Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit “…but seriously” von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach “P”. Wenig später kam er mit “..but seriously” zurück. “Los eifach mou ine”, sagte er. “Chasch si ha.”

Zuhause liess ich mich daraufhin mit “I wish it would rain down” in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo “I wish it would rain down” erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

***

Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am “Out in the Green” in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

“Mighty Quin”, “Davy’s on the road again”, “Blinded by the light”: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

***

Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?”). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der “Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‘Talking Heads'”, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und “Wild Hearts”-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

***

In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

***

Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

***

An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. “Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

***

Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war “Hold the line”.

S Weggli und de Batze

Die Rocknrolldies ziehts nach draussen: Am 10. Juni sorgen wir unter den Lauben vor der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt für Stimmung.

Los gehts um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Hungrige gibts Fleisch vom Grill.

Stadtbilder (52)

Abschied: Ein halbes Jahr lang standen “Die Gerechten” rund um das Museum Franz Gertsch in Burgdorf. Nun reisen die Holzskulpturen von Werner Neuhaus weiter. Aneinandergebunden und etwas verloren wirkend, warten sie auf den Abtransport. “Schade, sie werden mir fehlen”, schreiben Freundinnen und Freunde der Figuren auf Facebook, oder: “Ich werde euch vermissen, liebe geduldige Gestalten”.

Aus der guten, alten Zeit

Der monströse Car passt in die Burgdorfer Oberstadt wie Moby Dick auf eine Alp. Vor Kurzem stand das Gefährt in Linz, Prag, Berlin, Hamburg, Köln und Paris. Morgen bringt es seine Passagiere nach Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Dresden und Leipzig. Dann gehts durch die Niederlande und Belgien ab nach London, wo für John Mayall, den Mieter des Busses, vor weit über einem halben Jahrhundert alles begann.

In London zog er mit Jimmy Hendrix um die Häuser. In London erfand er den “Weissen Blues”. In London gründete er die “Bluesbreakers”, bei denen Talente wie Eric Clapton, Peter Green, Mick Taylor, Ginger Baker, Walter Trout, John McVie oder Mick Fleetwood eine künstlerische Heimat fanden, von der aus sie später die Welt eroberten.

In “Blues for the lost days” erinnert sich Mayall an die guten, alten Zeiten:

“From a home in the country with the blues
on my wind-up gramophone.
Headin’ out to the city,
movin’ round like a rollin’ stone.
With a band of Bluesbreakers
make a mark down here on my own.

We had Freddie King, Sonny Boy and Hendrix
And they’d be sitting in till the break of dawn.
Sweating at the all night Flamingo
and comin’ out to pigeons on a Sunday morn.
So many good times, so much music.
But back then nobody knew
that the London blues were born.”

84 Jahre alt ist der Mann inzwischen, doch als er die Bühne des Casino Theaters betritt, ist davon nichts zu spüren. Gegen Ende des Tages, an dem für Chuck Berry – den Vater des Rock’n’Roll – der Schlussakkord seines Lebens erklang, scheint er sich einfach nur darüber zu freuen, ein bisschen Zeit mit Leuten verbringen zu dürfen, die musikalisch ticken wie er.

Während sich andere rockende Senioren damit begnügen, vor wechselndem Publikum ständig das gleiche Programm hinunterzuspulen, ändert John Mayall die Setlist auf seiner “Livin’ and lovin’ the Blues”-Tour von Auftritt zu Auftritt.

In Bordeaux sah sie so aus

,

in Hamburg so

,

in Warschau so

und in Wien so:


(Quelle: www.setlist.fm)

Auch in Burgdorf scheint das Programm, wenn überhaupt, erst kurz vor dem Gig in groben Zügen besprochen worden zu sein. Um sicherzustellen, dass das Personal mit dem selben Stück beginnt wie er, sagt Mayall jeweils an, was gleich folgt.

Innerhalb dieser Leitplanken improvisiert die Band, was das Zeug hält. Mitten im Song wechselt sie von Moll zu Dur und wieder zurück. Der Drummer und der Basser erhalten viel Raum für Soli, und wenns einem von beiden gerade nicht drum ist, sich zu exponieren, signalisiert er das mit einem kaum sichtbaren Kopfschütteln und einem verstohlenen Grinsen, worauf der Meister alleine weitermacht, bis irgendwann alle miteinander finden, es sei jetzt langsam an der Zeit, zusammen in die Zielgerade einzubiegen.

Ein Schlagzeug für Jay Davenport, eine Bassgitarre für Greg Rzab (er hat schon Buddy Guy, Mark Knopfler, Jeff Beck, Otis Rush, Bonnie Raitt, Eric Clapton oder Jimmy Page begleitet), eine (selbstgebaute!) Gitarre, ein E-Piano, ein Keyboard plus eine Mundharmonika für den Chef: Mehr brauchen John Mayall und seine Mitstreiter nicht, um ihre knapp 300 Gäste mit einem kurzweiligen Mix aus uralten Heulern und nigelnagelneuen Songs in nostalgische Verzückung zu versetzen.

In dem dringend renovierungsbedürftigen Gebäude rummsts und wummsts und chlöpfts und tätschts bisweilen, als ob eine Horde Halbwüchsiger ihren neuen Proberaum einweihen würde. Dann wisperts und wimmerts auf einmal nur noch, bis es im Saal beinahe still ist. Von der Bühne schwirren, kaum wahrnehmbar, vereinzelte Töne durch den Raum, die mit dem, was gerade verklungen ist, nur entfernt etwas zu tun zu haben scheinen. Sie vermengen sich miteinander, werden mit Grooves unterlegt und mit Shuffles angereichert und bilden irgendwann ein neues Ganzes, das auf magische Weise perfekt zu dem passt, was vorher gewesen war.

Zu den ganz grossen Momenten des Abends gehören der 1997 komponierte und schwer autobiographische “Blues for the lost days”, “It’s hard going up”, “Help me”, “Movin’ out and movin’ on”, “Blues for the lost days” und das auf mindestens eine halbe Ewigkeit gestreckte und mit einem Gruss an Deep Purple versehene “California” vom 1969 erschienenen Meilenstein-Album “The turning point”.

Wobei: Was John Mayall spielt, ist den meisten seiner mit ihm gereiften Fans – der Altersdurchschnitt im Casino Theater dürfte bei plusminus 60 liegen – von Herzen egal. Für sie ist nur wichtig, dass er spielt, und zwar genauso, wie sie es von ihm seit jeher kennen: Erdig und ehrlich und ohne all die elektronischen Mäscheli und Bändeli, mit denen der Nachwuchskünstler von heute sein Liedgut künstlich aufzupeppen pflegt.

Minuten, nachdem die Standing Ovation im Saal abgeebbt ist, stehen Mayall, Davenport und Rzap im Entrée des Casino Theaters. Sie nehmen Gratulationen entgegen, signieren Karten und Platten, plaudern mit Gästen und vermitteln dabei – Riesencar hin, Eric Clapton her – überhaupt nicht den Eindruck, jemand Besonderes zu sein.

Entweder ist ihnen nicht bewusst, dass sie ihnen wildfremden Leuten, einmal mehr, einen wunderschönen Abend bereitet haben. Oder dann ist es ihnen klar – aber für sie kein Grund, darum viel Aufhebens zu machen.

Menschen dieses Schlages meint John Mayall vermutlich, wenn er in “Blues for the lost days singt:

“Today I got to thinking,
where go friends that drift apart?
Some of them are dead and gone now
But they still live on in my heart.”

In den Spendierhosen

Aus lauter Vorfreude darüber, mit The Great Light of Slow (Bild) am 1. April erneut eine grossartige Band im Theater Z in Burgdorf begrüssen zu dürfen, montieren wir Rocknrolldies unsere Spendierhosen.

Der erste Besucher erhält „Homebound“, die Debüt-CD unserer Gäste, geschenkt.

Der zweite bezahlt keinen Eintritt.

Dem dritten und vierten drücken wir eine exklusive (es gibt davon nur zehn Stück) Rocknrolldies-Tasse in die Hand.

Für den fünften und sechsten gibts ein schickes Rocknrolldies-Chäppi.

Der siebte, achte, neunte und zehnte kann sich an der Theater Z-Bar mit einem Gratisdrink auf den Gig einstimmen.

(Nachtrag 1. April: Weil der Schlagzeuger erkrankt war, musste das Konzert kurzfristig abgesagt werden.)

“And then – come back”

“So there you are across the seas
And here we are in Australia.

There you are exploring the world
And here we are in Australia.

With our Gumnur Babies and Banksia Men
The Possum, kangaroo and native hen.

Sea eagles soaring above the Hazards
Wattle birds, wombats and blue-tongue lizards.

A flotilla of yachts float in the bay
Warm sun on the sand, a blue summer’s day.

Dolphin’s leaping, gannets in flight
Southern Cross shining in the night.

There you are in a far, far land
And here we are in Australia.

So savour the world, drink your fill
And then –
come back home to Australia.”

(Dieses Gedicht schrieb die australische Autorin Molly Greaves (“Memoirs of Freycinet”) für ihren Sohn Mikal, als er zweieinhalb Jahre lang im Ausland lebte).

Fälle erledigt

bildschirmfoto-2016-11-07-um-08-47-13
(Bild: krimitage.ch)

85 Anlässe in 10 Tagen, 7500 Besucherinnen und Besucher, 300 000 Franken Budget – und in der Buchhaltung am Ende vermutlich die berühmte “Schwarze Null”: Die 12. Burgdorfer Krimitage waren für alle Beteiligten ein voller Erfolg.

Mein persönliches Highlight war der Talk mit dem Schriftsteller und Dramatiker Hansjörg Schneider. Er wurde für seine “Kommissär Hunkeler”-Reihe mit dem mit 5000 Franken dotierten ersten Ehrenpreis in der Geschichte dieses Festivals ausgezeichnet.

Es war mir eine Freude und Ehre, mit dem gebürtigen Aargauer über seinen Helden, seine Arbeit und sein Leben zu plaudern – und dass mit Beatrice von Matt eine der renommiertesten Literaturkritikerinnen des Landes nach Burgdorf reiste, um die Laudatio auf Schneider und Hunkeler zu halten.

Unter dem Titel “Ein Autor und sein Fahnder – Hansjörg Schneiders Kunst des Kriminalromans” würdigte sie den Preisträger mit folgenden Worten:

“Hansjörg Schneider hat eine prächtige Figur geschaffen, den Kommissär Peter Hunkeler. Seitdem ich ihm das erste Mal begegnet bin, ist er mein Freund. Das war 1993 im Roman „Silberkiesel“, Schneiders erstem Krimi. In neun Büchern ist der Basler Polizeimann seither aufgetreten. 2015 ist das jüngste erschienen: „Hunkelers Geheimnis“. Der ruppige Fahnder deckt Abgründe der menschlichen Seele auf. Er lässt Verletzlichkeiten erahnen, an sich und an andern. Oft genug stösst er uns hinein ins Ungute, Gefährliche, ins Land der Süchte und vergeblichen Sehnsüchte. Das bringt sein Beruf mit sich. In jedem dieser Krimis gerät die Welt bedrohlich aus den Fugen. Als Fahnder wäre Hunkeler berufen, sie wieder einzurenken – was nicht immer ganz gelingen kann. So fragwürdig, wie unsere Welt beschaffen ist.

Immer neu führt er uns aber auch in seine vertraute Gegend, in die Grenzstadt Basel, seltener in die vornehme Innenstadt, häufiger ins Arbeiterquartier St. Johann, wo er wohnt. Wir fahren mit ihm hinaus ins Elsass, wo er ein Refugium, ein altes Riegelhaus mit Scheune, sein eigen nennt. Da ist die Welt in Ordnung, da atmet er auf, wenn immer möglich zusammen mit seiner Freundin Hedwig. Da kann er auf die Wiese hinausträumen, auf Kirschbaum, Birnbaum, Pappel. Da schaut er abends der Nachbarsfrau beim Melken zu, so in „Hunkelers Geheimnis“: „Eine Stimmung war immer in diesem Stall wie im Alten Testament. Das langsame Fressen und Käuen, die Wärme der Tierleiber, als könnte nichts auf der Welt aus den Fugen geraten.“ Zur Gattung des Krimi gehören die unverwechselbaren lokalen Schauplätze, die ein bisschen auch die Heimat der Leser werden. Gerade wenn sie so genau beschrieben sind wie bei Schneider.

So findet Hunkler vom Unheimlichen immer wieder in eine lebenswerte Umgebung mit Natur und Jahreszeiten und gutem Essen. Da ist es ihm „wohl“, wird dann vermerkt. Kaum je heisst es aber, er sei glücklich. Das wäre schon zuviel gesagt. Unser Preisträger pflegt das Understatement. Doch wenn es dem Kommissär einmal wohl ist, atmen auch wir Leser auf. Wir erholen uns dann von den Bosheiten auf dieser dubiosen Erde.

Ein guter Kriminalroman steht und fällt mit der Figur des Fahnders. Wenige in der gesamten Krimi-Literatur kommen einem so nahe wie Schneiders Hunkeler, ausser vielleicht Glausers Wachtmeister Studer oder auch Maigret in manchen von Georges Simenons Büchern. Mit diesen seinen Altvordern, Studer und Maigret, teilt Hunkeler die Menschlichkeit, die Selbstzweifel, die Unangepasstheit. Ein genial intuitiver Spürsinn zeichnet ihn aus. Doch er braucht Zeit zur Aufdeckung eines Verbrechens – gerade weil Vorgesetzte wie Staatsanwalt Suter oder intrigante Kollegen wie Madörin vorschnell Unschuldige verdächtigen – meistens sozial Schwache. „Die Zeit ist das einzige, was mir hilft“, sagt Hunkeler. Auch Glausers Studer braucht Zeit, Studer, der sagt, es sei nie gut, sich „auf einen Fall zu stürzen wie eine hungrige Sau aufs Fressen“.

Gerade im Gespräch mit früheren oder anderswo angesiedelten Literaturen entsteht grosse, eigenwillige Literatur. Und grosse, eigenwillige Literatur hat Hansjörg Schneider geschaffen: mit diesen seinen Krimi einerseits und den zahlreichen weiteren Werken andererseits, den Romanen, „Lieber Leo“ beispielsweise, „Der Wels“ oder „Das Wasserzeichen“. Mit den Erzählungen, Feuilletons und Prosaminiaturen, nicht zuletzt aber mit seinen Theaterstücken. Denken Sie ans „Sennentuntschi“, auch da lauern Gier und Mordlust.

Doch zurück zu Peter Hunkeler, der mit Studer und Maigret verwandt ist und auch wieder ganz anders als diese, ganz eigen. Ja, wie ist er denn?

Lassen Sie mich ihn ein bisschen beschreiben. Er kann eigenbrötlerisch sein, ein lonely wolf. Was ein Sherlock Holmes seinem Watson darlegt, überdenkt Hunkeler für sich allein. Nur wir Leser schauen hinein in seinen arbeitenden Kopf, in sein fühlendes Herz. Er kommt aus dem aargauischen Zofingen und zwar aus dem Altachen-Quartier – wie Hansjörg Schneider, sein Erfinder.

Einmal hat Hunkeler einen Traum: „Es war am Altachenbach, an dem er aufgewachsen war … Dieser Bach war seine Heimat gewesen, seit er sich erinnern konnte. Der Wasserlauf, der sich nach jedem Sommergewitter einen neuen Weg durch die Schlammbänke suchte, die fein geäderten Eisflächen im Winter, auf denen leichter Schnee lag, die schwarzen Egel auf dem Grunde, von denen er sich nie einen in die Hand zu nehmen traute….“

Mit solchen Schilderungen seiner Herkunft erweist sich der Kommissär unverhofft als Bruder von Moses Binswanger. So nämlich heisst Schneiders mysteriös surrealer Held im Roman „Das Wasserzeichen“ – kein Krimi, sondern ein geheimnisvolles Erzählwerk. Dieser Moses hat eine „Wasserwunde am Hals“, die regelmässig gewässert werden muss. Im Altachenbach kann er gar seiner toten Mutter begegnen, die „fast eine Wasserfrau“ sei. Moses bezeichnet den Bach denn auch als „sein Fruchtwasser schlechthin“: „Es ist Wurzelwasser, Tannenwasser, Wiesenwasser … plätschernd in verkrauteten Gräben, wo Krebse und Wasserrratten unter der Böschung hausen, sich sammelnd zum Bächlein, wo die ersten, fingerlangen Forellen stehen… Das alles, dieses Gurgeln, Wimmeln und Fliessen versammelt sich endlich im ausufernden Bett des Altachenbaches.“

So sinnlich schön erzählt Schneider von seiner Urheimat. Hunkeler und Moses Binswanger haben eben viel mit ihrem Schöpfer gemein. „De Hunkeler bin ich“, pflegt dieser ja auch gelegentlich zu bemerken.

Hunkeler weiss natürlich schon, dass der Altachenbach nur mehr im Traum so wunderbar lebt, dass die Ufer jetzt zubetoniert sind. So zwingt er sich auch sonst aus seinen Träumen immer wieder zurück in die harte Realität, er der Polizist, der einmal Clochard werden wollte unter den Brücken von Paris. Jetzt schwimmt er wenigstens sommers im Rhein, und im Winter suhlt er sich gelegentlich in einem Thermalbad. Düstere Zusammenhänge, die es zu klären gilt, können ihm dann fast traumartig deutlich werden. Die leicht somnambule Art der Recherche dürfte mit seiner liquiden Herkunft zu tun haben. Rollt der Kommissär auf dem Boden seines Büros eine Matte aus und versinkt er im Schlaf, nähert sich der Roman dem Ende, wie in „Hunkeler und der Fall Livius“ beispielsweise. Kaum erwacht, bewegt er sich dann auf den Schuldigen, auf die richtige Deutung zu. Sie gelingt ihm dank seiner Traumbegabung.

Für diesen Kommissär ist das Ermitteln ein schöpferischer Vorgang. Insofern gleicht er einem Schriftsteller, der sich mit Phantasie an ein Projekt herantastet. Einmal stellt er sogar ein Feldbett in sein Büro. Darauf versenkt er sich in einen schwierigen Fall, den Skandal um Diamanten, die der Erlös sind aus gewaschenen Drogengeldern. Den Diebstahl dieser Silberkiesel, wie die Diamanten genannt werden, will man einem kleinen libanesischen Kurier und einem noch kleineren türkischen Kanalisationsarbeiter in die Schuhe schieben , nicht aber den wahren Schuldigen, renommierten Geldsäcken, wie Schneider sagt, sogenannten Ehrenmännern, welche der Drogenhandel reich gemacht hat. Ein Schriftsteller wie Bertolt Brecht hielt gerade die Gattung des Kriminalromans für geeignet, unter der Hand die Wahrheit gesellschaftlicher Verhältnisse zu zeigen.

So entlarvt Schneider gern die hochgeachteten Profiteure als die eigentlichen Verbrecher. Kaum je sind das bei ihm die kleinen Gauner, die immer zuerst verdächtigt werden. Oder dann ist die Schuld anderweitig so monströs, wie etwa während des 2. Weltkriegs die Zurückweisung von Juden an der Schweizer Grenze. Dann wird ein Mord als späte Sühnehandlung in unseren Tagen bewusst nicht geahndet – zumal dieser Mord an einem Todgeweihten geschieht. So verhält sich das im jüngsten Krimi, in „Hunkelers Geheimnis“.
Auch im Roman „Hunkeler macht Sachen“ bringt Schneider böse geschichtliche Ereignisse ins Spiel.

Jahrzehntelang können sie für die Betroffenen traumatisierend sein – vor allem, wenn man nicht davon spricht. Das erkennt im ganzen Polizeikorps nur einer, Hunkeler, der historische Bücher liest und oft mit alten Leuten redet. In „Hunkeler und der Fall Livius“ geht es um die letzten Wochen im 2. Weltkrieg, welche im Elsass schwere Wunden hinterlassen haben. Junge Elsässer wurden damals von der SS eingezogen und an die Ostfront geschickt. Die Ereignisse stehen mit einer furchtbaren Tat im Zusammenhang, mit einem Toten, der in einem Schrebergarten an einem Fleischerhaken hängt. Die Nazizeit scheint den 1938 geborenen Autor nachhaltig zu beschäftigen – schliesslich stand der Name seines Vaters auf der schwarzen Liste der „Fröntler“ – was bedeutet hätte, dass er beim Einmarsch der Deutschen sogleich erschossen worden wäre.

Natürlich ist dieser Kommissär nicht einfach nur ein Träumer. Die unterschiedlichen Milieus, in denen die Verbrechen passieren, sind recherchiert und scharf beleuchtet: das Theatermilieu, das Kunsthandelmilieu und andere mehr. Jede Einzelheit wird minuziös beachtet. Denn für kluge Ermittler reden die Dinge. Manchmal greift Hunkeler auch zum Notizbuch und ordnet seine Gedanken schriftlich, so in „Tod einer Ärztin“: „Montag, 9. Juli. Erstens: Heute vor einer Woche wurde die Leiche von Christa Erni gefunden. Zweitens: In den ersten Tagen hat sich nichts bewegt. Dann plötzlich viel. Ankara explodiert, Lucky Schindler erwürgt, Heinrich Rüfenacht entdeckt. Drittens: [die Wirtschaft] Ankara interessiert mich nicht, Lucky Schindler auch nicht. Rüfenacht interessiert mich. Es ist widerlich, aber es muss sein.“ So geht das fort bis „Elftens: Warum trägt der Grünspecht eine rote Haube? Warum ist er so schön?“ Das ist unvergleichlich gemacht.

In allen Hunkeler-Büchern bezaubern uns solche Kippvorgänge, ein wildes Hin und Her zwischen Berufsstress und Hingabe an die Natur. Hier zwischen dem möglichen Täter Rüfenacht und dem Grünspecht, der an den alten Baum vor dem Fenster klopft. Der Vogel durchfliegt sämtliche Hunkeler-Romane, ein Symbol von dessen Fluchten zur Schönheit der Erde.

Nicht weniger gehören die Beizen zum Alltag des Kommissärs. Er findet sie in Knoeringue oder sonstwo im Elsass, wo er die Leute manchmal wunderbar gemischt reden lässt, – französisch, deutsch, Dialekt. Etwa die Wirtin der Pinte „Ausweiche“: „Aber was isch los, Monsieur?“ sagt sie zu Hunkeler. „Hänn Si uf de Monsieur Rüfenacht a soupçon?“ Der Herr Rüfenacht sei doch „un homme excellent“. Der Polizist sehnt sich eben immer wieder nach einer, wie er sagt, „normalen menschlichen Gesellschaft“. Dann setzt er sich in die Gastwirtschaften seines Quartiers. Vor Jahren hat mich der Autor einmal dort herumgeführt, und ich glaubte, unmittelbar seine schriftstellerische Kunst der Verwandlung zu erfassen.

Ich wollte damals sehen, wo der zugezogene Fahnder, der melancholische Menschenfreund, der Verfechter der Gerechtigkeit, der Kenner der Vogelstimmen, „fast“ eine Heimat gefunden hat. Dieses „Fast“ vor dem Wort Heimat betont er ja gern – mit Bezug auf Basel. Und siehe da: Die Authentizität der Schauplätze war frappant.

Ohne Schneiders Beschreibung aber hätte ich diese Wirklichkeit gar nicht erkannt. Ich hätte sie übersehen oder als nichtssagend empfunden. Dichterische Transpositionen gleichen magischen Handlungen. Auch die gewöhnlichste Umgebung wird verwandelt, wenn sie einem erzählt wird wie hier, in sorgsamen Schritten.
Bei diesem Gang durch Basel sah alles aus wie in den Romanen, und auch die Namen der Beizen und Strassen waren oft die gleichen. In diesen Beizen werden die stockenden Gespräche geführt, die als Kunst des Dialogs Schneiders Kriminalromane besonders auszeichnen. Unser Preisträger beherrscht diese Kunst wie nur wenige in der Schweiz.

Für „Silberkiesel“ hat er einen Satz von Friedrich Glauser als Motto gewählt: „Sehen Sie, erzählen, einfach erzählen, ein Bilderbuch schreiben, in dem der Zug, das Haus, die Strasse vorkommen, die Dinge, die der Mann jeden Tag sieht, und die er gar nicht mehr sieht, weil sie ihm zu geläufig sind.“ Dazu gehört, was Glauser an Simenon gerühmt hat: ein „Soignieren des Details“. Die Leute, meint Glauser damit und meint auch Schneider, müssten eben dazu gebracht werden, das zu sehen, was sie umgibt. Nächstliegendes beschreiben heisst deshalb, es herauszuheben aus der Nicht-Existenz, aus der Wortlosigkeit.

In seinem Tagebuch „Nilpferde unter dem Haus“ hat Schneider notiert: „Ich wollte so schreiben, wie ich schreiben wollte. Das habe ich getan“. Das hat er wahrhaftig getan, eben nicht zuletzt mit seinem Mut zum Alltäglichen. Auch darum schreibt er so gerne Krimis, weil er da gewöhnlicher sein darf als sonst in der Literatur.

Seine dichterische Arbeit scheint auf einen Rückhalt in der Wirklichkeit geradezu angewiesen zu sein. Der Ort der Handlung verleiht einer Figur die Aussenhaut. Schneider hat mir damals sogar das Haus im Elsass gezeigt, wo sich der unglückliche Rüfenacht (in „Tod einer Ärztin“) erhängt. Rüfenacht selber ist erfunden, doch sein Autor wies mich auf den Baum hin, wo im Roman Rüfenachts Mordwaffe, das Messer, steckt.

Dieser Rüfenacht ist ja eine der Figuren, die man nicht mehr aus dem Kopf bringt. Wie auch die anrührende Erika Waldis, die beleibte Kassierin in „Silberkiesel“. Mit einer mutigen Entscheidung rettet sie ihr einfaches Leben, die Liebe zu ihrem türkischen Freund. Ohne am Schluss noch auf eine nicht ganz lupenreine Belohnung für sich und ihn zu verzichten.

Ein guter Text ist ein guter Text – ob es sich um Gedichte, Stücke, Erzählungen, Romane oder wie hier um Kriminalromane handelt. Die gelegentlich festzustellende Entwertung bestimmter literarischer Gattungen halte ich für völlig verfehlt. Mit Peter Hunkeler hat Hansjörg Schneider eine der markantesten Figuren der Gegenwartsliteratur geschaffen, insbesondere der schweizerischen. Dieser Hunkeler gibt seiner Region ein für allemal ein Gesicht. Mit ihm hat der Autor das Dreiländereck von Basel in eine literarische Gegend verwandelt.

Ähnlich hat etwa Otto F. Walter mit seinem unheldischen „Herrn Tourel“ den Schauplatz Jammers geschaffen – ausgehend von Olten und dem Aarewasser. Gertrud Leuteneggers Protagonisten bringen uns Schwyz und die Voralpengegend nahe, Max Frisch mit seinem Herrn Geiser das wilde Valle Onsernone im Tessin. Mit Hermann Burgers Lehrer Schiltknecht im Roman „Schilten“ geraten wir ins aargauische Ruedertal. Manch andere literarische Landschaft wäre noch zu nennen, Schummertal alias Langenthal in Pedro Lenz‘ Roman „Dr Goalie bin ig“ beispielsweise. Gerade zur Schweizer Moderne gehört eine gewisse Verankerung im Regionalen. Vom so gesicherten Ort aus lässt sich dann spielen. Von da kann es hineingehen ins Surreale oder aber ins hart Realistische, in die beschädigte Welt, die zurechtgerückt werden muss – wie das eben in Hansjörg Schneiders Kriminalromanen geschieht.”

(Das Copyright für diese Laudatio liegt bei Dr. Beatrice von Matt, Dübendorf)

Morde am Laufmeter

14344846_1130905170336417_7941459675266240967_n-2

Kaum sind die letzten Burgdorfer Krimitage vor zwei Jahren zu Ende gegangen, steht schon die nächste Auflage dieses Festivals vor der Türe. Nach dem Motto “Mord auf Verlangen” verwandelt sich das Burgdorfer Steinhofquartier vom 29. Oktober bis am 6. November in ein Revier des Bösen.

Ich bin insofern Mittäter, als ich am Sonntag, 29. Oktober, einen Talk mit Hansjörg Schneider führe, der für seine “Kommissar Hunkeler”-Reihe mit dem ersten Ehrenpreis der Krimitage ausgezeichnet wird. Anschliessend moderiere ich am frühen Nachmittag und am Abend ein “Hunkeler”-Hörspiel im Salonwagen.

Alle weiteren Infos zu den Krimitagen gibts hier.

In der Klemme

bildschirmfoto-2016-09-22-um-01-48-01

Da muss nicht nur “Fäustchen” über die Bücher: Trotz grosser Anstrengungen ist es “meinem” Theaterverein, der Szenerie Burgdorf, an der Hauptversammlung nicht gelungen, die Posten des Präsidenten, des Webmasters und der Sekretärin neu zu besetzen.

Trotzdem möchte die Szenerie auf der Bühne weiterhin Geschichten aus der Geschichte erzählen. In Gesprächen mit theaterbegeisterten Leuten und mit einem Brief an seine rund 70 Mitglieder versucht der Verein nun, die Lücken im Vorstand und im Organisationskomitee zu füllen. „Falls uns dies bis zu unserer ausserordentlichen HV Mitte November nicht gelingt, ist die Zukunft unseres Vereins ernsthaft in Frage gestellt“, heisst es in einem Schreiben an die Sympathisantinnen und Sympathisanten.

Interessentinnen und Interessenten können sich gerne in den Kommentaren oder bei mir (hofstetter.hannes@gmail.com) melden.

Alles OK

FullSizeRenderWer die Panama Papers aufmerksam durchgelesen hat, weiss Bescheid. Für die anderen seis hier enthüllt: Der Präsident des Theatervereins Szenerie Burgdorf ist alle zwei Jahre auch OK-Chef der neusten Aufführung.

Das letzte Mal, als ich diese Doppelfunktion auszuüben die Ehre hatte, spielten wir 2014 in einem Landgasthaus “Schiffmann”. Infrastrukturell standen wir damals nicht vor übertrieben grossen Herausforderungen: In der Beiz waren Sitzplätze naturgemäss ebenso schon vorhanden wie getrennte WCs, eine Küche und ein Raum zum Umziehen.

Also konnte ich mich darauf beschränken, die eine und andere Sitzung einzuberufen, die OK-Gspändli hin und wieder zu fragen, wies läuft, und dem Lokalradio ein Wochen im Voraus arrangiertes Spontaninterview zu geben.

Nun, bei “Fäustchen”, ist alles anders. Dieses Stück führen wir – wie schon “Die Franzosenkrankheit” – im Burgdorfer Siechenhaus auf, und deshalb haben wir damit einen Siech voll zu tun.

Um den potenziell achthundert Gästen ein kulturell-kulinarisches Rundumwohlfühlprogramm bieten zu können, benötigen wir ein grosses Zelt und Ghüderchübel und eine Bar und eine Bühne und eine Tribüne und Wolldecken und Land für die Autos und Apérotischli und einen Parkdienst und jemanden, der nach jeder Vorführung die Toiletten fegt und extern fabrizierte Sandwiches und einen Ofen und eine Kafimaschine und Bewilligungen und Hinweistafeln und einen Fernseher und eine Zapfvorrichtung für das extra für uns gebraute Bier und weiss der Gugger was noch, und bis das alles eingefädelt und verschraubt und angeschlossen ist: Heiterefahne!

Ständig klingelt das Telefon und bimmelts im Mailfach, und immer ist es schampar dringend, und wenns zur Abwechslung einmal nicht so pressiert, wäre der Anrufer oder die Schreibende doch cheibe froh, wenn die Sache wenigstens bis gestern abgehakt werden könnte.

Inzwischen ist das Gröbste zwar erledigt. An einen lockeren Endspurt ist in unserem Gremium trotzdem nicht zu denken, im Gegenteil: Mit frustrierender Hartnäckigkeit kommt jetzt – gerne mitten in der Nacht – die ekligste aller Fragen aus ihrem finsteren Loch gekrochen: Was haben wir vergessen?

“Nichts”, murmelt beruhigend der Verstand. “Ihr macht das ja nicht zum ersten Mal. Und inzwischen habt ihr diesen ‘Fäustchen’ so oft miteinander durekätschet, dass die Wahrscheinlichkeit, last minute etwas zu vercheiben, gleich Null ist.”

“Das wirst du genau dann sehen, wenn dus brauchen würdest”, höhnt das vor Aufregung laut pochend’ Herz, und setzt nach “würdest” für zwei, drei Schläge aus. “Stell dir zum Beispiel vor, es ist Premiere, und alle Gäste stehen erwartungsvoll herum, und in dem Moment, in dem es losgehen soll…”

“…halt die Klappe!”, knurre ich, und versuche, wieder einzuschlafen.

Aber natürlich wird daraus nichts (was allerdings auch mit dem Hund zu tun hat, der draussen dringende Geschäfte erledigen möchte), und selbstverständlich verbringe ich die Zeit bis zum Morgengrauen dann primär damit, sämtliche Abläufe noch einmal bis zum letzten Eventualitätchen durchzugehen.

Nur: Das ganze Daranherumhirnen bringt ja nichts.

Der 4. Mai kommt, unabhängig davon, ob wir an alles gedacht haben, und am Abend dieses Tages, um 19 Uhr, trudeln die Besucherinnen und Besucher beim “Siecheli” ein, und falls sich dann tatsächlich herausstellen sollte, dass etwas fehlt oder klemmt oder überhaupt nicht funktioniert, dann ist das halt so; dann müssen wir eben chli improvisieren, doch deshalb wird unsere kleine Theaterwelt schon nicht untergehen.

Auch im Leben von “Fäustchen” lief schliesslich nicht alles wie von ihm gedacht. Auch er konnte, so klug er auch war, unmöglich alles voraussehen und planen, und trotzdem – oder gerade deshalb – entwickelte er sich zu einem überaus gefreuten Zeitgenossen.

Infos und Tickets gibts unter www.szenerie.ch

Nachtrag: Der Aufwand hat sich gelohnt. Die BZ lobt unser neues Stück in den höchsten Tönen.

Bildschirmfoto 2016-05-06 um 07.44.22