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Schlagwort: Hotel

Das letzte Mittagsmahl

Das ging fix: Keine zwei Monate, nachdem die Grün(liberal)en, die EVP und die SP der Stadt Burgdorf den Klimanotstand ausriefen, detachiert die Armee Personal an den Schlossfuss.

Das Militär scheint nicht damit zu rechnen, dass am 27. Mai noch viele Überlebende des Wettermassakers mit irr aufgerissenen Augen über halbabgenagte Ratten durch die Burgdorfer Gassen schlurfen, in denen aus Ölfässern züngelnde Flammen gespenstisch zuckende Schatten an die Hauswände werfen: Ein Koch aus Thun muss für die Speisung der paar katastrophenkompatibel in Plasticsäcke gehüllten Halbtoten genügen.

Die Qualität des Essens spielt bis dann offenbar sowieso nur noch eine periphere Rolle. Wenn das letzte Mittagsmahl ein Freudenfest für die längst ausgetrockneten Gaumen werden sollte, stünde Manuel Hölterhoff, Christian Bolliger, Yannick Jakob, Giusy Rovetto, Katja Donadonibus, Lukas Kiener, Marc Oppliger oder ein anderes Mitglied der Burgdorfer Gastrofamilie an den Töpfen.

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Zeit zu Zweit

Auf die Frage, worauf sie sich in den Ferien am meisten freuen, antworten zehn von zehn Paaren: „Darauf, wieder einmal chli Zeit miteinander zu verbringen. Zusammen zu reden und gemeinsam Sachen zu erleben. Im Alltag haben wir dazu ja kaum die Gelegenheit mit unseren Jobs und Hobbies und den anderen Engagements und den Kids.“

Und so sitzen sie wenig später, fast platzend vor Vorfreude auf ihr Qualitytimesharing, schweigend im Flugzeug. Sie starrt aus dem Fenster, weil sie so gerne einmal die Pigmä Pythago Pyroma berühmten spanischen Berge von oben sehen würde, aber nada: Wit unger ihr ligt s Wulchemeer.

Er glotzt auf die Beine der weiblichen Flight Attendants*In*enden (soviel Tschender muss sein, sonst gibts wieder einen Tadel wie neulich, als ich ein „Fräulein“ erwähnte, worauf ich prompt von einer (1) Leserin belehrt wurde, „Frau“ wäre im Fall sehr viel passender gewesen, dabei unterscheidet sich ein Fräulein von einer Frau meiner unmassgeblichen Ansicht nach weder vom Design noch von der Inneneinrichtung her nennenswert).

Nach der Landung hasten sie stumm durch das Spalier der Hotelchauffeure, die wie Hornusser mit hochgereckten Namenstafeln winken, entern ein Taxi, strecken dem Fahrer den Voucher unter die Nase…und los gehts. Er sitzt vorne, sie hinten. Beide haben Kopfhörer in den Ohren und sind vollauf damit beschäftigt, die Lieben zuhause wissen zu lassen, dass sie gut gelandet seien und alles superduper verlaufe.

Auf ungefähr halber Strecke tippt sie ihm auf die Schulter und sagt, „lueg mau, das Hüsli“. Er klaubt umständlich – sie darf ruhig sehen, dass sie ihn gerade aus einer tiefen Kontemplation gerissen hat – einen Stöpsel aus einem Ohr und ruft „hä?!?“, doch da ist das Hüsli längst an ihnen vorbeigerast.

Nach dem Einchecken gehen sie ihre Suite inspizieren. „Schön, gäu?“, sagt sie, als sie auf den Balkon hinaustritt. „Chamer säge“, murmelt er. Dann packen sie, ohne weitere Worte zu verlieren, ihre Koffer aus, belegen das Bad mit dem Allernötigsten bis unter die Decke (sie), checken den Kühlschrank (er), klemmen sich die Badesachen unter die Arme und gehen den Pool suchen.

Dort fläzen sie sich auf zwei gerade freigewordene Liegen. Er entnimmt einer riesigen Tasche ein Buch, sie legt sich auf den Bauch (oder umgekehrt)

und so plegere sie da, bis die Sonne verschwunden ist und es aus dem Speisesaal verführerisch nach Spaghetti Conveniencebolo, frisch aufgetauten Meeresfrüchten und einem Reiskleister riecht, den die Eingeborenen gemäss dem Reiseführer „Paëlla“ nennen und der hier sonst eigentlich nur en famille serviert wird, wie der Spanier sagt.

Während sie so vor sich hinkauen, studiert sie den Hotelprospekt. Er wischt ununterbrochen über sein Handy, weil er unbedingt wissen muss, was für Abenteuer seine 1528 Facebookfreundinnen und -freunde in den letzten sieben Stunden erlebt haben und was sonst noch an Wichtigem passiert ist in der Welt ausserhalb des Mikrokosmos, in dem er nun lebt.

„Nachher ist im ersten Stock Flamengo“, teilt sie ihm mit, was er mit einem kaum hörbaren „Hmhm“ quittiert. Sie überlegt kurz, anzufügen, und übrigens habe sie Lungenkrebs, befürchtet aber, dass er darauf genauso reagieren würde wie auf den Flamengo und verwirft die Idee, bevor sie weitergaren kann.

Zwischen der Schoggicrème und dem original echt spanischen Volkstanz bleibt den beiden kurz Zeit, sich im Zimmer frischzumachen, wobei er dafür keine Veranlassung sieht und lieber die Chance nutzt, auf dem Balkon seinen Nikotinakku bis zum Anschlag zu laden, weil in dieser alles andere als billigen Unterkunft, wie er schon beim Betreten des Gebäudes missmutig feststellen musste, zäntume Rauchverbot herrscht; jedenfalls drinnen. Sie pudert und malt und tupft und macht, bis ihm versehentlich der gusseiserne Zimmerschlüssel aus der Hand aufs Rauchglastischli fällt.

Den Folkloreabend verbringen sie ganz in sich gekehrt. Vor der letzten Zugabe sagt sie nur, damit wieder einmal etwas gesagt ist, „schön, gäu?“ Er kann seinen Enthusiasmus ebenfalls nur noch mit Mühe drosseln: „Chamer säge“, bestätigt er.

Einen Schlummertrunk an der Bar später (sie lernt bei einem Gin Tonic die Hausregeln in fünf Sprachen auswendig, er scrollt durch seine Mails) verziehen sie sich nach oben. „Es war ein langer Tag; ich muss jetzt schlafen“, lässt sie ihn wissen. „Stimmt“, sagt er, und löscht das Licht.

So geht das ab jetzt, sieben, vierzehn oder einundzwanzig Tage lang, und wenn sie wieder zuhause sind und die Verwandten und Freunde fragen, wie sie denn so gewesen seien, diese ersten Pärliferien seit ewig, strahlen sie einander an wie weiland im Standesamt und juchzen im Duett: „Wunderschön! Einfach wun-der-schön! Wir habens total genossen!“

Genossen – dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert – habe auch ich meinen Aufenthalt in Playa de Inglés. Am Samstag gegen Mittag düse ich zurück in die Schweiz.

Bis dahin dauerts zwar noch ein Weilchen. Zum Schreiben komme ich trotzdem kaum mehr, denn wenn ich sicher sein will, dass der Flieger nicht ohne mich abhebt, muss ich Gas geben: Am Boardingschalter im aeropuerto von Las Palmas stehen garantiert schon die ersten paar Dutzend Mitpassagiere Schlange, obwohl noch weit und breit kein Fräulein zu sehen ist.

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Weggetreten

Mit geschlossenen Augen höre ich, wie neben mir ein Mann und eine Frau ihre Liegeplätze einrichten. Ich blinzle und sehe eine vielleicht 60-jährige Dame (kurzbeinig, chli verschrumpelt, mit einem weissen Sonnenhut auf den grauen Haaren) und einen wesentlich älteren Herrn (Typ Ex-Schulleiter, asketisch-hager, trägt ein blaues Baseball-Cap mit grünem „Gran Canaria“-Aufdruck).

Die beiden machen es sich bequem und schweigen eine Weile. Ich döse weiter.

Sie: „Wie lange der wohl schon daliegt?“

Er: „Weiss nicht.“

Sie: „Der ist am Abend rot, ich sag dir. Das tut dem noch leid.“

Er: „Nö. Der ist ja schon braun. Der wird nicht mehr rot.“

Sie: „Der raucht.“

(Ich beginne zu ahnen: Sie reden über mich.)

Er: „Nö. Der schläft.“

Sie: „Der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Ich sag dir, der schläft nur.“

Sie: „Guck ma, der Aschenbecher und die Schachtel. Der raucht. Wenn der raucht, bin ich weg.“

Er: „Im Moment schläft er.“

Sie: „Ich sag dir: Ich bin weg, wenn der raucht.“

Er: „Nicht so laut. Der kann uns hören.“

Sie: „Nö, der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Trotzdem.“

Sie: „Ich schwörs dir, der raucht, wenn er erwacht.“

Er: „Jetzt hör doch mal auf.“

Sie: „Darf der das?“

Er: „Siehste nicht, wie der schläft? Guck mal, da kommen noch welche. Die hamma gestern schon gesehen.“

Sie: „Und tätowiert issa obendrein.“

Er: „N bisschen. Tätowiert sindse heute alle. Weisste doch.“

Sie: „Guck, am Arm, n Delfin. Und da sind noch welche, am anderen.“

Er: „Is ja nicht schlimm.“

Sie: „Ich weiss nicht.“

Er (etwas ungehalten): „Guck ma, die Leute von gestern.“

Sie: „Wo kommt der her? Was meinste?“

Er: „Sieht aus wie n Pole. Oder Tscheche? Russe kann auch sein. Aus der Ecke, denk ich.“

Sie: „N Russe?!? Meinste?“

Er: „Weiss nicht. Ist auch egal.“

Sie: „Aber der liegt bestimmt seit ewig da.“

Er: „Gemma denen Hallo sagen?“

Sie: „Soviele Tatoos.“

Er: „Ich seh nur drei.“

Sie: „Wenn der gegen den Wind raucht, gehts ja noch. Aber wenn der uns alles ins Gesicht bläst…ich sag dir.“

Er: „Ich weiss. Haste schon gesagt.“

Sie: „Der ist alleine hier.“

Er: „Sieht so aus.“

Sie: „Die Frau muss einkaufen, jede Wette.“

Er: „Kann schon sein. Vielleicht schläftse noch im Zimmer.“

Sie: „Der pennt und die Frau ackert. Im Urlaub. Ich sag dir.“

Er: „Sei mal ruhig. Wenn der uns hört.“

Sie: „Weggetreten issa. Sowas von weggetreten. Der hört nix.“

Er: „Guck ma, die Badehose klebt. Der war eben noch schwimmen.“

Sie: „Kann schon sein. Jetzt pennt er.“

Er: „Ja, der pennt.“

Sie: „Meinste, der kann schwimmen?“

Er: „Ganz bestimmt.“

Sie: „Da bin ich mir nicht so sicher, so, wie der daliegt.“

Er: „Vielleicht kann ers, vielleicht nicht. Muss er ja nicht können. Mir egal.“

Sie: „Das kann der nicht. Der nicht.“

Er (noch etwas ungehaltener): „Sach ma: Ist das so wichtig jetzt?“

Sie: „Nö.“

Er: „Na also.“

Sie: „Was meinste: Wenn ich dem den Aschenbecher wegnehme, merkt der das?“

Er: „Ganz bestimmt merkt der das.“

Sie: „Ich könnte ihn woanders hinlegen. Das merkt der nicht, so weggetreten wie der ist.“

Er: „So weggetreten kann der nicht sein, wo er eben noch schwimmen war.“

Sie: „Da haste auch wieder Recht.“

Er: „Du lässt das alles schön liegen.“

Sie: „Ich dachte nur.“

Er: „Guck ma, wie gross der ist.“

Sie: „Meinste. Meinste wirklich, der würde…?“

Er: „Weiss nicht. Lass mal alles schön liegen.“

Ich setze mich auf, ramisiere meine Siebensachen zusammen und wünsche den beiden einen wunderschönen Tag. Dann zügle ich auf die andere Seite des Pools.

Von dort aus sehe ich, wie die Senioren die Köpfe zusammenstecken. Was sie sagen, höre ich nicht.

Aber ich kann es mir lebhaft vorstellen.

(Hinweis am Rande: Im Gegensatz zu einigen anderen Beiträgen in diesem Blog stimmt in dem hier jedes Wort.)

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Programmänderung

Eigentlich war ich ja nach Gran Canaria geflogen, um einfach wieder einmal nichts zu tun. Chli sünnele, chli bädle, chli sii: Mit diesen drei Vorsätzen landete ich am vorletzten Freitag in Las Palmas.

Abgesehen davon (nein: vor allem) war ich finster entschlossen, meinen Wahlkampf fertig aufzugleisen: An der nächsten Mitgliederversammlung des Altstadtleists Burgdorf geht es (auch) darum, den Präsidenten in seinem Amt zu bestätigen – und damit um meine unmittelbare nebenberufliche Zukunft.

In groben Zügen habe ich als alter Politfuchs natürlich längst skizziert, wie ich der Wählerschaft beibringen will, dass sie keine Alternative hat: Sobald ich am 30. März von den Kanaren zurückbin, lasse ich von meinem Helferheer überall in der Oberstadt und im Kornhausquartier weltformatgrosse Plakate mit meinem Konterfei aufhängen.

Darüber steht gross der Slogan

„Gschäch nüt Schlimmers“

und darunter

„ERFAHREN. KOMPETENT. NACHHALTIG:

HANNES HOFSTETTER (bisher).

FÜR HEUTE. FÜR MORGEN.

FÜR IMMER. UND EWIG.“

Dazu kommen in allen vier Ecken Testimonials mir wohlgesinnter Zeitgenössinnen und -nossen, ein Kurzabriss meines Lebenslaufs plus eine Zusammenfassung meiner Ziele bis 2035.

Nun solls vor der Westküste Afrikas an den Feinschliff gehen (Interviews durch mit mir verheiratete oder befreundete Medienschaffende), Podiumsdiskussionen über von mir vorgegebene Themen vor handverlesenem Publikum usw.), aber irgendwie wurde daraus bis heute nichts, obwohl die Zeit langsam drängt: Die Versammlung findet am 3. April statt.

Denn kaum hatte ich mein Hotelzimmer betreten, erspähte ich auf dem Tischli eine Karte, die alle Pläne zunichte machte. Auf einem „Wochenplan der Aktivitäten“ war vermerkt: Eine Wanderung, ein Besuch bei Winzern oder eine Piratenparty (sicher mit Kostümen!) und anderes mehr oder kurz: Wovon auch immer ich 50 Jahre lang geträumt hatte – es wurde mir auf dem Silbertablett in Form dieses Kartons serviert.

Über eine Woche ist seither über das Eiland gezogen, ohne, dass ich auch nur einen dieser Punkte hätte abhaken können. Ständig kam etwas dazwischen: Mal musste ich Zigaretten holen, mal hatte ich Hunger, mal war am Pool gerade eine Liege freigeworden.

Heute aber…heute war ich bereit. Schon im Frühtau hatte ich die Wanderschuhe geschnürt, um mit einem Grüppli Gleichgesinnter zu Berge oder wohin auch immer zu ziehen, und Studentenfutter, ein Pärli Servalats plus eine Thermoskanne Tee in meinem Rucksack verstaut. Ich wollte gerade gehen, als ich durch die geöffnete Balkontüre ein Geräusch hörte, das sich wie Regen anhörte.

Aber Regen? Hier? Zu dieser Jahreszeit?

„Mit Regen – allerdings nur vereinzelt – müssen Sie ab Oktober rechnen“: Das steht so, wortwörtlich, im Onlineportal Reiseklima.de unter der Rubrik „Gran Canaria“. Aufgrund dieses Versprechens buchte ich den Trip. Darauf, weitere Ratgeber zu konsultieren, verzichtete ich in der Annahme, dass mich schon jemand warnen würde, wenn es etwas zum Davorwarnen gäbe.

Doch erschütternderweise erachteten es weder die kanarenerfahrenen Menschen in meinem Umfeld noch die Leute im Reisebüro meines Vertrauens als angezeigt, mich darauf hinzuweisen, dass es im Zielgelände ständig schifft wie aus Kübeln. Offenkundig geht es inzwischen selbst Reisebüros mehr ums Geldverdienen als ums Beraten.

Ebenfalls nicht gesagt wurde mir, dass in meinem Hotel in Schlechtwetterperioden keine Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Zunehmend frustriert schlurfte ich auf der Suche nach einem Billardtisch, einer überdachten Minigolfanlage oder wenigstens einer Kartbahn durch die menschenleeren Flure. Je länger ich in den Gängen umherwandelte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass gleich ein „Redrum“ murmelnder Knirps um die Ecke gedreiradelt kommen würde.

Stattdessen traf ich auf einen leise vor sich hinpfeifenden Angestellten, der sich normalerweise um den Getränkeausschank an der Poolbar kümmert. Er sagte „Hola“ und fragte, ob ich etwas suche. Ich sagte, ja, die Sonne, worauf er sagte, da könne er mir leider nicht helfen, worauf ich sagte, das sei mir schon klar, worauf er mit den Achseln zuckte, worauf wir beide nicht mehr wussten, was wir einander noch sagen könnten.

Das lag allerdings weniger an mir, als vielmehr am mich nicht gelinde erstaunenden Umstand, dass der Mann kaum in der Lage zu sein scheint, in halbwegs passablem Oxforddeutsch eine längere Konversation mit tieferem Sinn zu prästieren. Unten, an der Bar, war mir das bis dahin nie aufgefallen. Doch da musste er auf mein „A Cola Zero, prego“ auch immer nur mit „Si, Senor“ antworten.

Ich ging noch ein bisschen weiter, weils mich auf einmal wundernahm, was Hotelgäste eigentlich tun, wenn sie wegen Schlechtwetters in ihren Zimmern eingeschlossen sind. Hinter den meisten Türen hörte ich Fernseher dröhnen. Durch manche erklang Musik oder Rap. In drei Räumen summte ein Föhn, in einem rauschte Wasser in die Badewanne. In allen anderen Gemächern wars mucksmäuschenstill, aber das musste ja nicht heissen, dass alle Kunden wie tot auf ihren Betten lagen; ganz besonders nicht in „Hotels für Erwachsene“, zu denen auch das meine gehört.

Zurück in meinen vier Wänden nahm ich ein Buch zur Hand, das ich vor langer, langer Zeit einmal in Angriff genommen hatte, und mit dem ich immer noch nicht richtig warm werde:


All jenen, die es noch nicht gelesen haben, sage ich mit Lennon/McCartney: Let it be und kauft euch lieber „Blind“ von Chrige Brand.

Dann hörte der Regen auf. Höhnisch bescheint die Sonne meine Wanderutensilien, bevor sie sich gleich hinter dem Shoppingcenter schlafenlegt.

Ich höckle auf dem Balkon und tippe diesen Beitrag fertig. Anschliessend entwerfe ich bis spät in die Nacht hinein Inserate und Flyer.

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Schaffer, Schotten, Schlüssel, Schnäppchen

Während ich kurz vor Sonnenuntergang in einem Beizli am fast menschenleeren Strand von Playa del Inglés höckle und frohen Gemüts der Welten Lauf reflektiere, fällt mir siedenheiss ein, dass zuhause niemand weiss, wie es mir geht (aber ungut: Es hat mich, wie ich nicht gänzlich irritationsfrei konstatieren muss, auch kein Mensch danach gefragt).

Das war schon anders; ganz anders sogar: Als ich vor einem halben Jahr mit meinen Co-Geschäftsführern Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria weilte, erreichten mich fast täglich Mails und WhatsApp-Nachrichten, in denen sich zum Teil wildfremde Leute danach erkundigten, was wir so treiben, obwohl ich über unser Wirken auch ohne diese nervötenden Zuschriften wertvollen Inputs so ausführlich, wie es unser enggetakteter Zeitplan halt zuliess, Bericht erstattet hatte.

Um das also gleich vorwegzunehmen: Hofstetter und Hofstetter arbeiten in der Konzernzentrale dermassen intensiv am Umsetzen all der Leuchtturmprojekte, die unsere Vision „Rise to Eternity“ prägen – Kauf einer Kaffeemaschine, Klären, ob das Personal bis zu zweimal pro Woche daheim statt im Büro übernachten soll dürfen, regelmässige Lohnzahlungen undsoweiterundsofort – dass sie gar nicht mitbekamen, wie ich meine Siebensachen packte und vor die Küste Westafrikas verschwand. Das war jedenfalls die offizielle Version für die Medien.

Die inoffizielle lautet: Ich dachte keine Sekunde daran, Hofstetter und Hofstetter in meine Reisepläne einzuweihen, weil ich einfach wieder einmal meine Ruhe haben wollte. Nicht nur, aber auch und ganz besonders vor ihnen. Falls die beiden gerade mitlesen: Jetzt möchte ich eure Gesichter sehen! Ihr glaubtet, ich würde seit Freitag als Head Keynote-Speaker am Communication World Global Summit in Frankfurt von Messehalle zu Messehalle chauffiert, dabei nippe ich bei 26 Grad GMT an einem eisgekühlten Cola Zero, livin‘ live in peace watchin‘ the wheels go round and round (soviel nur am Rande zum inzwischen fast schon absurd kontrovers diskutierten Thema „Ist es möglich, Texte aus zwei John Lennon-Songs in einem Halbsatz miteinander zu verbinden?“).

Den erschütternd wenigen, dies interessiert, kann ich also versichern: Es geht mir wunderprächtig. Das liegt auch daran, dass das Gran Canaria im März ein etwas anderes Gran Canaria zu sein scheint als, sagen wir, jenes im April oder im Mai oder im Juni oder im Juli oder im August oder im September oder im Oktober oder im November oder im Dezember oder im Januar oder im Februar.

Um diese Zeit ist auf „GC“, wie der Sogutwieeingeborene sagt, alles chli ruhiger als sonst. Die Allinclusivehorden aus Germanien, Helvetien und Hollandium rüsten sich auf dem Festland für die sommerlichen Schlachten an den kalten und warmen Buffets,

die zigtausend Seniorinnen und Senioren, die in der wohligen Wärme des kanarischen Archipels überwintert hatten, schauen seit Kurzem wieder in ihren eigenen vier Wänden rund um die Uhr fern.

Durch Playa del Inglés streunen aktuell viele Schotten und Finnen, wobei man Letztere fast gar nicht bemerkt. Sie machen tagsüber weniger Lärm als ein kaputtes Radio. Was sie nachts tun, entzieht sich meiner Kenntnis, aber rentierisch auf die Pauke hauen sie kaum: Sie zmörgelen immer als Erste und sehen dabei aus wie aus dem Truckli.

Die Schotten hingegen sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die vier mittelalterlichen Gesellen aus der Greater Glasgow Area, die unter grossem Hallo mit Eheringen an den Fingern, aber ohne Ehefrauen im Schlepptau, eincheckten, lassen sich vom Morgen bis am Abend durchgaren. Ihre Hautfarbe hat längst von käseweiss zu hummerrot gewechselt, doch das kümmert sie kein bisschen. Vermutlich haben sies noch gar nicht bemerkt.

Wenn das Servicepersonal sich daran macht, für den Mittagsservice einzudecken, philosophieren sie schon wieder oder immer noch sternhagelvoll über Fussball, Fussball oder Fussball. Wer an ihnen vorbeigeht, wird wie ein alter Freund aufs Überschwänglichste begrüsst und nur in gut begründeten Ausnahmefällen nicht dazu genötigt, das eine oder andere Fass mitzutrinken.

Zweimal am Tag gönnen sich die kugelrunden und fast flächendeckend tätowierten Glatzköpfe ein Bad. Dann halten sie sich an den Händen und hüpfen miteinander ins Becken. Wenn die halbe Tonne Fleisch durch die Wasseroberfläche kracht, bekommen die Umliegenden jeweils eine Vorstellung davon, was bei einem Tsunami passiert.

Passiert ist auch einem Ehepaar aus der Ostschweiz etwas: Am Samstagabend hatten die beiden noch jedem, ders hören wollte (und allen anderen auch) erzählt, was für ein „suppa Schneppli“ sie mit dieser Onlinebuchung doch gemacht hätten: „Achthundertfüfzg Frangge für zwei Wuche Grangganaria mitsamtem Flug; das müendir eu mal vorstele!“

Am Dienstag sassen sie in aller Herrgottsfrühe im Speisesaal. Sie verleibte sich mit offensiver Achtsamkeit ein Birchermüesli ein, er schoss seine Cholesterinwerte mit einer Wagenladung Rührei und Speck durchs Dach im zwölften Stock. Neben ihnen standen drei Koffer und zwei Sporttaschen. Bald würden sie vom „Schauinsland“-Bus abgeholt, der sie – mit Zwischenstopps in weiteren zwei Dutzend Unterkünften – in nicht einmal drei Stunden zum Flughafen bringen würde (mit dem Auto dauert die Fahrt nach Las Palmas knappe 30 Minuten, aber so ein Ferienende ist schliesslich auch ohne Raubüberfall durch einen kanarischen Taxifahrer schon frustrierend genug).

Weil sie nicht wussten, wie sie die Wartezeit totschlagen könnten, griffen sie zu ihren Handys. Sie leikte Facebook-Beiträge, er überflog seine Mails. Mitten in die Stille hinein entfuhr ihm ein „Hueresiech!!!“. Erschrocken blickte seine Frau von ihrem iPhone auf. „Die hend üse Flug kensslet“, teilte er ihr mit vor Fassungslosigkeit bebender Stimme mit. „Eifach so. Kensslet!“

„Verzell kän Schaiss!“, bat sie. „Lueg doch selber!“, blaffte er zurück. So ging das ein ganzes Weilchen hin und her, bis ihnen endgültig klargeworden war, dass aus ihrem Heimflug nichts werden würde; ämu nicht heute und, wer weiss?, auch nicht morgen und übermorgen. Für sie hiess das, wie sie ihm stocksauer mitteilte: Ihre Turnstunde fällt aus, und aus einer für Donnerstag fixierten Einladung würde, wenns ganz dumm laufen sollte, ebenfalls nichts werden.

Er scrollte, ununterbrochen tamisiechmurmelnd, durch seine Agenda und gab seiner Gattin mehrfach zu verstehen, dass ein gewisser Charly nun schön im Saich sei. Das nenne er ein Problem, wohingegen ihre Turnstunde seiner Ansicht nach eher als Pipifax zu taxieren sei. Auf den Besuch bei Sowiesos könne er so oder so verzichten.

Dann verkündete er wie weiland Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“, er gehe die Sache klären. Wenig später kam er, deutlich entbronsont, zurück. Der Mann am Empfang wisse von nichts, der Reiseleiter habe erst um 11 Uhr Sprechstunde und bei der Fluggesellschaft antworte nur ein Automat, gab er seiner Frau zu verstehen.

Wenn ich je wieder von einem „Häufchen Elend“ lese, werde ich unweigerlich an sie denken; wie sie mit der Handtasche auf dem Schoss und einem zerknüllten Kleenex zwischen den Fingern versuchte, sich damit abzufinden, zwischen zwei Löffeln Müesli von einer unbeschwerten Touristin zur Gefangenen einer höheren Macht geworden zu sein, die sie nicht kannte und gegen die weder sie noch ihr Mann (der offensichtlich schon gar nicht!) etwas ausrichten konnten.

Spontan fühle ich mit ihr. Verlängerte Ferien auf Versicherungskosten: Wer würde bei dieser Aussicht nicht zusammenbrechen?

Der Car kam und fuhr ohne die beiden los. Auf dem Sofa in der Lobby beratschlagten die Schnäppchenjäger, was zu tun sei. Ich bekam nicht alles mit, was sie sagten, hatte aber das Gefühl, dass ihr Gespräch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer Art Gerichtsverhandlung mutierte, bei der sie sehr überzeugend die Rolle der Anklägerin spielte („Ich habe ja gesagt, dass wir das gescheiter mit einem Reisebüro machen!“) und er den Angeklagten geben musste, der ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchte, die Schuld auf einen nicht näher definierten Dritten („Scheiss Internet!“) abzuwälzen.

So oder so: Das Paar ist an diesem Donnerstag immer noch im Hotel. Und wo immer es auftaucht, fällt die Temperatur ins etwas Unangenehme.

Aber kühl ist es auf Gran Canaria shockingwise, wie die Schotten sagen würden, manchmal sowieso, wenn auch nur am Abend und das auch bloss, wenns kalt wird. Um es draussen auch nach Sonnenuntergang aushalten zu können, ging ich meine aus zwei Badehosen, einigen ärmellosen Shirts und Unterwäsche bestehende Garderobe kurzentschlossen und weder Kosten noch Mühen scheuend aufstocken:

Fündig wurde ich in einem Chinarestaurant. Ich bestellte einfach das Menü 3.

Nun kann mir eigentlich nichts mehr passieren; nicht einmal im Hotel. Dieses erfüllt, wie ich unmittelbar nach meiner Ankunft in Erfahrung brachte, die höchsten Sicherheitsstandards. Die Zimmer zum Beispiel sind mit sogenannten Türen von restlichen Bereich abgetrennt. Diese schliessen sich hinter einem, sobald man das Zimmer verlässt. Öffnen lassen sie sich mit einem Schlüssel im Kreditkartenformat. Man hält ihn an einen Sensor und schwupp, ist man drin.

Das funktioniert aber nur, wenn man beim Verlassen des Zimmers daran gedacht hat, das Chärtli mitzunehmen. Das schaffen, wie mir der Mann an der Rezeption glaubhaft darlegte, nicht alle. Immer wieder müsse er an seinem Compi für Schlufis, die sich selber aussperrten (oder „outlockeden“, wie der Fachbegriff heisst) mühselig neue Schlüssel nachmachen.

In diesen Tagen, fügte er an, sei ein Kunde drauf und dran, sämtliche diesbezüglichen Rekorde zu pulverisieren: Der Gast aus Zimmer 608, der am Samstag angekommen sei, habe ihn seither schon viermal nach einem Ersatzschlüssel gefragt, erzählte der Rezeptionist schmunzelnd.

Ich konnte darüber nicht lachen. Mir wurde ganz gschmuuch. Schliesslich lebe ich mit diesem Deppen unter einem Dach.

Über meine weiteren Pläne habe ich mir noch keine allzu tiefschürfenden Gedanken gemacht. Mein Aktionsradius wird weiterhin plusminus zwei Kilometer betragen. Soweit ist es, mit ein paar Umwegen zu den angesagtesten Boutiquen, bis zum Strand. Kulinarisch bewege ich mich wie bis anhin in von Tintenfischen, Muscheln, Krabben und Clubsandwiches gesäumten Pfaden.

Kulturell steht mir jedoch eine völlig neue Erfahrung bevor. Aus der Schweiz riet mir eine Kanarenkennerin:

Ich muss sagen: Das Plakat sieht sehr vielversprechend aus. Auch Touristen, die mit deutschem Liedgut nichts am Hut haben, dürfte sein Anblick ekstatische „Hossa! Hossa! Hossa!“-Rufe entlocken.

Für mindestens zwei von ihnen avanciert der Frühschoppen möglicherweise gar zum Höhepunkt des Jahres: Wer fast eine Woche lang gezwungenermassen auf dieser Insel festsitzt, muss irgendwann selbst den grössten Chabis als Glanzlicht empfinden.

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Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

„Probably the best Hamburgers on the island“ gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar „Unique“ gegenüber „meinem“ Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
„Der Südländer“, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: „der Schweizer“. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

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Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten „Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon“.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

„Ferien“ bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

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Zeitverschiebung

Wenn man beim Zubettgehen sieht, wie Leute aus dem Hotel gegenüber in den Ausgang verschwinden, und beim Aufstehen bemerkt, wie Leute aus dem Ausgang ins Hotel zurückkehren, beginnt man zu ahnen: Man wird in diesem Leben wohl nicht mehr jünger.

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Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

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Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

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