Im Traum- statt in Russland

Samstagabend, 17. Juni 2018: Millionen fiebern vor ihren Fernsehern und an Public Viewing-Plätzen mit, als die Schweiz an der Fussball-WM in Russland Brasilien ein 1:1 abtrotzt. Auch viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn verfolgen den Match. Regelmässig sind aus dem umliegenden Häusern und Gärten  “Jaaaa!”- und “Neeeei!”-Rufe plus ein frenetischer Jubel zu vernehmen.

Unserer Tess ist das alles egal. Sie schläft. Alles, was wir von ihr hören, ist ein gelegentliches Seufzen und Murmeln.

Trautes Heim, Glück zu Dritt

Für all jene, dies noch nicht wissen: Wir leben seit Neustem an der Pestalozzistrasse 50 in Burgdorf. Von unserer Wohnung und den Nachbarn im alten Markt haben wir uns mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge verabschiedet – im beruhigenden Wissen darum, dass wir ja nicht gleich ans andere Ende der Welt verschwunden sind.

Zwischen dem wunderschönen Gestern und dem fantastischen Heute, Morgen, Übermorgen undsoweiterundsofort liegen nur ein paar hundert Meter.

Frau, Hund und Mann sind nach der Züglete wohlauf. Jetzt freuen wir uns schampar aufs Einrichten unseres neuen Daheims.

“Was hat Prag, was Burgdorf nicht hat?”

„Noch einmal: WO IST MEIN FRAUELI?!?“

“Du brauchst nicht so zu brüllen, Tess.”

“Wenn du mir nicht zuhörst. Ich habe schon zweimal gefragt.”

“Ich war in Gedanken; entschuldige bitte.”

“‘In Gedanken’? Du? Dass ich nicht wedle.”

“Also: Was wolltest du wissen?”

“Wo mein Fraueli ist.”

„Weg. Weit weg.“

„Wo?“

„In Prag.“

„Was hat dieses Prag, was Burgdorf nicht hat?“

„Zum Beispiel hats dort viel mehr Pragerinnen und Prager als hier.“

„Was ist das, ‘Pragerinnen und Prager’?“

„Das sind Tschechen. Die kommen im Emmental nicht soooo häufig vor.”

„Kann man die fressen?“

„Können schon. Aber dürfen nicht.“

„Warum nicht?“

„Weils verboten ist.“

„Was will sie denn in Prag, wenn sie dort nichts fressen darf?“

„Käfele, Leute gucken, bummeln, shoppen…“

„’Shoppen’?“

„Einkaufen.“

„Hundefutter?!?“

„Nein. Kleider vielleicht, oder Schuhe oder so.“

„Gibts alles in Burgdorf.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Warum nicht?“

„Sie ist mit ihren Freundinnen in Prag.“

„Wohnen die dort?“

„Nein, sie sind von hier. Du weisst schon: Die Donnerstagsfrauen, die jeden Donnerstagabend…“

„…ach so. Die kenne ich. Manchmal nehmen sie mich mit in den Ausgang. Flotte Weibchen.“

“Das sagt man nicht, ‘Weibchen’.”

“Immer, wenn jemand euch fragt, was ich bin, sagt ihr: ‘Ein Weibchen’.”

“Du bist ein Hund. Da darf man ‘Weibchen’ sagen.”

“Meist sagt ihr sowieso ‘Meite’ zu mir. Das gefällt mir viel besser.”

“Du bist eine Meite, und was für eine.”

“Eine liebe. Und gute. Und schöne. Und feine. Und artige!”

“Genau.”

„Wau. Danke für die Komplimente!”

“Keine Ursache.”

“Kann man demfall sagen, das Fraueli sei mit ihren Donnerstagsmeiten…”

“…ja, das kann man glaub so sagen. Sie machen miteinander ein Reisli. Habens lustig zäme. Geniessen chli Quality Time. Du verstehst schon.“

„Nein.“

„Das ist, wie wenn du nach Wynigen in den Hort gehst.“

„Wann darf ich wieder nach Wynigen in den Hort?“

„Nächste Woche.“

„Warum nicht jetzt?“

„Einfach.“

„Hm.“

„Zuerst machen wir zwei uns ein paar coole Tage. Und dann wartet auch noch dein Lieblingshüeti Claudia auf dich.“

„’Cool’? Was heisst das?“

„Wir gehen an die Emme. Dort kannst du mit anderen Hundis spielen und durch den Wald rennen und Äste herumschleppen und baden…“

„Vielleicht sind Leute am Picknicken.“

„Wer weiss?“

„Ich finds immer schön, wenn Leute picknicken“.

„Ich kann mir gut vorstellen, wieso.“

„Das sieht immer so gemütlich aus: Männer und Frauen und Kinder sitzen um ein Feuerchen herum, reden, lachen…“

„…als ob das für dich wichtig wäre….“

„…haben viel Fleisch bei sich, und manchmal auch Früchte…“

„Das gehört aber den Menschen.“

„‚Mi Wurst es tu Wurst’, sagt der Mexikaner.“

„Bist du sicher?“

„Klar. Wann ist die Chefin wieder da?“

„Am Montagabend kommt sie zurück.“

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“

„Nur einmal angenommen, sie käme erst am Dienstagmorgen: Wüsstest du, wo man Futter für mich kaufen kann?“

„Natürlich.“

„Ich höre…“

„….also gut: Im Hort, bei deinem Freund Hori, dem Metzger, bei Ueli, deinem Züchter, in der Landi, im Coop, im “Fressnapf”, bei Qualipet… “

„…sehr gut. Aber schreibs dir sicherheithalber trotzdem noch auf. Gibts in Prag Fleisch?“

„Logisch.“

„Vielleicht ist die Chefin deshalb dort, wägem Fleisch.“

„Nach Prag fliegt man wegen anderen Sachen.“

„Zum Beispiel?“

„Dem Fluss. Den Brücken. Den schöne, alten Häusern. Den netten Beizchen. Dem Schloss…“

„…eben: Prag ist tupfgenau das gleiche wie Burgdorf, nur mit mehr Tschechen.“

„Richtig.“

„Dann hätte sie geradesogut bei uns bleiben können.“

„Stimmt.“

„Dann wärst du nicht so einsam und traurig.“

„Ich mag es unserem Fraueli von Herzen gönnen, dass sie jetzt für ein paar Tage weg vom Züüg kommt und sich entspannen kann. Ich bin nicht traurig. Und ich fühle mich auch nicht einsam.”

„Wieso redest du dann die ganze Zeit mit deinem Hund?“

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.

Erik hört Stimmen

Eigentlich beginnt die Saison auf dem Strandcamping in Nyborg erst am Samstag. Dem Schweizer Ehepaar mit dem herzigen Hund stellte die Chefin, die gerade dabei war, den Shop beim Eingang des Platzes einzurichten, trotzdem einen Bungalow zur Verfügung.

Nun haben der Mann und die Frau es sich im Häuschen Nummer 10 gemütlich gemacht. Wasser, Strom, Heizung: alles funktioniert. Der Vierbeiner fühlt sich wie zuhause. Nachdem er schnüffelnd jeden Quadratzentimeter des Areals erkundet hat, erholt er sich auf seinem Schaffell von den Strapazen des Tages.

Der Polarwind fegt Sand über das Gelände und treibt graue Wolken über die Südküste Dänemarks. Die Wohnwagen, die von ihren Besitzern den Winter über stehengelassen wurden, sehen aus wie gestrandete Wale.

Sanft legt sich die Nacht auf das Land. Die Lichter im Laden sind erloschen. Ermüdet von der langen Reise und gesättigt von all den Eindrücken, die sie unterwegs sammeln durften, verkriechen sich die zwei einzigen Menschen weit und breit früh ins Bett.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Sosehr Erik sich auch bemüht und solange er sich auch schreiend die Ohren zuhält: Die Stimme in seinem Kopf wird nicht leiser. Zum ersten Mal hörte er sie vor einer Stunde in einem Restaurant in Nyborg. Erst glaubte er – wollte er glauben – , dass sie aus dem Fernseher über der Bar dröhnte. Er bat den Kellner, den Apparat auszuschalten.

Das Bild verschwand, die Stimme blieb.

Sie murmelte immer dasselbe. Sie schien ihn zu leiten. Als ob er von einer unsichtbaren Schnur gezogen würde, lief er durch die Gassen der Stadt. Er kam an einem Einkaufszentrum vorbei und an einem kleinen Laden und überquerte achtlos einen Kreisel.

Plötzlich stand er vor einer Barriere. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und aktivierte die Taschenlampe. Der Lichtstrahl streifte über ein Schild mit der Aufschrift „Camping“. Erik wusste: Hier war er richtig. Zufrieden grinsend, ging er an der Abschrankung vorbei.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

In diesem Moment lässt ihn ein Knirschen unter seinen Füssen zusammenzucken. Ohne es zu merken, hat er einen Kiesweg betreten. Dieser führt zu einer Hütte, von der er nur die Umrisse erkennen kann. Im ersten Moment denkt er, sie stehe leer. Doch dann jault in dem Häuschen ein Hund auf.

Erik schleicht weiter. Jetzt bellt das Tier wütend. Eine Frau zischt „Tess! Ruhig! Es ist alles gut.“ Ein Mann murmelt etwas Unverständliches. Der Hund verstummt.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Die Stimme macht Erik wahnsinnig. Das bisschen Verstand, das in seinem Hirn verzweifelt gegen sie angekämpft hatte, kapituliert.

Mit seinen Zehen stösst Erik gegen etwas Hartes. Er tastet sich mit einem Fuss vor und stellt fest, dass er vor einer Treppe steht. Unendlich vorsichtig steigt er die wenigen Stufen hoch. Dann streckt er wie ein Blinder die Hand aus, um sich zu orientieren. Seine Fingerkuppen streichen über Holz und Glas und berühren schliesslich ein eiskaltes Stück länglichen Metalls.

Millimeter um Millimeter drückt er den Griff nach unten. Im Haus ist es – abgesehen vom Schnarchen des Mannes – still. Sachte drückt Erik die Türe auf. Gleichzeitig zieht er aus seiner Manteltasche das grosse Steakmesser, das er in dem Lokal vor einer halben Ewigkeit beinahe unbewusst eingesteckt hatte.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Seine Augen gewöhnen sich schnell an die Finsternis. In einem der Zimmer sieht er das Paar unter dicken Decken liegen. Daneben hat sich der Hund ausgestreckt.

Noch fünf Schritte, und Erik ist am Ziel.

Noch vier.

Noch drei.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Noch zwei.

Seine Waffe fest umklammernd, steht er neben dem Bett.

Das letzte, was Erik in seinem Leben sieht, sind weisse Zähne, die von unten her auf ihn zuschiessen. Das letzte, was er fühlt, ist ein grauenhafter Schmerz, als die Muskeln und Sehnen in seinem Hals wie Papierschlangen reissen. Das letzte, worüber er staunt, ist, wieviel Blut innerthalb einer Sekunde aus einem menschlichen Körper sprudeln kann.

Das letzte, was er hört, ist nicht die Stimme in seinem Kopf, sondern jene einer ihm wildfremden Frau:

„Feini Meite“, flüstert sie.