Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Kleines Diliebemma

Um mir die Zeit bis zum Sonnenaufgang sinnvoll zu vertreiben, machte ich vorhin wieder einmal bei einem dieser wissenschaftlich durch und durch fundierten Persönlichkeitstests mit, die einem auf Facebook regelmässig empfohlen werden.

Wenn ich jetzt behaupten würde, das Resultat (siehe Bild) habe mich überrascht, könnte dies auf Defizite in meiner Selbsteinschätzung hinweisen.

Andrerseits: Wenn ich sage, genau das und nichts anderes hätte ich erwartet, heisst es vielleicht, ich sei überheblich.

Drum lasse ich das Ergebnis jetzt einfach mal so hier stehen.

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Es ist, wies ist

Der Krieg in Syrien dauert an, vier oder acht Amtsjahre von Donald Trump liessen sich inzwischen nur noch mit juristisch eher fragwürdigen Mitteln verhindern, das Burgdorfer Bauamt vergisst alle zwei Wochen, den Ghüder am Punkt Dienstag in unserem Quartier abzuholen: Die Welt, liebe Leserinnen und liebe Leser, ist aus den Fugen geraten, und wenn wir schon dabei sind:

Mit Fuge und Recht kann man knapp vier Wochen, nachdem es geschlüpft ist, also behaupten: Das Jahr 2017 geht, wenn es so weitermacht, innert Kürze den Bach runter (anders als 2010 zum Beispiel, an dessen Ende ich meiner damaligen Freundin erfolgreich einen Heiratsantrag machte, oder auch ganz im Gegensatz zu 2013, als Mark Knopfler und Toto auf der Piazza Grande in Locarno für zwei bis an mein Lebensende denkwürdige Hochsommerabende sorgten, und schon gar nicht zu vergleichen mit unserem Hochzeitsjahr 2012; d e m Jahr überhaupt), aber was solls?

“It’s what it is” (lat. “Es ist, wies ist”) sang Knopfler damals, im Tessin, als zweiten Song seines Konzerts (los wars mit “Border Reiver” gegangen; dies nur der Vollständigkeit halber), und wenn er das sagt, wirds wohl stimmen. Andernfalls hätte sich “Sailing to Philadelphia”, die CD mit “What it is” drauf, wohl kaum zigmillionenfach verkauft, oder nicht? ODER NICHT?!? – Eben.

A propos “Tessin”: Falls bei diesem anhaltend garstigen Wetter jemand darüber nachzudenken beginnen sollte, spontan für ein Wochenende in den relativ nahen Süden zu verschwinden, kann ich das Hotel Collinetta bei Ascona wärmstens empfehlen. Es kostet sozusagen fast gar nichts und bietet sehr viel (Aussicht, um nur einen Vorzug zu nennen):

Burgdorf hingegen hinkt in attraktivitätstechnischer Hinsicht aktuell chli hintennach

,

aber das wird bestimmt ganz von selber wieder werden, und wenn nicht, beschwere ich mich einfach bei unserem neuen Stapi.

Keinen Grund zur Klage hatte meine Schwägerin Judith Wernli. Sie sammelte für die Hilfsorganisation Volunteers for humanity in Dättwil warme Kleider, Decken, Schuhe und so weiter für Menschen auf der Flucht. 


(Bild: zvg)

Als wir bei ihr vorbeischauten, um unser Scherflein zu der Aktion beizutragen, gings in der Garage zu wie in einem Bienenhaus. Die Leute deponierten nicht nur säcke- und schachtelweise Ware, die sie selber nicht mehr benötigen, sondern nutzten die Gelegenheit auch zu einem Schwatz unter Bekannten oder Wildfremden, und so hatten am Ende alles etwas davon. “Unfassbar gross” sei die Unterstützung, freuten sich die Verantwortlichen auf Facebook, während es sich ein paar wenige Stänkerer nicht verklemmen konnten, gleichenorts darauf hinzuweisen, dass im Fall auch in der Schweiz Menschen Not leiden würden.

Ich frage mich manchmal, was das für Zeitgenossinnen und -nossen sind, die in der kuscheligen Wärme ihrer Einfamilienhäuschen rund um die Uhr an ihren teuren Laptops und schicken iPads sitzen, um das Internet nach Meldungen abzugrasen, die sie in ihrer Ansicht bestätigen, ständig zu kurz zu kommen.

Vermutlich sind es dieselben Leute, die bei Google Suchbegriffe wie “Junge holt sich einen runter” oder “Susan Link Füsse” (wer ist Susan Link? Ach so: eine TV-Moderatorin. Gut zu wissen.) eingeben und daraufhin, warum auch immer, in diesem Blog landen, wo sie ihren Senf, frustriert darüber, nichts zum Thema “Junge holt sich einen runter” gefunden zu haben, zu wahllos angeklickten anderen Texten absondern.

Zu diesem Beitrag landeten im Laufe der letzten Wochen – anonym, versteht sich – folgende Kommentare in meinem Spamfach (die Fehler lasse ich stehen; irgendwie fehlt mir gerade die Zeit und die Musse, sie zu korrigieren)::

  • “Man sieht dass sie keine Ahnung haben. Das Gedicht heisst Marsch in die Nacht und haben wir in der Schule gesungen.”
  • “Machen Sie sich nur lustig über die Soldaten. Sie werden einmal froh sein darüber.”
  • “Sie sind sicher auch einer von diesen Armeeabschaffern. Ihre Meinung intressiert niemand.”
  • “Stehlen sie alles?”
  • “Über so etwas macht man keine Witze.”
  • “das klima ohne wende und t shirtwetter fern” ist falsch, es heisst richtig “die strasse ohne ende und was wir lieben fern.”.

Ich mag ihnen ja gönnen, wenn sie immer wieder neue Örtchen finden, an denen sie sich intellektuell versäubern können. Aber wenn sie schon wegen vier Zeilen, die noch dazu in keinster Weise ernstgemeint waren, einen solchen Aufstand machen: Was wird wohl los sein, wenn sie in meinem virtuellen Stübchen einmal etwas (zumindest mir) wirklich Wichtiges entdecken?

+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++

Wie der Tagesanzeiger, “Bild”, Focus und seit wenigen Minuten nadisna sämtliche Medien zum Schrecken all jener berichten, die ein Minimum an Wert auf gute Musik, passable Frisuren und Kleider aus der Zeit nach Christi Geburt legen, gedenkt die Kelly Family in diesem Jahr offenbar ein neues Album zu veröffentlichen.

Nein: “Verheissungsvoll” ist nicht das Adj Adv Pron Wort, das einem zum Auftakt von 2017 als Erstes einfällt.

Aber mir wei nid chlage: im Frühling 2018 sind wir schon wieder in Australien. Bis dahin heisst es einfach durchhalten, Susan Links Füsse bestaunen und “What it is” hören.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Home alone

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Als ob es erst gestern gewesen wäre, kann ich mich heute noch genau daran erinnern, wie mein Schatz gestern um 7.38 Uhr in Burgdorf den Zug nach Bern bestieg, um von Zürich aus in die Ferien zu fliegen.

Mir macht das nichts aus; wirklich nicht. Einerseits mag ich ihr die Auszeit von Herzen gönnen. Andrerseits komme ich mutterseelenalleine tiptopp z Schlag. Und überhaupt: Chantal versinkt ja auch nicht in Depressionen, wenn ich hin und wieder solo nach Gran Canaria verschwinde, um fernab jeglicher Zivilisation meinen soziologischen Studien nachzugehen.

Total gelassen bummelte ich deshalb, nachdem die roten Rücklichter des hintersten Wagens auf Nimmerwiedersehen im Halbdunkel des langsam dämmernden Morgens verschwunden waren, ins Bahnhofbeizli. Dort beantwortete ich erst all die Fragen, die sich im Zusammenhang mit einem Kafi Crème heutzutage zwangsläufig stellen (“Gross oder normal? Hell, mittel oder dunkel? Beatles oder Stones? Hetero oder schwul?”).

Dann griff ich zum Telefon, um ein paar Anrufe zu tätigen, die ich eigentlich schon lange hatte tätigen wollen, aber nicht habe tätigen können, weil ich die Zeit, die dafür erforderlich gewesen wäre, lieber mit meiner Frau verbrachte. Doch bei der Dargebotenen Hand war entweder noch niemand auf oder schon jede Leitung besetzt. Das Mannebüro hatte den Beantworter eingeschaltet, und beim Care Team des Kantons Bern verhallte das Klingeln ebenfalls im Leeren.

Nicht, weil ichs nötig gehabt hätte, sondern einfach so; weil mir plötzlich einfiel, dass ich auf dieser Plattform schon seit Langem nichts mehr gepostet hatte, schrieb ich auf Facebook eine Notiz, der zu entnehmen war, dass ich gerade zum Strohwitwer mutiert sei und nun irgendwie das Gefühl hätte, dass mich niemand gerne habe.

Die Gemeinde reagierte prompt:

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Keinerlei Anteilnahme zeigten, nur der Vollständigkeit halber, mein Brüetsch, meine Schwägerinnen, eine Cousine, ehemalige Arbeitskollegen und aktuelle Geschäftspartner, Theatervereinskolleginnen und -kollegen sowie rund 300 (in Zahlen: rund 300) weitere onlinebasierte “Freundinnen” und “Freunde”.

Jemand, den ich bis dahin wirklich gut mochte, liess mich wissen, das stimme schon: niemand habe mich gern. Meine Frau schrieb etwas Artverwandtes (meinte damit aber zweifellos jemand anders), nur: ein Grund zum Verzweifeln war auch all das nicht. So etwas kanns geben im Internet, wo ständig etwas los ist und in dem sich momentan alles um die Frage dreht, wie das das Bombardement auf Aleppo endlich beendet werden könnte ob eine Pornodarstellerin, die sich in ihren eigenen vier Wänden vor einer Webcam auszieht, ein Homeoffice betreibt oder nicht.

Den Nachmittag verbrachte ich im Saal 5 des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau. Dort sassen ein Mann und seine Ex-Frau und ein marokkanischer Übersetzer plus zwei Anwälte, doch nach einer Stunde stellte der Richter das Verfahren ein, weil die Klägerin, die extra für diesen Prozess aus Spanien eingeflogen war, aus unerfindlichen Gründen kein Interesse mehr an einem Urteil hatte, was dem Beschuldigten ganz recht zu sein schien.

Wieder daheim und ungebrochen frohen Mutes, schmiss ich für mich spontan eine Single-Party. Als nebenamtlicher DJ fiels mir nicht schwer, mich aus dem Stand in eine schon fast an Trancige grenzende Euphorie zu versetzen. Zum ersten Stimmungskanonier beförderte ich Albert Cummings

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das Schlussfeuerwerk liess ich Gary Moore zünden:

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Zum Znacht gönnte ich mir alleine auf dem Sofa – dessen Besitzerin (siehe Bild unten) verbringt ein paar Saurauslasstage bei ihrem Züchter – Spaghettireste. Nach einem Film, an den ich mich schon beim Abspann nicht mehr erinnern konnte, legte ich mich ins Bett.

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Ans Einschlafen war jedoch lange nicht zu denken: Ich fragte mich ständig, was wohl die Schildkröten im Garten gerade so treiben.

Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des “Eidgenössischen” 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei “unschuldig”.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

Feine Sache

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Es hat ein Weilchen gedauert, bis ich kapiert habe, was mit “Feinen” gemeint ist (“fine” nämlich, die englische Übersetzung von “Busse”), aber jetzt, wo es mir klargeworden ist, bezahle ich natürlich sofort; nicht, dass ich aufgrund des Artikels 377 des Schweizerischen Strafgesetzbuches am Ende noch wegen dem Betrug angeklagt werde.

“Artikel 377”?

Der Artikel 377 besagt:

“1. Die Kantone errichten und betreiben Anstalten und Anstaltsabteilungen für Gefangene im offenen und geschlossenen Vollzug sowie für Gefangene in Halbgefangenschaft und im Arbeitsexternat.
2. Sie können ferner Abteilungen für besondere Gefangenengruppen führen, insbesondere für:
a. Frauen;
b. Gefangene bestimmter Altersgruppen;
c. Gefangene mit sehr langen oder sehr kurzen Strafen;
d. Gefangene, die intensiv betreut oder behandelt werden müssen oder eine Aus- oder Weiterbildung erhalten.
3. Sie errichten und betreiben die in diesem Gesetz für den Massnahmenvollzug vorgesehenen Einrichtungen.
4. Sie sorgen dafür, dass die Reglemente und der Betrieb der Anstalten und Einrichtungen diesem Gesetz entsprechen.
5. Sie fördern die Aus- und Weiterbildung des Personals.”

Was das mit meinem (immer noch angeblichen! Auch und ganz besonders in diesem Blog gilt die Unschuldsvermutung!) “Betrug” zu tun haben könnte, weiss ich nicht, aber ich bin ja auch nicht für das Feineninkasso zuständig.

Wie auch immer: Wenn ich schon am Plündern meines Kontos bin, überweise ich gleich noch je 100 Euro an all die Olgas, Katjas, Maruschkas und Svetlanas, die mir jeden Tag das Mailfach volljammern, weil sie wegen der hohen Studiengebühren an ihren Universitäten in Weissrussland einfach nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen.

Wieso Songtitel Klammern haben (I’m only bleeding)

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Das Bild hat keinerlei Bezug zum folgenden Text (ich hatte nur grad chli Heimweh mach Australien).

– “Gimme gimme gimme (a man after midnight)”,
– “For those about to rock (we salute you)”,
– “Falling in love (is hard on the knees)”,
– “Tonight (lift me up)”,
– “If I was your woman (walk on by)”,
– “The world is changing (I got a woman back in Georgia)”,
– “I never loved a man (the way I love you)”,
– “Summer (can’t last too long)”,
– “King Harvest (has surely come)”,
– “Magdalena (weil Maria hatt ich schon)”,
– “On a clear day (you can see forever)”,
– “I want you (she’s so heavy)”,
– “Someday after a while (you’ll be sorry)”,
– “One for my baby (and one for the road)”,
– “You’re not the one (I was lookin’ for)”,
– “Most likely you go your way (and I’ll go mine)”,
– “One of us must know (sooner or later)”,
– “I don’t believe you (she acts like we never have met)”,
– “If you gotta go, go now (or else you got to stay all night)”,
– “Do right to me baby (or let me go)”,
– “It’s allright Ma (I’m only bleeding)”,
– “57 channels (and nothin’ on)”,
– “Someday (we’ll be together)”,
– “Let’s be friends (skin to skin)”,
– “Come on (let’s go tonight)”,
– “It ain’t a party (if you don’t come round)”,
– “If you wanna leave me (can I come too?)”,
– “Go for the throat (use your own imagination)”,
– “The ballad of TV Violence (I’m not the only boy)”,
– “Good girls go to heaven (bad girls go everywhere)”,
– “In a country churchyard (let your love shine on)”,
– “I want it (and I want it now)”,
– “One word (straight from the heart)”,
– “Teen Angst (what the world needs now)”,
– “You spin me round (like a record)”,
– “Rock rock (’til you drop)”,
– “Mirror, mirror (look into my eyes)”,
– “Ich weiss nicht (ob es Liebe ist)”,
– “Sweet Dreams (are made of this)”,
– “Angel (mirror to your soul)”,
– “Nobody loves you (like I do)”,
– “The farmers song (for all)”,
– “Will you be there (in the morning)?”,
– “Some of my lies are true (sooner or later)”,
– “We’re not here for a long time (we’re here for a good time)”,
– “I want to (do everything for you)”
– “(Ain’t nothin’ but a) house party”

und so weiter, und so fort. Es ist kein Ende (in Sicht).

Ich weiss nicht, welcher Musiker seinerzeit als Erster auf die Idee gekommen ist, einen Teil von Songtiteln in Klammern zu setzen. Vermutlich wars John Lennon, wie eigentlich fast immer, weil er dachte, das klinge schampar intellektuell. Es könnten natürlich auch die Rolling Stones gewesen sein in der Annahme, auf diese Weise etwas establishmentshockin’ Rebellisches zu statuieren. Möglicherweise wars aber auch nur ein Rastaman auf Jamaica, der sein Lied eigentlich schon fertig hatte, und dem, als er zur Feier seines Werkes einen meterlangen Joint paffte, doch noch etwas dazu einfiel, und statt alles neu zu schreiben, setzte er seinen Einfall in eine Klammer dahinter und fuhr dann damit fort, gegen das Betäubungsmittelgesetz zu verstossen (nicht zum ersten Mal an diesem Tag!).

Wenn jetzt 3.40 p.m. wäre, könnte man einen Kulturschaffenden aus dem Bett klingeln und ihn fragen, was es mit diesen Klammern eigentlich auf sich habe. Wir haben jetzt aber 3.40 a.m., und um diese Zeit verbitten sich derlei Aktionen von selber; sogar bei Menschen, die davon leben, die Nacht zum Tag zu machen (wenn auch unterschiedlich gut).

Also: Ab ins Internet. Für den Suchbegriff “Songtitel in Klammern” liefert Google 154’000 Ergebnisse, aber nur ein vielversprechendes Resultat:

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Leider funktioniert der Link nicht, was bedeutet: Das wars schon (mit der Recherche).

Ergiebiger ist, wenn wir schon dabei sind, die Suche nach dem längsten Songtitel aller Zeiten: “The Sad But True Story Of Ray Mingus, The Lumberjack Of Bulk Rock City, And His Never Slacking Stribe In Exploiting The So Far Undiscovered Areas Of The Intention To Bodily Intercourse From The Opposite Species Of His Kind, During Intake Of All The Mental Condition That Could Be Derived From Fermentation.” Eingefallen ist er den schwedischen Folk-Poppern Rednex, und klingen tut das Lied wie folgt:

Wir lernen: Auch in der Musik spielt die Länge in performancetechnischer Hinsicht eine periphere Rolle (aber das nur in Klammern).