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Heiter weiter

Coronabedingt abgesagt: Veranstaltungshinweise in Burgdorf. (Bild: Urs Hofstetter)

„Das ist wie in einem Land vor unserer Zeit!“, staunte mein Brüetsch, als er mich vor ein paar Wochen besuchte. Wir standen vor einer Vitrine, in der Plakate für Anlässe hingen, die wegen Corona abgesagt wurden.

Inzwischen ist zumindest in Burgdorf alles anders: Während es anderswo darum geht, die Menschen voneinander fernzuhalten, um ein Ausbreiten der Seuche zu verhindern, führen die hiesige Stadtverwaltung und private Veranstalter Leute zusammen.

In der Schmiedengasse fand neulich eine Buchvernissage statt. Dutzende von Interessierten standen arglos diskutierend beisammen und verpflegten sich Schulter an Schulter an einem Buffet. Später dislozierten sie unter die Marktlauben an ein Konzert.

Am selben Abend richtete ein Restaurant am Hofstatt-Platz einen „Balztanz“ samt DJ, Bar und „feinem Futter“ aus. „Einige Verwegene wagten auf dem holprigen Naturboden ein Tänzchen, ansonsten wurde einfach das ‚Zämesi und Ploudere‘ genossen“, rapportierte die Lokalzeitung.

Und – judihui! – es geht heiter weiter: Mitte Oktober steigt am Schlossfuss die 15. Kulturnacht. Deren Reiz besteht darin, von Lokal zu Lokal zu bummeln und dort aller Gattig Kunst vorgesetzt zu bekommen.

Zwei Wochen zuvor öffnen an der 1. Industrienacht Burgdorfer Unternehmen ihre Türen „für alle Interessierten aus der Bevölkerung“. Zusätzlich bauen rund 20 Firmen in der Markthalle eine „Industriearena“ auf, um „der Region ihre Arbeits- und Ausbildungsplätze zu präsentieren“.

Für den Herbstanlass der Regionalkonferenz Emmental in der Burgdorfer Markthalle liess sich „Mr Corona“ Daniel Koch als Zugpferd einspannen. Ein übertriebenes Gerangel um die Plätze scheint bisher trotzdem nicht zu herrschen:

Ende August offeriert das OK der Burgdorfer Krimitage seinen Dutzenden von Helferinnen und Helfer ein Fest. Zu Feiern gibts allerdings wenig: Die Krimitage, die jeweils Tausende von Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland nach Burgdorf locken, wurden längst abgesagt. Zu behaupten, die Macherinnen und Macher hätten diesen Entscheid einstimmig gefällt, wäre zuverlässigen Quellen zufolge falsch.

Und so weiter, und so fort, und darüberhinaus: Seit das Schloss wiedereröffnet wurde, schlendern täglich zig Touristinnen und Touristen durch die Stadt. Sie vermischen sich ungeniert mit Eingeborenen, die in der Migros oder auf dem Markt eben noch Gemüse betatscht und Bekannten die Hände geschüttelt hatten.

Wenn die amtlichen Angaben stimmen (Zweifel daran sind erlaubt) gab es in Burgdorf bisher ein Dutzend Corona-Infektionen. Das ist kein Grund, um in Hysterie zu verfallen.

Aber es könnte ein Anstoss dafür sein, zu überdenken, was wirklich wichtig ist und was nicht. Oder, um eine längst ausgelutschte Redewendung zu bemühen: das Wünschbare frei von Eigeninteressen vom Machbaren zu trennen.

Davon ist in der Zähringerstadt jedoch wenig zu spüren. Für viele Menschen scheint das Virus seit der umfassenden Lockerung der Corona-Bekämpfungsmassnahmen am 6. Juni verschwunden zu sein.

Erstaunlich ist das nicht. Die Stadtregierung ignoriert das Thema ja auch. Während sich Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten oder andere Exekutivmitglieder überall in der Schweiz schon während des Lockdowns per Mail, Medienmitteilung oder Videobotschaft an „das Volk“ wendeten, um ihm zu signalisieren, dass sie in dieser Krisenzeit an die Menschen denken und mit ihnen fühlen, ging und blieb Burgdorfs politische Führungsriege auf Tauchstation.

Den Kontakt mit den 16 000 Corona-Betroffenen überliess sie der Verwaltung. Sie sorgte mit Mitteilungen auf der städtischen Website und grossflächigen Inseraten dafür, dass die Einwohnerinnen und Einwohner über den schnell wechselnden „Stand jetzt“ der Dinge auf dem Laufenden blieben.

Sowenig Interesse die lokale Politik am Befinden der Burgdorferinnen und Burgdorfer an den Tag legte und legt, soviel Beachtung schenkt sie hoffentlich einem Anlass, der für den 12. November geplant ist: Dann lädt das Forum für Architektur und Gesellschaft zu einem Diskussionsabend zum Thema „Lehren aus der Corona-Krise“.

Dabei gehe es um Fragen wie „Was bedeutet Corona für eine Kleinstadt wie Burgdorf? Ändert sich etwas? Was könnte/sollte/müsste sich ändern in unserem Kleinstadtleben?“, teilt das Forum mit.

Wobei: Es ist ja nicht so, dass die Ansteckungszahlen sinken würden; ganz im Gegenteil. Und bald beginnen die Herbstferien. Anschliessend findet das Leben zum Entzücken des Virus weitgehend drinnen statt. Bis am 12. November kann also noch Vieles passieren.

Auch und ganz besonders in Orten wie Burgdorf.

Die neue Virklichkeit (34)

Mini Beiz? Dini Beiz? Jedenfalls: geschlossene Beiz, und je Lockdown, desto tiefer versinkt der Aschenbecher in den nächsten Wochen im Blütenstaub. Nur: Was heisst „in den nächsten Wochen“?

Gestern Mittag war ich zum ersten Mal seit Langem wieder einmal in einer Beiz, genauer gesagt: in der „Metzgere“ gleich gegenüber. Die Tische, die Stühle, die Bar: es ist alles da, als ob gleich jemand kommen und fragen würde, was es sein dürfe, aber damit kanns noch dauern.

Wie lange, ist unklar. Am Donnerstag stellten Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ihre Kollegen Alain Berset und Guy Parmelin den Gastronomen und ihren Gästen in Aussicht, dass Restaurantbesuche vom 8. Juni an wieder möglich sein könnten. Drei Tage später teilte Parmelin der Bevölkerung via SonntagsZeitung mit, er schliesse nicht aus, dass die Lokale schon „in den nächsten Wochen“ geöffnet werden.

Das braucht kein Widerspruch zu sein. Wenn man die Zeitachse zwischen zwei Aebi-Traktoren made in Burgdorf spannt und die beiden Gefährte mit Vollgas in entgegen-gesetzte Richtungen losknattern lässt, liegt der 8. Juni auf einmal genauso „in den nächsten Wochen“ wie, sagen wir, der 19. August.

Als ich mit dem Cola Zero, das ich aus meinem Kühlschrank mitgebracht hatte, am blütenverstaubten „Metzgere“-Tisch sass und mich wehmütig der Rock’n’Grill-Partys erinnerte, die wir unter deren Lauben veranstaltet haben, fühlte ich mich wie am High Noon vor einem Westernsaloon: Die Schmiedengasse war menschenleer, kein Pferd wieherte auf dem Kronenplatz, kein Klaviergeklimper drang aus der Bar Antonio, kein Gehängter in spe flehte auf der Brüder Schnell-Terrasse um Gnade. In meinem Kopf spielte ein Fremder auf seiner Mundharmonika das Lied vom Tod, aber in dem Moment, in dem die Stromgitarre in das Intro fräste, rollte nicht ein Steppenläufer vorbei, sondern der 461-er Bus.

Genau das muss Samuel P. Hungtinton gemeint haben, als er 1996 „The clash of civilizations“ proklamierte.

Was wäre aus diesem Film wohl geworden, wenn im Poschettli des Bösewichts eine Tuba gesteckt hätte?

Den Rest des Sonntags verbrachte ich mit Romy Schneider (wer wissen will, was während ihrer „3 Tage in Quiberon“ alles passierte: hier ist der Link zu diesem sehr sehenswerten Film) und…äh…Projekten. Den „Tatort“ schaffte ich bis fast zur Hälfte, dann schlief ich trotz Hannelore Elsner auf dem Sofa ein.

Nun ist schon wieder Montag, oder immer noch. „Nobody’s gonna go to school today“ bemerkten die Boomtown Rats im Zusammenhang mit diesem Wochentag schon 1979, wenn auch in einem anderen Kontext.

Damals gings um ein 16-jähriges Mädchen, das aus seinem Elternhaus in San Diego mit einem Gewehr auf die Schule vis-à-vis schoss. Sie tötete den Schulleiter und den Hausmeister. Ein Polizist und acht Schüler wurden verletzt. “I don’t like Mondays. This livens up the day”, sagte sie anschliessend zu einem Journalisten und bei der Polizei.

Was the day wohl heute upliven mag?

Bei mir daheim ist die Ellis Mano Band gerade dabei, den Boden für ein paar wenn auch nicht gerade unvergessliche, so doch bestimmt aushaltbare Stunden zu legen. Im Moment, in dem ich das schreibe, läuft (nein: dröhnt ziemlich hochtourig) in meinem Rücken „Here and now“, das Titelstück ihres gleichnamigen ersten Albums, das ich hiermit allen Bluesrock-Fans aufs Allerwärmste ans Herz lege.

Aus dem Aargau nach Burgdorf: Better goesn’t it anymore.

Die Truppe hat ihre Wurzeln im Aargau und spielte einst (lies: Ende Februar) vor einem deutlich über fünfköpfigen und restlos begeisterten Publikum im Maison Pierre zu Burgdorf, und wer von dem Quartett trotz dieser beiden Topreferenzen nicht vollends überzeugt sein sollte, kann ja mal einen Blick auf seine Seite werfen oder chly auf youtube schnöiggen, und falls er oder sie dann immer noch findet, „jääää, aber de glych…“, ist ihm oder ihr nicht zu helfen.

Bald kräht irgendwo ein Hahn fünfmal. Dann beginnen für mich die strukturiertesten zwei Stunden des Tages, das heisst: „Veröffentlichen“ klicken und ab unter die Dusche. Von einer dezenten Wolke aus Axe Ice Chill (Eigenwerbung: „Stell Dir mal vor, ein eiskalter Wintersturm würde mit einem gefrorenem Zitrus-Schneeball zusammen-stossen“) umwabert, bereite ich mir ein Birchermüesli zu, wobei ich mir für die Auswahl des Joghurts viel Zeit lasse. Heidelbeer oder Mango: beim Fällen solch wichtiger Entscheidungen heisst es, nichts zu überstürzen.

Dazu verputze ich, so langsam wie möglich kauend, das siebzehntletzte Osterei aus meinem Kühlschrank. Alles Weitere ist Routine: Begehung des Kleiderzimmers, Tenü auswählen, Krawatte binden, Turnschuhe polieren. Wenig später steigt hinter dem Schloss die Sonne in den kondensstreifenfreien Himmel.

Ich werde mir das andächtig anschauen und kurz danach die Stille geniessen, die sich von meinem Nachbarhaus aus wie schon am Freitag einer kuscheligen Decke gleich über das Quartier legen dürfte.

Die neue Virklichkeit (32)

Dank Corona braucht niemand mehr vorzugeben, es gehe ihm oder ihr blendend, weil alles andere Schwäche signalisieren würde.

Samstag, 18. April 2020

Liebes Tagebuch

Über einen Monat ist es nun her, dass der Bundesrat wegen Corona die landesweite Notlage ausrief und ich begann, dir unter den Siegel der Verschwiegenheit anzuver-trauen, was dieser Hausarrest mit mir und Menschen in meinem Umfeld so macht.

Seither ist Vieles passiert, was wir bis dahin für undenkbar hielten. Zum Beispiel, dass „die Medien“ sich irgendwann wieder für etwas anderes interessieren könnten als für Greta Thunberg und ihren Klimawandel.

Sie konnten – und wie: Für den vergangenen Monat verzeichnet die Schweizerische Mediendatenbank unter dem Stichwort „Corona“ gut 62 000 Treffer. Der Klimawandel wurde in derselben Zeitspanne 950 Mal erwähnt. Seine prominenteste Bekämpferin kam in vier Wochen auf 315 Nennungen.

Weiter – oder vor allem – durften wir vom ersten Tag des Lockdowns an feststellen, dass unsere Gesellschaft doch nicht aus lauter Egoistinnen und Egoisten besteht. In der Schweiz und besonders im Emmental und ganz speziell natürlich in Burgdorf wurden innert kürzester Zeit Nachbarschaftshilfsangebote geschaffen, die bis heute gewährleisten, dass es den Angehörigen der Risikogruppen auch dann an nichts mangelt, wenn ihr Bewegungsradius nur noch wenige Quadratmeter umfasst.

Wir entdeckten, dass Nähe auch mit Abstand geschaffen werden kann und dass das Wohl und Wehe des Abendlandes primär von dessen Toilettenpapierreserven abhängt. Wir schätzen die Süssigkeit des Nichtstuns und geniessen die grossen Freuden im Kleinen, wenn wir mit Freunden einen Spaziergang machen oder uns auf ein Stehkafi vor ihrem Haus treffen.

Auf einmal interessieren wir uns dafür, wie es Leuten geht, von denen wir bis Mitte März kaum mehr wussten, als dass sie existieren (wie der Bartli von gegenüber heisst, der immer dann den Kopf aus dem Fenster streckt, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt in Ordnung bringe, ist mir allerdings immer noch unklar, aber er könnte ja auch einmal etwas sagen statt immer nur freundlich zu mir hinüberzuwinken).

Und: Wir sind im Umgang miteinander ehrlicher geworden. Dank Corona braucht niemand mehr vorzugeben, es gehe ihm oder ihr blendend, weil alles andere Schwäche signalisieren würde. Ob körperlich, seelisch, sozial, wirtschaftlich oder kulturell: irgendwo schwächelt jeder und jede.

Hier rutscht eine Firma täglich näher in Richtung Abgrund, dort zerbröseln Beziehungen nach Wochen ununterbrochenen Nebeneinanders auf Nimmerwieder-
kitten. Da sind junge Leute, die ihre schwerkranken Mütter nicht mehr im Spital besuchen dürfen, und dort Grossväter, die in ihren Altersheimzimmern Fotoalben durchblättern müssen, wenn sie ihre Liebsten sehen wollen.

Nicht wenige Eltern dürften inzwischen mehr als nur eine verschwommene Ahnung davon haben, was die Lehrerinnen und Lehrer für ihre Kinder leisten. Auch der ignoranteste Ehemann begreift in seinem neueingerichteten Homeoffice langsam, dass das Dasein einer Hausfrau mehr umfasst als netflixend ein paar Hemden zu bügeln und am Abend eine Tiefkühllasagne in die Mikrowelle zu schieben.

Gut zu wissen: Den Titel „Beste Hausfrau“ gewann im Jahr 1967 eine gewisse Milena von Below. Sie lebte damals in Burgdorf, wie mir eine Leserin nach der Lektüre dieses Beitrags berichtete. Mit Stefan von Below, dem Sohn der Siegerin, verbrachte ich als Journalist viele, viele Stunden in Gerichtssälen. Die Welt ist manchmal schon klein.

Wir merkten, dass es zig Menschen gibt, die auch dann bereit sind, für uns zu arbeiten, wenn sie sich damit einer grossen Gefahr aussetzen. Die garantieren, dass unser Abfall weiterhin regelmässig entsorgt wird, dass wir ständig über Strom und Warmwasser verfügen, dass es auf den Baustellen vorwärts geht, als ob nichts wäre, und dass wir auch in dieser Ausnahmesituation unter 30 verschiedenen Naturejoghurts auswählen dürfen.

Wir applaudierten den Ärztinnen und Ärzten und den Pflegerinnen und Pflegern in den Spitälern und Heimen, erkannten, dass auf die Angehörigen der Armee und des Zivil-schutzes Verlass ist und sind uns weitgehend einig darüber, dass wir – ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das je vor allen Leuten sagen würde – einen Bundesrat haben, der mit seinen Chefbeamten und deren Subalternen eine Entschlossen- und Gelassenheit an den Tag legt, die bis in die hintersten Winkel des Landes ausstrahlt.

Wir lernten, wie vernachlässigbar vermeintlich Unverschiebbares sein kann, dass sich Ferien und Grossveranstaltungen absagen lassen, ohne, dass deswegen jemand stirbt – ganz im Gegenteil – , und dass uns kein Zacken aus der Krone fällt, wenn in unseren Agenden einmal für ein paar Wochen (oder Monate; wer weiss?) so gut wie nichts eingetragen ist.

In mancherlei Hinsicht ähnelt das Leben mit dieser Pandemie dem Schweben über Reinhard Meys Wolken: Was uns eben noch gross und wichtig erschien, ist jetzt nichtig und klein.

So betrachtet, wärs vielleicht nicht schlecht, wenn wir versuchen würden, uns das eine oder andere, was Corona mit uns anstellte (und vermutlich noch sehr lange anstellen wird), für die wann auch immer anbrechende Zeit danach zu bewahren.

Ihr blicken einige von uns mit leisem Unbehagen entgegen und andere mit an Panik grenzender Angst. So oder so berührt das Virus jeden und jede im Innersten, unabhängig von der beruflichen Position, dem gesellschaftlichen Status, der Dicke des finanziellen Polsters und der Anzahl der Freundinnen und Freunde auf Facebook.

Das unterscheidet Covid-19 von anderen Naturkatastrophen, unter denen meist jene am meisten zu leiden hatten, die ohnehin schon in einem Masse litten, das wir Wohlstands-verwahrloste uns weder vorstellen konnten noch wollten, wenn wir stocksauer an unserem Latte Macchiato nippten, weil der Kellner vergessen hatte, Pistazienbrösmeli darüberzustreuen.

Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

Los gehts mit „…but seriously“ von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach „P“. Wenig später kam er mit „..but seriously“ zurück. „Los eifach mou ine“, sagte er. „Chasch si ha.“

Zuhause liess ich mich daraufhin mit „I wish it would rain down“ in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo „I wish it would rain down“ erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

***

Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am „Out in the Green“ in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

„Mighty Quin“, „Davy’s on the road again“, „Blinded by the light“: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

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Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?“). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der „Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‚Talking Heads'“, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und „Wild Hearts“-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

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In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

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Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

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An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. „Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

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Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war „Hold the line“.