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Weltwunder und Wunderwelten

„In die USA wollt ihr? Ernsthaft?“ – So und ähnlich lauteten Kommentare im Freundeskreis, nachdem ich bekanntgegeben hatte, dass wir ab dem 22. September drei Wochen lang in den Vereinigten Staaten unterwegs sein würden.

Vor 12 Monaten hätten unsere Reisepläne noch zu keinerlei Bedenken Anlass gegeben. Aber damals war noch Barack Obama Präsident. Inzwischen hat das Land einen neuen Commander in Chief – und mit ihm ein stetig wachsendes Imageproblem. Einreiseverbote für Einwohner arabischer Staaten, Rassismusvorwürfe, Bestechungsverdächtigungen, tollpatschige Aufritte, ein Ego so gross wie Disneyland undsoweiterundsofort: Trump liess in den ersten Monaten seiner Amtszeit nichts aus, um sich und seine Nation rund um den Globus in Misskredit zu bringen.

An unseren Ferienplänen konnte all das nichts ändern. Schliesslich wollten wir in erster Linie das Land und in ihm lebende Leute kennenlernen und erst in peripherer Priorität deren Chef. Dass Trump uns am Ende doch noch näher kam, als wir je erwartet hätten, war, buchstäblich, auf Gewalt von sehr viel höher zurückzuführen.

„Wir“: Das sind Monique und Josy und mein Schatz und ich. Mit dem Ehepaar aus der Zentralschweiz sind wir seit Jahren befreundet; die beiden kennen den Westen der USA wie ihre – eben: – Westentasche und waren für uns nicht nur, aber auch deshalb die perfekten Begleiter.

Los ging unser Trip in San Francisco. In der einstigen Hippie-Metropole fuhren wir mit dem Cable Car, kurvten wir süüferli die rankreichste Strasse der Welt hinunter und bestaunten wir die Golden Gate Bridge:

Auch den Sea-lebrities im Hafen sagten wir selbstverständlich Hallo:

Dann fuhren wir südwärts. Bei einem Zwischenstopp in Santa Cruz hatten wir das seltene Vergnügen, einem freilebenden Seelöwen beim Verputzen einer Portion Muscheln zuschauen zu dürfen:

In einem Motel in Paso Robles bekamen wir ein erstes von vielen noch folgenden Beispielen dafür geliefert, wie selbst Kleinunternehmen sich mit Warnungen, die an Absurdität kaum zu toppen sind, gegen allfällige Millionen-Schadensersatzklagen abzusichern versuchen:

Am nächsten Tag erreichten wir – gesund und munter – Santa Monica. Besonders beeindruckt hat uns in diesem Rückzugsort für Promis der Pier. Er bildet den Endpunkt der Route 66 und war auch in „Forrest Gump“ zu sehen.

24 Stunden später fühlten wir uns in Oceanview ein bisschen wie am Burgdorfer Nachtmarkt:

Dass in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt (und nicht mehr alles glänzt, was einst mit Gold veredelt wurde), war mir klar. Doch dass der Walk of Fame mit seinen über 2500 Star-Sternen dermassen schmuddelig unglamourös wirken würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.

Dafür wäre mir vor lauter Freude beinahe das Augenwasser gekommen, als wir am Hauptsitz von Capitol Records vorbeikamen und am „Troubadour“ (wer da nicht schon alles aufgetreten ist!) und an weiteren Plätzen, an denen unzählige wunderschöne Kapitel der Blues- und Rockgeschichte geschrieben wurden.

Noch am selben Tag liessen wir die Smogglocke von Los Angeles hinter uns. In der Nähe der mexikanischen Grenze, in Escondido, fanden wir Obdach. Dort stiess für ein Nachtessen Moniques Ex-Schwägerin aus dem Grossraum Los Angeles zu uns.

In Sachen „Distanzen“ ticken die Amerikaner ähnlich wie die Australier: Eine mehrständige Autofahrt ist für sie sowenig der Rede wert wie für uns ein Ausflug von Burgdorf nach Oberburg.

In der ersten Nacht in Escondido kam es vor unseren Motelzimmertüren zu wüsten Szenen. Original echte Eingeborene lange vor Sonnenaufgang mit voll aufgedrehten Lautsprechern in einem fort „Motherfucker!“ brüllen zu hören: Das kann man – mit einem Minimum an gutem Willen – allerdings auch als soziokulturelle Erfahrung verbuchen, die zu machen nicht jedem Temporärbewohner des Home of the brave vergönnt sein dürfte.

Wir geben bei dieser Gelegenheit kurz ab in die Musikredaktion:

Ungleich gesitteter – um nicht zu sagen: beschaulicher – als in Escondido ging es in San Diego zu und her. Auf feinsäuberlich gepützelten Trottoirs flanierten finanziell und auch sonst gut gepolsterte Erwachsene der Pazifikküste entlang, während sich überaus artig aufführende Teenager auf Rollbrettern vergnügten. Die Coolness in….äh…Person war jedoch jener Pfundskerl, der es sich vor der Basis der Kriegsmarine auf einer Boje gemütlich gemacht hatte (und, jede Wette, noch immer daliegt).

Mit einem stundenlangen Rundgang durch den parkähnlichen


Zoo

und einem Bummel durch die westernmässig gestylte Oldtown rundeten wir unser Gastspiel in der zweitgrössten kalifornischen Stadt ab, um durch eine fast unnatürlich schöne Landschaft nach Palm Springs zu cruisen.

Dort verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte, rissen dabei aber weder Palmen noch andere Bäume aus. Dolce far niente am Pool war angesagt; und chli Lädele.

In Julian besuchten wir anschliessend Freunde von Monique und Josy, genossen einen wunderschönen Abend in einem ebensolchen Anwesen und erhielten zubester Letzt, nach dem Lichterlöschen im Garten, auch noch Besuch von einer putzigen Waschbärenfamilie.

Nur für den Fall, dass es mal jemand pressant haben sollte und beim Geschäften aller Eile zum Trotz Wert auf Stil legt: In „Granny’s Kitchen“, einem schmucken Beizli im Zentrum von Julian, gibts das pittoreskste Abörtchen zäntume

und dazu (oder amänd besser: danach) ein super Zmorge:

Überhaupt: Am Essen hatten wir in der ganzen Zeit fast nicht das Geringste auszusetzen. Einziger Schwachpunkt war ein velyvely spicy Fondue Chinoise bei einem Allyoucaneatasiaten in San Francisco. Doch in von wohligem Magenknurren begleitetem Gedenken an all die höchstens einmalig brennenden Köstlichkeiten, welche uns in zig anderen Lokalen aufgetischt wurden, haken wir diese kulinarische Grenzerfahrung mit buddhistischem Grossmut als nie gemacht ab.

Von Julian aus zogen wir sozusagen fast im Frühtau zu Berge, an den


Big Bear Lake.

Zurück in der Ebene, legten wir in Needles einen Schlafstopp ein. Was es über Needles zu sagen gibt, ist in einem Diner an der Einfahrt zum Highway notiert, der aus der Stadt hinausführt:

Wenig später standen wir vor etwas vom Gigantischsten, was die Natur je erschaffen hat: Dem Grand Canyon. Mir (oder, wie ich vermute: uns allen) fehlen heute noch die Worte, um zu beschreiben, wie dieses Weltwunder auf uns wirkte.

Ehrfürchtig starrten wir in die Abgründe der Schlucht und an ihre majestätischen Wände und versuchten vergeblich, das Unermessliche zumindest halbwegs ermessen zu können. Nur schon der Gedanke daran, dass dieser Megagigagraben schon Ewigkeiten vor dem ersten Menschen da war und auch noch da sein wird, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, ist zu mächtig, um zu Ende gedacht werden zu können.

Gegen Abend trudelten wir, vom soeben Erlebten immer noch leicht belämmert, in Williams ein. Dieser Ort lebt primär von seinem Anschluss an die legendenumwobene Route 66, hat aber auch musikalisch einiges zu bieten – jedenfalls, wenn John Carpino in town ist:

Und dann…dann waren wir in Las Vegas.

„Caesar’s Palace“, „The Venetian“, „Luxor“, „Treasure Island“, „Planet Hollywood“, „Golden Nugget“…: Ein Casino reiht sich ans nächste. Im Zockerparadies am und um den Strip leuchtets und blinkts und machts ununterbrochen.

Rund um die Uhr herrscht in den Häusern, vor denen The Animals schon vor einem halben Jahrhundert warnten, Hochbetrieb, wobei: Uhren sind in Las Vegas so gut wie keine zu sehen. Wer in Sin City spielt, braucht nicht zu wissen, wie spät es im eigentlichen und im übertragenen Sinn ist.

Als wären sie ferngesteuerte Roboter, schieben zombiebleiche Wesen apathisch Geld in die Schlitze der Maschinen und über die grünen Flächen der Poker- und Blackjacktische. Kurzberockte Damen versorgen sie künstlich lächelnd mit Gratisgetränken. Was dem Römer das Brot und die Spiele waren, sind dem Vegas-Junkie der Gin Tonic und ein Kasten mit den Kiss-Fratzen oder sonst etwas drauf.

Andere gamblen zum Vergnügen. Sie betreten das Casino mit einer bestimmten Summe, und selbst wenn ihr Geld sich auf wundersame Weise vermehrt, hören sie irgendwann auf. Falls sie verlieren, zucken sie mit den Schultern und gehen zu Bett. Von ihren verlebten Mitspielerinnen und -spielern unterscheiden sie sich auch dadurch, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen. Sie reden miteinander. Manchmal lachen sie sogar.

Zum Abschluss unserer Westcoast-Tournee besichtigten wir den Red Rock Canyon. Eine halbe Autofahrstunde von der Stadt entfernt erstreckt sich auf über 300 Quadratkilometern eine faszinierende Landschaft aus Kalksteinbergen und versteinerten Dünen, die vor 400 Millionen Jahren aus einem Meeresbett hervorgegangen waren.

Wegen dieses Ausflugs verpassten wir leider, leider den Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der sich heute – drei Tage nach dem „Mandalay“-Massaker; vermutlich hatte er vorher noch Dringenderes zu erledigen – nach Las Vegas bemühte, um mit Überlebenden des Massenmordes zu sprechen, den ein gewisser Stephen Paddock am Sonntag verübt hatte. Bei dem Attentat starben mindestens 59 Menschen, über 500 wurden verletzt.

Wir hatten das Gebiet, das Paddock aus dem 33. Stock des Hotels unter Seriefeuer nahm, nur Minuten vor der Schiesserei passiert.

Das wäre, eigentlich, ein guter Grund, um einmal tiefgehend über die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen, Zufälle im Besonderen und Vorbestimmungen im Speziellen nachzudenken.

Im Wissen darum, dass diese Entscheidung nur von einer vernachlässigbar kleinen Anzahl von Psychologen spontan gutgeheissen würde, habe ich für mich aber beschlossen, die „Mandalay“-Tragödie in einer Welt zu verorten, mit der ich nichts zu tun haben will.

Und die sich weit, weit weg von dem fantastischen Riesenstück Land befindet, das wir mit und dank Monique und Josy nun kennenlernen durften.

Im Verborgenen

San Francisco, Los Angeles, San Diego: Nachdem wir die Metropolen an der kalifornischen Westküste hinter uns gelassen haben, sind wir nun in Escondido gelandet.

Bis 2006 kannte Esconcido plusminus kein Mensch, sieht man von den rund 150 000 Leuten ab, die hier, auf 33°7’29“ Nord und 117°4’51“ West, leben. Doch dann setzten Eric Clapton und J.J. Cale dem Städchen mit der CD „The road to Escondido“ ein Denkmal, das ein Jahr später mit einem Grammy als „bestes zeitgenössisches Blues-Album“ vergoldet wurde.

Seither ist Escondido zwar nicht ununterbrochen in aller Munde, aber immerhin: ein bisschen ein Begriff.

Wenn man Bürgermeister Sam Abed glauben darf – eine gewisse Vorsicht ist geboten; schliesslich will er seine 1888 erfundene Stadt ja in einem möglichst schattenfreien Licht präsentieren – handelt es sich bei Escondido um eine „vibrant community with just the right mix of small town friendlyness and big-city buzz“.

„Vibrant“ und „buzz„: Das kann man mit Blick auf die jungen Mexikanerinnen und Mexikaner, die sich im Motelzimmer unten rechts auf dem Bild eingenistet haben, wohl sagen: Morgens um 4.20 Uhr kommt deren Party gerade erst so richtig in Schwung. Allpott fahren neue Gäste vor, um den Raum mit mindestens einer Flasche Hochprozentigem bewaffnet zu stürmen, und ehrlich gesagt täte es mich nicht wundern, wenn der eine Festbruder oder die andere Festschwester sich zwischendurch sogar eine Ladung Haschisch in die Venen schiessen würde.

Openair gehts nicht viel zivilisierter zu und her: Auf dem Vorplatz warfen sich zwei Schwarze soeben mit bis zum Anschlag aufgedrehten Lautsprechern eine halbe Ewigkeit lang „Motherfucker“ und Artverwandtes an den Kopf. Irgendwie gings um einen Job und darum, dass Zeitgenossen ihrer Couleur ohnehin keine Chance hätten, einen solchen zu bekommen.

Andrerseits: Wer sich schon vor Sonnenaufgang so unflätig benimmt, kann natürlich mit noch so guten Zeugnissen und wohlwollendsten Referenzen von Personalbüro zu Personalbüro tingeln, ohne es auch nur einmal bis ins Sekretariat zu schaffen.

Auf Deutsch bedeutet „Escondido“ soviel wie „abgelegen“, „geheim“ oder „verborgen“. Das Management unserer Unterkunft tut alles, um dieser Prämisse gerecht zu werden: Auf der Website des Motels ist eine andere Adresse angegeben als jene, an der es sich tatsächlich befindet.

Das Keuchen, das von aussen in unser Zimmer dringt, braucht also nicht zwingend aus dem Sodomista und Gomorrhista zu kommen, in dem es sich unsere dunkelhäutigen Nachbarinnen und Nachbarn gemütlich gemacht haben. Möglicherweise handelt es sich dabei nur um das erschöpfte Japsen des Navis in unserem Auto.

Vega und Redford, Schoggi und Steaks

Was haben Toto-Sänger Joseph Williams, die Liedermacherin Suzanne Vega, Metallica-Bassist Robert Trujillo, die Schauspielerinnen Geraldine Chaplin und Shirley Temple, deren Kollegen Robert Redford und Sean Penn sowie erstaunlich viele weitere prominente Leute gemeinsam? – Sie alle wurden in Santa Monica im US-Bundesstaat Kalifornien geboren.

Berühmt wurde die 100 000 Einwohner-Stadt am Pazifik aber nicht wegen ihrer Söhne und Töchter, sondern dank seines Piers (siehe Bild oben). Er ist einerseits der Endpunkt der Route 66 – der Harley Davidson-Variante der Herzroute – , und spielte andrerseits eine Rolle in „Forrest Gump“:

Im Moment, in dem ich das schreibe, glänzt Santa Monica allerdings höchstens matt. Ich sitze um 3.45 Uhr in der Lobby des Hotels „Carmel by the sea“, in dem wir gestern, wie weiland Maria und Josef, last Minute ein Obdach fanden, und das erst noch verbilligt: Als der Mann am Empfang realisierte, dass wir aus der Schweiz sind, offerierte er uns zehn Prozent Rabatt für den Fall, dass wir ihm chli Schoggi schenken. Glücklicherweise hatte Möni zwei Päckli Branchli vorrätig.

A propos „Essen“: Die besten Zmorge worldwide gibts bei Denny’s. T-Bone-Steaks, Hamburger, Pancakes oder Eier in allen denkbaren Darreichungsformen – was auch immer mann und frau für einen unbeschwerten Start in den Tag braucht, wird frisch zubereitet frei Tisch geliefert. Mit dem Verarbeiten hat der Magen bis gegen Abend zu tun, und wenn sich nach dem Sonnenuntergang wieder ein kleines Hungergefühl einstellen sollte: Die omnipräsente Restaurantkette ist rund um die Uhr geöffnet.

Im Service sind auch Menschen beschäftigt, die aufgrund ihres Alters oder so nicht überall ohne Weiteres Arbeit finden würden. Und auch für Angehörige des erschreckend rapide wachsenden Heers der EaA (Eltern am Anschlag) ist gesorgt: Wenn ihr Kind ständig herumbrüllt oder sich ununterbrochen die Windeln vollmacht, brauchen sie nicht lange daran herumzustudieren, wie und wo sie die Nervensäge am schnellsten loswerden: Sie können sie in der „Baby changing station“ einfach gegen ein pflegeleichteres Modell eintauschen.

Und damit zurück in die Lobby unseres Hotels. Neben mir gähnt ein Sicherheitsmann, an der Rezession büschelt ein Senior gedrosselt enthusiastisch Papiere. Die Feuerwehrautos, die vor zwei Stunden mit heulenden Sirenen und wie gstört flackernden Lichtern vor ein Haus gegenüber gerast waren, sind wieder weg. Im stummgeschalteten Fernseher an der Wand diskutieren Experten die Erfolgsaussichten eines atomaren Erstschlags in Nordkorea. Im Radio wird gleichzeitig lautstark über Basketball philosophiert.

5.07 Uhr. Draussen wirds hell. Aus der Küche wabert Kaffeeduft in die Halle. Der Securitytyp blättert uninteressiert in der soeben angelieferten Zeitung. Auf der Titelseite steht riesengross „The Wall“. Darunter prangt ein Bild von der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Vor der Glastüre steht ein Schwarzer in einem schmuddeligen Kapuzenpulli. Hinter ihm fegt eine riesige Putzmaschine den Asphalt. Eine junge Frau giesst sorgfältig die Blumen. Ein Polizeiauto blocht vorbei. Es wirkt alles ein bisschen surreal.

Hoffentlich sind die drei anderen Mitglieder unserer Reisegruppe bald wach. Dann fahren wir weiter nach Los Angeles: Hollywood ruft.