Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

“Probably the best Hamburgers on the island” gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar “Unique” gegenüber “meinem” Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
“Der Südländer”, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: “der Schweizer”. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

Ein Gehen und Kommen

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Um Punkt 4 Uhr schellte bei Nachbars der Wecker, um 4.15 dudelten die ersten Takte von Bachs Toccata aus ihrem Handy, und fünf Minuten später beganns nebenan zu rumpeln und poltern, und wenns einmal nicht rumpelte und polterte, hörte ich die Frau immer wieder rufen, „Nee, so!“ oder „Lass ma!!“ oder „Das macha ma späta!!!“, und als ich schon dachte, potz, die sind aber noch fit für ihre plusminus 80 Jahre, schlug er vor, den einen Koffer schonmal auf den Gang zu stellen, und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Fischen: die Sachsen haben heute ihren Letzten.

Gutmensch, der ich bin, anerbot ich den beiden, ihr Gepäck in die Rezession zu tragen, aber nichts da: mit einem an Deutlichkeit wenig zu wünschen übriglassenden „Lass ma!“ machte sie sämtliche Hoffnungen ihres Herrn Gemahl auf einen entspannten Auszug aus dem Hotel zunichte.

Mit zwei Plasticsäckli (sie) und zwei Hartschalenkoffern in den Händen und einer Handtasche um den Hals (er) machten sich die zwei auf den Weg in die Lobby. Dort angekommen, stellte sie sich noch kurz auf die Waage (momoll: in der Hotellobby steht eine Waage!), während er sich am Tresen um die Auscheckmodalitäten kümmerte.

Draussen wartete laufenden Motores der Car, und als die beiden eingestiegen waren und ein Plätzli gefunden hatten, winkte er mir offensichtlich unfrohen Mutes kurz zu und dann fuhr der Bus los und im Musikzimmer meines Hinterkopfes schnallte Chris Rea sich die Gitarre um und sang “This ist the road to hell.“

Weil ich das Lied unbedingt zu Ende hören wollte und gerade ein Eggeli freier Zeit hatte, blieb ich noch ein Weilchen im Empfangsraum sitzen und beobachtete, wie Dutzende und Aberdutzende von Menschen, mit denen ich – Achtung: es wird jetzt kurz pathetisch, aber wirklich nur kurz – soeben noch unter einem Dach geschlafen und dieselbe Luft geatmet hatte, aus meinem Bewusstsein verschwanden; oder auch nur aus meinem Unterbewusstsein. Ich habe mit ihnen kein Wort gewechselt und würde jetzt, drei Stunden später, niemanden wiedererkennen, wenn die Polizei mir ein Bild von ihm oder ihr vorlegen würde.

Bei einigen fragte ich mich allerdings, was in der Heimat wohl auf sie wartet; oder wer (wenn überhaupt). Bei anderen stellte ich mir vor, wie sie fernab der Unbeschwertheit, die sie auf dieser Insel in den letzten Wochen geniessen durften, leben. Die alleinerziehende Mutter: wie lange hat sie für den Aufenthalt hier gespart? Das Ehepaar mit seinen drei Kindern: ist die Welt, in die sie zurückkehren, auch nur annähernd so heil, wie sie in Playa del Inglés für kurze Zeit war (oder einfach sein musste)? Der alte Mann an den Krücken: konnte er hier finden, wonach er nach dem Tod seiner Frau zu suchen begonnen hatte?

Gegen 10 Uhr war das Hotel schliesslich geräumt, und jetzt sitze ich mutterseelenalleine mit einem Dutzend anderen Gästen, die erst nächste Woche heimkehren, an der Poolbar, lausche zum grob geschätzt 1,428millionsten Mal „Killing me softly“ und schaue den Neuankömmlingen beim Ankommen zu.

Das erste Grüppli sitzt schon erwartungsvoll an einem grossen Tisch unter einem noch grösseren Palmenblätterdach, wo ihm der obligate Begrüssungsapero kredenzt wird. Eine zweite Horde ellböglet beim Eingang um die besten Plätze beim Verteilen der Zimmerschlüssel, und alle paar Minuten landet in Las Palmas wieder ein Flugzeug voller Träume.

Bald steigen auf Gran Canaria die ersten Manne i d Hose

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Wer einmal in aller Ruhe darüber nachdenken kann, was noch fehlt auf der Welt, kommt – vor allem als Burgdorfer – eher früher als später auf die Idee, auf Gran Canaria ein Schwingfest zu veranstalten, mit allem.

Als Chef des aus mir bestehenden Organisationskomitees für „Hosaslupfas2014“ habe ich mich heute Morgen an die Vorbereitungsarbeiten gemacht. Nun sind sie abgeschlossen. Was noch fehlt, sind die Schwinger, aber die kommen dann schon, wenn sie merken, was hier bald los ist.

Meine erste Amtshandlung war die Besetzung des Ehren-OK. In dieses berufen habe ich meine Frau, meinen Bruder und meine Schwägerin, und falls jetzt jemand murmelt, „huere Vetterliwirtschaft, das.“, brülle ich ihm in aller Gelassenheit entgegen: „WAS, VETTERLIWIRTSCHAFT?!? Bei Anlässen dieser Grössenordnung sind – um mit dem grossen Astronauten Charles Darwin zu sprechen – nur „The Fittest“ gefragt! DIE WÄGSTEN UND CHÄCHSTEN!, und wenn ich das mit der Vetterliwirtschaft noch einmal höre, häscherets!!!“

Nachdem das geklärt ist, kommen wir nun zu den infrastrukturellen und technischen und anderen Aspekten des Events (das Wort „Event“ habe ich bewusst gewählt, um auch potenzielle Zuschauerinnen und Zuschauer unter 90 anzusprechen).

Die Arena ist bereit

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und provisorisch grächelet. Gegen Abend kommt noch ein Stadion drauf.

Der Kran für die TV-Kameras muss noch kurz etwas anderes fertigmachen, steht dann aber unbeschränkt für “HL14” zur Verfügung.

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Puristen mögen jetzt einwenden, das sei ja gar keine Sägemehl da unten, in der Arena. Da habe es bloss Sand wie, äh, Sand am Meer.

Dazu kann ich nur sagen: „Wer muss soweit wie möglich mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten? Wer achtet aufs Geld? Was ist mit dem Umweltschutz? Und überhaupt: WER IST HIER DER OK-PRÄSIDENT, WERELIWER?!?

Zu meinem Entzücken durfte ich schon kurz nach Beginn der Planungsbüez feststellen, dass es im Grunde genommen gar nicht viel zu planen gibt. Es ist ja und sind ja schon alles und alle da.

Die Vorverkaufsstelle:

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Für jeden Ansturm gerüstet.

Der Brunnen:

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Sprudelt wie verrückt.

Das Kommunikationszentrum:

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CNN und BBC werden juchzen.

Kulinarisch:

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Es hat für alle von allem genug.

Kampfrichter:

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Bis in die Haarspitzen motiviert.

Partymeile:

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Schluckt auch unüberschaubare Menschenmassen.

Unterhaltungsprogramm für reifere Besucher:

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Niemand bleibt sitzen. Und alleine.

Unterhaltungsprogramm für jüngere Gäste:

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Aber sicher!

Hütedienst:

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Ihr Kinderlein kommet.

Verkäufer der Gangblätter:

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Eingeschleust (und zwar zum Teil von weit her).

Schwingveteranen, die immer benörgeln, früher, als “Kanarische” noch 400 mal kleiner waren, sei alles besser gewesen:

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Im Anmarsch.

Ehrendamen:

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Konnten für die nächsten drei Tage fast ohne Gewaltandrohung von ihren Partnern getrennt werden.

Relaxingzone für die Aktiven:

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Nochli ein Puff, aber zum Anschwinget betriebsbereit.

Gabentemptel:

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Steht.

Lebendpreis:

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Voilà.

Das wärs glaub schon, glaube ich. Als Helferinnen und Helfer stehen die bewährten Kräfte der Szenerie Burgdorf im Einsatz.

Weitere Zahlen und Fakten können hier nachgelesen werden (einfach „Burgdorf“ durch „Playa del Inglés“ und “Emmental” durch “Gran Canaria” ersetzen).

Auch wenn ich davon ausgehe, nichts vergessen zu haben, wäre ich froh, wenn mich einer der möglicherweise mitlesenden Organisatoren des letzten „Eidgenössischen“ – sagen wir: mein Nachbar Franco Rappa – auf allfällige Mängel aufmerksam machen würde, bevor die ersten Mannen in die Hosen steigen.

Die Berichterstattung über das weltweit erste „Kanarische“ erfolgt ab morgen Freitag um 8 Uhr schwingerkompatibel über Facebook, Twitter und so weiter, und so fort.

Obs damit klappt, hängt in erster Linie von der Qualität der Internetverbindung ab, und um die ist es auf den Kanar%“KP…ç=!…++C….///£:GA°…!)(;;T

Aber live fägts sowieso mehr. Echte Schwingfans wissen das. Sie haben ihre Plätze bereits eingenommen:

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Nachtrag 12. April: Das Fest findet nicht statt. Es haben sich exakt null Teilnehmer angemeldet, was das OK daran zweifeln lässt, dass die Veranstaltung burgdorfähnlich imposante Dimensionen annehmen könnte.

Aus dem Leben eines Playaboys (VII und Schluss. Oder auch nicht.)

Geplant war alles ganz anders: Als ich am Samstag in Las Palmas landete, war ich finster entschlossen, ein Velo zu mieten. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag eine Stunde im Fitnessraum des Hotels zu schwitzen, ausgedehnte Vollgas-Spaziergänge am Strand zu machen und regelmässig ein paar Längen zu schwimmen.

Ich wollte die Ferien nutzen, um weitere Kilos loszuwerden. Den Laptop nahm ich nur mit, um mich hin und wieder auf den aktuellen Stand der Nachrichtendinge bringen zu können, und um gelegentlich eine Mail zu lesen oder zu verschicken.

(Stimme im Hinterkopf: “Diesen Chabis glaubst du ja selber nicht. Zeitungen lesen und Briefli mailen kannst du mit dem Eifoun. Wir wissen beide, dass dir von Anfang an klar war, dass du mit dem Compi da unten noch ganz andere Dinge anstellen würdest.”)

Mag sein. Tatsache ist: Kaum hatte ich mein Rucksäckli ausgepackt, wollte musste ich etwas schreiben. Irgendetwas.

(Stimme im Hinterkopf: “Wir sprechen hier von einer Sucht, nicht wahr? Gibs zu: Du würdest eher auf Ferien verzichten als darauf, zu schreiben.”)

Wie gesagt: Mag sein.

Also gut: Stimmt.

Stell einem Alkoholiker ein Bier hin – er trinkts.
Stell mir einen Laptop vor die Nase – ich schreibe.

Zu sehen, wie sich am Bildschirm eine leere Seite öffnet, die sich dann auf eine wundersame Weise, die ich auch nach über einem Vierteljahrhundert berufsmässigen Geschichtenerzählens nicht begreife, ganz von alleine mit Buchstaben und Sätzen füllt, die sich ihrerseits zu Abschnitten formen, um etwas zu bilden, was anderen Menschen etwas bringt, und wenns nur zwei Minuten Plausch oder Ärger sind: Es gibt nichts Schöneres.

So begann der Playaboy zu leben. Die Umstände – “Umstände” sind für Süchtige immer gut – machten es ihm leicht, über Nacht ein Eigenleben zu entwickeln: Vom Radeln rieten mir Einheimische wegen der nichts kennenden Autofahrer in Playa del Inglés dringend ab. An Besuche im Folterkeller war bei 36 Grad im Schatten nicht zu denken. Fast ohne mein Zutun nutzte der Playaboy meinem Blog, um grösstenteils wildfremden Menschen munzige Einblicke in jene winzige Welt zu geben, die er mit mir durchstreifte.

Was ihn erst etwas erstaunte und dann völlig baff machte, war, wie die Menschen auf dem Festland auf seine Erzählungen reagierten. In seinem Mailfach und in den Kommentaren “seines” Blog stapelten sich Zuschriften von Unbekannten und Bekannten, die ihn ermunterten, weiterzutippen. Auf Facebook wurde augenzwinkernd zu Spenden aufgerufen, auf dass sein Aufenthalt auf (und damit auch die Berichterstattung aus) Gran Canaria verlängert werden könne. Ein anderer Freund riet online spasseshalber zu einer Kollekte, die dem Playaboy ermöglichen sollte, über die Meere kreuzzufahren und zu rapportieren, was und wer ihm zwischen Bug und Heck so alles auffällt. Und, vor allem: Wieso. Mein Brüetsch empfahl seiner internetten Fangemeinde eines Morgens nicht, wie üblich, den Wäutklass-Kracher des Tages zum Abrocken. Stattdessen legte er ihr ihnen die Ferien-Reminiszenzen meines neuen Gspändlis ans Herz.

Ohne, dass ich ihn darum gebeten hätte, sorgte der Playaboy im Macbookaufklappen dafür, dass in diesem Blog soviel Betrieb herrschte wie noch nie: Hunderte von Besucherinnen und Besucher drückten sich in nicht einmal einer Woche die Klinke zu meinem virtuellen Stübchen in die Hand.

Das alles war für uns beide ebenso ungewohnt wie erfreulich und zuweilen fast schon richtig rührend.

Unabhängig davon waren wir auch nicht unglücklich darüber, zwischen Poolrand und Sandstrand eine Beschäftigung zu haben, die den doch eher eintönigen Tagen in diesem Mekka des Nichtstuns eine Struktur gab. Wir setzten uns immer zur selben Zeit hin, um bei einer Kanne Kaffee einen neuen Beitrag z Fade z schlah. Anschliessend gingen wir ans Meer, um stundenlang zu laufen. Abends, wenn nicht mehr soviele Gäste im Schwimmbecken plantschten, tauchten wir jeweils ab.

So konnte ich mich trotz der gwundrig-gmögigen Klette an meiner Seite genauso intensiv bewegen, wie ich das vorgesehen hatte. Erleichtert stelle ich fest, dass im Sand dieser Insel das eine und andere Pfund liegenblieb, das ich längst loswerden wollte (der Preis für das appetitlichste Sprachbild des Jahres dürfte damit vergeben sein).

Aber jetzt ist bei allem Spass, dens gemacht hat, Schluss. Morgen fliege ich zurück in die Schweiz, zu meinem Schatz nach Burdorf, in den alten Markt. Dort ist es zwar nicht ganz so sonnig und heiss wie hier. Dafür fühle ich mich dort wirklich daheim.

Was den Playaboy betrifft, habe ich mir lange überlegt, was ich mit ihm machen soll. Zuerst erwog ich, ihn auf Gran Canaria seinem Schicksal zu überlassen. Das wäre aber eine für beide suboptimale Lösung. Denn ob ich je nach Playa del Inglés zurückkehre, kann ich nicht sagen. Und ihn ganz alleine zwischen all den Taxifahrern, Appartmentdealern und Blüttlern auszusetzen: Das bringe ich nichts übers Herz. Im für ihn besten Fall kommt er bei einem anderen Blogger unter. Nur: Das kommt für mich nicht in Frage.

Deshalb lasse ich den Playaboy sterben. So, wie ich ihn kennengelernt habe, trägt ers mit Fassung. In seinem nächsten Leben wird er sicher etwas über jenen leicht übergewichtigen Schweizer schreiben, der ihm einst im „Parque Tropical“ aus strahlend heiterem Himmel zugelaufen ist (dabei wars eigentlich umgekehrt. Aber egal).Wenn ich Glück habe, steht irgendwo in seiner Geschichte: „Wir hatten eine tolle Zeit miteinander.“ nehme ich ihn einfach mit nach Hause.

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, wie er mit der Kälte und der Nässe zurecht kommt, die ihn im Schweizer Herbst erwarten (um den strübsten Teil des Winters kommt er herum; dann ist er – wenn auch vielleicht unter anderem Namen – mit meiner Frau und mir in Australien). Und ich habe auch keine Ahnung, ob ihm die Emmentaler Höger genausogut gefallen werden wie die Dünen von Maspalomas.

Aber ich weiss: Sehr schwerfallen wird ihm die Umstellung nicht.

Er wird in der Schweiz unter Menschen sein, die sich von den Leuten hier nur minim unterscheiden.

“Aus dem Leben eines Playaboys” gab es Folgendes zu berichten:

“Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Ärger am Strand. Und ein Verhör unter Bernern.”

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”

Aus dem Leben eines Playaboys (VI)

– „Mami: Morgen werde ich 15. Darf ich ab jetzt einen BH tragen?“
– „Nein, Max.“

Diesen Witz erzählte gestern ein Mann seiner Frau vor dem Hoteleingang.

Die Frau machte: „Hihi!“
Ich dachte: „Oho!“

Weil: Ich wusste, wo der Mann – hörbar ein Berner – den Witz herhatte: Aus der Berner Zeitung. Neulich hatten wir auf einer „Forum“-Seite noch genausoviele Zeilen frei, dass er wie dafür erfunden hineinpasste.

Fünf Millimeter mehr Platz, und der der Mann hätte einen anderen Witz erzählt. Seine Frau hätte vielleicht nicht “Hihi!” gemacht, sondern ihn überhaupt nicht lustig gefunden, worauf der Mann geschmollt hätte, sie finde seine Witze nie lustig, worauf sie erwidert hätte, seine Witze seien auch nie lustig, worauf er vorgeschlagen hätte, sie soll doch einfach einmal die Klappe halten, worauf sie gezetert hätte, nein, jetzt halte sie einmal – einmal! – nicht die Klappe, jetzt werde das z Bode geredet, worauf er erwidert hätte, das sei seiner Meinung nach jetzt aber der falsche Ort und die falsche Zeit, um so Sachen z Bode z rede, worauf sie gefaucht hätte, jetzt oder nie, worauf er gesagt hätte, dann nie, worauf sie sofort ausgecheckt und aus dem Bus zum Flughafen ihren Anwalt angerufen hätte, um die Scheidung einzureichen, worauf der Mann nach einer letzten Serwessa an der Poolbar an den Strand und von dort

ins Meer gegangen

wäre.

Wochen später würde seine heissluftballonartig aufgedunsene und von allerlei Getier angeknabberte Leiche von einem

Billigbrillenverkäufer (links, Mitte und rechts)

aus dem gleich um die Ecke liegenden Afrika gefunden.

Weil er nicht weiss, wohin damit, bringt er sie zum nächstbesten Allyoucaneatchinesen, der ihm dafür 5 falsche Euro in die Hand drückt. Der Extrem-Fielmann schickt das Geld in seine Heimat. Die Leute aus seinem Dorf bauen damit einen Brunnen und eine Schule; was übrigbleibt, wird in Boden-Luft-Raketen investiert.

Ich sehe gerade: Fotografieren am Strand ist hier gar nicht so hip, wie ich immer meinte.

Ich…

*zack!* *boing!*

“Nein! Nicht das Handy…!! – No! Not the cellphone!!…”

“…tami! Fuck! Seid ihr noch gebacken? Ich… – …damned! Fuck! Are you still baked!? I…”

*ngngngngngng*

“Das darf ja nicht wahr sein! Gebt das her! Nein! Nicht ins… – This may yes not be true! Give this here! No! Not in the…”

“…wunderbar. Super, wirklich. Jetzt ist es hinüber. – Wonderful. Super, really. Now it’s over it.”

*paff!* *paff!!* *paff!!!* *WUMM!*

*hust*

*würg*

*röchel*

Wo sind wir liegengeblieben? Ach ja.

Während das Paar also beim Hoteleingang stand und über den Bikiniwitz lachte und dann diskutierte, was man an diesem wunderschönen Abend noch unternehmen könnte, dachte ich: „Das muss es jetzt sein, das Prinzip vom Schmetterling, von dem nur ein Flügelschlag genügt, um…“. Aber dann kam ich nicht mehr darauf, um was auszulösen der Flügelschlag eines Schmetterlings genügen würde (einen Tsunami? Neuwahlen im Bundesrat? Die Senkung der Halbtaxtarife?) und begrub den Gedanken wie Max seine Träume vom BH.

(Übrigens: Max heisst im Witz, den wir publizierten, nicht Max, sondern anders. Ich habe ihn für diesen Beitrag umgetauft, um meinen Stammleser Thomas nicht zu brüskieren.)

Wie ich die beiden Berner so heiter und glücklich ihre nähere Zukunft beratschlagen sah, war ich versucht, mich mit den Worten „Jetz lueg ou do! No zwöi Bärner!“ zu ihnen zu gesellen. Mein rechtes Bein hing schon in der Luft, um den ersten Schritt auf das Duo zuzumachen, als sich aus der Abteilung „Vernunft“ in meinem Gehirn Rosanna-Pamela vom Nachtdienst meldete und brüllte: „Tu das nicht! Auf.Gar.Keinen.Fall!“

Ich kenne Rosanna-Pamela inzwischen gut genug, um zu merken, wann ich auf sie hören muss. Es war ja klar, was sie meinte: Sobald der Mann und die Frau wüssten, dass sie einen Landsmann vor sich haben, würde sich bis aufs letzte Komma genau dieser Dialog entspinnen:

Mann: „Ha! Die Welt ist schon klein! Guetenaaabe!“

Ich: “Guetenaaabe!”

(Er würde sich vorstellen. Ich würde mich vorstellen. Vielleicht würden wir Duzis machen. Wahrscheinlich aber nicht. Er scheint nicht so der Sofortduzismacher zu sein.)

Mann: „Wo wohnen Sie in Bern? Länggass? Matte?“

Ich: „Ich arbeite nur da. Wohnen tue ich in Burgdorf.“

Mann: „Burgdorf! Auch schön! Tolles Schloss! Was arbeiten Sie in Bern, wenn ich fragen darf?“

Ich (nuschelnd und bereits chli bereuend, Hallo gesagt zu haben): „Bei der Berner Zeitung.“

Mann: „Wie bitte? Ich habe Sie nicht ganz verstanden.“

Ich (etwas lauter): „Bei der Berner Zeitung.“

Mann: „Bei der BZ! Ich glaubs nicht!! Trudi! Herr Hostettler arbeitet bei der BZ! Die haben wir seit hundert Jahren abonniert. Den Bund hatten wir auch, aber jetzt haben wir ihn nicht mehr.“

Ich: „Das freut mich. Ich meine, für uns. Nicht für den Bund.“

Mann: „Was machen Sie bei der BZ? Für welche…wie sagt man?…Abteilung arbeiten Sie?“

Ich (wieder nuschelnd): „Auf der Redaktion.“

Mann: „Ah, Journalist!! Für welches Gebiet, wenn ich fragen darf?“

Ich (alle Hoffnung auf ein baldiges Ende des Verhörs fahrenlassend, in normaler Lautstärke): „Für das Forum.“

Mann: „Hm, hm. Das Forum. Und da sind Sie zuständig für…?“

Ich: „…alles Mögliche, aber nicht alleine. Wir sind ein Team. Es geht um Leserkontakte. Wünsche erfüllen. Bloggen. So Sachen. Briefe beantworten. Schreiben. Wir sind sozusagen…“

Mann: „Leserbriefe… Was ich schon immer mal fragen wollte: Drucken Sie eigentlich alle Leserbriefe ab, die sie bekommen?“

Ich: „Nein. Das wären viel zuviele. Wir haben pro Tag nur zwei Seiten für die Briefe, aber da muss noch anderes drauf, zum Beispiel…“

Mann: „…ich habe manchmal das Gefühl, dass Sie mehr SVP-Leserbriefe abdrucken als andere. Stimmt das?“

Ich: „Nein. Aber das hören wir oft.“

Mann: „Dann stimmts also doch?“

Ich: „Nein. Ich wollte sagen: Wir hören oft, dass wir mehr Leserbriefe von rechten Parteien abdrucken als von linke. Aber wir hören genausooft, dass wir mehr Leserbriefe von linken Parteien abdrucken als von rechten. Das gleicht sich übers Jahr ziemlich aus.“

Mann: „Schon klar. Aber ein bisschen rechts ist die BZ schon, oder?“

Ich: „Nicht, dass ich wüsste. Wie gesagt….“

Mann: „Was meinst du, Trudi? Ist die BZ nicht ein bisschen mehr rechts?“

Trudi (will endlich gehen): „Ich habe die BZ schon ewig nicht mehr gelesen. Ich mache nur das Sudoku.“

Mann: „Ämu, wenn ichs nicht schon gemacht habe, höhö. Wer ist jetzt schon wieder der Chef von der BZ?“

Ich: „Michael Hug.“

Mann: „Genau. Stimmt. Er ist ja auf diesen…diesen…jedenfalls etwas mit F gekommen. Mit dem hatte ich öppedie zu tun.”

Ich: “Z’Graggen Er hiess Andreas Z’Graggen, Das heisst, so heisst er eigentlich immer noch. Er ist nur nicht mehr unser Chef.”

Mann: “Eben. Das ist jetzt eben dieser Hug. Und? Wie macht er sich so, als Chef?”

Ich: „Tiptopp. Ich kann nicht klagen.“

Mann: „Logisch. Ist er ihr direkter Vorgesetzer? Oder wie ist das bei Ihnen?“

Ich: „Er ist der Chef von der ganzen BZ und deshalb auch mein Vorgesetzter. Aber wir haben für jedes Ressort noch eigene Chefs.“

Mann: „Interessant! Und Ihr Ressortchef ist…“

Ich: „Giuseppe Wüest.“

Mann: „Ah! Der Wüest!“

Ich: „Sie kennen ihn?“

Mann: „Nein.“

Ich: (wünsche mich nach Guantanamò) „Ich…“

Mann: „Mit den Inseraten läufts grad nicht so gut, wie man hört.“

Ich: „Ach – mit den Inseraten haben wir keine Probleme. Höchstens mit ein paar Inserenten.“

Mann: „Ich verstehe nicht ganz…“

Ich: „Mit Inserenten. Besser gesagt, mit Inserenten, die nicht mehr inserieren. Die sind ein bisschen ein Problem. Nicht die Inserate. Das war ironisch gemeint.“

Mann: „Jetzt ist es gegangen. Höhöhö.“

So würde das weitergehen, bis der Mond, des Zuhörens müde, frühzeitig untergegangen und die Sonne, die von dem sinnfreien Geplapper da unten nichts ahnen konnte, voller Vorfreude auf den neuen Tag aufgegangen wäre. Der Mann und ich würden über die BZ reden und reden und reden und am Samstag den Rückflug verpassen, aber das alles würde nichts daran ändern, dass die BZ halt schon ein bisschen mehr rechts ist als links, oder umgekehrt, oder nichts von beidem.

Deshalb liess ich den Berner und die Bernerin weiter darüber plaudern, was sie noch miteinander machen könnten in dieser Nacht – ein Sudoku vielleicht? – und ging ins Bett.

Bereits erschienen:

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”

Aus dem Leben eines Playaboys (V)

(Der Palmenmann wollte auf keinen Fall, dass er bei seiner Tüechliherunterholaktion fotografiert wird. Deshalb muss ein notdürftig improvisiertes Symbolbild als Illustration genügen.)

Etwas vom Schönsten an Orten wie diesem ist ja, dass einen hier keine Sau kennt; und auch kein Mensch.

Dazu nur ein spontan aus dem ärmellosen T-Shirt geschütteltes und entsprechend absurdes Beispiel: Wenn der Wind ein Tüechli von der Terrassenbrüstung in den zweiten Stock der nächsten Palme weht und sich der Mann, zu dessen Zimmer die Terrasse gehört, gewungen sieht, das Tüechli zechelend und sich streckend und unter allerlei Verrenkungen vom Baum zu holen, mag das bei den vielen Leuten, die ihm, hocherfreut über die Abwechslung, dabei zugucken, für Heiterkeitsausbrüche sorgen, die nach Ansicht des Mannes an der Palme eher nicht angebracht sind.

Doch sobald die Misson accomplished ist, wendet das Gafferpack (ist doch wahr. Man könnte ja meinen, es fliege hier nie ein Gebrauchsartikel von A nach B) sich wieder seinen ursprünglichen Tätigkeiten zu: Es versucht, den komplexen Handlungssträngen in seinen Utadanellaromanen zu folgen, tippt Kurznachrichten (“Roberto ist voll süss! Im Winter kommt er uns besuchen! Du wirst ihn liiiiieben!”) und erörtert, ob man es heute, am vierten Tag in diesem Hotel, jetzt vielleicht doch einmal riskieren könne, am Abend auswärts essen zu gehen, oder ob man nicht doch noch einmal hier speisen und morgen entscheiden wolle, ob man in die Stadt fahre.

„Stadt!“, sagt der Mann mit dem kümmerlichen Rest Autorität, den er sich in 15 Jahren Ehe mit einer Frau bewahren konnte, die, seit die Kinder aus dem Gröbsten heraus und bald fertig mit dem Studium sind, eine wie verrückt florierende Kita leitet und seit langer, langer Zeit im Gemeinderat sitzt, wo sie sich mit straffer Hand um das Soziale kümmert.

„Hotel!!“, sagt die Frau, und erinnert ihren Gatten daran, was die Begrüssungsapérodelegierte nach dem Einchecken zu den neuen Gästen gesagt hat; an das mit den Taxifahrern und den Appartmentverkäufern und den Mördern.

Mit Blick auf die nächsten 15 Ehejahre einigt man sich darauf, noch einmal innerhalb der Anlage zu tafeln.

Dieses Paar und all die anderen Menschen im Hotelgarten haben die Tüechlisache schneller vergessen, als der Palmenmann das Stück Stoff wieder über die Terrassenbrüstung legen und mit dem Aschenbecher, der so gut wie unbenutzt auf der Veranda des Nebenzimmers steht, beschweren kann. Wenn der Palmenmann das mit dem Beschwerenmüssen vorher gewusst hätte, wäre ihm etwas erspart geblieben, das bei ihm daheim auf Hundert und zurück Langzeitfolgen gehabt hätte. Er wäre im Quartier für immer und ewig derjenige gewesen, der sich vor zig Fremden einen von der Palme schütteln musste. Dass er nicht „einen“ von der Palme schüttelte, sondern „etwas“, und das von „schütteln“ keine Rede sein konnte – geschenkt. Das Stigma wäre er nie, nie mehr losgeworden.

Hier aber, in der Anonymität der Touristenmasse, in der es im Grunde jedem wurst ist, was der andere tut, braucht er sich nicht einmal für sein Missgeschick rechtzufertigen versuchen, indem er jeden und jede darauf hinweist, dass niemand – nicht einmal jemand, der fast drei Jahrzehnte lang an einem See lebte, an dessen Ufer alle fünf Minuten die Sturmwarnung losgeht – habe ahnen können, dass an so einem himmlischen Fleckchen Erde derartige Monsterböen um die Ecke geschossen kommen könnten.

Weniger schön an Orten wie diesem sind gewisse bauliche Eigenheiten. Diesen Fall

habe ich schon beim Landeanflug auf Las Palmas stirnrunzelnd studiert. Seither bin ich am Werweissen, ob da, unbemerkt von den Medien (und vertuscht von der Regierung!), einmal etwas ziemlich Grosses hineingeflogen (worden) sei, oder ob der Bauherr irgendwann einfach kein Geld mehr hatte, worauf die Handwerker ihr Wärli packten und sich daran machten, etwas weiter rechts das nächste Bijou aus dem sandigen Boden zu stampfen.

Erst jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, fällt mir auf: Neun von zehn Männern bestellen an Bars etwas Alkoholisches.

Ich mag das nicht vertiefen. Ich wills und kanns auch nicht werten. Es ist einfach so.

Wenn das kein Schnappschuss vor den Bug des Pulitzerpreis-Komitees ist: Mit diesem Bild zeige ich weltexklusiv – und erst noch farbig! – den Mann, der auf den Kanarischen Inseln das Wetter macht.

Daran, dass er sein Handwerk versteht, gibts keine Zweifel: Drei Stunden, nachdem ich ihn (Notiz an den Presserat: Ohne sein Wissen und nicht im Traum daran denkend, ihm zu erklären, dass ich das Bild unverpixelt veröffentlichen werde. Wenn ichs ihm gesagt hätte, wärs kein Schnappschuss mehr gewesen. Und mit gestellten Bildern muss man den Pulitzerleuten nun wirklich nicht kommen) fotografiert habe, wars auf der Insel schon nicht mehr so frostig:

Erkenntnis des Tages: Ich muss mich politisch noch stärker engagieren als bisher, und zwar mit den Schwerpunkten Finanzen, Währungen, Weltfrieden. Darauf bin ich gekommen, als im im Supermercato Zigaretten holte. Für vier Päckli Camel blätterte ich 9.60 Euro hin. In Sydney bezahlte ich für dieselbe Menge Stoff gleicher Qualität 68 australische Dollar. Das sind umgerechnet…Sekunde, ich habs gleich…68 Franken.

Auf dem Weg zurück in meine Behausung dachte ich intensiv darüber nach, worin der Grund für diese Diskpranz liegen könnte. In dem Moment, in dem ich die durchgezogene Sicherheitslinie überquerte, fiel es mir wie Schuppen von den Fischen in der Hotelküche: Je weniger ein Land mit Europa zu tun hat, desto teurer sind dort die Zigaretten. Australien etwa hat mit Griechenland nichts gemeinsam, ausser dem schönen Wetter und viel Meer an den Rändern. Das auf dem Suchtmittelsektor wesentlich kundenfreundlicher operierende Gran Canaria hingegen würde glatt als Zwilling von Griechenland durchgehen (Melonen, Esel, Antiquitäten).

Es gilt folglich, enger zusammenzurücken, auch wenn das im Fall Australien und Griechenland auf den ersten Blick leichter gesagt scheint als getan. Es geht darum, jene Nationen, bei denen die Städte am Südpol den Grossteil der Zentrumslasten tragen, stärker an Europa zu binden und langfristig in die Preispolitik nördlich des Äquators zu integrieren.

Das schaffen wir nur, wenn wir alle – ich betone: alle! Auch die Kita-Leiterinnen, Taxifahrer und Appartmentverkäufer – uns auf unsere Stärken besinnen und gleichzeitig mit allen Mitteln versuchen, die Schwächen der anderen zu eliminieren. Die Zeiten, in denen jeder nur für sich selber eine Grube schaufelte und darob völlig vergass, dass es primär darum geht, was der Nachbar mit dem Balken im Auge für einen tun kann, sind vorbei.

Heute Abend: Grosse Akrobatik-Show. Da ist überdurchschnittlich viel Gelenkigkeit gefragt, und viel Gleichgewichtsgefühl, und ein Übermass an Koordinationsvermögen.

Sobald ich den Tigertanga gefunden habe, gehe ich Keulen mieten.

(Morgen live von der Insel: Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Verhör unter Bernern. Ärger am Strand.)

Bereits erschienen:

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”.

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”

Aus dem Leben eines Playaboys (IV)

Er kam ohne Warnung: Der Einschlag von vier Japanern Chinesen Koreanern Asiaten auf dem Westflügel des Hotelpools riss auch mit ausgeschalteten Hörgeräten dösende Gäste aus ihrer wohligen Lethargie.

Seither ist nichts mehr, wie es einmal war. Hinlegen, Augen schliessen – schon fühlt man sich wegen des ununterbrochenen und zuweilen fast unverständlichen Geschnatters aus Fernost wie an einem gigantischen Ententeich statt in einer Oase der kollektiven Kontemplation.

Die Schweizer Fraktion unter den Umliegenden nimmts gelassen: Morgen früh schlottert das Quartett ein paar Lawinen vom Jungfraujoch oder knipst das Kolosseum in Rom in handliche Stücke (nein: Nicht “oder”. “Und”.).

Am Nachmittag – die Asiaten sind nach dem Trip ins Berner Oberland und einer für alle Beteiligten unvergesslichen Reise nach Rom im Basislager zur Eiffelturmspitze angelangt, ohne ein Gesicht oder eine Kamera verloren zu haben; Letzteres wäre eine Katastrophe – treffen sich die von den Ereignissen etwas überrumpelten Spitzen des Römer Tourismusbüros auf den Trümmern des Kolosseums zur Lagebesprechung:

– “Und jetzt? Was machen wir jetzt?”

– “Kasse. Soviel Kasse wie noch nie.”

– “Bene. Wieviel haben die Berliner damals für un piccolo pezzo Mauer verlangt? 10 Mark? Machen wir 50!”

– “Bei den Viagravorräten des Berlusconi! Du kannst doch nicht die Mauer mit dem Kolosseum vergleichen! Wie lange stand das eine? Wie lange ist das andere schon da? 100, Minimum. Plus Steuern, Zoll und alles.”

– “Gut. 500.”

– “500 was? Euro?”

– “Das sehen wir dann. Kommt auf die Griechen an. Irgendwie kommts ja immer auf die Griechen an.”

– “Merda!”

– “Hat übrigens jemals ein Kaiser auch nur einen Fuss auf die Mauer gesetzt?”

– “Nein. Aber Kennedy.”

– “Das ist etwas anderes. Kennedy ist tot.”

– “Caesar auch.”

– “Wie gesagt: Das ist etwas anderes. Kennedy ist Kennedy. Caesar ist Caesar. Und ich bin hier der Chef.”

– “Naturalmente. Ich meinte ja nur.”

– “Also. Mit Steuern, Zoll, Caesar, Nero, den Christen und den Löwen und so weiter: 800.”

– “Runden wir auf. Touristen haben sowieso nie Münz. Und wenn doch, schmeissen sies in den Brunnen von dieser Ekberg. 1000.”

– “Pro Stein?”

– “Pro Eintritt. Die Steine kosten extra.”

(In den wachsamen Augen ganz sensibler Zeitgenossen mag das mit den Asiaten vielleicht chli rassistisch erscheinen. Nun denn: Verklagt mich doch. Denkt einfach daran: Ich blogge hier unter iberischer Flagge in königlich-spanischem Hohheitsgebiet. Viel Spass mit den Rechtshilfeersuchen!)

Zurück zum Pool. Eigentlich wollte ich heute die wenigen geschriebenen und vielen ungeschriebenen Regeln, denen das Dasein an demselben unterworfen ist, zum Mittelpunkt meiner Ausführungen machen. Im Kopf hatte ich, wie sich das für einen gewissenhaften Journalisten auch im temporären Ruhestand gehört, schon einen packend-informativen Einstieg vorformuliert und mir etwelche Mühe gegeben, dabei nicht allzusehr ins Boulevardeske abzugleiten:

“Das Areal rund um den Hotelpool ist eine Welt für sich. Nirgendwo sonst – nicht einmal im Bundes- oder einem anderen Rat – wird so fies intrigiert, skrupellos geellböglet, hinterhältig taktiert, ungeniert geschnödet oder kurz: um den eigenen Vorteil gerungen wie an diesem Wasserbecken, an dem nicht wenige ihre kompletten Ferien durchstehen, -liegen und -höcklen, obwohl sie sich in Zürich-Kloten noch so darauf gefreut hatten, jetzt endlich einmal “das andere Gran Canaria” zu entdecken. Das mit dem Essen bei Eingeborenen samt Ritt auf Pablito, dem eigens dafür gezüchteten Eseli.”

Am Beispiel des Liegenbesetzens by Badtüechli zu nachtschlafener Stunde wollte ich aufzeigen, wie idiotisch sich äusserlich völlig normal wirkende Leute aufführen, wenn es darum geht, sich die Poleposition am Pool zu sichern. Aber dann bemerkte ich am Beckenrand dieses Schild:

(Brille verlegt? Kontaklinsen verloren? Auf der Tafel steht in sämtlichen gängigen Weltsprachen, es sei verboten, die Liegestühle vor 9 Uhr morgens zu okkupieren.)

Damit war meine Geschichte natürlich gestorben.

Glaubte ich…

…bis ich um kurz nach 5 waseliwas sah?

Um Missverständnissen vorzubeugen und dem sicher auch hier mitlesenden Geheimdienst mit aller gebotenen Deutlichkeit klarzumachen, dass ich null Interesse an einem Jobangebot habe: Ich stand nicht extra so früh auf, um zu kontrollieren, ob amänd doch schon ein Liegestuhl besetzt sei. Ich bin um diese Zeit immer puurlimunter und platze schier vor Tatendrang.

Was nun? Sollte ich die Geschichte wiederbeleben? Oder in Frieden ruhen lassen? Sind auch für Geschichten Wiedergeburten denkbar? Was, wenn sie auf einmal in Form eines Hinterdenkulissenberichts aus dem Musikantenstadl vor mir steht?

Während ich versuchte, mich zu einer Entscheidung durchzuringen, fielen die Mitbewohner des Hotels über das Zmorgebuffet her wie Piranhas nach dem Ramadan über eine frisch geschächtete Kuh und plünderten die bis zum Rand mit süssen und sauren und scharfen und milden und fetten und gesunden Köstlichkeiten gefüllten Hochglanzbecken bis auf die letzte Haferflocke.

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Ich wurde ganz konfus: Nebenan ging die Dusche los. Ein Auto fuhr vorbei. Die Hotelkatze hob den Kopf. Draussen bestellte ein Mann aus dem Land Goethes und Grönemeyers, beherzt seinen ganzen Fremdwörterschatz plündernd, “una Serwessa mas!” (alle Männer bestellen hier immer “una Serwessa mas”, egal, was für Zeit ist, und unabhängig davon, obs der Gemahlin passt oder nicht. Ich bleibe beim agua mineral. Wenn ichs an der Bar richtig krachen lassen will, darfs auch mal ein Cola Zero sein). Laut klopfend begehrte das Zimmermädchen (“Zimmermädchen” ist ein gutes Stichwort: Heissen die Zimmermädchen immer noch Zimmermädchen? Oder gibts es nun auch dafür einen jedes Visitenkartenformat verhöhnenden Fachbegriff im Sinne von “Junior Vice Consultant Underwriter in the Back Office of the Room Service & Cashuality Affairs Department at Parque Tropical Hotel, Playa del Inglés, Gran Canaria?”) Einlass in Camera 120.

Ich tat, was ein Mann in solchen Situationen eben tun muss: Ich ging zum Strand. Untewegs zählte ich die Palmen. Als ich unten angekommen war, hatte ich die Sache mit der Geschichte vergessen.

“Comes a time”, sang Neil Young mit seinen “Crazy Horse” 1978 (für Zeitgenossen mit ramponiertem Kurzzeitgedächtnis):

Genau der Neil Young, der mit seiner Band soeben das Album “Americana” produziert hat, das “fantastisch”, “grossartig”, “zeitlos”, “wegweisend” “epochal” oder “grandios” nennt, wer the british art of understatement zu schätzen weiss, dieser Neil Young also sagte im Zusammenhang mit Poolliegestühlen und Woodstock einmal…

…Mist. Jetzt habe ich den Faden verloren.

Jedenfalls: Gestern Abend stieg, von den aus diesem Anlass ganz besonders hell strahlenden Sternen beschienen, die von allen mit einer fast schon fiebrig zu nennenden Vorfreude herbeigesehnte grosse Schlagersause. Weil ich keine anderweitigen Projekte hatte, nahm ich in dem grossen Openairrestaurant irgendwo Platz, wos grad noch Platz hatte, und liess mich, im Beisein von sechs oder sieben anderen Zuhörerinnen und Zuhörern (darunter ein Hotelkoch und eine Serviertochter) auf eine Zeitreise durch die letzten Jahrzehnte entführen: “Anita”, “Blue blue, blue Johnny blue”, “La paloma blanca”, “Ein Stern, der deinen Namen trägt”…unsere kleine Schicksalsgemeinschaft wurde von der mit voller Wucht über uns hinwegrollenden musikalischen Schleimmasse beinahe von den Sitzen gespült.

Auch oder gerade weil das Duo konsequent auf mindestens Halbplayback setzte und gänzlich darauf verzichtete, Liedgut von George Michael, Phil Collins und James Blunt zum Vortrage zu bringen, verbuchte ich das als grande Spettacolo angekündigte Geschrummel als nette Abwechslung im ansonsten doch eher spettacolofreien Ferienalltag.

Wie die Künstler heissen, ist mir über Nacht entfallen. Dafür weiss ich noch, dass sie einen schwarzen Minijupe trug und er eine Frisur hatte, die vor 30 Jahren topmodern gewesen sein musste.

“Topmodern”…”topmodern”…ach ja: Das Lied von Neil Young! Auf “Comes a time” kam ich (vermutlich) nicht wegen des Pools, sondern, weil für die time des Abschieds von diesem Fleckchen Erde mit fast chli beunruhigend grossen Schritten naht. Noch heute, morgen, übermorgen – und schon ist wieder fertig Lustig.

Weitere Ferienpläne? Momoll, die gibts.

Aber eher für später.

Nachtrag: Ich sehe gerade – es gibt sie noch, die Zimmermädchen.

(Morgen live von der Insel: Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.)

Bereits erschienen:

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”.

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”

Aus dem Leben eines Playaboys (III)

Begrüssungsapéros sind laut den Hotelverantwortlichen dazu da, den neuen Gästen die Möglichkeit zu bieten, sich kennenzulernen. Den vertrauten Orangensaft literweise durch die vom Flug und der Hitze ausgetrocknete Kehle schüttend oder süüferli an einem dieser bunten Drinks nippend, die man vom “Traumschiff” her kennt (“Koste mal, Heinz! Mango!!”), sollen die sich Fremden schnell zu Freunden werden, die miteinander wie gewünscht und gebucht die schönste Zeit des Jahres verbringen.

Weiter ist es für die Gastgeber natürlich praktisch, wenn sie die ahnungs- und arglosen Frischlinge in dieser ganz und gar unverkrampften Athmos Atmos Atmosf Atmosph Stimmung darauf hinweisen können, dass alles, was man als Tourist so zum Leben benötigt, in der fortknoxartig gesicherten Hotelanlage erstanden werden kann. Nach draussen brauche sich im Grunde folglich niemand zu bemühen.

Natürlich; Auf eigene Faust durch die Stadt zu bummeln, sei jedem freigestellt, fügen die Begrüssungsapérodelegierten jeweils an. Nur: Jenseits des geschützten Hotelrahmens würden sie halt lauern, die über Seniorenleichen gehenden Appartmentverkäufer, mit allen Scheibenwischwassern gewaschenen Taxifahrer und unzählige weitere Gefahren, die aus den unbeschwerten Ferien schwuppdiwupp ein – kurze Kunstpause – tödlich endendes Abenteuer machen können.

Das alles interessiert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Veranstaltungen nur sehr peripher. Ihnen ist primär daran gelegen, noch vor dem Zimmerbezug abzuchecken, welcher von diesen bleichen Heinis, die einem schon an der Rezeption, in der Schlacht um die Schlüssel, negativ aufgefallen sind, der grösste Konkurrent im Krieg um die besten Poolplätze sein wird. Und welche von diesen aufgedonnerten Schlampen frau später, am Buffet, wie ausbremsen muss, um den Teller vor allen andern randvoll mit all dem exotischen Zeugs zu füllen, das adrett auf crushed Eis drapiert darauf wartet, kurz probiert und dann stehengelassen zu werden.

Wer die ersten Stunden auf dem fremden Terrain überlebt und am dritten Tag vielleicht sogar eine Zigarette auf dem Trottoir vor dem Hotel rauchen konnte, ohne im milden Licht des frühen Morgens von einer Maschinengewehrsalve aus dem gegenüberliegenden Parfümladen niedergemäht zu werden, kommt womöglich auf die tollkühne Idee, einmal auswärts zu essen gehen. Mit etwas Glück landet er oder sie dann in einem Lokal, in dem nicht nur Currywurst oder Eisbein, sondern auch einheimische Spezialitäten zur Auswahl stehen.

Ich zum Beispiel genoss unten am Strand eine

wunderbare Paëlla.

Während ich so vor mich hinkaute, überlegte ich mir, ob ich mir überlegen soll, wieviele von den 19 Euro, die ich für den Reis und die Scampi und das Huhn und die Muscheln und das Kaninchen und die Erbsli und alles hinlegen würde, wohl bei dem Fischer landen, der Nacht für Nacht hinausfährt, um die für derlei Speisen erforderlichen Zutaten mühevoll aus den unergründlichen Tiefen des Ozeans zu hieven, derweil zuhause Frau und Kinder mantramässig ihr „Petri Heil“ beten, auf dass ihr Geliebter und Ernährer einen guten Fang mache, auf dass wiederum sie etwas Sättigendes und Warmes in die Mägen bekommen; oder wenigstens ein paar Fische, die von den Einkäufern der Grossverteiler und den Restaurantbesitzern an der Promenade als zu mickrig taxiert und dem Lieferanten kaltschnäuzig vor die Füsse geknallt wurden.

Aber dann dachte ich: Darüber nachzudenken, ist für jemanden, der von Betriebswirtschaft soviel Ahnung hat wie ich, sinnlos. Ich bin ja kein Önologe. Den Gesprächen an den Nebentischen zu lauschen, hatte einerseits einen gewissen Unterhaltungswert („Playa heisst auf Spanisch soviel wie spielen“). Andrerseits wars aber auch ziemlich bemühend. Das Gemecker über das Land und die Menschen, die es bewohnen, wollte nicht enden. Es ist aber auch ein Elend: Da verschuldet man sich Jahr für Jahr aufs Neue über beide Ohren, um der Misère daheim wenigstens für zwei Wochen entfliehen zu können – und dann kostet eine Strandliege 3 Euro pro Tag.

Zum Sympathieträger der Woche erkor ich spontan jenen Herrn (die Nationalität des Deutschen spielt keine Rolle), der seine aktuelle Lebensabschnittspartnerin vermutlich nur deshalb in die Ferien begleiten durfte, weil er wenige Stunden vor dem Abflug fast ohne Zicken zu machen akzeptiert hatte, dass sie diese Reise primär für ihren und mit ihrem Sohn unternimmt.

Als das etwas wackelig wirkende Familienmodell auf den drei somit nicht mehr freien Plätzen an meinem Tisch installiert war, fragte der vielleicht fünfjährige Bub, was ich da esse.

Bevor ich etwas sagen konnte – nicht, dass ich unbedingt etwas hätte sagen wollen – antwortete der Vater auf Zeit: „Ne Pälla.“

Der Bub (ernsthaft interessiert): „Was ist das? Was ist da drin?“

Der Mann (in einem Ton, in dem der ganze Frust darüber mitschwang, die Ferien mit dem lästigen Goof absitzen zu müssen, statt sie liegend mit scharf und allem nur mit der Mutter geniessen zu können): „Meerscheiss. Musste nicht haben.“

Daraufhin bestellten alle drei original echte Wiener Schnitzel mit Pommes, wobei der Kleine auf seinen vielseitigen Wunsch hin ebenfalls eine Erwachsenenportion vorgesetzt bekam, von der er tatsächlich einen Viertel vertilgte. Der Rest – darunter das komplette Schnitzel – : Return to sender.

Und damit wirds Zeit für ein bisschen Musik. Ich bin gleich wieder da. Mit einem neuen Trend, Beobachtungen von der Kellnerfront – und mit einer Frage, die kein Mensch je wird beantworten können.

Schön, nicht?

Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Das Lied ist 60 Jahre alt und wird von Elvis Presley gesungen. Der checkte erst im Heartbreak Hotel ein und dann – das war noch im letzten Jahrtausend – im Rock’n’Roll-Himmel, weil er zuviele Hamburger und Tabletten gegessen hatte. Denkt also mal über eure Grundnahrungsmittel nach.

Wenn wir thematisch schon in die Höhe gestiegen sind: Beim Pällaessen entdeckte ich einen neuen Einrichtungstrend. Wer für seine Bilder keinen Platz mehr an den Wänden findet, hängt sie einfach an die Decke:

Tate Gallery. Museum of Modern Arts. Louvre. Stiftung Uetendorfberg: Wieviele Bilder mögen, von der Öffentlichkeit unbeachtet, in den Kellern dieser Kunstinstitutionen lagern? Da eröffnen sich doch völlig neue Perspektiven, in jeder Hinsicht! Und das alles dank eines Beizers in Playa del Inglés, der eines Tages nicht mehr wusste, wohin mit seinen Postern.

A propos “Beiz”: Obwohl ich nun schon seit drei Tagen auf dieser Insel bin, hat sich mir das auf Vollbeschäftigung beruhende Arbeitsprinzip der hiesigen Kellner noch immer nicht zur Gänze erschlossen. Vor allem habe ich etwelche Mühe damit, zu kapieren, wie das rentieren kann.

Aber eben: Ich bin kein Ökologe.

Das Vollbeschäftigungsprinzip der Kellner auf Gran Canaria geht so:

Kellner A zerrt den Passanten in die Beiz, und zwar unabhängig davon, ob dieser bereits gegessen oder woanders reserviert hat.

Kellner B rückt für den verdatterten Gast, der sich nur langsam mit seinem Schicksal abfindet, einen Stuhl zurecht.

Kellner C sagt dem Gast etwas Nettes.

Kellner D erkundigt sich danach, was der Gast zu trinken gedenke.

Kellner E fragt den Gast, ob er etwas zu essen wünsche.

Kellner F bringt das Getränk.

Kellner G bringt die Speisekarte.

Kellner H notiert die Bestellung.

Kellner C schaut erneut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner I deckt den Tisch ein.

Kellner J schleppt einen Zweiliterkrug Wasser an, mit Limettenschnitzen und der halben Antarktis drin.

Kellner K bringt das bestellte Getränk.

Kellner L hat mit dem Gast eigentlich nichts zu tun, will aber trotzdem wissen, ob alles in Ordnung sei.

Kellner M bringt die Vorspeise.

Kellner N räumt die Vorspeise ab.

Kellner O wechselt das zum Teil noch gar nicht benutzte Besteck aus.

Kellner P bringt den Hauptgang.

Kellner C schaut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner Q räumt ab.

Kellner R ist derjenige, der

Kellner S ausrichtet, dass man gerne zahlen möchte.

Kellner T bringt die Rechnung auf einem Klemmbrettli:

Kellner U holt das Klemmbrettli mit dem Geld darauf ab.

Kellner V bringt das Wechselgeld.

Kellner W behändigt das Trinkgeld.

Kellner X verabschiedet den Gast wortreich.

Für die Kellner Y und Z gabs in meinem Fall nichts zu tun. Ich hätte noch ein Kafi ordern sollen.

Dann geht man, überraschend tiptopp verpflegt, zurück auf die Strasse. Dort fallen einem als Erstes die vielen jungen und fast schon beänstigend aufgestellten Menschen auf, die den Touristen Flyer verteilen. Diese künden in knallbunten Grossbuchstaben davon, dass in der Disco „Dreamland“ (oder in einem vergleichbaren Tanz- und Knutschschuppen) heute Abend Die! Absolute! Megagigasuperduperschaumparty! steige, zu der man hiermit aufs Herzlichste eingeladen sei, sofern man 15 Euro Eintritt und die Getränke selber bezahle.

Wenn man an diesen Flyerverteilern vorbeispazieren kann, ohne dass sie einen bis unter die Hoteldusche verfolgen: Spricht das gegen die Arbeitsmoral dieser jungen Leute?

Oder vielleicht doch eher dafür, dass man ab einem bestimmten Alter mit einem gewissen Auftreten dermassen abgeklärt wirkt, dass einem derlei Angebote nicht den geringsten Eindruck mehr zu machen vermögen?

(Morgen live von der Insel: “Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt).

Bereits erschienen:

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”

Aus dem Leben eines Playaboys (II)

Wieviele Gletscher lassen wir noch dahinschmelzen, bis diese Riesenbananen, die immer so lustig kippen, nur noch mit Ruderbooten übers Meer gezogen werden dürfen?

Und, wenn wir schon bei der Umweltverschmutzung sind: Wieso läuft eigentlich in jeder – jeder! – Strandbar Musik von George Michael (“Careless whisper“), Phil Collins (“One more night“) und James Blunt (“You’re beautiful“)?

Warum kanns nicht einmal etwas anderes sein, zum Beispiel so öppis:

?

Sind diese drei Songs amänd der kleinste gemeinsame musikalische Nenner aller Menschen?

Wenn ja:

“Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.

Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message He Is Dead,
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.

He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last for ever: I was wrong.

The stars are not wanted now: put out every one;
Pack up the moon and dismantle the sun;
Pour away the ocean and sweep up the wood.
For nothing now can ever come to any good.”

(“Funeral Blues”, W.H. Auden).

Falls dieses Gedicht jemandem bekannt vorkommen sollte: Es spielte eine ebenso grosse wie bewegende Rolle im Film “Four weddings and a funeral”:

Gestorben – ich kann mich nicht entsinnen, je eine geistreichere Überleitung von einem Thema zum nächsten geschafft zu haben – wäre auch ich fast heute.

Der Grund: Ich war stundenlang bei weit über 30 Grad im nicht vorhandenen Schatten und Windstärke 0 auf Recherche in den Dünen von Maspalomas.

Oder, wie die Habitués zu sagen pflegen: In “Las Dunas“.

Was wird über diese Dünen nicht alles erzählt! Was wurde über Las Dunas nicht schon alles geschrieben!!

In einschlägigen Kreisen gelten sie als gigantischer Openair-Sexspielplatz. Dem Vernehmen nach geht es dort rund um die Uhr wilder und ungezügelter zu und her als im alten Rom, nur mit viel mehr Germanen als Römern.

Hinter jedem zweiten Busch, wird gemunkelt, frönen Menschen Tàtigkeiten, die der Fortpflanzung dienen oder auch nur so Spass machen. In den nicht sexuell genutzten Sträuchern lauern scheints mit grosskalibrigen Kameras ausgerüstete Menschen vorwiegend männlichen Geschlechts, die das Treiben in den Büschen sabbernd dokumentieren.

Gemessen daran, dass ich mich für meine Mission in nächster Nähe eines freikörperkulturell schwer kontaminierten Gebietes bewegen musste, fühlte ich mich in meinen Stoffturnschuhen, der Badehose und dem ärmellosen Shirt leicht overdressed. Von meiner Wanderung durchs sandige Wellental hielten mich derlei Petitessen jedoch nicht ab; ganz im Gegenteil. Wäre ich baren Fusses und Füdlis ausgerückt, wäre das Unternehmen nach den ersten paar hundert Metern wegen akuter Verbrennungen gescheitert.

So aber wandelte ich beschwingten Schrittes und offener Sinne Högerli uf und Högerli ab und Högerli uf und Högerli ab und – irgendwann nicht mehr soooo beschwingt – weiter Högerli uf und Högerli ab und Högerli uf und Högerli ab.

Wenn ich nicht längst wüsste, was es bedeutet, einen Schritt vorwärts und zwei Schritte rückwärts zu machen: Jetzt wärs mir klar. Sonnenklar sogar.

Zwei Stunden vergingen, ohne dass ich auch nur fatamorganisch etwas hätte erkennen können, was entfernt an Sodom & Gomorrah erinnert hätte.

Was ich sah, waren:

– Steine,

– Büsche,

– eine vierköpfige Familie,

– zwei junge Männer, die einander einen Frisbee zuwarfen,

– einen halbverdorrten, aber noch lebenden Hund,

– leere Bierdosen,

– Holzstücke,

– Sandkörner bis an den Atlantik abe, natürlich, und

– einen drahtigen Senior, der sich, auf einer Krete im Gegenlicht stehend, von seiner Frau fotografieren liess.

Während ich weiterging, stellte ich mir vor, wie das sein würde, bei Schmitts daheim, wenn Helga ihre Ferienfotos jedem zeigt, der sie sehen will (und vor allem all jenen, die nicht rechtzeitig vor ihr und ihrer “Gran Canaria 2012”-CD flüchten konnten):

“Und dann”, wird Helga Schmitt sagen, “dann samma in de Wüschde glauffe. Da Kalle isch aufn höchschten Hügel kleddat, mit seinem Heaz. Isch sach euch…”.

Dauerhausgast Günther, der die Fotos schon zwei-, dreimal gesehen hat und inzwischen beim besten Willen nicht mehr imstande ist, für Kalles Abenteuer das von Helge gewünschte Interesse zu heucheln, wird genauso laut, dass mans hören kann, murmeln: “Wüschde. Aba sicha. Dess sieht ma nur schon an dea Tafel im Hindagrund, auf dea wo eina Weabung füas Baragleide macht.”

Für Helga ist der Abend damit gelaufen. Aber morgen kommen ja Hagens vorbei.

Ewigkeiten später…

…aber ich mag jetzt nicht die ganze Wanderung noch einmal machen, und wenns nur im Kopf ist.

Um die Sache abzukürzen: So nah ich auch an die legendären Sträucher ging,

ich sah nichts, was ich zu sehen erhofft erwartet befürchtet hatte.

Dafür herrschte diese Nacht im Hotelzimmer über mir ziemlich Betrieb. Aber mir wars egal. Ich hätte auch nicht hingesehen, wenn die beiden ihrer Arbeit auf dem freien Bett neben meinem nachgegangen wären. Ich entschuldigte mich noch einmal stumm bei meinen geschwollenen Fussgelenken und schlief wieder ein.

Um punkt 4 Uhr war er dann wieder da, der künstliche Regen vor dem Balkon. Falls in meinen Träumen Sand eine Rolle gespielt haben sollte: Jetzt wäre er weggewaschen.

(Morgen live von der Insel: “Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”)

Bereits erschienen:

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”

Aus dem Leben eines Playaboys (I)

Samstagnachmittag, 12.15 Uhr: Wenn das alles chli gehetzt wirkt jetzt – sorry. Es muss alles ziemlich schnell gehen, weil: Es pressiert.

Im Moment, in dem ich das schreibe, sitze ich in der Halle zum Gate 5 im Flughafen Zürich. Draussen geht die Welt unter: Endlos fällt Regen auf die nass glänzenden Rollbahnen. Alle zwei Minuten sticht ein Flugzeug in den Himmel, der vor lauter Grau kaum zu sehen ist. In einer Viertelstunde steige ich in eine Maschine der chli trudelnden Air Berlin. Sie wird mich in dreieinhalb Stunden nach Las Palmas auf Gran Canaria bringen.

Das Wetter dort: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.
Und hier noch die Vorhersagen für die kommenden Tage: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.

Ich bin der einzige Gast an dieser ungastlichen Bar. Die anderen Passagiere sitzen in ihren Plastikstühlen und warten darauf, dass ihre Flüge aufgerufen werden. Wenn ein gewisser Juri Sowiesitsch, der von Moskau nach New York reist und in Zürich vom Fräulein im Lautsprecher ständig gebeten wird, sich bei der Information zu melden, sich nicht subito bei der Information meldet, ist der Zug für ihn bald abgefahren. Und das im Unique Airport.

Zeit für tiefschürfende philosophische Betrachtungen habe ich, meine A320 hinter dem Wasservorhang nur schemenhaft vor Augen, für einmal nicht. Deshalb nur kurz: Die neusten Flughafentrends:

– Der Raucher wird wieder als Mensch betrachtet. Jedenfalls scheint es hier, wo noch vor Kurzem Sondereinheiten der Polizei patrouillerten, um jeden dingfest zu machen, der auch nur den Anschein erweckte, ein Päckli Zigaretten aus dem Poschettli zu ziehen, deutlich mehr Reservate für unser Randgrüppli Raucherlounges zu geben als auch schon.

– Die Frauen entdecken ihre eigenen Stärken: Auffallend viele weibliche Fluggäste schleppen ihre Silbermetaliséehartschalenkoffer selber. Die Männer bummeln, das in einem Rucksäckli verstaute Handgepäck locker über die Schuler drapiert, nebenher.

– Der Gattin im Dutyfree-Shop vor allen Leuten eine Ohrfeige zu verpassen: Das ist noch kein Trend. Falls es einer werden sollte, kann ein grob geschätzt 200 Kilo schwerer Amerikaner in einem rotweissen „I love Switzerland“-Shirt und einer Dàchlikappe mit dem Eiffelturm drauf für sich beanspruchen, ihn gesetzt zu haben. Aber vielleicht macht er ja nur nach, was er von seinem Vater abgeschaut hat, und der von seinem Vater, und der von seinem. Vielleicht liegt in dieser Familie das Ohrfeigen einfach in den Genen. Dann wäre es natürlich etwas anderes und auch in diesem jüngsten Fall entschuldigt.

– Bis Neugeborene noch an der Nabelschnur hängend mitfliegen, ist eine Frage der Zeit. Auch wenn ich sonst grundsätzlich nichts Politisches unterschreibe: Wer auch immer mir ein Formular unter die Nase hält, mit dem gefordert wird, das Insflugzeugbringen von Kindern unter zwei Jahren zu verbieten – mein Autogramm hat er oder sie auf sicher. Nichts gegen Kinder; wirklich nicht. Aber einiges gegen Eltern, die unmittelbar nach der Endbindung samt Bébé in die Luft gehen. Das Kind dreht vor lauter Angst und Druckabfall fast durch, die Mitreisenden haben keine Sekunde Ruhe, das Flugpersonal – das ziemlich sicher schon mit dem Grossen ausreichend beschäftigt ist, kommt kaum mehr aus dem Sichumsmami kümmern heraus.

„Die Passagiere von Flug AB2086 nach Las Palmas werden gebeten…“: Ich muss.

Wobei: „Muss“?

Der Pilot, dessen Name ich leider in den Moment vergesse, in dem er sich und die Cabin Crew vorstellt, ist ein freundlicher Mann. Um uns die Wartezeit bis zum Start zu verkürzen, gibt er durch, das uns die Piste 16 zugeteilt worden sei, dass die Flughöhe 11 300 Meter betragen werde und dass wir mit durchschnittlich 853 Stundenkilometern über Lyon, die Pyrenäen, Funchal und ein Stück Atlantik nach Gran Canaria düsen würden. Das Abfluggewicht betrage gut 70 Tonnen.

Letzteres scheint er mit einem feinen Unterton zu sagen. Falls er mich gemeint haben sollte: Ich kann ihn beruhigen: Ich will auf den Kanaren nicht nur am Strand liegen, sondern mit extrem zügigen Spaziergängen am Meer, schweisstreibenden Velofahrten über Land und harter Arbeit ultimativen Workouts im hoteleigenen Fitnesszenter auch und vor allem kiloweise Pfunde verlieren. Im Idealfall heben wir in einer Woche in einer wesentlich leichteren Maschine ab. In einem Flugzeug mit Untergewicht, quasi.

Et voilà: Sonne, gut 30 Grad und kaum Wind.

Natürlich hat der Fahrer des Hotelshuttles Verspätung oder den Termin vergessen, aber dafür gibts ja Taxis. Für 28 Euro bringt mich ein bemerkensewert schweigsamer Spanier nach Playa de Inglés, ins Hotel Parque Tropical. Woher das Hotel seinen Namen hat, wird mir auf der ziemlich viel Zeit beanspruchenden Zimmersuche durch die weitverzweigte Anlage klar:

Vom Parque Tropical bis zum Strand seien es nur 50 Meter, heisst es im Internet. Das stimmt auch (wie fast alles, was im Internet steht). Nur: Zwischen dem Hotel und dem Wasser dräut

ein unüberwindbarer Abgrund

in Form einer überhängenden Geröllhalde. Bis zu einem ruhigen Plätzchen am Salzwasser marschiere ich knapp eine halbe Stunde. Aber mir wei nid chlage: Genau deshalb bin ich ja auf der Insel – um mich möglichst viel zu bewegen.

Sonntagmorgen, 4.15 Uhr: Sanftes Regenprasseln weckt mich aus einem nicht sonderlich tiefen Schlaf. Ich habs gewusst: Wenn ich Ferien habe, verwandelt sich auch die sonnenverwöhnteste Gegend der Welt über Nacht in einen Sumpf. Ich reisse allen Mut zusammen und täppele im Finsteren auf die Terrasse. Geistig bin ich schon am Packen: Ich will weg sein, bevor die anderen Gäste merken, was für einen Ferienverderber sie in ihren Reihen haben, und mich mit pitschnassen Badetüchern totschlagen, bevor sie mich unter hysterischem Singen von „Sun, fun and nothing to do“ im Sand verscharren.

Doch als ich vor mein Zimmer trete, ist die Luft so trocken wie ich seit achteinhalb Jahren: Am Firmament funkeln die Sterne. Kein Lüftlein bewegt die Palmenblätter. Kein Wassertropf benetzt das kleine Weglein vor mir. Im Schein der Laternen glitzern bloss ein paar Blätter feucht.

Watson kombiniert: Der vermeintliche Regen wurde von der Bewässerungsanlage erzeugt. Ich könnte mich also beruhigt wieder auf mein durchgeschwitztes Laken auf dem

Bett links

(zum Zeitpunkt der Aufnahme noch unbenutzt) legen.

Aber wenn ich jetzt schon einmal so gemütlich an diesem Tischli sitze und, begleitet vom Rauschen der Wellen und vom Zirpen der Gillen, so vor mich hin schreibe, muss ich sagen: Schlafen an diesem Ort ist eine noch grössere Zeitverschwendung als schlafen in der Schweiz (auch wenn es in meiner Heimt, wenn ich den Wetterbericht richtig interbretiere, gerade wenig Sinnvolleres gibt, als im Bett zu liegen und auf bessere Zeiten zu hoffen).

ich schaue mal, obs schon irgendwo einen Kaffee gibt. Hoffnung besteht: In der Poolbar brennt ein Licht.

Aha – wer sagts denn:

(Morgen live von der Insel: “Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”)