Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

“Probably the best Hamburgers on the island” gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar “Unique” gegenüber “meinem” Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
“Der Südländer”, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: “der Schweizer”. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

Weltwunder und Wunderwelten

“In die USA wollt ihr? Ernsthaft?” – So und ähnlich lauteten Kommentare im Freundeskreis, nachdem ich bekanntgegeben hatte, dass wir ab dem 22. September drei Wochen lang in den Vereinigten Staaten unterwegs sein würden.

Vor 12 Monaten hätten unsere Reisepläne noch zu keinerlei Bedenken Anlass gegeben. Aber damals war noch Barack Obama Präsident. Inzwischen hat das Land einen neuen Commander in Chief – und mit ihm ein stetig wachsendes Imageproblem. Einreiseverbote für Einwohner arabischer Staaten, Rassismusvorwürfe, Bestechungsverdächtigungen, tollpatschige Aufritte, ein Ego so gross wie Disneyland undsoweiterundsofort: Trump liess in den ersten Monaten seiner Amtszeit nichts aus, um sich und seine Nation rund um den Globus in Misskredit zu bringen.

An unseren Ferienplänen konnte all das nichts ändern. Schliesslich wollten wir in erster Linie das Land und in ihm lebende Leute kennenlernen und erst in peripherer Priorität deren Chef. Dass Trump uns am Ende doch noch näher kam, als wir je erwartet hätten, war, buchstäblich, auf Gewalt von sehr viel höher zurückzuführen.

“Wir”: Das sind Monique und Josy und mein Schatz und ich. Mit dem Ehepaar aus der Zentralschweiz sind wir seit Jahren befreundet; die beiden kennen den Westen der USA wie ihre – eben: – Westentasche und waren für uns nicht nur, aber auch deshalb die perfekten Begleiter.

Los ging unser Trip in San Francisco. In der einstigen Hippie-Metropole fuhren wir mit dem Cable Car, kurvten wir süüferli die rankreichste Strasse der Welt hinunter und bestaunten wir die Golden Gate Bridge:

Auch den Sea-lebrities im Hafen sagten wir selbstverständlich Hallo:

Dann fuhren wir südwärts. Bei einem Zwischenstopp in Santa Cruz hatten wir das seltene Vergnügen, einem freilebenden Seelöwen beim Verputzen einer Portion Muscheln zuschauen zu dürfen:

In einem Motel in Paso Robles bekamen wir ein erstes von vielen noch folgenden Beispielen dafür geliefert, wie selbst Kleinunternehmen sich mit Warnungen, die an Absurdität kaum zu toppen sind, gegen allfällige Millionen-Schadensersatzklagen abzusichern versuchen:

Am nächsten Tag erreichten wir – gesund und munter – Santa Monica. Besonders beeindruckt hat uns in diesem Rückzugsort für Promis der Pier. Er bildet den Endpunkt der Route 66 und war auch in “Forrest Gump” zu sehen.

24 Stunden später fühlten wir uns in Oceanview ein bisschen wie am Burgdorfer Nachtmarkt:

Dass in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt (und nicht mehr alles glänzt, was einst mit Gold veredelt wurde), war mir klar. Doch dass der Walk of Fame mit seinen über 2500 Star-Sternen dermassen schmuddelig unglamourös wirken würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.

Dafür wäre mir vor lauter Freude beinahe das Augenwasser gekommen, als wir am Hauptsitz von Capitol Records vorbeikamen und am “Troubadour” (wer da nicht schon alles aufgetreten ist!) und an weiteren Plätzen, an denen unzählige wunderschöne Kapitel der Blues- und Rockgeschichte geschrieben wurden.

Noch am selben Tag liessen wir die Smogglocke von Los Angeles hinter uns. In der Nähe der mexikanischen Grenze, in Escondido, fanden wir Obdach. Dort stiess für ein Nachtessen Moniques Ex-Schwägerin aus dem Grossraum Los Angeles zu uns.

In Sachen “Distanzen” ticken die Amerikaner ähnlich wie die Australier: Eine mehrständige Autofahrt ist für sie sowenig der Rede wert wie für uns ein Ausflug von Burgdorf nach Oberburg.

In der ersten Nacht in Escondido kam es vor unseren Motelzimmertüren zu wüsten Szenen. Original echte Eingeborene lange vor Sonnenaufgang mit voll aufgedrehten Lautsprechern in einem fort “Motherfucker!” brüllen zu hören: Das kann man – mit einem Minimum an gutem Willen – allerdings auch als soziokulturelle Erfahrung verbuchen, die zu machen nicht jedem Temporärbewohner des Home of the brave vergönnt sein dürfte.

Wir geben bei dieser Gelegenheit kurz ab in die Musikredaktion:

Ungleich gesitteter – um nicht zu sagen: beschaulicher – als in Escondido ging es in San Diego zu und her. Auf feinsäuberlich gepützelten Trottoirs flanierten finanziell und auch sonst gut gepolsterte Erwachsene der Pazifikküste entlang, während sich überaus artig aufführende Teenager auf Rollbrettern vergnügten. Die Coolness in….äh…Person war jedoch jener Pfundskerl, der es sich vor der Basis der Kriegsmarine auf einer Boje gemütlich gemacht hatte (und, jede Wette, noch immer daliegt).

Mit einem stundenlangen Rundgang durch den parkähnlichen


Zoo

und einem Bummel durch die westernmässig gestylte Oldtown rundeten wir unser Gastspiel in der zweitgrössten kalifornischen Stadt ab, um durch eine fast unnatürlich schöne Landschaft nach Palm Springs zu cruisen.

Dort verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte, rissen dabei aber weder Palmen noch andere Bäume aus. Dolce far niente am Pool war angesagt; und chli Lädele.

In Julian besuchten wir anschliessend Freunde von Monique und Josy, genossen einen wunderschönen Abend in einem ebensolchen Anwesen und erhielten zubester Letzt, nach dem Lichterlöschen im Garten, auch noch Besuch von einer putzigen Waschbärenfamilie.

Nur für den Fall, dass es mal jemand pressant haben sollte und beim Geschäften aller Eile zum Trotz Wert auf Stil legt: In “Granny’s Kitchen”, einem schmucken Beizli im Zentrum von Julian, gibts das pittoreskste Abörtchen zäntume

und dazu (oder amänd besser: danach) ein super Zmorge:

Überhaupt: Am Essen hatten wir in der ganzen Zeit fast nicht das Geringste auszusetzen. Einziger Schwachpunkt war ein velyvely spicy Fondue Chinoise bei einem Allyoucaneatasiaten in San Francisco. Doch in von wohligem Magenknurren begleitetem Gedenken an all die höchstens einmalig brennenden Köstlichkeiten, welche uns in zig anderen Lokalen aufgetischt wurden, haken wir diese kulinarische Grenzerfahrung mit buddhistischem Grossmut als nie gemacht ab.

Von Julian aus zogen wir sozusagen fast im Frühtau zu Berge, an den


Big Bear Lake.

Zurück in der Ebene, legten wir in Needles einen Schlafstopp ein. Was es über Needles zu sagen gibt, ist in einem Diner an der Einfahrt zum Highway notiert, der aus der Stadt hinausführt:

Wenig später standen wir vor etwas vom Gigantischsten, was die Natur je erschaffen hat: Dem Grand Canyon. Mir (oder, wie ich vermute: uns allen) fehlen heute noch die Worte, um zu beschreiben, wie dieses Weltwunder auf uns wirkte.

Ehrfürchtig starrten wir in die Abgründe der Schlucht und an ihre majestätischen Wände und versuchten vergeblich, das Unermessliche zumindest halbwegs ermessen zu können. Nur schon der Gedanke daran, dass dieser Megagigagraben schon Ewigkeiten vor dem ersten Menschen da war und auch noch da sein wird, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, ist zu mächtig, um zu Ende gedacht werden zu können.

Gegen Abend trudelten wir, vom soeben Erlebten immer noch leicht belämmert, in Williams ein. Dieser Ort lebt primär von seinem Anschluss an die legendenumwobene Route 66, hat aber auch musikalisch einiges zu bieten – jedenfalls, wenn John Carpino in town ist:

Und dann…dann waren wir in Las Vegas.

“Caesar’s Palace”, “The Venetian”, “Luxor”, “Treasure Island”, “Planet Hollywood”, “Golden Nugget”…: Ein Casino reiht sich ans nächste. Im Zockerparadies am und um den Strip leuchtets und blinkts und machts ununterbrochen.

Rund um die Uhr herrscht in den Häusern, vor denen The Animals schon vor einem halben Jahrhundert warnten, Hochbetrieb, wobei: Uhren sind in Las Vegas so gut wie keine zu sehen. Wer in Sin City spielt, braucht nicht zu wissen, wie spät es im eigentlichen und im übertragenen Sinn ist.

Als wären sie ferngesteuerte Roboter, schieben zombiebleiche Wesen apathisch Geld in die Schlitze der Maschinen und über die grünen Flächen der Poker- und Blackjacktische. Kurzberockte Damen versorgen sie künstlich lächelnd mit Gratisgetränken. Was dem Römer das Brot und die Spiele waren, sind dem Vegas-Junkie der Gin Tonic und ein Kasten mit den Kiss-Fratzen oder sonst etwas drauf.

Andere gamblen zum Vergnügen. Sie betreten das Casino mit einer bestimmten Summe, und selbst wenn ihr Geld sich auf wundersame Weise vermehrt, hören sie irgendwann auf. Falls sie verlieren, zucken sie mit den Schultern und gehen zu Bett. Von ihren verlebten Mitspielerinnen und -spielern unterscheiden sie sich auch dadurch, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen. Sie reden miteinander. Manchmal lachen sie sogar.

Zum Abschluss unserer Westcoast-Tournee besichtigten wir den Red Rock Canyon. Eine halbe Autofahrstunde von der Stadt entfernt erstreckt sich auf über 300 Quadratkilometern eine faszinierende Landschaft aus Kalksteinbergen und versteinerten Dünen, die vor 400 Millionen Jahren aus einem Meeresbett hervorgegangen waren.

Wegen dieses Ausflugs verpassten wir leider, leider den Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der sich heute – drei Tage nach dem “Mandalay”-Massaker; vermutlich hatte er vorher noch Dringenderes zu erledigen – nach Las Vegas bemühte, um mit Überlebenden des Massenmordes zu sprechen, den ein gewisser Stephen Paddock am Sonntag verübt hatte. Bei dem Attentat starben mindestens 59 Menschen, über 500 wurden verletzt.

Wir hatten das Gebiet, das Paddock aus dem 33. Stock des Hotels unter Seriefeuer nahm, nur Minuten vor der Schiesserei passiert.

Das wäre, eigentlich, ein guter Grund, um einmal tiefgehend über die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen, Zufälle im Besonderen und Vorbestimmungen im Speziellen nachzudenken.

Im Wissen darum, dass diese Entscheidung nur von einer vernachlässigbar kleinen Anzahl von Psychologen spontan gutgeheissen würde, habe ich für mich aber beschlossen, die “Mandalay”-Tragödie in einer Welt zu verorten, mit der ich nichts zu tun haben will.

Und die sich weit, weit weg von dem fantastischen Riesenstück Land befindet, das wir mit und dank Monique und Josy nun kennenlernen durften.

First World Problems

So ruft “unser” Hotel seine Kundschaft zum Wassersparen auf:

Es wäre ja wirklich zu schade, wenn all die Springbrunnen und Wasserfälle in dieser Wüstenstadt auf einmal versiegen würden, nur, weil ihre Besucherinnen und Besucher es nicht schaffen, ein Badetuch zweimal zu benutzen.

Als Gäste, die wissen, was sich gehört, und denen vor allem bewusst ist, dass wir die Welt, in der wir leben, nur von unseren Nachkommen geliehen bekommen haben undsoweiterundsofort, taten wir, wie gebeten, und hängten die Tücher nach dem Abtrocknen wieder auf.

Unser Room Cleaning Assistant wechselte sie trotzdem gegen neue aus.

Als ob nichts gewesen wäre

Acht Stunden sind es nun her, seit ein Mann aus dem Mandalay Bay Hotel in Las Vegas auf eine Menschenmenge geschossen hat. Mindestens 50 Personen sind tot. Hunderte wurden verletzt.

Mein Schatz und ich bekamen von diesem Angriff nichts mit. Während des Massakers lagen wir schlafend in unserem Hotel.

Nachdem wir – geweckt durch besorgte Anfragen von Freundinnen und Freunden aus der Schweiz – realisiert hatten, was an der Casino-Meile passiert war, dachten wir an den Abend zurück, den wir zuvor in Las Vegas verbracht hatten: Um 21.20 Uhr verabschiedeten wir uns von einer Verwandten, die seit vielen Jahren in dieser aus der Wüste gestampften Geld- und Glitzermetropole lebt. Dann fuhren wir mit unserem Mietwagen in die Innenstadt.

Als wir um kurz vor 22 Uhr über den weltberühmten Strip cruisten, hätte es uns durchaus gereizt, irgendwo zu parkieren und nochli an an den weltberühmten Casinos und Hotels vorbeizubummeln.

Andrerseits: Vom vielen Reisen, Reden und Essen waren wir schon ziemlich ermattet. Deshalb beschlossen wir, schlafen zu gehen. All die Attraktionen würden wir auch morgen noch bestaunen können.

Also fuhren wir weiter; auch am Mandalay Bay Hotel vorbei, vor dem, wie wir aus dem Autofenster mitbekamen, ein Konzert im Gange war. Minuten später krachten dort die ersten Schüsse.

In unserem Hotel, in dem wir bis zur unserem Heimflug am Donnerstag wohnen, ist von der Tragödie wenig bis nichts zu spüren.

Während sie zwei Kaffees zubereitet, erzählt eine Barfrau, sie habe vorhin eine Überlebende des Attentats gesehen. Sie habe “traumatisiert” gewirkt.

Vor dem Eingang nimmt ein Angestellter mit einem festgebostichten Lächeln neue Gäste in Empfang. Sie grinsen erwartungsfroh. Weder er noch seine Kundschaft verlieren über die Bluttat auch nur ein Wort.

Drinnen (siehe Bild) sind um 6 Uhr am Morgen schon mehrere Pokertische besetzt. Vor unzähligen Geldautomaten sitzen Dutzende von Spielerinnen und Spieler. Wie in Trance schieben sie bleichgesichtig eine Dollarnote nach der anderen in die Automaten. Ständig klingelts irgendwo, oder pfeifts oder schepperts. Versteckte Lautsprecher berieseln den Saal mit Gutelaunemusik.

Auf den Bildschirmen über ihren Köpfen sind immer wieder “Breaking News” über den Massenmord in der Innenstadt zu sehen, doch kein Mensch schaut zu den Fernsehern hoch.

“This could be heaven. Or this could be hell”: Das schrieb ich gestern in diesem Blog über Las Vegas. Als ich die neun Worte tippte, ahnte ich nicht, wie präzise sie die Wirklichkeit tags darauf beschreiben würden.

Meg und die Möchtegern-Millionärinnen

Adiós, Escondido – hello, Palm Springs!

Hier, am Fuss einer atemberaubend schönen

Bergwüste,

verbringen wir auf unserem Weg nach Las Vegas die nächsten zweieinhalb Tage. Zuvor hatten wir einen Zwischenhalt in einem Städtchen eingelegt, von dessen Existenz ich bisher nichts gewusst hatte: Julian heisst das schmucke 2000 Einwohner-Örtchen, das in erster Linie von Äpfeln und zweitens von Touristen lebt (vielleicht ist es auch umgekehrt). In Granny’s Kitchen gönnten wir uns eine Kleinigkeit zum Zmorge

und trafen wir Dale.

Dale ist Stammgast in dem Kaffee. Ausgesucht freundlich erkundigte er sich bei uns, woher wir kommen, und als wir ihm sagten, wir seien Touristen aus der Schweiz, geriet er ins Schwärmen: In Diessbach im Berner Oberland habe er schon öfter seine Ferien verbracht, sagte der Senior, und fügte an, unsere Heimat sei das schönste, gastfreundlichste, zivilisierteste und überhaupt Land der Welt.

Als unser gmögiger neuer Bekannter gegangen war, fiel uns ein, dass in unserem Auto noch Schweizer Schoggi lag. Wir deponierten sie an der Kasse des Beizlis und baten die Inhaberin, es Dale bei dessen nächstem Besuch auszuhändigen.

Wenige 100 Kilometer später waren wir in Palm Springs. Hier, an diesem Treffpunkt der Reichen und Schönen (oder dem Ort, in dem sich laut Wikipedia “die Stars erholen“), hoffte ich von einer Frau endlich eine Antwort auf jene Frage zu bekommen, welche mich seit Jahren fast rund um die Uhr umtreibt: Wieso sie sich standhaft weigert, meine Freundschaftsanfrage auf Facebook anzunehmen.

Doch während ich an der Rezeption unseres Hotels noch überlegte, ob ich die Dame, die ich möglicherweise gleich sehen würde, einfach mit “Meg” oder vielleicht doch besser mit “Miss Ryan” ansprechen soll, huschte ein Rudel Frauen durch die Lobby, die allesamt wirkten, als ob sie gleich bei einem Casting für die “Desperate Housewives” vorsprechen dürften: In Stögelischuhen, knallengen Hosen und topmodischen Blusen die einen, mit Ayurvedasandalen an den pedikürten Füssen und wallenden Gewändern auf der ledriggebräunten Haut die anderen, trippelten sie hochnäsig schweigend an uns vorbei.

Laminierte Badges wiesen sie als Teilnehmerinnen eines Seminars aus, das sie in den nächsten drei Tagen und für läppische 700 Dollar pro frischfrisiertem Kopf auf Hundert und zurück, wie die Veranstalter versprechen, zu Millionärinnen machen wird.

God bless America!

Nun, nach der ersten Nacht in unserer Juniorsuite – die normalen Zimmer sind durch die Neureichen in spe belegt – liege ich an einem der drei Hotelpools und warte und warte und warte seit Stunden auf Meg Ryan wie seinerzeit DÖF auf a Taxi, oba si kummt net.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.