Nachtwache

Als ich erwachte, erholte Maspalomas sich noch von den Tritten, die ihm Abertausende von Touristen auch in den letzten 20 Stunden verpasst hatten.

Nach dem Duschen schlurfte ich in die Küche. Dort goss ich blubberndheisses Wasser über das Kafipulver im Tassli und genoss den bittersüssen Geruch, der daraufhin durch das Zimmer waberte. Pflotschnass, wie ich war, machte ich es mir auf einem der Balkonliegesessel gemütlich.

Die Stadt schlief tief. Wenn ein Windhauch durch die Palmenkronen strich, schien sie, wie in einem schönen Traum, wohlig einzuschnaufen. Hin und wieder surrte ein Taxi über den Asphalt. Zwei Verliebte bummelten schweigend Hand in Hand Richtung Strand.

In dem Moment, in dem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, zerriss ein Schrei die Stille. Irgendwo zwischen den Bungalows auf der anderen Seite der Strasse brüllte ein Mann einen Namen, immer und immer wieder. Entweder, dachte ich, ist ihm der Hund entlaufen. Oder dann wurde er von seiner Frau ausgeperrt.

Ich nippte an meinem Kaffee, zog an der Zigi und starrte weiter auf die Siedlung. Der Mann sirachte wie ein Wahnsinniger. Ich konnte ihn zunächst nicht sehen, aber wo er durchging, war unschwer zu erkennen: Jedesmal, wenn er ein Gebäude passierte, aktivierte er dessen Aussenbeleuchtung.

Er kam auf einem planlosen Zickzackkurs näher. Im Schein der Strassenlaternen wankte er vor ein Haus an der Kreuzung. Er krakeelte noch eine Weile weiter – und verstummte unvermittelt.

Der Bewohner des Hauses wollte wissen, was vor einem Anwesen los ist. Er trat durch das Tor. Der Störefried bemerkte ihn nicht. Er lief auf die Avenida des Estados Unidas und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ein grosskalibriges Auto.

Ich war sicher, gleich eine Klinge aufblitzen zu sehen oder Schüsse zu hören. Aber in der halben Minute, in der der Mann auf den Fahrer einredete, passierte nichts dergleichen. Der Wagen fuhr davon, der Mann ging weiter. Kopfschüttelnd verzog sich der Typ aus dem Bungalow zurück auf sein Grundstück.

Kaum hatte der Mann sich in Bewegung gesetzt, begann er erneut zu toben. Nach ungefähr hundert Metern bog er nach links ab und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann fuhr ein Polizeiauto in das Strässchen, in das er gegangen war. Minuten später legte sich Ruhe wie ein kühlendes Tuch auf das Quartier.

Über Maspalomas funkelten zahllose Sterne. Das kleine Drama, das sich Ewigkeiten unter ihnen gerade abgespielt hatte, war ihnen – wie alles, was uns manchmal sogar sehr viel länger als nur ein paar Minuten in Atem hält – vollkommen schnuppe.

Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

Nachtdienst in der Vorhölle

In Burgdorf war Solätte, wieder einmal, aber heuer gabs neben all der Routine, die dieses Riesenfest prägt (Blumenchränzli, weisse Röckli, farbenprächtige Umzüge…) etwas Neues: Erstmals mussten die Wirte das Abfallkonzept umsetzen, zu dem der Stadtrat vor zwei Jahren trotz lauten Murrens aus Gastro- und Veranstalterkreisen ja gesagt hatte.

Für die Beizer hiess das: Getränke werden nur noch gegen ein Depot in Mehrwegbehältern ausgeschenkt. So wird “die Qualität eines Festes” nach Ansicht der Weisen im Rathaus “gleich doppelt” gesteigert: “Essen und Trinken werden aufgewertet und der Veranstaltungsort bleibt sauberer und damit attraktiver. Die Festbesucher fühlen sich dadurch erwiesenermassen wohler”, heisst es auf der Website der Stadt.

Ein Lokalbetreiber sagte mir schon Wochen vor der Solätte, dass er für das Handling dieser Challenge einen Chief Executive Officer suche. Eine solche Person zu finden, sei alles anders als einfach, klagte er: Sie müsse über ein Höchstmass an sozialer Kompetenz und ein Maximum an kaufmännischem Know-how verfügen und darüberhinaus auf den ersten Blick gerichtsfest beurteilen können, ob ein Becher mit einem dicken, schwarzen Rand verziert ist oder nicht. Nur, falls Ersteres zutreffe, handle es sich um ein retournierbares Trinkgefäss aus seinen Beständen. Andernfalls sei der Kunde freundlich darauf hinzuweisen, er soll seinen Kram woanders loszuwerden versuchen.

Weil ich am Solätte-Abend sowieso nichts Dümmeres vorhatte, versprach ich meinem Kumpel, die offene Temporärstelle zu besetzen.

So sass ich dann an diesem Montagabend vor einem langen Holztisch. Darauf stand das Kässeli mit 420 Franken Stock. Hinten links tummelten sich, unbeschwert plappernd, die Gäste der Beiz, für die ich im Einsatz stand. Wenige Meter neben ihnen war vor einem Club jemand damit beschäftigt, ein DJ-Pult einzurichten.

“Schön”, dachte ich. “Ein bisschen Hintergrundblues oder Sommersonnesandstrandchillsound passt sicher wunderbar zu diesem prächtigen Abend.”

Als ich meinen Dienst antrat, wars in der Oberstadt noch recht ruhig. Zwar bummelten ununterbrochen Menschen an mir vorbei, doch überbeschäftigt war ich nicht. Denn bevor die Becher zurückgegeben werden können, müssen sie ja erst einmal gefüllt und geleert sein und dann gleich noch einmal gefüllt und erneut geleert undsoweiterundsofort.

Ich nutzte die freie Zeit, um mich bei Wirtsleuten in der Nachbarschaft danach zu erkundigen, wie sie die Mehrwegregel umzusetzen gedenken; bei meiner Premiere wollte ich möglichst nichts falschmachen. Auf drei identische Fragen erhielt ich drei verschiedene Antworten.

Kaum hatte ich wieder an meinem Tisch Platz genommen, brach etwas los, was mit “Inferno” nur unzulänglich beschrieben wäre. Es tönte wie damals, als ich im Traum mit den US-Truppen in Bagdad unterwegs gewesen war: Ein ohrenbetäubendes Rummsen und Chlöpfen und Tätschen und Pfeifen und Heulen toste durch die historischen Gemäuer und fegte alles weg, was an Gesprächsfetzen eben noch munter durch die Luft geschwebt war.

Bis dahin war es mir problemlos möglich gewesen, mit meinen sich auf einmal wie die Doppeladlerexperten vermehrenden Kundinnen und Kunden einen Schwatz zu halten, bevor sie mir ihre Becher aushändigten und ich ihnen einen Zweifränkler. Jetzt konnte ich nur noch ihrer Mimik entnehmen, dass sie mich fragten, ob sie das und das abgeben dürften.

Weiter vorne brüllten sich ehemalige Schulkollegen, die sich vielleicht gerade zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedersahen, an, als ob sie seit der Abschlussfeier nur darauf gewartet hätten, mit ihrem Ex-Gspändli was auch immer endlich z Grächtem z Bode zu reden. Liebespaare erstarrten mitten im Gefummel. Senioren liessen ihre Rollatoren stehen und flüchteten, die gichtverkrümmten Finger fest ineinander verschlungen, in Richtung Bahnhof.

Ich aktivierte die Dezibelmess-App auf meinem Handy und las: 109. Ein Dezibel mehr, und die Schmerzgrenze wäre auch nach wissenschaftlichen Kriterien erreicht gewesen. 110 Dezibel entsprechen dem Lärm einer Kreissäge oder eines Presslufthammers.

Nach einer Stunde begann ich zu ahnen, dass trotz meines Hoffens und Betens nie jemand des Wegs kommen würde, um die offensichtlich im- oder explodierten Lautsprecher vor dem Club zu flicken. Die Frau am Mischpult schien der Höllenkrach nicht im Geringsten zu stören, ganz im Gegenteil: Verzückt lächelnd sorgte sie dafür, dass die House-Orgie nicht auch nur für eine Millisekunde ruhte.

Also fügte ich mich in mein Schicksal und konzentrierte mich auf meinen Job. Dafür wurde ich ja schliesslich nicht bezahlt.

Im Laufe des Abends fiel mir auf, dass der Anteil der Menschen, die an so einem Anlass ungebremst in eine Tischkante stolpern, erstaunlich hoch ist. Und dass einen gestandene Männer als besten Freund betrachten, sobald sie zum dritten Mal einen leeren Becher vor einen hingestellt haben. Bei jenen Leuten, die sich tief zu mir herunterbeugten in der vergeblichen Hoffnung darauf, ich würde dann verstehen, was sie sagen, konnte ich bald wettendasskompatibel am Mundgeruch erkennen, was sie soeben konsumiert hatten. An den Lippen einer jungen Frau las ich ab, dass sie wissen wollte, wieviel der Eintritt koste (Eintritt? Hier? Bei der Mehrweggebinderückgabestelle?). Ein Mann krächzte mir solange “Onigg! Onigg!” ins Ohr, bis mir dämmerte, dass er wohl einen Gin Tonic bestellen möchte.

Darüberhinaus stellte ich fest, dass unzählige Gäste mit Billigbierbüchsen und Wodkaflaschen aus dem nächstbesten Tankstellenshop über das Gelände schlenderten und schwankten und nicht, wie von “der Stadt” vorgesehen, mit Recyclingutensilien bewehrt.

Die Box, in die ich das zurückgebrachte Geschirr warf, war bei meinem Abgang kurz vor Mitternacht nicht einmal ganz voll.

Aber die Festbesucher fühlten sich an diesem attraktiven Veranstaltungsort bestimmt auch so vögeliwohl.

 

 

Schlimmer gehts immer

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Mit dem Wetterbericht in einen Text einzusteigen, ist nicht die knackigste aller Möglichkeiten, in einen Text einzusteigen, auch wenn das die Kolleginnen vom swissmusicdiary womöglich chli anders sehen.

Nur: Wenn man lange genug darüber nachdenkt, kommt man irgendwann zum Schluss, dass ein meteorologischer Auftakt zwischendurch immer noch heftiger fägt als gar keiner oder einer, in dem es – um nur die paar naheliegendsten Beispiele zu nehmen – um die Börsenkurse von 1991, erste Hochrechnungen der Wahlen in Nairobi oder was auch immer zum Thema “SVP” geht.

In diesem Sinne:

Am frühen Morgen lächelte die Sonne noch vom Himmel wie ein frisch gefüttertes Baby aus dem Laufgitter. Doch dann zogen hinter dem Hoger bei Playa del Inglés erst helle, dann graue und schliesslich gfürchig dunkle Wolken auf. Wie eine gigantische schwarze Decke legten sie sich (das sich in diesem Zusammenhang aufdrängende “in Windeseile” verkneife ich mir) über die Stadt und den Strand, und wenig später…aber wenn die hier schon einmal erwähnten Reiseexperten von reisen-experten.de schreiben, auf Gran Canaria herrsche an 300 Tagen pro Jahr Schönwetter, meinen sie eben 300 und nicht 365.

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Henu, dachte ich: dann gehe ich halt aufs Zimmer und lese in aller Ruhe “Totenhaus” zu Ende, den nigelnagelneuen Bestseller von Bernhard Aichner, dem Gewinner des Burgdorfer Krimipreises 2014.

Aber irgendwie…irgendwie wars auch mit der entspannten und entspannenden Lektüre nicht allzuweit her. Das hatte nicht das Geringste mit dem Inhalt des Thrillers zu tun, sondern nur und ausschliesslich damit, dass wenige Meter neben meinem Bett ununterbrochen Bohrer heulten und Fräsen kreischten.

Also verkrümelte ich mich an die Poolbar, wo ich nun mit ein paar Überlebenden der Sintflut und nicht vorzeitig abgereisten Indermittagsruhegestörten der Dinge harre, die da noch kommen mögen.

Einige von uns nippen mit entzündeten Lungen an ihrem Bier, andere mampfen mit blutenden Ohren Erdnüssli, doch auch wenn wir alle chli unguter zwäg sind als noch am Morgen, als vor unseren Balkonen munter die Vögelein jubilierten und die Putzenfrauenkolonne in der Lobby zu den Klängen von “Let’s work together” ihren traditionellen Schichtbeginntango in den frisch gewienerten Boden stampfte, stärkte uns bis soeben doch der feste Glaube daran, dass es heute im Grunde nicht mehr schlimmer werden könne.

Doch dann deutete ein plötzlich kreideweiss angelaufener Österreicher zähneklappernd auf ein Plakat am anderen Ende des Tresens:

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Inselleben (VII)

Tag 6, gegen Mittag

Falls ich in den Ferien jemals das Gefühl haben sollte, das sei jetzt ein bisschen lärmig hier oder chli staubig oder einfach nicht ganz das, was ich mir unter einer entspannenden Auszeit vom Alltag vorgestellt hatte, werde ich an jene Touristinnen und Touristen zurückdenken, an denen ich heute in Playa del Inglés vorbeispaziert bin:

Luxusprobleme im Zimmer 135

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Irgendwie nützt einem das schönste Hotelzimmer nichts, wenn mans alleine bewohnt.

Aus dem schicken Flachbildfernseher dudelt Blues, der klingt, als ob eine Roboterband auf einer Eisscholle spielen würde. Vom Flur her dringt kein Laut in den Raum.

Draussen, vor dem Fenster, läuft ein seltsamer Film: Drei Polizisten unterhalten sich stumm miteinander. Autos verschwinden geräuschlos ins Parkhaus. Alle zwei oder drei Minuten steigt still ein Flugzeug in den Himmel.

Erst seit anderthalb Stunden bin ich hier, und doch kommt es mir vor, als ob ich schon den ganzen Tag in diesen vier Wänden verbracht hätte.

Den riesigen Kaffeekocher, die Duftstäbli, die grob geschätzt zwei Dutzend weissen Handtücher in allen Grössen, die Schalter für die Lampen und die Lüftung und den Kleiderschrank und die Minibar: All das habe ich längst entdeckt und ausprobiert.

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Zu meckern gibts also nichts, eigentlich, doch wenn ich morgen sehr früh auschecke, werde ich kaum von dem Luxus profitiert haben, den mir die Direktion der Radisson Blu-Kette im Zimmer 135 zur Verfügung stellt (wobei “zur Verfügung stellt” bei Übernachtungspreisen von 165 Franken vielleicht nicht der perfekt passende Ausdruck ist. Aber im Moment fällt mir kein besserer ein).

Etwas fehlt sehr, oder vielmehr: jemand, aber das ist jetzt halt so und nicht zu ändern, und irgendwie ist das auch gar nicht so schlimm. In gut einer Woche sehen wir uns ja schon wieder, und in der Zeit zwischen jetzt und dann wird sie ihre Ferien in Frankreich genauso geniessen wie ich die meinen auf Gran Canaria.

So betrachtet, wäre das alles fast gar kein Problem, wenn nicht…wenn ich mich in diesem Raum, in dem auch hartgesottenste Milben null Überlebenschancen haben dürften und in dem, wie ich augenbrauehochziehend soeben registrieren muss, keine einzige Pflanze steht, nicht langsam, aber sicher fühlen würde wie der berühmte Vogel in seinem goldenen Käfig.

Aber unten, im Parterre, hats eine Bar und ein Restaurant. Dort sind Leute, die ich zwar weder kenne noch kennenlernen will, dort ist Betrieb, dort ist Leben.

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Dort gehe ich jetzt hin. Ich klappe den Laptop zusammen, ziehe die Karte aus dem Schlitz neben der Türe, schlurfe den endlosen Gang entlang zum Lift, fahre am neonleuchtenden Weinflaschenturm vorbei nach unten…

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…und stelle, noch bevor mir der Kellner das Cola Zero serviert, fest, dass tatsächlich noch  Trostloseres denkbar ist als solo ein Zweierhotelzimmer zu belegen: An einem Freitagabend in der ebenso anonymen wie sterilen Bar eines Flughafenhotels zu sitzen, Xylophonkängen aus unsichtbaren Lautsprechern ausgesetzt zu sein (bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass ich dem Thema “Xylophon” unbedingt einmal einen eigenen Beitrag widmen muss. Das Xylophon ist nämlich eine der übelsten Erfindungen überhaupt. Meine Abneigung gegen dieses Instrument rührt vermutlich aus frühesten Kindertagen her. Wenn wir im Familienkreise am Samstagabend “Teleboy” oder eine artverwandte TV-Show guckten, trat mit bemühender Regelmässigkeit ein gewisser Ralph Heid auf, der von Kurt Felix, Hans-Joachim Klenkampff, Hans Rosenthal und wie die Helden der Moderation damals alle hiessen, jeweils als “schnellster Xylophonist der Welt” angepriesen wurde, immer dasselbe verdammte Stück spielte und dazu einfältig grinste. Das wärs jetzt schon gewesen, was das Xylophon betrifft. Den separaten Text dazu kann ich mir folglich sparen; viel mehr kann da nicht mehr kommen.) und zu…Moment, ich habe den Faden gleich wieder… genau: und zu wissen, dass es zum Veröden in der Hotelbar im Grunde nur eine Alternative gibt:

Wieder in 135 hochzufahren, zur schockgefrorenen Musik und dem hippen Schmöckizeug im Glas, und auf den nächsten Morgen zu warten.

Himmel und Hölle auf Rädern


(Bild: pd)

“Viele Intercity-Doppelstockzüge bieten unseren jüngsten Fahrgästen eine abwechslungsreiche Fahrt im Familienwagen. Die Kinder können im Mond-Wagen in einer Raumkapsel Mondfahrt spielen oder haben Spass auf der Rutschbahn. Und im Dino-Wagen gibts ein Dino-Memory, einen Spieltisch und ebenfalls eine tolle Rutschbahn.”

Wer schon in einem Familienwagen der SBB von A nach B fahren musste, weil alle anderen Abteile bis auf das letzte Gepäckablagegestell besetzt waren, wird dieses Selbstloblied der SBB kaum mitsingen – ganz im Gegenteil: Er zerknüllt das Notenblatt, schmeisst es an der nächsten Haltestelle grad extra neben einem Ghüderchübel zu Boden und hüpft solange darauf herum, bis ihn zwei Damen von der Bahnhofmission ansprechen und diskret in einen schwach beleuchteten und kaum dekorierten Raum im Untergrund bringen.

Dort übernehmen stämmige Männer in weissen Kitteln den Passagier mit der Jacknicholsonfratze, der “Dino! Dino!” brüllt und versucht, sich mit der Unterkante seines Halbtaxabos den Kopf abzuschneiden, auf dass die arme Seele endlich Ruhe finden möge.

Zwei Stunden zuvor war seine kleine Welt noch in Ordnung gewesen. Nach einem späten Rückflug von sehr entspannenden Ferien hatte er in Zürich in einem recht schicken Hotel übernachtet (Tipp am Rande: Nummer 120 ist ein Raucherzimmer). Am nächsten Morgen reiste er mit dem Zug nach Hause. Weil an diesem Prachtstag unzählige Menschen auf die Idee gekommen waren, das wäre doch wieder mal was, so ein Reisli per Bahn, hatte er in den normalen Zweitklasswagen null Chancen auf eine Niederlassungsbewilligung.

Beim Gang durch den Gang sah er zig Kinder, die friedlich lasen, assen, auf Papis iPad Helikopter abschossen oder sich miteinander unterhielten(!). Als er schon befürchtete, beim nächsten Schiebetüreaufschletzen von einem Windstrudel aus dem letzten Wagen gesogen und auf den Schotter geschmettert zu werden, wo er, langsam verblutend, um Hilfe schreien würde, bis ihn der nächste Schnellzug taktfahrplangenau zermalmt, entdeckte er einen freien Platz.

Eine Rutschbahn und ein Klettergerüst waren nicht das, was er jetzt ums Töten gebraucht hätte (für manche Leute ist das das absolute Minimum dessen, was die SBB zu bieten haben) – aber knapp anderthalb Stunden lang vor der Toilette zu verbringen und Wildfremden beim Geschäftemachen zuzuhören, stellte für ihn keine Alternative dar.

(Der Film entstand nicht während dieser Fahrt. Aber er hätte während dieser Fahrt entstehen können.)

In der “Familienzone” hatten es sich drei Elternpaare mit zwei Buben und zwei Mädchen…nunja…gemütlich gemacht. Wer zu wem gehörte, war für den Fremden nicht auszumachen. Dafür erkannte er binnen Sekunden: Er war mitten in den Jahresausflug des Selbsthilfegrüpplis “Mein Kind ist hyperaktiv. Na und? Ist doch nicht mein Problem!” (MKihNuIdnmP) geraten.

Während Lea (die Namen sind frei erfunden), überlaut wirres Zeug plappernd, Salamirädli und Gürkli auf der Sitzbank drapierte, terrorisierte Kevin die Mitreisenden mit einem Megagiga-Wasserspritzgewehr. Ronnie hockte am Boden und klopfte mit einem Holzwürfel den Takt zu einer Melodie, die nur er hören konnte. Mina versuchte derweil, eine sirupartige Flüssigkeit von einer Petflasche in die andere zu schütten. Als sie sich der Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens bewusst wurde, plünderte sie unter grossem Hallo den nächstbesten Rucksack, dessen sie habhaft werden konnte. Luca trat seine Mutter alle paar Minuten ins Schienbein, machte dabei aber wenigstens keinen Lärm.

Die Eltern genossen die “abwechslungsreiche Fahrt im Familienwagen” (Zitat SBB) auf ihre Weise. Der eine der Väter nuckelte an einem Eistee, den er zuhause garantiert mit einem ordentlichen Schuss Schnaps angereichert hatte. Eine Mutter – nicht die mit dem Schienbein – kämpfte tapfer lächelnd mit den Tränen. Vermutlich begannen sich in ihrem Kopf die Konturen einer Antwort auf die Frage abzuzeichnen, ob es damals, als das Ticken ihrer biologischen Uhr jedes

Motörhead-Konzert

übertönt hätte, wirklich eine gute Idee gewesen sei, einfach mal die Pille abzusetzen und zu schauen, was passiert. Stumm starrte ein anderer Erwachsener aus dem Fenster und tat, als ob er noch nie etwas Fazinierenderes gesehen hätte als all die Industriezonen zwischen Killwangen und Olten. Von Zeit zu Zeit sagte eine Mutter zu ihrem Töchterchen “Tue nööd!” oder” oder “Nääi!” oder “Gahts na?”, was das Mädchen mehr als unverbindliche Empfehlung zur Kenntnis nahm denn als Bitte oder Befehl.

Dem Fremden, der eigentlich nur von Zürich nach Burgdorf fahren wollte und jetzt miterlebt, was passiert, wenn Eltern ihre Schützlinge kurz der Obhut der Siebentage-Kita entziehen, begann zu dämmern: Genau das muss die Mitteland-Zeitung gemeint haben, als sie in einem PR-Text für die SBB redaktionellen Beitrag neulich anerkennend erwähnte, die “Spielplätze auf Rädern” würden Familien eine “willkommene Entlastung” bieten und ein “unbeschwertes Reisen” ermöglichen.