Akkutes Problem

Wenn mein E-Bike ein Mensch wäre, hätte der Arzt zu ihm gesagt: “Ihre Pumpe ist chli in die Jahre gekommen. Wir wechseln sie am besten aus, dann fühlen Sie sich sofort wie neugeboren.”

Nur: Das mit dem Auswechseln war so eine Sache. Wenige Tage zuvor hatte ich den Schlüssel für meinen Flyer verloren. Ohne ihn konnte ich den Akku nicht entfernen.

Also brachte ich das Gefährt zum Velohändler meines Vertrauens. Ich schilderte ihm mein Problem und sagte, ich würde die alte Batterie nicht mehr benötigen. Von mir aus könne er sie gerne mit der Trennscheibe oder sonstwie vom Zweirad mechen und durch eine neue ersetzen.

Toni – der Gewalt in jeder Form aufs Tiefste verabscheut – dachte nicht im Traum daran, zu schwerem Gerät zu greifen. Stattdessen erkundigte er sich in einem nahegelegenen Veloladen, der Flyer im Angebot hat, was in einem solchen Fall zu tun sei.

Der Mitbewerber sagte ihm, er könne einen Ersatzschlüssel bestellen. Toni sagte, das wäre wunderbar und bat den Flyer-Händler darum, dies sofort telefonisch zu erledigen.

Daraufhin schickte der Mitbewerber der Schlüsselfirma eine Mail. Eine Woche verging, ohne, dass Toni eine Antwort erhielt. Dann teilte ihm der hilfsbereite Konkurrent mit, die Schlüsselfirma lasse ausrichten, sie benötige für die Herstellung eines neuen Schlüssels zwei Wochen.

Das war nicht die Antwort, die Toni hören wollte. Er setzte sich persönlich mit der Schlüsselfirma in Verbindnug und erfuhr zu seinem nicht gelinden Erstaunen, dass diese den Schlüssel ihrerseits woanders habe ordern müssen.

Aus dem Mai wird gleich Juni. Ich habe die Hoffnung, darauf, meinen Flyer im Sommer wieder benützen zu können, noch nicht aufgegeben, frage mich aber langsam, in welchem.

 

Nachtrag 8. Juni: Das Warten geht weiter.  In der Flyerfabrik hätten sie vergessen, die Seriennummer meines Velos zu notieren. Deshalb könnten sie keinen Schlüssel nachmachen, teilten die Fabrikleute Toni mit. Aussergewöhnlich sei das nicht; so etwas komme “ab und zu vor”.

Nachtrag 10. Juni: Ich habe wieder einen Schlüssel. Den alten. Nach langem Suchen fand ich ihn, wobei ich mir nur schwerlich erklären kann, wieso ich ihn dort abgelegt hatte.

Es geht wieder dem Ende zu

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Mitte November 2016: In der Superior Executive-Lounge von Hofstetter Kommunikation höckeln Verwaltungsratspräsident Hofstetter, Firmengründer Hofstetter, Inhaber Hofstetter und Geschäftsführer Hofstetter, um salzgebäckmampfend und mineralwassernippend die nähere Zukunft einzufädeln.

Hofstetter: “Ich weiss, dass die meisten von euch Sitzungen nicht besonders mögen, und mir ist auch klar, dass ihr alle noch anderes zu tun habt, aber…”

Hofstetter: “…eine Whatsapp-Gruppe wäre für solche Fälle eine gute Idee.”

Hofstetter: “Whatsapp? Du bist bei Whatsapp?!?”

Hofstetter: “Du nicht?”

Hofstetter: “Wer von euch ist bei Whatsapp?”

Hofstetter: “Ich.”

Hofstetter: “Ich. Und bei Linkedin bin ich auch, und ausserdem bei Xing, Instagram, Twitter und Google Plus.”

Hofstetter: “Welche Ehre! Ich sitze neben dem weltweit einzigen Menschen mit einem Google Plus-Account!”

Hofstetter: “Alle whatsappen. Whatsapp ist das neue Facebook.”

Hofstetter: “Mir ist das zu blöd. Ständig machts ‘Ping’, und dann ist es doch nur ein Filmli.”

Hofstetter: “Jedenfalls: Wir müssen planen.”

Hofstetter: “‘Ca plane pour mois’! Kennt das noch jemand?”

Hofstetter: “Was ist das?”

Hofstetter: “Punk. Von Plastic Bertrand. Franzose. 1977. Moment…” (hebelt an seinem Handy herum) “…et voilà:”

Hofstetter: “Heiterefahne!”

Hofstetter: “Punk von einem Franzosen. Es wird immer besser.”

Hofstetter: “Wie gesagt: Ist schon lange her.”

Hofstetter: “Hat der sonst noch etwas gemacht?”

Hofstetter: “Das war glaub alles. Er kam, sang und versiegte.”

Hofstetter: “Wie Samantha Fox mit ihrem ‘Touch me’.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter: “Hast du das auch?”

Hofstetter: “Klar” (tippt erneut auf seinem iPhone herum):

Hofstetter: “Samantha Fox! An ihre Augen werden die Leute sich noch in zehntausend Jahren erinnern.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob dieser Plastic noch lebt.”

Hofstetter: “Leute, die solche Musik machen, werden in der Regel nicht besonders alt.”

Hofstetter: “Wieso meinst du?”

Hofstetter: “Leonard Cohen, David Bowie, Joe Cocker…muss ich noch mehr aufzählen?”

Hofstetter: “Du vergleichst Cohen, Bowie und Cocker jetzt aber nicht ernsthaft mit dem Franzosen, oder?”

Hofstetter: “Rocker ist Rocker, und Sex and Drugs sind Sex and Drugs.”

Hofstetter: “Cohen war kein Rocker.”

Hofstetter: “Soso. Was dann?”

Hofstetter: “Könnten wir jetzt vielleicht langsam…?”

Hofstetter: “Ein Barde. Leonard Cohen war ein Barde.”

Hofstetter: “Hört, hört! Ein Barde.”

Hofstetter: “Dann halt ein Liedermacher.”

Hofstetter: “Singer/Songwriter sagt man dem heutzutage.”

Hofstetter: “Klugscheisser.”

Hofstetter: “Bardesingersongwriter…ist doch egal. Er war ämu kein Franzose.”

Hofstetter: “Wie ihr wisst, neigt sich auch dieses Jahr schon wieder dem Ende zu. Drum…”

Hofstetter: “…Hofstetter hat gesagt, dass ‘solche Leute’ nicht alt werden. Nur fürs Protokoll: Cohen gehört für mich nicht zu ‘diesen Leuten’. Abgesehen davon wurde er sehr alt, und Bowie und Cocker waren sozusagen auch schon pensioniert, als sie die Mikrofone für immer abgaben. Das ist schon ein bisschen etwas anderes als bei dem Punk, der übrigens vielleicht noch gar nicht gestorben ist.”

Hofstetter: “‘Protokoll’ ist ein gutes Stichwort. Wer schreibt heute das Protokoll?”

Hofstetter: “Niemand natürlich.”

Hofstetter: “Was, niemand?”

Hofstetter: “Hat schon jemals jemand eine unserer Sitzungen protokolliert?”

Hofstetter: “Da muss ich nachdenken…”

Hofstetter: “…mach nichts, was du nicht gewohnt bist…”

Hofstetter: “…nein: Ich glaube, von unseren Sitzungen gibt es kein einziges Protokoll.”

Hofstetter: “Ist vermutlich auch besser so.”

Hofstetter: “Item. In sechs Wochen haben wir Silvester. Das heisst…”

Hofstetter: “…’wer jetzt noch kein Chinoise bestellt hat, baut kein Haus mehr’, wie Einstein in seiner Ode an die Freude geschrieben hat.”

Hofstetter: “Das war Rilke, im Fall, und es ging nicht um Fondue.”

Hofstetter: “Einstein, Rilke…: Hauptsache, kein französischer Punker.”

Hofstetter: “Das Gedicht, das Hofstetter meinte, heisst ‘Herbsttag’ und geht so…”

Hofstetter: “…wenn du jetzt anfängst, Gedichte zu rezitieren, dann, dann…”

Hofstetter: “…Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los….”

Hofstetter: “…ich glaubs einfach nicht…”

Hofstetter: “…Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.”

Hofstetter: “Sehr schön, wirklich. Das kann heute kein Mensch mehr.”

Hofstetter: “Was? Dichten?”

Hofstetter: “Gedichte aufsagen, und dann erst noch auswendig.”

Hofstetter: “Ich kann im Fall auch Goethes Glocke!”

Hofstetter: “Die ist von Schiller.”

Hofstetter: “Egal. ‘Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss rinnen muß der Schweiss, soll das Werk den Meister loben! Doch der Segen kommt von oben.'”

Hofstetter: “A propos ‘von oben’: Ich habe diese Sitzung einberufen, um mit euch über die Qualifikationsgespräche und das Jahresabschlussessen zu reden, falls das jemanden interessiert.”

Hofstetter: “Das mit dem Qualizeug kannst du vergessen. Ich führe keine Selbstgespräche, und wenn doch, dann sicher nicht mit einem von euch.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Gut, dann streichen wir das. Kommen wir zum Essen.”

Hofstetter: “Schon besser.”

Hofstetter: “Letztes Jahr wars irgendwie nicht so der Heuler.”

Hofstetter: “Letztes Jahr habe ich für euch gekocht.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter: “Dann gehen wir in die ‘Gedult’.”

Hofstetter: “Kommt nicht in Frage. Da hatten wir unser Hochzeitsessen.”

Hofstetter: “Und?”

Hofstetter: “Nichts ‘und’. Ich will mir nur nicht eine wunderschöne Erinnerung durch ein Businessznacht verderben lassen.”

Hofstetter: “Das gibt kein Businessznacht. Das wird total locker vom Hocker, mit den Frauen und allem. Vielleicht kommt noch eine Mundartband.”

Hofstetter: “Ein Singersongwriter aus der Region würde es auch tun. Frag mal die Buchhaltung.”

Hofstetter: “Weitere Vorschläge?”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Aber irgendwo müssen wir doch…”

Hofstetter: “Ich bin dann sowieso nicht hier. In zwei Wochen fliegen wir nach Australien.”

Hofstetter: “Komisch: Wir auch.”

Hofstetter: “Wir auch.”

Hofstetter: “Das hättet ihr auch ein bisschen früher sagen können.”

Hofstetter: “Du hast ja nicht gefragt.”

Hofstetter: “Genau: Du hast nicht gefragt.”

Hofstetter: “Du fragst ja nie. Du schreibst einfach, ‘Sitzung in 30 Minuten!”, und wir müssen dann alles stehen und liegen lassen, um deinen Worten zu lauschen.”

Hofstetter: “Darf ich offen reden?”

Hofstetter: “Tu dir keinen Zwang an. Wir sind hier unter uns. Das ist das Schöne an dieser Lounge.”

Hofstetter: “Also dann: Deine Art, Sitzungen einzuberufen, geht uns auf den Sack. Das sind Marschbefehle, keine Einladungen. Vielleicht hast du es als Whatsappverweigerer noch nicht mitbekommen, aber die Sklaverei ist abgeschafft.”

Hofstetter: “Ich darf das. Ich bin der alleralleroberste Chef.”

Hofstetter: “Aber nur, weil ich diese Bude gegründet habe…”

Hofstetter: “…und sie mir gehört…”

Hofstetter: “…und ich sie führe.”

Hofstetter: “Das kommt nicht gut heute. Das kommt gar nicht gut. Ich spüre negative Schwingungen im Raum.”

Hofstetter: “Du bist der Boss. Du kannst die Sitzung beenden, wann immer du willst.”

Hofstetter: “Stimmt. Zum Beispiel jetzt grad.”

Hofstetter: “Schön, dann machen wir Schluss. Was die Qualigespräche und das Essen betrifft, haben wir ja geklärt, was zu klären war. Offen sind noch die Sachen mit dem Singersongwriter und der Beiz und der ganze Rest, und abgesehen davon habe ich die Rede an die Belegschaft noch nicht ganz fertig geschrieben, aber das kann ich ja in euren Ferien erledigen.”

Stadtrundgang

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Im Coop: “…und dann hätte ich noch gerne ein paar Abfallgebührenmarken.”
“Die gibts in der Drogerie.”

In der Drogerie: “Ich hätte gerne ein paar Abfallgebührenmarken.”
“Die gibts im Kiosk.”

Im Kiosk: “Ich hätte gerne ein paar Abfallgebührenmarken.”
“Die gibts im Aperto.”

Im Aperto: “Ich hätte gerne ein paar Abfallgebührenmarken.”
“Die gibts im Coop.”

Jahresendbudenessen

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In einem der vielen Burgdorfer Upperclass-Restaurants höcklen Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter – die Gründer, Inhaber, Betreiber und CEO’s eines prosperierenden jungen Kommunikationsbüros – am von Hofstetter schon Ende Juni reservierten Ecktisch hinten rechts, um miteinander bei Mille-Feuilles mit Schwarzwurzeln und Morcheln, Rindsfilet mit Trüffelrisotto und drei Chugeli Vanille-, Schoggi- und Pistacheglacé das ablaufende Jahr zu feiern.

Wer fehlt, ist Hofstetter, der Verwaltungsratspräsident. Es ist wie immer, wenn Verwaltungsratspräsident Hofstetter fehlt, nicht so, dass er nicht eingeladen worden wäre, aber weil Gründerhofstetter dachte, Betreiberhofstetter kümmere sich darum, und CEOhofstetter davon ausging, dass Inhaberhofstetter daran denken würde, VRPHofstetter über das Essen zu informieren, sitzt Gott, wie Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter ihren allerobersten Chef nennen, wenn er nicht da ist, zuhause vor dem Fernseher und schaut “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”. Vor ihm stehen die erkalteten Überreste einer Findus-Lasagne aus dem Tankstellenshop.

Hofstetter: Ist es nicht schön, so zusammenzusitzen und zurückzublicken?

Hofstetter: Ich weiss nicht. Diese Budenessen…

Hofstetter: …Schischi auf dem Teller und Dibidäbigetue vom Kellner: Mir hätte ein XXL-Cordon bleu mit Pommes Frites und ohne Gemüse bei Vreni gereicht. Abgesehen davon haben die hier total übersalzene Preise. Wenn das unsere Treuhänderin erfährt, häscherets.

Hofstetter: Letztes Mal hat uns Hofstetter himself bekocht. Als ich wieder zuhause war, bestellte ich eine Pizza, um kurz nach Mitternacht doch noch satt zu werden. So betrachtet, ist es diesmal gar nicht so übel; müsst ihr zugeben.

Hofstetter: Ich muss gar nichts, ausser sterben, und jetzt kurz für kleine CEO’s. Ihr entschuldigt…(steht auf und verschwindet durch eine Türe in der holzgetäferten Wand).

Hofstetter: Jedenfalls ist das immer noch besser, als mutterseelenalleine daheim vor dem Fernseher zu versauern und auf etwas Tiefgefrorenem herumzuchätschen.

Hofstetter: Hält Hofstetter eigentlich keine Ansprache?

Hofstetter: Doch, garantiert. Das ist nur noch eine Frage von Minuten.

Hofstetter: Ich stelle mir gerade vor, wie er auf dem WC sitzt und mit heruntergelassener Hose sein Manuskript ein letztes Mal strählt (legt das Besteck nieder und atmet tief durch). Mist: dieses Bild bringe ich frühestens Mitte 2016 wieder aus dem Kopf.

Hofstetter: “Sein Manuskript”?

Hofstetter: Das mit der Jahresendrede. Oder besser gesagt: DER Jahresendrede.

Hofstetter: Das ist nicht sein Manuskript, sondern meines.

Hofstetter: Wieso?

Hofstetter: Weil ich die Rede geschrieben habe.

Hofstetter: Aha.

Hofstetter: Ehrlich jetzt?

Hofstetter: Wenn ichs doch sage. Gestern kam er zu mir und sagte, “Du, Hofstetter: wir machen doch auch Ghostwritings”. Darauf ich: “Ja, natürlich.”, Darauf er: “Dann write mal schön ghost, aber es pressiert! Deadline ist morgen um punkt Siebzehnnullnull.”. Darauf ich: “Für wen und was?” Darauf er: “Das kann ich dir nicht sagen; ist streng geheim. Schreib einfach eine Jahresendansprache für einen Chef mit, sagen wir, drei Compagnons.” Darauf ich: “Und was soll da drinstehen?” Darauf er: “Am besten steigst du mit ein paar Betrachtungen über die schittere Weltlage ein und machst dann eine Überleitung zum Schönen und Guten. Die Ansprache soll Hoffnung machen und gleichzeitig wie eine Brücke zwischen dem Gestern und dem Morgen wirken. Etwas Staatsmännisch-Privates halt, du weisst schon. Wichtig ist: lass ein paar Leerstellen für persönliche Angaben. Die setzt der Kunde später selber noch ein.” Darauf ich: “Wenns weiter nichts ist.” Darauf er: “Also, hü!”

Hofstetter: Ich glaubs einfach nicht.

Hofstetter: Dann kannst dus ja gleich testen. Am Anfang erwähnt er die schlimmsten Katastrophen des Jahres, dann macht er eine Kunstpause, dann erzählt er ein bisschen etwas über seine Frau und den Hund und die Schildkröten, dann sagt er, das sei jetzt vielleicht chli egoistisch, aber das spiele irgendwie ja keine Rolle, ämu nicht für ihn, und dann weiss er nicht mehr weiter, weil ich nicht mehr dazu kam, mir eine fetzige Pointe auszudenken. Nach “henu” ist fertig; jede Wette.

Hofstetter (kommt durch die Wand zurück an den Tisch): Sooli.

Hofstetter: Was, “sooli”?

Hofstetter: Jetzt komme ich zum Höhepunkt des Abends, höhöhö.

Hofstetter: Falls du damit deine Ansprache meinst: wir vergitzeln fast vor Spannung.

Hofstetter: Wo ist eigentlich Gott?

Hofstetter: Keine Ahnung.

Hofstetter: Keine Ahnung.

Hofstetter: Keine Ahnung.

Hofstetter: Schade, eigentlich. Ich hätte es noch gut gefunden, wenn auch er meine Rede…aber gut. Ich kann sie ihm ja mailen (erhebt sich, klopft die beiden A4-Blätter ein paar Mal mit dem schmalen Rand nach unten auf den Tisch, schaut Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter kurz tief in die Augen, streckt den Rücken durch und legt los):

“17 Tote bei einem Attentat auf die Redaktion von “Charlie Hebdo” in Paris, 150 Tote beim vom Copiloten provozierten Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, über 8000 Tote bei Erdbeben in Nepal, 9 Tote bei einem Amoklauf in einer Kirche in Charlestown (USA), 170 Tote bei einer Gasexplosion im Hafen von Tianjin, fast 2500 Tote bei einer Massenpanik in Mekka, 100 Tote bei Selbstmordanschlägen in Ankara, 224 Tote bei einem Flugzeugabsturz im Sinai und 80 Tote bei Terroranschlägen in Paris.

Dazu: Fifaskandale, VWbschisse, Flüchtlingsdramen – und als ob das alles noch nicht genug des Elends gewesen wäre, gabs kurz vor Schluss auch noch eine Weihnachtslieder-CD von Helene Fischer: 2015 war für viele Menschen kein schönes Jahr.”

(Kunstpause)

“Andrerseits: Ich durfte heuer 50 werden und mich dabei wie 30 fühlen; ich lebe mit der tollsten Frau, dem liebsten Hund und den toughsten Schildkröten der Welt in einem Quartier, das Chantal – die für heute Abend übrigens passen musste; der Hund und alles… – und mir längst zu einem Hort der Geborgenheit geworden ist. Wir sind weit über die Familiengrenzen hinaus umgeben von Leuten aus allen Alters-, Gesellschafts- und Berufsschichten, die es gut mit uns meinen und die den Wert einer Freundschaft nicht daran bemessen, wie oft man sich sieht oder wie häufig man sich abwechslungsweise wie dick zum Essen einlädt. Wir sind busper, zwäg und gesund und haben das seltene Glück, mit Tätigkeiten Geld zu verdienen, die uns Freude bereiten. Mit unserem Budeli gehts langsam, aber stetig aufwärts, und das, meine lieben Kollegen, habe ich in allererster Linie euch zu verdanken. Dafür möchte ich mich bei euch ganz, ganz herzlich bedanken. Danke!

Alles in allem war 2015 also doch ein gutes Jahr; ein sehr gutes sogar, ämu für mich und meinen Schatz, und wenn gewisse Leute jetzt einwenden mögen, dass sei amänd eine chli gar egoistische Sichtweise: henu.”

Hofstetter starrt Hofstetter erwartungsvoll an.

Hofstetter starrt Hofstetter erwartungsvoll an.

Hofstetter: Und? Ich meine: und weiter?

Hofstetter: Nichts weiter. Ich habe fertig, wie Michel Platini immer sagt.

Hofstetter: Komisch. Ich dachte, nach “henu” komme noch was.

Hofstetter: Ich auch.

Hofstetter: Nein, da kommt nichts mehr. Nach “henu” ist fertig.

Hofstetter: Wieso?

Hofstetter: Weil…weil…ich fand einfach, das sei ein guter Schluss. Er macht einen Punkt und lässt doch alles offen. “Henu” ist sozusagen die Brücke zwischen dem Gestern und dem Morgen. Das wollte ich damit sagen. Etwas mit Brücke. Aber wenn ihr das nicht versteht…

Hofstetter: Gibs doch zu: dir ist sonst nichts mehr eingefallen.

Hofstetter: Stimmt. Für jeden Mist nimmst du dir Zeit ohne Ende, aber wenns darum geht, für uns eine kleine Rede zu schreiben, pressierts dermassen, dass nach “henu” nichts mehr kommt. Ich finde das ein wenig…

Hofstetter: …heieiei! Wir sind hier nicht an der UNO-Generalversammlung! Und überhaupt bin ich der Chef. Wenn ich finde, nach “henu” müsse nichts mehr kommen, kommt nach “henu” auch nichts mehr.

Hofstetter: Henu.

Hofstetter: Henu.

Hofstetter: Henu.

Blutti Zähni

Hofijass

300 Sonnentage gibt es laut den Reiseexperten von reisen-experten.de auf Gran Canaria; pro Jahr, wohlverstanden, nicht pro Generation wie im niedersächsischen Bremervörde, wo es färn in zwölf Monaten nur gerade 63 Mal heiter war.

Was aber, wenn der Tourist, der für seinen Aufenthalt in Playa del Inglés von A wie „Aussergewöhnlich tolle Badehose“ bis Z Zig Tiischis nur Sommerzeug eingepackt hat, zwei Tage nach der Landung in Las Palmas konsterniert konstatieren muss, dass nicht alles stimmt, was im Internet steht? Wenns vom Himmel von einer Stunde auf die nächste schüttet statt glüht?

Zum Glück musste ich gestern Nachmittag nicht alleine über ein Schlechtwetterprogramm nachdenken. Schliesslich befinde ich mich – dies auch zK. der Berner Steuerverwaltung – eigentlich gar nicht in den Ferien, sondern auf einer Geschäftsreise.

Nebst mir als CEO von Hofstetter Kommunikation sind auch der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer meiner Firma vor Ort, und was läge bei dieser Konstellation näher, als mit der Sintflut vor Augen und ein paar Karten in der Hand gemütlich einen Jass zu klopfen?

Eben.

Hofstetter: “Wie stehts?”

Hofstetter (guckt aufs Blöckli): “Wir brauchen noch 162, ihr 51.”

Hofstetter: “Wer gibt?”

Hofstetter: “Immer der, der fragt.”

Hofstetter: “Höhöhö.”

Hofstetter: gibt.

Hofstetter: “…dann bin ich wohl mit Trumpfen dran.”

Hofstetter: nickt zustimmend.

Hofstetter: nickt zustimmend.

Hofstetter: nutzt die Zeit, die Hofstetter erfahrungsgemäss zum Trumpfen benötigt, um sich auf Teneriffa ein Mineralwasser mit Gas zu besorgen.

Hofstetter: “Gschobe.”

Hofstetter: “Tami.”

Hofstetter: “Ruhe! Gehts eigentlich noch?!?”

Hofstetter: “Ist doch wahr.”

Hofstetter: “Gut. Also: Kreuz. Nein: Herz.”

Hofstetter: “Zuerst hast zu Kreuz gesagt. Also ist jetzt auch Kreuz.”

Hofstetter: “Aber…”

Hofstetter: “…nichts Aber. Zuerst hast du Kreuz gesagt. Das ist wie beim Basketball: berührt, geführt.”

Hofstetter: “Berührtgeführt ist beim Schach.”

Hofstetter: “Klugscheisser.”

Hofstetter: “Das hätte ein Witz sein sollen.”

Hofstetter: “Wars aber nicht.”

Hofstetter: “Das habe ich auch gemerkt. Dann halt: Kreuz.”

Hofstetter: gibt das Kreuz Achti.

Hofstetter: zieht die linke Augenbraue hoch.

Hofstetter: gibt das Kreuz Zähni.

Hofstetter: tut das Nell heim.

Hofstetter: “Superstart, wirklich.”

Hofstetter: “Für uns schon. Hätte nicht besser laufen können.”

Hofstetter: “Ich hatte es blutt.”

Hofstetter: “Das passt perfekt zum Strand da unten.”

Hofstetter: “Wieso meinst du?”

Hofstetter: “Weils da auch Blutte hat.”

Hofstetter: “Heute nicht.”

Hofstetter: “Nein, heute nicht. Heute bleiben die Schnäbis im Trockenen.”

Hofstetter: “Sagt man in der Mehrzahl eigentlich ‘Schnäbi’ oder ‘Schnäbis’?

Hofstetter: “Musst du das wirklich wissen?”

Hofstetter: “Ja, geschäftlich. Möglicherweise braucht mal jemand einen Pressetext zum Thema.”

Hofstetter: “Ich sage ‘Schnäbi’, auch wenns ein paar sind.”

Hofstetter: “Ich auch. Nur sage ich nicht ‘Schnäbi’.”

Hofstetter: “Wie dann?”

Hofstetter: “Können wir vielleicht weitermachen? Am 3. Oktober geht unser Flieger.”

Hofstetter: “Ist noch blöd, dass das Kreuz Zähni schon fort ist, gäu? Sonst hättest dus jetzt ausspielen können.”

Hofstetter: “Aff.”

Hofstetter: “Da fällt mir gerade ein: Hat schon jemand die Neue von Clapton gehört?”

Hofstetter: “Wie kommst du jetzt darauf?”

Hofstetter: “Wägem Aff. ‘After Midnight’. Ist zwar von J.J. Cale, aber Clapton spielts auch, und erst noch mit einem Höllen Solo, und drum…”

Hofstetter: “Ich sags ja: Klugscheisser.”

Hofstetter: “Ja.”

Hofstetter: “Was, ja?”

Hofstetter: “Ich habe sie gehört und gekauft. Das heisst: eigentlich wars umgekehrt. Clapton kaufe ich ohne zu hören. Hören tue ich bei ihm erst nach dem Kaufen.”

Hofstetter: “Ich auch.”

Hofstetter: “Gekauft und dann gehört habe ich zum letzten Mal bei Dylan. Das passiert mir nicht nochmal. Nicht bei Dylan und auch sonst bei überhaupt keinem mehr.”

Hofstetter: spielt das Herz As.

Hofstetter: atmet für alle hörbar ein und beängstigend lange nicht mehr aus.

Hofstetter: “Was ist?”

Hofstetter: “Es sind erst vier Trümpfe gegangen, und schon kommst du mit dem Herz As. Weisst du, was das ist? Harakiri!”

Hofstetter: “Über die kam kürzlich ein Film. Schon verrückt, wie die mit ihrem Fliegern…”

Hofstetter: “…das waren nicht die mit den Fliegern. Harakiri ist mit dem Schwert in den Bauch. Die mit den Fliegern waren die Kamikaze.”

Hofstetter: “Klugsch… aber ich sage nichts mehr.”

Hofstetter: gibt das Herz Zähni.

Hofstetter: kassiert das Herz As und das Herz Zähni mit dem Trumpf Sächsi.

Hofstetter: “Was habe ich gesagt?”

Hofstetter: “Ja, ja.”

Hofstetter: “WAS HABE ICH GESAGT?!?”

Hofstetter: “Dass erst vier Trümpfe gegangen sind.”

Hofstetter: “UND WAS NOCH?”

Hofstetter: “Habs vergessen.”

Hofstetter: “Ich hatte es blutt.”

Hofstetter: “Könnt ihr…? Am 3. Oktober…”

Hofstetter: “Hofstetter hat Recht. Es ist wirklich grad chli mühsam, wie das läuft.”

Hofstetter: “‘Grad’ ist gut.”

Hofstetter (mehr zu sich selber): “Ups. Das wären ja vier Bauern gewesen.”

Hofstetter: “Wo ist eigentlich unser Verwaltungsratspräsident?”

Hofstetter: “Hofstetter?”

Hofstetter: “So viele Verwaltungsratspräsidenten haben wir ja nicht.”

Hofstetter: “Keine Ahnung.”

Hofstetter: “Also: In Zürich war er noch da. Im Flughafen, meine ich.”

Hofstetter: “Schon klar. Die Frage ist: Wo ist er jetzt?”

Hofstetter: “Ich weiss nur noch, dass einer von euch sagte, ich soll ihm ein Last Minute-Ticket besorgen, weil er ursprünglich ja gemeint hatte, er könne nicht mit, wegen seinen Schildkröten, und dann konnte er doch, aber da hatten wir schon für uns vier gebucht. Dann lief ich in Richtung Schalter und dann…und dann…ah, ja: dann fiel mir ein, dass ich noch Erdnüssli für unterwegs brauche, und weil ich gerade vor einem Kiosk stand, ging ich hinein, weil: erledigt ist erledigt, und…und…ja: irgendwann sassen wir dann im Flieger, wir vier, also: du und du und du und ich.”

Hofstetter: “Das heisst: Hofstetter hockt noch in Kloten?!”

Hofstetter: “Wohl kaum. Der hat unterdessen sicher gemerkt, dass wir ohne ihn…”

Hofstetter: “…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht! Wir vergessen unseren obersten…! Im Flughafen! Ich! Glaubs! Nicht!!!”

Hofstetter: “Du brauchst jetzt nicht gleich hysterisch zu werden. Wenn jemand einen Grund hätte, hysterisch zu werden, wäre es Hofstetter, aber der sieht das ziemlich sicher ganz entspannt.”

Hofstetter: “Konfuzius sagt: ‘Shit happens’.”

Hofstetter: “Jetzt musst du langsam aufpassen mit deinen Asiaten.”

Hofstetter: spielt das Schaufel As aus.

Hofstetter: sticht mit dem Trumpf Achti.

Hofstetter: kotzt das Schaufel Zähni.

Hofstetter: schmiert das Egge As.

Hofstetter: “Heieiei.”

Hofstetter: “Ich hatte es blutt.”

Hofstetter:

Hofstetter:

Hofstetter: “Das bringt nichts. Ich schlage vor, dass wir das hier noch irgendwie fertig machen und dann…”

Hofstetter: “…ich bin jetzt schon huere müed, falls es jemanden interessiert.”

Hofstetter: gähnt.

Hofstetter: “Wer ist dran?”

Hofstetter: “Hofstetter.”

Vielleicht klappts ja beim dritten Versuch

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Freud’ und Frust liegen näher beieinander, als man denkt, wenn man sich nicht mit der Organisation seiner postalischen Angelegenheiten beschäftigen muss.

Schön ist: Die Post hat mein Gesuch um ein Postfach schon im zweiten Anlauf und nach nur wenigen Beschwerdeschreiben bewilligt (siehe Bild).

Weniger schön ist…aber ich mag das jetzt nicht noch einmal tippen. Ich copypaste deshalb einfach hierhin, was ich den Verantwortlichen des Gelben Riesen soeben mitgeteilt habe:

“Sehr geehrte Damen und Herren

Mitte März habe ich am Schalter in der Burgdorfer Hauptpost für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf ein Postfach beantragt.

Unter der Referenz-Nummer 48.02.340001.04661144 teilte mir Ihr Martin Kohlbach am 24. März mit, es sei Ihnen nicht möglich, mir ein Postfach zur Verfügung zu stellen, weil die “Sendungsmenge” dafür “zu gering” sei. Die Mindestmenge für ein kostenloses Postfach betrage “durchschnittlich 25 adressierte Briefe pro Woche oder fünf Briefe pro Tag”, teilte mir Herr Kohlbach mit.

Ich hatte der Dame am Schalter bei der Gesuchstellung angegeben, ich rechne für den Anfang – mein Geschäft wird erst am 1. Mai eröffnet – mit rund 15 Briefen täglich. Damit wäre die von Ihnen festgelegte Mindestsendungsmenge nach meinem Dafürhalten erfüllt gewesen.

Ende März beantragte ich online zum zweiten Mal ein Postfach. Diesem Gesuch haben Sie nun stattgegeben (die entsprechende Referenz-Nummer lautet 48.03.303044.047417071).

Leider haben Sie mir damit etwas bewilligt, was ich gar nicht gewünscht hatte. Denn dem Brief, den ich heute von Herrn Kohlbach erhalten habe, entnehme ich, dass das Postfach “auch für Sendungen für andere Mitglieder Ihres Haushaltes” zur Verfügung stehe und dass auch “Briefsendungen, die an Ihre Domiziladresse adressiert sind”, neu ebenfalls in dieses Postfach statt wie bisher in unseren Briefkasten am alten Markt 6 gelegt werden.

Nur: Das wollen weder die “anderen Mitglieder” meines Haushaltes, noch ist es das, was ich brauche, noch entspricht es folglich dem, worum ich nun schon zweimal schriftlich bei Ihnen nachgesucht habe.

Um weiteren Missverständnissen (und, zugegeben: einem langsam wachsenden Ärger meinerseits) vorzubeugen, wiederhole ich mein Anliegen hiermit zum dritten Mal:

Ich hätte gerne ein Postfach für meine Firma Hofstetter Kommunikation an der Hohengasse 4 in 3400 Burgdorf. Diese wird am 1. Mai 2015 eröffnet. Es wäre sehr schön, wenn das Postfach ab spätestens dann zur Verfügung stehen würde. Die von mir geschätzte Eingangsmenge an adressierten Couverts beträgt rund 15 Stück pro Tag.

Falls Sie sich ausserstande sehen sollten, dieses Gesuch im positiven Sinne zu behandeln, bitte ich Sie, sämtliche Postsendungen, die an Hofstetter Kommunikation adressiert sind, in meinem Briefkasten am alten Markt 6 in Burgdorf zu deponieren. Meine Postfach-Anträge könnten Sie dann als nie erteilt worden betrachten.

Ein weiteres Formular werde ich so oder so nicht ausfüllen.”

Eines nach und mit dem anderen

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Einen Namen finden, den Namen registrieren, bei der AHV anmelden, im Handelsregister eintragen, ein Konto eröffnen, eine Website basteln, Passfotos machen, Drucksachen gestalten (lassen), Adressen sammeln, ein Büro suchen, das Büro mieten, den Grundkurs “Geschäftsführung” besuchen (1 Woche), Werbebriefe schreiben, ein Budget erarbeiten, mit der Treuhänderin reden, ein Postfach organisieren. um Referenzen bitten, Büromöbel suchen, den Hauptkurs “Geschäftsführung” besuchen (4 Wochen), einen Businessplan schreiben, die Website mit Inhalten füllen, erste Kundengespräche führen, Versicherungsdinge klären, einen Fotografen engagieren, mit Ämtern verhandeln, Zeitungen überfliegen, Gemeinde-, Firmen- und Vereinswebsites lesen, Newsletter abonnieren, die Corporate Identity festlegen, Kontakte reaktivieren und knüpfen, die Mailadresse registrieren, Möbel kaufen, eine Datenbank bauen, immer und immer wieder: Fragen stellen (sich selber und anderen Leuten), Daueraufträge einrichten, ein Marketingkonzept austüfteln, Formularstapel abbauen, einen Notar suchen, die Unterschrift beglaubigen lassen, Fachliteratur studieren, Social Media-Kanäle eröffnen, die Gästeliste für den Eröffnungsanlass zusammenstellen, Termine fixieren, die Bürotechnik installieren, reden, reden, reden, die Website überarbeiten, neue Werbebriefe schreiben, Formulare ergänzen, Papiere kopieren und so weiter, und so fort.

Wenn ich gewusst hätte, was alles zu erledigen ist, bevor ich mich beruflich selbstständig machen kann: Ich würde es wieder tun.

Die Vorbereitungsarbeiten schlauchen mich ziemlich – aber mit jedem Schrittli, das ich gehe, komme ich meinem grossen Ziel näher.

It’s a long way

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“Value Proposition”, “Venture Capital-Finanzierung”, “Pareto-Prinzip”, “Acceleratoren-Konzept”, “Bisoziation” oder “Kopfstanddenken”: Seit gut einer Woche rasen jeden Tag Begriffe durch meinen Kopf, von denen ich nie zuvor gehört hatte – oder die mir zwar irgendwie bekannt vorkamen, mit denen ich jedoch bis vor Kurzem nichts anzufangen wusste.

Auf meinem Schreibtisch im Kursraum der Santis AG in Bern – sie ist laut ihrer Website spezialisiert auf “Ausbildungsbedarfsorientierung mit Professionalität, Zielorientierung und Praxistransfer” – türmen sich Ordner, Bücher und Merkblätter voller Zahlen, Statistiken, Tabellen und längstfädiger Erläuterungen. Den Blick zur Ablenkung zwischendurch in die Nähe schweifen zu lassen, bringt wenig: Die Wände um mich herum sind vollgeklebt mit Papieren, auf denen stichwortartig zusammengefasst ist, was wir schon diskutiert haben oder demnächst besprechen werden.

Wenn wir zweimal pro Tag ein Viertelstündchen Pause haben, denke ich…überhaupt nichts mehr, weil das Gehirn dermassen voll ist, dass es sich komplett leer anfühlt. Die Abende verbringe ich, ohne viel vom Gesehenen mitzubekommen, vor dem Fernseher. Meist gehe ich noch vor den Hühnern Schildkröten ins Bett.

Bis Ende März verbringe ich meine Tage hier, im Geschäftsführerkurs der Berner Amtes für Wirtschaft (beco). Zusammen mit elf gleichgesinnten Damen und Herren und mit Hilfe eines Lehrers, der sich erstaunlich erfolgreich darum bemüht, uns die bisweilen völlig abstrakt wirkende Materie zu vermitteln, bereite ich mich mit grossem Enthusiasmus auf etwas vor, woran ich schon zu meinen Aktivzeiten bei der Berner Zeitung hin und wieder schemenhaft gedacht hatte: den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit.

Ein Zurück gibt es (jedenfalls für mich) nicht mehr, selbst wenn der Lernstoff noch so komplex ist (oder manchmal auch nur so komplex scheint): Am 1. Mai eröffne ich

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am Burgdorfer Kronenplatz,

mitten in der Oberstadt, in einem holzgetäferten, überaus heimeligen und mit einem uralten Kachelofen ausgestatteten Büro mein eigenes Geschäft. Was ich unter welchem Firmennamen wem anbieten werde, darf ich aus juristischen Gründen noch nicht perfekt auf die Kundenbedürfnisse abgestimmt kommunizieren verraten, weil mir der Kanton sonst die Kursgelder streicht.

Deshalb fürs Erste nur soviel: Genauso, wie sich ein kleines Kind hinter der verschlossenen Stubentüre am Weihnachtsabend darauf freut, den Christbaum zu sehen, plange ich darauf, mit meiner Einmannagentur endlich loslegen zu können.

Und damit: zurück ins Schulungslokal. Heute stehen Steuer- und Versicherungsfragen auf dem Programm. Frei nach AC/DC: “It’s a long way to the top if you wanna rock’n’roll”, aber ein vielversprechender. Von 489 Leuten, die zwischen 2005 und 2009 “meinen” Geschäftsführerkurs absolviert haben, sind bis heute deren 383 auf dem Markt aktiv. Sie schufen 132 Vollzeit- und 201 Teilzeitstellen und bilden insgesamt 21 Lehrlinge aus.

Nachtrag 27. März: Et voilà.

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Inselleben (VI)

Tag 5, immer mal wieder

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Schlappschuss 1: Die grünrotgelbe Möve, die direkt über mir jetzt eine halbe Stunde lang Kunststückli aufgeführt (extrem sehenswert: die einflügligen Rückwärtsloopings!) und dazu “Fly like an eagle” in der Orchesterversion von Andrè Rieu gepfiffen hat, verschwindet in dem Moment, in dem ich geistesgegenwärtig beschliesse, sie zu filmen.

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Saubere Sache: “Es hat Beschwerden gegeben. Viele Touristen störts, dass es zwischen ihren Arschbacken dauernd knirscht und ripst, wenn sie nachem Sünnele zum Hotel laufen. Das heisst: Weg mit dem Sand!”, hatte der Chef bei der Lagebesprechung am frühen Morgen gesagt. Also setzte sich José, der nach vier Jahren Arbeitslosigkeit endlich einen Job im Werkhof von Playa del Inglés gefunden hat und heute zum ersten Mal im Einsatz steht, auf den Bagger und fuhr zum Strand. Kaum war er weg, prusteten sein Vorgesetzter und seine Gspändli los und verbrachten den Rest des Vormittags damit, sich wiehernd auf die Schultern zu klopfen und miteinander zu wetten, ob der Neue bis Ende Woche durchhalten würde.

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FKK: Aller Gattig Hühner sind nur deshalb auf Gran Canaria, weil sie hier die Garantie haben, nahtlos braun zu werden.

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Schwacher Trost: Weil ich immer noch keine Live-Kanarienvögel gesehen habe, beobachte ich nun stundenlang Cocktaildekorationen, um wenigstens ein bisschen Farbe im Leben zu haben. A propos “Leben”: Die wüste Geschichte von gestern nahm ein glückliches Ende. Im letzten Moment sah ich zwei Meter neben den Dünen ein Fusswägli, auf dem ich leichten Herzens und fast unversehrten Gehirns in die Zivilisation bummeln konnte, wo ich mir als Erstes einen Megagigaschoggipistaschstrattschatellaggupp gönnte.

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Schlappschuss 2: Als er die etwas gar theatralisch um Hilfe rufende Silikonrussin endlich den Quere- statt den Höchewäg zwischen den Kiefern hatte, stiess der Weisse Hai ins Meer zurück – ohne sich darum zu kümmern, dass ich immer noch damit beschäftigt war, einen Film in mein iPhone zu legen.

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Immer nur lächeln: Das gilt in Touristenhochburgen nicht nur für die menschlichen Glieder der Wertschöpfungskette, sondern auch für zufällig herausgepflückte Vertreterinnen und Vertreter der hierzueilande besonders bunten Botanikszene.

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Grund zum Strahlen: Mithilfe von ein paar Reisebüros – die ja dafür sorgen, dass das mit dem Rückflug klappt; oder eben nicht – konnte die Inselregierung ein paar Feriengäste dazu motivieren, beim Bergen von Uran-Brennstäben aus der Tiefsee mitzuhelfen.