ebenso unerwarteten wie happigen Aufpreis zu beschweren.

Zurück in der Schweiz, berichtete ich Martin Hintermann, dem Inhaber des Reisebüros unseres Vertrauens, von dem Zwischenfall. Sein Erstaunen hielt sich in Grenzen: “Das mit dem Gepäck hat ziemlich geändert”, liess er mich wissen. “Einige Airlines erlauben einen Koffer mit 30 Kilo, andere gar kein Gepäck oder nur gegen Bezahlung. Bei den meisten aber gilt die Regel: 1 x 23 Kilogramm Aufgabegepäck.” Er sei, schloss er, “gespannt, ob die Swiss zurückschreibt”.

Das tat sie. Heute – drei Wochen später – teilte uns Kristina Grell vom Swiss-Kundendienst Folgendes mit:

“Ich bedaure, dass auf Ihrer Reise mit Swiss Unklarheiten bezüglich unserer Gepäckbestimmungen aufgetaucht und Ihnen deshalb Mehrkosten entstanden sind und möchte mich im Namen von Swiss in aller Form für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigen.

Die erlaubte Freigepäckmenge richtet sich nach Ihrem Reiseziel, Ihrem Miles & More-Status und der von Ihnen gewählten Buchungsklasse. In Ihrem Fall durften Sie daher pro Person jeweils 1 Gepäckstück à 23 Kilogramm mit sich führen. Gepäckstücke, die grösser oder schwerer sind, werden kostenpflichtig als Übergepäck transportiert. Wird die Anzahl der kostenlosen Gepäckstücke überschritten, fallen für jedes zusätzliche Gepäckstück Gebühren an.

Unsere Freigepäcklimiten gelten pro Person, weshalb es bedauerlicherweise nicht möglich ist, bei zwei Passagieren mit nur einem Gepäckstück die Übergepäcksgebühr fallen zu lassen. Daher wurde die von Ihnen in Maskat bezahlte Gebühr korrekt berechnet. In Zürich hätte diese korrekterweise ebenfalls berechnet werden müssen.

Gerne würde ich Ihnen in diesem speziellen Fall die erwähnten Kosten in Höhe von 152 Franken (entspricht 58 omanischen Rial) ohne Anerkennung einer Rechtspflicht erstatten. Hierfür würde ich Sie bitten, mir Ihre Bankdetails zu senden.

Gerne erwarte ich Ihre Antwort und stehe Ihnen bei weiteren Fragen jederzeit persönlich zur Verfügung.”

Wir sagen nur “potz, potz” – und Dankeschön!

Notizen aus dem Morgenland (VIII)

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Zeitungslektüre im Ausland ist immer auch ein Stück angewandter Relativitätstheorie: Während die Schweiz gerade Kopf steht, weil Christoph Blocher scheints die NZZ übernehmen will, beschäftigt die Times of Oman aktuell ein ganz anderes Thema: Die Regierung denkt über eine Art “Heirats-Stipendium” nach. Einheimische, die weniger als 800 Rial (umgerechnet knapp 2500 Franken) verdienen, sollen vom Staat 4000 Rial als Zustupf an die Hochzeitsfeier erhalten.

Bemerkenswert: Korrekturen vermeldet die Times of Oman auf der Frontseite – auch wenn es “nur” wegen eines falschen Bildes ist.

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Die Kabotze beisst sich in den eigenen Schwanz

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Heute Morgen, am SBB-Schalter in Burgdorf:

Ich: Grüezi. Ich habe ein Streckenabo Burgdorf-Olten. Das brauche ich nicht mehr.

Schalterfrau: Aha. Sie…

Ich: ..ich fahre nicht mehr nach Olten. Nie mehr, oder jedenfalls nicht regelmässig. Drum wollte ich fragen, ob ich es zurückgeben kann. Ich meine: Ob ich dafür etwas zurückbekomme.

Schalterfrau: Geht mit dem Abo zu einem Schaltermann nebenan.

Schaltermann: Das können wir nicht zurücknehmen. Dafür gibt es keine Rückerstattung.

Ich: Wieso nicht?

Schaltermann: Das ist ein Ersatzabo. Das Original haben Sie offenbar verloren.

Ich: Ja, das ist so.

Schaltermann: Eben. Und für Ersatzabos gibt es keine Rückerstattung.

Ich: Wieso nicht?

Schaltermann: Weil das Original nicht da ist. Das ist ein Ersatzabo.

Ich: Ich weiss. Aber das Original habe ich nicht mehr.

Schaltermann: Auf das Ersatzabo gibt es keine Rückerstattung.

Ich: Ja. Aber warum nicht?

Schaltermann: Wir können Ihnen nur etwas zurückerstatten, wenn Sie das Originalabo vorbeibringen.

Ich: Das habe ich ja nicht mehr. Ich habe es verloren. Drum habe ich das Ersatzabo.

Schaltermann: Aber die Kosten dafür können wir nur zurückerstatten,…

Ich: …ja, wenn ich das Originalabo bringe. Nur habe ich das nicht mehr.

Schaltermann: Wenn Sie es finden, können Sie es vorbeibringen. Dann können wir die Kosten zurückerstatten..

Ich: Wenn ich es gefunden hätte, hätte ich ja kein Ersatzabo gebraucht.

Schaltermann: …

Ich: E schöne Tag.

Lebensfreude und Menschlichkeit gegen Gier nach Geld und Macht

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Ein bestens aufgelegtes Laienensemble, eine flotte Inszenierung (Stefan Meier), ein beeindruckendes Bühnenbild (Heinz Egger und Sabine Käch) plus tolle Kostüme (Christina Wenger): Die Theatergruppe Burgdorf überzeugt mit ihrer neusten Aufführung “Die Irre von Chaillot” im Casino Theater.

Skrupellose Männer wollen Paris in die Luft sprengen. Sie vermuten Erdöl unter der Stadt und erhoffen sich davon Reichtum und Einfluss. Dagegen wehren sich eine Blumenverkäuferin, schrullige alte Damen, eine stumme Frau, ein Lumpensammler, ein Kellner, eine Sängerin, ein junger Mann, eine Küchenhilfe, ein Schuhbandverkäufer, ein Kanalisationsreiniger, ein Polizist und – allen voran – Comtesse Aurélie, die vermeintliche “Irre”, hinreissend verkörpert von Marie-Louise van Laer.

Zwei Stunden lang liefern sich Gut und Böse im Chaillot-Quartier an der Seine einen bisweilen sehr ernsthaft und manchmal mit humoristischen Mitteln geführten Kampf. Nach einer Gerichtsverhandlung, in der der Lumpensammler stellvertretend für die Spekulanten zum Tode verurteilt wird, triumphieren die Menschlichkeit und die Freude am Leben über das Streben nach Geld und Macht.

So einfach und nachvollziehbar sich die Geschichte auch liest: Ganz leicht fiel es mir nicht, der Handlung zu folgen. Die Rollen sind zwar klar verteilt. Die Art und Weise, wie die Menschen sprechen und handeln, lassen nie Zweifel an ihren Absichten aufkommen (ausser vielleicht, wenn der Lumpensammler für den Schauprozess auf einmal beängstigend überzeugend als Raffzahn auftritt).

Dass die Stumme wieder sprechen kann, sobald die Gefahr gebannt ist, leuchtet ein. Dass die Menschen im Quartier nach der Befreiung von allem Übel “L’oiseau et l’enfant” singen – genau das Lie, das die gefühlskalten Besatzer nicht hören mochten – versteht sich von alleine.

Nur: Was hat das mit den imaginären Haustieren zu tun, über die sich die drei Seniorinnen lang und breit unterhalten? Wie passt das mit dem gspässigen Doktor zusammen, der kurz vor Schluss, wie einem Lehrbuch für Exhibitionisten entstiegen, in Boxershorts und Trenchcoat auftaucht? Und: Wieso wird die Comtesse als “Irre” betitelt, wenn sie doch die einzige ist, die mit Raffinesse, Schalk und Durchsetzungsvermögen von Anfang an klarmacht, dass sie den Weg aus dieser beklemmenden Situation kennt? An ihrer extrovertierten Kleidung kanns nicht liegen: Im Vergleich zu ihren Mitstreiterinnen und -streitern fällt sie optisch weder auf noch ab.

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Diese und andere Verästelungen sind für jemanden, der sich literarisch nur rudimentär auf den Theaterbesuch vorbereitet und eine lupenreine Komödie erwartet hatte, verwirrend genug. Denn eine Komödie im eigentlichen Sinne hat Jean Giraudoux mit diesem Stück nicht geschrieben.

Wenn ich den Sinn der Sache nicht ganz erfasst habe, hat das möglicherweise aber noch einen ganz anderen Grund: “Die Irre von Chaillot” ist nicht nur, aber auch eine satirisch gefärbte Absage an den Zynismus. Zuschauer, die selber zu Selbigem neigen, mögen Mühe damit bekunden, unversehens in einen Spiegel zu blicken und zu erkennen, dass vielleicht auch sie – rein hypothetisch, versteht sich – eher zu jenen gehören würden, die das Erdöl aus dem Boden holen wollen, als zu jenen, die alles auf ewig so belassen möchten, wie es seit jeher war.

Aber eben: Vielleicht war auch alles ganz anders gedacht.

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Weitere Aufführungen:

Samstag 22. Februar, 20 Uhr
Sonntag 23. Februar, 17 Uhr
Donnerstag 27. Februar, 20 Uhr
Samstag 1. März, 20 Uhr
Sonntag 2. März, 17 Uhr
Samstag 15. März, 20 Uhr
Sonntag 16. März, 17 Uhr

Vorverkauf:

Tourist Office am Bahnhof (058 327 50 92)
Buchhandlung am Kronenplatz (034 422 21 75)

(Bilder: zvg)

Gigantisch in jeder Hinsicht

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300 000 Besucherinnen und Besucher, 230 000 Liter Bier, 80 000 Liter Mineralwasser, 45 000 Würste, 4 Tonnen Ruchbrot, 100 Tonnen Sägemehl, je eine Tonne Schweinsnierstücke, Beinschinken und Schweinsbraten, 75 Extrazüge, 130 000 Tonnen Abfall, über 500 000 Franken Gewinn: Die Zahlen, die die Organisatoren des Eidgenössischen Schwingfestes 2013 in Burgdorf ein halbes Jahr nach dem Mega-Anlass vorlegen, sind sehr, sehr beeindruckend.

Tanke für das Föteli

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Während der junge Mann so in seinem Auto dahinfuhr, bemerkte er auf einmal, dass ihm., bzw. dem Wagen, der Sprit ausging. Kurzerhand steuerte er die nächste Tankstelle an, um nachzufüllen.

Tage später – er hatte seinen Boxenstopp längst vergessen – entnahm er seinem Briefkasten ein grosses Couvert und diesem eine Rechnung plus ein grobkörniges Bild.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen erblickte er auf der Schwarzweiss- Fotografie sein Auto. Eine Verwechlung war ausgeschlossen: Auf der Kühlerhaube prangt riesengross das Logo von Radio Argovia seines Arbeitgebers, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Auch das Nummernschild ist gestochen scharf erkennbar.

Da er als langjähriger Nichtraucher keine Möglichkeit sah, sich in aller Öffentlichkeit Asche aufs Haupt zu streuen, publizierte er das Papier, das sein Vergehen dokumentierte, auf Facebook – und stellte innert kürzester Zeit fest, dass auch in der virtuellen Welt nicht für den Spott zu sorgen braucht, wer den Schaden hat.

“Nimm de wenigschtens es Outo vo dr Konkurränz!”, riet ihm ein Leser. Eine Leserin konnte sich nicht vorstellen, dass die Zechprellerei mit Vorsatz erfolgt sein könnte: “Du besch z guet erzoge worde zom so öpis zmache.” (Jawoll; das wurde er. Anmerkung des Blogwarts). Ein anderer Kollege schrieb, offensichtlich aus Erfahrung: “Da passiert no vell das d Chunde vergässe z zahle.”

Und fügte an, das sei kein Problem, “solang ned dini Frau bem tanke vergessisch”.

Mit dem Bussetun coram publico liess es der Held dieser Geschichte jedoch nicht bewenden. Heute Morgen begab er sich abermals zur Tankstelle, um sich für das Versehen zu entschuldigen. Gleichzeitig bezahlte er, was er vor ein paar Tagen ohne zu bezahlen bezogen hatte.

82 Franken 50 kostete das Benzin; darüberhinaus verrechneten meinem Brüetsch ihm die Tankstellenleute einen Fünfliber für die Fotografie.