Nachtwache

Als ich erwachte, erholte Maspalomas sich noch von den Tritten, die ihm Abertausende von Touristen auch in den letzten 20 Stunden verpasst hatten.

Nach dem Duschen schlurfte ich in die Küche. Dort goss ich blubberndheisses Wasser über das Kafipulver im Tassli und genoss den bittersüssen Geruch, der daraufhin durch das Zimmer waberte. Pflotschnass, wie ich war, machte ich es mir auf einem der Balkonliegesessel gemütlich.

Die Stadt schlief tief. Wenn ein Windhauch durch die Palmenkronen strich, schien sie, wie in einem schönen Traum, wohlig einzuschnaufen. Hin und wieder surrte ein Taxi über den Asphalt. Zwei Verliebte bummelten schweigend Hand in Hand Richtung Strand.

In dem Moment, in dem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, zerriss ein Schrei die Stille. Irgendwo zwischen den Bungalows auf der anderen Seite der Strasse brüllte ein Mann einen Namen, immer und immer wieder. Entweder, dachte ich, ist ihm der Hund entlaufen. Oder dann wurde er von seiner Frau ausgeperrt.

Ich nippte an meinem Kaffee, zog an der Zigi und starrte weiter auf die Siedlung. Der Mann sirachte wie ein Wahnsinniger. Ich konnte ihn zunächst nicht sehen, aber wo er durchging, war unschwer zu erkennen: Jedesmal, wenn er ein Gebäude passierte, aktivierte er dessen Aussenbeleuchtung.

Er kam auf einem planlosen Zickzackkurs näher. Im Schein der Strassenlaternen wankte er vor ein Haus an der Kreuzung. Er krakeelte noch eine Weile weiter – und verstummte unvermittelt.

Der Bewohner des Hauses wollte wissen, was vor einem Anwesen los ist. Er trat durch das Tor. Der Störefried bemerkte ihn nicht. Er lief auf die Avenida des Estados Unidas und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ein grosskalibriges Auto.

Ich war sicher, gleich eine Klinge aufblitzen zu sehen oder Schüsse zu hören. Aber in der halben Minute, in der der Mann auf den Fahrer einredete, passierte nichts dergleichen. Der Wagen fuhr davon, der Mann ging weiter. Kopfschüttelnd verzog sich der Typ aus dem Bungalow zurück auf sein Grundstück.

Kaum hatte der Mann sich in Bewegung gesetzt, begann er erneut zu toben. Nach ungefähr hundert Metern bog er nach links ab und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann fuhr ein Polizeiauto in das Strässchen, in das er gegangen war. Minuten später legte sich Ruhe wie ein kühlendes Tuch auf das Quartier.

Über Maspalomas funkelten zahllose Sterne. Das kleine Drama, das sich Ewigkeiten unter ihnen gerade abgespielt hatte, war ihnen – wie alles, was uns manchmal sogar sehr viel länger als nur ein paar Minuten in Atem hält – vollkommen schnuppe.

Nachtdienst in der Vorhölle

In Burgdorf war Solätte, wieder einmal, aber heuer gabs neben all der Routine, die dieses Riesenfest prägt (Blumenchränzli, weisse Röckli, farbenprächtige Umzüge…) etwas Neues: Erstmals mussten die Wirte das Abfallkonzept umsetzen, zu dem der Stadtrat vor zwei Jahren trotz lauten Murrens aus Gastro- und Veranstalterkreisen ja gesagt hatte.

Für die Beizer hiess das: Getränke werden nur noch gegen ein Depot in Mehrwegbehältern ausgeschenkt. So wird “die Qualität eines Festes” nach Ansicht der Weisen im Rathaus “gleich doppelt” gesteigert: “Essen und Trinken werden aufgewertet und der Veranstaltungsort bleibt sauberer und damit attraktiver. Die Festbesucher fühlen sich dadurch erwiesenermassen wohler”, heisst es auf der Website der Stadt.

Ein Lokalbetreiber sagte mir schon Wochen vor der Solätte, dass er für das Handling dieser Challenge einen Chief Executive Officer suche. Eine solche Person zu finden, sei alles anders als einfach, klagte er: Sie müsse über ein Höchstmass an sozialer Kompetenz und ein Maximum an kaufmännischem Know-how verfügen und darüberhinaus auf den ersten Blick gerichtsfest beurteilen können, ob ein Becher mit einem dicken, schwarzen Rand verziert ist oder nicht. Nur, falls Ersteres zutreffe, handle es sich um ein retournierbares Trinkgefäss aus seinen Beständen. Andernfalls sei der Kunde freundlich darauf hinzuweisen, er soll seinen Kram woanders loszuwerden versuchen.

Weil ich am Solätte-Abend sowieso nichts Dümmeres vorhatte, versprach ich meinem Kumpel, die offene Temporärstelle zu besetzen.

So sass ich dann an diesem Montagabend vor einem langen Holztisch. Darauf stand das Kässeli mit 420 Franken Stock. Hinten links tummelten sich, unbeschwert plappernd, die Gäste der Beiz, für die ich im Einsatz stand. Wenige Meter neben ihnen war vor einem Club jemand damit beschäftigt, ein DJ-Pult einzurichten.

“Schön”, dachte ich. “Ein bisschen Hintergrundblues oder Sommersonnesandstrandchillsound passt sicher wunderbar zu diesem prächtigen Abend.”

Als ich meinen Dienst antrat, wars in der Oberstadt noch recht ruhig. Zwar bummelten ununterbrochen Menschen an mir vorbei, doch überbeschäftigt war ich nicht. Denn bevor die Becher zurückgegeben werden können, müssen sie ja erst einmal gefüllt und geleert sein und dann gleich noch einmal gefüllt und erneut geleert undsoweiterundsofort.

Ich nutzte die freie Zeit, um mich bei Wirtsleuten in der Nachbarschaft danach zu erkundigen, wie sie die Mehrwegregel umzusetzen gedenken; bei meiner Premiere wollte ich möglichst nichts falschmachen. Auf drei identische Fragen erhielt ich drei verschiedene Antworten.

Kaum hatte ich wieder an meinem Tisch Platz genommen, brach etwas los, was mit “Inferno” nur unzulänglich beschrieben wäre. Es tönte wie damals, als ich im Traum mit den US-Truppen in Bagdad unterwegs gewesen war: Ein ohrenbetäubendes Rummsen und Chlöpfen und Tätschen und Pfeifen und Heulen toste durch die historischen Gemäuer und fegte alles weg, was an Gesprächsfetzen eben noch munter durch die Luft geschwebt war.

Bis dahin war es mir problemlos möglich gewesen, mit meinen sich auf einmal wie die Doppeladlerexperten vermehrenden Kundinnen und Kunden einen Schwatz zu halten, bevor sie mir ihre Becher aushändigten und ich ihnen einen Zweifränkler. Jetzt konnte ich nur noch ihrer Mimik entnehmen, dass sie mich fragten, ob sie das und das abgeben dürften.

Weiter vorne brüllten sich ehemalige Schulkollegen, die sich vielleicht gerade zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedersahen, an, als ob sie seit der Abschlussfeier nur darauf gewartet hätten, mit ihrem Ex-Gspändli was auch immer endlich z Grächtem z Bode zu reden. Liebespaare erstarrten mitten im Gefummel. Senioren liessen ihre Rollatoren stehen und flüchteten, die gichtverkrümmten Finger fest ineinander verschlungen, in Richtung Bahnhof.

Ich aktivierte die Dezibelmess-App auf meinem Handy und las: 109. Ein Dezibel mehr, und die Schmerzgrenze wäre auch nach wissenschaftlichen Kriterien erreicht gewesen. 110 Dezibel entsprechen dem Lärm einer Kreissäge oder eines Presslufthammers.

Nach einer Stunde begann ich zu ahnen, dass trotz meines Hoffens und Betens nie jemand des Wegs kommen würde, um die offensichtlich im- oder explodierten Lautsprecher vor dem Club zu flicken. Die Frau am Mischpult schien der Höllenkrach nicht im Geringsten zu stören, ganz im Gegenteil: Verzückt lächelnd sorgte sie dafür, dass die House-Orgie nicht auch nur für eine Millisekunde ruhte.

Also fügte ich mich in mein Schicksal und konzentrierte mich auf meinen Job. Dafür wurde ich ja schliesslich nicht bezahlt.

Im Laufe des Abends fiel mir auf, dass der Anteil der Menschen, die an so einem Anlass ungebremst in eine Tischkante stolpern, erstaunlich hoch ist. Und dass einen gestandene Männer als besten Freund betrachten, sobald sie zum dritten Mal einen leeren Becher vor einen hingestellt haben. Bei jenen Leuten, die sich tief zu mir herunterbeugten in der vergeblichen Hoffnung darauf, ich würde dann verstehen, was sie sagen, konnte ich bald wettendasskompatibel am Mundgeruch erkennen, was sie soeben konsumiert hatten. An den Lippen einer jungen Frau las ich ab, dass sie wissen wollte, wieviel der Eintritt koste (Eintritt? Hier? Bei der Mehrweggebinderückgabestelle?). Ein Mann krächzte mir solange “Onigg! Onigg!” ins Ohr, bis mir dämmerte, dass er wohl einen Gin Tonic bestellen möchte.

Darüberhinaus stellte ich fest, dass unzählige Gäste mit Billigbierbüchsen und Wodkaflaschen aus dem nächstbesten Tankstellenshop über das Gelände schlenderten und schwankten und nicht, wie von “der Stadt” vorgesehen, mit Recyclingutensilien bewehrt.

Die Box, in die ich das zurückgebrachte Geschirr warf, war bei meinem Abgang kurz vor Mitternacht nicht einmal ganz voll.

Aber die Festbesucher fühlten sich an diesem attraktiven Veranstaltungsort bestimmt auch so vögeliwohl.

 

 

Inselleben (VII)

Tag 6, gegen Mittag

Falls ich in den Ferien jemals das Gefühl haben sollte, das sei jetzt ein bisschen lärmig hier oder chli staubig oder einfach nicht ganz das, was ich mir unter einer entspannenden Auszeit vom Alltag vorgestellt hatte, werde ich an jene Touristinnen und Touristen zurückdenken, an denen ich heute in Playa del Inglés vorbeispaziert bin: