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Schlagwort: Journalismus

„Gitarrensaiten auf Kettensägen“

„Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.“

(Bob Dylan in „The times they are a-changin‘„)

Eigentlich hatte ich im „Zeit„-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

„Die fünf ‚Rollenden Steine‘ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‚Beatles‘, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.“

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

„Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‚Live And Let Die‘, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‚White Horses‘ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.“

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

„Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.“

(Über den „Pop-Held der Computerzeit“ im April 1984.)

„Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‚Squeeze-mylemon‘ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.“

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel „Niedergang einer der besten Rock-Gruppen“.)

„Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‚Rock-Pop‘. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‚Heavy metal‘. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‚Iron Maiden‘, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‚Supertramp‘ wie Fahrstuhlmusik. Die ‚Scorpions‘ spielen. Nun ja ’spielen‘. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‚Heavy metal‘-Sound. In der Sprache der ‚Heavy metal‘-Fans ein ‚tierisch guter Sound‘. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.“

(Aus einer Betrachtung zum Thema „Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat“.)

„Was die Beatles in ‚Sergeant Pepper‘ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‚Tip‘) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.“

(Über „The piper at the gates of dawn“ von Pink Floyd im November 1967.)

„Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.“

(Über Prince im August 1986.)

„Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'“.

(Über Rammsteins „Musik aus der Folterkammer“ im November 1997)

„Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.“

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

„Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.“

(Zum 60. Geburtstag des „tätigen Jazz-Vulkans“ im Mai 1986.)

„Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‚Roll Over Beethoven‘ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‚Let It Rock‘, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‚Entengang‘ (‚Duck Walk‘) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.“

(Über ein Konzert des „absoluten Rock-Idols“ Chuck Berry im Februar 1973.)

„Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.“

(Aus einer Abhandlung zum Thema „Reggae“ im Mai 1979.)

„Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.“

(Über „ein Rock-Idol und seine Kritiker“ im Juni 1978.)

„Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.“

(Über den „Mann, der den Rock’n’Roll retten soll“ im April 1981.)

„The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.“

Über die „Top-Stars von den britischen Inseln“ im Februar 1964.

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Zu jung für diese Altersgruppe

Ich hatte es nicht bestellt, aber neulich lags trotzdem im Briefkasten: „50plus – Das Magazin für ein genussvolles Leben“.

Während ich es zuoberst auf die Altpapierbeige lege, frage ich mich, womit ich in einer hoffentlich sehr fernen Zukunft noch beglückt werden würde: „60plus – Goldene Zeiten für Silberrücken“. Dann: „70plus – Kein Job, keine Zukunft, aber hey: That’s life!“. Wieder zehn Jahre später: „80plus – Wer das lesen kann, ist noch nicht tot.“ Schliesslich: „90plus – Und täglich grüsst der Sensemann“.

So betrachtet, denke ich gedankenverloren, bin ich mit meinen 50plus eigentlich gar nicht so schlecht bedient. Ich nehme das Heftli wieder vom Haufen.

„Sei du selbst“, empfiehlt mir das Magazin auf der Titelseite. Weiter verspricht es Ratschläge für Stellensuchende, Tipps für profimässiges Kochen und – es wurde aber auch langsam Zeit – eine verbindliche Antwort darauf, „warum Essen Spass machen soll“.

Die Frage ist: Braucht das jemand?

„Sei du selbst“ gehört längst zum Basisvokabular jedes Küchentischpsychologen, jeder Dschungecamp-Teilnehmerin und jedes Castingshowmasters. Arbeitslosen helfen das RAV und private Institutionen. Kulinarikzeitschriften liegen an Kiosken und in Buchhandlungen kilometerweise auf; dazu kommen zig Kochsendungen und eine endlose Menge von Online-Publikationen.

„Genauso würde vermutlich ein Heftli aussehen, wenn man Kurt Aeschbacher ein Heftli machen liesse“, sinnierte ich: Viel Gspüri, viel Service und viel Genuss.

Und noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende gedacht habe, lächelt mir auf der Seite 3 werelilwer entgegen?

In seinem Editorial behauptet „Aeschbi“, es gebe „nichts Anregenderes, als mit der Familie oder seine Freunden um einen schön gedeckten Tisch zu sitzen, ein feines Essen zu geniessen und dabei über all das, was einen bewegt, zu diskutieren“. Illustriert ist der Text mit einem Bild, das den Autor alleine auf einem Sofa sitzend zeigt, mit einem halbvollen Glas Rotwein in der Hand. Kurz nach dem Hinweis auf einen „aufschlussreichen Bericht über die Bauchspeicheldrüse“ und vor den „herzlichen Grüssen“ fragt er in die Runde: „Was gibt es Schöneres, als nach einer anstrengenden Wanderung sich noch ein paar Stunden in einer Wellnessoase verwöhnen zu lassen“.

Nun: Mir kommen spontan dreihunderttausend Dinge in den Sinn, die eine (von mir aus auch bubieinfache) Wanderung an Schönheit toppen würden, aber sie auch nur stichwortartig zu notieren, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.

Auf knapp 100 Seiten werden in der Folge all jene (oder ämu viele der) Themen abgehandelt, welche Leute knapp jenseits der Pubertät nach Ansicht der „50plus“-Macher in ihrer offenbar reichlich bemessenen Freizeit umtreiben: Kuratiertes Sammeln, Heimwerken, Gemüseanpflanzen, Testamentverfassen, Pankreatitis, Reisen oder die Suche nach der perfekten Alterssiedlung.

Den Schwerpunkt der mir vorliegenden Ausgabe bildet das Essen: Eine Reportage über die chinesische Küche fehlt ebensowenig wie – dass ich das noch erleben darf! – ein Artikel über georgische Tischsitten. Dazu gibts mehr und weniger originelle Rezepte plus, natürlich, eine schampar lustige Kolumne, die vor allem deswegen auffällt, weil viele Worte „IN GROSSBUCHSTABEN“ geschrieben sind (wohl für den Fall, dass Teile der Zielgruppe vergessen haben, die Kontaktlinsen einzusetzen, mit denen sie bis zur Brille sehen können).

Inserate werben hauptsächlich für Medikamente („Helfen Sie Ihrem Herz wieder auf die Beine“), Banken („Wir lassen Sie auch im Alter nicht im Stich“) oder Thermen („Mit Abhol- und Heimfahrservice“).

Was Werbung ist und was redaktionelle Leistung, ist nicht in jedem Fall klar. Es spricht zum Beispiel sicher nichts dagegen, unter dem Motto „Wunderbares für Körper und Seele“ allerlei Elixiere, Essenzen und Düfte „für die Party“ vorzustellen. Nur: Wenn diese Produkte in salbungsvollen Worten und samt Preisangaben unter der Rubrik „Beautytipps“ angepriesen werden, runzelt der journalistische Puritaner jedoch automatisch die botoxfreie Stirne. Diese Doppelseite mit „Publireportage“ zu kennzeichnen, wäre ehrlicher gewesen. Oder zumindest transparenter.

Ansonsten gibts an „50plus“ zu meinem eigenen Erstaunen wenig zu bemängeln. Die Texte sind fast ausnahmslos flott getippt und vermitteln eine Vielzahl von – auch überraschenden – Informationen. Sie sind in einem Tonfall gehalten, der erkennen lässt, dass die Schreibenden die Lesenden ernstnehmen (wobei: Das darf der Lesende vom Schreibenden für SFr. 7.90 wohl erwarten). Die hochwertigen Fotos dienen nicht als Füllmaterial, sondern als Blickfänge.

Während ich durch das Magazin blättere, fühle ich mich ein wenig wie vor einem Jahr, als ich versehentlich zwei Nächte in einer Seniorenresidenz im Tessin verbrachte: Es ist alles ganz nett und schön und gut (gemeint), aber letztlich…letztlich halt doch nichts für mich.

Sowohl das Heft als auch das Heim signalisier(t)en mir – wenn auch subtil – , es wäre langsam an der Zeit, mich mit dem Älterwerden und dessen Folgen zu beschäftigen. Dafür fehlt mir vorläufig aber die Zeit. Und, vor allem: die Lust.

Sobald ich mich wie 50 fühle, nehme ich das Heftli aber sicher gerne wieder einmal zur Hand. Falls es dann noch existiert.

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Fragen über Fragen

Ein seltsames Gefühl: Jahrzehntelang sass ich Menschen gegenüber, stellte ihnen Fragen und verfasste anschliessend einen Beitrag für das Medium, für das ich gerade arbeitete.

Nun sass ich auf einmal auf der anderen Seite. Urs Egli von der BZ-Redaktion Burgdorf/Emmental interviewte mich nach meiner Wahl zum Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes über meine Ansichten und Ziele.

(Das Gespräch ist auch online lesbar.)

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Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des „ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende“ geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben „den Schrecken zu nehmen“. Angesprochen würden „Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten“ sowie Angehörige, „die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen“.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal „hilflos“, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, „darüber zu sprechen“. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als „eine grossartige Chance“ versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: „Madonna, das war eine Grande Fiesta.“ Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine „Praxis für angewandte Vergänglichkeit“ betreibt. Sie betrachtet das Leben als „Inszenierung auf der irdischen Bühne“. Der Tod ist für sie „der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, „einen Schlussapplaus verdient“.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen „Patientenverfügung“ und „Palliative Care“, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit „Bestattungen à la carte“ und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

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Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des „Eidgenössischen“ 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei „unschuldig“.

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Die Süddeutsche Zeitung gilt als „Qualitätsmedium“. Mit Hans Leyendecker beschäftigt sie einen der profiliertesten Enthüllungsjournalisten des Landes. Er und seine Kolleginnen und Kollegen werden für ihre Arbeiten regelmässig ausgezeichnet. Bei einer grossangelegten Umfrage erkoren Medienschaffende die „Süddeutsche“ noch vor dem „Spiegel“ zum „Leitmedium Nummer Eins“.

Ihre Leserschaft hatte also (un)gute Gründe, zu erschrecken, als die SZ am 12. Juni frei von Zweifeln und ohne auch nur ein Fragezeichen zu setzen verkündete:

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Ein halbes Jahr später schreibt sie nun:

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„Die öffentliche Aufregung“, heisst es in dem Bericht weiter, sei „gross“ gewesen, „als im Sommer die Nachricht über Missstände in einer Mainzer Kita publik wurden“. Darüber, wer an vorderster Front daran mitgewirkt hatte, die Nachricht publik zu machen, schweigt sich die „Süddeutsche“ aus. Stattdessen deutet sie an, dass an den Anschuldigungen vielleicht, vielleicht doch etwas gewesen sein könnte: „Was sich in der Kita tatsächlich zugetragen hat, bleibt rätselhaft“. Auch die zuständige Oberstaatsanwältin habe „keine Antwort auf die Frage“, wie es zu den „offenbar unbegründeten Vorwürfen“ habe kommen können: „Da spielten wohl mehrere Faktoren eine Rolle“.

Ob die Staatsanwälting mit „mehrere Faktoren“ auch die „Süddeutsche“ meint, schreibt die „Süddeutsche“ nicht.

Nachtrag: Die „Zeit“ betrachtet den Fall genauer. Und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

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Mein erster Leserbrief (den ich dann nicht abgeschickt habe)

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Hallo, Kritiker

„Hallo, Kritiker“ schreibe ich, weil ich nicht „Lieber“ oder „Geschätzter“ XY schreiben wollte, nur, um Ihnen daraufhin die Kutteln zu putzen (neulich hat Heinz Brand, ein Bündner Politiker, David Sieber, den Chefredaktor der „Südostschweiz“, auf Facebook mit „Geschätzter David“ angeredet. Im nächsten Satz warf er dem Journalisten „Inkompetenz“ und „Banalität“ vor und schlug Siebers Einladung zu einem klärenden Gespräch aus.

Das kann man im Kindergarten machen – „Werter Leo. Du bist ganz ein Blöder, weil du mein Sandkastenschüüfeli kaputtgemacht hast und Julia immer gestreckten Stoff verkaufst“ – aber im Internet, wo auf Anstand und Stil mehr Wert gelegt wird als anderswo, geht das nicht, und unter Erwachsenen schon gar nicht, ausser, man heisst Joschka Fischer. Wenn man Joschka Fischer heisst und dem deutschen Bundespräsidenten coram publico mitteilt, „mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“, ist das etwas ganz anderes.)

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Nichtsdestotrotz bieten mir die Begriffe „Inkompetenz“ und „Banalität“ die Gelegenheit für eine elegante Überleitung zu Ihrer Kritik am neusten Toto-Album „35th Anniversary – Live in Poland“. Wenn ich die paar mickrigen Zeilen, die Sie dem Opus in der letzten Ausgabe eines von mir sonst sehr geschätzten Classic Rock-Magazins gewidmet haben, richtig interpretiere, muss ich davon ausgehen, dass Sie die Platte eher nicht so toll finden. Das einer breiten Öffentlichkeit kundzutun, ist selbstverständlich Ihr gutes Recht (auch Deutschland kennt inzwischen ja die Presse- und Meinungsfreiheit). Genauso ist es mir jedoch freigestellt, auf Ihre Meinung zu, äh, pfeifen.

Sie schreiben: „Beim Anhören dieses Live-Mitschnitts geht es einem wie beim Betrachten einer kunstvoll verzierten Rokoko-Kaminuhr mit all ihren Schnörkeln und Engelchen. Man sollte die zur Erzeugung notwendige handwerkliche Kompetenz und Raffinesse respektieren, was aber noch lange nicht heisst, dass einem das Ergebnis auch gefallen muss.“

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Dazu habe ich zunächst einmal eine Frage: Wer genau ist „einem“? Sie selber? Wenn ja: Wieso schreiben Sie dann nicht „Beim Anhören dieses Live-Mitschnitts geht es mir….“?

Oder waren „einem“ ihre Damalsnoch-Lebensabschnittspartnerin plus der durchtrainierte Spargelstecher aus Polen, mit dem Sie und Ihre Ex-Freundin in spe sich eine Wohnung geteilt haben, um Kosten zu sparen? Falls dieser langhaarige und obergspürige Singersongwritertyp – in engster Zusammenarbeit mit Ihrer jetztigen Verflossenen – dafür gesorgt haben sollte, dass Sie an jenem Morgen stinksauer am Compi sassen, um diese verdammte Kritik über diese verdammte CD dieser verdammten Amiband in diese verdammte Maschine zu hämmern, obwohl Sie mit dem Kopf ganz woanders waren (nämlich in dem Schlafzimmer, das Sie und Ihr – sorry, ich kann mir das beim besten Willen nicht verklemmen – Spargelchen sich zwei Tage zuvor noch geteilt hatten) wären Sie halbwegs entschuldigt.

Aber auch dann hätten Sie – wir wollen ja journalistisch sachlich bleiben, wollen’t wir? – vermerken könnendürfensollenmüssen, dass mit „einem“ nicht jeder Mensch auf diesem Planeten gemeint ist, sondern bloss ein vernachlässigbar kleines Häufchen Leute in einer frischsanierten Altbauwohnung, oder genauer: Zwei Frischverliebte und ein Sitzengelassener.

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Weiter notieren Sie: „Braucht man ‚Africa‘ und ‚Rosanna‘ tatsächlich in einer weiteren Version?“, als ob es von diesen Songs schon 84 konservierte Varianten geben würde. Tatsächlich existieren von „Africa“ total sieben Aufnahmen (darunter jene auf dem nur halboffiziellen Jeff Porcaro-Gedenkkonzertmitschnitt, und wenn wir schon dabei sind: Hier erzählt David Paich, der Mitbegründer und Keyboarder von Toto, die ganze, sehr interessante Entstehungsgeschichte von „Africa“), und von „Rosanna“ deren acht. Das Dutzend ist also in beiden Fällen erst gut halbvoll. Achselzuckend sagen Deep Purple dazu nur: „Now what?

Vor allem anderen würde mich jedoch interessieren, ob Sie eigentlich schon mal ein Lied komponiert haben, das mehr Leute zu hören bekamen als Ihr engster Familien- und Freundeskreis, der neulich möglicherweise ja, um noch einmal darauf zurückzukommen, auch wenns (oder gerade weils!) wehtut, um zwei Personen geschrumpft ist. Wissen Sie, wieviele Hektoliter an Blut und Schweiss und Tränen das kostet?

(Bevor Sie eingeschnappt zurückfragen: „Und du, Leserbriefschreiberli? Weisst du das?“, antworte ich: „Oh, jastens! Schliesslich habe ich für meine Frau zur Hochzeit einen kompletten Song mit Intro und Britsch und Autro und Text und allem gebastelt und es am Feier-Abend gespielt und gesungen, aber darum gehts hier gar nicht. Lenken Sie nicht ständig vom Thema ab!“)

Ich merke gerade: Das artet argumentatorisch aus, und die dafür verantwortliche Person sitzt nicht an diesem Ende des Kommunikationsstrangs. Wir halten kurz inne für ein bisschen Musik zum Entspannen:

So.

Natürlich kommen Sie jetzt mit dem Argument, dass jemand, der über Fussball schreibt, auch nicht Profischütteler gewesen sein muss, um eine Ahnung von der Materie zu haben, und dass ein Kriegsberichterstatter selbst dann kompetent über das Geschehen an der Front berichten kann, wenn er noch keinen einzigen Zivilisten umgebracht hat, und damit haben Sie Recht.

Überhaupt: Wenn ich lange genug darüber nachdenke, haben Sie eigentlich mit allem Recht, auch wenn Sie mit Ihrer Ansicht meiner Ansicht nach völlig falsch liegen. Wenn Ihnen die neue Toto-CD nicht gefällt, dann schreiben Sies halt. Wenns Ihnen dabei wohlet und Ihnen das vergammelte Totohasserpack in Ihrer Stammbeiz dafür sabbernd vor Freude auf die Schultern klopft: Tant pis.

Als Toto-Fan kommt einem so ein Verriss sogar entgegen: Er garantiert, dass man („man“ im Sinne von „ich und ein paar Millionen anderer Fans“) davon ausgehen kann, dass nicht Krethi und Plethi in den nächsten iTunes-Store rennen, um sich das Werk herunterzuladen. Dann bleiben die Liebhaber dieses rockmusikalischen Schmuckstücks weiterhin unter sich, und das ist ein sehr schöner Gedanke für Zeitgenossen, die von „Africa“ und „Rosanna“ und dem ganzen anderen Wahnsinn in Dur und Moll nie genug haben werden und auch nie genug haben wollen.

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Auf zu neuen Ufern

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Nachdems heute in unserem internen Blog kommuniziert wurde, ist es jetzt offiziell:

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Ich orientiere mich nach über zwölf BZ-Jahren beruflich neu, wenn – Überraschung! – auch nicht in eine völlig neue Richtung: Schreiben und alles werde ich weiter.

Für Gwundernasen: Update folgt.

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Immer dieses verdammte Gehyster

Wenn ich schon nicht schreiben darf, will ich auch nicht lesen: Nach diesem Motto lebte ich in den letzten zwei Monaten in fast totaler medialer Enthaltsamkeit. Das einzige, was ich mir an Lektüre gönnte, waren die Krimis, die ich als Mitglied der Krimitage-Jury bewerten durfte. Alle paar Tage warf ich einen oberflächlichen Blick ins Facebook. Zeitungen und Online-Portale konsultierte ich so gut wie nie.

Dass während meines Zölibats eine Schockwelle nach der anderen unbemerkt an mir vorbeigerast war, merkte ich folglich erst mit Verspätung:

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Von all den Dramen, die ich verpasst hatte, nicht zu schreiben:

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Fast ein bisschen wehmütig erinnerte ich mich an die glorreiche Zeit vor zweieinhalb Jahrzehnten, als wir uns jeweils – statt im Büro unerspriessliche Planungssitzungen abzuhalten – gegen Mittag in eine nahe Beiz zurückzogen, um bei zwei, drei oder vier Bier zu beratschlagen, womit wir die Seiten bis am Abend füllen könnten.

In der Regel fiel uns etwas halbwegs Gescheites ein; wenn doch nicht, gabs halt eine üppig bebilderte Reportage aus der Badi oder ein episch langes Interview mit einem Fussballtrainer oder eine Umfrage zu einem Allerweltsthema. Irgendetwas war jedenfalls immer, und daran, dass sich je ein Leser oder eine Leserin darüber beschwert hätte, dass das Gebotene zu wenig schockierend oder zu undramatisch gewesen sei, kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Aber gut: Damals gabs noch kein Internet und damit auch keine Newsflashes und Liveticker. Wir konnten die Sachen damals ungleich gemächlicher angehen, als wir das heute zu tun gezwungen sind, wenn wir von der Online-Konkurrenz nicht auf Nimmerwiederlesen abgehängt werden wollen.

Denn Journalismus heute geht oft so: Sobald irgendwo irgendetwas passiert ist, hackt der diensthabende Redaktor oder der im Unterhalt wesentlich günstigere Praktikant einen Text ins System. Fünf Minuten später steht die Nachricht – unabhängig von ihrer Richtig- und Wichtigkeit – als „Eilmeldung“ zuoberst auf dem Onlineportal des Magazins/Blattes/Heftlis.

Andere Journalisten sehen den Artikel, schreiben ihn chli um (oder, samt allen Fehlern, auch nur ab) und speisen sie in ihre eigenen Kanäle ein.

Bei dem Medium, das die Nachricht zuerst gebracht hat, sind gleichzeitich schon Heerscharen von Reportern, Rechercheuren, Dokumentalisten und Rewritern damit beschäftigt, den Primeur zu veredeln: Sie ergänzen ihn mit Zusatzinformationen, forumlieren ihn neu und spitzen seinen Titel solange zu, bis er, wenn auch nicht mehr zur Geschichte, so doch ins redaktionelle Konzept passt.

Auf diese Weise wird aus Angela Merkels Hinfaller in der Loipe binnen höchstens einer Stunde ein Nahtoderlebnis für die deutsche Bundeskanzlerin. Die Berichte darüber werden millionenfach angeklickt, weil „Schock“ darüber steht, oder mindestens „Drama“.

So läuft das mit erstaunlicher Regelmässigkeit nicht nur bei Prominenten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport, sondern auch bei Normalsterblichen von nebenan. Wenn ein Hund ein Kind in die Wade kneift: „Bestie zerfetzt Baby-Bein!“. Wenn auf einem Parkplatz zwei Autos zusammenputschen: „Horror-Crash!“ Wenn der Dorfbach über die Ufer tritt: „Jahrhundert-Flut!“

Dazu kommen, mindestens einmal pro Jahr, eine

Bildschirmfoto 2014-01-29 um 21.12.36

und/oder ein

Bildschirmfoto 2014-01-29 um 21.12.07.

Allerlei Experten orakeln auf Zuruf, dass die Menschheit innert weniger Monate dahingerafft sein werde, falls nicht ein Wunder geschehe, und eine hundertprozentige Sicherheit gebe es sowieso nicht, aber wir wollen und können uns jetzt nicht mit Details aufhalten, denn nur zweihundert Kilometer weiter südlich wird schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben, und das nicht zum erstenmal, doch weil sie zuverlässig Aufmerksamkeit und damit Klicks und damit Werbeeinnahmen garantiert, zeigen wir jetzt:

DAS BILD, auf dem der ehemalige deutsche Bundespräsident gleich seine von ihm inwischen getrennt lebende Frau küsst

Bildschirmfoto 2014-01-29 um 19.12.23

und liefern dazu grad noch eine grosse Geschichte, weil: Extrem wichtig.

(Wer darüberhinaus auch noch wissen will, wie die historisch unsagbar wertvolle Aufnahme entstanden ist: Hier gehts lang zum Making-of.)

Mir geht diese vor allem von deutschen, österreichischen und britischen, aber auch von Schweizer Kollegen geschürte Endlos-Hysterie um nichts und wieder nichts mehr und mehr auf die Nerven.

Wenn selbst ich als Medienmensch zunehmend Mühe damit bekunde, in der gigantischen Masse der „Dringend!-„, „Eilt!“- und „Exklusiv!“-Meldungen die überflüssige Spreu vom lesenswerten Weizen zu trennen – wie unendlich viel schwerer muss es dann gewöhnlichen Leserinnen und Lesern fallen, Journalismus von Schrott zu unterscheiden?

Als ich noch klein war, trichterten mir meine Eltern ein, niemals im Spass um Hilfe zu rufen, wenn ich im See bade. Denn wer immer Alarm schlage, ohne wirklich in Not zu sein, dürfe nicht damit rechnen, dass ihn im Ernstfall jemand retten komme. Die Leute am Ufer würden sich sagen, auch das sei bestimmt nur ein Scherz und tatenlos sitzenbleiben.

Wenn ich so betrachte, aus welchen Nichtigkeiten manche Medienschaffende in ihrem rund um die Uhr ausgetragenen Kampf um Aufmerksamkeit ständig Notfälle basteln, kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Geschrei noch irgendjemand ernst nimmt.

Andrerseits: Die grossen Internet-Portale wachsen und wachsen. Laut einer Erhebung des Statistik-Portals statista.de sind die meistbesuchten Online-Seiten jene von Bild, Spiegel und Focus. So unterschiedlich deren Zielgruppen zum Teil auch sein mögen – eines haben sie gemeinsam: Schocks und Dramen spielen bei ihnen eine sehr grosse Rolle.

Wie sieht das bei Ihnen aus, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs? Schätzen Sie den Stoff, der ihnen via Internet frei Haus geliefert wird, oder lassen Sie ihn achtlos liegen? Gehen Sie bei der Online-Lektüre gezielt vor, oder lesen Sie, was immer Ihnen vorgesetzt wird?

Ihre Meinung interessiert mich! Schreiben Sie unten in die Kommentare, wie Sie Medien online konsumieren. Und/oder, was sie ändern würden, wenn Sie der Chef oder die Chefin eines grossen, internetten Medienhauses wären.

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