Articles with Locarno

„Null Ahnung von was Sache ist“

Wer bei Google „Roxette“, „Konzert“ und „Locarno“ eintippt, entdeckt

 

 

 

 

 

 

 

relativ weit oben

einen Text, den ich im Sommer über den mich chli frustrierenden Auftritt des schwedischen Pop-Duos am Moon and Stars-Festival verfasst hatte.

Nachdem diese Anmerkungen auf verschlungenen Pfaden in einem Roxette-Fanforum gelandet waren, erreichte mich – primär aus deutschen Landen – der eine und andere Leserbrief. Der Grundton klang bei bei fast allen Zuschriften ähnlich: „Schwachsinn“ sei der Bericht, ein fertiger „Mist“ und eine „Respektlosigkeit“ sondergleichen.

Das alles wäre weiter nicht erwähnenswert. Doch Ende Oktober beehrten Marie Fredriksson und Per Gessle die Schweiz erneut mit einem Besuch. Und vor den Gigs in Genf und Zürich wollten offensichtlich sehr viele Menschen wissen, wie sich Roxette bei ihrem Auftritt im Tessin gemetzget hatten. Also suchten sie mit „Roxette“, „Konzert“ und „Locarno“ nach Kritiken und fanden…: Erraten.

Wenig überraschend, hatte ich bei meinen Blicken ins Mailfach in den letzten Tagen folglich ein Déja-lu nach dem anderen. „Katastrophe“, „Kacke“, „Scheisse“, „unwürdig“, „total daneben“, „plemplem“, „hirnverbrannt“, „hirnrissig“, „abartig“: So wurde das „peinliche Geschreibsel“ dieser „armen Wurst“ mit „null Ahnung von was Sache ist“ beurteilt.

Was mich ein wenig beunruhigt: In die Tasten hauten nicht verhaltensauffällige Nacherziehungsbedürftige an bei Aldi geklauten Computern. Sondern Angehörige des „zahmsten Publikums der Welt“.

Im verblassten Glanz der Vergangenheit

Das Roxette-Konzert vom 31. Oktober 2001 im Hallenstadion Zürich: Das war, als ob jemand in einem zum Ersticken aufgeheizten Raum die Fenster aufreissen würde, um kühle Nachtluft hereinströmen zu lassen. Anderthalb Monate, bevor Marie Fredriksson und Per Gessle die Schweiz besuchten, hatten Fanatiker Flugzeuge in das World Trade Center in New York gejagt. Das Attentat von Zug lag noch keine Woche zurück. Die Swissair-Maschinen blieben am Boden. Bartträger mit Turban galten auf einmal als globale Gefahr. Mit der Unbeschwertheit, die die 80er und 90er Jahre geprägt hatte, war es vorbei.

Nur Roxette waren noch da, mit ihrem Gutelaune-Sound und ihren Balladen, die auch tristeste Momente für ein paar Minuten aufzuhellen vermochten. 70 Millionen CDs voller Pop- und Rockperlen verkauften die Fliessbandarbeiter aus der nach Abba zweitgrössten schwedischen Hitfabrik.

Wenige Monate später wurde bei Marie Fredriksson, der Sängerin, ein Gehirntumor diagnostiziert.  Auch für sie und ihren Komponisten und Gitarristen Per Gessle war auf einen Schlag nichts mehr, wie es soeben noch geschienen hatte. Fredriksson kämpfte um ihr Leben, Gessle – höchst erfolgreich – um Anerkennung als Solokünstler. Roxette waren Geschichte.
Einen Ehrenplatz im Musik-Olymp hatten sie sich mit zeitlosen Liedern wie „The Look“, „Joyride“, „It must have been love“ oder „Fading like a flower“ längst gesichert.

Doch am 14. Juli 2011 wird Tatsache, was jahrelang niemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen gewagt hatte: Roxette stehen auf der Piazza Grande in Locarno auf der Bühne. Seit Februar sind Fredriksson und Gessle auf Tournee. Zigtausende von Fans – darunter unzählige, die in der Hoch-Zeit der Band noch nicht einmal in der Planungsphase gewesen sein dürften – freuen sich über die Rückkehr ihrer Idole. Ihrer Wegbegleiter in guten und schlechten Zeiten.

Auf das Comeback einer Legende.

Als Roxette den Platz nach anderthalb Stunden verlassen, gehen sehr, sehr viele von all den Leuten, die dem Duo sosehr entgegengeplangt hatten, mit konsternierten Gesichtern durch die Gassen in die umliegenden Restaurants, Parkhäuser und Hotels. „Things will never be the same“, hatte die von ihrer Krankheit sicht- und hörbar gezeichnete Fredriksson (54) in einem besinnlichen Moment des Konzertes gesungen.

„Things will never be the same“: Das gilt, wie das Publikum schon nach den ersten zwei Stücken erkennen muss, auch für Roxette. Wo vor zehn Jahren noch pure Spielfreude von der Bühne in die Menschenmassen sprühte, dominiert heute die Routine. Nicht gerade lustlos, aber erschreckend statisch, ackern sich Fredriksson, Gessle und die Begleitband durch einen Querschnitt aus ihrer Hitsammlung.

Wie wohl sich die Frontfrau während der Darbietung fühlt, weiss niemand. Marie Fredriksson muss bewusst sein, wie sehr ihre einst glockenhelle Stimme dem Gesamtkunstwerk Roxette fehlt. Sobald es in höhere Tonlagen geht, springt die Backgroundsängerin für die Chefin ein. Und die schwache Stimme ist noch das Stärkste, was die zweifache Mutter nach all den Operationen und Therapien bieten kann. Wenn die 54-Jährige kurz neben oder hinter der Bühne verschwindet – was sie oft tut -: Verflucht sie dort ihren Körper dafür, nicht mehr das Energiepaket von früher zu sein? Oder dankt sie ihm dafür, bis hierhin durchgehalten zu haben und bittet ihn, auch in den folgenden Tourmonaten nicht schlapp zu machen?

Per Gessle seinerseits überlässt die Show über weite Strecken der blonden Frau am Mikrofon und fährt mit angezogener Handbremse durch das Programm. Im Gegensatz zu Fredriksson braucht er keinem Menschen zu beweisen, was er – noch – kann. Dass er wieder da ist; er war ja nie weg. Will er Marie Fredriksson, indem er sich klein macht, grösser wirken lassen, als sie zu sein noch imstande ist? Betrachtet er diese Tournee als eine Art Freundschaftsdienst an der Frau, die es ihm ermöglichte, vom grossartigen, aber ausserhalb Schwedens praktisch unbekannten, Musiker zum Superstar zu avancieren?

Wer Roxette im Oktober 2001 erlebt hatte und das Comeback in Locarno verpasste, wird Marie Fredriksson und Per Gessle anders in Erinnerung behalten als jemand, der am 14. Juli 2011 auf der Piazza Grande stand: Er wird, wenn er einen ihrer Songs hört, an ein grossartiges Duo denken, das rund zwei Jahrzehnte musikalisch mitprägte und stellenweise sogar veredelte.

Und nicht an zwei Menschen, die – warum auch immer – fest davon überzeugt waren (oder nach wie vor sind), die Zeit liesse sich zurückdrehen, anhalten und noch einmal neu gestalten, obwohl ihr das Schicksal die Hälfte der dafür nötigen Mittel für immer entrissen hat.

Peter F. und Amy W.

Nur einmal angenommen: Der beliebte und kompetente Sachbearbeiter Peter F. ist jeden Tag angetrunken. Im Betrieb wissen alle über seinen Alkoholkonsum Bescheid. Käme es seinen Kollegen in den Sinn, ihn zu filmen, wenn er lallend mit Kunden telefoniert und schwankend vor dem Aktenschrank steht? Und würden sie den Clip weltweit veröffentlichen?

Eben.

Bei Amy Winehouse ist das etwas anderes.

Wann immer die 28jährige Britin im Geschäft erscheint, wird sie von einer unüberschaubar grossen Horde wildfremder Menschen erwartet, die jede ihrer Bewegungen und jedes ihrer Worte mit Handykameras aufzeichnen.

Nicht alle dieser Leute sind gekommen, um die grossartige Stimme, die sie von „Frank“ und „Back to black“ her kennen, einmal live zu hören.

Manche interessiert nur eines: Wie besoffen ist Amy Winehouse heute? Schwankt sie nur ein bisschen? Oder fällt sie der Länge nach hin? Nuschelt sie bloss? Oder lallt sie wie ein Junkie in der Bahnhofunterführung? Wenn ja: Gelingt es mir, sie dabei zu filmen? Und den Streifen vor allen anderen, die das Schwanken und Lallen ebenfalls aufgenommen haben, ins Internet zu stellen?

Für Letztere dürfte das Konzert, das die Künstlerin am 18. Juni in Belgrad gab geben wollte, ein ähnlich freudiges Ereignis gewesen sein wie für andere eine Hochzeit an Weihnachten: Die bis unter die Hirnrinde zugedröhnte junge Frau schaffte es kaum, sich auf den Beinen zu halten, traf keinen Ton, würgte Textfragmente ins Mikrophon und raunzte Bandmitglieder an. Der Veranstalter hatte ein Einsehen und liess die umhertorkelnde Sängerin von der Bühne holen.

Vermutlich hatte der Tourarzt seine Patientin noch nicht fertig untersucht, als die Videos des denkwürdigen Auftritts auch schon im Netz kursierten und Zigzehntausendfach angeklickt wurden. In vielen Fernseh-Nachrichen verdrängten die Bilder des Winehouse’schen Absturzes die Atomdebatte, EHEC und die Euro-Krise wie selbstverständlich von den besten Sendeplätzen.

Amy Winehouse – oder jemand, der in ihr mehr als einen bis zum Kollaps melkbaren Goldesel sieht – sagte wenig später sämtliche Konzerte ihrer Sommertournee ab. Das Management teilte mit, die Sängerin wolle sich „im Kreis ihrer Familie fernab von der Öffentlichkeit ihren Gesundheitsproblemen (…) widmen“.

„Fernab von der Öffentlichkeit“? Amy Winehouse?
Aber gewiss doch.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was mit Peter F. eher früher als später passiert, falls er sein Problem nicht in den Griff bekommt: Der Chef stellt ihn auf die Strasse. Dann kann F. sich in ein bodenloses Loch fallen lassen – oder abgeschottet von Druck und Stress eine Therapie machen, seine persönlichen Knoten lösen und später woanders von vorne anfangen. Vielleicht bietet ihm der Chef – das gibts – auch die Möglichkeit, die Krankheit in aller Ruhe zu kurieren, und beschäftigt ihn weiter, wenn er sieht, dass das mit dem Trockenbleiben klappt.

So oder so: Für Peter F. besteht eine Chance, seinem geliebten Beruf irgendwann wieder an einem Ort nachgehen zu können, an dem sich kaum jemand dafür interessiert, was mit ihm einmal los war.

Diese Möglichkeit hat Amy Winehouse nicht. Für sie gibt es nur Sein oder Nichtmehrsein. Entweder rappelt sie sich unter medialer Dauerbeobachtung innert nützlicher Frist aus ihrem Tief hoch, produziert eine hammermässige neue CD und absolviert anschliessend eine triumphale Tournee – oder sie verschwindet so schnell in der musikalischen Bedeutungslosigkeit, wie sie vor acht Jahren aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Der suchtkranke Sachbearbeiter Peter F. und die suchtkranke Sängerin Amy W. unterscheiden sich weniger durch ihre Tätigkeit, als vielmehr durch ihr Umfeld: Während ihm niemand wünscht, dass er am neuen Arbeitsplatz mit alten Problemen kämpfen muss, gibt es in ihrem Fall sehr viele Menschen, die es heute schon kaum erwarten mögen, sie bald wieder lallend und schwankend vor sich zu haben. Diese Leute helfen einer Menge anderer Zeitgenossen dabei, mit dem ewigen Scheitern der Amy Winehouse unsinnig viel Geld zu verdienen.

Mein Überlebenskampf ist eure Lebensgrundlage: Das wusste Amy Winehouse an jedem einzelnen Tag, an dem sie arbeiten ging. Und daran wird sich nichts ändern, wenn sie dereinst wieder arbeiten geht.

Wer zwischendurch Mühe hat, sich für den Gang ins Büro zu motivieren, soll sich eine so grosse Hypothek einmal vorstellen. Oder zumindest versuchen, sie sich vorzustellen.

Nachtrag: Dann also: Nichtmehrsein.

Noch husch, vor dem Abflug

Noch husch, vor dem Abflug

Bevor ich mich am Sonntag in was auch immer für ein Flugzeug setze, um nach Australien zu verschwinden, muss ich noch kurz meinen Kopf und mein Herz ausmisten. Also:

Die besten drei CDs des Jahres 2010 sind:

Bruce Springsteen: „The promise
Kid Rock – „Born free
Steve Lukather – „All’s well that ends well

Die eindrücklichsten Konzerte boten

Toto in Locarno,
Mark Knopfler in Locarno und
Supertramp in Zürich.

Ausser Konkurrenz spielten Bäng-Gäng in Menziken um ihr Leben.

Das schönste Lied des Jahres 2010 ist „Indiana“ von Melissa Etheridge:

Politiker des Jahres 2010 ist der Uetendorfer Gemeindepräsident


Hannes Zaugg-Graf;

Politikerin des Jahres ist Burgdorfs Stapi

Elisabeth Zäch

(auf Begründungen muss ich aus Zeit- und Platzmangel verzichten; die beiden haben einfach gewonnen und Punkt.)

Die frisch Gekürte spielt, Zufall oder nicht, auch eine Rolle im Video des Jahres aus der Stadt des Jahres:

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Weiter: Den Vertipper des Jahres leistete sich eine Leserbriefschreiberin in der BZ, und zwar diesen hier:

Zum Tier des Jahres habe ich, unabhängig davon, die Riesenhamsterratte erkoren:

Die beste Krimiserie des Jahres? „Bones“:

Den Kniefall des Jahres machte mein Brüetsch vor seinem Schatz:

glanz & gloria vom 30.09.2010

Und wenn er schon auf der Bühne steht, kann er auch gleich noch den Preis für die sportliche Wahnsinnsleistung 2010 mitnehmen.

Die Ausstellung des Jahres war die spontan zustande gekommene Fotoinstallation

„Facebook als Footbook“.

Was noch?

Genau: Drei Fragen, die ich in diesem Jahr gerne beantwortet gehabt hätte, sind immer noch unbeantwortet, nämlich,

– wieso es heisst, „jemanden übervorteilen“, wenn man diesen jemanden doch benachteiligt,

– wieso man die Leute nicht aus den Zug steigen lässt, bevor man hineinsteigt und

– wie verzweifelt man und frau eigentlich sein muss, um bei solchen Raffzähnen from outer space anzurufen:

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Das Bild des Jahres hat, wie schon erwähnt, der bereits in einer anderen Kategorie siegreiche Hannes Zaugg komponiert:

Und schliesslich – die Erkenntnisse des Jahres 2010:

– Es gibt, vermutlich, keine Ufos und, offensichtlich, auch

– niemanden, der diesen Blog während meiner Abwesenheit hüten will (und kann: Von den 133 Bewerberinnen und Bewerbern vermochte keiner und keine hundertprozentig zu überzeugen, leiderleider).

In diesem Sinne: Machets guet – und auf Wiederschreiben und -lesen im 2011!