Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

“Uns”: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. “Das käme ganz darauf an”, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.

Vorne, bei den Vollidioten

Für ihre Plätze im “Golden Circle” des Zürcher Hallenstadions hatten die Leute je 140 Franken bezahlt. Weitere 150 Euro blätterten manche von ihnen für die “VIP-Experience” hin. So heisst das Privileg, vor dem Toto-Konzert beim Soundcheck dabeisein zu dürfen. Anschliessend signieren die Bandmitglieder T-Shirts, Chäppis, Poster und Platten und halten am Ende für ein Erinnerungsbild mit ihren solventen Fans hin:

(diese Aufnahme klaute ich von der Facebook-Seite des Toto- und Steve Lukather-Fanclubs. Sie entstand in Italien, hätte aber auf jeder beliebigen anderen Station der “40 Trips around the sun“-Tournee geschossen werden können).

Minuten, bevor es auf der Bühne losgeht, sitzen sie mit ihren Handys im Anschlag auf ihren Stühlen. Kaum fällt der Vorhang, schiessen sie auf, recken die Arme in die Höhe und filmen, was das Zeug hält. “Alone”, “Hold the line”, “Lovers in the night”, “Spanish Sea”: Einen Song nach dem anderen halten sie mit ihren Kameras für die Ewigkeit fest.

Mit den 300 Stutz, die sie für diesen Abend hingeblättert haben (die Kosten für ein paar Cüpli, das Parkhaus und allerlei Merchandising-Artikel sind darin noch nicht eingerechnet), sicherten sie sich offensichtlich auch das Recht, sich in der Halle ohne Rücksicht auf die gängigsten Anstandsregeln aufzuführen.

Die Angehörigen des hinter ihnen platzierten Pöbels sehen ausser abstehenden Ohren, fast haarfreien Hinterköpfen und verschwitzten Unterarmhöhlen nichts mehr. Sich ebenfalls erheben mögen sie aus Rücksicht auf die Zu”schauerinnen” und -“schauer” in den Reihen 4, 5, 6 ff. nicht, und überhaupt: Um das Konzert stehend geniessen zu können, hätten sie nicht zwingend Sitzplätze zu buchen brauchen.

Irgendwann haben die Hobbyfilmer ein Einsehen oder Krämpfe in den Waden. Man hat jetzt freien Blick auf die Band und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass das bis zum Schluss so bleibt, aber chasch dänke: Kaum erklingen die ersten Akkorde des nächsten Hits, baut sich die Wand aus Jacken und Hemden und Mobiltelefonen wie von alleine erneut vor einem auf.

Ich bin sicher (und hoffe inständig): Wenn die Leute nach Hause kommen und von ihren Lieben gefragt werden, wie es so war, das Konzert, sagen sie: “Keine Ahnung. Ich muss zuerst auf dem Handy nachschauen.”

Dann öffnen sie ihre Film-App, klicken sabbernd vor Vorfreude auf “Play” – und bekommen ausser einem undefinierbaren Krach nichts zu hören und abgesehen von heillos überbelichteten Musikern auch nichts zu sehen.

Wers glaubt, wird wahnsinnig

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Ich weiss nicht, wie viele Male ich im Sunrise-Shop in der Gurzelengasse in Solothurn vorsprach, und ich kann auch nicht mehr genau sagen, wie oft ich auf die Hotline dieser Firma anrief, weil ich mein Handy-Abo zur Swisscom transferieren wollte. Es mussten Dutzende von Versuchen gewesen sein.

Wen auch immer ich bei Sunrise fragte – die Antwort war immer dieselbe: “Dafür müssen wir nur Ihre Nummer portieren. Das ist überhaupt keine Sache. Bis heute Abend oder morgen früh ist das erledigt.”

Ein halbes Jahr später löste schliesslich eine hilfbereite Mitarbeiterin in einem Swisscom-Shop im Zug das Problem. Nachdem sie  sich eine Stunde lang durch das halbe Sunrise-Organigramm telefoniert hatte, konnte sie mir freudig melden: Wechsel vollzogen.  Dem Kauf eines Swisscom-iPhones stand nichts mehr im Wege.

Kundenservice und Sunrise – das sind für mich seither zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausschlissen. Deshalb staunte ich nicht schlecht, als ich am Schaufenster genau jenes Geschäftes, in dem ich vor Jahren beinahe zum Berserker geworden wäre, heute Plakate kleben sah, auf denen Sunrise verspricht, ich könnte bei ihnen “mein Abo wechseln, wann ich will”.

Das swisscommt mir gerade recht

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Ich weiss nicht, wer sich bei der Swisscom um die “kundenspezifische Kommunikation” (oder wie immer diese Geschäftssparte auch heissen mag) kümmert. Es muss sich um jemanden handeln, der über ein ausgeprägtes Gespür für bestehende oder möglicherweise noch auftauchende Bedürfnisse seiner Klientel verfügt. Oder zumindest weiss, wer wann wieso schon einmal die Hilfe des Unternehmens in Anspruch nehmen musste.

Was ich weiss ist: Er oder sie macht seinen oder ihren Job saugut. Mit dem Hinweis, den mir die Swisscom kurz nach meiner Landung in Las Palmas per SMS hat zukommen lassen, traf sie ins Schwarze – wenn auch ein bisschen zu spät.

Denn “Richtiges Verhalten bei einem Handy-Klau in Spanien”: Das ist ein Thema, das auch mich vor nicht allzulanger Zeit auf einmal brennend interessierte.

Schnellcheck einer Wetter-App

Zürich, Samstag, 4.40 Uhr: Mal schauen, was das Wetter auf Gran Canaria so macht:

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Playa del Inglés, Samstag, 12.30 Uhr: Stimmt.

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Nur temperaturmässig liegt die App leicht daneben. Das habe ich neulich schon zuhause erlebt: Für Burgdorf Mittagszeit (BMZ) prognostizierte mein iPhone 19 Grad. Am Ende warens dann deren 20. Als ich das merkte, stand ich schon in gefütterten Stiefeln, der Lammfelljacke, mit dem Schal um den Hals und den Ohrenwärmern auf dem Kopf vor der Türe und musste extra noch einmal in die Wohnung zurück, um mich klimakompatibel umzuziehen.

Henu. Was den Sonnenschein betrifft – und letztlich gehts ja nur darum – scheint mit der App alles in Ordnung zu sein. Ich muss kein neues Wetter herunterladen. Gut, ist das geklärt.

Das Wunder von Playa del Inglés

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“Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzeigen”, schrieb ich in meinem Beitrag zum Thema “iPhone-Klau”.

Als ich das tippte, ahnte ich nicht, wie aufwendig es sein würde, den Verlust meines Handys juristisch korrekt abzuwickeln.

Touristen, denen etwas abhanden gekommen ist, müssen sich als Erstes beim Cuerpo Nacional di Policia in Madrid melden. Dieses teilt ihnen eine Nummer zu und ein Revier, auf dem sie damit vorsprechen können.

Soweit die Theorie.

In der Praxis hangelte ich mich gestern Morgen anderthalb Stunden lang von einer madrilenischen Telefonwarteschleife zur nächsten, ohne auch nur einmal einen realen Menschen zu hören. Irgendwann erachtete ich die Zeit als gekommen, die Dinge ein bisschen zu beschleunigen. Ich ging zum Hotelempfang und fragte eine der diensttuenden Damen, ob sie mir dabei behilflich sein könne.

Gemeinsam surften wir durch die Homepage des Nationalen Polizeicorps von Spanien, bis wir eine Möglichkeit gefunden hatten, ein eigentlich nur für Einheimische gedachtes Anzeigeformular auszufüllen. Wenig später hatte ich eine Fall-Nummer, mit der ich mich auf dem Posten in San Fernando melden konnte.

Dort angekommen, überreichte ich das Papier einem Beamten. Er überflog es und sagte nur “Wait!”

Während ich waitete, sah ich aller Gattig Lüüt kommen und gehen: Einen hochbetagten Senior mit frisch gegipstem Arm und wasserfallartig plappernder Gattin; zwei junge Frauen in Begleitung eines Mannes, der mich spontan an Fors vo dr Lueg erinnerte, nur ohne Hörner und nicht so schön tschäggett, einen Teenager mit einem zugeschwollenen blauen Auge und Blutflecken auf dem Hemd und eine weitere Frau mit einem grossen Holzventilator in der Hand.

Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten, als ich von einem Polizisten in dessen Büro gebeten wurde. Unsere Unterhaltung verlief ziemlich zähflüssig, weil er nur bruchstückhaft Englisch sprach und ich des Spanischen nicht übertrieben mächtig bin. Am Ende hatten wir die Verlustmeldung (siehe oben) aber beisammen.

Zwischen dem Moment, in dem ich zum ersten Mal nach Madrid telefonierte, und dem Augenblick, in dem ich den Polizeiposten von San Fernando verliess, lagen gut fünf Stunden.

Nachdem ich ins Hotel zurückgekehrt war, schrieb ich meiner Frau, es sei alles in Ordnung. Ich würde das Dokument am Montag der Versicherung in der Schweiz faxen. Schon am Vorabend hatte Chantal dafür gesorgt, dass die Swisscom meine Handy-Nummer sperrte, womit eines meiner besten Stücke für seinen neuen “Besitzer” mehr oder weniger wertlos geworden war.

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Der Rest des Tages verlief weitgehend ereignislos. Als der Mond aus dem Meer stieg, wurde in der Hotelanlage die tupfgenaugleiche Flamenco-Show geboten wie vor einem Jahr (und zwar, wenn mich nicht alles täuschte, auch vor dem tupfgenau gleichen Publikum), weshalb ich mich um 21 Uhr herum in mein Schlafgemach zurückzog, um zu lesen.

Die Zimmertüre war noch nicht ins Schloss gefallen, als das Telefon auf dem Nachttischli surrte. Ich hob den Hörer ab – und hatte zu meiner ebensogrossen Überraschung wie Freude Chantal am Apparat.

Vorhin, sagte sie, habe ein gewisser “Tom” aus Gran Canaria ihr mitgeteilt, dass er mein iPhone gefunden habe.

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Doch unter der Nummer, die Chantal mir angegeben hatte, meldete sich tatsächlich ein Tom. Ja, bestätigte er, mein Handy sei bei ihm. Und, klar: Ich könne es gleich abholen.

Ich eilte aus dem Hotel, rief ein Taxi und fuhr zum zweiten Mal an diesem Tag nach San Fernando. In einem abseits gelegenen, spärlich beleuchteten und irritierend verwinkelten Viertel voller kleiner Häuser, die alle gleich aussehen, fanden der Fahrer und ich Toms Hütte with a little help von einem Einheimischen nach einigem Suchen.

Ich stieg aus und klingelte. Hinter der weiss getünchten Mauer kläffte ein Hund wie wild. Nach einer Weile hörte ich Schritte. In einem Fensterchen in der Türe erschien ein Gesicht. Er sei Tom, sagte der Mann, und reichte mir das iPhone durch die Öffnung. Er habe es in einem Taxi gefunden, oder bei einem Taxistand, sagte er. Ich drückte ihm einen üppigen Finderlohn in die Hand. Mehr zu reden hatten wir nicht.

Auch wenn die Umstände seines Comebacks nicht völlig geklärt sind und wohl für immer im Halbdunkel bleiben: Mein iPhone und ich feierten unser Wiedersehen ausgelassen bei einem halben Liter Mineral und versprachen uns dabei feierlich, uns nie mehr aus den Augen zu verlieren.

Übrigens: Auf Facebook hatte ich nach dem Verlust des Handys geschrieben, “Chantal kümmert sich jetzt auf der Heimbasis um den Fall. Das heisst: Alles wird gut.”

Et voilà.

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Lonely ohne Phonely

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“Die Kriminalität ist auf Gran Canaria nicht sonderlich hoch”, behauptet das der lokalen Tourismusbranche vermutlich nicht allzu fernstehende “Informations”portal grancanariaonline.com.

“Nicht sonderlich hoch”? Naja:

Mitte Juli erstach in Playa di Arinaga eine Frau ihren Freund.

Wenig später entdeckte die Polizei in einer Wohnung in Las Palmas die stark verweste Leiche einer Frau, die allem Anschein nach ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefellen war.

Ebenfalls im Juli wurde ein Deutscher verhaftet. Er soll Ualauban grosse Rabatte auf Reisen versprochen haben, die keinen Wert hatten.

Am letzten Samstag fanden Ordnungshüter in La Orotava die Leiche eines neugeborenen Babys; sie lag in einem Müllsack. Die Mutter sitzt hinter Gittern.

Vor diesem Hintergrund ist mein “Fall” kaum der Rede wert: Mir wurde gestern Abend das iPhone geklaut, das ich erst vor ein paar Wochen gekauft hatte.

Eben sass ich mit ihm noch, nichts Böses ahnend, in einem Beizli am Strand. Wie zwei Frischverliebte teilten wir uns einen Stracciatella-Pistache-Coupe (ohne Rahm, wegen ihm). Dann machte ich mich auf den Weg zum Hotel. Als ich beim zehn Meter vom Café entfernten Taxistand vorbeiging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Oder genauer gesagt: Dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Ein zögerlicher Griff in die Hose bestätigte, was mein Unterbewusstsein sofort vermutet hatte: Das Handy war weg.

Und mit ihm 6004 Lieder, über 3000 Fotos, sämtliche Unterlagen der Szenerie Burgdorf, unzählige Mails und SMS, Kalendereinträge, einige harmlose, aber aufwendig gedrehte Filme, die Jass-App, die Wetter-App plus, last but absolut nicht least, die Möglichkeit, jederzeit meinen Schatz anrufen zu können, nur, um kurz ihre Stimme zu hören.

Aber gut: Immer noch lieber kurz von der Aussenwelt ab- als in einem Apartment aufgeschnitten.

Glücklicherweise I wurden meine Kommunikationswege nicht komplett veschüttet. Und glücklicherweise II ist das meiste, was mir abhanden gekommen ist, auf dem Compi zuhause gespeichert. Ich werde das neue Handy nur an ihn anschliessen müssen, und schwupp: Sind Toto, Deep Purple, Abba, die Halunke, Mark Knopfler, die Hochzeits- und Ferienbilder, die Termine (Juhui!) sowie die privaten und geschäftlichen Korrespondenzen wieder da.

Das ist ein Grund zum Feiern. Wir machen ein bisschen Musik:

Kaum im Hotel angekommen, warf ich den Laptop an, um Chantal zu schon sehr vorgerückter Stunde zu bitten, die Swisscom-Hotline anzurufen und das iPhone sperren zu lassen. Wenig später meldete sie: Alles ok.

Von der Poolbar aus, an der die anderen Gäste andächtig einem Soulsänger lauschten, der Harry Belafonte nachmachte, rief ich dem Dieb, der sich bestimmt schon auf eine lange Jassnacht gefreut hatte, ein hämisches “Ha!” hinterher. Daraufhin tippte ich ein paar Mails an Leute, die in meinem Leben sonst nur eine sehr periphere Rolle spielen, für mich jetzt jedoch schlagartig sehr wichtig wurden.

Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzuzeigen.

Auf eine merkwürdige Weise bin ich sehr gespannt darauf, die echten Kollegen von Paolo Cruz und (dem inzwischen wohl eher unehrenhaft aus dem Dienst ausgeschienenen) Daniele Corrida kennenzulernen.

Nachtrag: Das Handy ist tags darauf wieder aufgetaucht.

Der Soundtrack zu den Mensbeschwerden

Rock-am-ring

Kaum hat man sich halbwegs daran gewöhnt damit abgefunden, dass mobiltelefonierende Zeitgenossinnen und -genossen auch im Zug und in der Beiz ungeniert Intimstes preisgeben (“Bis üüs gits hüt Ghackets mit Hörnli!”), gilt es, sich mit einem neuen Trend zu arrangieren: Immer weniger Menschen besuchen Konzerte zur kulturellen Erbauung. Sie bezahlen 50, 80, 150 oder 200 Franken Eintritt, um sich mit Leuten, die sie seit einer halben Ewigkeit – lies: seit dem allmorgendlichen Schwatz im “Starbucks” – nicht mehr gesehen haben, zu unterhalten.

Die Begleitmusik liefern zum Teil hochkarätige Künstlerinnen und Künstler, denen spätestens in der Konzertsaison 2013 dämmern dürfte: “Es ist völlig egal, was wir wie spielen. Hier setzt sich sowieso jeder und jede selber in Szene. Aber solange sie uns nicht von der Bühne pfeifen, weil sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, und solange die Gage stimmt, können wir damit leben.”

Menstruationsbeschwerden, die Steuerrechnung, der neue Chef oder die bevorstehende Chriesiernte: Kein Thema ist zu abwegig, um nicht in extenso und coram publico verhandelt zu werden. Und zwar in einer Lautstärke, die es den Umstehenden und -sitzenden verunmöglicht, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren.

Ohne Rücksicht auf die schweigende Mehr(?)heit plaudert das Plapperpack vom Intro bis zum Schlussakkord drauflos, was das Zeug hält.

Das Geschehen auf der Bühne ist den kollektiv an Wortdurchfall leidenden Nervensägen egal. Hauptsache, man und frau ist bei was auch immer mit von der Partie. Als Beleg für die Anwesenheit gilt ein eiligst auf Facebook gepostetes Handybildli, das hochgereckte Handys von Leuten zeigt, die chli weiter vorne stehen und ihrerseits hochgereckte Handys fotografieren, mit denen hochgereckte Handys abgelichtet werden.

Sobald das Bild online ist, kann man sich – die Band spielt mit akustischen Instrumenten gerade eine leise Ballade – wieder dem zuwenden, was an diesem Abend wirklich zählt: Der Frage, ob Melanie einen Neuen habe.

Wie sehen das die mitlesenden Künstlerinnen und Künstler? Bekommt ihr mit, wenn im Publikum während eurer Darbietungen geredet wird? Falls ja: Stört euch das? Oder spielt “man” da routiniert darüberhinweg in der leisen Hoffnung, dass die zahlenden Gäste am nächsten Spielort ein etwas weniger banausiges Verhalten an den Abend legen werden?

So hat alles seine Richtigkeit

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Kondukteur: “Alle Billete ab Baden, bitte!”

Ich: “Sie haben das sicher schon tausend Mal gehört. Ich habe das Billet vor einer Stunde aufs Handy geladen – und jetzt hat das Handy keinen Saft mehr. Was machen wir jetzt?”

“Hm.”

“S stimmt wirklich.”

“Gut wäre natürlich, wenn Sie ein Handykabel dabei hätten. Dann könnten Sie das Handy aufladen und…”

“…habe ich. Aber in diesem Zug gibts ja keine Steckdosen.”

“Doch, in der 1. Klasse.”

“Ah. Aber hier nicht.”

“Kommen Sie mal mit.”

(Komme mal mit.)

“Luegetsi: Hier hats Steckdosen.”

“Super. Ich lade das iPhone jetzt auf und dann…”

“…ich mache nur noch hier vorne fertig und bin dann wieder bei Ihnen.”

“Gut.”

(Lade auf.)

“So. Hats geklappt?”

“Ja, klar. Hier ist das Ticket.”

(Hält das Handy umständlich vor das elektronische Ticketvomhandylesegerät. Gefühlte zwei Tage später:) “Bestens!”

“Kann ich jetzt bis Olten in der 1. Klasse bleiben oder soll ich wieder in die 2. Klasse zügeln?”

“Machen wirs so: Bleiben Sie bis Aarau in der 1. Dann können Sie Ihr Handy nochli laden. In Aarau gehen Sie dann in die 2. bis nach Olten.”

“Gut. So hat dann alles seine Richtigkeit.”

“Ich glaube schon. Vergessen Sie einfach nicht, in Aarau in die 2. zu wechseln.”

“Nein, nein, auf keinen Fall.”

Die Hoffnung stirbt zuletzt

telefon

Die Teilnehmer des “Perfekten Dinners” kämpfen sich, obwohl bereits pappsatt, gerade durch ein üppiges Dessert mit Mangoscheiben und Himbeersaft, als mir mein Telefon signalisiert, dass ein anonymer Anrufer mich zu sprechen geruhe.

Seit Tagen schon alleine zuhause und dem kommunikativen Austrocknen deshalb beängstigend nahe, beschliesse ich entgegen meinen Gewohnheiten und trotz der unterdrückten Nummer, das Gespräch anzunehmen. Kaum habe ich meinen Namen gesagt, begehrt ein Herr deutscher Zunge zu wissen, ob ich mir im Klaren darüber sei, dass ich bei meinen Krankenkassenprämien mehrere! hundert!! Franken!!! pro Jahr!!!! sparen könne, wenn ich ihm kurz zuhören würde; er habe mir diesbezüglich wirklich Wichtiges mitzuteilen.

Weil ich aus nichts heraus eine fast kindische Lust darauf verspüre, mal wieder jemanden ein bisschen zu plagen, sage ich zu dem Herrn, das sei jetzt aber ein Zufall; vor wenigen Tagen erst hätte ich mir überlegt, ob es krankenkassenmässig nicht amänd noch günstigere Varianten gebe, sei aber noch nicht dazugekommen, Offerten einzuholen, und, klar, sehr interessiert daran, zu hören, was er zu bieten habe.

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Hörbar erfreut darüber, vermutlich zum ersten Mal heute seit Wochen mit jemandem länger als zwei Sekunden reden zu können, fragt mich der Mann als Erstes, ob es mir wohl möglich sei, ebenfalls Hochdeutsch zu sprechen, worauf ich auf Mundart erwidere, das könnte ich vielleicht schon, aber wenn er in der Schweiz einen Schweizer anrufe, müsse er halt schon damit rechnen, dass der Angerufene Schweizerdeutsch rede, was der Krankenkassenprämiendrücker mit einem, wie mir scheint, etwas gekünstelt wirkenden Lachen quittiert.

In der Folge nenne ich ihm bereitwillig meine wichtigsten Eckdaten – “32. Technischer Zeichner. Geschieden. Zwei Kinder. Nein, bei der Mutter.” – damit er sich, wie er sagte, “ein Bild von Ihrer Situation” machen kann.

Nachdem das geklärt ist, beginnt er, all die Vorteile aufzuzählen, von denen ich bei einem Wechsel zu einem seiner Superdupersparmodelle profitieren könnte. Ich nutze die Gelegenheit, um mich endlich um mein Nachtessen zu kümmern. Das iPhone auf laut gestellt, wärme ich eine Gemüsesuppe auf, pfupfe ich Mineral ins Wasser und räume ich die Abwaschmaschine aus. An strategisch wichtigen Stellen werfe ich ein “Oh!” ein oder ein “Aha…” oder ein “Phuu” oder ein “Ehrlich?” oder auch nur ein “Hm”.

Von soviel Aufmerksamkeit ermutigt, plappert er weiter, wobei ich mir vorstelle, wie er vom Bildschirm in seinem Callcenterbürocontainer ein Argument nach dem anderen abliest, ohne auch nur den Schatten eines Hauches einer Ahnung davon zu haben, worum es eigentlich geht. Morgen wird er Lose der Süddeutschen Klassenlotterie verkaufen und übermorgen Gesundheizdecken, aber heute hängt seine Zukunft an diesen Kassenprämien, und wenn er etwas genau weiss, dann das: Falls er am Ende seiner Zehnstundenschicht auch nur einen Vertrag – und zwar diesen hier – abgeschlossen hat, kann er sämtliche kommentarlos beendeten Gespräche, Verwünschungen und Demütigungen, die sich im Laufe des Tages zusammengeläppert hatten, vergessen.

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Strahlend würde er zuhause seine Frau in den Arm nehmen und sagen: “Schatz, ich habs ja immer gesagt: Es kommt gut!” Dann macht das Paar es sich auf dem noch nicht restlos abbezahlten Ikeasofa bequem. Vor dem mit einem Kleinkredit finanzierten Grossfernseher geniessen die beiden den Abend in der Gewissheit, dem Häuschen am Waldrand ein Schrittchen näher gekommen zu sein. Irgendwann sinken sie müde, aber voller Zuversicht in das von seinem Schwiegervater vorfinanzierte Conforamabett.

Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen gilt seinen zig Landsleuten, die sich neulich bitterlich darüber beklagt hatten, in der Schweiz nicht mit Pauken und Trompeten und einem roten Teppich willkommengeheissen worden zu sein, und die deshalb in Heerscharen wieder zurück nach Deutschland zügeln.

“Die haben ja keine Ahnung, wie man mit diesen Schweizern umgehen muss”, denkt er. “Wenn man weiss, wie man sie nehmen muss, fressen die einem wie dieser Hofmeier oder wie der hiess aus der Hand.”

Aber soweit ist es noch nicht. Im Moment hat er diesen Hofmeier, oder wie er heisst, zwar an der Angel, aber noch kann er sich nicht ganz sicher sein, dass Hofmeier so fest angebissen hat, dass er sich nicht mehr vom Haken lösen kann. Deshalb macht der Krankenkassenprämiensenker weiter und weiter mit seinen Zahlen und Beispielen und Vergleichen und Statistiken und allem.

Das “Perfekte Dinner” ist längst zu Ende. Das Mangodessert kam bei den Gästen erwartungsgemäss nicht ganz so gut an, wie vom Gastgeber erhofft. Ich habe umgeschaltet auf einen gut abgehangenen “Tatort” aus Stuttgart, was irgendwie ganz gut zu dem passt, was ich nebenher erledige. Das iPhone liegt, immer noch auf laut gestellt, vor mir auf dem Tischchen. Der Mann am anderen Ende der Leitung textet mich immer noch zu, und ich sage weiterhin “Oh” und “Aha” und “So, so” und Ähnliches, wenn ich das Gefühl habe, es sei mal wieder an der Zeit, ein Lebenszeichen von mir zu geben.

In dem Moment, als Kommissar Bienzle seiner Hannelore ein Glas Orangensaft über die Schenkel schüttet, höre ich den Anrufer bestens gelaunt sagen, das sei jetzt alles für den Moment; ob er mir unverbindlich die Unterlagen schicken könne.

Nein, sage ich, und lege auf.