Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Klimawandel nach Noten

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Als es Ende November zum ersten Mal in diesem Jahr schneite, wusste ich: dagegen muss ich etwas unternehmen. Also begann ich, auf meiner Facebook-Seite jeden Tag ein Lied mit “Sommer” oder “Meer” oder etwas Artverwandtem im Titel zu posten.

Bisher kämpfte ich mit folgenden Songs gegen den Winter:

Me Meer” von den Halunke
Looking for the summer” von Chris Rea
Our last summer” von Abba
Summertime” von Miles Davis
Boys of summer” von Don Henley
Summer day” von Sheryl Crow
Summer Romance” von den Rolling Stones
Summer nights” aus dem Musical “Grease”
Summer in the city” von Joe Cocker
Summer soft” von Stevie Wonder
Der Sommer” (aus den “Vier Jahreszeiten”) von Antonio Vivaldi
Someone somewhere in summertime” von den Simple Minds
The green fields of summer” von Peter Wolf
Summer” von Stiller Has
Summer of ’69” von Bryan Adams
L’été Indien” von Joe Dassin
Summer rain” von der Climax Blues Band
Ein Sommernachtstraum” von Felix Mendelsson-Bartholdy
Summer wine” von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood
Summer skin” von Death Cab for Cutie
All summer long” von Kid Rock
Summer nights” von Van Halen
Summer sunshine” von The Corrs
Un’ estate italiana” von Gianna Nannini und Edoardo Bennato
Summer night” vom Keith Jarrett Trio
Summer night city” von Abba
Summer madness” von Kool & The Gang
Summer son” von Texas
In the summertime” von Mungo Jerry
The first day of summer” von Tony Carey
That sunday, that summer” von Nat King Cole
A warm summer night” von Chic
All summer long” von den Beach Boys

Und siehe/höre da: es funktioniert! Seit dem Tag, an dem ich zum klimatischen Gegenschlag ausgeholt hatte, haben wir durchgehend überlebbares Wetter.

Paradies in der Pampa

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43°3’24’’ N, 10°52’4’’O: So lauten die Koordinaten des Fleckchens Erde, auf dem mein Schatz und ich unsere Sommerferien verbringen. Mehr verrate ich nicht, denn das letzte, was wir jetzt brauchen könnten, wäre eine Horde Touristen, die mit Ghettoblastern auf den Schultern und Kartons voller Billigstwein unter den Armen hier einfallen, um zu finden, was sie „Erholung“ nennen.

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Im Moment, in dem ich das schreibe, höre ich hinter mir das leise Schnauben von drei Eseln, über mir das lebhafte Zwitschern von jungen Schwalben, die gerade ihre ersten Flugstunden absolvieren, und aus dem dichten Wald das Zirpen von Milliarden von Zikaden. Aus dem Schuppen duftet es nach Heu. Auf einer Fensterbank schläft eine Katze. Cora und Oscar, die zwei Hunde, sind noch im Haus am Schlafen oder anderweitig beschäftigt. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Das Thermometer zeigt 38 Grad. Es ist so heiss, dass der Schweiss schwitzt.

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Eigentlich hatte ich vorgehabt, in der Toscana – wie schon in Australien und auf Gran Canaria – eine Art Tagebuch zu führen. Aber einerseits passiert hier, mitten in der Pampa, glücklicherweise so wenig, dass es sich kaum lohnt, den Laptop aufzuklappen, um es zu rapportieren, und andrerseits ist es mir in diesen Tagen gar nicht soooo ums Schreiben zumute: Die reglos in der glühenden Sonne stehenden Eseli zwischen den langen Ohren zu kraulen, chli mit dem Mops zu schmusen, tatenlos am Strand zu liegen, herzige Ortschäftli zu erkunden und ab und zu einen Teller Meeresfrüchte oder Teigwaren oder einen Becher selbstgemachter Gelati zu verputzen, ist zu meiner Verblüffung ebenso entspannend, wie Buchstaben aneinanderzureihen; oder ämu fast.

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Ferien in der Toscana, bei Teresa und Fritz: das ist die totale Abwesenheit von Hektik und Müssen. Es gibt keine Termine, die dringend wahrgenommen werden sollten, es gibt keine Internetverbindung und damit auch weder einen Grund noch die Möglichkeit, immer mal wieder ins Mailfach zu schauen, es gibt keinen Anlass dafür, sich ständig zu überlegen, wo und womit man sich die viele freie Zeit mehr oder sinnvoll vertreiben könnte, weil es nichts Schöneres gibt, als diese Zeit beim far niente zu geniessen, und es gibt keine Ebenfallsferienhabenden, die einem schon beim Zmorgebuffet die Ellenbogen ins Gesicht rammen und ihren Poolstuhl noch vor Sonnenaufgang mit einem Tüechli besetzen.

Das alles so zu beschreiben, das es auch für Leute nachvollziehbar ist, die gerade über Exceltabellen brüten oder in furchtbar wichtigen Sitzungen mit dem Sandmännchen ringen, ist völlig unmöglich, wenn man das Gehirn auf Standby geschaltet hat und, wenn schon, nur auf jene seiner zig Funktionen zurückgreifen mag, die zum Einfachnursein nötig sind

Deshalb gibts statt vieler Worte diesmal nur ein paar Bilder, die hoffentlich einen Eindruck dessen vermitteln, wo und wie wir in diesen Tagen leben. Und wieso wir den Gedanken daran, in absehbarer Zeit wieder nachhause zurückkehren zu müssen, verdrängen, sobald er sich in den eigentlich stillgelegten Regionen unserer Hinterköpfe zu regen beginnt.

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Adiós, Gran Canaria – und vor allem: Tschou Burgdorf!

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Kein Leben auf dem Wasser…

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…tote Hose am Strand…

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…gähnende Leere in den Beizen…

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…und ein Höllenkrach beim Zmorgekaffee:

Es ist Zeit, das Rucksäckli zu packen und zu verschwinden.

Beim Gedanken daran, nach Hause zu fliegen und bald wieder in Burgdorf, im alten Markt, dem tollsten Quartier der Welt, zu sein, bei meinem Schatz und all den anderen Menschen, die ich in den letzten Tagen zwischendurch schones Birebitzeli vermisst habe, wird mir trotz der 16 arktischen Grad auf dem gleich verregneten Gran Canaria so richtig wohlig warm ums Herz.

Türme im und am Wasser

Zwei Tage lang fuhren wir jetzt auf der Great Ocean Road nach Melbourne. Wir kamen aus dem Staunen kaum mehr heraus: Alle paar Kilometer ragen

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bizarre Felsformationen,

“Die 12 Apostel”, aus dem Wasser. Zwischen dem Ozean und dem Horizont auf der anderen Seite der Strasse erstreckt sich endlos Gras- und Buschland.

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Weil es in Südaustralien gerade nicht allzuwarm ist – die Temperaturen liegen tagsüber bei rund 15 Grad – machten wir nicht an jedem der vielen, vielen Aussichtspunkte Halt.

Einen Extrastopp legten wir am östlichsten Punkt des Bundesstaates Victoria ein, um den

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Leuchturm auf Cape Otway

zu besichtigen.

Als wir zurück zum Auto gingen, entdeckten wir auf eine Wiese ein Wallaby. Geistesgegenwrtig zuckte Chantal ihre Kamera:

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Fahrt ins Blaue

Reef

Man weiss: Unter einem liegt eines der sieben Weltwunder. Auf rund 350 000 Quadratkilometern leben Millionen von Korallen, Fischen und anderen Weichtieren.

Man hat gehört und gelesen und in Filmen gesehen: Nirgendwo sonst auf der Erde gibt es eine derart überwältigende Vielfalt von Tieren und Pflanzen in allen Farben und Formen.

Man ahnt, als man mit dem Schiff auf die türkis schimmernde Fläche zusteuert, unter der das Reef liegt: Es wäre keine schlechte Idee gewesen, einmal in den letzten 47 Jahren einen Tauchkurs zu besuchen. Natürlich: Man könnte chli an der Oberfläche schnorcheln. Aber im Angus Steak House bestelle ich ja auch nicht den Tofu-Teller.

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Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die Honeymoon-Suite: Unser Plätzchen am Strand. (Bild: Schatz)

1. Dezember: Australien erlebt den ersten richtigen Sommertag des Jahres 2012. Das Thermometer zeigt 36 Grad. Dazu weht ein sanftes Lüftchen. Die 21 Millionen Kontinentbewohnerinnen und -bewohner sind sich einig: “It’s a glorious day!”.

Stunden, nachdem unsere Füsse den Sand am Strand von Narrabeen nördlich von Sydney berührt haben, zücke ich mit wassermelonensaftverklebten Händen das iPhone, um

einen Kurzfilm

zu drehen und mich über das Wetter in der Schweiz aufzudatieren. Im Wissen darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, schliesse ich wenig später die Augen, um weiter dem endlosen Rauschen der Wellen zu lauschen.

Das lange Warten auf die Welle

Den 11. März 2011 wird Yolanda Bögli nie vergessen: An jenem Freitag raste ein Tsunami-Ausläufer von Japan her auf Ecuador zu, wo die Luzernerin ein Hotel betreibt. Die Bewohner der Küstenregion – darunter auch Yoli und ihre Gäste – wurden ins Hochland evakuiert. Auf meinen Wunsch schildert Yolanda hier, wie sie, ihre Freunde und Wildfremde die Stunden bis zum Eintreffen de Welle erlebt haben, wie in der Notunterkunft Pfadilager-Stimmung aufkam und womit die vorübergehend Vertriebenen für ihr Ausharren entschädigt wurden.

“Ecuador, Atacames, Provinz Esmeraldas, 11. März 2011, 5:45 Uhr: Der erste von unzähligen Anrufen meiner Freunde aus ganz Ecuador: „Schalte den Fernseher ein, eine Tsunami-Warnung“. Die schrecklichen Bilder aus Japan lähmen uns. Dann bringen Satellitenbilder Klarheit: Ausläufer des Meerbebens rasen gegen die südamerikanische Pazifikküste – und damit direkt auf uns zu.

Sofort weckte ich alle Gäste, die mich nach einer kurzen Nacht verwirrt und ängstlich und ungläubig anschauen. In ihren Pyjamas versammeln sie sich mit uns vor dem Fernseher. Ich telefoniere einigen Spätschläfern und Partygängern, um sie auf den Ausnahmezustand aufmerksam zu machen. Frühmorgens ordnet der ecuadorianische Präsident Rafael Correa die Evakuierung an: ab 14 Uhr müssen sich die Bewohner des Küstengebietes auf mindestens 30 Meter Höhe begeben, die Errichtung von Notlagern sei ab sofort im Gange. Zwischen 17 und 19 Uhr werde “die Welle” in Ecuador erwartet.

Wir haben also jede Menge Zeit, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Hostal „Chill Inn Atacames“, Calle Ostiones: Unsere Gäste schicke ich sofort zum Busterminal, um Billette zu kaufen, die eine knappe Stunde später bereits Mangeware sein werden. Als alle ausgecheckt haben und sich auf dem Weg in die sichere Sierra auf dem Hügel machen, geht es für uns im Hotel ans Vorbereiten. Meine Nachbarn, die etwas mehr Erfahrung haben mit solchen Situationen, geben wertvolle Tipps, was man alles in das Evakuierungslager mitnehmen soll. Einige Surferfreunde wollen sich nicht evakuieren zu lassen, sondern in Meeresnähe bleiben. Es gibt eben auch hier eine Menge verrückter Menschen.

Es bleiben noch drei Leute, um die ich mich sorge: Meine Mutter, die wir bereits frühmorgens in die Dialyse schickten und gegen Mittag zurück erwarten; Andrea, eine Freundin aus Deutschland, die als Volontärin für ein paar Wochen in meinem Hostal mitarbeitet. Und Miriam, eine andere Freundin, die meine Mutter auf ihrer Reise nach Ecuador begleitet, und die sich im Moment in Galápagos aufhält.

Vor ihrer Abfahrt halfen uns einige Gäste Stühle, Tische und schwerere Gegenstände in höher gelegene Stockwerke zu hieven. Zusammen mit Andrea schaffen wir sämtliche elektronischen Geräte, alle Lebensmittel, die nicht gekühlt werden müssen, Werkzeugkasten, Notapotheke, Spiele, Gitarre, Filme, ein wenig Geschirr, Besteck, Gläser, Reinigungsmittel und die wertvolleren Sachen in mein Zimmer im dritten Stock. In unserer Strasse hat nur ein einziger Laden geöffnet. In diesem decken wir uns mit Wasser und Zigaretten ein.

Um 11 Uhr wissen wir noch immer nicht, wie die Evakuierung vonstatten gehen soll.

Mehr als nur sieben Sachen

Ich führe Gespräche mit Nachbarn und rufe bei Freunden an. Eine französische Freundin aus Quito, die hier ihren Freund besucht, hat grosse Angst und ist unterwegs in eines der Notlager im benachbarten Tonsupa. Also entschliessen auch wir uns, dahin zu gehen, sobald meine Mutter da ist. Sie hat das ganze Drama die ganze Zeit am TV mitverfolgt, aber kaum ein Wort verstanden, was für sie nicht gerade angenehm war.

Nachdem alles verstaut ist, beginnen wir mit dem Einpacken unserer sieben Sachen. Da bei solchen Aktionen oftmals Diebstähle in verlassenen Häusern beklagt werden, nehmen wir alles Geld, Pässe, wichtige Dokumente, Laptops, Telefone und Kameras mit. Des Weiteren packen wir Wasser, Sandwiches, Decken, Lein- und andere Tücher, Zahnbürsten, Duschmittel und wärmere Kleider ein.

Die Vorbereitung für die Evakuierung verläuft in meiner Strasse und unter den meisten meiner Freunde sehr ruhig und ernst. Viele Leute wollen gar nicht evakuiert werden. Sie haben solche Aktionen schon mehrmals erlebt, ohne, dass je ein Ernstfall eingetreten wäre. Für sie ist das Ganze wieder nur viel Lärm um nichts. Es gibt auch ein paar ältere Menschen, die ihr Haus nicht verlassen wollen.

Zu diesem Zeitpunkt sind alle Augen auf Hawaii gerichtet. Was genau auf dieser Insel passiert, wissen wir wegen all den widersprüchlichen Meldungen nicht. Fest steht: Die Riesenwelle ist weiterhin mit viel Kraft unterwegs.

Ab in die Höhe

Um 13.30 Uhr steigen Andrea und ich in das Taxi, das meine Mutter zurückgebracht hat. Wir fragen auf dem Gemeindeplatz nach, wo das Evakuierungslager liege. Der Taxifahrer verabschiedet sich am Zielort mit einem „mucha suerte y que Dios les bediga“ („viel Glück und dass Gott Euch segnet“).

Gaelle, die Fraenzösin, wartet auf der Hochebene schon sehnsüchtig auf uns. Endlich kennt sie jemanden. Wir vier richten uns unter einem 2,5 mal 2,5 Meter kleinen Stück Erde unter einem grossen Plastikdach ein, inmitten von Einheimischen. Der Boden ist trocken und von Traktorspuren ausgefahren. Irgendwo finden wir einen grossen Karton, den wir unter unsere Decken schieben. Nun können wir bequemer sitzen. Tücher und Rucksäcke dienen als Matratzen und Kissen.

Das lange Warten beginnt. Meine 70jährige, gesundheitlich angeschlagene Mutter und wir stellen uns frohgemut auf den Nachmittagsaufenthalt im Lager ein und machten eine erste Erkundungstour. Auf dem Hauptplatz des Lagers steht das Rotkreuz-zelt, wo Helfer die Lage am Computer überblicken. Von hier aus werden über einen Lautsprecher die Ansprachen von Präsident Correas und allgemeine Infos übertragen.

Die Tsunami-Welle wurde in Galápagos um 17 Uhr erwartet. Miriam teilt uns im Verlauf des Tages per SMS mit, sie und ihre Leute würden mit ihrer Yacht aufs offene Meer hinausfahren, wo das Wasser mindestens 100 Meter tief sei und wo die immer schwächer und langsamer werdende Welle kaum spürbar sein dürfte.Mit ungefähr 40 Minuten Verspätung wird der Hafen von San Cristobal von einer etwas heftigeren Welle erreicht, die einigen Schaden anrichtet. Die übrigen Inseln von Galápagos bleiben verschont, Auch die Kreuzfahrt- und anderen Yachten sind unbeschädigt.

Eine Sorge weniger.

Nur die Instrumente fehlen

Ein wunderschöner Sonnenuntergang und die amtemberaubende Aussicht aufs Meer belohnen uns für das lange Warten, das wir mit Kartenspielen, Nickerchen, Interviews geben und dem Auswerten von Informationen überbrücken. Als es dunkel wird, passiert noch immer nichts an unserer Küste. 19 Uhr ist längst vorbei, als aus Esmeraldas und einigen andern Stationen an der Küste unserer Provinz Meldungen über das eigenartige Rein und Raus des Meeres und etwas höhere Wellen hereinkommen. Alles in allem klingt das nicht sehr Besorgnis erregend.

Einige unserer 300 „Nachbarn“ bereiten auf ihren mobilen Gasküchen ein Nachtessen zu. Von den Feuern aus strömen leckere Düfte durchs Lager. Wir machten den ganzen Nachmittag über Sprüche über unser notdürftiges Pfadilager. Jetzt kommt richtige Lagerstimmung auf. Es fehlen nur noch ein paar Instrumente, und das Fest könnte beginnen.

Wann genau die Welle in Atacames eintrifft, können wir in unserem hochgelegenen Camp nicht ausmachen. Die ersten Leute packen ihre Sachen. An eine Rückkehr ist vorerst allerdings nicht zu denken. Der Staatspräsident will die Evakuierung aus Sicherheitsgründen bis 22 Uhr aufrechterhalten. Wir legen uns für ein Nickerchen hin. Um 22 Uhr heisst es aus der Rotkreuz-Station, der Präsident verlängere die Evakuation um eine weitere Stunde.

Meine Leute werden langsam ungeduldig. Mutter legt sich wieder hin, als die ersten Gerüchte aufkommen, dass wir die ganze Nacht im Lager bleiben sollten. „So nicht, lieber Präsident“, denken wir. „Sie können uns doch nicht ohne Verpflegung und ohne sanitäre Einrichtungen die ganze Nacht lang auf diesem harten, unebenen Boden darben lassen.”

Um 23 Uhr beschliesse ich, dass Mutter die Nacht nicht so verbringen müsse. Wir suchen nach einer Lösung. Dann wird uns endlich mitgeteilt, dass die Evakuierung beendet sei.

Da wir nicht mitten in der Nacht von einem der offiziellen Rückführungsbusse im Dorf ausgeladen werden wollen, organisieren wir ein Taxi, das uns um 1 Uhr morgens zuhause ablädt. Das Hotel ist unbeschädigt; es ist nirgendwo Wasser eingedrungen. Niemand hat etwas gestohlen. Es gibt überhaupt nichts zu bemängeln oder zu beklagen.

Aber: Wir sind um eine interessante Erfahrung reicher.

Der Tsunami-Notfallplan, der letztes Jahr nach dem Chile-Wasserbeben erarbeitet wurde, ist jetzt ausgetestet. Er hat für eine so kurze Evakuierung funktioniert. Allerdings weist er logistische und organisatorische Mängel auf, die hoffentlich bis zur nächsten Riesenwelle ausgebügelt werden können.

Yolanda Bögli, Atacames, Ecuador”

(Die Autorin und ich kennen uns seit einem Vierteljahrhundert. Wir arbeiteten in Menziken Büro an Büro; sie bei der „Winterthur“-Versicherung, ich beim „Wynentaler Blatt“. Nachdem sie nach Ecuador ausgewandert war und ich nach Freiburg, verloren wir uns aus den Augen. Über Facebook haben wir uns wieder getroffen.)