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Kurz und bündnerig (V)

Allegra!

Gestern war ich in Davos auf dem Markt da gab es alles und Felle und einen See und Windrädli und Wildwürste ich durfte so viele probieren bis ich gar nicht mehr eine kaufen musste wenn das nicht Serwisspübligg ist was dann! 

Am Abend probierte ich einen neuen Trick aus und zwar ging ich einfach in eine Beiz und rief hier ist der Jasser wo sind die Opfer und schwupp stand am Stammtisch ein Mann auf und sagte WOTSCH LEMPPA PÜRSCHTLI und ich ging lieber wieder man könnte schon meinen heieiei soviel zum Tema Gaspfreuntschaft ist doch wahr.

Ich denke die ganze Zeit an euch denkt ihr auch die ganze Zeit an mich? 

Viele Grüsse aus Davos! 

Dunkle Seiten

Seit bald einer Woche habe ich einen Mann aus einem Haus gegenüber nicht mehr aus dem Fenster gucken sehen. Die Läden sind geschlossen und die Wand dahinter macht ganz den Eindruck, als ob sie ein paar Streicheinheiten vertragen könnte.

Jetzt stecke ich in einem Delirium: Macht man sich in so einem Fall Sorgen (gelebte Nachbarschaftshilfe braucht sich ja nicht darin zu erschöpfen, Angehörigen von Risikogruppen regelmässig seine Essensreste vor die Türe zu kippen), oder geht man einfach davon aus, dass auch in einer abgedunkelten Wohnung alles in Ordnung sein kann?

Bis am nächsten Freitag rede ich mir nun einfach ein, dass der Herr vor lauter Lockdown-Lockerung eine gottsjämmerliche Migräneattacke erlitt, die nur im Stockfinsteren halbwegs aushaltbar ist. Wenn bis dann kein menschliches Antlitz zu sehen sein sollte, alarmiere ich die Maler.

Noch fast mehr Bedenken habe ich, was die Zukunft von uns allen betrifft, und zwar: Als Webmaster der Minigolf Burgdorf AG erachtete ich es gestern als meine Pflicht, den Freundinnen und Freunden dieses Spielparadieslis auf dessen Facebookseite mitzuteilen, weshalb sie ihrem Hobby frühestens ab dem 8. Juni wieder frönen können.

Um meine Worte mit etwas Zusatzgewicht zu beschweren, stellte ich dazu einen Brief online, den die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion den Betreibern der Anlage geschrieben hatte.

Die Tinte auf dem Bildschirm war noch am Trocknen, als die Nachricht auch schon kommentiert wurde:

Wenn ich noch trinken würde – ich hätte spontan zur Flasche gegriffen. Aber weil ich ein vernünftiger Hannes bin, beliess ich es dabei, meinen Kopf ein paar Mal mit Anlauf auf den Schreibtisch zu hauen.

Burgdorf feierte am Wochenende ein kleines Comeback: der Samstagsmarkt ist wieder da. Gemüse, Käse, Brote und so weiter und so fort sind ab sofort wieder openair zu haben, wenn auch unter etwas erschwerten Bedingungen. Mit Markierungen, Schildern, Seilen und anderen Mitteln wurden die Menschenströme coronakompatibel kanalisiert.

An die meisten dieser Massnahmen habe ich mich gewöhnt, an andere noch nicht ganz. Jedesmal, wenn ich ein rotes Absperrband sehe, wähne ich mich in einem Krimi, nur ohne Leiche und einen Kommissar, der zu seinem Assistenten sagt, „Schlag auf den Hinterkopf mit einem stumpfen Gegenstand. Das waren Profis. Geh mal die Leute fragen, vielleicht hat wer was gesehen“, worauf der Assistent, dessen Freundin die Nacht mit dem Kommissar verbracht hat, was der Assistent aber erst im Laufe der Ermittlungen und natürlich als Letzter erfahren wird, missmutig von dannen zottelt und in einem abgewrackten Mehrfamilienhaus alsbald vor einem Mann in ausgeleierten Feinrippunterhosen und schmuddeligem T-Shirt steht, der lallt, er sei gerade dabei, Buchhaltungsarbeiten für die Firma XY zu erledigen, und der frustrierte Vize-CEO welcher Firma steckt, wie sich in den letzten drei Minuten herausstellt, wohl hinter dem Mord, welcheriwelcher?

Jedenfalls: Ich scheine nicht der einzige zu sein, der mit diesen Bändern chly Mühe hat. Ein Beizer in Downtown Burgdorf empfindet offensichtlich ähnlich, weshalb er die Benutzer (die weibliche Form kann ich mir in diesem Zusammenhang glaub schenken ohne zu riskieren, in einen Tschendershitstorm zu geraten) der Versäuberungszelle seines Restaurants mit anderen Mitteln auf Distanz hält:

Es dürfte nicht lange dauern, bis sich Männer, deren Blasen nicht mehr über die Power einer Feuerwehrspritze verfügen, auf dem Bundesplatz zusammenrotten, um schweigend gegen diese menschenunwürdigen Bedingungen zu protestieren und dabei Kartonschilder mit der Aufschrift „So ein Seich“ hochzuhalten.

Die neue Virklichkeit (25)

Mit Leuten, die einen auf dem Markt in den Wahnsinn treiben, hat der Gründonnerstag nichts zu tun.

Die grössten Fragen stellen sich mir oft in den dümmsten Momenten: Ich war gerade dabei, meine Kauwerkzeuge zu fegen, als es in mir aus dem Nichts heraus darüber zu sinnieren begann, wie eigentlich das Grün in den Donnerstag kam.

Während ich mit dem Bürsteli die Präpo Prähi Pädo Backenzähne schmirgelte, rotierte die Studiermaschine wenige Zentimeter weiter oben aus dem Stand heraus auf Hochtouren, aber nicht für lange.

Gründonnerstag: Dieser Name kann nur daherrühren, dass im österlichen Frühtau die Wälder und Höh’n wieder grünen, fallera, dachte ich, doch mit dieser These lag ich weiter von der Wirklichkeit entfernt als die Nummer 9 von der Nummer 25 in meiner Mundhöhle.

Tatsächlich heisst der Gründonnerstag Gründonnerstag wegen der alten Römer. Sie sprachen vom „Tag der Grünen“, wobei sie mit den „Grünen“ nicht die hipster-bärtchentragenden, xxlkinderwagenschiebenden und lattemacciatoschlürfenden Angehörigen der nachhaltigkeitsversessenen urbanen Mittelschicht meinten, die an den Samstagsmärkten auf jedem verdammten Tomätli herumdrücken und sich mit den Verkäuferinnen und Verkäufern solange darüber unterhalten, wo, wann und vom wem die vor ihnen liegenden Zucchini geerntet wurden, bis die Leute hinter ihnen, die eigentlich nur husch ein Kilo Kartoffeln und ein paar Eier posten wollten, geistig das Sturmgewehr aus dem Kinderzimmer holen, um da vorne endlich Remedur zu schaffen, sondern jene Zeitgenossenden, welche durch die Absolution von den Sünden und Kirchenstrafen befreit worden waren.

Wir Lateiner sprechen in diesem Zusammenhang vom „dies viridium“. Es geht, für die in der Sprache Homers weniger gefestigten Leserinnen und Leser, um Erneuerung und Erfrischung oder, im Sinne des Lukas-Evangeliums 23,31, um „grünes Holz“, und alles Weitere kann, wer mag, hier nachlesen.

Aber item. Wir haben immer noch Corona und damit sicher Gescheiteres zu tun, als unsere Gedanken an eine wohlstandsverwahrloste Gesellschaft im Zentrum Europas zu verplempern, die innerthalb einer verblüffend kurzen Zeitspanne wegen hochnäsig-fahrlässig unterschätzter Ausseneinflüsse (lat. irrtum peanutum) ihres Wohlstands plus eines unschönen Teils ihres Personals oder umgekehrt verlustig ging und wenig später im bodenlosen Schlund der Weltgeschichte versank.

Im selben Loch verrosten auch die zertrümmerten Hoffnungen der Organisations-komitees, die seit spätestens letztem Juni unzählige Stunden darauf ver(sch)wendet hatten, der Bevölkerung über Ostern etwas zu bieten. Ein Blick auf die Website von Schweiz Tourismus lässt erahnen, wieviele Hektolilter von Tränen die Sitzungszimmer und Säli dieses Landes um den 16. März herum geflutet haben müssen:

Die einzigen, die sich über den kahlgeschlagenen Veranstaltungskalender freuen, sind wohl die Bibeli in Freiburg. Sie dürfen diese Tage unbeschwert piepsend und pickend verbringen statt bis zum letzten Chrälleli geschniegelt einem Publikum vorgeführt zu werden, das bei ihrem Anblick sowieso an nichts anders denkt als an marinierte Flügeli und süsssaures Curry.

Glühwein am Laufmeter

Glühwein am Laufmeter

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Es gibt eine Gruppe von Menschen, die nach dem Aufstehen nicht gleich die Kaffeemaschine anwerfen, sondern als Erstes ins Wohnzimmer schlurfen, um dort in den Tisch zu beissen.

Bei den Mitgliedern dieses Vereins handelt es sich vorwiegend um Musikmanager, die gelangweilt abgewunken hatten, als ein paar Jünglinge vor ihnen im Büro standen und sagten, sie seien die Beatles und hätten gerne einen Plattenvertrag.

Präsident des Clubs ist jener Mann, der eines verschneiten Wintermorgens auf die Idee gekommen war, in seinem Wohnort einen Weihnachtsmarkt auf die steifgefrorenen Beine zu stellen, und der dann vor lauter Organisieren vergass, sich diese Veranstaltung patentieren zu lassen.

In Wien, wo mein Schatz und unser Hund und ich gerade ein paar Adventstage verbringen, gibts Weihnachtsmärkte an jeder museums-, konzerthallen- und schlossfreien Ecke.

Typisch für die Weihnachtsmärkte in Wien und überall sonst auf der Welt ist der Glühweinstand gleich beim Eingang. Direkt daneben befindet sich meist ein Glühweinstand. Wer weiterbummelt, entdeckt schon nach wenigen Schritten einen Glühweinstand, von dem aus er oder sie einen Blick auf das Treiben am Glühweinstand weiter vorne werfen kann, der neben dem Glühweinstand aufgebaut wurde, der an den Glühweinstand beim Glühweinstand beim Tannliverkaufsplatz grenzt. Von dort aus sind es dann nur noch wenige Meter bis zum Glühweinstand.

Vom vielen Laufen ermattet und schon bis Mitte Niere tiefgekühlt, mag der eine oder andere Weihnachtsmarktbesucher spätestens an diesem Stand spontan denken, dass ein Glühwein jetzt genau das Richtige für ihn oder sie wäre. Also mobilisiert er all seine verbliebenen Kräfte, um sich zehn Meter nach rechts zu schleppen, wo ein gewiefter Gastronom zwischen einem Glühweinstand und einem Glühweinstand einen Glühweinstand eingerichtet hat, an dem die Erstlehrjahrsstifte unter der Aufsicht des mazedonischen Hilfskochs rund um die Uhr heissen Billigstrotwein ausschenken, den er in seiner Beiz nicht einmal den Hardcore-Alkis vorsetzen dürfte, ohne Lämpen zu riskieren, der aber hier, am Weihnachtsmarkt, mit diesem Zuckerzimtnelkengemisch drin und all den Liechtli drumherum und überhaupt: was ist das nur wieder für eine feierliche Stimmung hier! – bestellt wird, als ob es sich um einen perfekt temperierten Jahrgangsburgunder handeln würde.

Nachtrag 26. Dezember: Auch die Reporterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung findet Weihnachtsmärkte (und Glühwein) nicht so toll.