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Schlagwort: Gran Canaria

Zeit zu Zweit

Auf die Frage, worauf sie sich in den Ferien am meisten freuen, antworten zehn von zehn Paaren: „Darauf, wieder einmal chli Zeit miteinander zu verbringen. Zusammen zu reden und gemeinsam Sachen zu erleben. Im Alltag haben wir dazu ja kaum die Gelegenheit mit unseren Jobs und Hobbies und den anderen Engagements und den Kids.“

Und so sitzen sie wenig später, fast platzend vor Vorfreude auf ihr Qualitytimesharing, schweigend im Flugzeug. Sie starrt aus dem Fenster, weil sie so gerne einmal die Pigmä Pythago Pyroma berühmten spanischen Berge von oben sehen würde, aber nada: Wit unger ihr ligt s Wulchemeer.

Er glotzt auf die Beine der weiblichen Flight Attendants*In*enden (soviel Tschender muss sein, sonst gibts wieder einen Tadel wie neulich, als ich ein „Fräulein“ erwähnte, worauf ich prompt von einer (1) Leserin belehrt wurde, „Frau“ wäre im Fall sehr viel passender gewesen, dabei unterscheidet sich ein Fräulein von einer Frau meiner unmassgeblichen Ansicht nach weder vom Design noch von der Inneneinrichtung her nennenswert).

Nach der Landung hasten sie stumm durch das Spalier der Hotelchauffeure, die wie Hornusser mit hochgereckten Namenstafeln winken, entern ein Taxi, strecken dem Fahrer den Voucher unter die Nase…und los gehts. Er sitzt vorne, sie hinten. Beide haben Kopfhörer in den Ohren und sind vollauf damit beschäftigt, die Lieben zuhause wissen zu lassen, dass sie gut gelandet seien und alles superduper verlaufe.

Auf ungefähr halber Strecke tippt sie ihm auf die Schulter und sagt, „lueg mau, das Hüsli“. Er klaubt umständlich – sie darf ruhig sehen, dass sie ihn gerade aus einer tiefen Kontemplation gerissen hat – einen Stöpsel aus einem Ohr und ruft „hä?!?“, doch da ist das Hüsli längst an ihnen vorbeigerast.

Nach dem Einchecken gehen sie ihre Suite inspizieren. „Schön, gäu?“, sagt sie, als sie auf den Balkon hinaustritt. „Chamer säge“, murmelt er. Dann packen sie, ohne weitere Worte zu verlieren, ihre Koffer aus, belegen das Bad mit dem Allernötigsten bis unter die Decke (sie), checken den Kühlschrank (er), klemmen sich die Badesachen unter die Arme und gehen den Pool suchen.

Dort fläzen sie sich auf zwei gerade freigewordene Liegen. Er entnimmt einer riesigen Tasche ein Buch, sie legt sich auf den Bauch (oder umgekehrt)

und so plegere sie da, bis die Sonne verschwunden ist und es aus dem Speisesaal verführerisch nach Spaghetti Conveniencebolo, frisch aufgetauten Meeresfrüchten und einem Reiskleister riecht, den die Eingeborenen gemäss dem Reiseführer „Paëlla“ nennen und der hier sonst eigentlich nur en famille serviert wird, wie der Spanier sagt.

Während sie so vor sich hinkauen, studiert sie den Hotelprospekt. Er wischt ununterbrochen über sein Handy, weil er unbedingt wissen muss, was für Abenteuer seine 1528 Facebookfreundinnen und -freunde in den letzten sieben Stunden erlebt haben und was sonst noch an Wichtigem passiert ist in der Welt ausserhalb des Mikrokosmos, in dem er nun lebt.

„Nachher ist im ersten Stock Flamengo“, teilt sie ihm mit, was er mit einem kaum hörbaren „Hmhm“ quittiert. Sie überlegt kurz, anzufügen, und übrigens habe sie Lungenkrebs, befürchtet aber, dass er darauf genauso reagieren würde wie auf den Flamengo und verwirft die Idee, bevor sie weitergaren kann.

Zwischen der Schoggicrème und dem original echt spanischen Volkstanz bleibt den beiden kurz Zeit, sich im Zimmer frischzumachen, wobei er dafür keine Veranlassung sieht und lieber die Chance nutzt, auf dem Balkon seinen Nikotinakku bis zum Anschlag zu laden, weil in dieser alles andere als billigen Unterkunft, wie er schon beim Betreten des Gebäudes missmutig feststellen musste, zäntume Rauchverbot herrscht; jedenfalls drinnen. Sie pudert und malt und tupft und macht, bis ihm versehentlich der gusseiserne Zimmerschlüssel aus der Hand aufs Rauchglastischli fällt.

Den Folkloreabend verbringen sie ganz in sich gekehrt. Vor der letzten Zugabe sagt sie nur, damit wieder einmal etwas gesagt ist, „schön, gäu?“ Er kann seinen Enthusiasmus ebenfalls nur noch mit Mühe drosseln: „Chamer säge“, bestätigt er.

Einen Schlummertrunk an der Bar später (sie lernt bei einem Gin Tonic die Hausregeln in fünf Sprachen auswendig, er scrollt durch seine Mails) verziehen sie sich nach oben. „Es war ein langer Tag; ich muss jetzt schlafen“, lässt sie ihn wissen. „Stimmt“, sagt er, und löscht das Licht.

So geht das ab jetzt, sieben, vierzehn oder einundzwanzig Tage lang, und wenn sie wieder zuhause sind und die Verwandten und Freunde fragen, wie sie denn so gewesen seien, diese ersten Pärliferien seit ewig, strahlen sie einander an wie weiland im Standesamt und juchzen im Duett: „Wunderschön! Einfach wun-der-schön! Wir habens total genossen!“

Genossen – dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert – habe auch ich meinen Aufenthalt in Playa de Inglés. Am Samstag gegen Mittag düse ich zurück in die Schweiz.

Bis dahin dauerts zwar noch ein Weilchen. Zum Schreiben komme ich trotzdem kaum mehr, denn wenn ich sicher sein will, dass der Flieger nicht ohne mich abhebt, muss ich Gas geben: Am Boardingschalter im aeropuerto von Las Palmas stehen garantiert schon die ersten paar Dutzend Mitpassagiere Schlange, obwohl noch weit und breit kein Fräulein zu sehen ist.

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Weggetreten

Mit geschlossenen Augen höre ich, wie neben mir ein Mann und eine Frau ihre Liegeplätze einrichten. Ich blinzle und sehe eine vielleicht 60-jährige Dame (kurzbeinig, chli verschrumpelt, mit einem weissen Sonnenhut auf den grauen Haaren) und einen wesentlich älteren Herrn (Typ Ex-Schulleiter, asketisch-hager, trägt ein blaues Baseball-Cap mit grünem „Gran Canaria“-Aufdruck).

Die beiden machen es sich bequem und schweigen eine Weile. Ich döse weiter.

Sie: „Wie lange der wohl schon daliegt?“

Er: „Weiss nicht.“

Sie: „Der ist am Abend rot, ich sag dir. Das tut dem noch leid.“

Er: „Nö. Der ist ja schon braun. Der wird nicht mehr rot.“

Sie: „Der raucht.“

(Ich beginne zu ahnen: Sie reden über mich.)

Er: „Nö. Der schläft.“

Sie: „Der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Ich sag dir, der schläft nur.“

Sie: „Guck ma, der Aschenbecher und die Schachtel. Der raucht. Wenn der raucht, bin ich weg.“

Er: „Im Moment schläft er.“

Sie: „Ich sag dir: Ich bin weg, wenn der raucht.“

Er: „Nicht so laut. Der kann uns hören.“

Sie: „Nö, der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Trotzdem.“

Sie: „Ich schwörs dir, der raucht, wenn er erwacht.“

Er: „Jetzt hör doch mal auf.“

Sie: „Darf der das?“

Er: „Siehste nicht, wie der schläft? Guck mal, da kommen noch welche. Die hamma gestern schon gesehen.“

Sie: „Und tätowiert issa obendrein.“

Er: „N bisschen. Tätowiert sindse heute alle. Weisste doch.“

Sie: „Guck, am Arm, n Delfin. Und da sind noch welche, am anderen.“

Er: „Is ja nicht schlimm.“

Sie: „Ich weiss nicht.“

Er (etwas ungehalten): „Guck ma, die Leute von gestern.“

Sie: „Wo kommt der her? Was meinste?“

Er: „Sieht aus wie n Pole. Oder Tscheche? Russe kann auch sein. Aus der Ecke, denk ich.“

Sie: „N Russe?!? Meinste?“

Er: „Weiss nicht. Ist auch egal.“

Sie: „Aber der liegt bestimmt seit ewig da.“

Er: „Gemma denen Hallo sagen?“

Sie: „Soviele Tatoos.“

Er: „Ich seh nur drei.“

Sie: „Wenn der gegen den Wind raucht, gehts ja noch. Aber wenn der uns alles ins Gesicht bläst…ich sag dir.“

Er: „Ich weiss. Haste schon gesagt.“

Sie: „Der ist alleine hier.“

Er: „Sieht so aus.“

Sie: „Die Frau muss einkaufen, jede Wette.“

Er: „Kann schon sein. Vielleicht schläftse noch im Zimmer.“

Sie: „Der pennt und die Frau ackert. Im Urlaub. Ich sag dir.“

Er: „Sei mal ruhig. Wenn der uns hört.“

Sie: „Weggetreten issa. Sowas von weggetreten. Der hört nix.“

Er: „Guck ma, die Badehose klebt. Der war eben noch schwimmen.“

Sie: „Kann schon sein. Jetzt pennt er.“

Er: „Ja, der pennt.“

Sie: „Meinste, der kann schwimmen?“

Er: „Ganz bestimmt.“

Sie: „Da bin ich mir nicht so sicher, so, wie der daliegt.“

Er: „Vielleicht kann ers, vielleicht nicht. Muss er ja nicht können. Mir egal.“

Sie: „Das kann der nicht. Der nicht.“

Er (noch etwas ungehaltener): „Sach ma: Ist das so wichtig jetzt?“

Sie: „Nö.“

Er: „Na also.“

Sie: „Was meinste: Wenn ich dem den Aschenbecher wegnehme, merkt der das?“

Er: „Ganz bestimmt merkt der das.“

Sie: „Ich könnte ihn woanders hinlegen. Das merkt der nicht, so weggetreten wie der ist.“

Er: „So weggetreten kann der nicht sein, wo er eben noch schwimmen war.“

Sie: „Da haste auch wieder Recht.“

Er: „Du lässt das alles schön liegen.“

Sie: „Ich dachte nur.“

Er: „Guck ma, wie gross der ist.“

Sie: „Meinste. Meinste wirklich, der würde…?“

Er: „Weiss nicht. Lass mal alles schön liegen.“

Ich setze mich auf, ramisiere meine Siebensachen zusammen und wünsche den beiden einen wunderschönen Tag. Dann zügle ich auf die andere Seite des Pools.

Von dort aus sehe ich, wie die Senioren die Köpfe zusammenstecken. Was sie sagen, höre ich nicht.

Aber ich kann es mir lebhaft vorstellen.

(Hinweis am Rande: Im Gegensatz zu einigen anderen Beiträgen in diesem Blog stimmt in dem hier jedes Wort.)

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Programmänderung

Eigentlich war ich ja nach Gran Canaria geflogen, um einfach wieder einmal nichts zu tun. Chli sünnele, chli bädle, chli sii: Mit diesen drei Vorsätzen landete ich am vorletzten Freitag in Las Palmas.

Abgesehen davon (nein: vor allem) war ich finster entschlossen, meinen Wahlkampf fertig aufzugleisen: An der nächsten Mitgliederversammlung des Altstadtleists Burgdorf geht es (auch) darum, den Präsidenten in seinem Amt zu bestätigen – und damit um meine unmittelbare nebenberufliche Zukunft.

In groben Zügen habe ich als alter Politfuchs natürlich längst skizziert, wie ich der Wählerschaft beibringen will, dass sie keine Alternative hat: Sobald ich am 30. März von den Kanaren zurückbin, lasse ich von meinem Helferheer überall in der Oberstadt und im Kornhausquartier weltformatgrosse Plakate mit meinem Konterfei aufhängen.

Darüber steht gross der Slogan

„Gschäch nüt Schlimmers“

und darunter

„ERFAHREN. KOMPETENT. NACHHALTIG:

HANNES HOFSTETTER (bisher).

FÜR HEUTE. FÜR MORGEN.

FÜR IMMER. UND EWIG.“

Dazu kommen in allen vier Ecken Testimonials mir wohlgesinnter Zeitgenössinnen und -nossen, ein Kurzabriss meines Lebenslaufs plus eine Zusammenfassung meiner Ziele bis 2035.

Nun solls vor der Westküste Afrikas an den Feinschliff gehen (Interviews durch mit mir verheiratete oder befreundete Medienschaffende), Podiumsdiskussionen über von mir vorgegebene Themen vor handverlesenem Publikum usw.), aber irgendwie wurde daraus bis heute nichts, obwohl die Zeit langsam drängt: Die Versammlung findet am 3. April statt.

Denn kaum hatte ich mein Hotelzimmer betreten, erspähte ich auf dem Tischli eine Karte, die alle Pläne zunichte machte. Auf einem „Wochenplan der Aktivitäten“ war vermerkt: Eine Wanderung, ein Besuch bei Winzern oder eine Piratenparty (sicher mit Kostümen!) und anderes mehr oder kurz: Wovon auch immer ich 50 Jahre lang geträumt hatte – es wurde mir auf dem Silbertablett in Form dieses Kartons serviert.

Über eine Woche ist seither über das Eiland gezogen, ohne, dass ich auch nur einen dieser Punkte hätte abhaken können. Ständig kam etwas dazwischen: Mal musste ich Zigaretten holen, mal hatte ich Hunger, mal war am Pool gerade eine Liege freigeworden.

Heute aber…heute war ich bereit. Schon im Frühtau hatte ich die Wanderschuhe geschnürt, um mit einem Grüppli Gleichgesinnter zu Berge oder wohin auch immer zu ziehen, und Studentenfutter, ein Pärli Servalats plus eine Thermoskanne Tee in meinem Rucksack verstaut. Ich wollte gerade gehen, als ich durch die geöffnete Balkontüre ein Geräusch hörte, das sich wie Regen anhörte.

Aber Regen? Hier? Zu dieser Jahreszeit?

„Mit Regen – allerdings nur vereinzelt – müssen Sie ab Oktober rechnen“: Das steht so, wortwörtlich, im Onlineportal Reiseklima.de unter der Rubrik „Gran Canaria“. Aufgrund dieses Versprechens buchte ich den Trip. Darauf, weitere Ratgeber zu konsultieren, verzichtete ich in der Annahme, dass mich schon jemand warnen würde, wenn es etwas zum Davorwarnen gäbe.

Doch erschütternderweise erachteten es weder die kanarenerfahrenen Menschen in meinem Umfeld noch die Leute im Reisebüro meines Vertrauens als angezeigt, mich darauf hinzuweisen, dass es im Zielgelände ständig schifft wie aus Kübeln. Offenkundig geht es inzwischen selbst Reisebüros mehr ums Geldverdienen als ums Beraten.

Ebenfalls nicht gesagt wurde mir, dass in meinem Hotel in Schlechtwetterperioden keine Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Zunehmend frustriert schlurfte ich auf der Suche nach einem Billardtisch, einer überdachten Minigolfanlage oder wenigstens einer Kartbahn durch die menschenleeren Flure. Je länger ich in den Gängen umherwandelte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass gleich ein „Redrum“ murmelnder Knirps um die Ecke gedreiradelt kommen würde.

Stattdessen traf ich auf einen leise vor sich hinpfeifenden Angestellten, der sich normalerweise um den Getränkeausschank an der Poolbar kümmert. Er sagte „Hola“ und fragte, ob ich etwas suche. Ich sagte, ja, die Sonne, worauf er sagte, da könne er mir leider nicht helfen, worauf ich sagte, das sei mir schon klar, worauf er mit den Achseln zuckte, worauf wir beide nicht mehr wussten, was wir einander noch sagen könnten.

Das lag allerdings weniger an mir, als vielmehr am mich nicht gelinde erstaunenden Umstand, dass der Mann kaum in der Lage zu sein scheint, in halbwegs passablem Oxforddeutsch eine längere Konversation mit tieferem Sinn zu prästieren. Unten, an der Bar, war mir das bis dahin nie aufgefallen. Doch da musste er auf mein „A Cola Zero, prego“ auch immer nur mit „Si, Senor“ antworten.

Ich ging noch ein bisschen weiter, weils mich auf einmal wundernahm, was Hotelgäste eigentlich tun, wenn sie wegen Schlechtwetters in ihren Zimmern eingeschlossen sind. Hinter den meisten Türen hörte ich Fernseher dröhnen. Durch manche erklang Musik oder Rap. In drei Räumen summte ein Föhn, in einem rauschte Wasser in die Badewanne. In allen anderen Gemächern wars mucksmäuschenstill, aber das musste ja nicht heissen, dass alle Kunden wie tot auf ihren Betten lagen; ganz besonders nicht in „Hotels für Erwachsene“, zu denen auch das meine gehört.

Zurück in meinen vier Wänden nahm ich ein Buch zur Hand, das ich vor langer, langer Zeit einmal in Angriff genommen hatte, und mit dem ich immer noch nicht richtig warm werde:


All jenen, die es noch nicht gelesen haben, sage ich mit Lennon/McCartney: Let it be und kauft euch lieber „Blind“ von Chrige Brand.

Dann hörte der Regen auf. Höhnisch bescheint die Sonne meine Wanderutensilien, bevor sie sich gleich hinter dem Shoppingcenter schlafenlegt.

Ich höckle auf dem Balkon und tippe diesen Beitrag fertig. Anschliessend entwerfe ich bis spät in die Nacht hinein Inserate und Flyer.

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Klammerbemerkungen

Erst rummsten die Pauken, tröteten die Trompeten und schrillten die Pfeifen, dann wummerten die elektronischen Bässe und schliesslich, als der Morgen zu grauen begann, heulten ununterbrochen die Polizeisirenen: In Playa del Inglés war letzte Nacht Carnevale.

Deshalb zog ich mich beizeiten in mein Gemach zurück, um über etwas nachzudenken, das innerthalb weniger Tage an der Atombombe und Xavier Naidoos Wanderliedern („Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“) vorbei an den Spitzenplatz meiner persönlichen Hitliste des Schreckens gerast ist: Die Handtuchhalter, Badetuchklammern oder, wie Aschi Rüegsegger in seiner Sagi im Eggiwil sagt, Boca Clips.

Erfunden wurden sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts von einem ganz und gar der Natur zugewandten Volk, das seinen Lebensunterhalt in den damals noch alles andere als Vereinigten Staaten mit Jagen und Sammeln bestritt (wenn ich wüsste, wie Indianer diese Woche politisch korrekt genannt werden dürfen, hätte ich mir die umständliche Beschreibung sparen können, aber gut: Ich habe ja Zeit).

Ihnen wurde es eines Tages zu blöd, ihre Gefangenen mit endlos langen Seilen an die Marterpfähle zu binden. Deshalb setzte sich der Ältestenrat zusammen, um zu beratschlagen, wie diese Arbeit effizienter erledigt werden könnte.

Die zündende Idee hatte schliesslich Häuptling Stein der Weisen vom Stamm der Schlauen Meier. Er schlug vor, die Cowboys mit Klemmen aus Pferdeknochen zu fixieren, und wurde von seinen Kollegen daraufhin zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit ernannt.

Lange konnte er seinen Ruhm nicht geniessen: Zwei Tage später wurde er versehentlich von einem Touristen aus dem Bündnerland erschossen, der auf seiner Safari aus zwei Metern Entfernung auf einen neben ihm grasenden Bison gezielt hatte. Freudig ergriffen seine Hinterbliebenen die Gelegenheit, Prototypen der Klammer noch am selben Tag an dem Bleichgesicht auszuprobieren.
Sie hielten.

Wie so viele Erfindungen der Indianer (Pfeil und Bogen, Federschmuck – er zierte am Carnevale unzählige Köpfe – Winnetou-Filme uswusf.) machte auch Stein der Weisens Innovation weltweit Furore. Die Klemmen werden heute nicht mehr mühselig in Einzelanfertigungen auf sandigem Prärieboden geschnitzt, sondern in Hongkong und Bangladesch millionenfach von Neugeborenen zusammengeschraubt.

Es gibt sie in allen Formen und Farben. Die Fabrikanten verkaufen sie in soviele Länder, dass sie aus Kostengründen darauf verzichten, die Produktebezeichnungen von Menschen übersetzen zu lassen. Das übernimmt Google und liest sich so:


Im Hotel, in dem ich gerade den Winter abkürze, nutzen 95 Prozent aller Gäste die Dinger, um ihre Liegen zwei bis drei Stunden vor der Eröffnung des Poolareals mit einem Badtüechli zu besetzen.

Für manche scheinen diese Klemmen das wichtigste Reiseaccessoire überhaupt geworden zu sein; noch vor den Kleidern, dem Schmuck und den Kindern.

Ich habe mir in den letzten Tagen hin und wieder vorgestellt, was wohl passieren würde, wenn ich ein paar Klammern samt der Tüechli entfernen würde, während ihre Besitzer nichtsahnend das Zmorgebuffet verwüsten.

Und beschloss, diese Fantasie mit meinen Facebookfreundinnen und -freunden zu teilen:

Ihre Reaktionen waren eindeutig…

…und freuen ganz bestimmt auch Stein der Weisen. Dass jemand seine Idee dereinst so schändlich missbrauchen würde, um aufs Primitivste dem schnöden Egoismus zu huldigen, hätte er sich damals, in seinem Tipi, nie vorzustellen gewagt.

Er glaubte – zumindest, bis er dem Bündner begegnete – fest an das Gute im Menschen.

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Haiterefahne

Das Beste an meinen Kanarenferien 2019 ist: Mein Hotel hat das Animationsprogramm noch nicht hochgefahren. Das heisst: Es gibt weder Nötigungen zum Aquafitten noch Bogenschiessenwettbewerbe gegen Vierjährige noch Flaschendrehen mit Leuten, die…äh…nun: mit denen man einfach nicht unbedingt Flaschendrehen möchte; ämu keinesfalls nüchtern und schon gar nicht im Unstockfinsteren.

Eine Attraktion gibts aber doch, und zwar seit heute Morgen. Sie ist ein Er, flog Mitte Woche mit seiner Freundin Sofie aus Norwegen ein und heisst Erik. Als Erik stellte er sich mir jedenfalls vor, als er sich gestern neben mich an den Pool legte. Auf die Idee, ihn seinen Pass holen zu lassen, damit ich seine Angaben überprüfen kann, kam ich erst, als Erik schon der Clinincanaria Internacional in Playa del Inglés darauf wartete, dass ein Arzt sich Zeit für ihn nimmt.

Denn: Nachdem er und ich uns ein bisschen über die soziokulturell-wirtschaftlichen Begebenheiten unserer Heimatländer und das Akustik-Album von A-ha unterhalten hatten, fragte Sofie ihren Schatz, ob er chli mit ihr schwimmen komme.

Erik stand auf, ging ein paar Schritte in Richtung Stägeli, schlipfte auf dem feuchten Boden aus (oder tat einen Fehltritt; es ging so schnell, dass ich, falls sein Anwalt mich dereinst als Zeugen in einem Schadenersatzprozess gegen den Plättlileger aufbieten möchte, wild fuchtelnd ablehnen würde), fand das Gleichgewicht wieder, folgte seiner Freundin ins Becken, crawlte zwei, drei Längen hin und her, küsste Sofie (vor allen Leuten!) auf den Mund, stieg aus dem Bassin und legte sich hin.

Ungefähr eine Stunde später begann er, seinen linken Fussknöchel zu massieren. Sofie fragte ihn etwas (ich nehme an, „was hast du?“ oder so), aber er schüttelte nur den Kopf. Nach einer weiteren Stunde winkte Erik dem Proforma-Sanitäter, der – wie jeden Tag – seit 10 .00 Uhr in einer schattigen Ecke neben der Bar dagegen ankämpfte, bei lebendigem Leib zu vermodern.

Der Nothelfer schaute sich den Knöchel an, umwickelte ihn mit einem Gazeband und griff zum Handy. Es verging keine Viertelstunde, bis Erik in einem Krankenwagen (wenn auch ohne Blaulicht und Sirene) abtransportiert wurde. Sofie fuhr mit.

Heute sah ich die beiden wieder. Sofie war am Schwimmen, Erik sass, das links Bein bis fast zum Knie eingegipst, auf der Liege. Er erzählte mir, dass die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen seien und entschuldigte sich für seine etwas undeutliche Aussprache. Im Spital hätten sie ihm „very good stuff“ gegeben, grinste er wie ein kleiner Bub, der seinem Götti von einem besonders gelungenen Streich berichtet, und nun wirke das Zeug halt immer noch nach.

Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll, fuhr er fort. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.

Kaum hatte er fertig erzählt, näherte sich ein Hotelgast. Er deutete auf den Gips und begehrte zu wissen, was da los sei. Erik erzählte, dass er irgendwie ausgerutscht sei und die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen habe. Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.

„Na dann – good betters!“, rief der Fremde ihm zu, und zog von dannen. Der Wasserabdruck, den seine Füsse hinterlassen hatten, war noch nicht verdunstet, als auch schon der nächste Gast kam, der sich nach dem Wie und Warum erkundigte. Erik erzählte, dass er irgendwie ausgerutscht sei und die Knochen seiner zwei äussersten Zehen gebrochen habe. Den Gips müsse er fünf bis sechs Wochen lang tragen. Die Klinik und die Ärzte seien toll. Mit der Versicherung gebe es keine Probleme. Das einzige, was er nun noch erledigen müsse, sei, vor dem Abflug noch einmal vorbeizugehen, um sich bestätigen zu lassen, dass er „fit to fly“ sei.

So ging das in einem fort. Bleiche und braune und alte und junge und grosse und kleine und dicke und dünne Menschen aus ganz Europa und dem angrenzenden Asien schauten bei Erik vorbei, hörten sich an, was er mit bemerkenswerter Geduld rapportierte und wünschten ihm in mindestens einem Dutzend verschiedenen Sprachen alles Gute. Die einen taten das sicher, weil am Pool ansonsten nicht wahnsinnig viel lief und sie folglich froh um jede Abwechslung waren. Den meisten schien Eriks Schicksal aber wirklich am Herzen zu liegen.

Gegen Mittag verzogen sich die Leute zum Lunch. Wie Geier aufs Aas stürzten sich die Langschläfer, die nach dem Erwachen auf ihren Balkonen auf der Lauer gelegen hatten, auf die freigewordenen Plätze. Erik verdrehte die Augen. Er ahnte, was gleich passieren würde.

Und tatsächlich: Es dauerte keine fünf Minuten, bis eine in einen Kimono gewickelte Rentnerin betont nonchalant unserer Poolseite entlangschlenderte und wie zufällig das Gipsbein erblickte. „What is that?!?“. wollte sie, mässig talentiert die Überraschte spielend, von Erik wissen.

„I was swimming with the sharks“, teilte Erik ihr mit. Ohne auch nur ansatzweise rot zu werden, klärte er sie darüber auf, dass er zuhause regelmässig mit Walen tauche. Das sei sozusagen der Nationalsport der Norweger. Nun habe er gedacht, er wolle einmal sehen, ob sich diese Riesen auch vor der Küste Gran Canarias tummeln. Mit einem gemieteten Boot sei er ein paar hundert Meter weit in den Atlantik hinausgefahren.

Dann habe er die Flossen montiert, den Schnorchel in den Mund gesteckt und sei in die Fluten gesprungen. Ausser Schlingpflanzen, Sand und einigen Nemo-Fischen habe er nichts gesehen. Deshalb sei er zurück zum Kahn geschwommen. Beim Einsteigen habe er ein Kratzen verspürt, aber nicht weiter darüber nachgedacht.

Doch dann…(an dieser Stelle legte Erik eine perfekt getimte Kunstpause ein)…dann habe er im Wasser eine riesige blutrote Wolke aufsteigen sehen. Und nur wenige Meter von seinem Boot entfernt sei eine dreieckige Flosse aus den Fluten geragt. Sie habe ihn umkreist, als ob das Ding darunter nur auf ihn warten würde. In diesem Moment erst sei ihn bewusst geworden, dass das vorhin kein harmloses Kratzen gewesen sei. Sondern ein Haibiss.

Die Frau stand, die Kinnlade sperrangelweit heruntergeklappt, vor ihm und wusste nicht mehr, was sagen. Schliesslich stammelte sie: „And the shark… is he…“

„Don‘t know“, sagte Erik ungerührt. Er habe nur noch den Motor angeworfen und sei zum Ufer gerast. Dort sei ihm ein ein Strandwächter zu Hilfe geeilt. Ob der Hai noch da sei und wer sich um das Boot gekümmert habe, wisse er nicht. Doch das, fügte er an, interessiere ihn ohnehin nur sehr bedingt. Er sei einfach froh, noch hier zu sein, sagte er, und warf Sofie, die sich das Lachen inzwischen nur noch mit grösster Körperbeherrschung verklemmen konnte, einen dankbar-demütig-verliebten Blick zu.

Es war unschwer zu erkennen, dass das Ömchen furchtbar gerne noch mehr Details gehört hätte. Andererseits schien sie nicht recht zu wissen, wieviel Horror sie ertragen kann, ohne die Concenance komplett zu verlieren. Schliesslich reichte sie Erik die Hand, versicherte ihn ihres Mitgefühls und gesellte sich zu ihren Freundinnen, die sich wohlig in der Sonne aalten und vielleicht schon leicht neidisch werweissten, was cheibs ihre Hermine mit diesem Mann wohl alles zu besprechen haben könnte.

Aus den Augenwinkeln beobachteten Sofie, Erik und ich, wie die Frau sich vor ihren Gspändli in Postur warf. Mit einem „Ihr glaubt nicht, was ich gehört habe!“ sicherte sie sich erst die Aufmerksamkeit der Umliegenden. Als sie sicher sein konnte, dass ihr wirklich alle zuhören, legte sie los: „Vor dem Strand da unten ist ein Hai….“.

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Schaffer, Schotten, Schlüssel, Schnäppchen

Während ich kurz vor Sonnenuntergang in einem Beizli am fast menschenleeren Strand von Playa del Inglés höckle und frohen Gemüts der Welten Lauf reflektiere, fällt mir siedenheiss ein, dass zuhause niemand weiss, wie es mir geht (aber ungut: Es hat mich, wie ich nicht gänzlich irritationsfrei konstatieren muss, auch kein Mensch danach gefragt).

Das war schon anders; ganz anders sogar: Als ich vor einem halben Jahr mit meinen Co-Geschäftsführern Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria weilte, erreichten mich fast täglich Mails und WhatsApp-Nachrichten, in denen sich zum Teil wildfremde Leute danach erkundigten, was wir so treiben, obwohl ich über unser Wirken auch ohne diese nervötenden Zuschriften wertvollen Inputs so ausführlich, wie es unser enggetakteter Zeitplan halt zuliess, Bericht erstattet hatte.

Um das also gleich vorwegzunehmen: Hofstetter und Hofstetter arbeiten in der Konzernzentrale dermassen intensiv am Umsetzen all der Leuchtturmprojekte, die unsere Vision „Rise to Eternity“ prägen – Kauf einer Kaffeemaschine, Klären, ob das Personal bis zu zweimal pro Woche daheim statt im Büro übernachten soll dürfen, regelmässige Lohnzahlungen undsoweiterundsofort – dass sie gar nicht mitbekamen, wie ich meine Siebensachen packte und vor die Küste Westafrikas verschwand. Das war jedenfalls die offizielle Version für die Medien.

Die inoffizielle lautet: Ich dachte keine Sekunde daran, Hofstetter und Hofstetter in meine Reisepläne einzuweihen, weil ich einfach wieder einmal meine Ruhe haben wollte. Nicht nur, aber auch und ganz besonders vor ihnen. Falls die beiden gerade mitlesen: Jetzt möchte ich eure Gesichter sehen! Ihr glaubtet, ich würde seit Freitag als Head Keynote-Speaker am Communication World Global Summit in Frankfurt von Messehalle zu Messehalle chauffiert, dabei nippe ich bei 26 Grad GMT an einem eisgekühlten Cola Zero, livin‘ live in peace watchin‘ the wheels go round and round (soviel nur am Rande zum inzwischen fast schon absurd kontrovers diskutierten Thema „Ist es möglich, Texte aus zwei John Lennon-Songs in einem Halbsatz miteinander zu verbinden?“).

Den erschütternd wenigen, dies interessiert, kann ich also versichern: Es geht mir wunderprächtig. Das liegt auch daran, dass das Gran Canaria im März ein etwas anderes Gran Canaria zu sein scheint als, sagen wir, jenes im April oder im Mai oder im Juni oder im Juli oder im August oder im September oder im Oktober oder im November oder im Dezember oder im Januar oder im Februar.

Um diese Zeit ist auf „GC“, wie der Sogutwieeingeborene sagt, alles chli ruhiger als sonst. Die Allinclusivehorden aus Germanien, Helvetien und Hollandium rüsten sich auf dem Festland für die sommerlichen Schlachten an den kalten und warmen Buffets,

die zigtausend Seniorinnen und Senioren, die in der wohligen Wärme des kanarischen Archipels überwintert hatten, schauen seit Kurzem wieder in ihren eigenen vier Wänden rund um die Uhr fern.

Durch Playa del Inglés streunen aktuell viele Schotten und Finnen, wobei man Letztere fast gar nicht bemerkt. Sie machen tagsüber weniger Lärm als ein kaputtes Radio. Was sie nachts tun, entzieht sich meiner Kenntnis, aber rentierisch auf die Pauke hauen sie kaum: Sie zmörgelen immer als Erste und sehen dabei aus wie aus dem Truckli.

Die Schotten hingegen sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die vier mittelalterlichen Gesellen aus der Greater Glasgow Area, die unter grossem Hallo mit Eheringen an den Fingern, aber ohne Ehefrauen im Schlepptau, eincheckten, lassen sich vom Morgen bis am Abend durchgaren. Ihre Hautfarbe hat längst von käseweiss zu hummerrot gewechselt, doch das kümmert sie kein bisschen. Vermutlich haben sies noch gar nicht bemerkt.

Wenn das Servicepersonal sich daran macht, für den Mittagsservice einzudecken, philosophieren sie schon wieder oder immer noch sternhagelvoll über Fussball, Fussball oder Fussball. Wer an ihnen vorbeigeht, wird wie ein alter Freund aufs Überschwänglichste begrüsst und nur in gut begründeten Ausnahmefällen nicht dazu genötigt, das eine oder andere Fass mitzutrinken.

Zweimal am Tag gönnen sich die kugelrunden und fast flächendeckend tätowierten Glatzköpfe ein Bad. Dann halten sie sich an den Händen und hüpfen miteinander ins Becken. Wenn die halbe Tonne Fleisch durch die Wasseroberfläche kracht, bekommen die Umliegenden jeweils eine Vorstellung davon, was bei einem Tsunami passiert.

Passiert ist auch einem Ehepaar aus der Ostschweiz etwas: Am Samstagabend hatten die beiden noch jedem, ders hören wollte (und allen anderen auch) erzählt, was für ein „suppa Schneppli“ sie mit dieser Onlinebuchung doch gemacht hätten: „Achthundertfüfzg Frangge für zwei Wuche Grangganaria mitsamtem Flug; das müendir eu mal vorstele!“

Am Dienstag sassen sie in aller Herrgottsfrühe im Speisesaal. Sie verleibte sich mit offensiver Achtsamkeit ein Birchermüesli ein, er schoss seine Cholesterinwerte mit einer Wagenladung Rührei und Speck durchs Dach im zwölften Stock. Neben ihnen standen drei Koffer und zwei Sporttaschen. Bald würden sie vom „Schauinsland“-Bus abgeholt, der sie – mit Zwischenstopps in weiteren zwei Dutzend Unterkünften – in nicht einmal drei Stunden zum Flughafen bringen würde (mit dem Auto dauert die Fahrt nach Las Palmas knappe 30 Minuten, aber so ein Ferienende ist schliesslich auch ohne Raubüberfall durch einen kanarischen Taxifahrer schon frustrierend genug).

Weil sie nicht wussten, wie sie die Wartezeit totschlagen könnten, griffen sie zu ihren Handys. Sie leikte Facebook-Beiträge, er überflog seine Mails. Mitten in die Stille hinein entfuhr ihm ein „Hueresiech!!!“. Erschrocken blickte seine Frau von ihrem iPhone auf. „Die hend üse Flug kensslet“, teilte er ihr mit vor Fassungslosigkeit bebender Stimme mit. „Eifach so. Kensslet!“

„Verzell kän Schaiss!“, bat sie. „Lueg doch selber!“, blaffte er zurück. So ging das ein ganzes Weilchen hin und her, bis ihnen endgültig klargeworden war, dass aus ihrem Heimflug nichts werden würde; ämu nicht heute und, wer weiss?, auch nicht morgen und übermorgen. Für sie hiess das, wie sie ihm stocksauer mitteilte: Ihre Turnstunde fällt aus, und aus einer für Donnerstag fixierten Einladung würde, wenns ganz dumm laufen sollte, ebenfalls nichts werden.

Er scrollte, ununterbrochen tamisiechmurmelnd, durch seine Agenda und gab seiner Gattin mehrfach zu verstehen, dass ein gewisser Charly nun schön im Saich sei. Das nenne er ein Problem, wohingegen ihre Turnstunde seiner Ansicht nach eher als Pipifax zu taxieren sei. Auf den Besuch bei Sowiesos könne er so oder so verzichten.

Dann verkündete er wie weiland Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, er gehe die Sache klären. Wenig später kam er, deutlich entbronsont, zurück. Der Mann am Empfang wisse von nichts, der Reiseleiter habe erst um 11 Uhr Sprechstunde und bei der Fluggesellschaft antworte nur ein Automat, gab er seiner Frau zu verstehen.

Wenn ich je wieder von einem „Häufchen Elend“ lese, werde ich unweigerlich an sie denken; wie sie mit der Handtasche auf dem Schoss und einem zerknüllten Kleenex zwischen den Fingern versuchte, sich damit abzufinden, zwischen zwei Löffeln Müesli von einer unbeschwerten Touristin zur Gefangenen einer höheren Macht geworden zu sein, die sie nicht kannte und gegen die weder sie noch ihr Mann (der offensichtlich schon gar nicht!) etwas ausrichten konnten.

Spontan fühle ich mit ihr. Verlängerte Ferien auf Versicherungskosten: Wer würde bei dieser Aussicht nicht zusammenbrechen?

Der Car kam und fuhr ohne die beiden los. Auf dem Sofa in der Lobby beratschlagten die Schnäppchenjäger, was zu tun sei. Ich bekam nicht alles mit, was sie sagten, hatte aber das Gefühl, dass ihr Gespräch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer Art Gerichtsverhandlung mutierte, bei der sie sehr überzeugend die Rolle der Anklägerin spielte („Ich habe ja gesagt, dass wir das gescheiter mit einem Reisebüro machen!“) und er den Angeklagten geben musste, der ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Schuld auf einen nicht näher definierten Dritten („Scheiss Internet!“) abzuwälzen.

So oder so: Das Paar ist an diesem Donnerstag immer noch im Hotel. Und wo immer es auftaucht, fällt die Temperatur ins etwas Unangenehme.

Aber kühl ist es auf Gran Canaria shockingwise, wie die Schotten sagen würden, manchmal sowieso, wenn auch nur am Abend und das auch bloss, wenns kalt wird. Um es draussen auch nach Sonnenuntergang aushalten zu können, ging ich meine aus zwei Badehosen, einigen ärmellosen Shirts und Unterwäsche bestehende Garderobe kurzentschlossen und weder Kosten noch Mühen scheuend aufstocken:

Fündig wurde ich in einem Chinarestaurant. Ich bestellte einfach das Menü 3.

Nun kann mir eigentlich nichts mehr passieren; nicht einmal im Hotel. Dieses erfüllt, wie ich unmittelbar nach meiner Ankunft in Erfahrung brachte, die höchsten Sicherheitsstandards. Die Zimmer zum Beispiel sind mit sogenannten Türen von restlichen Bereich abgetrennt. Diese schliessen sich hinter einem, sobald man das Zimmer verlässt. Öffnen lassen sie sich mit einem Schlüssel im Kreditkartenformat. Man hält ihn an einen Sensor und schwupp, ist man drin.

Das funktioniert aber nur, wenn man beim Verlassen des Zimmers daran gedacht hat, das Chärtli mitzunehmen. Das schaffen, wie mir der Mann an der Rezeption glaubhaft darlegte, nicht alle. Immer wieder müsse er an seinem Compi für Schlufis, die sich selber aussperrten (oder „outlockeden“, wie der Fachbegriff heisst) mühselig neue Schlüssel nachmachen.

In diesen Tagen, fügte er an, sei ein Kunde drauf und dran, sämtliche diesbezüglichen Rekorde zu pulverisieren: Der Gast aus Zimmer 608, der am Samstag angekommen sei, habe ihn seither schon viermal nach einem Ersatzschlüssel gefragt, erzählte der Rezeptionist schmunzelnd.

Ich konnte darüber nicht lachen. Mir wurde ganz gschmuuch. Schliesslich lebe ich mit diesem Deppen unter einem Dach.

Über meine weiteren Pläne habe ich mir noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken gemacht. Mein Aktionsradius wird weiterhin plusminus zwei Kilometer betragen. Soweit ist es, mit ein paar Umwegen zu den angesagtesten Boutiquen, bis zum Strand. Kulinarisch bewege ich mich wie bis anhin in von Tintenfischen, Muscheln, Krabben und Clubsandwiches gesäumten Pfaden.

Kulturell steht mir jedoch eine völlig neue Erfahrung bevor. Aus der Schweiz riet mir eine Kanarenkennerin:

Ich muss sagen: Das Plakat sieht sehr vielversprechend aus. Auch Touristen, die mit deutschem Liedgut nichts am Hut haben, dürfte sein Anblick ekstatische „Hossa! Hossa! Hossa!“-Rufe entlocken.

Für mindestens zwei von ihnen avanciert der Frühschoppen möglicherweise gar zum Höhepunkt des Jahres: Wer fast eine Woche lang gezwungenermassen auf dieser Insel festsitzt, muss irgendwann selbst den grössten Chabis als Glanzlicht empfinden.

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Frühansteher

Es ist immer dasselbe: Wenn auf dem Ticket «Boarding 6.10» oder so vermerkt ist, steht mindestens eine Stunde vorher ein – meist nicht mehr ganz junges – Paar am Schalter, um des Fräuleins zu harren, das ihnen mit seinem angebostichten Lächeln die Coupons von den Billeten rupfen wird.

Dass das Fräulein vermutlich in dem Moment, in dem die beiden ihren Posten beziehen, noch einmal in seine Wohnung zurückhastet, um das Handy zu holen, können die Reisefüdli nicht wissen. Um sich die Zeit zu vertreiben, kramen sie das Couvert mit den Ferienunterlagen aus ihrem Rollköfferli und studieren die Papiere andächtig zum sechshundertacht-zehnten Mal.

In die Leute, die sich die Nacht auf den Sesseln in der Wartehalle um die Ohren gehauen hatten – es heben ja ständig Flugzeuge ohne jede Vorankündigung zwei Stunden vor dem geplanten Take-off ab – kommt jetzt Bewegung. Die Erfahrung hat sie gelehrt: Sobald jemand vor dem Desk steht, kann der Start jede Sekunde erfolgen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin erhebt sich ein Passagier nach dem anderen. In 0, Nichts bildet sich hinter den Rentnern eine Schlange, die fast bis zum Check-in reicht. Die Uhr springt lautlos auf 5.37 Uhr.

Um Punkt 6 ist das Fräulein vor Ort. Wenn es nach den Anstehenden gehen würde, könnte – wobei: was heisst da „könnte“? „Müsste“, mit höchster Dringlichkeit! – es nun losgehen. Aber das Fräulein steht einfach nur da, erledigt ein paar Anrufe und funkt ein bisschen herum. Dann, endlich, greift es zum Mikrofon und heisst die Gäste des Flugs WK200 der Edelweiss-Air nach Gran Canaria herzlich willkommen.

Die zwei Senioren entern das Flugzeug zuerst. Auf ihren Sitzen in Reihe 33 müssen sie anschliessend sehr, sehr lange warten, bis ihre über 160 Mitreisenden samt Handgepäck in der Maschine verstaut und die Piloten parat sind.

«Eigentlich hätten wir gar nicht so früh dasein müssen“, sagt sie.

«Man kann nie wissen», murrt er.

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Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das „Sandia“ und die „Cita“, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das „Sandia“ oder die „Cita“ bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im „Sandia“ stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet „50 Shades of Black“. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse „Hap-bi“-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

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Zeitverschiebung

Wenn man beim Zubettgehen sieht, wie Leute aus dem Hotel gegenüber in den Ausgang verschwinden, und beim Aufstehen bemerkt, wie Leute aus dem Ausgang ins Hotel zurückkehren, beginnt man zu ahnen: Man wird in diesem Leben wohl nicht mehr jünger.

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