Grosses Retzl

Jedesmal, wenn ich an diesem Laden auf der Strandpromenade von Maspalomas vorbeikomme, frage ich mich: Was zum Teufel steht auf diesem Schild?

Klar ist: Wer drei Artikel kauft, braucht nur zwei zu betalen bezahlen.

Aber „Halen“?

Ich las das Wort vor- und rückwärts, zerlegte es in seine Einzelteile, setzte die Buchstaben neu zusammen…aber das brachte alles nichts.

Schliesslich googelte ich es: Halen ist eine Stadt in Belgien und ein Teil von Emsek in Niedersachsen und von Lotte in Steinfurt und ein See in Schweden, ein versunkener Ort in der Nähe von Duisburg, eine Reihenhaus-Siedlung in Herrenschwanden und eine Haltestelle des Regionalverkehrs Bern-Solothurn.

Weiter gibt es die Rockband Van Halen und, mit chli orthografischem Goodwill, das Halenstadion, doch ein Halen, das mit Damenkleidern zu tun haben könnte, lässt sich im gesamten Internet nicht finden.

Aber, wer weiss: Vielleicht ist das ein Marketingtrick der ganz raffinierten Sorte. Möglicherweise hat der Ladenbesitzer das Wort völlig zusammenhanglos auf die Tafel notiert in der Hoffnung darauf, dass regelmässig Passantinnen seine Boutique betreten und fragen, was es mit diesem „Halen“ auf sich habe.

Dann sagt der Mann, „ach, nichts Besonders. Aber schauen Sie mal diese supergünstigen BHs und diese feingerippten Négligées…“ – und schon gibt es für die Besucherinnen kein Halen Halten mehr.

Denkbar ist zweitens, dass der Chef händeringend darauf wartet, dass sich einmal ein Deutscher nach Gran Canaria verirrt, damit er ihn fragen kann, wie man – was auch immer – richtig schreibt.

Lagerkoller

IMG_0147

“Grüezi. Ich brauche Socken.”

“Gerne! Was für welche?”

“Schwarze, so kurze. Grösse 45 oder 46.”

“Die haben wir schon verräumt. Ich schaue kurz im Lager nach, obs noch hat.”

“Danke.”

“So. Hier habe ich noch ein Paar.”

“Die sehen aber ziemlich klein aus. Sind die wirklich 46?”

“Ou, nein. Sorry. Ich gehe nochmal ins Lager.”

“So. Die sollten passen. Sie sind ohne Rändli oben am Knöchel. Möchten Sie lieber mit?”

“Was ist der Unterschied?”

“Mit ist irgendwie bequemer, finde ich. Sie gehen dann auch nicht so schnell kaputt.”

“Gut, dann mit.”

“Gerne. Ich muss nur kurz ins Lager. Vielleicht haben wir noch…”

“…kein Problem. Danke.”

“So. Hier sind sie.”

“Aber die sehen jetzt wieder ein bisschen klein aus.”

“Stimmt. Demfall muss ich nochmal…”

“Machen Sie nur.”

“So, hier. 43 bis 46. Jetzt haben wir aber Glück gehabt! Darfs noch etwas sein?”

“Ich brauche drei oder vier Paar, nicht nur eines.”

“Aha. Gut. Dann gehe ich kurz ins Lager. Ich bin nicht sicher…”

“Ich habe Zeit.”

“Ich habe gerade gesehen: Wir haben noch an Lager. Wieviele wollen Sie, haben Sie gesagt?”

“Drei oder vier Paar. Oder fünf. Ist eigentlich egal.”

“So. Hier sind sie. Zweimal drei Paar, mit Rändli.”

“Super, merci.”

“Darfs sonst noch etwas…?”

“Danke, nein, das ist alles.”

Inselleben (I)

Foto

Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

Foto

Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

Foto

Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

Foto

fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

Bildschirmfoto 2014-06-19 um 13.16.39

Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

Foto-3

Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

Foto-2

gfürchige Wolkenwand

auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

Foto

183,

das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

IMG_1244-300x224

125,

in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

Foto3-300x225

245,

das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Dann betten wir mal ein

Es gäbe viel zu bloggen in diesen Tagen. Wo immer man hinschaut und -hört: Rundume sind die Dinge in Bewegung und wollen kommentiert und kritisiert und analysiert und – Achtung: Modewort! – “eingebettet” werden, weil die Leserschaft sonst ja keine Ahnung hat, ob das, was passiert, jetzt wichtig ist oder nicht und wenn ja oder nein, warum.

Weil ich vor lauter Um- und Aufbruchstimmung selber kaum Zeit habe, um die ganze Betriebsamkeit literarisch angemessen zu würdigen, beschränke ich mich hier auf eine summarische Zusammenfassung dessen, was meine kleine Welt momentan ziemlich hochtourig rotieren lässt.

Am allerallerwichtigsten ist für mich und möglicherweise zwei, drei andere Leute zweifellos diese Nachricht (wobei: das engste Umfeld erfuhrs nicht aus dem Fernsehen, sondern schon so viel früher, dass es mit der Zeit fast körperlich wehtat, es nicht der ganzen Welt erzählen zu dürfen):

glanz & gloria vom 04.05.2011

Am nächsten Freitag, 13. Mai, heiratet Judith meinen Brüetsch und mein Brüetsch seine Judith (Etappen ihrer Fahrt in den Ehehafen hat das Schweizer Fernsehen verdienstvollerweise ab und zu dokumentiert). Darauf freuen sich nicht nur all die Gäste wie kleine Kinder auf Weihnachten; dank der Hochzeit und des Dresscodes “festlich” dürften sich auch diverse Modehäuser landauf und -ab auf Jahre hinaus saniert haben.

Falls es jemanden interessiert: Mein Kleider- und Schuhekauf für den grossen Tag verlief weitaus glimpflicher, als ich mir das vorgestellt hatte. Very special thanks gehen an dieser Stelle an die nette, zuvorkommende und sehr, sehr verständnisvolle Vestita-Verkäuferin in Burgdorf.

Weiter. Eine meiner ab-so-luten Lieblingsbands hat – endlich, endlich – ihre erste CD auf den Markt gebracht. “Wrong side of the river” heisst das Erstlingswerk der Skinny Machines. Wer intelligenten und melodiösen Alternativ-Rock mag, wird von den talentierten und ehrgeizigen Briten um den Burgdorfer Drummer Dan Roth bedient wie ich bei Vestita: perfekt. Musikalische Müsterchen gibts hier und hier.

Mein Buch des Monats heisst “Der Menschenmacher”. Es erzählt die Geschichte von drei Geschwistern, die von ihrem Vater, der gar nicht ihr Vater ist, gefangen gehalten werden. “Das Grauen hat viele Namen. Cody McFadyen kennt die meisten”, lobt der Kölner Stadtanzeiger – und bringt es damit auf den Punkt. In dem Buch wird nicht nur geplagt und getötet; es finden sich darin auch so wunderschöne Sätze wie diese: “Linda (eine junge Mutter, die ihren Sohn David alleine aufzieht) hatte den Heizlüfter mitten ins Zimmer gestellt, und er brummte und glomm und wärmte sie beide, während sie aus den Bechern tranken. Linda hatte Davids Sparschwein geplündert, um den Eierlikör zu kaufen; beim Hineinschieben des neuen Schuldscheins war ihr aufgefallen, dass der Schein vom vergangenen Weihnachtsfest noch im Sparschwein lag. Aus irgendeinem Grund hatte sie das zum Lächeln gebracht, anstatt sie traurig zu stimmen. Manche Dinge waren verzeihlich in dem rauen, chaotischen Getümmel, das sie Leben nannte.”.

40 Seiten später ist es mit der Eierlikör-Gemütlichkeit vorbei. Von Verzeihen will David nichts mehr wissen; schon gar nicht, wenn es um Kindsmissbrauch geht, gegen den er mit seinem Bruder erbarmungslos ankämpft: “Er feuerte. Die Kugel riss Sans Kopf nach hinten, und eine Mischung aus Blut und Hirnmasse spritzte umher.”

Das einzige, was mich an dem Buch gestört hat, war die Art und Weise, wie es mir bei Ex Libris verkauft wurde.

Frau an der Kasse: “Aha. Sie haben etwas gefunden.”

Ich: “Ja.”

Frau an der Kasse: “Haben sie schon von der Buchpreisbindung gehört?”

Ich: “Ja. Aber das interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht wahnsinnig.”

Frau an der Kasse: “Dann spielt es für sie also keine Rolle, ob sie für ein Buch mehr bezahlen oder weniger?”

Ich: “Doch. Aber das ist so Politzeug.”

Frau an der Kasse: “Sie können hier unterschreiben.”

Ich: “Ich will aber nicht. Ich möchte nur das Buch bezahlen.”

Frau an der Kasse: “Es haben schon viele unterschrieben.”

Ich: “Ja. Aber ich möchte nur das Buch…”

Frau an der Kasse: “Ich finde das wichtig.”

Ich: “Ich auch. Kann ich jetzt…”

Frau an der Kasse, sicht- und hörbar verdrossen: “Dann halt nicht. Macht vierundzwanzigfünfzig.”

(Wir schalten kurz in die Werbung: Meine kleine Traumwohnung ist immer noch zu haben. Interessenten können sich jederzeit unter 076 537 74 84 bei mir melden.)

Willkommen zurück, liebe Leserinnen und Leser.

Höchst erfreut habe ich einem Facebook-Eintrag von Regisseur Peter Leu entnommen, dass die Proben für das Freilichttheater auf der Moosegg am Laufen sind. Ich schliesse hohe Wetten ab, dass die Inszenierung trotz kleiner personeller Startschwierigkeiten so toll herauskommt wie das von Hannes Zaugg gestaltete Plakat und zu einem ebensolchen Grosserfolg wird wie die Präsentation des Emmentals an der BEA, an der mir die Lust auf Zvieriplättli irgendwie abhanden gekommen ist, was aber nicht im Geringsten etwas mit den Plättli zu tun hat, sondern nur damit, dass uns neun Tage lang immer um 15 Uhr eines vorgesetzt wurde.

Um mich dann von der hohen Qualität des Freilichttheaters überzeugen zu können, benötige ich übrigens noch ein Ticket. Kleiner Hinweis to whom it may concern: Je weniger ich dafür bezahlen muss, desto euphorischer fällt die Kritik aus.

Was war oder ist da noch?

Ach ja: Der Kachelmann-Prozess. Langsam und unsicher schleppt sich das Drama seinem Ende zu. Etwas vom Gescheitesten, was ich im Zusammenhang mit dieser Affäre gelesen habe, hat Malte Werding für das Online-Portal der Berliner Zeitung unter dem Titel “Die Liebe in Zeiten der Kamera” geschrieben. Unbedingt lesen!

A propos “Gescheit”: Dummerweise hat eine kleine Bemerkung von mir zu Missverständnissen geführt. Das “Danke – und auf Wiedersehen!” in diesem Beitrag interpretierten eine Leserin und ein Leser dahingehend, dass ich diesen Blog nach dem 50.000 Gast einstellen würde. Daran denke ich natürlich nicht im Traum.

Des Bräutigrambruders neue Kleider

Möglicherweise habe ich es schon einmal erwähnt: Am 13. Mai heiratet Judith meinen Brüetsch, bzw. mein Brüetsch seine Judith. Ich bin deshalb auf einer für mich ganz und gar ungewohnten Mission in fremdem Gelände: Ich brauche bis in genau 30 Tagen einen Anzug. Einen richtigen, schicken. Einen, der, wenn er ein Kebab wäre, als “mit scharf und allem” bestellt würde. Einen, den man einmal trägt und dann nie wieder, weil man in ihm überall sonst etwas overdressed wirkt.

Also schaute ich mich in einer schlaflosen Nacht chli auf der Website eines Schweizer Herrenausstatters um. Was ich da sah, wirkte recht anmächelig, um nicht zu sagen: halbwegs passabel. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass man dieses Geschäft einfach so betreten und fünf Minuten später umständelos erledigter Dinge wieder verlassen kann.

Schon beim Betrachten der Homepage roch ich einen Schwarm ekelhaft gegelter und penetrant parfümierter Verkäufer, die ununterbrochen um mich herumwieseln und mir beflissen dieses Hemd zeigen und jene Weste vorführen und mir freudig im Schritt und am Hosenbund herumfummeln, obwohl ich, schon Stunden zuvor, auf den ersten Blick gewusst hatte, was ich wollte; und obwohl das passte wie angegossen, aber nein: Der Herr Kunde wird ausgerechnet heute ganz besonders zuvorkommend behandelt, drum: noch mehr Hemden und Hosen und Jacken und Krawatten und weiteres vor Unterwürfigkeit fast auf den teuren Teppich sabberndes Personal, das mit nie nachlassender Begeisterung an einem zerrt und zupft und noch mehr Gänge in die Hölle Garderobe, in der man sich schon lange nicht mehr umzieht, sondern in der man nur ungefähr die Zeitspanne abwartet, die man zum Umziehen benötigen würde, und aus der man dann herausruft, die Sachen seien zu gross oder zu klein oder zu lange oder zu kurz oder zu hell oder zu dunkel, worauf man das wie zehntausend alte Socken müffelnde Kabäuschen wieder verlässt in der Hoffnung, von den Hyänen, die draussen mit neuen Stapeln von Wäsche auf ihr längst waidwund beratenes Opfer lauern, die sie ihm un-be-dingt noch zeigen wollen, entweder schnell und schmerzlos getötet oder aber endlich, ENDLICH!, in Ruhe gelassen zu werden, damit man mit dem Zeug, das man ganz am Anfang ausgesucht hatte, zur Kasse und dann aus der Glastüre gehen kann – und fertig.

Vielleicht ahnt man, wo das Problem liegt.

Jedenfalls liess ich den Kleiderladen geistig in Flammen aufgehen, wartete, bis auch die letzte Fliege und der letzte Lehrling verkohlt war, und rief dann eine zweihundert Kilometer entfernt stationierte Feuerwehr an.

Um das Projekt trotzdem vorwärts zu bringen, besprach ich die Hochzeitskleidersfrage heute Nachmittag mit zwei Kollegen auf dem Dach des BZ-Gebäudes. Der eine sagte, er würde für diesen Anlass “etwas ganz Normales” anziehen und riet zu Jeans und einem Hemd. Ich sagte, das sei unmöglich; immerhin gehe es um die Hochzeit von meinem Bruder, worauf der Kollege erwiderte: “Eben.”

Der andere Kollege riet mir dringend, einen Laden namens “We” an der Berner Marktgasse aufzusuchen. Die hätten da alles, was der Gast des hohen Festes begehre, und dann erst noch zu sehr, sehr humanen Preisen. Mit 400 Franken sei mann dabei; alles inklusive, ausser den Schuhen.

Ich stand so gut wie in dem Lokal, als der Kollege fortfuhr: Das Beste an dem Geschäft seien nicht einmal die Preise. “Sagenhaft” sei vor allem: “die Beratung”. Die “We”-Leute – und das war der Moment, in dem ich beinahe aus dem fünften Stock in die Lorraine hinuntergesprungen wäre – würden sich im Gegensatz zu Verkäufern in anderen Modehäusern “noch so richtig Zeit nehmen für einen”.

Kängurus mit und ohne Steigeisen

Kurze Hosen und ein paar T-Shirts: mehr haben wir für unseren Australientrip nicht eingepackt. Ebenfalls mitgehört hätten: lange Hosen, Pullover, Pellerinen und Schirme.

Auch heute giesst es gradabe. Langsam fragen wir uns: Sind wir vorgestern wirklich in Sydney gelandet? Natürlich war der Flughafen so angeschrieben. Aber mit der heutigen Computertechnik…ich meine: Wenn es schon möglich ist, aus einer x-beliebigen Frau mit ein paar Photoshopklicks eine Titelbild-Schönheit zu machen, wirds wohl auch kein Problem sein, am Laptop einen ganzen Airport so zu manipulieren, dass alle Welt glaubt, er sei derjenige, welcher, obwohl er ganz woanders steht; an einem Ort, an den niemand hinwill.

Wir sind weiterhin im Haus von Chantals Tante Sylvie und lernen mehr oder weniger im Halbstundentakt neue Menschen kennen, die sich alle sehr freuen, die Cousine oder Coucousine oder was auch immer aus der Schweiz samt ihrem Mitbringsel zu sehen (Hinweis an meine Eltern, Geschwister, weiteren [Bald]-Verwandten und Arbeitskollegen: Die Australier und – yes! – die Australierinnen mögen mich sehrstens. Falls ich nicht zurückkehre, könnt ihr davon ausgehen, dass mich jemand adoptiert hat).

Gesehen haben wir trotzdem schon einiges. Heute Nachmittag zum Beispiel waren wir in Sydney auf dem Markt:

Bereits gestern bestaunten wir

einen Propeller.

Wenig später standen wir vor einem

Restaurant,

in dem vor ungefähr 20 Jahren ein Amokläufer mehr als ein Dutzend Menschen tötete, bevor er sich der absehbaren Strafverfolgung mit einem Schuss in den eigenen Kopf entzog.

Die Koalas und Kängurus und alle müssen also noch ein paar Tage auf uns warten. Ich mag nicht daran denken, wie es ihnen da draussen geht. Vermutlich sitzen sie inzwischen ganz oben auf ihren Bäumen – die Kängurus haben dafür ihre Not-Steigeisen montiert, wegen denen sie sich damals, als sie von ihrer Zivilschutzorganisation verteilt wurden, die Beutel hielten vor Lachen – und schauen mit angstgeweiteten Augen zu, wie das Wasser steigt und steigt, während unten die aufgequollenen Körper ihrer Liebsten vorbeitreiben, die sich vor der Flut nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Aber item. Morgen gehen wir nach Sydney, ins megagigasuperdupergrosse Aquarium. Am Freitag kochen wir der ganzen Bande eine Paella. Am Samstag nimmt uns Chantals Cousin mit in ein Viertel voller Schwuler und Lesben und Musiker und Maler. Und dann…dann wirds langsam time to say goodbye. Dann mieten wir ein Auto und fahren der Ostküste entlang. Weitere Pläne haben wir keine.

Oder fast keine:

.

Am 15. Dezember sind wir so oder so zurück in Sydney, weil dann offenbar eine ziemlich grosse Party zu Chantals Geburi geplant ist.

Doch bis dann fliesst bestimmt noch viel, viel Wasser die Strasse vor unserem Haus hinunter.