Aus Weiss wird Schwarz

Sonntag, 6. Januar 2019: Ungläubig starren die Menschen an diesem frühen Morgen aus ihren Fenstern. Wochenlang hatte der Winter Burgdorf mit seinen eisigen Klauen umklammert. Doch nun scheinen seine Kräfte nachzulassen: Das Weiss auf dem Boden wird langsam wieder zu Schwarz.

Die Freudentränen der Überlebenden gefrieren innert Sekundenbruchteilen zu winzigen Perlen. Mit einem leisen „Pling“ zerschellen sie auf unzähligen Küchen-, Stuben- und Schlafzimmerböden zwischen dem Schloss und der Emme.

Auch die Ältesten können sich nicht erinnern, je ein schöneres Geräusch gehört zu haben.

Im Princeip wärs ja Frühling

Sometimes it snows in April“, sang der vor genau einem Jahr viel zu früh verstorbene Prince.

Wo der Mann Recht hatte, hatte er Recht: Am 19. April 2017 fielen auch über Burgdorf eher überraschend weisse Flocken vom Himmel. Das hätte meiner unmassgeblichen Ansicht nach nicht un-be-dingt sein müssen – aber irgendwie…irgendwie sahs halt schon noch schön aus, die Blumen auf dem Kronenplatzbrunnen, mitten im Schneegestöber.

Weiter gehts

Es ist schon seltsam: Zuhause, in Burgdorf, kann ich immer bis 4 Uhr ausschlafen. Hier, in Tasmanien, erwache ich schon um kurz vor halb Drei.

Einmal schreckte ich aus einem Traum hoch, der inhaltlich alles zu Guetnachtgschichtli degradierte, was ich schon an in Blut marinierten und mit menschlichen Innereien garnierten Thrillern gelesen habe, 24 Stunden später drückte die Blase, gestern zankten sich auf einem Baum neben unserer Unterkunft zwei Kookaborras („Lachende Hanse“, wie der Lateiner sagt) in Metallica-Lautstärke, und jetzt sitze ich schon wieder zu dieser doch noch recht frühen Stunde auf der Terrasse vor unseren Häuschen in der Freycinet-Lodge an der Great Oyster Bay, lasse den Wind meine Locken verwuscheln, lausche dem Getier, das für mich unsichtbar durchs Unterholz kreucht und fleucht und den Fröschen, die nebenan quaken, und starre dabei irritiert auf den Kalender, der mir anzeigt, dass schon ein Drittel unserer Ferien Down Under vorbei ist.

Über eine Woche lang haben wir nun auf dieser Insel zwischen Australien und der Antarktis verbracht – und waren jeden Tag aufs Neue begeistert über den Reichtum an Tieren und Pflanzen, die wunderschönen Landschaften, die oft pittoresken, in jedem Fall aber sehr gepflegt wirkenden Örtchen und die ungekünstelte Freundlichkeit der Menschen, die hier leben.

Auch wenn Tasmanien mit seinen endlosen Hügelketten und den sich von irgendwo nach nirgendwo erstreckenden Buschgebieten auf den ersten Blick nicht übertrieben einladend wirken mag: Wer hierherkommt und bereit ist, sich auf dieses spezielle Land und seine selbstbewussten, naturverbundenen und chli knorrigen Bewohnerinnen und Bewohner einzulassen, fühlt sich auf Anhieb wohl und willkommengeheissen.

Wettermässig entsprach das Haben nicht ganz meinem Soll: Eigentlich hatte ich brütendheisse Tage und lauwarme Abende erwartet. Dem war nur bedingt so: Das Klima ähnelt plusminus jenem in einem normalen Schweizer Sommer. Sobald die Sonne weg ist, wirds sogar frisch bis an den Schlotterpunkt. Als wir gestern den East Coast Natureworld-Tierpark besuchten, fiel vom Himmel plötzlich Wasser auf die Tasmanischen Teufel, Kängurus, Strausse, Wombats und menschlichen Anwesenden.

Doch wenn ich mir auf Facebook zwischendurch anschaue, wie es aktuell zuhause aussieht und mir eine Freundin via Whatsapp zähneklappernd mitteilt, in Burgdorf sei es „arschkalt“, mussdarf ich sagen: Es gibt nichts zu klagen.

Morgen früh fahren wir von Coles Bay zurück nach Hobart, um den Flieger zu besteigen, der uns nach Brisbane an der australischen Ostküste bringen wird. Von dort fahren wir den Gästezimmern von Familienmitgliedern entlang in den Süden, wobei: „fahren wir“ trifft es nicht ganz. Am Steuer sitzt mein Schatz, während ich mich ums Musikalische kümmere und mit einem 50 Prozent-Pensum darum, dass unsere geistreichen Konversationen über Gott und die Welt im Allgemeinen und das grosse Ganze im Besonderen nie abreissen. Rock’n’Roll meets Immanuel Kant, während die Skyline von Sydney sich immer klarer am Horizont abzeichnet:

Wenn das nicht fägt – was dann?

Klimawandel nach Noten

IMG_2399

Als es Ende November zum ersten Mal in diesem Jahr schneite, wusste ich: dagegen muss ich etwas unternehmen. Also begann ich, auf meiner Facebook-Seite jeden Tag ein Lied mit “Sommer” oder “Meer” oder etwas Artverwandtem im Titel zu posten.

Bisher kämpfte ich mit folgenden Songs gegen den Winter:

Me Meer” von den Halunke
Looking for the summer” von Chris Rea
Our last summer” von Abba
Summertime” von Miles Davis
Boys of summer” von Don Henley
Summer day” von Sheryl Crow
Summer Romance” von den Rolling Stones
Summer nights” aus dem Musical “Grease”
Summer in the city” von Joe Cocker
Summer soft” von Stevie Wonder
Der Sommer” (aus den “Vier Jahreszeiten”) von Antonio Vivaldi
Someone somewhere in summertime” von den Simple Minds
The green fields of summer” von Peter Wolf
Summer” von Stiller Has
Summer of ’69” von Bryan Adams
L’été Indien” von Joe Dassin
Summer rain” von der Climax Blues Band
Ein Sommernachtstraum” von Felix Mendelsson-Bartholdy
Summer wine” von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood
Summer skin” von Death Cab for Cutie
All summer long” von Kid Rock
Summer nights” von Van Halen
Summer sunshine” von The Corrs
Un’ estate italiana” von Gianna Nannini und Edoardo Bennato
Summer night” vom Keith Jarrett Trio
Summer night city” von Abba
Summer madness” von Kool & The Gang
Summer son” von Texas
In the summertime” von Mungo Jerry
The first day of summer” von Tony Carey
That sunday, that summer” von Nat King Cole
A warm summer night” von Chic
All summer long” von den Beach Boys

Und siehe/höre da: es funktioniert! Seit dem Tag, an dem ich zum klimatischen Gegenschlag ausgeholt hatte, haben wir durchgehend überlebbares Wetter.

G’day, tristesse

Pfütze

Gopferteli, ist das gruusig: Seit dem Heiligen Abend – und damit genau seit unserer australischen Hochzeit (im Bild:

SAMSUNG DIGITAL MOVIE
Der Bräutigam kurz vor dem Yeswort

– regnet es in Sydney fast ununterbrochen. Damit einher ging ein Temperatursturz von epischen Ausmassen: Im Moment sitze ich bei lumpigen 18 Grad zähneklappernd auf dem Balkon. Die Tastatur meines Laptops ist von einer feinen Eisschicht überzogen. Hin und wieder klirrt es laut. Dann weiss ich: Schon wieder ist ein Vogel schockgefroren vom Himmel gefallen.

Wir fahren für zwei Tage nach Wollongong, wo Chantals Cousin und dessen Freundin leben.

Wollongong ist im Übrigen auch die Stadt, in der Jon Lord von Deep Purple am 13. März 2001 eines der hühnerhautigsten Intros zu “Perfect Strangers” gelang – und für mich folglich ein fast magischer Ort.

Anschliessend kehren wir für die Silvesterfeier zurück nach Sydney. Dann gehts ab nach Melbourne, Tasmanien und auf Phillip Island.

“Es hätt’ jetzt nicht so geeilt”

Burgdorf am 27. Oktober 2012:

Zwei Stunden später: Ein weiterer Blick aus dem Fenster. Es war kein Albtraum. Es ist Realität. Und wird immer schlimmer:

Über Nacht, pünktlich zum Ende der Sommerzeit, nahm das Elend seinen Lauf:

Währenddessen, nur 20 000 Kilometer weiter südlich:

Bin ich der einzige, der mit diesen Klimakapriolen seine liebe Mühe hat?

Ein Blick ins Facebook, wo jeder Wetterumschwung und jede Gemütsregung in Echtzeit dokumentiert wird, zeigt: Auch andere wurden überrascht. Aber nicht für alle geht im Schnee gleich die Welt unter.

Meine Cousine Nana Ursula Aufdenblatten schreibt lakonisch, es “hätt’ jetzt nicht so geeilt mit dem Winter”:

Verlegerin Verena Zürcher stellt fest, dass ihre Tiere noch nicht auf Winterzeit umgestellt hätten: “Ist das ein Gschrei und Gemecker rund ums Haus!”

Pragmatisch sieht es Erica Fankhauser-Groeliker: “Ech glaub mer bruche zerscht mol e bäse.”

Wenige Stunden, bevor die Uhren um eine Stunde zurückgestellt werden, schreibt Andrea Lüthi zu ihrem sehr coolen Stilleben: “Es ist doch noch Sommerzeit!”

An die Adresse eines TV-Wettermannes fragt Peter Gerber Plech: “Hey bucheli, was isch los?”:

Die kulturfabrikbigla nutzt den Temperatursturz für Werbung in eigener Sache:

Einen “Bonsai im Oktober-Winter” entdeckte Astrid Wüest. Sie nahm das zum Anlass für eine kleine philosophische Betrachtung: “Ou d Natur muess mängisch schwär trage.”

Ruth Suters Beitrag zum Thema hat wenig Hand, aber drei Füsse:

Meine Nachbarin Steph Aebi – sie ist im Nebenberuf Skilehrerin – inspirierte der Schneefall zu einem Bild mit fast künstlerischen Charakter:

Züri West vermögen dem Vorwinter ebenfalls eine schöne Seite abzugewinnen:

Aber: Es gibt auch Menschen auf meiner Seite. Mein Brüetsch zum Beispiel stieg ins Fotoarchiv, um mit einer Aufnahme aus wärmeren Zeiten Gegensteuer “zo dene tuusige Winter- & Schneeföteli” zu geben, “wo hött im Minutetakt postet worde send”:

In Australien wiederum verewigte sich meine neue Cousine Rebecca Caruana Bryant mit einen gaaaanz anderen Sujet: