Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Zu jung für diese Altersgruppe

Ich hatte es nicht bestellt, aber neulich lags trotzdem im Briefkasten: “50plus – Das Magazin für ein genussvolles Leben”.

Während ich es zuoberst auf die Altpapierbeige lege, frage ich mich, womit ich in einer hoffentlich sehr fernen Zukunft noch beglückt werden würde: “60plus – Goldene Zeiten für Silberrücken”. Dann: “70plus – Kein Job, keine Zukunft, aber hey: That’s life!”. Wieder zehn Jahre später: “80plus – Wer das lesen kann, ist noch nicht tot.” Schliesslich: “90plus – Und täglich grüsst der Sensemann”.

So betrachtet, denke ich gedankenverloren, bin ich mit meinen 50plus eigentlich gar nicht so schlecht bedient. Ich nehme das Heftli wieder vom Haufen.

“Sei du selbst”, empfiehlt mir das Magazin auf der Titelseite. Weiter verspricht es Ratschläge für Stellensuchende, Tipps für profimässiges Kochen und – es wurde aber auch langsam Zeit – eine verbindliche Antwort darauf, “warum Essen Spass machen soll”.

Die Frage ist: Braucht das jemand?

“Sei du selbst” gehört längst zum Basisvokabular jedes Küchentischpsychologen, jeder Dschungecamp-Teilnehmerin und jedes Castingshowmasters. Arbeitslosen helfen das RAV und private Institutionen. Kulinarikzeitschriften liegen an Kiosken und in Buchhandlungen kilometerweise auf; dazu kommen zig Kochsendungen und eine endlose Menge von Online-Publikationen.

“Genauso würde vermutlich ein Heftli aussehen, wenn man Kurt Aeschbacher ein Heftli machen liesse”, sinnierte ich: Viel Gspüri, viel Service und viel Genuss.

Und noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende gedacht habe, lächelt mir auf der Seite 3 werelilwer entgegen?

In seinem Editorial behauptet “Aeschbi”, es gebe “nichts Anregenderes, als mit der Familie oder seine Freunden um einen schön gedeckten Tisch zu sitzen, ein feines Essen zu geniessen und dabei über all das, was einen bewegt, zu diskutieren”. Illustriert ist der Text mit einem Bild, das den Autor alleine auf einem Sofa sitzend zeigt, mit einem halbvollen Glas Rotwein in der Hand. Kurz nach dem Hinweis auf einen “aufschlussreichen Bericht über die Bauchspeicheldrüse” und vor den “herzlichen Grüssen” fragt er in die Runde: “Was gibt es Schöneres, als nach einer anstrengenden Wanderung sich noch ein paar Stunden in einer Wellnessoase verwöhnen zu lassen”.

Nun: Mir kommen spontan dreihunderttausend Dinge in den Sinn, die eine (von mir aus auch bubieinfache) Wanderung an Schönheit toppen würden, aber sie auch nur stichwortartig zu notieren, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.

Auf knapp 100 Seiten werden in der Folge all jene (oder ämu viele der) Themen abgehandelt, welche Leute knapp jenseits der Pubertät nach Ansicht der “50plus”-Macher in ihrer offenbar reichlich bemessenen Freizeit umtreiben: Kuratiertes Sammeln, Heimwerken, Gemüseanpflanzen, Testamentverfassen, Pankreatitis, Reisen oder die Suche nach der perfekten Alterssiedlung.

Den Schwerpunkt der mir vorliegenden Ausgabe bildet das Essen: Eine Reportage über die chinesische Küche fehlt ebensowenig wie – dass ich das noch erleben darf! – ein Artikel über georgische Tischsitten. Dazu gibts mehr und weniger originelle Rezepte plus, natürlich, eine schampar lustige Kolumne, die vor allem deswegen auffällt, weil viele Worte “IN GROSSBUCHSTABEN” geschrieben sind (wohl für den Fall, dass Teile der Zielgruppe vergessen haben, die Kontaktlinsen einzusetzen, mit denen sie bis zur Brille sehen können).

Inserate werben hauptsächlich für Medikamente (“Helfen Sie Ihrem Herz wieder auf die Beine”), Banken (“Wir lassen Sie auch im Alter nicht im Stich”) oder Thermen (“Mit Abhol- und Heimfahrservice”).

Was Werbung ist und was redaktionelle Leistung, ist nicht in jedem Fall klar. Es spricht zum Beispiel sicher nichts dagegen, unter dem Motto “Wunderbares für Körper und Seele” allerlei Elixiere, Essenzen und Düfte “für die Party” vorzustellen. Nur: Wenn diese Produkte in salbungsvollen Worten und samt Preisangaben unter der Rubrik “Beautytipps” angepriesen werden, runzelt der journalistische Puritaner jedoch automatisch die botoxfreie Stirne. Diese Doppelseite mit “Publireportage” zu kennzeichnen, wäre ehrlicher gewesen. Oder zumindest transparenter.

Ansonsten gibts an “50plus” zu meinem eigenen Erstaunen wenig zu bemängeln. Die Texte sind fast ausnahmslos flott getippt und vermitteln eine Vielzahl von – auch überraschenden – Informationen. Sie sind in einem Tonfall gehalten, der erkennen lässt, dass die Schreibenden die Lesenden ernstnehmen (wobei: Das darf der Lesende vom Schreibenden für SFr. 7.90 wohl erwarten). Die hochwertigen Fotos dienen nicht als Füllmaterial, sondern als Blickfänge.

Während ich durch das Magazin blättere, fühle ich mich ein wenig wie vor einem Jahr, als ich versehentlich zwei Nächte in einer Seniorenresidenz im Tessin verbrachte: Es ist alles ganz nett und schön und gut (gemeint), aber letztlich…letztlich halt doch nichts für mich.

Sowohl das Heft als auch das Heim signalisier(t)en mir – wenn auch subtil – , es wäre langsam an der Zeit, mich mit dem Älterwerden und dessen Folgen zu beschäftigen. Dafür fehlt mir vorläufig aber die Zeit. Und, vor allem: die Lust.

Sobald ich mich wie 50 fühle, nehme ich das Heftli aber sicher gerne wieder einmal zur Hand. Falls es dann noch existiert.

Fragen über Fragen

Ein seltsames Gefühl: Jahrzehntelang sass ich Menschen gegenüber, stellte ihnen Fragen und verfasste anschliessend einen Beitrag für das Medium, für das ich gerade arbeitete.

Nun sass ich auf einmal auf der anderen Seite. Urs Egli von der BZ-Redaktion Burgdorf/Emmental interviewte mich nach meiner Wahl zum Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes über meine Ansichten und Ziele.

(Das Gespräch ist auch online lesbar.)

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Zufälle gibts (oder auch nicht)

Hin und wieder gerät mein Unglaube an Übersinnliches ernsthaft ins Wanken:

Anfang Woche sass ich daheim am Stubentisch und tippte einen Text, der nichts mit Musik zu tun hatte. Im Hintergrund lief, wie eigentlich immer, Radio Argovia Classic Rock, und aus keinem bestimmten Grund fragte ich mich auf einmal, wieso “die Radios” – wenn überhaupt – eigentlich ständig dieselben zwei, drei Deep Purple-Stücke (“Smoke on the water”, “Perfect Strangers” oder, wenn zu nachtschlafener Stunde noch 10.18 Minuten Sendezeit übrig sind, “Child in time”) spielen; immerhin hat die Band in den letzten 50 Jahren Hunderte von Songs geschrieben, doch auf die Idee, einem breiteren Publikum einmal eine Nummer vorzuführen, die nicht alle Welt kennt – “King of dreams”, zum Beispiel – kommt offenbar niemand.

Keine halbe Stunde später dröhnte Waseliwas aus dem Radio?

Doch das war noch nicht alles an Gspässigem: Ende Woche verschwanden mein Schatz und ich mit dem Hund ins Tessin. Wir fanden unsere Unterkunft nicht auf Anhieb und hielten aus Versehen zuerst beim Hotel Kurhaus in Cademario. Der Mann an der Rezeption wies uns den Weg zu unserer eigentlichen Bleibe. Nachdem wir es uns dort gemütlich gemacht hatten, legte ich mich aufs Bett und begann, das neue “Magazin” der “Süddeutschen” zu lesen.

Und welches Hotel wurde darin vorgestellt?

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Wo Burgdorf drauf steht, ist kein Burgdorf drin

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Ein Preis für Stadtgrün Bern, die WIR-Gruppe Bern, die Veranstaltung einer Firma im seeländischen Täuffelen, die Special Olympics in Chur und ein weiterer nach PR müffelnder Text über das “Autoland Schweiz”: Das sind die Schwerpunkte der aktuellen “Burgdorfer Zeitung”, einem Produkt der in Langenthal domizilierten Berner Woche AG, das mit penetranter Regelmässigkeit ungefragt in alle Briefkästen gestopft wird, die nicht rechtzeitig flüchten können.

Burgdorf kommt im Blatt – ausser im Veranstaltungskalenderchen – kein einziges Mal vor.

Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des “Eidgenössischen” 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei “unschuldig”.

Fehlgeleitet

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Die Süddeutsche Zeitung gilt als “Qualitätsmedium”. Mit Hans Leyendecker beschäftigt sie einen der profiliertesten Enthüllungsjournalisten des Landes. Er und seine Kolleginnen und Kollegen werden für ihre Arbeiten regelmässig ausgezeichnet. Bei einer grossangelegten Umfrage erkoren Medienschaffende die “Süddeutsche” noch vor dem “Spiegel” zum “Leitmedium Nummer Eins”.

Ihre Leserschaft hatte also (un)gute Gründe, zu erschrecken, als die SZ am 12. Juni frei von Zweifeln und ohne auch nur ein Fragezeichen zu setzen verkündete:

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Ein halbes Jahr später schreibt sie nun:

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“Die öffentliche Aufregung”, heisst es in dem Bericht weiter, sei “gross” gewesen, “als im Sommer die Nachricht über Missstände in einer Mainzer Kita publik wurden”. Darüber, wer an vorderster Front daran mitgewirkt hatte, die Nachricht publik zu machen, schweigt sich die “Süddeutsche” aus. Stattdessen deutet sie an, dass an den Anschuldigungen vielleicht, vielleicht doch etwas gewesen sein könnte: “Was sich in der Kita tatsächlich zugetragen hat, bleibt rätselhaft”. Auch die zuständige Oberstaatsanwältin habe “keine Antwort auf die Frage”, wie es zu den “offenbar unbegründeten Vorwürfen” habe kommen können: “Da spielten wohl mehrere Faktoren eine Rolle”.

Ob die Staatsanwälting mit “mehrere Faktoren” auch die “Süddeutsche” meint, schreibt die “Süddeutsche” nicht.

Nachtrag: Die “Zeit” betrachtet den Fall genauer. Und kommt zu überraschenden Erkenntnissen.

Das Neuste aus dem Alten Markt

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Zeitungssterben?

Nicht in unserem Quartier. Wir erhalten seit bald einem Monat jede Woche frisch ab Kopierer eine nigelnagelneue Ausgabe der “Alter Markt Zeitung”.

Unser Nachbar Livio Gneist hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bewohnerinnen und Bewohner unseres kleinen Paradieslis regelmässig in Text und Bild darüber aufzudatieren, was hinter den Hausmauern und Hecken am Schlossfuss so läuft.

Dank des Schülers und seines publizistischen Engagements konnten mein Schatz und ich unseren Beobachtungsposten am Küchenfenster, den wir jahrelang im Schichtbetrieb besetzt gehalten hatten, endlich räumen. Wenn jemand wegzieht, erfahren wir das nun ebenso umgehend, wie wenn auf der Weide nebenan neue Schafe grasen, sich in einer Wohnung auf einmal Insekten tummeln, die wie Urtiere aussehen, oder wenn auf der anderen Strassenseite ein Parkplatz frisch gegrient wird.

Auch unsere vierbeinige Mitbewohnerin war schon ein Thema: “Täglich mehrmals sieht man Hannes mit Tess, seiner Hündin, gassigehen. Tess ist ein Labrador mit grau-braunem Fell. Sie ist ca. 2 Monate alt und noch sehr verspielt. Sie wird von Hannes oft ‘Meite’ genannt”, hat der junge Reporter beobachtet.

Dazu gibts saisonkompatible Kochtipps (Marronen-Cake, Kürbis- oder Gerstensuppe) und selbstgezeichnete Comics. Ein Inserat wurde bereits geschaltet, und dass schon in der zweiten Ausgabe ein Korrigendum gedruckt werden musste (“XY zieht nicht in den Kanton Zug, sondern hier in die Region”), störte nicht im Geringsten, sondern rundete den überraschend professionellen Eindruck, den die maschinengetippte Zeitung im A5-Format macht, eher noch ab.

Im Wissen darum, dass die News auch im Alten Markt nicht auf den reichlich vorhandenen Bäumen wachsen, ermuntert der Verleger die Leserschaft seiner kostenlosen Nachrichten zur Mitarbeit: Es sei zwar “keine Pflicht”, aber wenn er “ab und zu einige Informationen erhalten würde”, wäre er “froh”, teilt er mit. Auch Werbung, fügt er an, trage dazu bei, dass “die Zeitung ein bisschen voller” wird.

Ein Impressum gibts ebenfalls. Diesem ist zu entnehmen, dass “alle Angaben ohne Gewähr” seien und dass “Rechtschreibefehler nicht korrigiert werden” könnten.

Solche Hinweise würden auch manch grösserer Zeitung nicht schlecht anstehen.

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