Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Himmeltrauriger Hinterwälder

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(Bild: Von der Seite “Funbible” ab Facebook geklaut)

Über 4000 Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen seit letztem Samstag, dass ich zur Veganerbewegung ein…nunja…chli ambivalentes Verhältnis pflege.

An jenem Abend berichtete ich von meinem Besuch an der Vegan-Sonderschau an der Gourmesse in Zürich.

Ich notierte, was ich gesehen hatte, verwies auf Experten, welche hinter all die Jubelmeldungen über diesen Boom – laut dem Branchenportal Vebu wurden im Jahr 2014 mit pflanzlichen Nahrungsmitteln allein in Deutschland über 100 Millionen Euro umgesetzt – das eine und andere Fragezeichen setzen und und reicherte den Text mit ein paar persönlichen Bemerkungen an, die man ernstnehmen konnte oder auch nicht.

Überraschend viele Besucherinnen und Besucher dieser Plattform nahmen den Artikel dermassen ernst, dass sie sich schnurstracks an ihre Compis setzten, um mir – durchs Band weg anonym, versteht sich; alles andere hätte mich nach den Erfahrungen, die ich im Zusammenhang mit anderen Beiträgen schon machen durfte, auch überrascht – ihre Meinungen kundzutun.

Dank “Tschip” weiss ich jetzt, dass ich von gesunder Ernährung und einer nachhaltigen Lebensweise “keine Ahnung” habe. Für “Johnboy” bin ich “ein “totaler Ignorant” und für Baggsfiss ein “Hinterwäldler”. “Marylu” sieht in mir einen “himmeltraurigen Zyniker”, “Andi” taxiert mich als “Tierhasser” “Fama” nennt mich “sorry, ein Riesenarschloch”, das sich “vermutlich unter einem Vorwand (Schurniausweis?!?) gratis an die Messe geschlichen hat, um uns fertigzumachen” (dazu nur soviel: Selbstverständlich habe ich die 20 Franken Eintritt artig entrichtet. Ich ging ja nicht bloss wegen der Veganer ins Kongresshaus).

Leute wie ich sind laut emerald80 “geistig im 16. Jahrhundert stehengeblieben”, in den Augen irgendeines Peters “ethisch einfach abartig” und laut Baggsfisszwo “mit dafür verantwortlich, dass unsere Erde dem Abgrund zusteuert”.

Die Hoffnung darauf, dass Fleischfresser meines Schlages die Kurve zum rechten Weg doch noch erwischen, ist laut mehreren Schreiberinnen und Schreibern verschwindend klein. “Ihnen ist nicht zu helfen”, ferndiagnostiziert ein “Kurt”. “Leila” sekundiert, bei mir sei “Hopfen und Malz verloren” (sie kann ja nicht ahnen, wie recht sie damit hat), und ein “Phil” wünscht mir, “dass Sie nur einmal eine Stunde lang erleben müssen, was Menschen Tieren antun”.

Eine Frau konstatierte: “Die Veganer mögen auch ihre Fehler haben. Besser als eine ausbeuterische Massentierhaltung ist Veganismus allemal”. Das war der – meiner unmassgeblichen Ansicht nach – mit Abstand konstruktivste Beitrag zum Thema.

Sinnigerweise stammte er von der einzigen Leserbriefschreiberin, die mit ihrem richtigen Namen zu ihrer Kritik stehen konnte.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

“Möge diese Frau alles Glück der Welt haben”

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904 Texte habe ich in diesem Blog schon verfasst. 735 mal wurden sie kritisch oder lobend kommentiert. Dazu erreichten mich im Laufe der Jahre Aberdutzende von gemailten Reaktionen in allen Schattierungen von a wie „abartig!“ bis W wie „Wältklass!“. Vor diesem Hintergrund ging ich davon aus, dass mich in Sachen „Leserpost“ nichts mehr überraschen könnte.

Aber oha: Das Echo auf den gestern veröffentlichten 905. Beitrag war nicht nur überraschend, sondern schlicht überwältigend.

Die Geschichte von der Frau, die einen Weg aus der Alkoholabhängigkeit sucht und die mich gebeten hatte, sie dabei ein bisschen zu unterstützen, schlug (und schlägt nach wie vor) alles in diesem Forum Dagewesene: Sie wurde bis jetzt über tausendmal angeklickt, und in meinem Mailfach türmt sich Zuschrift auf Zuschrift.

Aktuell liegen mir 54 Briefe von Leserinnen und Lesern vor. Sie sind allesamt unter Pseudonym verfasst, was mühelos nachvollziehbar ist: Bis auf zwei Personen lassen sämtliche Schreiberinnen und Schreiber durchblicken, dass sie das Problem meiner “Hauptdarstellerin” entweder aus eigener Erfahrung oder von Suchterkrankungen im Verwandten- und Freundeskreis her bestens kennen.

Es würde zu weit führen, jede Mail Wort für Wort zu veröffentlichen. Manche Briefe ähneln sich inhaltlich dermassen, dass sie von ein und derselben Person verfasst zu sein scheinen. In anderen werden intimste Details geschildert – als Stichworte mögen „Gewalt in der Familie“ oder „Schwere körperliche Schäden“ genügen – die meiner Meinung nach auch dann nicht an die Öffentlichkeit gehören, wenn auf Anhieb keinerlei Rückschlüsse auf die Absender möglich sind.

Wir leben in einer kleinen Welt: Eine einzige spezielle Formulierung oder die Schilderung bestimmter Umstände können in diesen internetten Zeiten genügen, um jemanden zu outen und damit existenziell zu gefährden. Die Mails so lange umschreiben, bis sie garantiert niemandem mehr zugeordnet werden können, will ich aber auch nicht, weil dann ein Teil ihres “Charakters” verloren gehen würde.

Was in diesen Briefen geschrieben wurde, gehört nur den Absenderinnen und Absendern – und jetzt, zumindest teilweise, auch mir. Für dieses buchstäblich blinde Vertrauen – das mich, wie ich gerne zugebe, ebenso rührt wie in Einzelfällen überfordert – danke ich allen von Herzen.

Auszüge:

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Herr A. (verheiratet, zwei Kinder): „Nichts hat mich in den vergangenen Monaten so glücklich gemacht wie die Erkenntnis, nicht der einzige Mensch weit und breit zu sein, der scheinbar chancenlos gegen den Alkohol kämpft. Was ich schon versucht habe, damit aufzuhören…und wie oft ich mir schon gesagt habe, ich gehe gleich morgen früh zum Arzt, um mit ihm über mein Problem zu reden… Jetzt weiss ich, dass meine Sucht fast etwas ‚Normales“ ist. Nur schon dieses Wissen tut mir sehr gut und hilft mir weiter.“

Herr B. (verheiratet, in Trennung lebend): „Der Alkohol hat mein Leben total kaputtgemacht. Ich habe schon mehrmals daran gedacht, Schluss zu machen, doch am Ende war ich immer zu feige dazu. Die offenen Worte dieser Frau machen mir Mut, nach vorne zu schauen. Was sie kann, kann ich auch.“

Frau C. (keine Angaben zur Person): „Danke. Dankedanke!!“

Herr D. (verheiratet, ein erwachsenes Kind): „Ich fand meinen Bierkonsum (ca. 5 Liter am Tag) lange Zeit nicht so schlimm. Langsam merke ich, dass es doch schlimm ist. Ich finde es auch immer peinlicher, wenn mein Sohn nach Hause kommt und mich mit einer Flasche in der Hand sieht..“

Frau E. (in einer zunehmend unglücklichen Beziehung lebend): „Ich hab gerade einem befreundeten Psychiater telefoniert und mit ihn einen Termin abgemacht. Hoffentlich klappts!!! Super, diese Frau!“

Frau F. (keine Angaben zur Person): „Wer eine solche Familie hat wie die Frau, von der Sie schreiben, braucht in seinem ganzen Leben keine anderen Geschenke mehr.“

Herr G. (geschieden, in einer neuen Beziehung lebend): „Nach meiner Scheidung habe ich tonnenweise Betroffenheitsliteratur gelesen. Keines dieser (teuren!!) Bücher hat mir geholfen. Sie waren entweder zu theoretisch oder zu esotherisch. Die bodenständige Schilderung dieser Frau ist etwas anderes. Richten Sie ihr bitte aus, sie soll so weitermachen. Das kommt sicher gut mit ihr. Ich hoffe es jedenfalls schwer für sie und ihre Familie!“

Frau H. („schon alt“): „Möge diese Frau alles Glück dieser Welt haben, um aus dieser Sache herauszukommen.“

Frau I. (keine Angaben zur Person): „Ich kann nicht verstehen, wieso die Frau nicht zu den Anonymen Alkoholikern gehen will. Wie der Name schon sagt, sind dort ja alle anonym, da kann ihr nichts passieren. Auf die andere Art sehe ich natürlich auch, dass so etwas auf dem Land schwieriger ist als in der Stadt. Wies aussieht, macht sies aber auch so sehr gut. Ich drücke ihr die Daumen, damit es so weitergeht.“

Herr K. (geschieden): „Ich sage nur: Chapeau!“

Herr L. (geschieden): „Anfang August gehe ich in eine Alkoholklinik. Das ist mein dritter Versuch. Beim ersten Mal bin ich einfach davongelaufen, beim zweiten Mal hatte ich schon beim Austritt ein schlechtes Gefühl. Wenn es jetzt nicht funktioniert, weiss ich auch nicht mehr. Scheiss Alk!“

Frau M. (kürzlich arbeitslos geworden): „Wäre, hätte, müsste und könnte – ich weiss, wie das mit den Ausreden ist. Man findet tatsächlich immer ‚etwas’, um den Schlussstrich nicht ausgerechnet heute ziehen zu müssen. Noch schlimmer sind nur die ewigen Lügereien. Man verbringt sein Leben damit, sich und anderen etwas vorzumachen. Wie anstrengend das ist, merkt man erst, wenn mans nicht mehr tun muss.“

Frau K. (verheiratetet, drei Kinder): „Ich möchte dieser Frau soviel sagen und weiss doch nicht genau, was. Beim Lesen ihrer Zeilen fühlte ich mich, wie wenn ich meine eigene Geschichte vor mir sehen würde. Dieses Verdrängen ‚Vernütigen’ und ‚Verstecken’ kommt mir so bekannt vor. Dabei hilft das doch alles nichts, und am wenigsten einem selber. Man muss sich der Realität stellen, genau wie die Frau. Ich finde das bewundernswert.“

Herr L. (keine Angaben zur Person): „Konfuzius sagt, ‘auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.'”

Aus dem Leben eines Playaboys (VII und Schluss. Oder auch nicht.)

Geplant war alles ganz anders: Als ich am Samstag in Las Palmas landete, war ich finster entschlossen, ein Velo zu mieten. Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag eine Stunde im Fitnessraum des Hotels zu schwitzen, ausgedehnte Vollgas-Spaziergänge am Strand zu machen und regelmässig ein paar Längen zu schwimmen.

Ich wollte die Ferien nutzen, um weitere Kilos loszuwerden. Den Laptop nahm ich nur mit, um mich hin und wieder auf den aktuellen Stand der Nachrichtendinge bringen zu können, und um gelegentlich eine Mail zu lesen oder zu verschicken.

(Stimme im Hinterkopf: “Diesen Chabis glaubst du ja selber nicht. Zeitungen lesen und Briefli mailen kannst du mit dem Eifoun. Wir wissen beide, dass dir von Anfang an klar war, dass du mit dem Compi da unten noch ganz andere Dinge anstellen würdest.”)

Mag sein. Tatsache ist: Kaum hatte ich mein Rucksäckli ausgepackt, wollte musste ich etwas schreiben. Irgendetwas.

(Stimme im Hinterkopf: “Wir sprechen hier von einer Sucht, nicht wahr? Gibs zu: Du würdest eher auf Ferien verzichten als darauf, zu schreiben.”)

Wie gesagt: Mag sein.

Also gut: Stimmt.

Stell einem Alkoholiker ein Bier hin – er trinkts.
Stell mir einen Laptop vor die Nase – ich schreibe.

Zu sehen, wie sich am Bildschirm eine leere Seite öffnet, die sich dann auf eine wundersame Weise, die ich auch nach über einem Vierteljahrhundert berufsmässigen Geschichtenerzählens nicht begreife, ganz von alleine mit Buchstaben und Sätzen füllt, die sich ihrerseits zu Abschnitten formen, um etwas zu bilden, was anderen Menschen etwas bringt, und wenns nur zwei Minuten Plausch oder Ärger sind: Es gibt nichts Schöneres.

So begann der Playaboy zu leben. Die Umstände – “Umstände” sind für Süchtige immer gut – machten es ihm leicht, über Nacht ein Eigenleben zu entwickeln: Vom Radeln rieten mir Einheimische wegen der nichts kennenden Autofahrer in Playa del Inglés dringend ab. An Besuche im Folterkeller war bei 36 Grad im Schatten nicht zu denken. Fast ohne mein Zutun nutzte der Playaboy meinem Blog, um grösstenteils wildfremden Menschen munzige Einblicke in jene winzige Welt zu geben, die er mit mir durchstreifte.

Was ihn erst etwas erstaunte und dann völlig baff machte, war, wie die Menschen auf dem Festland auf seine Erzählungen reagierten. In seinem Mailfach und in den Kommentaren “seines” Blog stapelten sich Zuschriften von Unbekannten und Bekannten, die ihn ermunterten, weiterzutippen. Auf Facebook wurde augenzwinkernd zu Spenden aufgerufen, auf dass sein Aufenthalt auf (und damit auch die Berichterstattung aus) Gran Canaria verlängert werden könne. Ein anderer Freund riet online spasseshalber zu einer Kollekte, die dem Playaboy ermöglichen sollte, über die Meere kreuzzufahren und zu rapportieren, was und wer ihm zwischen Bug und Heck so alles auffällt. Und, vor allem: Wieso. Mein Brüetsch empfahl seiner internetten Fangemeinde eines Morgens nicht, wie üblich, den Wäutklass-Kracher des Tages zum Abrocken. Stattdessen legte er ihr ihnen die Ferien-Reminiszenzen meines neuen Gspändlis ans Herz.

Ohne, dass ich ihn darum gebeten hätte, sorgte der Playaboy im Macbookaufklappen dafür, dass in diesem Blog soviel Betrieb herrschte wie noch nie: Hunderte von Besucherinnen und Besucher drückten sich in nicht einmal einer Woche die Klinke zu meinem virtuellen Stübchen in die Hand.

Das alles war für uns beide ebenso ungewohnt wie erfreulich und zuweilen fast schon richtig rührend.

Unabhängig davon waren wir auch nicht unglücklich darüber, zwischen Poolrand und Sandstrand eine Beschäftigung zu haben, die den doch eher eintönigen Tagen in diesem Mekka des Nichtstuns eine Struktur gab. Wir setzten uns immer zur selben Zeit hin, um bei einer Kanne Kaffee einen neuen Beitrag z Fade z schlah. Anschliessend gingen wir ans Meer, um stundenlang zu laufen. Abends, wenn nicht mehr soviele Gäste im Schwimmbecken plantschten, tauchten wir jeweils ab.

So konnte ich mich trotz der gwundrig-gmögigen Klette an meiner Seite genauso intensiv bewegen, wie ich das vorgesehen hatte. Erleichtert stelle ich fest, dass im Sand dieser Insel das eine und andere Pfund liegenblieb, das ich längst loswerden wollte (der Preis für das appetitlichste Sprachbild des Jahres dürfte damit vergeben sein).

Aber jetzt ist bei allem Spass, dens gemacht hat, Schluss. Morgen fliege ich zurück in die Schweiz, zu meinem Schatz nach Burdorf, in den alten Markt. Dort ist es zwar nicht ganz so sonnig und heiss wie hier. Dafür fühle ich mich dort wirklich daheim.

Was den Playaboy betrifft, habe ich mir lange überlegt, was ich mit ihm machen soll. Zuerst erwog ich, ihn auf Gran Canaria seinem Schicksal zu überlassen. Das wäre aber eine für beide suboptimale Lösung. Denn ob ich je nach Playa del Inglés zurückkehre, kann ich nicht sagen. Und ihn ganz alleine zwischen all den Taxifahrern, Appartmentdealern und Blüttlern auszusetzen: Das bringe ich nichts übers Herz. Im für ihn besten Fall kommt er bei einem anderen Blogger unter. Nur: Das kommt für mich nicht in Frage.

Deshalb lasse ich den Playaboy sterben. So, wie ich ihn kennengelernt habe, trägt ers mit Fassung. In seinem nächsten Leben wird er sicher etwas über jenen leicht übergewichtigen Schweizer schreiben, der ihm einst im „Parque Tropical“ aus strahlend heiterem Himmel zugelaufen ist (dabei wars eigentlich umgekehrt. Aber egal).Wenn ich Glück habe, steht irgendwo in seiner Geschichte: „Wir hatten eine tolle Zeit miteinander.“ nehme ich ihn einfach mit nach Hause.

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, wie er mit der Kälte und der Nässe zurecht kommt, die ihn im Schweizer Herbst erwarten (um den strübsten Teil des Winters kommt er herum; dann ist er – wenn auch vielleicht unter anderem Namen – mit meiner Frau und mir in Australien). Und ich habe auch keine Ahnung, ob ihm die Emmentaler Höger genausogut gefallen werden wie die Dünen von Maspalomas.

Aber ich weiss: Sehr schwerfallen wird ihm die Umstellung nicht.

Er wird in der Schweiz unter Menschen sein, die sich von den Leuten hier nur minim unterscheiden.

“Aus dem Leben eines Playaboys” gab es Folgendes zu berichten:

“Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Ärger am Strand. Und ein Verhör unter Bernern.”

Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”