Grosses Retzl

Jedesmal, wenn ich an diesem Laden auf der Strandpromenade von Maspalomas vorbeikomme, frage ich mich: Was zum Teufel steht auf diesem Schild?

Klar ist: Wer drei Artikel kauft, braucht nur zwei zu betalen bezahlen.

Aber „Halen“?

Ich las das Wort vor- und rückwärts, zerlegte es in seine Einzelteile, setzte die Buchstaben neu zusammen…aber das brachte alles nichts.

Schliesslich googelte ich es: Halen ist eine Stadt in Belgien und ein Teil von Emsek in Niedersachsen und von Lotte in Steinfurt und ein See in Schweden, ein versunkener Ort in der Nähe von Duisburg, eine Reihenhaus-Siedlung in Herrenschwanden und eine Haltestelle des Regionalverkehrs Bern-Solothurn.

Weiter gibt es die Rockband Van Halen und, mit chli orthografischem Goodwill, das Halenstadion, doch ein Halen, das mit Damenkleidern zu tun haben könnte, lässt sich im gesamten Internet nicht finden.

Aber, wer weiss: Vielleicht ist das ein Marketingtrick der ganz raffinierten Sorte. Möglicherweise hat der Ladenbesitzer das Wort völlig zusammenhanglos auf die Tafel notiert in der Hoffnung darauf, dass regelmässig Passantinnen seine Boutique betreten und fragen, was es mit diesem „Halen“ auf sich habe.

Dann sagt der Mann, „ach, nichts Besonders. Aber schauen Sie mal diese supergünstigen BHs und diese feingerippten Négligées…“ – und schon gibt es für die Besucherinnen kein Halen Halten mehr.

Denkbar ist zweitens, dass der Chef händeringend darauf wartet, dass sich einmal ein Deutscher nach Gran Canaria verirrt, damit er ihn fragen kann, wie man – was auch immer – richtig schreibt.

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Lagerkoller

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“Grüezi. Ich brauche Socken.”

“Gerne! Was für welche?”

“Schwarze, so kurze. Grösse 45 oder 46.”

“Die haben wir schon verräumt. Ich schaue kurz im Lager nach, obs noch hat.”

“Danke.”

“So. Hier habe ich noch ein Paar.”

“Die sehen aber ziemlich klein aus. Sind die wirklich 46?”

“Ou, nein. Sorry. Ich gehe nochmal ins Lager.”

“So. Die sollten passen. Sie sind ohne Rändli oben am Knöchel. Möchten Sie lieber mit?”

“Was ist der Unterschied?”

“Mit ist irgendwie bequemer, finde ich. Sie gehen dann auch nicht so schnell kaputt.”

“Gut, dann mit.”

“Gerne. Ich muss nur kurz ins Lager. Vielleicht haben wir noch…”

“…kein Problem. Danke.”

“So. Hier sind sie.”

“Aber die sehen jetzt wieder ein bisschen klein aus.”

“Stimmt. Demfall muss ich nochmal…”

“Machen Sie nur.”

“So, hier. 43 bis 46. Jetzt haben wir aber Glück gehabt! Darfs noch etwas sein?”

“Ich brauche drei oder vier Paar, nicht nur eines.”

“Aha. Gut. Dann gehe ich kurz ins Lager. Ich bin nicht sicher…”

“Ich habe Zeit.”

“Ich habe gerade gesehen: Wir haben noch an Lager. Wieviele wollen Sie, haben Sie gesagt?”

“Drei oder vier Paar. Oder fünf. Ist eigentlich egal.”

“So. Hier sind sie. Zweimal drei Paar, mit Rändli.”

“Super, merci.”

“Darfs sonst noch etwas…?”

“Danke, nein, das ist alles.”

Ausgestorbene Briefkästen und grosszügige Kleingewerbler

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“Schwarze Wände
erdrücken die Stadt
Sonne macht uns
zu oft nur eitel
doch schon zürnen Blitze
wütet der Himmel
ermahnt uns
wieder
zu Demut und Mass.”

(Hans-Christoph Neuert, deutscher Aphoristiker und Lyriker)

Wer in einem Verein aktiv war oder ist, weiss: Irgendwann – in der Regel vor einem grösseren Anlass des Clubs – kommt der Moment, in dem es ums “Flyern und Plakaten” geht, und zwar möglichst bald und flächendeckend.

Sobald man dann mit einem Plasticsack voller Werbekram aufgebrochen ist, wird einem klar: Um Demut zu erlernen, bedarf es nicht am wütenden Himmel zürnender Blitze, wie Hans-Christoph Neuert zu wissen glaubt.

Es genügt vollkommen, in einem Laden oder in einer Beiz zu stehen, an deren Türen und Wänden bereits zig andere Plakate prangen und auf deren Tresen schon vier Biigeli mit Flugblättern von ebenfalls um die Publikumsgunst buhlenden Veranstaltern liegen, denen marktingmässig offenkundig nichts Gescheiteres eingefallen war, als in jedem öffentlichen Raum Drucksachen in den unterschiedlichsten Grössen und Farben zu deponieren.

Dem Lokalinhaber  –  wenns ganz dumm läuft, noch mit wartender Kundschaft im Rücken – zu erklären, man führe dann und dann dort und dort das und das auf und bitte ihn, den  Chef,  höflich darum, eines dieser Poster oder und ein paar Flyer dalassen zu  dürfen: Das macht einen wirklich demütig.

Und….ja.

Deshalb bummelt man erst einmal ein bisschen durch die Quartiere, und zwar nicht am heiterhellen Tag, wenn jedermann sieht, was in der Nachbarschaft läuft, sondern erst in der Dämmerung, wenn die Leute beim Znacht sitzen und nicht mitbekommen, dass ein Fremder gerade Werbung in mit “Keine Werbung”-Klebern beklebte Briefkästen wirft.

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Aber: Es geht nicht anders, irgendwie. Denn die Briefkästen, auf denen kein solcher Hinweis prangt, scheinen – von Greenpeace, WWF und anderen sich um die Arterhaltung bemühenden Institutionen unbeprotestiert – praktisch ausgestorben zu sein.

Den von Haus zu Haus streunenden Vereinsvertreter stürzt diese Tatsache ein ums andere Mal  in ein Dilemma: Einerseits will er die Leute auf etwas wirklich Gefreutes aufmerksam machen und nicht, wie das vor und hinter ihm durch die Gassen marodierende PR-Gesindel aus Politik und Wirtschaft, auf seine Verdienste um das Gemeinwohl, Billigstfleisch oder Spottgünstigmöbel.

Andrerseits weiss er nicht erst seit dem Berner Grossratswahlkampf aus eigener Erfahrung, wie mühsam es ist, jeden Tag einen Stapel Papier zu entsorgen, der unbestellt in die Mailbox vor der Türe geflattert ist.

Schliesslich findet er für das Problem eine zumindest für ihn akzeptable Lösung: Er steckt die Flyer fast nur in Briefkästen von (je nachdem auch sehr entfernten) Bekannten. Und nimmt sich vor, sich bei den Belästigten bei Gelegenheit für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, sofern seine Opfer sich bei einem nächsten Treffen in, sagen wir, vier Monaten, noch an das Flugblatt erinnern und ihn voller unverrauchten Ärgers darüber darauf ansprechen sollten.

Grundsätzlich ist es in der Schweiz sowieso nicht verboten, “Keine Werbung”-Kleber zu übersehen (in Deutschland hingegen schon. Dort läuft das unter “Persönlichkeitsverletzung”). Gemäss einem Bericht des Tages Anzeigers besteht hierzulande lediglich eine “unverbindliche Vereinbarung” zwischen der Post, privaten Verteilern und Empfängern. Sie besagt, dass nur politische Werbung, Post von Hilfswerken oder Amtliches in alle Briefkästen gelangen darf.

Und wenn man lange genug darüber nachdenkt, dass ein Theaterverein wie zum Beispiel die Szenerie Burgdorf den Menschen dabei hilft, das Leben auch in kultureller Hinsicht in vollen Zügen Sälen zu geniessen, kommt man fast automatisch zum Schluss, dass es sich bei diesem Verein um nichts anders handelt als, genau: um ein Hilfswerk.

Das sehen die Inhaber von all den Beizen und Läden, die man schliesslich doch noch aufsucht, offenbar genauso. Ganz so schlimm, wie befürchtet, ist die Tournee durchs lokale Kleingewerbe jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil: Von ganz, ganz wenigen Ausnahme abgesehen, gibt es in Burgdorf – was die Stammleserschaft dieses Blogs kaum erstaunen wird – niemanden, der abwinkt, wenn man ihn fragt, ob man einen Teil seines Betriebes als Werbefläche nutzen dürfe. Manche der Angefragten helfen einem sogar noch mit Chläberli aus oder versprechen, falls alle verfügbaren Plätze schon vollgeklebt sind, das Poster zu montieren, sobald ein Eggeli frei wird.

Jene wenigen, die die Annahme verweigern, nennen dafür – in einem sehr freundlichen Tonfall, notabene –  immer denselben Grund:

Wenn sie jedes Mal, wenn jemand mit Werbematerial bei ihnen aufkreuzt, ja sagen würden, wäre ihr Geschäft innert kürzester Zeit bis zur Decke mit Plakaten zugeklebt und unter Flugblättern begraben.

Dibidäbissimo

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Ich wusste, was ich wollte, und nahm mir aus dem Selbstbedienungsgestell, was ich brauchte, und ging damit zur Kasse, wo eine Frau auf mich wartete, die aussah, als ob sie gleich mindestens an die Oscar-Verleihung gehen würde, und die mich anstrahlte wie eine Mutter ihren Sohn, der nach sechs Aktivdienstjahren im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet nach Hause zurückkehrt.

Ohne ihr Lächeln dafür ausknipsen zu müssen, fragte die Frau, ob es noch etwas anderes sein dürfe, worauf ich sagte, ich hätte gerne noch sechs von den Blauen, worauf die Frau sich mit einem Hüftschwung, der Heidi Klum vor Neid im Boden hätte versinken lassen, umdrehte und aus der sehr nobel wirkenden dunklen Holz(?)wand hinter ihr mit spitzen und perfekt manikürierten Fingern sechs Blaue klaubte.

Dann begann sie, meine Einkäufe süüferli in den Computer zu tippen. Mitten im Tippen fragte sie, ob sie das auf ein Chärtli nehmen könne, worauf ich sagte, ja, auf Desbiolles.

Der Zug, den ich eigentlich hatte nehmen wollen, fuhr vermutlich in genau dem Moment, in dem die Frau “Desbiolles” mit D wie Dora und S wie Susi und B wie Berta in der Mitte und mit hinten zwei L wie Licht, aber vorne ohne Egu, fertig ins System getöggelet hatte, in Burgdorf ein.

Eine  Chance, ihn zu erwischen, hätte ich allerdings auch dann nicht gehabt, wenn es auf das Chärtli von Müller gegangen wäre. Denn nachdem die Frau den Namen fertiggetippt hatte, wollte sie noch die Postleitzahl wissen, und als ich schon dachte, super, das wars jetzt aber wirklich, jetzt nur noch weg von hier, wartete sie in aller Seelenruhe, bis das Zedeli aus dem Maschineli gesurrt war, und las mir Posten für Posten vor, was ich soeben gekauft hatte, obwohl ich das gar nicht wissen wollte und auch nicht wissen musste; es lag ja alles nach Farben sortiert und an den Kanten millimetergenau aufeinander passend gestapelt vor mir.

Kaum hatte ich  bezahlt, bot mir die Frau an, die Sachen in ein Täschli zu packen, und bevor ich sagen konnte, nicht nötig, ich habe einen Sack bei mir, legte sie die Kartonschachteln mit der gleichen Behutsamkeit, mit der AKW-Mitarbeiter mit nuklearen Brennstäben hantieren, in ein sehr edel aussehendes Behältnis und überreichte mir dieses mit fast derselben Feierlichkeit, mit der ich vor anderthalb Jahren der tollsten Frau aller Zeiten und Welten den Hochzeitsring angesteckt hatte.

Dann sagte die Kassierin (die im Organigramm ihrer Firma ziemlich sicher nicht als “Kassierin” aufgeführt ist, sondern als irgendetwas mit “Customer” und “Service” und “Frontdesk” und “Agent” oder so), ich könnte weiter hinten gerne noch etwas degustieren, wenn ich möchte. Möglicherweise schon etwas ungeduldig klingend, antwortete ich nein, wirklich nicht, sorry.

Mit dem schicken Täschli in der Hand eilte ich aus dem Geschäft. Daheim angekommen, machte ich mir grad extra ein Neskafi und nahm mir vor, die Chäpsli nächstes Mal wieder online zu kaufen. Bis sie hier sind, dauert es zwar zwei, drei Tage. Doch verglichen mit der Woche, die ich gefühlt in dem Laden verbrachte, ist das ein Expresshopping.

Damals, bei Winnie

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Klar komme er mit, sagte er, als ich in jenem Herbst weit nach Feierabend wieder einmal bei ihm im Laden stand, mich durch die neusten CDs hörte und ihm beiläufig sagte, ich habe ein vöriges Billet für das Konzert der Dire Straits im Hallenstadion. Ich soll dann einfach vor dem “Bären” warten, sagte er; er hole mich ab.

Am 14. Oktober 1991 fuhren wir zusammen nach Zürich, um Mark Knopfler und seine Jungs auf ihrer “On every street”-Tournee ein minimunziges Stück weit zu begleiten.

Ob wir uns nachher noch einmal gesehen haben, weiss ich nicht mehr.

Woran ich mich hingegen genau erinnere, ist, dass wenig später erst zwei und dann immer mehr Blumen vor seiner geschlossenen Ladentüre lagen. Am “Bären”-Stammtisch fragte ich, was da los sei, in dem Haus da hinten, und erfuhr: Winnie Jauch hat sich umgebracht.

Für mich und zig andere musikbegeisterte junge Leute aus dem Wynen- und Seetal wechselte die Tonart des Lebens von einem Tag auf den anderen vom unbeschwerten Dur zum traurigen Moll. Denn Winnie Jauch war für uns weit mehr als ein Plattenverkäufer gewesen. Er war eine Institution (hätte ihm das jemand gesagt: Er hätte nur seinen spärlich behaarten Kopf geschüttelt und herzhaft gelacht).

Winnie wusste nicht nur immer, wer wann eine neue Platte herausbringt. Er kannte auch jeden einzelnen Song auf jeder CD – CDs waren damals gerade dabei, die Vinyltonträger vom Markt zu fegen – und konnte einem mit hundertprozentiger Sicherheit voraussagen, ob einem die Scheibe gefallen würde oder nicht.

Darüberhinaus hatte er – und ich vermute heute stark, dass genau das ein Teil seines Problems war – auch fast rund um die Uhr ein offenes Ohr für die Sorgen und Sörgelchen seiner Kundschaft.

Eines Abends, als ich nicht wusste, wohin mit meinem Liebeskummer, bummelte ich um 22 Uhr herum nicht ganz zufällig an seinem Schaufenster vorbei. Durch die grosse Scheibe sah ich, wie aus seinem Büro ein schwacher Lichtstrahl durch den Türspalt in den Laden fiel. Ich klopfte ans Glas. Wie wenn er auf mich gewartet – oder, wie ich ebenfalls rückblickend glaube: wie wenn auch er irgendeine Gesellschaft gebraucht hätte – bat er mich herein.

Ohne auch nur einmal auf die Uhr zu blicken, liess Winnie mich meinen Gefühlsballast abladen. Von Satz zu Satz mehr erleichtert, fühlte ich: Das hier war nicht eine alltägliche Plauderei zwischen einem Verkäufer und seinem (guten) Kunden, sondern ein ernsthaftes Gespräch unter…jetzt hätte ich beinahe geschrieben: “Freunden”, aber das hätte es nicht ganz getroffen.

Freunde waren wir nicht. Wir hatten zwar einen ähnlichen Musikgeschmack, konnten endlos über zu lange Schlagzeugsoli und göttliche Keyboardpassagen diskutieren und hätten miteinander auch ziemlich sicher drei Wochen Ferien verbracht, ohne uns zu streiten.

Doch trotz (oder gerade wegen) seiner enormen Menschenkenntnis und ungeachtet seines umgänglichen Wesens wahrte Winnie bewusst oder unbewusst stets eine gewisse Grunddistanz zu seinen Mitmenschen. Auch an jenem Abend, an dem ich ohne Vorwarnung ein tonnenschweres Paket voller Probleme auf seinem Tresen deponierte, gab er mir nicht das Gefühl, eine Art Blutsbruder vor mir zu haben.

Aber er hörte mir zu und liess mich ahnen, dass er sehr wohl wusste, wovon ich sprach, als ich ihm von meiner abgrundtiefen Enttäuschung erzählte.

Am Ende – Mitternacht war längst vorbei – schenkte er mir eine Platte; “…but seriously” von Phil Collins. Seither muss ich an Winnie Jauch denken, wenn ich “I wish it would rain down” höre.

All das ging mir durch den Kopf, als ich vorhin “Rhythm & Blues” von Buddy Guy aus dem Internet auf meine Festplatte lud. Die Download-Anzeige schlich gerade von “Messin’ with the kid” zu “What’s up with that woman” – da wurde mir bewusst: Der Erwerb von Musik hat nichts Menschliches mehr an sich. Es handelt sich um einen rein technischen Vorgang. Roboter bauen Autos, Chips steuern Flugzeuge, iTunes verkauft Platten.

iTunes hat zwar nonstopp geöffnet und eine ungleich grössere Auswahl, als Winnie Jauch sich je zu erträumen gewagt hätte. iTunes gibt Klangjunkies den Stoff günstiger ab als ein leibhaftiger Dealer. Was iTunes liefert, rauscht nicht und kratzt nicht und hält länger als ewig.

Doch iTunes sagt mir nicht, ich solle von dieser oder jener Scheibe besser die Finger lassen (ganz im Gegenteil: iTunes brüllt ununterbrochen “Kauf! Kauf! Kauf!”). iTunes sagt mir nicht, dass das atemberaubende Solo auf dem dritten Stück nicht vom Originalgitarristen, sondern von einem Studiomusiker eingespielt wurde, und iTunes sagt nicht “Danke!”, wenn ich bezahle.

Vor allem aber sagt iTunes zu niemandem, was ihn oder sie im Moment über alle Massen beschäftige, fühle sich schon bald nur noch halb so wild an. Es, iTunes, wisse aus eigener Erfahrung, dass dieser Schmerz irgendwann ganz vorbei und vergessen sei, auch wenn man sich das jetzt kaum vorstellen könne.

iTunes stiehlt sich allerdings auch nicht klammheimlich aus dem Leben und hinterlässt eine Lücke, die auch ein Vierteljahrhundert später noch zu spüren ist; nicht jeden Tag natürlich und auch nicht jede Woche und nicht einmal jedes Jahr.

Aber manchmal…manchmal schon.

Nachtrag 14. Oktober: Kaum hatte mein Brüetsch diesen Text auf Facebook verlinkt, meldeten sich längst erwachsene Zeitgenossinnen und -genossen, die als Teenager ebenfalls gerne und oft bei Winnie Jauch ein- und ausgingen. Ich habe ihre Kommentare so belassen, wie sie verfasst worden sind.

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Nicole Torretti schreibt: “Jo, das sind no Zyte gsi bim Winnie!”

Stephan Hess: “Wir alle stürmten jeden Samstag seinen Laden und fanden alle mit seiner Hilfe das, wo wir suchten. Gehörte Vinyl oder CDs durften nicht selber wieder einsortiert werden…:-)”

Sarah Hunziker: “Wenni es lied ghört ha,aber ned gwüsst ha wies heisst hanis em winnie vorgsunge und sekunde spöter die passend cd ede hand gha…da gets secher nieh meh….”

Susanne Fritschi: und Claudio Haller: “Jo, de winnie fählt…”

Urs Zurlinden: “R.I.P. winnie!! schön hämer en teil (die einte meh, die andere weniger) vo eusere jugend met der ond i dim lade dörfe verbrenge. onvergässlech!”

Karin Dätwyler-Mosimann: “Er fehlt emer no, und werd glaub i au emer fehle e eusem Dorf.”

Jacqueline Hauri-Zieler: “Ich glaube, jede wo de Winnie kennt het, chönnt es paar schöni gschechte verzöue. Er esch eine gsy wo niemer cha ersetze. Ha jetzt no en CD Player vo ehm. Leider goter nöm aber ich ha en errenerig vom Winnie.”

Verena Hofmann: “Sogar ich met Johrgang 1944 ha de Winnie kennt. Ha ou emol em Lade es Lied vor gsummet won i am Radio ghört ha ond nach paar Tön heter mi agluegt ond gseit: Sweet Dreams vo de Annie Lenox. Sone feine Mönsch gsi.”

Robert Eichenberger: “Winnie hesch die LP vo dene dütsche Punks wo schwarz esch ond es 18ni droffe stoht?” “Nei eigentli offiziell ned … aber wenn die meinsch wo i do henterem Trese ha, de steck der si gärn en Plastiksack.:-)”

Marc Torretti: “Esch au das en geile Lade gsi ond de Winnie en tolle Typ!! Er fählt extrem … au nach all dene Johr.”

Sandra Haller-Dal Col: “Ich erlaube mer do au en chliine Biitrag. Wenn no viel, viel meh Lüüt, e so wie e All dene schöne Biiträg dänkt und vor Allem iikauft hätte bem Winnie… Denn wäre secher au di Existenz Sorge chliiner gsi, oder gar ned vorhande gsi…Aber leider hett halt au das Günstig, Günstiger am Günstigste “Dänke” Ned vor em Winnie halt gmacht mängisch hett er zäme met em Matthias ( HAWE hetts Gschäft a de Stumpistr.) näbedra gha, d’Veränderige im Chaufverhalte i de chlinere Fachgschäft z’Rynech diskutiert…ebeso de Horrändi Mietzins i dem Objekt… So Sache chönne eim s’Läbe haut scho au schwärmache… Aber glöcklech händ Ihn gaaanz secher All di guete, ihn ond d’Kunde zfriedestellende Begägnige/ Gspröch etc.gmacht Aber ebe… Mängisch längt Da elei haut glich ned…”

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(Bild: Annette Härri)

Bei den Gestrandeten

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Falls es sie je erlebt haben sollte, sind die Glanzzeiten des “Hexenkessels”, einer Schweizer Beiz im Einkaufszentrum Cita in Playa del Inglés, schon seit einem geraumen Weilchen vorbei. Ein Senior nippt an einem Bier und unterhält sich mit Hans-Peter, dem Chef des Lokals.

Er sei nun, sagt Hans-Peter in akzentfreiem Schweizerdeutsch, seit 14 Jahren auf Gran Canaria. Auf die Frage, ob er und seine Gäste das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest am Fernsehen mitverfolgt hätten, antwortet er: “Nur den Schlussgang.” In der Annahme, ihn als Schweizer interessiere bestimmt, wies war, am Burgdorfer Wahnsinns-Wochenende, beginne ich, ihm von dem Fest zu erzählen. Nach zwei Sätzen ist sein Interesse erloschen. Er wendet sich wieder seinem Stammgast zu.

Wenn sich die Augen erst einmal an die Düsternis im “Hexenkessel” gewöhnt haben, sieht man, dass die Wände und die Theke flächendeckend mit Schals und Wimpeln des FC Luzern, des FC Basel und anderen Vereinen dekoriert sind. Auf dem WC werden die Männer mit sicher lustig gemeinten Karikaturen gebeten, im Sitzen zu pinkeln. Und anschliessend die Türe offen zu lassen, damit sich der Gestank verziehen kann.

Ich bezahle meine zwei Mineralwasser. Als ich gehe, sagt Hans-Peter, wenn ich mir das Länderspiel Schweiz-Island anschauen wolle, könne ich das sehr gerne bei ihm tun. Das ist, wie der Klang seiner Stimme verrät, weniger als Einladung, sondern mehr eine Bitte. Oder ein Flehen.

Trostlos

Das Cita ist ein Gebäudekomplex von erschlagender Trostlosigkeit: Spelunke reiht sich an Spelunke. Neben dem “Hexenkessel” warten “Uschi & Michael” in ihrem “Hessen-Saloon” auf Kundschaft; weiter vorne gibt es eine “Durst-Ecke”, eine “Kleine Bierstube”, eine “Aachener Kaschemme”, einen “Schlucknapf”, das “Klein Nippes” eines gewissen Horst und unzählige andere Kneipen ähnlicher Prägung. Im Untergeschoss sind zwei Swingerclubs einquartiert. Dazu kommen zig Billigschmuck- und -kleiderläden und Allyoucaneat-Asiaten.

Es wirkt alles sehr abgestanden und schmuddelig. Da und dort stinkts nach Schweiss und Urin und Erbrochenem. Die Menschen, die ziellos durch das Korridore schlurfen, machen einen abgelöschten Eindruck. Mit all den Touristen, die auf Gran Canaria rund um die Uhr Spass haben wollen oder Erholung suchen, haben sie nichts gemeinsam, ausser der Herkunft und der Sprache und dem Bedürfnis nach Sonne und Wärme.

Ihr Traum von einem unbeschwerten Dasein im Süden ist längst geplatzt. Als sie gemerkt haben, dass aus dem Dolce Vita allen Hoffnungen zum Trotz nichts werden würde, waren die Ersparnisse bereits verbrannt und die Brücken in die Heimat vermodert.

Rechtzeitig auszusteigen, gelingt nur wenigen. Zu den “Glücklichen”, die den Absprung gerade noch geschafft haben, gehören Sonja Hodel und Andrea Gähwiler aus Arbon: Sie gaben ihre “Bar Bengel” im Cita nach einem Jahr auf und kehrten in die Schweiz zurück.

Für all jene, die bleiben müssen, geht es jetzt nur noch darum, die Illusion aufrechtzuerhalten, in dieser Kunstwelt aus Rausch und Ramsch eine Art Heimat gefunden zu haben.

Moralisch unterstützt werden sie dabei von Schlagersternchen und Volksmusikanten, die aus unsichtbaren Lausprechern unablässig die Freuden des Lebens besingen.

Die Stadt steigt in die Schwingerhosen

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Es ist nicht zu übersehen: Dreieinhalb Wochen vor dem “Eidgenössischen” steigt in der tollsten Stadt nördlich von Sydney das Schwingfieber. Liebe- und fantasievoll haben zig Ladeninhaber zwischen dem Kronenplatz und dem Bahnhof ihre Schaufenster hoselupfkompatibel dekoriert.

Mit Schwingerbackwaren und -bieren versuchen auch der “Chrigubeck” und die Gasthausbrauerei, vom Hype zu profitieren. Nicht mit auf den Zug springen mag Hans-Peter Horisberger, der einzige Metzger der Stadt. Er kümmere sich vor und während des Festes lieber um sein Kerngeschäft und die Stammkundschaft, sagt er.

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Nachtrag: Ach so. Die Schaufenster sind (auch) deshalb so hübsch geschmückt, weil der Verein Altstadt plus einen Wettbewerb durchführt. Hier sind alle Teilnehmenden auf einen Blick.

PS: Meine Kolleginnen und Kollegen von der BZ haben für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2013 in Burgdorf eine Sonderbeilage publiziert. Sie kann hier heruntergeladen werden. Die offizielle Website des SAF2013 ist mit einem Klick auf diesen Link abrufbar.

Selber schuhld

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(Optische Täuschung: Meine neuen Schuhbändel sind nicht blau, wie man aufgrund dieses Bildes vermuten könnte, sondern schwarz. Eigentlich sollten sie aber braun sein.)

Guten Abend!

Grüessech! Wie kann ich Ihnen helfen?

Ich brauche nur Schuhbändel.

Ou. Die lassen wir grad auslaufen, weil…

…das ist doch wunderbar! Dafür sind Schuhbändel ja da.

Wie meinen Sie?

Zum Auslaufen.

Ach so. Ja….eben…wir haben nur noch die da. (Deutet auf die da). Was fürttigi brauchen Sie?

Ich weiss nicht genau. Schwarze.

Schwarze haben wir hier…und welche Grösse?

Keine Ahnung. Für Halbschuhe. Mit vier Löchern. Also links und rechts. Also acht Löcher. An einem Schuh.

Acht…Moment…(kramt in der Schachtel herum)…acht…ah, ja: Hier!

Die sind aber braun.

Stimmt. Momentli…hier sind die schwarzen. Was sind das für Halbschuhe?

Braune. Dunkelbraune, so gescheckt, irgendwie.

Dann würde ich aber braune Bändel nehmen, für braune Halbschuhe.

Ich auch. Aber es waren schon schwarze drin.

Sind Sie sicher?

Ja, schon. Das heisst: Nein. Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr sicher. Vielleicht waren sie auch braun.

Das würde ja auch besser passen.

Stimmt.

(…)

(…)

Also…hätten Sie jetzt lieber die schwarzen oder die braunen?

Die…braunen. Nein, die schwarzen. Ja. Die schwarzen.

Wie Sie wollen. Und zwei?

Nein, nur einen.

Sie meinen: Ein Paar.

Genau. Ein Paar. Zwei Bändel.

Zwei Bändel sind ein Paar; das ist schon so. Sie nehmen demfall ein Paar.

Genau.

Macht dreivierzig. Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch noch braune nehmen wollen, wenn die Schuhe doch…

..nein, nein. Schwarz ist tiptopp.

Sie müssens wissen. So. Und einssechzig zurück.

Merci! Schönen Abend noch!

Ihnen auch! Und wenn Sie noch braune brauchen…

…ich glaube nicht. Schwarz ist schon gut.

Zehn Minuten später, daheim, mit den Schuhen in der Hand, die Erkenntnis: Braun wäre besser gewesen. Wesentlich besser. Mann sollte mehr auf die Verkäuferinnen hören.