Abgestellt statt ausgestellt

“Die Geschichte der Dorf-Apotheke Beinwil am See und der Reinacher Löwen- und Central-Apotheke”: Unter diesem Titel wurde in Beinwil am See gestern Abend eine Ausstellung eröffnet.

Ich reiste mit einigen Erwartungen an die Vernissage. Die Böjuer Dorf-Apotheke wurde von meinem Grossvater gegründet. Mein Vater führte sie anschliessend jahrzehntelang weiter, bis er sie im Pensionsalter verkaufte. Als TopPharm Homberg-Apotheke befindet sich nach wie vor im Parterre jenes Hauses an der Aarauerstrasse, in dem meine Geschwister und ich aufgewachsen sind.

Der Laden war uns Kindern so vertraut wie unsere zwei Stockwerke darüberliegende Wohnung. Wir gingen in dem Geschäft ein und aus. Hinten links befand sich das rauchgeschwängerte Büro des offiziell immer mal wieder nichtrauchenden Chefs und gleich daneben das Labor, in dem er an einem freien Tag einmal extra für mich irgendwelche Stoffe zusammenmischte, bis sie bunte Kristalle bildeten (ich glaube, er war auf diesen Trick damals genauso stolz wie ich auf ihn).

Die “Helferinnen”, wie die heutigen Pharma-Assistentinnen seinerzeit hiessen, waren in unseren Kinderaugen engelsgleiche Wesen. Sie gehörten für uns zur Familie: Sie hüteten uns mit langen Leinen, wenn die Eltern wegwaren, und assen bei Skiweltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mit uns vor dem Fernseher zu Mittag.

Über das Geschäft selber wusste ich jedoch nur wenig (aber gut: Ich hatte meinen Vater auch nie danach gefragt). Als mir der Lokalhistoriker Fritz Springer die Einladung zu seiner Ausstellung schickte, freute ich mich deshalb sehr: Nun würde ich doch noch erfahren, wie das war, als Ruedi Hofstetter und seine weissgekittelten Frauen das halbe Seetal mit Pülverchen und Tabletten versorgten. Was die Leute damals für Bresten hatten. Wie es kam, dass immer ausreichend Medikamente an Lager waren, obwohl zu jener Zeit weit und breit kein Internet in Sicht war. Wie sich die Apotheke nach dem Verkauf entwickelte. Und so weiter, und so fort.

Aber oha: Nach der Vernissage sind für mich mehr Fragen offen als beantwortet. Statt, wie versprochen, “die Geschichte der Dorf-Apotheke Beinwil am See und der Reinacher Löwen- und Central-Apotheke” zu erhellen, erging sich der Ausstellungsmacher in seiner Ansprache in ausufernden Betrachtungen zum Thema “Kaiserschnitt”, ohne auch nur einmal anzudeuten, was genau ein Kaiserschnitt mit einer Apotheke zu tun haben könnte.

Die Ausstellung selber befindet sich in einem Zimmer eines Buch- und Kunstantiquariats. Inmitten all der ohnehin schon präsenten Folianten und Bilder aus alter Zeit ist sie erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar. Auf einem Tisch liegen allerlei Utensilien, die ebensogut aus einer Haus- oder Zahnarztpraxis stammen könnten. Darumherum sind ohne Zusammenhang oder zeitlich-örtliche Einordnung Bücher und Dokumente drapiert.

Worum es sich bei den Geräten handelt, wird nicht erklärt. Was sich in den Fläschchen befindet und wofür oder -gegen die Mittel gut waren: Egal. Inwiefern die Ausstellungsstücke einen Bezug zu den drei Apotheken haben, bleibt ein Rätsel.

Der Raum erzählt weder, wie angekündigt, “die Geschichte”, noch Geschichten. Er wirkt wie eine vergessene Ecke in einem Flohmarkt. Was fehlt, ist ein aus Karton geschnittener Wegweiser mit der Aufschrift “Medizinischer Krimskrams”.

Und vieles, vieles andere auch.

Gaumenfreuden in der Horizontalen

Sooli: Nach insgesamt drei Stunden Schlaf in drei Nächten kann ich die Pfingsthavarie an der Kauleiste heute beheben lassen.

Der erste Eindruck:

Nicht unschön, dieses Wartezimmer. Jedenfalls tötelet es hier nicht wie in anderen Vorhöfen zu dentalen Höllen. Rechts im Raum steht ein Fernseher (nicht im Bild), auf dem sinnigerweise “Mitten im Leben” läuft.

Aber gut: Ich bin ja nicht hier, um mir Arte-Dokumentationen über das Schicksal zeitgenössischer Maler in der nepalesischen Wüste anzuschauen.

Dann gehts ab ins Behandlungszimmer. Auch hier: Nichts zu meckern. Hell, funktional, blitzblank sauber.

Wenn ich meinen Kopf nach rechts drehe, sehe ich auf einem Bildschirm

einen Teil meines Gebisses.

Die Aussicht links hat ebenfalls fast Postkartenqualität:

Dann:

Warten.

Schliesslich erscheint eine sehr, sehr kompetent wirkende Ärztin. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie ihre Freizeit in Sadomaso-Studios verbringt; vermutlich ist sie mehr kreativ tätig, oder sportlich, oder beides.

Sie guckt sich das Bild von meinem Gebiss an, nimmt einen Augenschein in der Mundhöhle und sagt dann, das sei wohl keine grosse Sache.

Ich: “Ich muss ihnen noch etwas sagen. Einen grösseren Schisshasen als mich haben sie hier noch nie gesehen.”

Sie: Lacht.

Ich: “Ich meins ernst.”

Sie: “Sie müssen ü-ber-haupt keine Angst haben; hier tun wir niemandem weh. Alles, was Sie spüren, ist ein kleiner Pieks von der Spritze.”

Ich: “Spritzen können sie mir machen, soviel sie wollen. Von mir aus können sie mir ihre gesamten Betäubungsmittel-Restbestände ins Zahnfleisch drücken. Ehrlich gesagt, fände ich das sogar eine sehr gute Idee.”

Sie: “Sie müssen wirklich keine Angst haben. Und falls Sie doch etwas spüren sollten, sagen Sies einfach.”

Ich lege mich auf dem Schragen zurück. Glaube der Ärztin zu meinem grossen Erstaunen jedes Wort. Trotzdem: Morituri salutant den Rest der Welt. Knapp 47 Jahre meines Lebens rauschen wies Bisiwätter vor meinem inneren Auge vorbei. Schön wars; vor allem vom Anfang bis zur Mitte und von dort bis zum Schluss.

Sie flickt.

Ich merke, dass ich tatsächlich nichts spüre.

Sie (als ich beinahe eingeschlafen bin): “Ich sehe gerade…da ist noch etwas…. Da müssen wir…eine Wurzelbhandlung machen.”

Ich: “Ok. Machen wir das.”

Sie: “Auch das wird nicht wehtun.”

Ich: “Ich weiss.”

Sie sucht im Compi nach freien Terminen und wird am 11. und 19. Juni fündig.

Ich blicke diesen Behandlungen sehr gelassen entgegen.

Zahnarzt? So? Kein Problem.

Aber oha. Aber ohastens!

18.04 Uhr: Seit die Narkose abgeklungen ist, ist der Schmerz wieder da, in alter Frische. Was lief hier falsch? Muss um 7 Uhr nochmal vorbeigehen. Das kanns ja nicht sein.

1.16 Uhr: Hoffentlich reicht der Schmerztabletten-Vorrat bis zum Sonnenaufgang.

6.55 Uhr: Hurra: Ich stehe als Erster vor der Praxistüre.

7.15 Uhr: Meine Zahnärztin ist heute nicht da. Einer ihrer Kollegen sagt: “Ich schneide den Zahn jetzt auf, putze die Kanäle nochmal durch und…”

7.46 Uhr: Barzahlung ist sehr erwünscht. Macht 203 Franken. Macht jetzt total schon knapp 800 Franken. Und wir sind ja noch nicht fertig. Mir schwant: Noch lange nicht.

9 Uhr: Die Anästhesie klingt ab. Nächste Tablette. Ab ins Bett.

12.11 Uhr: Ein Hüngerchen. Aber was essen? Und wie?

12.48 Uhr: Probieren wirs mal so:

Ich hätte noch eines mit Zitronengeschmack kaufen sollen, dann wärs farblich perfekt gewesen: Jamaica, Mann! In meinem Kühlschrank!!

A propos: Vor 30 Jahren ist Bob Marley gestorben.

Das relativiert einiges.

Ändert aber nichts daran, dass ich immer noch Zahnschmerzen habe.

15.27 Uhr: Zwei Voltaren.

17.02 Uhr: Ein halbes Mefenacid.

17.21: Noch ein halbes Mefenacid.

17.33: Was machen andere Leute gegen das Zahnweh? Aha.

18.45 Uhr: In der Heimstätte Bärau bei Langnau beginnt die Vernissage für den dritten Band der “Mordsgeschichten aus dem Emmental”. Gleichzeitig wird im Beisein von “Tatort”-Kommissar Stefan Gubser der erste “Mords- und Spukgeschichtenweg” der Welt eingeweiht. Wäre gerne dabeigewesen, habe aber, wie schon am Mittwoch für die “Henkersmahlzeit” im Gaskessel, abgesagt. Dieser Zahn ruiniert mir noch meine ganze Schriftstellerkarriere. Schön ist: Die “Mordsgeschichten” verkaufen sich fast von selbst: 1200 Exemplare seinen bereits ausgeliefert worden, teilt Verlegerin Verena Zürcher auf Facebook mit.

6.30 Uhr: Still the same. An dieser Stelle: Ein Gruss an Bob Seger! We would give you a very warm welcome in Switzerland!

9.15 Uhr: Nachschub holen

Das dürfte genügen fürs Wochenende.

(Schluss der Direktübertragung. Es gibt ziemlich sicher noch gescheitere Themen.)

5. Juni; Nachtrag zum Nachtrag: Der Zahn ist gezogen.

An Pfingften pfum Pfahni

Das Knöchelchen war kaum zu sehen. Ich spürte es nur, als ich darauf biss. Das war gestern Nachmittag.

Etliche Schweissausbrüche und hochpotente Schmerztabletten später steht fest: Ich muss heute zum Zahnarzt.

Heute. An Pfingsten. Am zweiten richtigen Sommertag dieses Jahres; mit Sonne, 30 Grad im Schatten und mit dem vom Schatz fertig montierten

Kugelgrill im Gärtli

vor Augen.

Wobei: Der Tag ist damit nicht nur für mich im Eimer, sondern auch – aber das kann er noch nicht wissen – für den Sonntagsdiensthabenden im Zahnarztzentrum Bern. Denn Leute wie mich auf dem Stuhl vor sich liegen zu haben: Das muss für jemanden, der mit im Weltraum entwickeltem Hightech-Werkzeug auf kleinstem Raum Präzisionsarbeit verrichten sollte, ein Albtraum sein.

Eigentlich hat er nur eine Chance, wenn er mich unmittelbar nach der Anmeldung vollnarkotisiert. Andernfalls wird er es kaum schaffen, dem zuckenden, zappelnden, sich windenden, mit den Füssen ausschlagenden und die Hände um alles Greifbare krampfenden Patienten auch nur eine erste (von hoffentlich mindestens einem halben Dutzend) Spritzen zu verpassen, um mit der eigentlichen Arbeit beginnen zu können.

Und dabei sind die Spritzen das einzige, was mir beim Zahnarzt nichts, aber auch wirklich nicht das Geringste ausmacht.

Woher diese Angst – wir Hypersensibelchen sprechen zwar lieber nicht von Angst, sondern von einer Dentophobie – rührt?

Nun: Als Kind musste ich jeweils zu einem Zahnarzt, der als Notfallchirurg in der Schlacht von Stalingrad eine mindestens ebenso gute Falle gemacht hätte wie in seiner Praxis im oberen Wynental. Kaum hatte er begonnen, einem mit seinen Haken und Bohrern und all den anderen Folterinstrumenten im Mund herumzufuhrwerken, knurrte er auch schon, “tu nicht so blöd!” Diesen Satz wiederholte er im Zwanzigsekundentakt, während er einen – wie mir schien: Nicht ohne Freude – weiter traktierte, bis man, nach einer Ewigkeit, spülen und aufstehen und die Stätte des Grauens unkontrolliert taumelnd und halb blind vor Tränen verlassen konnte.

Über Tote nichts Böses, ich weiss. Aber falls dieser Zahni nach seinem Ableben an einen Ort gekommen sein sollte, wo ihm Berufsanfänger rund um die Uhr eine Wurzelbehandlung nach der anderen verpassen, obwohl die Betäubungsmittel leider, leider längst ausgegangen sind, rufe ich ihm aus den Diesseits fröhlich zu: “Tu nicht so blöd!”

Einige Zahnärzte, die sich später um mich kümmern mussten, gaben sich ein bisschen mehr Mühe; jedenfalls zeigten sie mir nicht allzu offensichtlich, wieviel Spass ihnen das Quälen von Wehrlosen bereitet. Meinen Dentisten in Freiburg hätte ich sogar um ein Haar auf den Zähnen von Alice Schwarzer für den Versöhnungs-Nobelpreis nominiert. Er erklärte mir zuerst an grossen Bildern, wo was kaputt ist, erläuterte mir anschliessend wie einem Sechsjährigen, was er gleich zu tun gedenke, zeigte mir all seine Instrumente, setzte mir soviele Spritzen, wie ich wollte, und überliess mir seinen Walkman, damit ich abgelenkt war, während er flickte.

Daran, dass aus dem Nobelpreis nichts wurde, ist er selber schuld: Wäre die Rechnung am Ende nur um ein My weniger üppig ausgefallen, wie sie ausfiel, hätte er reale Aussichten auf einen Platz in der Hitparade meiner 1000 nettesten Mitmenschen gehabt. Aber so? Keine Chance.

Und das war noch nicht alles: In Luzern war ich einmal bei einem Zahni, der in seinem stockfinsteren Treppenhaus (oder in seinem mit schweren Vorhängen verdunkelten Behandlungszimmer; ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern) einen Totenkopf stehen hatte. Im ganzen Haus roch es nach Moder und Schlamm und Verwesung und Tod. Als ich…

…jetzt muss ich weg. Das Pochen und Stechen wird wieder stärker.

In Bern schleift ein Mann, den ich noch nie gesehen habe, bereits seinen Bohrer.

Ich bin mir ganz sicher: Er grinst dabei vor sich hin.

Aber nicht mehr lange.