Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Geschenkte Zeit

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(Bild: Urs Hofstetter)

Wir waren im «Dählhölzli» und warteten nach dem Tierligucken aufs Mittagessen, mein Neffe, sein Papi, seine Tante und ich, und irgendwann wurde es dem Kleinen chli langweilig, und deshalb bummelte er mir einfach hinterher, als ich vom Tisch weg an die Aare ging, um vor dem Salat noch eine Zigi zu rauchen, und als wir zwei Männer dann so nebeneinander am Geländer standen und auf den Fluss blickten, sagte er auf einmal, er habe neulich gesehen, wie ein “Siff abeggange” sei, und als ich ihn fragte, wo denn, lachte er mich mit einem Neffenlachen an und sagte, “ufem See!”, und dann wiederholte er, doch, wirklich: da sei ein “Siff” versunken, vor seinen Augen, und so ernsthaft und doch verschmitzt, wie er mich dabei musterte, musste ich ihm die Geschichte einfach glauben, auch wenn ich wusste, dass sie nicht stimmte, und ich hätte meinem Neffen noch stundenlang zugehört und ihm bereitwillig den grössten Chabis der Welt abgekauft, weil selbst der noch glaubwürdiger und interessanter wäre als manche andere Story, die mir in den letzten Tagen zu Augen und Ohren gekommen ist, und ich wusste: Diese Zeit hier, die er und ich gerade miteinander verbringen, ist unendlich viel wertvoller als jede Minute auf Facebook, jede Stunde vor dem Fernseher und jeder Tag im Büro.

Inselleben (VIII)

Tag 7, neulich

Was dem Wintersportler das muskelerwärmende Einturnen vor der Abfahrt, ist dem Blogleser das gehirnlockernde Quiz vor der Lektüre.

Also: Wer entdeckt die drei Unterschiede (Schlaumeier aufgepasst:: Die Farbe des Himmels zählt nicht!)?

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Sehr gut. Dann bummeln wir jetzt zum Hotelpool. Dort liegen über Mittag allerlei Leute herum, die sich bei weit über 30 Grad im nicht vorhandenen Schatten viel Interessantes zu sagen haben:

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Mann um die 40, in türkisblauer Badehose (M40): “…da sag ich: Nö. Machen wir nicht.”

Mann um die 60, in schwarzer Badehose, mit Ferrari-Chäppi (M60): “Richtig.”

M40: “Nö. Machen wir nicht, sag ich. Geht nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Warum nicht? Darauf ich: Weil wir das nicht machen. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Kannst du dir das vorstellen? Siehst du, was ich meine? Bringt einfach nix.”

M60: “Sicher.”

M40: “Also. Er wieder: Und was sagt die Brigitte? Ist sie noch da, die Brigitte? Was sagt sie? Darauf ich: Brigitte sagt auch, besser nö. Auf keinen Fall, sagt sie.”

M60: “Richtig. Richtig.”

M40: “Der hat das nicht kapiert, verstehst du?”

M60: “Sicher.”

M40: “Ich meine, wie oft muss ich jemandem sagen, das machen wir nicht, bis er…”

M60: “…sicher.”

M40: “Jedenfalls, er wieder: Darüber reden wir noch. Darüber müssen wir noch reden, später mal. Darauf ich: Nö, müssen wir nicht. Ganz bestimmt nicht. Nicht darüber. Für uns ist alles klar. Machen wir nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Schade. Schade. Hätte man machen können, denke ich. Denke ich immer noch. Aber wenn ihr…” Darauf ich wieder: Nö, machen wir nicht. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Nicht zu glauben, nicht?”

M60: “Ja. Ist so.”

M40: “Ich brauch ein Bier. Du?”

M60: “Sicher.”

***

Mutter, um die 30: “Chum use, Meik!”

Bub, vielleicht 6:

Mutter: “Meik! Chum jetz use!”

Bub:

Mutter: “Meik! Michi!”

Bub:

Mutter: “Chunnsch jetz use?!?”

Bub:

Mutter (zum Mann nebenan): “Du, de Meik chunnt nid use.”

Mann nebenan:

Mutter: “Meik!!!!!”

Mann (tut, als ob er gerade aus dem Koma erwacht wäre): “Was isch?”

Mutter: “De Meik chunnt eifach nid use. Hanims jetz scho tuusig Mal xeit.”

Mann: “Dänn söler halt drinblibe.”

Mutter (schüttelt den Kopf): “Meik!”

Bub:

Mutter (zum Mann; verzweifelt): “Är chunnt nöd. Säg öppis!”

Mann (zur Mutter; genervt): “Was söli säge?”

Mutter: “Är söl usechoo, dänk!”

Mann (Richtung Wasser, an niemanden bestimmten gerichtet): “Söllsch usechoo.”

Bub:

Mutter (zum Mann; ungläubig): “Das glaub ich eifach nöd!”

Mann (zur Mutter; schon wieder halb im Koma): “Was glaubsch nöd?”

Mutter (zum Mann; stinksauer): “Wie du…”

Mann (zur Mutter; betont gelassen): “Was, wie du?”

Mutter (zum Mann): “Ich ha dir xeit, söllschem säge, är söl usechoo.”

Mann (zur Mutter): “Hanims ja xeit.”

Mutter (zum Mann): “Aber nid richtig.”

Mann (zur Mutter): “Dänn sägems doch du richtig.”

Mutter (zum Mann; bis zu ihrem Zusammenbruch kann es nicht mehr so lange dauern, wie es schon gedauert hat): “Nei, du muesch. Du bisch de Vatter.”

Mann (zur Mutter): “Ja, ja.”

Mutter (zum Mann; schnappatmend): “Du weisch genau, das ich das Ja, ja nid mag haa! Mags würkli nid verliide, und doch bringsches immer wider!!!”

Mann (wegdösend): “Tami, isch das gmüetlech hütt.”

Mutter (zum Bub; als ob hinter ihm soeben eine dreieckige Flosse aufgetaucht wäre): “Meik! Chum use!!!”

Bub:

***

Nachtrag zum Beitrag von gestern: Die Arbeiten am Nachbarhaus der Poolanlage schreiten flott voran, wie ein erneuter Augen- und Ohrenschein auf der Baustelle heute Morgen zeigte:

Wenn das in diesem Affenzahn weitergeht, können die Touristen nebenan ihre Ferien schon in wenigen Monaten wieder in aller Ruhe geniessen.

Ein bäumiges Dankeschön

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Weil sie so den Plausch hat an Koalas und Kängurus, habe ich A., der Tochter meiner Arbeitskollegin T., aus Australien zwei Mini-Beuteltierchen aus Stoff mitgebracht.

Andere Kinder hätten sich dafür mit einer Zweizeilenmail oder einer SMS oder überhaupt nicht bedankt.

A. aber griff zu Papier und Farbstiften, setzte sich hin und malte für mich ein prächtiges Bild (siehe oben).

Merci vieumau!

(Dem nächsten, der behauptet, die heutige Jugend sei auch nicht mehr, was sei einmal war, schicke ich den Link zu diesem Beitrag.)

Auf Souvenirjagd

(Ja: Um wahr zu sein, ist diese Geschichte fast zu herzig. Ob sie stimmt, oder ob es sich dabei um eine der unzähligen urbanen Legenden handelt, weiss ich nicht. Erzählt wurde sie mir von jemandem, dem ich aus Prinzip jedes Wort glaube. Falls sich die Story so zugetragen hat, ist sie mindestens so gut wie die vom Hasen ohne Ohren, der bei einer extra für ihn veranstalteten Pressekonferenz flach herausgekommen ist.)

Eine Schulklasse besucht einen Zoo. Auf einmal fehlt eines der Kinder. Der Lehrer startet eine grosse Suchaktion. Alles Rufen und in den Büschen Herumstochern hilft nichts: Das Mädchen bleibt veschwunden.

Doch plötzlich taucht es wieder auf. Es wirkt leicht verstört. Seine Kleider sind schmutzig. Der Lehrer und die Gspändli wollen wissen, wo es (mit wem?) gewesen und was dort passiert sei. Die Kleine schweigt.

Ununterbrochen über den aufregenden Spaziergang durch den Tierpark plappernd, verdrücken die Kinder auf der Heimfahrt im Zug ihre Zvieri. Das Mädchen mit den feuchten Schuhen und den dreckigen Hosen sagt kein Wort. Es scheint keinen Hunger zu haben. Teilnahmslos sitzt es mit dem Rucksäckli auf dem Schoss da.

Am Bahnhof werden die Kinder von ihren Eltern abgeholt. Der Lehrer erzählt dem Vater und der Mutter der Ausreisserin das wenige, was er über das kurzfristige Verschwinden der Schülerin weiss. Für ihre die dreckigen Kleider und ihr sonderbares Verhalten hat er keine Erklärung.

Zuhause angekommen, hebt die Kleine vorsichtig einen jungen Pinguin aus ihrem Rucksack.

Gschmuuche Momente

Im Zug sitzen an diesem Wintersonntagabend nur wenige Leute – darunter ein Grossvater mit seinem drei-, vielleicht vierjährigen Enkel.

“Jetzt kommt Burgdorf”, sagt der Senior. “Dann kommt bald Langenthal. Wenn wir daheim sind, nehmen wir ein Bad, gäu.”

Mir wird chli gschmuuch.

Ich fühle mich wie damals auf dem WC von Toni’s Zoo in Rothenburg. Während ich so dasass in meinem Kabäuschen, hörte ich, wie die Türe zur Toilette aufging. Jemand begann, ein Kind zu wickeln. Dazu murmelte eine im Lauf der Jahrzehnte brüchig gewordene männliche Stimme ununterbrochen: “Er ist so gross…so schön…so gross…so schön”.

Nach einer Weile ging der Unbekannte zum Pissoir. Wasser musste er nicht lassen. Dafür verschaffte er sich anderweitig Erleichterung. Irgendwann stöhnte er auf. Sekunden später war ich wieder alleine im Raum. Der alte Mann hatte nicht einmal gespült.

Im Zoo-Restaurant sah ich kurz darauf einen betagten Herrn und einen sehr, sehr kleinen Buben an einem Tisch höcklen. Ihnen gegenüber löffelte eine Frau – wohl die Mutter des Kindes – einen Coupe aus. Am liebsten wäre ich zu ihr hingegangen, um sie zu fragen, ob sie eigentlich wisse, was ihr Vater (oder Schwiegervater) mit ihrem Sohn so treibe, wenn er mit ihm alleine sei.

Ich liess es bleiben. Ich hatte keine Beweise. Und selbst wenn ich der Mutter mit Bild- und Tonaufnahmen hätte belegen können, was vor einer Viertelstunde passiert war: Sie hätte mir nicht glauben können. Und sie hätte mir, vor allem, nicht glauben wollen.

Und überhaupt: Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gelang es mir, mir einzureden, dass mich das alles sowieso nichts angehe.

Aber ganz sicher war ich mir seinerzeit, im Zoo, so wenig wie gestern im Zug.

Andrerseits: Womöglich sitzt der Kleine bei diesen Bädern immer quietschend vor Freude in der Wanne, während der Opa ihm die Haare wäscht und ihm eine coole Geschichte erzählt. Es könnte ja sein, dass der Junge sich jeweils schon lange im Voraus auf dieses Ritual freut, weil sich dann jemand so richtig um ihn kümmert.

Nach all den Montagen und Dienstagen und Mittwochen und Donnerstagen und Freitagen in der Ganztages-Kita ist er amänd ganz froh, wenn ihn das Mami über die Wochenenden bei den Grosseltern abgibt, weil es, wie es immer sagt, “einfach auch mal ein bisschen Zeit für mich selber” benötigt.

Alle im Griff

Wir hatten gerade fertig gegessen, als mein Neffe im Nebenzimmer signalisierte, dass er im Fall nicht daran denke, zu schlafen, während alle anderen munter miteinander plaudern.

Also nahm ich ihn auf, legt ihn mir vorsichtig über die Schulter und machte mit ihm eine Besichtigungstour durch unsere heiligabendlich beleuchtete Wohnung. Ich ging mit Robin Lemmy in die Küche, führte ihm die Abwaschmaschine und den Kühlschrank und den Kochherd vor und spazierte weiter durch den Gang ins Schlafzimmer. Dort, am Fenster, erklärte ich ihm, dass er, wenn jetzt Tag wäre, unter sich die halbe Stadt Burgdorf betrachten könnte, nur das Schloss nicht, das sei auf der anderen Seite, aber er könnte viele, viele Häuser sehen und Strassen und Gassen und Wiesen und darauf, jedenfalls im Sommer, jede Menge Schafe und Ziegen, und weiter hinten sei übrigens der Rest vom Emmental; da habe es noch viel mehr Schafe und Ziegen und gaaaaanz viele Kühe und Hunde und Katzen, aber eben: Jetzt seis halt Nacht und dunkel. Dann verlor ich noch ein paar Worte über die Bücher im Gestell und die Kleider im Schrank und kehrte nach einem Abstecher ins Bad zurück an den Tisch, wo ich den jungen Mann, der längst wieder schlief wie ein Murmeli, seiner Tante übergab.

All das, was ich ihm erzählt hatte, schien ihn weder gross interessiert noch beeindruckt zu haben. Er machte nicht einmal Anstalten, Interesse zu heucheln. Ob er heute noch bis aufs letzte Tassli wüsste, was in der Wohnung von seinem Onkel so alles herumsteht und -liegt: Ich weiss nicht, ich weiss nicht.

Aber ich ahne, dass er es ziemlich genoss, die Lage (auch) an diesem Abend voll unter Kontrolle zu haben. Er muss gewusst haben: Ein Mucks, und das grosse Wesen, das ihn herumträgt, setzt seinen Spaziergang mit ihm noch lange, lange fort. Ein Schrei, und der Schoppen ist parat. Ein Lächeln, und ein vielstimmiger Chor sagt entzückt “Jööö”.

Der junge Mann machte die ganze Zeit einen ausgesprochen zufriedenen Eindruck.

Ich (46) merke gerade: Ich beneide ein Bébé.

Das erste Bild!

Gwundernasen, aufgepasst: Hier ist das erste Bild von meinem jüngsten Neffen Robin Lemmy:

Die glücklichen Eltern teilen dazu mit:

“Nach nächtelangen Diskussionen, teuren Besuchen bei renommierten Beratern und mehrfachen psychologischen Einschätzungen haben wir uns entschlossen, dem immensen Druck der Öffentlichkeit nachzugeben und von unserem Sohn nun doch ein Bild zu veröffentlichen.”

Ein altes Lied für einen sehr, sehr jungen Mann

Als ich meinen jüngsten Neffen nach seiner Geburt im Spital besuchte, war er am Schlafen. Kunststück: Von einer Sekunde auf die andere mit soviel Neuem konfrontiert zu werden – das kann einen schon erschöpfen. Diese Gerüche! Dieser Lärm!! Dieses Licht!!! Diese Entfaltungsmöglichkeiten!!!!

Gestern Abend blickte ich zum ersten Mal in Robin Lemmys bergseeblaue Augen, und er in meine grünen. Mit seinen knapp zwei Wochen Lebenserfahrung konnte er vermutlich noch nicht präzise einordnen, was es mit dieser Scheibe, die auf einmal vor ihm auftauchte und merkwürdige Geräusche machte, auf sich hat. Möglicherweise dachte er: “Oh. Schon wieder ein neues Gesicht. Bin ich froh, dass ich soviel Zeit und sowenig Termine habe, um meine Welt und die Menschen, die in ihr leben, in aller Ruhe kennenzulernen.”

Ich meinerseits platzte erneut fast vor Freude, Stolz und – ja – Ehrfurcht. Oder Respekt. Jedenfalls: Vor etwas Grossem und gar nicht richtig Beschreibbarem.

Dann lächelte mich der Kleine an. Zweimal sogar. Sekunden später hatte er Hunger. Und den Onkel in dem Moment, in dem der Schoppen seine winzigen Lippen berührte, vermutlich schon wieder vergessen.

Aber wer weiss: Vielleicht stolpert er, in nicht allzuferner Zukunft, beim Surfen an seinem Compi über diesen Blog. Und in genau diesen Text.

Falls dem so sein sollte: Das Lied da unten hat ein Mann lange, lange vor deiner Zeit geschrieben. Als er es komponierte, wusste dein Onkel – die Scheibe mit den Geräuschen – nicht, wer dieser Bob Dylan ist.

Unzählige Menschen haben das Lied schon gehört.

Aber hier, Robin Lemmy: Hier singt es Bob Dylan nur für dich: