Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Der Stehaufmann

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Ein Konzert von Hanery Amman mitzuerleben: Das ist, wie mit seinen besten Freunden Geburtstag zu feiern und alle fünf Minuten ein noch tolleres Geschenk auspacken zu dürfen. Oder, wie in einer Zeitmaschine zu sitzen und durch vergangene Jahrzehnte zu reisen.

“Teddybär”, “D Rosmarie und i”, “Musig wo’s bringt”, “Rote Wy”… der Mann mit den chli schütteren grauen Haaren, der am 27. Brienzersee Rockfestival auf die Bühne schlendert, als ob er zur Helferequipe gehören würde, hat die Mundartmusik geprägt wie kein anderer vor und nach ihm.

Teenager kennen seine Songs ebenso auswendig wie deren Eltern und Grosseltern. Was Hanery Amman geschaffen hat, gehört zum helvetischen Volksgut und wird in Schulen gesungen und in Pfadilagern und an Hochzeiten und Abdankungen landauf und -ab. In seinem Heimatort Interlaken wurde ein Platz nach ihm (und Polo Hofer) benannt; die aus seiner Feder erblühten “Alperose” wurden von den Zuschauerinnen und Zuschauern des Schweizer Fernsehens zum “grössten Schweizer Hit aller Zeiten” gewählt.

Hanery Amman ist – so abgedroschen der Begriff inzwischen sein mag – eine Legende, schon zu Lebzeiten, und bräuchte längst niemandem mehr etwas zu beweisen, ausser vielleicht sich selber. Aber auch das ist nicht sicher: Viel Aufhebens um sich und sein Schaffen zu machen, ist Hanery Ammans Sache nicht.

Dafür gibt es nur wenige kunstschaffende Zeitgenossen, um die sich soviele Mythen ranken wie um den “Chopin des Oberlandes” (wie Hofer seinen alten “Rumpelstilz”-Kumpel” einst genannt hat). Leute, die ihn näher (zu) kennen (glauben), sagen, er sei launisch, mürrisch, unzugänglich, eigenbrötlerisch und stur bis zur Verbissenheit. Er schlafe wegen seines Tinnitus so gut wie nie, komponiere grundsätzlich nackt und horte im Keller seines Daheims unzählige Songs, für die etliche seiner Berufskollegen töten würden, denke aber aus unerfindlichen Gründen nicht im Traum daran, damit ins Studio zu gehen, um sie für die Nachwelt zu konservieren.

Im Jahr 2000 erschien sein bisher letztes Album. “Solitaire” gehört zum Intimsten, Eindrücklichsten und Berührendsten, was ein Musiker hierzulande je produziert hat. Die CD wirkt vom ersten bis zum letzten Ton wie ein Vermächtnis. Amman beschäftigt sich darauf dermassen intensiv und offen mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens, dass jedermann, der sich das Werk anhört, ahnt oder weiss: Hier kehrt jemand sein Innerstes nach aussen, um einerseits von seinen Erfahrugsn zu berichten, und um andrerseits seinen Mitmenschen etwas mit auf den Weg geben zu können, von dem sie noch lange zehren dürfen. “Wenn die Schweiz eine Musik verdient hat, dann diese”, befand die “Weltwoche” damals.

Sehr lange konnte sich Hanery Amman auf den Lorbeeren für sein Opus Magnum nicht ausruhen. 2007 wurde bei ihm Krebs diagnostizert. Es folgten Operationen, Chemotherapien und dicke Schlagzeilen, und wenn man mit jemandem zusammensass, der Hanery in den letzten Monaten getroffen haben könnte, lautete die erste Frage an ihn oder sie immer, “wie gehts ihm?”, und die Antwort darauf mit trauriger Regelmässigkeit “schon recht, aber es ist natürlich noch lange nicht vorbei”.

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Ganz von der Bildfläche verschwand der Musiker aber nie. Immer wieder gab es Gerüchte um ein Comeback, und ab und zu trat er sogar irgendwo auf. Zu seinem 60. Geburtstag vermachte er seinen Fans “als Dankeschön fürs Warten” gratis das Lied vom “Waldgeischt”. Für die Hip-Popper Halunke, die ihre Wurzeln ebenfalls im Oberland haben, veredelte er spielend und singend “Hopfe und Malz” auf deren Silberling “Houston, we are ok”.

Ansonsten wurde es um Hanery Amman aber immer ruhiger. Und schliesslich sogar beängstigend still.

Und jetzt – jetzt höckelt er an seinem Elektropiano und spielt sich, als ob nie etwas gewesen wäre, eine vom Veranstalter vorgegebene Stunde lang durch eine kleine Auswahl seiner Hits. Er winkt ins Publikum, treibt die Bandkollegen an, lässt seine berühmten Arpeggi durch die Boxen perlen und schüttelt Soli aus dem Ärmel, die nicht wenigen Lederjackenträgern und Anhängerinnen der Jeanskuttenfaktion Tränen der Freude und Rührung in die Augen treiben.

“Hanery Amman” und “krank”: Diese beiden Begriffe passen an diesem in jeder Hinsicht prächtigen Nachmittag nicht zusammen – ganz im Gegenteil: Mit jedem Ton, den Amman seinem Instrument entlockt, und mit jeder Silbe, die er zuweilen eher krächzt denn singt, scheint er seinen Fans versichern zu wollen: Macht euch keine Sorgen; ich habs überstanden.

Dann erzählt er seine wohl schönste Geschichte; jene, die mit “s het grägnet i de Bärge” beginnt und die ihn und seine Rosmarie bis Spanie führt. Spätestens, als die beiden zäme blutt ids Wasser renne und Muschle sueche im Sand, ist allen im Festzelt klar, dass sie in diesem Moment etwas erleben, was sich ohne Übertreibung mit “Wunder” umschreiben lässt:

Die triumphale Rückkehr von einem, den manche schon für immer verloren geglaubt hatten.

Weitere Konzertdaten:

19.11.14 Interlaken
19.12.14 Münchenbuchsee
20.12.14 Interlaken
09.01.15 Luzern
17.01.15 Rubigen
31.01.15 Pratteln
07.02.15 Grosshöchstetten
21.02.15 Burgdorf
21.03.15 Murten

Viel Weiteres von und über Hanery Amman kann hier nachgelesen werden.

Abschied von Pesche

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Zwei Senioren sitzen in einer Burgdorfer Beiz. Sie plaudern über die Fussball-WM und das Wetter. Auf einmal packt der eine den anderen am Unterarm. Er senkt die Stimme und sagt:

“Heute Morgen war ich bei Pesche in der Insel.”

“Aha…”

“Ja. Bist du auch schon…?”

“Nein.”

“Sieht schlecht aus. Ganz schlecht. Man kennt ihn kaum noch.”

“Warum?”

“Er ist so dünn geworden. Ganz gelb im Gesicht.”

“Hat er dich erkannt?”

“Keine Ahnung. Glaube schon. Zwischendurch jedenfalls. Er hat überall so Schläuche.”

“Hast du mit ihm geredet?”

“Habs probiert. Glaube aber nicht, dass viel angekommen ist.”

(Beide schweigen.)

“Er sieht wirklich schlecht aus. Er tut mir so leid.”

“Mir auch.”

“Aber sie schauen gut zu ihm. Dreimal kam eine Schwester herein, als ich da war.”

“Was hat sie gemacht?”

“Nichts. Sie kam einfach vorbei.”

“Hast du sie gefragt, wie lange…?”

(Schüttelt stumm den Kopf). Sie hätte sowieso nichts gesagt.”

“Man musst fast hoffen, dass es bald fertig ist.”

“Das darf man ja kaum sagen. (Pause). Dieser Pesche. Heieiei. Traurig. Vor einem Jahr waren wir noch am Eidgenössischen.”

“Aber er war schon da nicht mehr zwäg. Ich glaube, er hat schon gewusst, dass es absi gaht, und uns einfach nichts gesagt.”

(Beide schweigen.)

“Gehst du auch noch?”

“Vielleicht. Weiss nicht. Ich…in Spitälern wirds mir immer so gschmuuch.”

“Machs doch. Irgendwie freut er sich sicher.”

“Ja, schon.”

“Ich bin froh, bin ich gegangen. Mir hats gwohlet.”

“Gwohlet?”

“Ja, richtig gwohlet. Ich weiss noch, als Pöilu ging. Den habe ich nicht mehr gesehen vorher. Hatte nach der Abdankung wochenlang ein schlechtes Gewissen.”

“Das musst du bei Pesche jetzt nicht haben.”

“Nein.”

“War Heidi auch da?”

“Nein.”

“Und Maja?”

“Nein.”

“Demfall: Niemand.”

“Ausser mir? Nein.”

“Ist schon bitter, so niemand, am Schluss.”

“Das wird bei uns vielleicht nicht anders sein.”

“Wer weiss.”

“Er sieht wirklich ganz, ganz schlecht aus.”

“Ja.”

“Also: Machs guet.”

“Du auch.”

“Möge diese Frau alles Glück der Welt haben”

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904 Texte habe ich in diesem Blog schon verfasst. 735 mal wurden sie kritisch oder lobend kommentiert. Dazu erreichten mich im Laufe der Jahre Aberdutzende von gemailten Reaktionen in allen Schattierungen von a wie „abartig!“ bis W wie „Wältklass!“. Vor diesem Hintergrund ging ich davon aus, dass mich in Sachen „Leserpost“ nichts mehr überraschen könnte.

Aber oha: Das Echo auf den gestern veröffentlichten 905. Beitrag war nicht nur überraschend, sondern schlicht überwältigend.

Die Geschichte von der Frau, die einen Weg aus der Alkoholabhängigkeit sucht und die mich gebeten hatte, sie dabei ein bisschen zu unterstützen, schlug (und schlägt nach wie vor) alles in diesem Forum Dagewesene: Sie wurde bis jetzt über tausendmal angeklickt, und in meinem Mailfach türmt sich Zuschrift auf Zuschrift.

Aktuell liegen mir 54 Briefe von Leserinnen und Lesern vor. Sie sind allesamt unter Pseudonym verfasst, was mühelos nachvollziehbar ist: Bis auf zwei Personen lassen sämtliche Schreiberinnen und Schreiber durchblicken, dass sie das Problem meiner “Hauptdarstellerin” entweder aus eigener Erfahrung oder von Suchterkrankungen im Verwandten- und Freundeskreis her bestens kennen.

Es würde zu weit führen, jede Mail Wort für Wort zu veröffentlichen. Manche Briefe ähneln sich inhaltlich dermassen, dass sie von ein und derselben Person verfasst zu sein scheinen. In anderen werden intimste Details geschildert – als Stichworte mögen „Gewalt in der Familie“ oder „Schwere körperliche Schäden“ genügen – die meiner Meinung nach auch dann nicht an die Öffentlichkeit gehören, wenn auf Anhieb keinerlei Rückschlüsse auf die Absender möglich sind.

Wir leben in einer kleinen Welt: Eine einzige spezielle Formulierung oder die Schilderung bestimmter Umstände können in diesen internetten Zeiten genügen, um jemanden zu outen und damit existenziell zu gefährden. Die Mails so lange umschreiben, bis sie garantiert niemandem mehr zugeordnet werden können, will ich aber auch nicht, weil dann ein Teil ihres “Charakters” verloren gehen würde.

Was in diesen Briefen geschrieben wurde, gehört nur den Absenderinnen und Absendern – und jetzt, zumindest teilweise, auch mir. Für dieses buchstäblich blinde Vertrauen – das mich, wie ich gerne zugebe, ebenso rührt wie in Einzelfällen überfordert – danke ich allen von Herzen.

Auszüge:

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Herr A. (verheiratet, zwei Kinder): „Nichts hat mich in den vergangenen Monaten so glücklich gemacht wie die Erkenntnis, nicht der einzige Mensch weit und breit zu sein, der scheinbar chancenlos gegen den Alkohol kämpft. Was ich schon versucht habe, damit aufzuhören…und wie oft ich mir schon gesagt habe, ich gehe gleich morgen früh zum Arzt, um mit ihm über mein Problem zu reden… Jetzt weiss ich, dass meine Sucht fast etwas ‚Normales“ ist. Nur schon dieses Wissen tut mir sehr gut und hilft mir weiter.“

Herr B. (verheiratet, in Trennung lebend): „Der Alkohol hat mein Leben total kaputtgemacht. Ich habe schon mehrmals daran gedacht, Schluss zu machen, doch am Ende war ich immer zu feige dazu. Die offenen Worte dieser Frau machen mir Mut, nach vorne zu schauen. Was sie kann, kann ich auch.“

Frau C. (keine Angaben zur Person): „Danke. Dankedanke!!“

Herr D. (verheiratet, ein erwachsenes Kind): „Ich fand meinen Bierkonsum (ca. 5 Liter am Tag) lange Zeit nicht so schlimm. Langsam merke ich, dass es doch schlimm ist. Ich finde es auch immer peinlicher, wenn mein Sohn nach Hause kommt und mich mit einer Flasche in der Hand sieht..“

Frau E. (in einer zunehmend unglücklichen Beziehung lebend): „Ich hab gerade einem befreundeten Psychiater telefoniert und mit ihn einen Termin abgemacht. Hoffentlich klappts!!! Super, diese Frau!“

Frau F. (keine Angaben zur Person): „Wer eine solche Familie hat wie die Frau, von der Sie schreiben, braucht in seinem ganzen Leben keine anderen Geschenke mehr.“

Herr G. (geschieden, in einer neuen Beziehung lebend): „Nach meiner Scheidung habe ich tonnenweise Betroffenheitsliteratur gelesen. Keines dieser (teuren!!) Bücher hat mir geholfen. Sie waren entweder zu theoretisch oder zu esotherisch. Die bodenständige Schilderung dieser Frau ist etwas anderes. Richten Sie ihr bitte aus, sie soll so weitermachen. Das kommt sicher gut mit ihr. Ich hoffe es jedenfalls schwer für sie und ihre Familie!“

Frau H. („schon alt“): „Möge diese Frau alles Glück dieser Welt haben, um aus dieser Sache herauszukommen.“

Frau I. (keine Angaben zur Person): „Ich kann nicht verstehen, wieso die Frau nicht zu den Anonymen Alkoholikern gehen will. Wie der Name schon sagt, sind dort ja alle anonym, da kann ihr nichts passieren. Auf die andere Art sehe ich natürlich auch, dass so etwas auf dem Land schwieriger ist als in der Stadt. Wies aussieht, macht sies aber auch so sehr gut. Ich drücke ihr die Daumen, damit es so weitergeht.“

Herr K. (geschieden): „Ich sage nur: Chapeau!“

Herr L. (geschieden): „Anfang August gehe ich in eine Alkoholklinik. Das ist mein dritter Versuch. Beim ersten Mal bin ich einfach davongelaufen, beim zweiten Mal hatte ich schon beim Austritt ein schlechtes Gefühl. Wenn es jetzt nicht funktioniert, weiss ich auch nicht mehr. Scheiss Alk!“

Frau M. (kürzlich arbeitslos geworden): „Wäre, hätte, müsste und könnte – ich weiss, wie das mit den Ausreden ist. Man findet tatsächlich immer ‚etwas’, um den Schlussstrich nicht ausgerechnet heute ziehen zu müssen. Noch schlimmer sind nur die ewigen Lügereien. Man verbringt sein Leben damit, sich und anderen etwas vorzumachen. Wie anstrengend das ist, merkt man erst, wenn mans nicht mehr tun muss.“

Frau K. (verheiratetet, drei Kinder): „Ich möchte dieser Frau soviel sagen und weiss doch nicht genau, was. Beim Lesen ihrer Zeilen fühlte ich mich, wie wenn ich meine eigene Geschichte vor mir sehen würde. Dieses Verdrängen ‚Vernütigen’ und ‚Verstecken’ kommt mir so bekannt vor. Dabei hilft das doch alles nichts, und am wenigsten einem selber. Man muss sich der Realität stellen, genau wie die Frau. Ich finde das bewundernswert.“

Herr L. (keine Angaben zur Person): „Konfuzius sagt, ‘auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.'”

“Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe”

Glass of Red Wine on White

In meinem Mailfach lag neulich ein sehr langer Brief. Eine mir unbekannte Frau teilte mir mit, dass sie eine eifrige Leserin dieses Blogs sei.

Vor allem  diesen und diesen und diesen Beitrag habe sie “immer und immer wieder” studiert, weil diese Texte etwas in ihr berühren. Etwas, was auch sie betreffe.  Sie vermute, dass ich wisse, was sie meine.

Dann kam sie – und ich sah sie irgendwie vor mir, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen vor dieser für sie wahnsinnig hohen Hürde stand, die Augen schloss, auf Zehn zählte und  dann sprang – zur Sache: Sie würde gerne mit jemanden über ihre Alkoholsucht reden, schrieb sie, und ihre Gedanken mit einem Menschen teilen, der über einschlägige Erfahrungen verfügt.

In dem Dorf, in dem sie lebt, habe sie dazu keine Gelegenheit. Sich den Anonymen Alkoholikern oder dem Blauen Kreuz anzuschliessen, sei für sie wegen der kleinräumigen Jederkenntjeden-Verhältnisse keine Option. Abgesehen von ihrer Familie und ihren engsten Freunden wisse niemand, dass sie über Jahre hinweg jeden Tag knapp zwei Liter Rotwein getrunken habe.

Um ihre Krankheit geheimzuhalten, habe sie sich mit den üblichen Tricks beholfen: “Ich konsumierte nur alleine und zuhause. In der Öffentlichkeit oder an geschäftlichen Anlässen habe ich meist dankend abgelehnt. Dafür trank ich dann daheim weiter.”

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Inzwischen sei die Situation für sie physisch und physisch dermassen belastend geworden, dass sie einen Arzt und eine Psychologin habe einschalten müssen.

Das alleine, glaube sie, bringe sie jedoch nicht entscheidend weiter.  Deshalb frage sie jetzt mich als ehemaligen und längst “trockenen” Direktbetroffenen, ob ich sie auf der Suche nach einem Pfad aus dem Sumpf ein Stück weit begleiten könne und wolle.

Für mich stand ausser Frage, dass ich der Frau im Rahmen meiner Möglichkeiten unter die Arme greifen würde. Ich schrieb ihr zurück, ich stehe für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Allerdings würde ich es aus geografischen Gründen vorziehen, wenn wir diese Unterhaltungen schriftlich führen könnten.

Damit – sowie mit ein paar Spielregeln, die ich aufstellte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken und die gegenseitige Ehrlichkeit zu gewährleisten – war die Frau einverstanden.

Wobei: Was heisst schon „einverstanden“? Sie sitze, meine Mail vor Augen, „vor dem PC und heule, was das Zeug hält“, liess sie mich in ihrer nächsten Zuschrift wissen. Allerdings weine sie nicht aus Frust oder Verzeiflung.; es sei vielmehr„ein befreiendes Heulen“.

In den folgenden Tagen entspann sich in drei Dutzend elektronischen Briefen ein Dialog, den ich hier auszugsweise und stellenweise leicht redigiert wiedergebe. Bevor ich den Text freischaltete, gab ich ihn der Frau zu lesen; ich wollte sie nicht mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte überraschen, brüskieren oder gar verletzen. Ich sagte ihr, ich hätte kein Problem damit, wenn sie sich gegen eine Publikation aussprechen würde. Doch die Frau hatte keine Einwände; ganz im Gegenteil.

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Sie an mich: “Ich SCHÄME mich!!!! Das ist das schlimmste Gefühl für mich!“

Ich an sie: “Jeder Alkoholiker schadet mit seiner Trinkerei nicht nur sich selber. Er lässt auch sein privates und geschäftliches Umfeld mit-leiden. Nur: Das tut jeder kranke Mensch. Er macht das nicht in der Absicht, jemandem zu schaden. Und hat folglich auch keinen Grund, sich dafür zu schämen.”

Sie an mich: “Im Moment arbeite ich nicht. Nach einer krankheitsbedingten Auszeit hätte ich zwar wieder in den Betrieb zurückkehren können, aber das wollte ich nicht. Denn immer, wenn die Umsätze seiner Ansicht nach zu niedrig waren, rief mich am Abend der Chef an und schiss mich gottsjämmerlich zusammen. Diesen Frust konnte ich nur mit Wein bewältigen.”

Ich an sie: “Wichtiger als eine Arbeitsstelle ist, dass du körperlich und seelisch wieder auf die Beine kommst. Wenn du wieder festen Boden unter den Füssen hast, kannst du daran denken, loszumarschieren.”

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Sie an mich: “Mit der Arbeit hatte ich ein Sauschwein, da unser Chef nur sporadisch vorbeischaute. Wenn er hin und wieder für zwei, drei Stunden auftauchte, riss ich mich zusammen. Natürlich habe ich auch während der Arbeit konsumiert! Da ich aber schon immer ein Laferi war, fiel ich wahrscheinlich nicht aus dem Rahmen. Und mit Täfeli und Mundspray kann man ja viel vertuschen. Ja – man wird generell einfallsreich. Man entwickelt unglaubliche Strategien.”

Ich an sie: “Viele Alkoholiker merken erst, dass etwas schiefläuft und sie etwas dagegen unternehmen müss(t)en, wenn ihnen der vermeintlich feste Boden unter den Füssen wegbröckelt. Dann hilft auch die rafffinierteste Taktik nichts mehr. Doch bis dahin ignorieren sie die bisweilen schon riesengrossen Zeichen an der Wand. Mein Chef stellte mich damals nach drei Verwarnungen auf die Strasse. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn an jenem Tag wurde aus meiner vagen Vermutung, dass es möglicherweise an der Zeit wäre, mein Leben von Grund auf zu ändern, Gewissheit.”

Sie an mich: “Ich habe sehr schlecht geschlafen. Tausend Gedanken schwirren durch mein Hirni. Ich denke immer noch, dass ich mich dem Ganzen stellen muss. Auch wenn es mich gerade wieder einmal erhudlet – verdrängen nützt nichts; das habe ich gemerkt. Und endlich weiss ich, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin. Ich habe ewig lange das Gefühl gehabt, der einzige Mensch mit einem Alkoholproblem zu sein, obwohl mir Ärzte und Therapeuten immer wieder versicherten, dass dem nicht so sei.

Ich glaube, ich bin von der Wahrheit schockiert. Ich habe den ganzen Schrott einfach zur Seite gestossen und Jupiduutrallalaa in den Tag hineingelebt. Ich habe mich geweigert, zu akzeptieren, dass ich unter einer Leberzirrhose leide. Ich wollte davon nichts hören und nichts lesen. Ich hörte nicht darauf, was die Ärzte sagten. Wenn am Fernsehen etwas über Lebererkankungen gezeigt wurde, schaute ich weg. Ich bin vor allem davongelaufen.

Und jetzt, wo ich mich entschlossen habe, den ganzen Mist wegzuräumen, kommt das alles hoch. Ich fühle mich gerade wie…ich weiss nicht…wie Scheisse. Ich will immer nur das Schöne und Gute sehen. Am liebsten wäre mir, wenn das ganze Puff schon aufgeräumt wäre.”

Ich an sie: “Dass dich dein Fall immer wieder erhudlet, ist nichts als natürlich. Du steckst mitten in einem Schlamassel, von dem du bis vor nicht allzulanger Zeit nur geahnt hast, dass es existiert…und jetzt, nach vielen Jahren, siehst und spürst du, wie gross es wirklich ist.

Ich habe mich damals auch nächtelang hintersinnt und wegen der hohen (Schulden-)Berge vor mir oft das weite, freie Land dahinter kaum mehr gesehen.

Aber dann sagte ich mir jeweils: Jetzt bist du schon bis hierher und hierher gekommen. Also wirst dus auch dorthin und dorthin schaffen. Mit dieser Politik der kleinen Schritte kommst du am Weitesten.

Meine Geschichte liegt zehn Jahre zurück. Für mich ist sie, was für andere Leute die Briefmarkensammlung auf dem Estrich darstellt: Man weiss, dass sie da ist, nimmt sie aber nur noch bei besonderen Gelegenheiten hervor. Zum Beispiel, wenn jemand, der sich ebenfalls für Marken interessiert, aus heiterem Himmel fragt, ob er (nein: sie) die Alben vielleicht einmal sehen könne…

Du hast erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, dich freizukämpfen. Das erfordert viel Kraft und Geduld und Nerven und die Fähigkeit, immer wieder nach vorne zu blicken und daran zu glauben, dass es klappen wird. Lass dir diesen Optimismus auf keinen Fall nehmen. Du hast die richtige Strasse gefunden. Andere wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt. Sie hätten – oder haben – allen Grund, verzweifelt zu sein.

Hast du dir auch schon überlegt, dich für eine Weile in eine Klinik zurückzuziehen? Dann bist du weg von dem ganzen anderen Zeug, hast lauter Profis um dich herum und – sehr wichtig! – triffst zig Menschen, die dieselben Schwierigkeiten haben wir du.”

Sie an mich: “Dein Vorschlag tönt extrem richtig. Ich denke auch, dass mir die Ruhe sehr guttun würde. Ich habe am Anfang alle zwei Wochen einen Termin bei meiner Therapeutin gehabt. Dann haben wir die Gespräche auf meinen Wunsch auf einmal pro Monat reduziert, weil ich davon ausging, keine so engmaschige Betreuung mehr zu benötigen. Klar würde sich ein Klinikaufenthalt irgendwie einrichten lassen. Um mich herum ist ständig ein Gewusel. Ich kann mich überhaupt nicht entspannen.”

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Ich an sie: “In einer Suchtklinik geht es darum, konzentriert am eigentlichen Problem arbeiten zu können und gleichzeitig auf neue Gedanken zu kommen. Und ums Reden über Erfahrungen und Teilen von Erlebnissen (kurz gesagt: um genau das, was du dir wünschst).

Das geht nicht mit einer Therapiesitzung alle paar Wochen. Da muss ein Intensivprogramm her. Wenn du im Garten Unkraut hast, fährst du auch nicht einmal im Monat mit dem Rasenmäher drüber. Dann rupfst dus aus, mit der Wurzel. Das ist zwar viel anstrengender, aber wesentlich wirkungsvoller.”

Sie an mich: “Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe.”

Ich an sie: “Ich schlage dir jetzt Folgendes vor: Du sagst deiner Familie, das du fest entschlossen bist, dich ein für allemal von der Trinkerei zu lösen. Weiter erklärst du ihr, dass das nicht nur für dich mit einem grossen Aufwand verbunden ist, sondern auch für sie. Du sagst deinen Lieben, dass du möglichst bald eine Therapie machen willst, in einer Klinik, und dass sie in dieser Zeit ohne dich werden auskommen müssen. Ich bin sicher, dass das alle verstehen. Und ich bin vor allem überzeugt davon, dass darüber alle mehr als nur glücklich sein werden.

Dann gehst du zu deinem Hausarzt und bittest ihn, dich in eine für dich geeignete Klinik zu überweisen.”

Sie an mich: “Das mit einer Therapie weg von zuhause klingt schon verlockend und auch vernünftig. Ich werde die Möglichkeiten bei der Psychologin nächste Woche ansprechen…und dann schauen wir mal. Zeitlich müsste dies einfach noch ein wenig warten, jedenfalls bis nach den Sommerferien. Bei uns steht relativ viel Wichtiges an.”

Ich an sie: “Mit Unverbindlichkeiten wie ‘schauen wir mal’ und ‘noch ein wenig warten’ kommst du nicht weit. Und ‘etwas Wichtiges’ wird auch nach den Ferien wieder anstehen. Einen Grund, die Therapie nicht antreten (oder zumindest fix einfädeln) zu können, findest du jederzeit. Denn wenn es im Leben eines Alkoholikers an etwas nicht fehlt, sind es Ausreden.

Du musst erkennen, dass für dich im Moment du das Wichtigste bist. Du kannst deiner Familie und deinen Freunden nur dann eine Stütze und ein Wegweiser oder auch ‘mur’ eine verlässliche Begleiterin sein, wenn zu zwäg bist. Doch das bist du nicht. Du bist schwach und verletzlich und labil und hilfsbedürftig und viele, viele Kilometer davon entfernt, ein freies und souveränes Leben führen zu können.

Aber ich bin nicht dein Therapeut und schon gar nicht dein Vormund. Ich habe dir nur erzählt, was in meinem Fall zum Ziel geführt hat. Ob und wie du diese Hinweise nutzt, ist dir überlassen. Es ist dein Leben.”

Sie an mich: “Deine Worte haben mich richtig ‘müffelig’ gemacht! Weisst du, warum? Es ist wieder einmal die Wahrheit, die ich nicht oder kaum ertragen kann! Ich möchte Recht haben, nicht die anderen. Das ist ein Charakterzug von mir, den ich schon früher hatte, vor meiner Flucht in eine vermeintlich heile Welt. In dieser Welt war alles Unangenehme nur gedämpft und für mich viel erträglicher. Ich sage mir immer, ich könne nichts dafür; alle seien zu mir so ungerecht. Aber ich weiss ja: Das ist nicht die Lösung. Ich habe meinen Ärger nun auf dem Hometrainer statt mit Wein abreagiert. Darauf bin ich stolz.

Habe ich einen Flick ab? Bist du in deinen Therapiesitzungen nie wütend geworden, weil du genau gewusst hast: Was diese Leute sagen, ist richtig, und ich liege falsch? Und dass du trotzdem nicht wolltest, dass sie Recht haben? Mich so zu sehen, wie ich mich soeben gesehen habe, tat verdammt weh. Aber es löste in mir auch einige Blockaden.”

Ich an sie: “Wer Recht hat und wer nicht, ist in einer Therapie meiner Meinung nach ziemlich egal. Wichtiger sind all die Gelegenheiten, über sich, seine Lage, seine Vergangenheit und seine Zukunft nachzudenken, daraus die passenden Schlüsse zu ziehen und die Weichen neu zu stellen (und zwar so, dass sie etwas aushalten und nicht beim ersten Zügli, das vorbeikommt, wieder verrutschen).

Wenn dich meine Post zum Hirnen gebracht hat: Tiptopp. Ich kann dir nur sagen: Hör auf damit, vor der Wirklichkeit zu fliehen. Hör auf damit, andere(s) für dein Befinden verantwortlich zu machen. Hör auf damit, dich selber zu bemitleiden.

Stell dich stattdessen deinem Feind. Geh auf ihn zu, schau ihn dir genau an – und mach ihn fertig.

Sei dir aber bewusst, dass du das alleine und in deiner gewohnten Umgebung nicht schaffst. Auf diesem Feld kannst du dich nicht auf ihn konzentrieren, weil du ständig abgelenkt wirst. Abgesehen davon geniesst er auf diesem Platz Heimvorteil. Die Kämpfe, die ihr beide schon darauf ausgetragen habt, hat er alle gewonnen.

Also: Lock deinen Gegner auf ein Terrain, auf dem er sich so unsicher fühlt wie nirgendwo sonst, und vertrau darauf, dass dort viele bis an die Zähne bewaffnete Leute nur darauf warten, dich bei deiner hoffentlich letzten und wichtigsten Konfrontation mit ihm zu unterstützen.

Diese Menschen kennen seine Schwachstellen. Sie werden sie dir zeigen und mit dir so lange trainieren, bis du dich dem Feind voller Stärke und mit einer Unmenge Selbstvertrauen stellen kannst.”

Sie an mich: “Es geht mir gut. Ich bin ausgeglichen und mein aufgewühltes Inneres hat sich beruhigt. Ich hatte ein tolles Wochenende mit zwei sehr guten und eingeweihten Freunden. Sie vermitteln mir, dass sie stolz sind auf mich und den Weg, den ich gewählt habe. Das tut mir sehr gut!

Natürlich ist deswegen nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber in und mit mir passierte in den letzten Tagen etwas. Das fühlte sich im ersten Augenblick beängstigend an. Doch jetzt spüre ich Zufriedenheit und Genugtuung. Ich habe gemerkt, was für mich stimmt und was nicht. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, ein Schrittchen weitergekommen zu sein. Ich werde dieses Schrittchen in meiner nächsten Therapiestunde erwähnen!”

Sie an mich (ein paar Tage später): Das Gespräch mit meiner Therapeutin war gut, aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend. Ich habe mit ihr einige unserer Mails angeschaut. Wir sind aber noch nicht ausführlich darauf eingegangen, da uns dafür die Zeit fehlte. Wir treffen uns nächste Woche wieder. Ich stehe auf dem richtigen Weg und komme darauf sogar vorwärts.”

Ich an sie: “‘Aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend…’: So werden noch unzählige Gespräche verlaufen, die du auf deiner Reise in die Abstinenz führen wirst. Je mehr sie dich beschäftigen und je mehr sie dir zu denken geben, desto besser! Halt mich über deinen nächsten Therapiebesuch auf dem Laufenden. Ich bin gespannt, was deine Psychologin zu all dem sagt, was du in den letzten Wochen unternommen, gelesen und geschrieben hast.”

Das wars, fürs Erste. Ich weiss noch nicht, wie sich die Frau entschieden hat. So oder so wünsche ich ihr von Herzen das Allerbeste, die nötige Portion Glück – und Angehörige und Freunde, die sie begleiten und verständnisvoll auf ihren Weg zurückschubsen, falls sie einmal davon abkommen sollte.

Jetzt, wo das Allergröbste für sie hoffentlich überstanden ist, kann ich ihr es ja verraten: Unser Mailerei hat nicht nur ihr etwas gebracht. Auch ich habe davon profitieren dürfen.

Und, wer weiss: Vielleicht erkennt der eine Leser oder die andere Leserin sich in diesem oder jenem Abschnitt wieder.

Das wäre dann vielleicht die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht eine gute Idee wäre, einfach mal jemandem zu schreiben.

Suchtfünf

 

Sterbensinteressant

Internet?

Gammelfleisch?

Politik?

Nein. Als Schwerpunkt für seine Pfingst-Ausgabe hat “Der Spiegel” in diesem Jahr ein Thema gewählt, das alle betrifft: Das Sterben.

Unter dem Titel “Ein gutes Ende” versucht das Hamburger Nachrichtenmagazin, “Wege zu einem würdevollen Sterben” aufzuzeigen.

“Gut” und “Ende” (von allem): Was wie ein Widerspruch in sich klingt, geht in diesem Fall tatsächlich auf: Laura Höflinger, Anna Kistner und Manfred Dworschak, die für die Geschichte verantwortlichen Autoren, tun das auf so einfühlsame, aber nie übergspürige Art und Weise, dass man die Lektüre auch – und vor allem – jedem und jeder empfehlen kann, in dem der Gedanke, dereinst endgültig zu verschwinden, bestenfalls beklemmende Gefühle auslöst.

Hemmungen vor einer Auseinandersetzung mit dem für die meisten sehr unangenehmen und entsprechend gerne verdrängten Thema bauen die Journalisten gleich zu Beginn ab. “Sterben ist die grösstmögliche Grausamkeit”, stellen sie fest, und begeben sich damit auf Augenhöhe mit vermutlich 99,9 Prozent ihrer Leserinnen und Leser. Aber statt in der Kundschaft weiter Ängste zu schüren, nehmen Höflinger, Kistner und Dworschak sie an der Hand und führen sie sachte hinein in ein emotional total vermintes Gelände, in dem es kaum Gewissheiten gibt, sondern fast nur Prophezeiungen und Fantasien.

Erfreulicherweise beliessen die “Spiegel“-Autoren es nicht dabei, mit Ärzten und Pflegerinnen über die eher theoretischen Aspekte des Sterbens zu reden. Sie gingen zu Menschen, die vor Kurzem einen geliebten Mitmenschen verloren haben oder die sich damit abfinden mussten (und müssen), liebe Mitmenschen bald für immer zurückzulassen. Sie gingen, um kurz in die Fussballersprache zu wechseln, “dahin, wo es weh tut”.

Und kehrten von dort mit Erkenntnissen zurück, die einfach nur gut tun.

Eine Seniorin, deren Mann neulich verstorben ist, sagt zum Beispiel, sie habe “keine Angst“ vor dem Sterben. Vielmehr freue sie sich auf das Wiedersehen mit ihrem Michael. Davon, dass sie und ihr Liebster dieses Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit werden feiern können, ist die Frau überzeugt. Schliesslich wisse er ja, was er zu tun habe: Jedesmal, wenn sie vor dem Einschlafen mit dem Bild ihres Gatten auf dem Nachttischchen spreche, sage sie zu ihm: „Vati, hol mich bald zu dir.“ Deshalb – weil sie wisse, wohin es gehe – werde sie die letzte Reise “mit einem Lächeln auf den Lippen“ antreten.

Die demente Frau im Heim für Schwerstpflegebedürftige, die in all dem Dunkel, das sie umgibt, immer wieder Licht sieht und sich trotz allem ein bisschen Lebensfreude bewahrt hat; oder die junge Frau, die keinen Sinn darin sieht, mit einer unheilbaren und tödlich verlaufenden Nervenkrankheit zu hadern und die stattdessen Kraft aus Aufmerksamkeiten schöpft, die für andere Leute kaum mehr wahrgenommene Selbstverständlichkeiten sind: Sie stehen als mutmachende und hoffnungenspendende Beispiele dafür, wie “man” dem Ende entgegengehen kann, ohne die verbleibende Zeit panisch mit einem sowieso sinnlosen Kampf gegen das Schicksal (oder den natürlichen Lauf der Dinge. Oder was auch immer.) zu vergeuden.

Ganz besonders berührend ist die Passage über den krebskranken Buben. Er blickte dem Tod mit einer Gelassenheit ins Gesicht, über die die meisten Erwachsenen wohl nur fassungs- und verständnislos und demütig staunen können. Im Laufe der Jahre hatte der junge Patient eine Beziehung zu einem Drachen aufgebaut, den er in einem Buch kennengelernt hatte. Das Fabelwesen begleitete den Buben durch sein gesamtes Leiden. Doch Angst? Nicht die Spur: “Wenn ich sterbe, holt mich mein roter Drache”, habe der Bub gewusst. Als er schliesslich im Sterben gelegen sei, habe die Krankenschwester gesagt: “Ich mache mal das Fenster auf. Der Drache klebt schon am Fenster.“

Wenig später sei der Bub gegangen.

Die Familie des Jungen hatte den Drachen in ihr Leben integriert. Die Mutter vertraute dem “Spiegel” an, dass sie ein paar Tage nach dem Tod ihres Sohnes einen Brief an den Drachen geschrieben habe. Sie habe ihm erzählt, wie ihr Bub am Schluss noch einmal tief atmete, seufzte – und wie es danach “nur noch Ruhe und Frieden” gegeben habe. “Und die Gewissheit, dass es gut so war.“

Zehn Seiten umfasst die sehr, sehr lesenswerte Geschichte über das Sterben und den Tod. Ich glaube nicht, dass auch nur eine Zeile dieser Reportage mit dem Hintergedanken verfasst wurde, “jetzt machen wir mal wieder Auflage mit einem grossen Tabu-Thema!“. Vielmehr ging es den Autoren erkennbar darum, die Menschen dazu zu ermuntern, sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ernsthaft, aber unverkrampft, mit dem Tod – auch mit ihrem eigenen – zu beschäftigen.

“Mit Sprechen und Planen”, haben die Autorinnen und der Autor bei ihren Recherchen erfahren, “kriegt man die Angst weg”. Das wiederum sei Voraussetzung dafür, sich im Gespräch mit anderen oder in persönliche Gedanken versunken unaufgeregt mit dem Ende zu befassen. “Wer darüber redet, beginnt, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen”, heisst es in dem Text. Und: “Wer fragt und zuhört, erfährt, dass er entgegen aller Erwartung vieles selbst bestimmen kann auf dem Weg zu seinem Ende.“

Wie einfach das geht; wie spielerisch der Umgang mit dem Tod sein kann, zeigt Millionen von Leserinnen und Lesern ein kleiner Bub mit seinem roten Drachen.

“Die Franzosenkrankheit” steht kurz vor dem Ausbruch

Die Plakate hängen, die Flyer sind verteilt, die Schauspielerinnen und Schauspieler geben der Aufführung an einem Probenwochenende gerade den letzten Schliff: Bald bricht in Burgdorf “Die Franzosenkrankheit” aus.

Wer wissen will, wie das war damals, als im Emmental die Syphilis wütete und konservative und fortschrittliche Geister sich einen unerbittlichen Kampf um medizinische Hilfe und moralische Grenzen lieferten: Vom 10. bis am 13 Mai bietet sich im Siechenhaus die Gelegenheit, das Drama an einem geschichtsträchtigen Ort mitzuverfolgen.

Tickets gibts hier.