Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Full House

Einen tolleren Jahresabschluss hätten wir uns nicht vorstellen können: Dutzende von Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskolleginnen und kollegen, ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn und weiteren lieben Leuten folgten gestern Abend der Einladung zur Einweihung unseres neuen Daheims.

Gegen Mitternacht hatten sämtliche Schuhe, die beim Eingang deponiert worden waren, wieder eine Besitzerin oder einen Besitzer gefunden. An der Hauswand erinnert nur noch ein knallgelber Knirps an diese wunderschönen Stunden im Kreise von wunderbaren Menschen.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.

Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne

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Eigentlich hatte ich die Liveberichterstattung aus Playa del Inglés bereits abgeschlossen. Doch dann entdeckte ich unter dem Text “Bilder stehen Kopf” den Kommentar einer gewissen “Frieda, die flotte Bohne”.

Im Sinne eines tiptoppen Leserinnen- und Leserservices möchte ich mich dazu noch kurz äussern, auch wenn ich keine “Frieda, die flotte Bohne” kenne, oder, genauer gesagt, überhaupt keine Frieda, ausser “der Rothaarigen” von Abba, aber die heisst Annifrid, mit Anni vorne und ohne e hinten, und zählt folglich nicht, und deshalb checkte ich vorhin routinemässig die IP-Adresse der Absenderin, um zu sehen, ob sich dahinter amänd jemand versteckt, den oder die ich tatsächlich kenne und der oder die mir warum auch immer unter einem Pseudonym zu schreiben beliebt, aber nada: da war nichts, woraus ich hätte schliessen müssen, dass öpper als Frieda getarnt auftritt, was wiederum nur bedeuten kann, dass Frieda Frieda heisst, auch wenn sie amtliche Formulare und so im richtigen Leben möglicherweise nicht mit “die flotte Bohne” unterschreibt, sondern mit Hürzeler oder Meier oder Steffen oder was weiss ich (und in diesem Moment fällt mir ein: ich kenne doch eine Frieda, Frieda Steffen nämlich, aus meinen seligen Zeiten beim Wynentaler Blatt. Sie war damals mitverantwortlich für das Schöftler Blättli in Nachbartal, aber ich kann mir beim besten und auch beim schlechtesten Willen nicht vorstellen, dass diese Frieda sich den Beinamen “die flotte Bohne” zulegen würde).

Itemitem. Frieda, die flotte Bohne, schreibt:

“Hallo, blueser (sic!)!!

Mit grossem Interesse und Freude lese ich jeden Tag deine Reportagen ‘von der Insel’. Ich muss immer lachen, wenn ich sehe, was du in Gran Canaria erlebt hast. Gestatte mir eine Frage. Ist das wirklich passiert, oder erfindest du manchmal etwas? Ich mache nie Ferien an ‘solchen Orten’. Geht es dort wirklich so zu und her? Das wäre nichts für mich! Ich freue mich auf viele weitere Texte und wäre dir dankbar für eine Antwort.”

Nun denn: Ich hoffe, dass du mir es nicht allzusehr verübelst, wenn ich deine Fanpost coram publico ausbreite. Falls dus mir wider Erwarten krumm nehmen solltest: sorrysorry, ich konnte ja nicht ahnen, dass, aber jetzt ist es halt schon passiert, und überhaupt (ich sage nur: öffentliches Interesse!).

Deine Fragen beantworte ich in aller gebotenen Knappheit (der Flieger wartet schon bald und ich muss vor der Heimreise morgen Abend noch packen) wie folgt:

Ja (von anderthalb Ausnahmen abgesehen: den Jass mit Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter hats nie gegeben, aber wenn es ihn gegeben hätte, wäre er tupfgenauso abgelaufen wie geschildert. Wenn dus nicht glaubt, kannst du gerne Hofstetter, Hofstetter, Hofstetter oder Hofstetter fragen), und die Konzertkritik bewegte sich zugegebenermassen am Rande des journalistischen Reinheitsgebotes; nein (wieso auch? Es passieren hier jeden Tag zehn Millionen Sachen – und zwar durchaus nicht nur lustige -, die zu notieren sich lohnen würde, aber wenn ich das alles aufschreiben möchte, käme ich zu nichts anderem mehr und könnte ich den Stacheldraht, den ich unmittelbar nach meiner Ankunft süüferli um meine Liege am Strand gewickelt habe, ebensogut wieder abmontieren); ja.

Um Tourismushochburgen wie Playa del Inglés machst du scheints einen weiten Bogen. Das kann ich verstehen, nur: bei Frauen, die sich “Frieda, die flotte Bohne” nennen, handelt es in der Regel nicht um Huschis, die bei allem, was auch nur entfernt nach Spass riecht, “Jessesgott!” kreischen. Sie neigen vielmehr dazu, sich die Haare mit Wasserstoffperoxyd zu färben, lauschen, wenn niemand ume ist, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer in Endlosschleife und nötigen ihre Enkelin, die für sie längst zur besten Freundin geworden ist, mit ans Gnadenlose grenzender Hartnäckigkeit zu gemeinsamen Discobesuchen, obwohl das Grosskind jedesmal, wenn sie dann miteinander auf der Tanzfläche herumhopsen, meckert, es sei für heute Abend für eine Gangbangparty gebucht gewesen, aber was mache man nicht alles, wenn s Grosi rufe und zahle, wenn auch deutlich weniger, als der Partyveranstalter locker gemacht hätte. IST ES NICHT SO?

Wenn du mich zusätzlich zu allem anderen auch noch gefragt hättest, wieso zum Teufel ich eigentlich Jahr für Jahr einmal nach Grosskanarien fliege, wenn ich dann doch nur einen schönen Teil meiner Zeit damit zubringe(n müsse), mich über meine Mitmenschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu wundern, wäre mir die Antwort sehr leicht gefallen: weils fägt.

Hier dürfen die Leute zwei, drei Wochen lang sein, wie sie zuhause gerne wären, und sie dabei zu beobachten, wie sie leben, was sie unter “Leben” verstehen: das ist besser, als sich rund um die Uhr gescripteten Realityschrott auf RTL II reinzuziehen.

Beispiel 1: Vor meinem Hotelzimmer beginnt sich jeden Abend um punkt 18 Uhr eine Schlange zu bilden (siehe Bild oben). Erst besteht sie aus vier oder fünf Personen. In den nächsten Minuten kommen immer mehr Leute hinzu, und um ziemlich genau 18.15 Uhr hat sie mit 60 bis 70 Gliedern ihre volle Länge erreicht. Die Menschen in dieser Schlange verhalten sich exakt wie ein Grüppli Liftbenutzer: sie starren zu Boden, suchen den Himmel nach Flugzeugen ab, noschen in ihren Handtaschen und wischen auf ihren iPhones herum. Kurz: sie tun alles, um sich ja nicht mit den Damen und Herren unterhalten zu müssen, die direkt neben, hinter und vor ihnen stehen, und wenn die Türflügel zum Speisesaal um 18.30 Uhr endlich aufschwingen, strömen sie ins Schlaraffenland, als ob es kein Morgen (und vor allem nicht genug Auswahl am Buffet!) geben würde, dabei wurde jedem und jeder von ihnen schon beim Buchen der Reise und beim Einchecken ins Hotel und beim Zimmerbezug garantiert, dass sie beim Znacht einen festen Sitzplatz haben und, ja: zu Essen sei mehr als nur reichlich vorhanden.

Beispiel 2: der FKK-Strand zwischen Playa del Inglés und Maspalomas. Dort treffen sich Tag für Tag Tausende von Zeitgenossinnen und -genossen, die ihre Körper offenkundig als eine Art Gottesgeschenk an die Menschheit betrachten. Wer mehr oder weniger zufällig an ihnen vorbeibummelt, mag sich bei ihrem Anblick fragen, wo die Walretter von Greenpeace seien, wenn man sie mal brauche, aber das ist den im ästhetisch besten Fall wie tot daliegenden und im worst case Federball spielenden Naturisten von Herzen egal. Sie schleifen ungeniert ihre Brüste durch die Dünen und lassen sich stundenlang ihre Schnäbi (oder Schnäbis?) sandstrahlen, doch wenn ihnen ein Nachbar in Salzburg, Bonn oder Luzern vorschlagen würde, sie sollen sich einmal zehn Minuten lang füdliblutt auf den Balkon stellen: “Gehts eigentlich noch?!? Ich bin doch nicht pervers!”

Nein, liebe Frieda, die flotte Bohne: pervers ist hier sozusagen fast niemand, aber spiessig sind sie samt und sonders, durch und durch, mich inbegriffen, mit ihrem sie alle verbindenden Wunsch, in Playa del Inglés ein paar Tage zu erleben, in denen theoretisch alles Mögliche passieren könnte (“alles Mögliche” im Sinne von “eine Platte Meeresfrüchte verputzen”), sich praktisch aber überhaupt nichts Besonderes ereignet, weil letztlich auch auf Gran Canaria alles so sein sollte wie zuhause (Pizza, Bier und nonstop Bundesliga am Riesengrossbildfernseher), nur mit mehr Sonne und Wärme und weniger Verpflichtungen und Textilien und, vor allem, keinen Menschen um einen herum, die einen in Salzburg, Luzern oder Bonn manchmal chli nerven, weil sie immer nur Pizza essen, Bier trinken und Bundesliga gucken.

Als Burgdorf zu beben begann

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Heute vor einem Jahr: Ganz Burgdorf scheint in die Schwingerhosen zu steigen. Ladeninhaber dekorieren liebe- und fantasievoll ihre Schaufenster um. Hausbesitzer und Mieter putzen ihre Wohnungen heraus, denn schon bald kommen Gäste von zum Teil sehr weit her, um ein-, zweimal bei praktischerweise hier ansässigen Familienmitgliedern, Freunden oder Wildfremden zu übernachten. Tausende von Helferinnen und Helfern stehen bereit. Wer auf dem Gang durch die Stadt einmal stehenbleibt und die Stimmung auf sich wirken lässt, glaubt zu spüren, dass alles um ihn herum ein bisschen bebt.

Noch ahnt niemand, was genau Burgdorf und damit dem ganzen Emmental bevorsteht, aber allen ist klar: Das gibt eine Riesensache. Eine Viertelmillion Menschen erwartet das Organisationskomitee. 250 000: Diese Zahl liegt jenseits des Vorstellungsvermögens. Deshalb diskutieren die Leute in den Beizen und Bars und beim Posten lieber ununterbrochen über die Wetteraussichten, die Frage, ob der Bahnhof die bevorstehende Invasion wohl überstehen werde, jenen Hotelier mit Migrationshintergrund, der für seine Zimmer auf einmal Wucherpreise verlangt in der – wie sich schnell zeigen sollte: irrigen – Annahme, Schwingfans seien dumm, und, vor allem, natürlich darüber, ob Wenger Kilian König bleibt oder ob er die Krone wird abgeben müssen; an Sempach Matthias, zum Beispiel, oder an Stucki Chrigu. Ersterer ist laut Experten “in der Form seines Lebens”, Letzterer hätte es gemäss Fachleuten “längst verdient”.

Fünf Wochen später pilgern 350 000 Menschen nach Burgdorf. Sie erleben ein perfektes Fest, das es in der Schweiz noch nie gegeben hat – und das es in dieser Form und Grösse wohl auch nie mehr geben wird.

Die Emmestadt – nein: das ganze Land – blickt nach der Inthronisierung des neuen Königs auf drei Wundertage zurück, die jene, die in irgendeiner Form daran beteiligt waren, nie werden vergessen können, und auch nie werden vergessen wollen.

Vo Böju för Böjuer

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Es ist zum Verzeifeln: Alle Jahre wieder erhält jemand den Literaturnobelpreis für verschwurbelte Texte, die kein Mensch liest. Auf die Idee, jemanden auszuzeichnen, der etwas erschafft, was lesende Zeitgenossinnen und -genossen zuhauf interessiert und erfreut, ist offensichtlich noch niemand gekommen.

Ein heisser Kandidat – oder eine heisse Kandidatin – für diese Ehrung wäre jene Person, die auf Facebook vor ein paar Monaten die Seite “Du bist von…, wenn du…” lancierte.

Seit jenem Tag können Leute wie du und ich online notieren, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an den Ort denken, in dem sie aufgewachsen sind, und in dem sie einen prägenden Teil ihres Lebens verbracht haben.

Weil sich im Internet nicht nur Schrott in Sekundenbruchteilen über den ganzen Globus verstreuen lässt, sondern weil sich dank dieses Mediums auch immer mal wieder eine gute Idee rasend schnell fortpflanzt, gibt es inzwischen unzählige solcher Seiten, und stündlich werden es mehr.

Sie entwickeln sich nach und nach zu einem gigantischen kollektiven Gedächtnis, auf das auch kommende Generationen mit einem Mausklick werden zurückgreifen können.

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Was im Laufe der Zeit vergessen gegangen ist (oder in zig teuren Sitzungen beim Psychiater für vermeintlich immer verdrängt werden konnte), wird bei der Lektüre dieser Beiträge an die Oberfläche gespült.

Ehemalige Lehrer, Polizisten und Schulhausabwarte, Treffpunkte für Verliebte, Ladenbesitzer, kurlige Dorforginale oder kleine Welten bewegende Ereignisse: Die Bandbreite der Themen hat keinen Anfang und – hoffentlich – nie ein Ende.

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Auch für meine Heimatgemeinde wurde neulich eine derartige Seite aufgeschaltet (für Facebooker: Hier ist sie). “Du besch vo Böju, wenn…” heisst die virtuelle Fundgrube, in der schon weit über 300 aktuelle und frühere Einwohnerinnen und Einwohner von Beinwil am See ihre ganz persönlichen Erinnerungen austauschen.

Manche dieser irgendwann von meinem Radar verschwundenen Nostalgiker tauchen jetzt wie aus einem dichten Nebel vor mir auf, wenn ich etwas von ihnen lese. Ich sehe Häuser, die dem Erdboden gleichgemacht wurden (wie zum Beispiel

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die alte Post,

in der ich meine ersten Schritte wagte, und in der ich später meiner Schwester das Laufen beibrachte, indem ich sie an den Hosenträgern in der Senkrechten hielt und süüferli durch die Wohnung manövrierte.)

Auch Pädagogen, die ich längst auf den Mond geschossen wähnte, und Wirtschaftsexperten, die rotnasig und pfuusbackig jeden Tag meinen Weg kreuzten, sind auf einmal wieder präsent (was nicht immer nur lustig ist; aber was solls).

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Wenn man weiss,

“e welere Richtig de Ängu ofem ref. Chileturm of sinere Schalmai spielt – för d Lüt e de Gartewirtschaft vom Hirt.”

oder wenn man

“em winter, iighänkt met 6 schlette, d hofmatt abgfahre” ist

oder wenn man sich

“no cha a Sandmetzger erinnere”

oder wenn zuhause

“es paar Gläser vom Wettschwemme em Chochichaschte” stehen

oder wenn man weiss,

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“dass das original Wappe vo anno dazumal gsi esch”

oder wenn man

“be de operette metgmacht hesch oder esch goh luege”

oder wenn man

“vo Ponzis ar Tankstelle no bedient wurde bisch”

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oder wenn man

“de Zythans (Tictac)” kannte

oder wenn man

oder wenn es einen

“trurig macht, we d endwecklig vo böju isch,was gschäfter ,d beize, beckereie,metzgereie abelangt”

oder wenn man

“im Sommer de Sonntig of em Sprongtorm i der Badi verbrocht” hat

oder wenn man

“no vor Auge hesch, we de Biitu Eichenberger Beat amene 1-Match am See onde en Uskick diräkt em gägnerische Goal versänkt het!”

oder wenn man

“d Frisur vom Bahnhofvorstand cha beschriibe”

oder wenn man

“dini Geissli oder ou d’Bääbi hesch chönne go taufe loh bim Pfarrer Schöni im Wohnzimmer vom Pfarrhus.”

oder wenn man

“d Habasuma Lisebeth no kennt hett”

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oder wenn man

bis Bösigers ad Metzgete isch, nume wäg de Öpfelschnitzli”

oder wenn man gesehen hat,

“wie de Herr Kasper e Radiergummi het loh flüge”

oder wenn man

“in der Osterzeit die Müllcontainer bei der Haschi nach Ausschuss Zucker-Eili durchsucht hat. Die Ausbeute war jeweils gross und freute den Schulzahnarzt…”

oder wenn man

“Herr ond Frau Bruederer als Schuelhuusabwart kennt het”

oder wenn man

“em Lehrer Zemmermaa ede Päuse hesch müesse Zigarettekippe e Chöbu go tue”

oder wenn man

“em Häxewäldi di chliine Chend erschreckt” hat

oder wenn man

“bir Frau Hauenstein, Frl. Vogt oder Herr Friedli id schuel isch”

oder wenn man

“zum wiederholten Mal Zeuge davon geworden bist, wie die Frau Haller ihren guten Willy zusammengestaucht hat. So in der Art wie: “Willy, lass das! Das findest Du eh nie. Ich mach das”. Dabei wollte der gute Mann den Kunden doch nur behilflich sein.”

oder wenn man

“i de badi esch go papierli zämesammle ond deför vom badmeister e glace öbercho” hat,

oder wenn man

“zo de Fröilein Sager ed Schnorpfi esch”

oder wenn man

“no weisch dases 2 metzger gha het ond de schmedlibeck”,

oder wenn man

“vom Metzger Edi Chuehörner zom Us-Choche ond Chueauge als Färnseh heignoh” hat,

oder wenn man

“de Muserjöggu” kannte (der “genau 2 Zäh im Mul” hatte: “Eine Obe zum en härdöpfel schelle und eine unde zum Nasegrüble…”

oder wenn man weiss, dass

“de Krimi-Willi be dim Töffli hinde in Uspoff gluegt het ond gseit het es stimmi öppis mitem Zylinder ned.”

oder wenn man

“bem Ölerbeck am Sondig esch go e Chäswäie asse”

…dann – und nur dann! – ist man von Böju.

Und hat viele Gründe, darauf chli stolz zu sein.

Denn all das hat kein anderes Dorf auf der Welt zu bieten.

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(Die historischen Bilder zu diesem Beitrag habe ich von Martin Burger geklaut, der die “Du besch vo Böju…”-Seite regelmässig mit Fotos aus dem Archiv seines Vaters Renato Burger bereichert. Ich hoffe, er nimmt mir den Diebstahl nicht allzu übel.)

Feduschine statt Pyramiden

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Adios: Noch 25 Stunden, dann sind sie vorbei, meine Solo-Ferien 2013. Morgen früh sitze ich im Flieger nach Zürich, wo schon Roger Waters auf mich und meinen Schatz wartet.

Ich packe meine ziemlich genau sieben Sachen hier ohne Bedauern zusammen. Denn trotz konstant hoher Temperaturen wurden wir heuer – ganz im Gegensatz zum Vorjahr – nie so richtig warm miteinander, Gran Canaria und ich.

Natürlich: Als ich vor zwölf Monaten eine Woche auf dieser Insel verbrachte, war für mich vieles neu. Das Hotel, die Dünen, die Menschen: Das alles sah ich damals zum ersten Mal. Entsprechend reizvoll war es, jeden Tag eine kleine Entdeckungsreise zu unternehmen.

Bei der Zweitauflage würde ich Déjà-vus und -eus erleben; das war mir bewusst. Wer seine Ferien 2013 zur selben Zeit am selben Ort verbringt wie 2012, muss mit der einen und anderen Wiederholung rechnen. Dass die Sandberge von Maspalomas extra wegen mir umgeformt würden, durfte ich ebensowenig erwarten, wie dass die Hotelchefs das Abendprogramm auf den Kopf stellen, weil ich die Flamcenotänzerinnen, Zirkusartisten, Sängerinnen und Zauberer von früher her kenne.

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Aber darum geht es gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass ich letztes Jahr das bessere Zimmer gehabt hatte, dass mir diesmal das Handy zwischenzeitlich abhanden kam oder dass ich gestern, am 9. September, bemerkte, dass mein Rückflugticket irrtümlich auf den 7. September ausgestellt worden war.

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Das Problem – mein Problem – waren andere Touristen. Sehr, sehr viele andere Touristen.

Ausländer tummeln sich zwar schon seit dem 19. Jahrhundert auf dem malerischen Eiland vor der Küste Westafrikas, und zwar nicht zu knapp. Aber im vergangenen Jahr war ich erstens von deutlich weniger und zweitens von wesentlich normaleren zivilisierteren Menschen umzingelt.

Mit soviel Arroganz und Wohlstandsverwahrlosung sah ich mich in meinem ganzen Leben noch nie konfrontiert. Unabhängig von ihrer Nationalität ist es unwahrscheinlich vielen Gästen dieses Landes offensichtlich völlig egal, was ihre Gastgeber und Mitreisenden über sie denken.

Schuld am zahlenmässig fast chli beängstigend überbordenden Fremdenverkehr auf Gran Canaria sei primär die verworrene politische Lage in Ägypten, sagt mein Freund, der sich in der Reisebranche bestens auskennt. Weil von Trips an den Nil seit einiger Zeit dringend abgeraten wird, seien unzählige Leute, die ihre Ferien eigentlich im Schatten der Pyramiden verbringen wollten, auf die Kanarischen Inseln ausgewichen, wo ja ebenfalls immer die Sonne scheint und es ein Meer hat und wo die Eingeborenen erst noch fliessend kalt und warm Deutsch sprechen.

Statt Aaaahend und Oooohend durch die Tempel von Luxor zu schlendern, hocken die um ihre hochkulturellen Erfahrungen Geprellten nun johlend und gröhlend in den Bars und Beizen von Playa del Inglés und lassen die Umsitzenden an ihrem von Nofretete und Ramses geprägten Denken und ihrem auf unzähligen Reisen in bedeutsamere Länder geschärften Wissen teilhaben.

Das klingt dann so: “Isch nehm ma diese Feduschine und n grossas Helles und…kuck ma, Alda: Tittn bis zude Kniescheibe runda!!!”

Es sind dieselben Zeitgenossen, die an der Rezeption endlos darüber diskutieren, ob sie sich am Zmorgebuffet einen Teller vollbeigen und diesen dann mit aufs Zimmer nehmen können (aber immerhin: Andere fragen nicht einmal, sondern machens einfach. Manche benutzen dafür nicht einmal einen Teller).

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Wegen diesen Leuten hängen überall Flyer, denen zu entnehmen ist, dass der Bademeister Badetücher, die nur zu Reservationszwecken auf die Liegen am Pool gelegt wurden, entfernt (und wehe dem Bademeister, der diese Verordnung durchsetzt!).

Diese Leute beschweren sich beim Barkeeper darüber, dass die Zweimannband im Garten mit Halbplayback spielt.

Und wenn sie endlich abreisen, diese Leute, drücken sie der Putzfrau gönnerhaft einen Euro Trinkgeld in die Hand. Dann sagen sie ihr, sie könne die Köfferli nun zum Ausgang bringen.

Die meisten dieser Leute waren letztes Jahr nicht auf Gran Canaria. Damals war es problemlos möglich, sich einmal irgendwo hinzusetzen und etwas zu lesen oder zu schreiben, ohne, dass man alle fünf Minuten nach einem Loch im Boden suchen musste, in dem man peinlich berührt oder angewidert verschwinden konnte, weil man mit diesem Platzdajetztkommich!-Pack nichts zu tun haben will.

Nun, wo alles bald vorbei ist, kann ichs ja sagen: Ich habe den Playaboy, mit dem ich bei meiner Playadelinglés-Premiere sieben tolle Tage genossen hatte, nie gesehen (unsere Erlebnisse sind hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier dokumentiert). Er war gar nicht da.

Als ich mein Zimmer bezog, erblickte ich auf dem Bett einen Zettel. Darauf stand: “Hi! Die letzten Monate hier waren nicht schön. Pälla und so; du verstehst schon. Ich bin auf Sardinien, in einer kleinen Pension in den Bergen. Machs guet – oder zumindest das Beste daraus.”

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Bahnhofmenschen

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„Guetenaabe. Was dörfs sii?“

„Es Cola Zero, mit Iis.“

„Im Fläschli oder im Glas?“

„Im Fläschli.“

So kanns gehen, wenn man, nach ein paar Stunden im Berner Büro, zurück nach Burgdorf kommt und sich nach all der Mühsal, die der Tag so mit sich gebracht hatte, nur noch nach einem sehnt: einem eiskalten Coci mit Eis, im Glas, bevor man vom Bahnhof aus den langen Weg hoch zum Schloss unter die Füsse nimmt, weil man den an Sonn- und Feiertagen nur stündlich fahrenden Bus verpasst hat, weil das mit der Colabestellung chli länger dauerte als geplant, weil das Frölein hinter seinem Tresen offensichtlich nicht den allerbesten seiner Tage verbracht hat, was einem bei den zum Teil doch sehr gspässigen Leuten, die draussen hocken und lärmen und wirken, als ob sie jederzeit bereit wären, für den nächstbesten Schnauz- und Scheitelträger einen weiteren Weltkrieg anzuzetteln, nicht übertrieben erstaunt, dabei (und das nur am Rande und in der vermutlich vergeblichen Hoffnung, dass der Satz wegen dieser kleinen Zusatzschlaufe nicht so lange wird, bis ihn niemand mehr versteht): Die sehen ja nur so aus, mit ihren Glatzen und Stiefeln und Tätowierungen und allem. Tief in ihrem Inneren schlummert in jedem einzelnen dieser Rabauken ein Kind, das sich nach Zärtlichkeit sehnt und nach Geborgenheit und nach SeelenHeil und nach einer Gruppe, in der es sein darf, wie es sein mag, und in der das Wir eine viel grössere Rolle spielt als das von der überforderten Mutter mit ihrem Betäubungsmittelhintergrund und dem sich gar oft – und vermutlich nicht einmal gänzlich grundlos – aushäusig vergnügenden Vater unmittelbar nach der Geburt auf Flohgrösse zusammengequetschte Ich, und jedenfalls verpasste ich, wie glaub schon gesagt, das öffentliche Verkehrsmittel in die Oberstadt, was mir die Gelegenheit bot, mich einmal in aller Ruhe auf diesem Bahnhofgelände umzusehen, auf dem ich bisher nur das Allernötigste an Zeit zugebracht habe, obwohl es ja einen festen Bestandteil meiner Heimat im engeren und meines Lebens im weiteren Sinne darstellt .

Als Erstes fiel mir auf: Im Vergleich zu seinem Pendant in Bern schneidet der Burgdorfer Bahnhof um zig Zuglängen besser ab. Während der HB der Bundesstadt primär aus

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Treppen,

Bäckereien, Fastfoodbuden und Kleiderläden besteht, besticht sein kleiner Bruder im idyllisch-lauschigen Emmental durch seine Natürlichkeit:

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Und seine kleinen Geheimnisse. Seit ich in Burgdorf wohne, frage ich mich, was sich wohl hinter

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dieser Türe an einem Holzpfosten

beim Busterminal verbergen könnte. Eine Notwohnung für spät heimkehrende Chauffeure? Ein Liebesnestchen für kein Hotelzimmer mehr findende Flitterwöchner? Eine Vorratskammer? Ein Internet-Ausspähposten des Eff-Bii-Ei?

Chasch tänke:

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Noch eine Türe, nur umgekehrt, im Prinzip, aber doch nicht ganz.

Wäre doch nur alles so einfach im Leben, dachte ich, als ich einen älteren Mann aus der Unterführung steigen sah, den ich so gut wie immer sehe, wenn ich zum Burgdorfer Bahnhof gehe, und den ich vor Jahren schon einmal vor Gericht erlebt hatte, und bei dem ich mich jedesmal frage, was er wohl so mache, den lieben, langen Tag, ohne Familie und ohne Arbeit und ohne Geld und überhaupt: ohne Halt, nirgendwo, ausser hier, am Bahnhof, wo er niemanden kennt und niemand ihn und wo er so tun kann, als ob nie etwas gewesen wäre.

Solche Typen gibts, natürlich, auch in Bern, und auch dort bemerke ich mit unschöner Regelmässigkeit zwei, drei Gesichter, die zu Menschen gehören, die mir einst ziemlich vertraut waren, und die mich heute bestenfalls erschrecken oder, im Normalfall, völlig unberührt lassen, weil ich mit ihnen nichts mehr zu tun haben will (und auch nichts mehr zu tun haben könnte, selbst, wenn ich wollte).

Sie kommen aus einer anderen Welt, diese Gesichter und diese Menschen, und wenn sie den Bahnhof verlassen, irgendwann, spät am Abend, gehen sie von der einen kaputten Welt in eine noch kapüttere, in eine, die sie nur mit viel Rotwein und Bier oder, wenn sonst grad nichts da ist, Rasierwasser ertragen, und am Morgen sind sie dann wieder im Bahnhof, in ihrer besseren Welt, und sagen sich und jedem, der es vielleicht immer noch hören will (und glauben mag), sie könnten jederzeit aufhören; “verschtahsch: Je-der-ziit!!!”

Der Mann ging von der Treppe zum Kiosk und von dort ins Café. Als er wieder herauskam, suchte er sich mit seiner dreiviertelvollen Stange ein freies Tischchen. Ich sah ihm zu, wie er sich setzte und dachte: Eigentlich braucht es schon huere wenig. Manchmal entscheidet nur ein dummer Zufall oder ein falscher Gedanke oder ein defektes Gen darüber, ob man zu den Bahnhofmenschen gehört oder zu den Glücklichen.

Ich mochte nicht länger grübeln. Auf dem Heimweg nahm ich mir vor, etwas sommerlich-Leichtes über Bahnhofe zu schreiben.

Aber dieser Zug war irgendwie abgefahren.

In einem Paradies auf Zeit

Nach zwei Wochen Australien ist es an der Zeit, diesem Land und seinen 22 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern einen dicken Kranz zu winden: freundlichere, zuvorkommendere, aufgestelltere und – für Schweizer sehr wichtig! – reinlichere Menschen gibt es vermutlich auf der ganzen Welt nicht.

Wo auch immer wir hinkommen, werden wir nicht wie wandelnde Bancomaten behandelt, die nur darauf warten, geleert zu werden. Sondern wie alte Bekannte, die man nach vielen Jahren wieder einmal sieht. Das leicht bis sehr hochnäsige Getue und Gehabe, mit der viele Schweizer auf ihre zahlenden Gäste zu- oder losgehen, ist den Aussies fremd.

Natürlich freuen sich auch die Australier über das viele Geld der Touristen. In erster Linie schätzen sie jedoch das Interesse, das man ihnen und ihrer Heimat entgegenbringt. Seis die Polizistin im Notfalldienst, die Frau an der Supermarktkasse, der Mann am Autobahnraststättengrill oder der Kunde im Plattenladen: sie alle scheinen mit einem angeborenen Lächeln durchs Leben zu gehen, das ungleich ehrlicher wirkt als das oft aufgesetzte “How loveley, my dear!”-Gehyster vieler Amerikanerinnen und Amerikaner.

Wenn einen ein Australier fragt, wie es einem so geht, tut er das in der Regel nicht, weils die Höflichkeit gebietet, sondern, weils ihn wirklich wunder nimmt. Und wenn man darauf antworten würde, man sei gerade nicht so gut drauf, würde er alles unternehmen, um das auf der Stelle zu ändern. Während “der Amerikaner” sagt, “wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind”, sagt “der Australier”, “dein Freund ist mein Freund”.

Die Hilfsbereitschaft ist grenzenlos: Vorgestern zum Beispiel verlor ich in Byron Bay mein Portemonnaie samt 160 Dollar Bargeld und der Kreditkarte. Das Betreiberpaar des Motels, in dem wir erst am Vorabend eingecheckt haben, stellte mir, noch bevor ich darum gebeten hatte, sein Telefon zur Verfügung, rief die Restaurateure im Umfeld jenes Platzes an, auf dem der Geldbeutel vermutlich verschwunden war und gewährte mir kostenlosen Zugang zu seiner Internetleitung, damit ich den ganzen administrativen Kram erledigen konnte. Tags darauf erkundigten sie sich, ob es mit dem Kartensperren und so geklappt habe. Als ich sagte, es sei alles in Ordnung, freuten sie sich, als ob es sie persönlich betroffen hätte.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob derselbe Service auch in der Schweiz mit derselben Selbstverständlichkeit geboten worden wäre. In der Schweiz hätten die Hoteliers zuerst einmal gefragt, ob wir die Rechnung jetzt trotzdem bezahlen könnten und wenn nein, wen man dafür haftbar machen könnte. Das Internet koste zehn Stutz; wenns geht, bitte cash.

Abgesehen davon gilt es, mit dem einen und anderen Vorurteil aufzuräumen: Die Australier sitzen nicht den ganzen Tag an der Sonne, um ein Bier nach dem anderen in sich hineinzuschütten. Zweifellos haben auch sie es gerne gemütlich; und ganz bestimmt sind sie nicht die ersten, die gehen, wenns am Schönsten ist. Aber den grössten Teil ihrer Zeit verbringen sie mit zum Teil sehr harter Arbeit auf Dächern, in Gärten, auf staubigen oder überschwemmten Landstrassen und in Spitälern.

In den Beizen gelten alkoholausschankmässig mindestens so strikte Regeln wie in der Schweiz. Und wer zuviel intus hat, fliegt raus, ohne der Bedienung “Noch eines!” zulallen zu können. Für Nikotinjunkies ist Australien die Hölle: das Rauchen ist nicht nur in den Restaurants, sondern weitestgehend auch in Strassencafés verboten. Ein Päckli Zigaretten kostet 17 Franken. Wer eine Zigi auf die Strasse wirft und sich dabei erwischen lässt, muss sein Monatsbudget neu überdenken.

Sicher: Wir sehen hier nur die touristische Seite eines Landes, das noch Hunderttausende von anderen Facetten hat. Auch in Australien gibt es Mord und Totschlag und Männer, die ihre Frauen verprügeln. Ich sage nicht, dass die Australier bessere Menschen sind als wir Schweizer oder die Griechen oder die Kroaten. Aber die Art und Weise, wie sie mit dem Leben umgehen und die Herzlichkeit, mit der sie Wildfremden begegnen, ist einzigartig. Für uns Nordhalbkugler scheint sie fast unwirklich, doch für die Aussies ist sie offensichtlich selbstverständlich.

Aber auswandern? Hierbleiben? Lieber nicht. Vermutlich ist es mit Australien wie mit allem Schönen: man realisiert es nur, wenn man auch das Unschöne kennt. Und soviel Wunderbares, wie wir hier fünf Wochen lang unbeschattet von allem Hässlichen erleben und sehen dürfen: das ist in der Realität auf Dauer nicht zu haben. Auch nicht in Australien.

Noch husch, vor dem Abflug

Bevor ich mich am Sonntag in was auch immer für ein Flugzeug setze, um nach Australien zu verschwinden, muss ich noch kurz meinen Kopf und mein Herz ausmisten. Also:

Die besten drei CDs des Jahres 2010 sind:

Bruce Springsteen: “The promise
Kid Rock – “Born free
Steve Lukather – “All’s well that ends well

Die eindrücklichsten Konzerte boten

Toto in Locarno,
Mark Knopfler in Locarno und
Supertramp in Zürich.

Ausser Konkurrenz spielten Bäng-Gäng in Menziken um ihr Leben.

Das schönste Lied des Jahres 2010 ist “Indiana” von Melissa Etheridge:

Politiker des Jahres 2010 ist der Uetendorfer Gemeindepräsident


Hannes Zaugg-Graf;

Politikerin des Jahres ist Burgdorfs Stapi

Elisabeth Zäch

(auf Begründungen muss ich aus Zeit- und Platzmangel verzichten; die beiden haben einfach gewonnen und Punkt.)

Die frisch Gekürte spielt, Zufall oder nicht, auch eine Rolle im Video des Jahres aus der Stadt des Jahres:

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Weiter: Den Vertipper des Jahres leistete sich eine Leserbriefschreiberin in der BZ, und zwar diesen hier:

Zum Tier des Jahres habe ich, unabhängig davon, die Riesenhamsterratte erkoren:

Die beste Krimiserie des Jahres? “Bones”:

Den Kniefall des Jahres machte mein Brüetsch vor seinem Schatz:

glanz & gloria vom 30.09.2010

Und wenn er schon auf der Bühne steht, kann er auch gleich noch den Preis für die sportliche Wahnsinnsleistung 2010 mitnehmen.

Die Ausstellung des Jahres war die spontan zustande gekommene Fotoinstallation

“Facebook als Footbook”.

Was noch?

Genau: Drei Fragen, die ich in diesem Jahr gerne beantwortet gehabt hätte, sind immer noch unbeantwortet, nämlich,

– wieso es heisst, “jemanden übervorteilen”, wenn man diesen jemanden doch benachteiligt,

– wieso man die Leute nicht aus den Zug steigen lässt, bevor man hineinsteigt und

– wie verzweifelt man und frau eigentlich sein muss, um bei solchen Raffzähnen from outer space anzurufen:

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Das Bild des Jahres hat, wie schon erwähnt, der bereits in einer anderen Kategorie siegreiche Hannes Zaugg komponiert:

Und schliesslich – die Erkenntnisse des Jahres 2010:

– Es gibt, vermutlich, keine Ufos und, offensichtlich, auch

– niemanden, der diesen Blog während meiner Abwesenheit hüten will (und kann: Von den 133 Bewerberinnen und Bewerbern vermochte keiner und keine hundertprozentig zu überzeugen, leiderleider).

In diesem Sinne: Machets guet – und auf Wiederschreiben und -lesen im 2011!