Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Unforgettable

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Als in den Büschen die Lichter aus- und über der Bühne die Scheinwerfer angehen, wird es im Park des Hotels schlagartig so still, dass man die berühmte Stecknadel in den ebenso famosen Heuhaufen fallen hören könnte.

Aus dem Halbdunkel schreiten “The Tenors” an die Mikrofone, und nur schon die Art und Weise, wie die wie aus dem Truckli wirkenden Herren erst ein paar Sekunden lang einfach nur dastehen und in die Runde starren, lässt keinen Zweifel daran offen: sie sind finster entschlossen, dem knapp hundertköpfigen Publikum in den nächsten zwei Stunden genau das zu bieten, was sie ihm auf ihren Plakaten versprochen haben: eine “unforgettable night”.

Los gehts – mit Blick auf die vielen Deutschen in den Zuschauerreihen wenig überraschend – mit der getragen intonierten Fischerballade aus Schuberts Forellenquintett und einem voller Heiterkeit präsentierten Querschnitt durch Franz Lehar-Operetten.

Und dann…dann zündet das offenkundig hervorragend aufgelegte Trio unerwartet früh, aber nichtsdesto heftiger ein Feuerwerk an Melodien, das in seiner verschwenderischen Pracht nicht wenige der Damen und Herren auf den Plasticstühlen immer wieder verzückte “Ahs” und “Ohs” vor sich hinseufzen lässt: “Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen” (aus Rigoletto), “Nessun dorma” (aus Turandot), “Ich bin das Faktotum der schönen Welt” (aus dem Barbier von Sevilla), “Auf, trinket in vollen Zügen” (aus La Traviata; wird in den hintersten Rängen unpassenderweise mit kaum verhaltenem Gegröhle quittiert), “Das Odem der Liebe” (aus Cosi fan tutte), “Nur der Schönheit weiht’ ich mein Leben” (aus Tosca), “Sagt, holde Frauen” (aus Le nozze di Figaro) oder “Ja die Liebe hat heute Flügel” (aus Carmen): es ist, als ob Die Tenöre zum Wunschkonzert gebeten hätten, ohne, dass zuvor jemand auch nur einen Wunsch hätte äussern müssen.

Natürlich: Wohl den äusseren Umständen geschuldet (der Anlass findet im Freien bei rund 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit statt, und amänd wäre es keine schlechte Idee, wenn das Hotelmanagement gelegentlich mal über eine neue Lautsprecheranlage nachdenken würde) ist die eine oder andere Unsicherheit vor allem im Bassregister – das naturgemäss ohnehin nicht zu den bevorzugten Lagen von Tenören zählt – auch von Laien kaum zu überhören. Bei einzelnen Mezzosoprankoloraturen können die Sänger gewisse Schwächen im Ausdruck ebenfalls nur mit Mühe kaschieren.

Andrerseits: da vorne stehen nicht Luciano Pavarotti (wie auch?), Placido Domingo und José Carreras, sondern drei Männer, die tagsüber vielleicht als Taxifahrer, Pizzaiolo und Tui-Animateur arbeiten und deren verdammte Pflicht es Montagabend für Montagabend ist, vor einem aus lauter Klassikkretins bestehenden Publikum für Geld alles zu geben, was die Playbackmaschine hergibt, und wenn der Idiot, der ihnen diesen Apparat immer massiv überteuert vermietet, als Zugaben “Samba pa ti” von Carlos Santana, “Child’s anthem” von Toto und “Tubular Bells” von Mike Oldfield programmiert hat, dann ist das halt so, und dann wird eben auch das noch voller gekünstelter Inbrunst ins Grüne geschmettert, und überhaupt habe ich das Konzert der Tenöre gar nicht gesehen (drum gibts zu diesem Text auch kein Livebild, sondern nur eines, das ich beim Stromausfall in meinem Zimmer aus dem Fenster geschossen habe); natürlich nicht: irgendwo hat auch in den Ferien alles seine Grenzen.

Ich war an diesem Abend nicht einmal im Hotel, weil ich noch vor dem ersten Ton in eine von der Sintflut verschont gebliebene Strandbeiz flüchten konnte, um mir die erste Pälla dieser Ferien zu gönnen.

The Swinger takes it all

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Am Ende singt er ihn dann doch noch, den allergrössten Hit seiner unzähligen ganz grossen Hits, und natürlich sind seine 13 000 Gäste im Zürcher Hallenstadion schon bei den ersten Akkorden von “Angel” hin und weg vor Glück und Ergriffenheit, und selbstverständlich ist spätestens dann auch jenen Männern, die dieses Konzert vor allem ihren Frauen zuliebe besuchen, endgültig klar, welch grossartigen Entertainer sie heute leibhaftig erleben dürfen, aber eigentlich…

…eigentlich hätte Robbie Williams seine inzwischen leicht ergrauten Engel dafür gar nicht fliegen zu lassen brauchen.

Denn allfällige Zweifel daran, dass er auch 20 Jahre nach seinem drogenbedingten Ausstieg bei Take That und zehn Jahre nach seinem Karrierehöhepunkt als Solomusiker (auf dem er in Knebworth an drei Abenden hintereinander je 120 000 Zuschauern aus dem Häuschen brachte) zu den vielseitigsten, originellsten und mitreissendsten Persönlichkeiten der Popgeschichte zählt, hatte er schon zerstreut, als er mit einer Viertelstunde Verspätung durch ein Loch im Boden auf der Bühne erschienen war und dem Publikum mitgeteilt hatte, sein Name sei Robert Peter Williams, “und eure Hintern gehören in den nächsten zwei Stunden mir!”

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Mit einer glänzend disponierten Big Band mit Pauken, Trompeten, Posaunen und allem im Rücken (nur die Streicher kamen aus der Konserve) und einem halben Dutzend atemberaubend agierender Tänzerinnen und Tänzer an der Seite streift der Brite in Frack und Lack auf seiner “Swings both ways”-Tournee mit spielerischer Leichtigkeit und bubenhafter Freude durch eine Zeit, in der es noch keine am Reissbrett zusammengestellten Boygroups gab und keine “Superstar”-Suchen am Fernsehen und kein Youtube im Internet.

“Puttin’ on the Ritz” von Jeff Richman, “Minnie the Moocher” von Cab Calloway, “Do nothin’ ’til you hear from me” von Duke Ellington oder “High Hopes” und – dramaturisch perfekt erst kurz vor Schluss dargeboten – “My Way” von Frank Sinatra: Das sind die Ecksteine, auf die Robbie Williams, der als Popstar längst erreicht hat, was ein Popstar erreichen kann, nun als Swinginterpret baut. Dazwischen streut er passend umarrangiertes eigenes Material ein (“Come undone”, “Millennium”) und adaptiert er Meisterwerke von Alicia Keys (“Empire State of Mind”) oder Ray Charles “Hit the Road, Jack”).

Ihm dabei zuzusehen und -zuhören, ist auch für Leute, die eher dem Blues und dem Rock zugeneigt sind, das pure Vergnügen. Das liegt einerseits daran, dass Williams und seine Begleiter die goldenen Oldies in Dur und Moll zwar mit dem gebotenen Respekt, aber nie mit übertriebener Ernsthaftigkeit präsentieren.

Und andrerseits daran, dass der 40jährige Brite die vielen Freiheiten, die er sich im letzten Vierteljahrhundert erkämpft hat, zu nutzen weiss: Es gibt nicht sehr viele Künstler, die ein Konzert unterbrechen dürfen, um minutenlang mit den Zuschauern in den vordersten Reihen zu schäkern, für Fotos mit Fans zu posieren, CD’s für deren Kinder zu signieren oder eine halbe Ewigkeit lang Werbung für Toblerone zu machen, ohne ein gellendes Pfeifkonzert zu riskieren.

Aber Robbie Williams darf das; Robbie Williams darf alles, weil er nichts mehr muss, ausser, alle paar Jahre wieder zu einer grossen Reise durch die Arenen Europas aufbrechen, um Abend für Abend jedem einzelnen unter zigtausend Kunden das Gefühl zu geben, diese Ton- und Licht- und Farben- und Konfettiorgie nur für sie oder ihn zu veranstalten.

Im Gegenzug erhält der Mann, der in der einen Sekunde umwerfend selbsironisch und in der nächsten unfassbar arrogant wirken kann, regelmässig in hohen Dosen, was er offenkundig am dringendsten braucht: Die Bestätigung dafür, der Grösste zu sein, und des Gefühl, trotz (oder wegen?) all der Brüche in seiner Vergangenheit von jedem Menschen auf diesem Planeten verehrt und begehrt zu werden.

Oder, wie es “Die Presse” nach Williams’ Gastspiel in Wien formulierte: “Das bunte Bukett an widersprüchlichen Gefühlen, das er mit seinen penibel inszenierten Eskapaden auslöste, sorgt für jenen Jubel, der Medizin für alle narzisstisch Veranlagte ist.”

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Nachtrag: Auch die noble NZZ war vom Swingfest begeistert. Der Tagesanzeiger hingegen empfand die Show als “unangemessen und aufgebauscht”.

Das totole Musikvergnügen

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Vier reguläre Konzert-Alben veröffentlichten Toto in 34 Jahren: “Absolutely live”, “Mindfields”, “Live in Amsterdam” und “Falling in between live”. Dazu kamen mit “In Concert in Vina del Mar” und “Toto & Friends” zwei halboffizielle Dokumente ihres Bühnenschaffens.

Nun haben die mehrfachen Grammy-Gewinner aus Los Angeles mit “35th Anniversary – Live in Poland” einen weiteren Auftritt für die Nachwelt konserviert. Da kann man sich – sofern “man” nicht gerade der grösste Toto-Fan nördlich und südlich von Sydney ist – natürlich fragen: War das nötig?

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Die Antwort lautet (Überraschung!): Aber klar doch! Und wie nötig das war!

Und zwar nicht nur für Toto, die sich und ihren Jüngern und Ältern damit ein perfektes Geschenk zu ihrem Bandjubiläum machen. Die Scheibe ist auch ein tolles Lehrstück für all jene, welche – aufgewachsen mit Klängen aus dem Computer und ihrem Lokalradio “mit allne Hits us de 80er und 90er und em Nöischte vo hütt” – glauben, Musik sei etwas, was automatisch passiere, per Mausklick und auf Knopfdruck; einfach so.

Sie merken spätestens nach “On the run” und “Goin’ home”, den ersten Songs auf “35th…”, dass Musik nur dann eine Kunst ist, wenn sie möglichst nichts Künstliches an sich hat. Wenn sie lebt und vibriert und tätscht und chlöpft und streichelt und schmeichelt. Wenn sie einen mit schweissnassen Händen packt und durchschüttelt und erst wieder loslässt, wenn sie verstummt (oder auch nicht; im besten Fall klingt sie auch in völliger Stille noch stundenlang nach).

20 Perlen aus drei Jahrzehnten präsentierten Joseph Williams (Gesang), Steve Lukather (Gitarre und Gesang)), David Paich (Piano und Gesang), Steve Porcaro (Keyboards), Nathan East (Bass) und Simon Phillips (Schlagzeug) an ihren Geburtstagsfeierlichkeiten, die sie im letzten Juni auch nach Zürich geführt hatten.

Und das Erstaunlichste daran ist: Keines dieser Schmuckstücke überstrahlt das andere. Die ganz grossen Hits wie “Africa”, “Rosanna” oder “Hold the Line” durften an der Party zwar naturgemäss nicht fehlen. Im Gegensatz zu früheren Konzerten, an denen sie oft wie Leuchtbojen in einem durch endlose Soli aufgewühlten Ozean bei Nacht wirkten, sind sie jetzt jedoch Teile eines stimmig wirkenden grossen Ganzen. “Kleinere” Nummern wie “Pamela”, “Home of the Brave”, “White Sister”, “99”, “Better World” oder “Stop lovin’ you” schwimmen gleichberechtigt neben den drei Giganten, statt von ihnen unter Wasser gedrückt zu werden.

Das freut nicht nur die über den ganzen Globus verstreute Fangemeinde. Sondern auch Angehörige der schreibenden Zunft, die Toto bisher bloss mit spitzen Fingern anfassten oder gleich in die Schublade mit der Aufschrift “Überperfektioniert und glattpoliert” legten, weil sie mit den Zahlen, die Toto im Laufe ihrer Karriere aufeinandergetürmt haben, nichts anfangen können: An rund 5000 Alben – darunter “Thriller” von Michael Jackson, der meistverkauften Platte aller Zeiten – waren Toto-Mitglieder als Studiomusiker beteiligt. Dafür wurden sie für über 200 Grammies nominiert. Weltweit haben die Kalifornier 35 Millionen Alben verkauft.

Wer mag, soll mit Blick auf dieses Palmarès nun von “Fliessbandarbeit” sprechen. Oder vor diesen Leistungen den Hut ziehen und für immer schweigen.

Was “35th Anniversary…” betrifft, sind sich die Kritiker – zum ersten Mal seit dem Über-Werk “IV” – mehrheitlich einig: Hier liegt sowohl als CD als auch als Blue-ray und DVD ein Meisterwerk vor:

“Die Band strotzt nur so vor Energie, Spielkultur, Leichtigkeit, Homogenität und Vitalität und liefert ein in allen Belangen 1A-Konzert ab, das vor allem auch Wärme, Spass und Freude vermittelt.”

(Rockszene.de)

“A tour de force, amazing music.”

(Getreadytorock.me.uk)

“…eine Gruppe, die an Groove, Zusammenspiel und Perfektion kaum zu toppen ist, aber dabei so viel emotionale Tiefe vermittelt wie selten zuvor.”

(Rocks)

“Technisch auf höchstem Niveau rocken, smoothen und poppen sich die Jungs durch ein umfangreiches Set, das alle Hits enthält, lassen aber nie die Leidenschaft in ihrem Bühnenacting vermissen.”

(Rock’n’Roll-Reporter.de)

“Playing to a massive, standing-room-only crowd in Lodz, Poland, a lineup featuring Steve Lukather, Steve Porcaro, David Paich, and Joseph Williams take to the stage to deliver a stellar performance for their ecstatic fans.”

(allmusic.com)

“Musikalisch betrachtet gibt es nichts zu meckern. Das darf nicht verwundern angesichts der Tatsache, dass die Musiker in der ‘Musician’s Hall of Fame’ vertreten sind. Ein Steve Lukather wird seinem Ruf als einer der besten Gitarristen gerecht, stellt sich aber immer songdienlich in den Dienst der Band. Das Tasten-Duo besticht durch Spielfreude und spielt sich die Sound-Bälle nahezu blind zu. Die Rhythmus-Fraktion mit den beiden Routiniers Phillips und East sorgt für einen Groove, der seinesgleichen sucht.”

(Hooked-on-music.de)

“Die Herren wissen längst, wie sie ihr Publikum von der ersten Sekunde in den Bann ziehen. Musikalisch ist Toto sowieso über jeden Zweifel erhaben. Das ist Mainstream-Rock auf höchsten technischem Niveau.”

(Rock-Jazz-Pop.com)

“This is a band at ease with itself, enjoying the music, playing for the love of one another and the legacy they’ve created together.”

(Somethingelsereviews.com)