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Tag: Musik

Mythen und Musik

“Wahnsinnig”, “unbeschreiblich”, “sagenhaft”, “imposant”, “gigantisch”, “phänomenal”: Wer am Rande des Grand Canyon steht, sucht automatisch nach Worten, die beschreiben, was er oder sie gerade sieht.

450 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit und stellenweise 1800 Meter tief: Die “technischen Daten” der Schlucht, die der Colorado-River während Millionen von Jahren ins Land gegraben hat, sind, eigentlich, schon eindrücklich genug.

Nur: Dieses Steintal, das weder einen Anfang noch ein Ende zu haben scheint, einmal “live” bestaunen zu dürfen – das liegt meilenweit jenseits des üblichen Sehenswürdigkeitenabklopfens.

Das hat etwas Mythisches.

Ähnliches gilt für die Route 66. Die einst knapp 4000 Kilometer lange Strasse führt von Chicago an der amerikanischen Ost- nach Santa Monica an der Westküste. Sie ist zwar nicht mehr durchgehend befahrbar, hat aber bei Menschen, die sich vorzugsweise auf schweren Töffs und noch vorzugsweiser auf Maschinen der Marke Harley Davidson fortbewegen, nichts von ihrem Legenden-Nimbus eingebüsst.

Williams im Bundesstaat Arizona, wo wir unsere letzten zwei Nächte verbrachten, liegt an dieser Strecke. Die 3000 Einwohnerinnen und Einwohner geben alles, um sich von dem offensichtlich immer noch sehr wertvollen Kuchen mit der “66”-Glasur das eine und andere Brösmeli zu sichern, wie ein Gang entlang der Hauptstrasse zeigt:

Die Route 66 ist jedoch nicht ganz das einzige, was Williams zu bieten hat. Zu den Sehens-, bzw. Hörenswürdigkeiten zählt auch John Carpino. Der Singer/Songwriter bedient sein Publikum “with an impressive blend of acoustic rock, roots, rhythm and truth”, wie er selber sagt, und wurde nun schon zum 14. Mal in Folge zum “best local musician” erkoren.

Wir erlebten den gmögigen Ex-Lehrer auf einer kleinen Bühne neben unserem Tisch in Goldie’s Route 66 Diner. Mit vielen Eigenkompositionen – eine davon widmete er seinem Hund, was ihm von uns spontan mindestens 10 000 Bonuspunkte einbrachte – und Coverversionen zeitloser Hits von Johnny Cash, Simon & Garfunkel, The Doors, The Animals, den Beatles undsoweiterundsofort; es war chli wie im Paradies für hoffnungslose Musiknostalgiker, sorgte er für einen wunderschönen Abend.

Den Wunsch seiner vier neuen friends of Switzerland erfüllte er gerne:

“You can check out anytime you like, but you can never leave”: Was für die Gäste des – ebenfalls von unzähligen Mythen umrankten – “Hotel California” ein Problem sein mag, ist für uns kein Thema: Wir verlassen Williams in wenigen Stunden in Richtung Las Vegas.

Dort war ich noch nie, aber nach allem, was man schon so von Freunden gehört, in Büchern und Reportagen gelesen und in Filmen gesehen hat, gilt auch und ganz besonders für diese Stadt:

This could be heaven. Or this could be hell.

Walk of Shame statt Walk of Fame

2547 Sterne sind aktuell im Walk of Fame in Los Angeles eingelassen. Von A wie Abba bis Z wie ZZ Top – wer in der Unterhaltungsindustrie je eine grössere Rolle gespielt hat oder nach wie vor spielt, wird von der Handelskammer von Hollywood seit 1957 mit einem gravierten Symbol geehrt (wobei: Abba fehlen auf dem kilometerlangen Trottoir ebenso wie ZZ Top und Toto und Bob Dylan und die Beatles oder die Rolling Stones; dafür sind mit Julio Iglesias, Andrea Bocelli, Heidi Klum und Siegfried und Roy Zeitgenossen vertreten, die im Gruselkabinett der Geschichte sicher besser aufgehoben wären, aber wenn dieser Abschnitt mit “Von A wie Bud Abbott bis Z wie Adolph Zukor” begonnen hätte, wären 998 von 1000 Lesern, ob ihres Nichtwissens aufs Peinlichste berührt, in ihre Bibliotheken gehastet, um die Bildungslücken in Sachen “Abbott” und “Zukor” huschhusch zu stopfen, und wenn sie, vor dem lodernden Kaminfeuer fast platzend vor Wohlbehagen auf ihre mit Bisonleder bezogenen Louis XXX-Sofas gefläzt, gerade so schön dabeigewesen wären, sich intellektuell mal wieder so richtig nordkoreamässig hochzurüsten, hätten sie auch noch dieses nachgeschaut und nach jenem geblättert und irgendwann beschlossen, lieber gleich liegenzubleiben, statt starren Ganges in mein virtuelles Stübchen hier zurückzukehren).

Jedenfalls: Gestern bummelten wir den Walk of Fame ab. Anfänglich taten wir das mit der gebotenen Ehrfurcht, doch diese wich bald einer routinierten Nonchalance. Bryan Adams, Aretha Franklin, Greta Garbo, Chuck Berry, Michael Jackson oder die Simpsons: Letztlich sind das alles nur Namen oder vielmehr: Öltropfen für eine endlos ratternde gigantische Geldmaschine, und wenn man diesen Standpunkt erst einmal entdeckt hat, hört man auf, unentwegt auf den Boden zu starren und fragt sich stattdessen lieber, wie wohl die drei Showgirls aussehen mögen, die das “Déja vu” auf der anderen Seite der Strasse als “ugly” anpreist, und wenn ja, warum nicht.

Falls jemand mich fragen würde – was erfahrungsgemäss aber eher selten passiert – würde ich vorschlagen, in jedem Land der Welt einen Walk of Shame mit, zum Beispiel, stilisierten Toilettensitzen statt Sternen anzulegen. Auf diese dürfte jedermann und -frau den Namen von Leuten gravieren lassen, für die man, wenn man etwas weiter südlich wohnen und über ein Minimum an handwerklichem Geschick verfügen würde, längst eine Voodoo-Puppe gebastelt hätte.

Bei Bedarf sucht man die Steinplatte auf und reinigt seine Psyche unter Absingen wüster Lieder, dass Gott erbarm fluchend oder über dem Schriftzug stumm Körpersäfte absondernd porentief rein. Das schützt vor Frustrationen und Aggressionen, beseitigt Komplexe und senkt die Kriminalitätsrate auf knapp Null. Die Finanzierung einer solchen Anlage wäre folglich ein klarer Fall für die Krankenkasse.

Um der Transparenz Genüge zu tun: Ich habe im Geiste bereits sechs Tafeln reserviert. Die Namen, mit denen ich sie beschriften liesse, behalte ich aus Datenschutzgründen für mich.

Und, klar: Auch mir würde wohl eher früher als später die eine und andere Platte gewidmet. Ich könnte damit aber wesentlich besser leben als mit der Vorstellung, bis in alle Ewigkeit zwischen Julio Iglesias und Heidi Klum liegen zu müssen.

Hello again, ihr Helden!

Vor 30 Jahren gehörten sie mit Toto, Krokus, Abba (jawoll: Abba), Deep Purple, den Dire Straits und ein paar anderen Bands zu den Helden meiner Jugend. Nun stand ich auf einmal mit Foolhouse auf der Bühne des Theaters Z in Burgdorf.

Unmittelbar davor hatten ich und drei Dutzend Gäste – ihren Besuch angekündigt hatte eine dreistellige Anzahl von Leuten, aber das ist eine andere und alles andere als neue Geschichte – zwei Stunden lang freudig feststellen dürfen, dass die Bluesrock-Haudegen von dem Zauber, den sie damals auf Zigtausende von Fans in ganz Europa ausstrahlten, kaum etwas eingebüsst haben.

Auch wenn die Band um Jüre Reinhard sich zwischenzeitlich aufgelöst hat und später teilweise neu zusammengesetzt wurde, lässt sies immer noch durch die Boxen rocken und rollen und rumpeln, als ob sie sich gerade erst formiert hätte und nun finster entschlossen wäre, die Bühnen der Welt zu stürmen.

Eigentlich waren Peter Urech und ich ja vor Ort, um vor und nach dem Konzert als DJ-Duo Rocknrolldies für Stimmung zu sorgen. Wir merkten jedoch schnell, dass der Abend auch ohne uns tiptopp laufen würde.

Nachdem die letzte Foolhouse-Zugabe verklungen war, bildeten einige der vielen befreundeten Musikerinnen und Musiker, die sich zu dem Gig ihrer Kollegen an der Hohengasse 2 eingefunden hatten, spontan einen Halbkreis, um nach Herzenslust zu jammen.

Peter und ich packten unsere Siebensachen weit vor Mitternacht zusammen und liessen die Freunde miteinander drauflosimprovisieren. Wir wollten nicht stören, sondern zuhören. Den Musikern – und Jüre Reinhard, der uns das eine und andere Müsterchen aus der glorreichen Zeit erzählte, in der Foolhouse mit den Eagles im Studio waren und von ihnen lernten, wie ein richtiger Chorgesang funktioniert. Plus vieles andere mehr.

S Weggli und de Batze

Die Rocknrolldies ziehts nach draussen: Am 10. Juni sorgen wir unter den Lauben vor der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt für Stimmung.

Los gehts um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Hungrige gibts Fleisch vom Grill.

In den Spendierhosen

Aus lauter Vorfreude darüber, mit The Great Light of Slow (Bild) am 1. April erneut eine grossartige Band im Theater Z in Burgdorf begrüssen zu dürfen, montieren wir Rocknrolldies unsere Spendierhosen.

Der erste Besucher erhält „Homebound“, die Debüt-CD unserer Gäste, geschenkt.

Der zweite bezahlt keinen Eintritt.

Dem dritten und vierten drücken wir eine exklusive (es gibt davon nur zehn Stück) Rocknrolldies-Tasse in die Hand.

Für den fünften und sechsten gibts ein schickes Rocknrolldies-Chäppi.

Der siebte, achte, neunte und zehnte kann sich an der Theater Z-Bar mit einem Gratisdrink auf den Gig einstimmen.

(Nachtrag 1. April: Weil der Schlagzeuger erkrankt war, musste das Konzert kurzfristig abgesagt werden.)

Verblasste Sterne

Sie gehörten damals, in den 70er und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, zu den ganz, ganz Grossen. Mit ihren Alben “Gone to earth”, “XII” und “Eyes of the universe” verzauberten Barclay James Harvest Millionen von Menschen rund um den Erdball.
Kuschelweichgespülte Songs wie “Hymn”, “Poor man’s moody Blues”, “Mocking Bird”, “Child of the Universe” oder “Life is for living” gehörten zur Grundausstattung jedes Plattenauflegers, der Intensivpubertierenden in den Partyräumen wohlwollender (oder naiver) Eltern ermöglichte, sich als “geschlossenes Tanzen” getarnten Kollektivknutschereien hinzugeben (an dieser Stelle: Beste Grüsse an I.M. aus B.!)

Doch dann begann der Stern der Balladenkönige aus England zu verblassen. Im März 1998 gaben John Lees, Woolly Wolstenholme, Les Holroyd und Mel Pritchard bekannt, dass Barclay James Harvest eine Pause einlege. Lees und Wolstenholme gingen ihrer eigenen Wege mit einer Gruppe namens Barclay James Harvest Through the Eye of John Lees (BJHTTEOJL; die “Abkürzung” ist kein Witz), Les Holroyd suchte sein Glück mit Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd (BJHFLH).

Es folgte, was in solchen Fällen oft folgt: Alle paar Schaltjahre ein Best of- oder Livealbum, Neuinterpretationen alter Hits und Auftritte mit osteuropäischen Orchestern.

Nun, am 23. April, gastiert der John Lees-Ableger von Barclay James Harvest in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn. Der Andrang hält sich im Rahmen: Die Veranstalterin bewirbt das Konzert seit Wochen täglich auf Facebook. Inzwischen zeigen sich knapp 200 Leute “interessiert” daran, dem Gig beizuwohnen. Weitere 50 haben mit der Verbindlichkeit eines Klicks zugesichert, sich die Truppe vor Ort anzuhören.

Wer einen Blick auf all die Städte und Stadien wirft, in denen die Meister des Schmusepop in ihrer Hochblüte aufgetreten sind, kämpft angesichts dieser Zahlen gegen das Augenwasser.

Andrerseits: Schon 1993 musste die Band “due to poor ticket sales” einen grossen Teil ihrer Europatournee absagen:

So betrachtet, ist das Solothurner Gastspiel von John Lees und seinen musikalischen Resteverwertern schon fast wieder ein Schritt auf dem Weg nach oben.

Oder zumindest aus der Bedeutungslosigkeit.

Facelifting für die Rocknrolldies

Die Rocknrolldies haben ihre Website neu gestaltet – und freuen sich auf die Spielzeit 2017. Den ersten öffentlichen Auftritt der neuen Saison haben Peter Urech und ich am 1. April. Dann kramen wir im Theater Z in Burgdorf nach dem Konzert von “The Great Light of Slow” in unserem Schatztruhen. Wir sorgen aber auch gerne andernorts für Stimmung. Veranstalter von Hochzeiten, Firmenfesten, Geburtstagsparties, Jahrgängertreffen und anderen Feiern können uns im Doppelpack oder einzeln buchen.

Kontakt: +41 76 537 74 84 oder hofstetter.hannes@gmail.com

Zu unserer Facebook-Site gehts hier entlang.

Es ist, wies ist

Der Krieg in Syrien dauert an, vier oder acht Amtsjahre von Donald Trump liessen sich inzwischen nur noch mit juristisch eher fragwürdigen Mitteln verhindern, das Burgdorfer Bauamt vergisst alle zwei Wochen, den Ghüder am Punkt Dienstag in unserem Quartier abzuholen: Die Welt, liebe Leserinnen und liebe Leser, ist aus den Fugen geraten, und wenn wir schon dabei sind:

Mit Fuge und Recht kann man knapp vier Wochen, nachdem es geschlüpft ist, also behaupten: Das Jahr 2017 geht, wenn es so weitermacht, innert Kürze den Bach runter (anders als 2010 zum Beispiel, an dessen Ende ich meiner damaligen Freundin erfolgreich einen Heiratsantrag machte, oder auch ganz im Gegensatz zu 2013, als Mark Knopfler und Toto auf der Piazza Grande in Locarno für zwei bis an mein Lebensende denkwürdige Hochsommerabende sorgten, und schon gar nicht zu vergleichen mit unserem Hochzeitsjahr 2012; d e m Jahr überhaupt), aber was solls?

“It’s what it is” (lat. “Es ist, wies ist”) sang Knopfler damals, im Tessin, als zweiten Song seines Konzerts (los wars mit “Border Reiver” gegangen; dies nur der Vollständigkeit halber), und wenn er das sagt, wirds wohl stimmen. Andernfalls hätte sich “Sailing to Philadelphia”, die CD mit “What it is” drauf, wohl kaum zigmillionenfach verkauft, oder nicht? ODER NICHT?!? – Eben.

A propos “Tessin”: Falls bei diesem anhaltend garstigen Wetter jemand darüber nachzudenken beginnen sollte, spontan für ein Wochenende in den relativ nahen Süden zu verschwinden, kann ich das Hotel Collinetta bei Ascona wärmstens empfehlen. Es kostet sozusagen fast gar nichts und bietet sehr viel (Aussicht, um nur einen Vorzug zu nennen):

Burgdorf hingegen hinkt in attraktivitätstechnischer Hinsicht aktuell chli hintennach

,

aber das wird bestimmt ganz von selber wieder werden, und wenn nicht, beschwere ich mich einfach bei unserem neuen Stapi.

Keinen Grund zur Klage hatte meine Schwägerin Judith Wernli. Sie sammelte für die Hilfsorganisation Volunteers for humanity in Dättwil warme Kleider, Decken, Schuhe und so weiter für Menschen auf der Flucht. 


(Bild: zvg)

Als wir bei ihr vorbeischauten, um unser Scherflein zu der Aktion beizutragen, gings in der Garage zu wie in einem Bienenhaus. Die Leute deponierten nicht nur säcke- und schachtelweise Ware, die sie selber nicht mehr benötigen, sondern nutzten die Gelegenheit auch zu einem Schwatz unter Bekannten oder Wildfremden, und so hatten am Ende alles etwas davon. “Unfassbar gross” sei die Unterstützung, freuten sich die Verantwortlichen auf Facebook, während es sich ein paar wenige Stänkerer nicht verklemmen konnten, gleichenorts darauf hinzuweisen, dass im Fall auch in der Schweiz Menschen Not leiden würden.

Ich frage mich manchmal, was das für Zeitgenossinnen und -nossen sind, die in der kuscheligen Wärme ihrer Einfamilienhäuschen rund um die Uhr an ihren teuren Laptops und schicken iPads sitzen, um das Internet nach Meldungen abzugrasen, die sie in ihrer Ansicht bestätigen, ständig zu kurz zu kommen.

Vermutlich sind es dieselben Leute, die bei Google Suchbegriffe wie “Junge holt sich einen runter” oder “Susan Link Füsse” (wer ist Susan Link? Ach so: eine TV-Moderatorin. Gut zu wissen.) eingeben und daraufhin, warum auch immer, in diesem Blog landen, wo sie ihren Senf, frustriert darüber, nichts zum Thema “Junge holt sich einen runter” gefunden zu haben, zu wahllos angeklickten anderen Texten absondern.

Zu diesem Beitrag landeten im Laufe der letzten Wochen – anonym, versteht sich – folgende Kommentare in meinem Spamfach (die Fehler lasse ich stehen; irgendwie fehlt mir gerade die Zeit und die Musse, sie zu korrigieren)::

  • “Man sieht dass sie keine Ahnung haben. Das Gedicht heisst Marsch in die Nacht und haben wir in der Schule gesungen.”
  • “Machen Sie sich nur lustig über die Soldaten. Sie werden einmal froh sein darüber.”
  • “Sie sind sicher auch einer von diesen Armeeabschaffern. Ihre Meinung intressiert niemand.”
  • “Stehlen sie alles?”
  • “Über so etwas macht man keine Witze.”
  • “das klima ohne wende und t shirtwetter fern” ist falsch, es heisst richtig “die strasse ohne ende und was wir lieben fern.”.

Ich mag ihnen ja gönnen, wenn sie immer wieder neue Örtchen finden, an denen sie sich intellektuell versäubern können. Aber wenn sie schon wegen vier Zeilen, die noch dazu in keinster Weise ernstgemeint waren, einen solchen Aufstand machen: Was wird wohl los sein, wenn sie in meinem virtuellen Stübchen einmal etwas (zumindest mir) wirklich Wichtiges entdecken?

+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++

Wie der Tagesanzeiger, “Bild”, Focus und seit wenigen Minuten nadisna sämtliche Medien zum Schrecken all jener berichten, die ein Minimum an Wert auf gute Musik, passable Frisuren und Kleider aus der Zeit nach Christi Geburt legen, gedenkt die Kelly Family in diesem Jahr offenbar ein neues Album zu veröffentlichen.

Nein: “Verheissungsvoll” ist nicht das Adj Adv Pron Wort, das einem zum Auftakt von 2017 als Erstes einfällt.

Aber mir wei nid chlage: im Frühling 2018 sind wir schon wieder in Australien. Bis dahin heisst es einfach durchhalten, Susan Links Füsse bestaunen und “What it is” hören.

Es geht wieder dem Ende zu

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Mitte November 2016: In der Superior Executive-Lounge von Hofstetter Kommunikation höckeln Verwaltungsratspräsident Hofstetter, Firmengründer Hofstetter, Inhaber Hofstetter und Geschäftsführer Hofstetter, um salzgebäckmampfend und mineralwassernippend die nähere Zukunft einzufädeln.

Hofstetter: “Ich weiss, dass die meisten von euch Sitzungen nicht besonders mögen, und mir ist auch klar, dass ihr alle noch anderes zu tun habt, aber…”

Hofstetter: “…eine Whatsapp-Gruppe wäre für solche Fälle eine gute Idee.”

Hofstetter: “Whatsapp? Du bist bei Whatsapp?!?”

Hofstetter: “Du nicht?”

Hofstetter: “Wer von euch ist bei Whatsapp?”

Hofstetter: “Ich.”

Hofstetter: “Ich. Und bei Linkedin bin ich auch, und ausserdem bei Xing, Instagram, Twitter und Google Plus.”

Hofstetter: “Welche Ehre! Ich sitze neben dem weltweit einzigen Menschen mit einem Google Plus-Account!”

Hofstetter: “Alle whatsappen. Whatsapp ist das neue Facebook.”

Hofstetter: “Mir ist das zu blöd. Ständig machts ‘Ping’, und dann ist es doch nur ein Filmli.”

Hofstetter: “Jedenfalls: Wir müssen planen.”

Hofstetter: “‘Ca plane pour mois’! Kennt das noch jemand?”

Hofstetter: “Was ist das?”

Hofstetter: “Punk. Von Plastic Bertrand. Franzose. 1977. Moment…” (hebelt an seinem Handy herum) “…et voilà:”

Hofstetter: “Heiterefahne!”

Hofstetter: “Punk von einem Franzosen. Es wird immer besser.”

Hofstetter: “Wie gesagt: Ist schon lange her.”

Hofstetter: “Hat der sonst noch etwas gemacht?”

Hofstetter: “Das war glaub alles. Er kam, sang und versiegte.”

Hofstetter: “Wie Samantha Fox mit ihrem ‘Touch me’.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter: “Hast du das auch?”

Hofstetter: “Klar” (tippt erneut auf seinem iPhone herum):

Hofstetter: “Samantha Fox! An ihre Augen werden die Leute sich noch in zehntausend Jahren erinnern.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob dieser Plastic noch lebt.”

Hofstetter: “Leute, die solche Musik machen, werden in der Regel nicht besonders alt.”

Hofstetter: “Wieso meinst du?”

Hofstetter: “Leonard Cohen, David Bowie, Joe Cocker…muss ich noch mehr aufzählen?”

Hofstetter: “Du vergleichst Cohen, Bowie und Cocker jetzt aber nicht ernsthaft mit dem Franzosen, oder?”

Hofstetter: “Rocker ist Rocker, und Sex and Drugs sind Sex and Drugs.”

Hofstetter: “Cohen war kein Rocker.”

Hofstetter: “Soso. Was dann?”

Hofstetter: “Könnten wir jetzt vielleicht langsam…?”

Hofstetter: “Ein Barde. Leonard Cohen war ein Barde.”

Hofstetter: “Hört, hört! Ein Barde.”

Hofstetter: “Dann halt ein Liedermacher.”

Hofstetter: “Singer/Songwriter sagt man dem heutzutage.”

Hofstetter: “Klugscheisser.”

Hofstetter: “Bardesingersongwriter…ist doch egal. Er war ämu kein Franzose.”

Hofstetter: “Wie ihr wisst, neigt sich auch dieses Jahr schon wieder dem Ende zu. Drum…”

Hofstetter: “…Hofstetter hat gesagt, dass ‘solche Leute’ nicht alt werden. Nur fürs Protokoll: Cohen gehört für mich nicht zu ‘diesen Leuten’. Abgesehen davon wurde er sehr alt, und Bowie und Cocker waren sozusagen auch schon pensioniert, als sie die Mikrofone für immer abgaben. Das ist schon ein bisschen etwas anderes als bei dem Punk, der übrigens vielleicht noch gar nicht gestorben ist.”

Hofstetter: “‘Protokoll’ ist ein gutes Stichwort. Wer schreibt heute das Protokoll?”

Hofstetter: “Niemand natürlich.”

Hofstetter: “Was, niemand?”

Hofstetter: “Hat schon jemals jemand eine unserer Sitzungen protokolliert?”

Hofstetter: “Da muss ich nachdenken…”

Hofstetter: “…mach nichts, was du nicht gewohnt bist…”

Hofstetter: “…nein: Ich glaube, von unseren Sitzungen gibt es kein einziges Protokoll.”

Hofstetter: “Ist vermutlich auch besser so.”

Hofstetter: “Item. In sechs Wochen haben wir Silvester. Das heisst…”

Hofstetter: “…’wer jetzt noch kein Chinoise bestellt hat, baut kein Haus mehr’, wie Einstein in seiner Ode an die Freude geschrieben hat.”

Hofstetter: “Das war Rilke, im Fall, und es ging nicht um Fondue.”

Hofstetter: “Einstein, Rilke…: Hauptsache, kein französischer Punker.”

Hofstetter: “Das Gedicht, das Hofstetter meinte, heisst ‘Herbsttag’ und geht so…”

Hofstetter: “…wenn du jetzt anfängst, Gedichte zu rezitieren, dann, dann…”

Hofstetter: “…Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los….”

Hofstetter: “…ich glaubs einfach nicht…”

Hofstetter: “…Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.”

Hofstetter: “Sehr schön, wirklich. Das kann heute kein Mensch mehr.”

Hofstetter: “Was? Dichten?”

Hofstetter: “Gedichte aufsagen, und dann erst noch auswendig.”

Hofstetter: “Ich kann im Fall auch Goethes Glocke!”

Hofstetter: “Die ist von Schiller.”

Hofstetter: “Egal. ‘Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss rinnen muß der Schweiss, soll das Werk den Meister loben! Doch der Segen kommt von oben.'”

Hofstetter: “A propos ‘von oben’: Ich habe diese Sitzung einberufen, um mit euch über die Qualifikationsgespräche und das Jahresabschlussessen zu reden, falls das jemanden interessiert.”

Hofstetter: “Das mit dem Qualizeug kannst du vergessen. Ich führe keine Selbstgespräche, und wenn doch, dann sicher nicht mit einem von euch.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Gut, dann streichen wir das. Kommen wir zum Essen.”

Hofstetter: “Schon besser.”

Hofstetter: “Letztes Jahr wars irgendwie nicht so der Heuler.”

Hofstetter: “Letztes Jahr habe ich für euch gekocht.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter: “Dann gehen wir in die ‘Gedult’.”

Hofstetter: “Kommt nicht in Frage. Da hatten wir unser Hochzeitsessen.”

Hofstetter: “Und?”

Hofstetter: “Nichts ‘und’. Ich will mir nur nicht eine wunderschöne Erinnerung durch ein Businessznacht verderben lassen.”

Hofstetter: “Das gibt kein Businessznacht. Das wird total locker vom Hocker, mit den Frauen und allem. Vielleicht kommt noch eine Mundartband.”

Hofstetter: “Ein Singersongwriter aus der Region würde es auch tun. Frag mal die Buchhaltung.”

Hofstetter: “Weitere Vorschläge?”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Aber irgendwo müssen wir doch…”

Hofstetter: “Ich bin dann sowieso nicht hier. In zwei Wochen fliegen wir nach Australien.”

Hofstetter: “Komisch: Wir auch.”

Hofstetter: “Wir auch.”

Hofstetter: “Das hättet ihr auch ein bisschen früher sagen können.”

Hofstetter: “Du hast ja nicht gefragt.”

Hofstetter: “Genau: Du hast nicht gefragt.”

Hofstetter: “Du fragst ja nie. Du schreibst einfach, ‘Sitzung in 30 Minuten!”, und wir müssen dann alles stehen und liegen lassen, um deinen Worten zu lauschen.”

Hofstetter: “Darf ich offen reden?”

Hofstetter: “Tu dir keinen Zwang an. Wir sind hier unter uns. Das ist das Schöne an dieser Lounge.”

Hofstetter: “Also dann: Deine Art, Sitzungen einzuberufen, geht uns auf den Sack. Das sind Marschbefehle, keine Einladungen. Vielleicht hast du es als Whatsappverweigerer noch nicht mitbekommen, aber die Sklaverei ist abgeschafft.”

Hofstetter: “Ich darf das. Ich bin der alleralleroberste Chef.”

Hofstetter: “Aber nur, weil ich diese Bude gegründet habe…”

Hofstetter: “…und sie mir gehört…”

Hofstetter: “…und ich sie führe.”

Hofstetter: “Das kommt nicht gut heute. Das kommt gar nicht gut. Ich spüre negative Schwingungen im Raum.”

Hofstetter: “Du bist der Boss. Du kannst die Sitzung beenden, wann immer du willst.”

Hofstetter: “Stimmt. Zum Beispiel jetzt grad.”

Hofstetter: “Schön, dann machen wir Schluss. Was die Qualigespräche und das Essen betrifft, haben wir ja geklärt, was zu klären war. Offen sind noch die Sachen mit dem Singersongwriter und der Beiz und der ganze Rest, und abgesehen davon habe ich die Rede an die Belegschaft noch nicht ganz fertig geschrieben, aber das kann ich ja in euren Ferien erledigen.”

Alles im Lot

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Los gehts mit “Frau ich freu mich” (vom 1982 erschienenen Album “Für usszeschnigge”) und weiter mit “Ne schöne Jrooss” (1980), “Nix wie bissher”, “Anna” (beide aus dem Jahr 1992), “Fortsetzung folgt” (1988) und “Aff und zo (2001), und dann ist die BAP-Maschinerie soweit warmgelaufen, dass Wolfgang Niedecken (Gesang und Gitarre), Michael Nass (Keyboards), Ulrich Rode (Gitarre), Werner Kopal (Bass), Sönke Reich (Schlagzeug) und Anne de Wolff (zig Instrumente) sich daran machen können, mit der “Ballade vom Vollkasko-Deperado”, “Alles relativ”, “Absurdistan” und “Vision von Europa” aktuelles Liedgut von der CD “Lebenslänglich” zu präsentieren, aber irgendwie…nun…irgendwie wollen die rund 800 Fans im Basler Rhypark letztlich halt doch nur das eine, nämlich: abtauchen in die guten, alten Zeiten, und weil Niedecken, wie er schon zu Beginn des Konzertes gesagt hat, “natürlich genau weiss, was ihr am Liebsten habt”, zündet die Band daraufhin das komplette Hitfeuerwerk mit “Jraduss”, “Do kanns zaubere”, “Kristallnaach” und allem, und auch wenn jene BAP, welche an diesem Abend auf der Bühne stehen, mit jenen BAP, die vor 40 Jahren damit begannen, die Musikwelt auf Kölsch zu erobern, nur noch den Gründer Niedecken gemeinsam haben, fägts nach wie vor, als wenn et jestern woo, dass sie am 4. November 1988 für Schweissausbrüche in der Luzerner Festhalle sorgten, oder dass sie am 24. Februar 1991 das Zürcher Volkhaus vier oder fünf Stunden lang in Grund und Boden rockten und rollten und kammermusizierten, und fast wie bestellt wechselt sich Sozialkritisches alle paar Minuten ab mit Hochpolitischem und Zuckersüssem, und wer den Menschen, wenn die Scheinwerfer von der Bühne weg ins Publikum strahlen, in die Gesichter schaut, und wer beobachtet, mit wieviel ungekünstelter Freude die Band sich durch ihr endlos scheinendes Repertoire fidelt, kommt irgendwann zum beruhigenden Schluss: Im Grunde genommen ist “Alles im Lot”, solange BAP alle Jubeljahre wieder eine neue Platte aufnehmen und damit die Lande bereisen, auch wenn ihre ganz, ganz grossen Tage inzwischen verdamp lang her sind; oder vielleicht gerade deshalb.