Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

Znachtruhestörung

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Es war ein wunderschöner Abend in einem heimeligen Lokal (siehe Bild), mit einem fantastischen Essen in überaus netter Gesellschaft, doch in dem Moment, in dem Sonja Guzzanti, die Chefin von “Mediterrane Leckereien” am Solothurner Landhausquai, den Hauptgang servieren wollte, flog die Türe auf und zack: war die kleine Beiz bis in die hinterste Ecke mit Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern besetzt, die alsbald gar lustig drauflosguugten und schampar originelle Bänke über ihren Stadtpräsidenten und Flüchtlinge schnitzelten, und als die Närrinnen und Narren merkten, dass nicht alle an unserem Tisch ihr Treiben als sooo lustig empfanden wie sie, teilte uns eine der kostümierten Scheesen gehässig mit, wir sollen gefälligst nicht so tun; schliesslich seien wir selber schuld, wenn wir an der Fasnacht in Zivilkleidung unterwegs seien, und dann gings auch schon weiter mit Tschingdärässabumm und allem, aber henu.

Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk

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Mit ungekünstelter Herzlichkeit und dem ihr eigenen Gespür für den grössten gemeinsamen Wohlfühlnenner von Menschen aus allen Alters-, Berufs- und Gesellschaftsschichten betreibt Anita Häberli (Bild oben) seit Kurzem das “Kraftwerk”. Das eine Gehminute hinter dem Burgdorfer Bahnhof gelegene Kaffee ist laut Eigenwerbung ein “Home of the good times” und “ganz anders als alles, was Burgdorf bislang zu bieten hatte.”

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Wer das Beizli zum ersten Mal betritt, stellt sofort fest: “Home of the good times” und “anders als alles…” sind im “Kraftwerk” nicht leere Werbeslogans, sondern Versprechen. Als ob man jemandem, den man seit Langem gut mag, in seiner neuen Wohnung besuchen würde, setzt man sich hin, schaut sich um…und beginnt unwillkürlich, die anstehenden Termine geistig nach hinten zu schieben oder gleich ganz aus dem Gedächtnis zu löschen. Das liegt nicht nur am einnehmenden Wesen der Chefin, sondern auch am liebevoll arrangierten Interieur, das an Originalität und Behaglichkeit nichts zu wünschen übriglässt.

Rund 50 Helferinnen und Helfer – darunter auch Jugendliche – haben die frühere Werkstatt des “Radix”-Snowboardshops an der Kirchbergstrasse 25 in monatelanger Fronarbeit zu einer zweistöckigen Entspannungsoase samt Bar, Sitzecken, einer Bühne und zig weiteren Sehenswürdigkeiten umgebaut. Entstanden ist ein innenarchitektonisches Kuddelmuddel, das seine Wurzeln irgendwo in der Mitte des letzten Jahrhunderts hat und das trotzdem – oder gerade deshalb – einen zeitlosen Charme verströmt.

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Knietiefe Nierentischchen, eine Jukebox (perfekt sortiert: bei unserem Besuch bekundeten erst die Rolling Stones ihre “Sympathy for the Devil”, dann reisten Toto nach “Africa”, anschliessend genossen Led Zeppelin a “Whola lotta Love”, und das alles in einer Lautstärke, bei er es sich problemlos miteinander plaudern liess), selbstkreierte Lampen, ein Ledersofa, vergilbte Bilder, quasiantike Accessoires, bunte Leuchten, hölzerne Dielen, alte Sicherungskästen, aus halbverputzten Wänden ragende Rohre oder Vitrinen aus Mutters und Grossmutters Zeiten: Das alles sieht aus wie zufällig arrangiert und wirkt wie eine WG, in der ein paar geschmackssichere Freunde ihren retrovertierten Einrichtungsfantasien freien Lauf lassen konnten.

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Für den kleinen Gluscht zwischendurch hält Anita Häberli, die schon als “Metzgere”-Wirtin in der Burgdorfer Oberstadt eine ebenso treue wie dankbare Stammgaschtig um sich geschart hatte, handgemachte Sandwiches und süsse Versuchungen bereit. Die Getränkeauswahl umfasst, was Herz und Kopf und Leber begehren. Darüberhinaus freuen sich DJs und eine eigens für das “Kraftwerk” zusammengestellte Hausband darauf, die Nacht mit den Gästen zum Tag zu machen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 16 bis 0.30 Uhr, Samstag 10 bis 0.30 Uhr.

Weitere Infos gibts hier.

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Inselleben (I)

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Tag 1, früher Abend

Vor zwei Stunden bin ich in Las Palmas gelandet. Jetzt höckle ich, um mich chli anzuklimatisieren (um 19 Uhr haben wir hier noch 28 Grad. An die Leserschaft in Archangelsk: Da könnt ihr lange üben, isn’t it?!?), an der Poolbar des “Parqué Tropical”.

Kaum habe ich mich innerlich halbwegs von der Schweiz verabschiedet und mich ein bisschen mit dem österreichischen Kellner unterhalten, brüllt ein junger Basler quer über den Tresen hinweg: “Ich glaubs ja nicht: Ein Schweizer!!”

Es kommt, wie es in solchen Fällen immer kommt: Der Beppi zügelt neben mich und verwickelt mich in ein Gespräch. Offensichtlich ist er zum ersten Mal in diesem Hotel und augenscheinlich hat er bei der Wahl seiner Unterkunft irgendetwas falsch gemacht. Hier sei ja nichts los, meckert er, es sei immer so ruhig, und wenn man etwas erleben wolle, müsse man dafür extra in die Stadt fahren, und überhaupt: Tote Hose zäntume, nur am Strand unten nicht, aber dort habe es dermassen viele Leute, dass, und so weiter und so fort.

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Dann schlurft sein Kollege über den Platz, setzt sich zu uns, haut meinem neuen Freund auf die Schultern, sagt, “der beste Wingman aller Zeiten!” und doziert lang und breit, wie toll das hier sei, diese Ruhe, und sein Kumpel, der mir wegen genau dieser Ruhe gerade noch das nicht vorhandene Poschettli vollgeheult hatte, stimmt ihm vorbehaltlos zu.

Tag 1, späterer Abend: In der keine 200 Meter entfernten Stadt ist es seltsam ruhig geworden. Soeben mussten die Spanier der Fussball-WM adiós sagen, was sich nicht nur hör- und spürbar auf die Laune der kleinen Spaniergemeinde in Playa del Inglés niederschlägt, sondern irgendwie auch auf das Befinden vieler Temporär-Immigrantinnen und -Immigranten, die den amtierenden Weltmeistern gegen Chile die Daumen gedrückt hatten, weil heute gerade sonst niemand spielte, für den es sich gelohnt hätte, die Daumen zu drücken (die Deutschen sind erst am Samstag wieder dran, und die Schweizer mañana; läck, hat das jetzt gedauert, bis ich dieses “ñ” basteln konnte). Ich drückte für Australien, aber was will man machen, wenn man sozusagen fast alleine gegen elf Holländer antreten muss?

Tag 2, sehr früher Morgen: “Ayayayayay!” (Kommentar der Hotel-Rezeptionistin zum Spanien-Spiel). Stimmung beim Zmorge: Leicht gedämpft.

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Tag 2, späterer Morgen: Ich poste ein paar ferienkompatible Textilien. Der Dealer meines Vertrauens – ein Araber, der in einem früheren Leben zwei, drei Monate lang in der Schweiz studiert hat und später auf dieser Insel gestrandet ist – kennt mich inzwischen und weiss, was ich brauche (und was nicht; eine ausufernde Beratung zum Beispiel).

Nach sechs Minuten verlasse ich den Laden mit

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fünf totschicken und extrem trendigen ärmellosen T-Shirts, zwei figurbetonenden Halblanghosen, zwei verschiedenfarbigen Paar Turnschuhen, fünf Paar Unterhosen plus einer original echt nachgemachten Adidastasche (ein Geschenk des Hauses!).

Kostenpunt mit scharf und allem: 217 Euro 10 Rappen. Dagegen kann man nichts sagen, vor allem dann nicht, wenn man des Arabischen nicht soooo mächtig ist wie, sagen wir, ein Neuseeländer (jede Wette: 999 von 1000 Leserinnen und Lesern gingen davon aus, dass auf “wie, sagen wir…” “…ein Araber” folgen würde. Aber oha!)

Wenn Shopping irgendwo Spass macht, dann hier, und wenn wir nächstes Mal das zeitfressende Schweizgeplänkel weglassen, knacke ich die Fünfminutenschallmauer bestimmt.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaki

Aus dem idyllisch-lauschigen Aargauer Seetal erreicht mich in diesem Moment ein Hilferuf von Martin Hintermann, dem Präsidenten des von mir und meinem Schatz mitbedonatierten FC Beinwil:

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Im Namen des Vorstandes schreibt er:

“Wir suchen Einzelpersonen (oder auch Paare), welche Lust und Zeit haben, unsere Kioskfrau Ruth Suter in ihrem Amt als Kioskorganisatorin ein wenig zu unterstützen. Der Aufwand wird in Form einer Umsatzbeteiligung vergütet (30% des Reingewinns/Anzahl Kioskhelfer). Gerne dürfen sich auch mehrere Einzelpersonen oder Paare melden; ein strukturiertes Team würde auch das Klumpenrisiko ein bisschen eindämmen, was ebenfalls im Sinne des Klubs wäre. Auch wer nur sehr beschränkt einsatzfähig/einsetzbar ist, darf sich melden. Interessierte melden sich bitte beim Präsi Martin Hintermann per E-Mail, SMS oder Anruf (079 424 26 38) oder direkt bei Ruth Suter (079 349 64 50).”

Damit geben, bzw. nehmen wir zurück nach Gran Canaria.

Tag 2, gegen Mittag: Um die politische Wiese in meinem Kopf auch während der Ferien nicht verdorren zu lassen, suche ich ein Lokal, das sich auf Direktübertragungen von Königseinweihungen spezialisiert hat. Nach einigem Umherirren werde ich in der Greater Strand Area fündig und bekomme gerade noch die letzten fünf Viertelstunden der Ansprache des frischgebackenen Regenten Felipe VI. mit.

Dass es sich bei der vom Beizer grossartig als “Life!!!” angepriesenen Sendung bloss um eine Aufzeichnung von gestern Abend handelt, spielt für mich keine Rolle, ist aber vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Plätze im Lokal eher spärlich besetzt sind.

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Der König macht mir, soweit ich das nach seinem ersten öffentlichen Auftritt als solcher beurteilen kann, einen recht gmögigen Eindruck. Er neigt amänd chli zum Vielreden und dürfte ruhig noch etwas lockerer auftreten (so sind sie schliesslich, die Spanier: Locker bis an den Atlantik abe, ausser, wenn ihre Futboleros vorzeitig aus der WM fliegen), doch abgesehen davon kann man wohl getrost davon ausgehen, dass den Rest die Zukunft weisen wird, wie wir Auslandkorrespondenten zu sagen pflegen, wenn wir von der Materie null Ahnung haben und trotzdem ein bisschen am grossen Rad der Weltgeschichte mitdrehen wollen.

Tag 2, gegen Abend: Aus Osten (oder Norden. Oder Westen oder Süden; ist doch egal) zieht eine

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auf. Ich flüchte vom Strand weg und rette mich in mein Zimmer

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das übrigens verblüffende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zimmer

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in dem ich bei meinem ersten Besuch hier wohnte, und mit dem Zimmer

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das ich bei meiner dritten Visite zugewiesen bekam (die Kammer, in der ich bei meinem zweiten Gastspiel um ein Haar elendiglich verdampft wäre, habe ich aus der Erinnerung verdrängt wie anderes auch, woran ich nur mit Schaudern zurückdenken könnte, wenn ich zurückdenken würde, wie die Algebrastunden bei Schabi, um nur den gerade Naheliegendsten von 1’749’937 Albträumen zu nennen).

Nun sitze ich auf der Bettkante und hoffe, dass das Unwetter bald vorüberziehen möge. Felipe oder die Beppi werdens schon richten.

Letzte Worte

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Das wars dann – ämu für Hans Minder, Frank Gerber, Gabriel Anwander und mich. Zum letzten Mal haben wir gestern Abend in der (oder auf der?) “Bäregghöhe” aus unseren “Mordsgeschichten” gelesen.

Noch einmal verwöhnten uns Marianne Kühni und Thomas Linder, die Eigentümer des urgemütlichen Gasthauses hoch über Trubschachen, aufs Herzlichste. Noch einmal wurden wir von Jürg Schori und Cedric Steiner in den siebten Esshimmel gekocht. Noch einmal lauschte uns und der “Landverlag“-Chefin Verena Zürcher ein Publikum, das kulinarischen Genüssen ebenso zugetan ist wie literarischen Ergüssen.

Im kommenden Spätherbst will das Besitzerpaar den Wirtschaftsbetrieb nach 15 Jahren aufgeben und das über 100jährige Gasthaus verkaufen. Kurz vor seinem Abschied lädt es am 1. November zu einem zehnten und letzten Leseabend.  

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Ob es Marianne Kühni und Thomas Linder (siehe Bild) gelingt, das Lokal zu einem für sie angemessenen Preis weiterzugeben, ist unklar. An Interessenten fehlt es dem Vernehmen nach nicht. Doch ob die nächsten “Bäregghöhe”-Chefs dereinst ebenso entschlossen auf die Karte Kultur setzen werden wie die scheidenden, weiss naturgemäss noch kein Mensch.

Fest steht: Die Autorinnen und Autoren, die drei Wochen vor dem finalen Lichterlöschen ihre Geschichten erzählen, werden dasselbe verspüren wie wir vier Schreiber und unsere Verlegerin bei unseren gestrigen Auftritten: Eine merkwürdige Mischung aus Wehmut darüber, dass diese gmögigen Veranstaltungen bis auf Weiteres nicht mehr stattfinden werden.

Und einem bisschen Stolz darauf, ein kleiner Teil des Gesamtkunstwerks “Bäregghöhe” gewesen sein zu dürfen.

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PS: Wer unsere Krimis und Schauermärchen weiterhin hören möchte, kann das, bequem auf einem Bänkli höckelnd und die Emmentaler Landschaft bestaunend, auf dem “Mords- und Spukgeschichtenweg” tun. Unter dem Titel “Jodel mir das Lied vom Tod” hat Burkhard Strassmann für die deutsche “Zeit” eine lesenswerte Reportage über dieses Schweizer Unikum verfasst.

Ausgestorbene Briefkästen und grosszügige Kleingewerbler

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“Schwarze Wände
erdrücken die Stadt
Sonne macht uns
zu oft nur eitel
doch schon zürnen Blitze
wütet der Himmel
ermahnt uns
wieder
zu Demut und Mass.”

(Hans-Christoph Neuert, deutscher Aphoristiker und Lyriker)

Wer in einem Verein aktiv war oder ist, weiss: Irgendwann – in der Regel vor einem grösseren Anlass des Clubs – kommt der Moment, in dem es ums “Flyern und Plakaten” geht, und zwar möglichst bald und flächendeckend.

Sobald man dann mit einem Plasticsack voller Werbekram aufgebrochen ist, wird einem klar: Um Demut zu erlernen, bedarf es nicht am wütenden Himmel zürnender Blitze, wie Hans-Christoph Neuert zu wissen glaubt.

Es genügt vollkommen, in einem Laden oder in einer Beiz zu stehen, an deren Türen und Wänden bereits zig andere Plakate prangen und auf deren Tresen schon vier Biigeli mit Flugblättern von ebenfalls um die Publikumsgunst buhlenden Veranstaltern liegen, denen marktingmässig offenkundig nichts Gescheiteres eingefallen war, als in jedem öffentlichen Raum Drucksachen in den unterschiedlichsten Grössen und Farben zu deponieren.

Dem Lokalinhaber  –  wenns ganz dumm läuft, noch mit wartender Kundschaft im Rücken – zu erklären, man führe dann und dann dort und dort das und das auf und bitte ihn, den  Chef,  höflich darum, eines dieser Poster oder und ein paar Flyer dalassen zu  dürfen: Das macht einen wirklich demütig.

Und….ja.

Deshalb bummelt man erst einmal ein bisschen durch die Quartiere, und zwar nicht am heiterhellen Tag, wenn jedermann sieht, was in der Nachbarschaft läuft, sondern erst in der Dämmerung, wenn die Leute beim Znacht sitzen und nicht mitbekommen, dass ein Fremder gerade Werbung in mit “Keine Werbung”-Klebern beklebte Briefkästen wirft.

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Aber: Es geht nicht anders, irgendwie. Denn die Briefkästen, auf denen kein solcher Hinweis prangt, scheinen – von Greenpeace, WWF und anderen sich um die Arterhaltung bemühenden Institutionen unbeprotestiert – praktisch ausgestorben zu sein.

Den von Haus zu Haus streunenden Vereinsvertreter stürzt diese Tatsache ein ums andere Mal  in ein Dilemma: Einerseits will er die Leute auf etwas wirklich Gefreutes aufmerksam machen und nicht, wie das vor und hinter ihm durch die Gassen marodierende PR-Gesindel aus Politik und Wirtschaft, auf seine Verdienste um das Gemeinwohl, Billigstfleisch oder Spottgünstigmöbel.

Andrerseits weiss er nicht erst seit dem Berner Grossratswahlkampf aus eigener Erfahrung, wie mühsam es ist, jeden Tag einen Stapel Papier zu entsorgen, der unbestellt in die Mailbox vor der Türe geflattert ist.

Schliesslich findet er für das Problem eine zumindest für ihn akzeptable Lösung: Er steckt die Flyer fast nur in Briefkästen von (je nachdem auch sehr entfernten) Bekannten. Und nimmt sich vor, sich bei den Belästigten bei Gelegenheit für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, sofern seine Opfer sich bei einem nächsten Treffen in, sagen wir, vier Monaten, noch an das Flugblatt erinnern und ihn voller unverrauchten Ärgers darüber darauf ansprechen sollten.

Grundsätzlich ist es in der Schweiz sowieso nicht verboten, “Keine Werbung”-Kleber zu übersehen (in Deutschland hingegen schon. Dort läuft das unter “Persönlichkeitsverletzung”). Gemäss einem Bericht des Tages Anzeigers besteht hierzulande lediglich eine “unverbindliche Vereinbarung” zwischen der Post, privaten Verteilern und Empfängern. Sie besagt, dass nur politische Werbung, Post von Hilfswerken oder Amtliches in alle Briefkästen gelangen darf.

Und wenn man lange genug darüber nachdenkt, dass ein Theaterverein wie zum Beispiel die Szenerie Burgdorf den Menschen dabei hilft, das Leben auch in kultureller Hinsicht in vollen Zügen Sälen zu geniessen, kommt man fast automatisch zum Schluss, dass es sich bei diesem Verein um nichts anders handelt als, genau: um ein Hilfswerk.

Das sehen die Inhaber von all den Beizen und Läden, die man schliesslich doch noch aufsucht, offenbar genauso. Ganz so schlimm, wie befürchtet, ist die Tournee durchs lokale Kleingewerbe jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil: Von ganz, ganz wenigen Ausnahme abgesehen, gibt es in Burgdorf – was die Stammleserschaft dieses Blogs kaum erstaunen wird – niemanden, der abwinkt, wenn man ihn fragt, ob man einen Teil seines Betriebes als Werbefläche nutzen dürfe. Manche der Angefragten helfen einem sogar noch mit Chläberli aus oder versprechen, falls alle verfügbaren Plätze schon vollgeklebt sind, das Poster zu montieren, sobald ein Eggeli frei wird.

Jene wenigen, die die Annahme verweigern, nennen dafür – in einem sehr freundlichen Tonfall, notabene –  immer denselben Grund:

Wenn sie jedes Mal, wenn jemand mit Werbematerial bei ihnen aufkreuzt, ja sagen würden, wäre ihr Geschäft innert kürzester Zeit bis zur Decke mit Plakaten zugeklebt und unter Flugblättern begraben.

Aus dem Leben eines Playaboys (III)

Begrüssungsapéros sind laut den Hotelverantwortlichen dazu da, den neuen Gästen die Möglichkeit zu bieten, sich kennenzulernen. Den vertrauten Orangensaft literweise durch die vom Flug und der Hitze ausgetrocknete Kehle schüttend oder süüferli an einem dieser bunten Drinks nippend, die man vom “Traumschiff” her kennt (“Koste mal, Heinz! Mango!!”), sollen die sich Fremden schnell zu Freunden werden, die miteinander wie gewünscht und gebucht die schönste Zeit des Jahres verbringen.

Weiter ist es für die Gastgeber natürlich praktisch, wenn sie die ahnungs- und arglosen Frischlinge in dieser ganz und gar unverkrampften Athmos Atmos Atmosf Atmosph Stimmung darauf hinweisen können, dass alles, was man als Tourist so zum Leben benötigt, in der fortknoxartig gesicherten Hotelanlage erstanden werden kann. Nach draussen brauche sich im Grunde folglich niemand zu bemühen.

Natürlich; Auf eigene Faust durch die Stadt zu bummeln, sei jedem freigestellt, fügen die Begrüssungsapérodelegierten jeweils an. Nur: Jenseits des geschützten Hotelrahmens würden sie halt lauern, die über Seniorenleichen gehenden Appartmentverkäufer, mit allen Scheibenwischwassern gewaschenen Taxifahrer und unzählige weitere Gefahren, die aus den unbeschwerten Ferien schwuppdiwupp ein – kurze Kunstpause – tödlich endendes Abenteuer machen können.

Das alles interessiert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Veranstaltungen nur sehr peripher. Ihnen ist primär daran gelegen, noch vor dem Zimmerbezug abzuchecken, welcher von diesen bleichen Heinis, die einem schon an der Rezeption, in der Schlacht um die Schlüssel, negativ aufgefallen sind, der grösste Konkurrent im Krieg um die besten Poolplätze sein wird. Und welche von diesen aufgedonnerten Schlampen frau später, am Buffet, wie ausbremsen muss, um den Teller vor allen andern randvoll mit all dem exotischen Zeugs zu füllen, das adrett auf crushed Eis drapiert darauf wartet, kurz probiert und dann stehengelassen zu werden.

Wer die ersten Stunden auf dem fremden Terrain überlebt und am dritten Tag vielleicht sogar eine Zigarette auf dem Trottoir vor dem Hotel rauchen konnte, ohne im milden Licht des frühen Morgens von einer Maschinengewehrsalve aus dem gegenüberliegenden Parfümladen niedergemäht zu werden, kommt womöglich auf die tollkühne Idee, einmal auswärts zu essen gehen. Mit etwas Glück landet er oder sie dann in einem Lokal, in dem nicht nur Currywurst oder Eisbein, sondern auch einheimische Spezialitäten zur Auswahl stehen.

Ich zum Beispiel genoss unten am Strand eine

wunderbare Paëlla.

Während ich so vor mich hinkaute, überlegte ich mir, ob ich mir überlegen soll, wieviele von den 19 Euro, die ich für den Reis und die Scampi und das Huhn und die Muscheln und das Kaninchen und die Erbsli und alles hinlegen würde, wohl bei dem Fischer landen, der Nacht für Nacht hinausfährt, um die für derlei Speisen erforderlichen Zutaten mühevoll aus den unergründlichen Tiefen des Ozeans zu hieven, derweil zuhause Frau und Kinder mantramässig ihr „Petri Heil“ beten, auf dass ihr Geliebter und Ernährer einen guten Fang mache, auf dass wiederum sie etwas Sättigendes und Warmes in die Mägen bekommen; oder wenigstens ein paar Fische, die von den Einkäufern der Grossverteiler und den Restaurantbesitzern an der Promenade als zu mickrig taxiert und dem Lieferanten kaltschnäuzig vor die Füsse geknallt wurden.

Aber dann dachte ich: Darüber nachzudenken, ist für jemanden, der von Betriebswirtschaft soviel Ahnung hat wie ich, sinnlos. Ich bin ja kein Önologe. Den Gesprächen an den Nebentischen zu lauschen, hatte einerseits einen gewissen Unterhaltungswert („Playa heisst auf Spanisch soviel wie spielen“). Andrerseits wars aber auch ziemlich bemühend. Das Gemecker über das Land und die Menschen, die es bewohnen, wollte nicht enden. Es ist aber auch ein Elend: Da verschuldet man sich Jahr für Jahr aufs Neue über beide Ohren, um der Misère daheim wenigstens für zwei Wochen entfliehen zu können – und dann kostet eine Strandliege 3 Euro pro Tag.

Zum Sympathieträger der Woche erkor ich spontan jenen Herrn (die Nationalität des Deutschen spielt keine Rolle), der seine aktuelle Lebensabschnittspartnerin vermutlich nur deshalb in die Ferien begleiten durfte, weil er wenige Stunden vor dem Abflug fast ohne Zicken zu machen akzeptiert hatte, dass sie diese Reise primär für ihren und mit ihrem Sohn unternimmt.

Als das etwas wackelig wirkende Familienmodell auf den drei somit nicht mehr freien Plätzen an meinem Tisch installiert war, fragte der vielleicht fünfjährige Bub, was ich da esse.

Bevor ich etwas sagen konnte – nicht, dass ich unbedingt etwas hätte sagen wollen – antwortete der Vater auf Zeit: „Ne Pälla.“

Der Bub (ernsthaft interessiert): „Was ist das? Was ist da drin?“

Der Mann (in einem Ton, in dem der ganze Frust darüber mitschwang, die Ferien mit dem lästigen Goof absitzen zu müssen, statt sie liegend mit scharf und allem nur mit der Mutter geniessen zu können): „Meerscheiss. Musste nicht haben.“

Daraufhin bestellten alle drei original echte Wiener Schnitzel mit Pommes, wobei der Kleine auf seinen vielseitigen Wunsch hin ebenfalls eine Erwachsenenportion vorgesetzt bekam, von der er tatsächlich einen Viertel vertilgte. Der Rest – darunter das komplette Schnitzel – : Return to sender.

Und damit wirds Zeit für ein bisschen Musik. Ich bin gleich wieder da. Mit einem neuen Trend, Beobachtungen von der Kellnerfront – und mit einer Frage, die kein Mensch je wird beantworten können.

Schön, nicht?

Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Das Lied ist 60 Jahre alt und wird von Elvis Presley gesungen. Der checkte erst im Heartbreak Hotel ein und dann – das war noch im letzten Jahrtausend – im Rock’n’Roll-Himmel, weil er zuviele Hamburger und Tabletten gegessen hatte. Denkt also mal über eure Grundnahrungsmittel nach.

Wenn wir thematisch schon in die Höhe gestiegen sind: Beim Pällaessen entdeckte ich einen neuen Einrichtungstrend. Wer für seine Bilder keinen Platz mehr an den Wänden findet, hängt sie einfach an die Decke:

Tate Gallery. Museum of Modern Arts. Louvre. Stiftung Uetendorfberg: Wieviele Bilder mögen, von der Öffentlichkeit unbeachtet, in den Kellern dieser Kunstinstitutionen lagern? Da eröffnen sich doch völlig neue Perspektiven, in jeder Hinsicht! Und das alles dank eines Beizers in Playa del Inglés, der eines Tages nicht mehr wusste, wohin mit seinen Postern.

A propos “Beiz”: Obwohl ich nun schon seit drei Tagen auf dieser Insel bin, hat sich mir das auf Vollbeschäftigung beruhende Arbeitsprinzip der hiesigen Kellner noch immer nicht zur Gänze erschlossen. Vor allem habe ich etwelche Mühe damit, zu kapieren, wie das rentieren kann.

Aber eben: Ich bin kein Ökologe.

Das Vollbeschäftigungsprinzip der Kellner auf Gran Canaria geht so:

Kellner A zerrt den Passanten in die Beiz, und zwar unabhängig davon, ob dieser bereits gegessen oder woanders reserviert hat.

Kellner B rückt für den verdatterten Gast, der sich nur langsam mit seinem Schicksal abfindet, einen Stuhl zurecht.

Kellner C sagt dem Gast etwas Nettes.

Kellner D erkundigt sich danach, was der Gast zu trinken gedenke.

Kellner E fragt den Gast, ob er etwas zu essen wünsche.

Kellner F bringt das Getränk.

Kellner G bringt die Speisekarte.

Kellner H notiert die Bestellung.

Kellner C schaut erneut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner I deckt den Tisch ein.

Kellner J schleppt einen Zweiliterkrug Wasser an, mit Limettenschnitzen und der halben Antarktis drin.

Kellner K bringt das bestellte Getränk.

Kellner L hat mit dem Gast eigentlich nichts zu tun, will aber trotzdem wissen, ob alles in Ordnung sei.

Kellner M bringt die Vorspeise.

Kellner N räumt die Vorspeise ab.

Kellner O wechselt das zum Teil noch gar nicht benutzte Besteck aus.

Kellner P bringt den Hauptgang.

Kellner C schaut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner Q räumt ab.

Kellner R ist derjenige, der

Kellner S ausrichtet, dass man gerne zahlen möchte.

Kellner T bringt die Rechnung auf einem Klemmbrettli:

Kellner U holt das Klemmbrettli mit dem Geld darauf ab.

Kellner V bringt das Wechselgeld.

Kellner W behändigt das Trinkgeld.

Kellner X verabschiedet den Gast wortreich.

Für die Kellner Y und Z gabs in meinem Fall nichts zu tun. Ich hätte noch ein Kafi ordern sollen.

Dann geht man, überraschend tiptopp verpflegt, zurück auf die Strasse. Dort fallen einem als Erstes die vielen jungen und fast schon beänstigend aufgestellten Menschen auf, die den Touristen Flyer verteilen. Diese künden in knallbunten Grossbuchstaben davon, dass in der Disco „Dreamland“ (oder in einem vergleichbaren Tanz- und Knutschschuppen) heute Abend Die! Absolute! Megagigasuperduperschaumparty! steige, zu der man hiermit aufs Herzlichste eingeladen sei, sofern man 15 Euro Eintritt und die Getränke selber bezahle.

Wenn man an diesen Flyerverteilern vorbeispazieren kann, ohne dass sie einen bis unter die Hoteldusche verfolgen: Spricht das gegen die Arbeitsmoral dieser jungen Leute?

Oder vielleicht doch eher dafür, dass man ab einem bestimmten Alter mit einem gewissen Auftreten dermassen abgeklärt wirkt, dass einem derlei Angebote nicht den geringsten Eindruck mehr zu machen vermögen?

(Morgen live von der Insel: “Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt).

Bereits erschienen:

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”

Gluschtig, gemütlich, gastfreundlich und günstig

Entspannungs-Oase an der Aare: “Meier’s Löwen” in Berken (Bild: pd)

“Es isch amene Sunntig Aabe dä Früehlig passiert. Mir hai aui Fiirabe, höckle zäme uf der Terrasse bimene Glesli Wi u fröie üs uf e Freitag.
Drüüne vo üs isch es langsam e chli mulmig z’muet, wiu sie uf d’Prüefig zue chöme. Und wiu mir gueti Scheffe wei si, probiere mir se z’motiviere, idöm sie vo üs Sache dörfe wünsche, we sie e gwüssi Note erreiche:

Bi 5,1 muess der Markus i der Chuchi en Aabe lang abwäsche u derzue e Tamilischkurs für Aafänger absolviere.
Bi 5,2 macht der Roli für alli amene Sunntig Aabe Mai Tai’s
Bi 5,3 git’s….. ja das isch en angeri Gschicht u drum göh mir grad zur Note
5,4, wo sie müesse d’Bärt wächsle.
Bi 5,5 wird me langsam e chli waghalsiger u verschpräche e Limousine für en Abschlussaabe u
bi 5,6 färbe der Roli u der Markus sich roti u schwarz-wiss tüpfleti Haar.
Bi 5,7 (me wird scho richtig übermüetig als Scheff) dörfe sie die beide i Brunne gheie u
bi 5,8 (wär macht scho so ne Prüefig?) lege der Roland u der Markus en Aabe lang zum schaffe rosaroti Leggins a.
Bi 5,9 schlussändlich mache die beide alles mitenang.”

Diese gmögige Geschichte steht in der Speisekarte und auf der Website des Gasthofs “Meier’s Löwen” im oberaargauischen Berken.

Sie sagt vermutlich viel aus über das Klima, in dem sich das Leben in diesem schmucken Haus an der Aare abspielt. Wärme, Herzlichkeit, Humor, gegenseitiger Respekt – das sind für Markus Meier und Roland Steiner, die beiden Chefs, nicht Floskeln aus einem Handbuch für Restaurateure. Das sind für sie die Maximen, nach denen sie ihren Betrieb führen.

Als wir am Donnerstagabend im “Löie” ankamen (eine Wegbeschreibung gibts hier), waren fast alle Openair-Tische besetzt. Auf dem einen, der noch frei war, stand ein “Reserviert”-Schildli. Flugs und unkompliziert stellte Markus Meier ihn uns zur Verfügung; offensichtlich wurden die Plätze von den Leuten, die sie vorgebucht hatten, nicht benötigt.

Die Abwesenden verpassten Grossartiges: Nach einer vielversprechenden Vorspeise (frisch gepflückt wirkender gemischter Salat für mich, kalte Melonenschale mit Fleischeinlage für sie), einem gefährlich gluschtigen Hauptgang (zartes Cordonbleu für mich, Rahmschnitzeli für sie) und einem extrem feinen Dessert (Glace vom nahegelegenen Bauernhof) machten wir uns pappsatt und glücklich über unsere kulinarische Entdeckung zwei Stunden später wieder auf den Heimweg.

Nebst dem fantastischen Essen und dem klar zugunsten der Gäste austarierten Preis-Leistungsverhältnis (der Gaumenspass kostete uns knapp 100 Franken) fiel uns auch positiv auf, mit viel ungekünsteltem Eifer und spürbarer Freude die Mitarbeitenden sich um die Kundschaft Besucherinnen und Besucher kümmern.

Wer die “Löie”-Crew bei der Arbeit beobachtet, fragt sich, ob die Extrabelohnungen, die “amene Sunntig Aabe dä Früehlig” versprochen worden waren, amänd nicht nur für die Lehrlinge an den Abschlussprüfungen galten. Vielleicht dienen sie allen Mitarbeitenden an jedem Tag als Ansporn dafür, Ihr Bestes zu geben.

Falls Letzeres zutreffen sollte, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Chefs in pink Leggins stürzen müssen.

Stimmungsvoll: Im Garten vor dem “Löie” (Bild: Schatz)