Nachtwache

Als ich erwachte, erholte Maspalomas sich noch von den Tritten, die ihm Abertausende von Touristen auch in den letzten 20 Stunden verpasst hatten.

Nach dem Duschen schlurfte ich in die Küche. Dort goss ich blubberndheisses Wasser über das Kafipulver im Tassli und genoss den bittersüssen Geruch, der daraufhin durch das Zimmer waberte. Pflotschnass, wie ich war, machte ich es mir auf einem der Balkonliegesessel gemütlich.

Die Stadt schlief tief. Wenn ein Windhauch durch die Palmenkronen strich, schien sie, wie in einem schönen Traum, wohlig einzuschnaufen. Hin und wieder surrte ein Taxi über den Asphalt. Zwei Verliebte bummelten schweigend Hand in Hand Richtung Strand.

In dem Moment, in dem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, zerriss ein Schrei die Stille. Irgendwo zwischen den Bungalows auf der anderen Seite der Strasse brüllte ein Mann einen Namen, immer und immer wieder. Entweder, dachte ich, ist ihm der Hund entlaufen. Oder dann wurde er von seiner Frau ausgeperrt.

Ich nippte an meinem Kaffee, zog an der Zigi und starrte weiter auf die Siedlung. Der Mann sirachte wie ein Wahnsinniger. Ich konnte ihn zunächst nicht sehen, aber wo er durchging, war unschwer zu erkennen: Jedesmal, wenn er ein Gebäude passierte, aktivierte er dessen Aussenbeleuchtung.

Er kam auf einem planlosen Zickzackkurs näher. Im Schein der Strassenlaternen wankte er vor ein Haus an der Kreuzung. Er krakeelte noch eine Weile weiter – und verstummte unvermittelt.

Der Bewohner des Hauses wollte wissen, was vor einem Anwesen los ist. Er trat durch das Tor. Der Störefried bemerkte ihn nicht. Er lief auf die Avenida des Estados Unidas und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ein grosskalibriges Auto.

Ich war sicher, gleich eine Klinge aufblitzen zu sehen oder Schüsse zu hören. Aber in der halben Minute, in der der Mann auf den Fahrer einredete, passierte nichts dergleichen. Der Wagen fuhr davon, der Mann ging weiter. Kopfschüttelnd verzog sich der Typ aus dem Bungalow zurück auf sein Grundstück.

Kaum hatte der Mann sich in Bewegung gesetzt, begann er erneut zu toben. Nach ungefähr hundert Metern bog er nach links ab und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann fuhr ein Polizeiauto in das Strässchen, in das er gegangen war. Minuten später legte sich Ruhe wie ein kühlendes Tuch auf das Quartier.

Über Maspalomas funkelten zahllose Sterne. Das kleine Drama, das sich Ewigkeiten unter ihnen gerade abgespielt hatte, war ihnen – wie alles, was uns manchmal sogar sehr viel länger als nur ein paar Minuten in Atem hält – vollkommen schnuppe.

Shoppen, spielen, beten

12 Stunden nach dem “Mandalay”-Massaker: Obwohl wir vermuten, dass die Innenstadt teilweise abgeriegelt sein würde, fahren wir aufs Geratewohl los in das Zentrum von Las Vegas.

Fünf Minuten später parkieren wir in der Tiefgarage des “Bellagio”-Hotels. Auf der Strasse herrscht vor 10 Uhr schon reger Betrieb: Stossstange an Stossstange kriechen Autos durch die Las Vegas Avenue. Touristen starren in Schaufenster, bewundern Fassaden und schlendern durch Caesar’s Palace, The Venetian mit seinem künstlichen Canale (siehe Bild oben), Treasure Island und was der Attraktionen mehr sind.

Was auffällt, sind die vielen haushohen Bildschirme, auf denen zum Blutspenden für die Überlebenden aufgerufen wird. Andere gigantische Affichen versichern, dass “man” in Gebeten bei den Opfern des Attentats und deren Hinterbliebenen sei.

“Man” dürfte nach all den hausgemachten und fremdbestimmten Anschlägen, von denen dieses Land in den letzten Jahren heimgesucht worden ist, inzwischen gelernt haben, eine weitere Note in den Schlitz des Geldautomaten zu schieben und gleichzeitig seiner verstorbenen und verzweifelnden Mitmenschen zu gedenken.

Sicherheitskräfte sind omnipräsent. Überall stehen Polizeiautos mit flackernden Blau- und Rotlichtern. An fast jeder Ecke beobachten Uniformierte das Geschehen. Sie machen keinen übertrieben beschäftigten Eindruck. Einige von ihnen stellen sich lächelnd für Selfies mit Passantinnen und Passanten zur Verfügung.

Nachdem sich der Attentäter am Ende seiner Gewaltorgie auch noch das eigene Leben genommen hat, dürfte ihre Anwesenheit eher psychologische denn ermittlungstechnische Gründe haben: Der Stadt geht es offensichtlich darum, den Millionen von Menschen, die hier leben, spielen, shoppen und feiern Tag für Tag und Nacht für Nacht unermesslich viel Geld liegenlassen, das Gefühl zu geben, dass sie noch ewig lange hierbleiben können, ohne etwas befürchten zu müssen.

Dazu will auch Donald Trump seinen Teil beitragen. The President wird morgen Mittwoch in Las Vegas erwartet.

Es stimmt halt schon: Ein Unglück kommt selten allein.

Wehe, wenn sie losgelassen

In einem Jugendlager gerät ein Spiel ein bisschen aus den Fugen – und schwupp, walten die Hysteriker vom Dienst ihrer Ämter: Es gibt Verhaftungen, Verhöre, Strafbefehle, Interventionen des Obergerichts, “deliktsorientierte Gespräche” undsoweiterundsofort, und am Ende belaufen sich die Verfahrenskosten auf 150 00 Franken.

Vor drei, vier Jahrzehnten wäre so ein Fall auf eine ungleich entspanntere Weise erledigt worden (falls überhaupt je ein Erwachsener davon erfahren hätte, was eher nicht anzunehmen ist).

Aber gut: Damals durften die Kinder ja auch noch kilometerweit(!) alleine(!!) zur Schule gehen(!!!) oder velofahren(!!!!), ohne dass den zähneklappernd und schnappatmend der Rückkehr ihres Juniors harrenden Eltern ein Careteam hätte zur Seite gestellt werden müssen.

Spätes Feriensouvenir

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Fix sind sie ja, die Italiener: Nur acht Monate und fünf Tage, nachdem wir auf der Suche nach einem Parkplatz durch Castiglione della Pescaia gekurvt sind, erreichte uns aus der Toscana heute per Einschreiben eine Busse für “unerlaubtes Fahren in Stadtteil mit eingeschränktem Verkehr”.

Wieviel wir für diesen Frevel bezahlen müssen, geht aus der zweisprachig ausgefertigten “Festellung der Übertretung der Strassenverkehrsverordnung” nicht auf den ersten Blick hervor, und auf den zweiten eigentlich auch nicht: “Wenn die Zahlung innerhalb von 5 Tagen ab Zustellung des Vergehens erfolgt, wird der zu entrichtende Betrag um 30% verringern (d.h. Zahlungsminderung)”, heisst es in dem von Polizeikommandant Dott. Fabio Pieri höchstselbst abgestempelten Dokument mit der Protokollnummer V/11961K/2015.

Und weiter: “Der zu entrichtende Betrag innerhalb von 5 Tagen ab Zustellung beläuft sich auf Euro 56,70 + Euro 17,90 für Verfahrenskosten und Zustellungskosten (Gesamtbetrag Euro 74,60). Innerhalb von 60 Tagen ab Zustellung beläuft sich der ganze Betrag auf Euro 81 + Euro 17,90 für Verfahrenskosten und Zustellungskosten (Gesamtbetrag ohne Zahlungsminderung Euro 98,90). Wenn Sie nach Ablauf der Frist von 60 Tagen die Geldstrafe noch nicht beglichen haben, steigt der Betrag gemäss Art. 203 StVO um Euro 180,90.”

Einsprachemöglichkeiten gebe es im Übrigen so gut wie keine: Die zuständige Behörde halte uns “bis zum Beweis des Gegenteils für verantwortlich”.

Das ist natürlich auch eine Methode, um an das Geld anderer Leute zu kommen: Man schickt ihnen eine Rechnung, die dermassen kompliziert abgefasst ist, dass die Empfänger bis weit über die zahlungsmildernde Frist hinaus mit Entschlüsseln beschäftigt sind.

Die Polizei per Mail zu fragen, was genau wir ihr nun schuldig seien, brächte wenig: Bis wir polizia.municipale@comune.castiglionedellapescaia.gr.it in die Adresszeile getippt haben, ist auch der letzte Discount-Überweisungstermin passato.

Inselleben (III)

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Tag 4, in aller Herrgottsfrühe, aber doch schon bei Tageslicht

Das waren idyllische Zeiten damals, als man sich seinen Platz am Pool morgens um 3 noch mit einem aus Hotelbeständen requirierten Badetüechli sichern konnte.

Heute – ich raune nur: “Globalisierung” – wird der Kampf um die Liegen mit ans Unhöfliche grenzender Skrupellosigkeit geführt (siehe Bild oben).

Nicht nur, aber auch darum geht es mit manchen

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Baustellen in Playa del Inglés

und überhaupt mit der ganzen Nation inklusive des angrenzenden Kontinents, aber exklusive der Stadt Burgdorf, nur schleppend vorwärts, um nicht zu sagen, bachab: Ohne Absperrband kein Bau kein Haus kein Quartier kein Lidl keine Kitas kein Wachstum keine Zukunft für Spanien keine Perspektiven für Europa.

Schön ist, dass das alles den Pflanzen und Blumen nicht das Geringste ausmacht, ganz im Gegenteil. Sie hecken mit einem an die sehr junge Doris Leuthard gemahnenden Ehrgeiz immer neue Strategien aus, um sich genauso weiterzuentwickeln, wie der alte Darwin sich das vorgestellt hatte, als er auf Galapagos schildkrötensuppenschlürfend seine Evolutionstheorie erfand.

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Die Flora Nicotinalis etwa (siehe erneut Bild oben) wächst bevorzugt vor kanarischen Hotels in feinem Sand und gedeiht besonders üppig, wenn ihr mit Zigarettenstummeln regelmässig Stoff zugeführt wird. Wasser braucht sie ebensowenig wie Dünger oder anderes giftiges Zeugs.

Tag 4, Hai nun: Wir müssen unser Verhältnis zu unseren Nachbarn überdenken, und zwar schnell, oder noch besser natürlich: Die Nachbarn ihr Verhältnis zu uns, aber grau, mein Freund, ist alle Theorie, wie schon der grosse Genfer Astrochemiker Steve Lukather proklamierte, bevor er in Musik zu machen begann, um auf den Bühnen dieser Erde unendlich viel mehr Geld und Ruhm zu ernten als jemals zuvor in seinem improvisierten Labor in der Rue de Rosanne, weshalb es wieder mal an uns hängenbleibt, den ersten Schritt zu tun.

Also dann:

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Hinter dem Wändli links von meinem Hotelbalkon (siehe schon wieder Bild oben. Sorry. Ich könnte die Fotos auch unten hinstellen, doch dann müsste man seine Augen ja trotzdem vom Text nehmen, um sie mit einem leisen Platschen auf den dazugehörigen Helgen werfen zu können, was ähnlich umständlich wäre, wenn nicht noch umständlicher, weil man nachher mit dem Blick wieder Zeile um Zeile hochklettern müsste, und das kann, wenn ein paar Zeilen zusammenkommen, was ohne Weiteres passieren kann, wenns grad so schreibt mit einem, schon ziemlich anstrengend werden.) leben ein älterer Mann und eine vermutlich noch etwas ältere Frau. Seit vier Tagen und drei Nächten wohnen wir nebeneinander. Ich sehe sie ab und zu, sie sehen mich öppedie, und trotzdem wissen wir voneinander nicht das Geringste; nicht einmal unsere Nationalitäten oder Sozialversicherungsnummern.

Sind die beiden ein Ehepaar, das hier seine Goldene Hochzeit feiert und immer dann, wenn ich weg bin, hochtourig daran arbeitet, sich doch noch den seit Jahrzehnten gehegten Kinderwunsch zu erfüllen? Oder Nachfolger von Bonnie & Clyde, die auf dem Festland eine Bank ausgeraubt haben und in diesem Hotel nun als gmögige Rentner getarnt darauf warten, dass sich der Ermittlungsstaub ein bisschen legt? Oder handelt es sich bei ihnen um psychosom psychia physio irre Serienkiller, die nächtens über die Insel streifen, um junge Frauen zu jagen, die sie in ihrem Bad im Zimmer 185 dann nach allen Regeln der Kunst ausweiden, so dass sie die Innereien den arglos über den Markt schlendernden Touristen immer am Samstag als einheimische Spezialitäten feilbieten können?

Markt
(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Jedenfalls: Wenn eines Tages die Polizei bei mir vorbeikommen und mich fragen würde, was das so für Leute (gewesen) seien, nebenan, müsste ich sagen: “Keine Ahnung. Die waren völlig normal. Total unauffällig,” Das sagen die Menschen ja immer, wenn sie am Fernsehen kommen, weil sich herausgestellt hat, dass es gute Gründe dafür gab, dass der liebe Günther von gegenüber ein jederzeit verfügbarer Babysitter war.

Auch die Leute, die seinerzeit neben dem Führerbunker hausten, hätten über ihren Nachbarn bestimmt dasselbe gesagt, wenn ihnen am Ende, als alles vorbei war, ein RTL-Reporter ein Mikrofon unter die Nase gehalten und gefragt hätte, wie er denn zu Lebzeiten gewesen sei, der abgebrannte Typ auf dem etwas heruntergekommen wirkenden Grundstück dort hinten: “Der Adolf? Keine Ahnung. Der war völlig normal. Total unaufällig.”

Deshalb, finde ich, müssen wir den Umgang mit unseren Nächsten neu ordnen, auch wenn sie morgen möglicherweise schon verschwunden sind. Damit so etwas nie wieder passiert. Ich gehe gleich mit gutem Beispiel voran und sage den beiden hinter dem Wändli Hallo, wenn ich an ihnen vorbei zum Strand hinunter bummle. Falls in diesem Blog bis am Montag nichts mehr zu lesen sein sollte, wäre ich froh, wenn jemand aus der Leserschaft die lokalen Behörden verständigen würde.

Abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass noch kein Mensch vor mir je eine Palme aus einem derart extremen Winkel fotografiert hat wie ich gestern Nacht, ämu kaum in dieser Hotelanlage, und ganz bestimmt nicht mit meinem Handy:

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Sturz durchs Zeitloch

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Eine kleine Notiz bescherte uns einen grossartigen Abend: Auf Facebook teilte der FC Beinwil am See mit, er treffe am Samstagabend im Seetaler Derby auf Meisterschwanden. Als ich das las, bekam ich aus heiterem Himmel chli Heimweh.

Weil es auch meine Frau wunder nahm, wo ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht hatte, fuhren wir kurzentschlossen aus dem Emmen- ins Seetal.

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Der FC Beinwil war ein fester Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebens: Beim FC Böju habe ich getschuttet und Junioren trainiert. Später, als Redaktor beim Wynentaler Blatt, schrieb ich über ihn (und zwar immer mit einem My mehr Herzblut als über die anderen Clubs; jetzt kann ichs ja sagen).

Der FC Böju: Das sind für mich glorreiche Siege, unverdiente Niederlagen, turbulente Grümpelturniere, bierselige Samstagabende, endlose Fahrten in die hintersten Ecken des Aargaus, Trainings im strömenden Regen und bei brütender Hitze, Grundsatzdiskussionen mit Vätern, die nicht verstehen konnten oder wollten, dass auch ihr Sohn keinen Stammplatz habe, meist kurzweilige Vorstandssitzungen und gemütliche Jahresendhöcks in der verschneiten Waldhütte.

Natürlich: Das alles gibt es in zig Vereinen landauf und -ab auch. Doch während man anderswo mit dem einen Auge ständig auf die Tabelle und mit dem anderen ununterbrochen in die Kasse schielte, stand in Beinwil am See etwas über allem anderen, was auch der potenteste Sponsor nicht herbeikaufen kann: Das Menschliche.

Als ich mit Chantal gestern Abend durch das Gittertor beim Sportplatz Strandbad gegangen war, merkte ich sofort, dass sich daran nichts geändert hat. Vom Grössenwahn, der schon manchen FC nach dem Aufstieg in die 2. Liga erfasst hat und der im Verbund mit Neid und Ehrgeiz auch die harmonischste Clubstruktur innert weniger Monate von innen zerfressen kann, ist am westlichen Ufer des Hallwilersees nichts zu spüren.

Entsprechende Befürchtungen hatte ich allerdings nie ernsthaft gehabt. Einerseits wird der FC Böju seit Jahr und Tag von meinem besten Freund Martin Hintermann (rechts im obersten Bild) geführt. Er alleine ist mit seiner bodenständigen Art ein Garant dafür, dass keines der weit über 200 Aktivmitglieder auf die Idee kommen kann, abzuheben, nur, weil man jetzt in einer höheren Spielklasse mitwirkt.

Darüberhinaus arbeiten im Hintergrund des Vereins zig Männer und Frauen mit, die wissen, wie man “Kontinuität” buchstabiert und die im FC so fest verwurzelt sind wie ein Mammutbaum in der Erde. Fremde Fötzel auf der Suche nach Schwarzgeldverstecken sind im FC Beinwil am See ebensowenig willkommen wie Egoisten, die auf und neben dem Spielfeld ihre Profilierungsneurosen ausleben wollen.

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Die Rückkehr auf das vertraute Terrain fühlte sich an wie eine weiche Landung nach einem Sturz durch ein Loch in der Geschichte: Der Platz, der Kiosk, die Festbeiz und die Unterstände für die Trainer und Ersatzspieler sehen noch fast genau gleich aus damals, als ich die 16 auf dem Rücken des gelbblauen Leibchens trug. Über allem liegt der vertraut-herbe Duftmix aus Dul-X, Schweiss und Bratwürsten. Verschwunden sind die Zuschauerbänkli hinter den Seitenlinien. Dafür gibt es eine elektronische Anzeigetafel auf dem Dach der Garderobe und eine hochwattige Flutlichtanlage und einen Kugelgrill plus einen Fan, der die Böjuer mit seinem Megaphon akustisch verstärkt.

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(Bild: pd)

Der Match selber war…naja. Wir haben gewonnen, doch in die engere Wahl für den Friedensnobelpreis wirds das Spiel kaum schaffen. Nach dem Abpfiff stürmte ein gegnerischer Fan auf den Rasen und streckte einen der Böjuer Akteure mit einem Faustschlag nieder. Wenig später war die Platzwunde am Kopf verarztet und die Polizei vor Ort, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mit all den Helden von früher, die sich das Seetaler Derby ebenfalls nicht entgehen lassen wollten, hätte sich beinahe eine komplette Mannschaft bilden lassen.

Die Freude und Herzlichkeit, mit der die ehemaligen Sportsfreunde Chantal und mich begrüssten, hatte etwas Rührendes. Es gab kein Fremdeln und kein Beschnuppern. Vielmehr fühlte es sich an, als ob seit unserem letzten Treffen nur fünf Tage und nicht 25 Jahre vergangen wären.

Als wir nach Hause zurückfuhren, wusste ich: Es gibt Bänder, die nie reissen. Auch wenn die Zeit noch so lange an ihnen zerrt.

Das Wunder von Playa del Inglés

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“Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzeigen”, schrieb ich in meinem Beitrag zum Thema “iPhone-Klau”.

Als ich das tippte, ahnte ich nicht, wie aufwendig es sein würde, den Verlust meines Handys juristisch korrekt abzuwickeln.

Touristen, denen etwas abhanden gekommen ist, müssen sich als Erstes beim Cuerpo Nacional di Policia in Madrid melden. Dieses teilt ihnen eine Nummer zu und ein Revier, auf dem sie damit vorsprechen können.

Soweit die Theorie.

In der Praxis hangelte ich mich gestern Morgen anderthalb Stunden lang von einer madrilenischen Telefonwarteschleife zur nächsten, ohne auch nur einmal einen realen Menschen zu hören. Irgendwann erachtete ich die Zeit als gekommen, die Dinge ein bisschen zu beschleunigen. Ich ging zum Hotelempfang und fragte eine der diensttuenden Damen, ob sie mir dabei behilflich sein könne.

Gemeinsam surften wir durch die Homepage des Nationalen Polizeicorps von Spanien, bis wir eine Möglichkeit gefunden hatten, ein eigentlich nur für Einheimische gedachtes Anzeigeformular auszufüllen. Wenig später hatte ich eine Fall-Nummer, mit der ich mich auf dem Posten in San Fernando melden konnte.

Dort angekommen, überreichte ich das Papier einem Beamten. Er überflog es und sagte nur “Wait!”

Während ich waitete, sah ich aller Gattig Lüüt kommen und gehen: Einen hochbetagten Senior mit frisch gegipstem Arm und wasserfallartig plappernder Gattin; zwei junge Frauen in Begleitung eines Mannes, der mich spontan an Fors vo dr Lueg erinnerte, nur ohne Hörner und nicht so schön tschäggett, einen Teenager mit einem zugeschwollenen blauen Auge und Blutflecken auf dem Hemd und eine weitere Frau mit einem grossen Holzventilator in der Hand.

Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten, als ich von einem Polizisten in dessen Büro gebeten wurde. Unsere Unterhaltung verlief ziemlich zähflüssig, weil er nur bruchstückhaft Englisch sprach und ich des Spanischen nicht übertrieben mächtig bin. Am Ende hatten wir die Verlustmeldung (siehe oben) aber beisammen.

Zwischen dem Moment, in dem ich zum ersten Mal nach Madrid telefonierte, und dem Augenblick, in dem ich den Polizeiposten von San Fernando verliess, lagen gut fünf Stunden.

Nachdem ich ins Hotel zurückgekehrt war, schrieb ich meiner Frau, es sei alles in Ordnung. Ich würde das Dokument am Montag der Versicherung in der Schweiz faxen. Schon am Vorabend hatte Chantal dafür gesorgt, dass die Swisscom meine Handy-Nummer sperrte, womit eines meiner besten Stücke für seinen neuen “Besitzer” mehr oder weniger wertlos geworden war.

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Der Rest des Tages verlief weitgehend ereignislos. Als der Mond aus dem Meer stieg, wurde in der Hotelanlage die tupfgenaugleiche Flamenco-Show geboten wie vor einem Jahr (und zwar, wenn mich nicht alles täuschte, auch vor dem tupfgenau gleichen Publikum), weshalb ich mich um 21 Uhr herum in mein Schlafgemach zurückzog, um zu lesen.

Die Zimmertüre war noch nicht ins Schloss gefallen, als das Telefon auf dem Nachttischli surrte. Ich hob den Hörer ab – und hatte zu meiner ebensogrossen Überraschung wie Freude Chantal am Apparat.

Vorhin, sagte sie, habe ein gewisser “Tom” aus Gran Canaria ihr mitgeteilt, dass er mein iPhone gefunden habe.

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Doch unter der Nummer, die Chantal mir angegeben hatte, meldete sich tatsächlich ein Tom. Ja, bestätigte er, mein Handy sei bei ihm. Und, klar: Ich könne es gleich abholen.

Ich eilte aus dem Hotel, rief ein Taxi und fuhr zum zweiten Mal an diesem Tag nach San Fernando. In einem abseits gelegenen, spärlich beleuchteten und irritierend verwinkelten Viertel voller kleiner Häuser, die alle gleich aussehen, fanden der Fahrer und ich Toms Hütte with a little help von einem Einheimischen nach einigem Suchen.

Ich stieg aus und klingelte. Hinter der weiss getünchten Mauer kläffte ein Hund wie wild. Nach einer Weile hörte ich Schritte. In einem Fensterchen in der Türe erschien ein Gesicht. Er sei Tom, sagte der Mann, und reichte mir das iPhone durch die Öffnung. Er habe es in einem Taxi gefunden, oder bei einem Taxistand, sagte er. Ich drückte ihm einen üppigen Finderlohn in die Hand. Mehr zu reden hatten wir nicht.

Auch wenn die Umstände seines Comebacks nicht völlig geklärt sind und wohl für immer im Halbdunkel bleiben: Mein iPhone und ich feierten unser Wiedersehen ausgelassen bei einem halben Liter Mineral und versprachen uns dabei feierlich, uns nie mehr aus den Augen zu verlieren.

Übrigens: Auf Facebook hatte ich nach dem Verlust des Handys geschrieben, “Chantal kümmert sich jetzt auf der Heimbasis um den Fall. Das heisst: Alles wird gut.”

Et voilà.

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“Die Kriminalität ist auf Gran Canaria nicht sonderlich hoch”, behauptet das der lokalen Tourismusbranche vermutlich nicht allzu fernstehende “Informations”portal grancanariaonline.com.

“Nicht sonderlich hoch”? Naja:

Mitte Juli erstach in Playa di Arinaga eine Frau ihren Freund.

Wenig später entdeckte die Polizei in einer Wohnung in Las Palmas die stark verweste Leiche einer Frau, die allem Anschein nach ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefellen war.

Ebenfalls im Juli wurde ein Deutscher verhaftet. Er soll Ualauban grosse Rabatte auf Reisen versprochen haben, die keinen Wert hatten.

Am letzten Samstag fanden Ordnungshüter in La Orotava die Leiche eines neugeborenen Babys; sie lag in einem Müllsack. Die Mutter sitzt hinter Gittern.

Vor diesem Hintergrund ist mein “Fall” kaum der Rede wert: Mir wurde gestern Abend das iPhone geklaut, das ich erst vor ein paar Wochen gekauft hatte.

Eben sass ich mit ihm noch, nichts Böses ahnend, in einem Beizli am Strand. Wie zwei Frischverliebte teilten wir uns einen Stracciatella-Pistache-Coupe (ohne Rahm, wegen ihm). Dann machte ich mich auf den Weg zum Hotel. Als ich beim zehn Meter vom Café entfernten Taxistand vorbeiging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Oder genauer gesagt: Dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Ein zögerlicher Griff in die Hose bestätigte, was mein Unterbewusstsein sofort vermutet hatte: Das Handy war weg.

Und mit ihm 6004 Lieder, über 3000 Fotos, sämtliche Unterlagen der Szenerie Burgdorf, unzählige Mails und SMS, Kalendereinträge, einige harmlose, aber aufwendig gedrehte Filme, die Jass-App, die Wetter-App plus, last but absolut nicht least, die Möglichkeit, jederzeit meinen Schatz anrufen zu können, nur, um kurz ihre Stimme zu hören.

Aber gut: Immer noch lieber kurz von der Aussenwelt ab- als in einem Apartment aufgeschnitten.

Glücklicherweise I wurden meine Kommunikationswege nicht komplett veschüttet. Und glücklicherweise II ist das meiste, was mir abhanden gekommen ist, auf dem Compi zuhause gespeichert. Ich werde das neue Handy nur an ihn anschliessen müssen, und schwupp: Sind Toto, Deep Purple, Abba, die Halunke, Mark Knopfler, die Hochzeits- und Ferienbilder, die Termine (Juhui!) sowie die privaten und geschäftlichen Korrespondenzen wieder da.

Das ist ein Grund zum Feiern. Wir machen ein bisschen Musik:

Kaum im Hotel angekommen, warf ich den Laptop an, um Chantal zu schon sehr vorgerückter Stunde zu bitten, die Swisscom-Hotline anzurufen und das iPhone sperren zu lassen. Wenig später meldete sie: Alles ok.

Von der Poolbar aus, an der die anderen Gäste andächtig einem Soulsänger lauschten, der Harry Belafonte nachmachte, rief ich dem Dieb, der sich bestimmt schon auf eine lange Jassnacht gefreut hatte, ein hämisches “Ha!” hinterher. Daraufhin tippte ich ein paar Mails an Leute, die in meinem Leben sonst nur eine sehr periphere Rolle spielen, für mich jetzt jedoch schlagartig sehr wichtig wurden.

Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzuzeigen.

Auf eine merkwürdige Weise bin ich sehr gespannt darauf, die echten Kollegen von Paolo Cruz und (dem inzwischen wohl eher unehrenhaft aus dem Dienst ausgeschienenen) Daniele Corrida kennenzulernen.

Nachtrag: Das Handy ist tags darauf wieder aufgetaucht.

Voll erwischt

Aufgang

Samstag, 15. Dezember 2012: Als ob sich das Universum zu Chantals 30. Geburtstag etwas ganz Besonderes hätte einfallen lassen, erlebe ich auf dem Balkon des Ocean International Hotels gerade den faszinierendsten Sonnenaufgang meines Lebens.

Zuerst war am Horizont nur ein minimunziges pinkfarbenes Chnöpfli zu sehen. Innert Sekunden wuchs der Tupf zu einer imposanten glutroten Kugel heran, deren unterer Rand sich wabernd über die ganze Breite des Meeres erstreckte . Nun reflektiert sich das Licht des Feuerballs in unzähligen Spiegeln aus Wasser, die die Ebbe auf dem Sand zurückgelassen hat.

In den Palmwipfeln erzählen kunterbunte Morgenmoderatoren von Radio Papagei mit ansteckender Munterkeit, was letzte Nacht am Strand und in der Stadt passiert ist und womit heute zu rechnen sei. Besonders aufgestellt wirkt der Wetterverantwortliche: “Im Moment haben wir noch frische 21 Grad. Im Laufe des Tages steigen die Temperaturen aber auf 32 Grad an”, jubiliert er.

Auf unserer

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Reise nach Cairns (“20” ist Sydney; der Tropfen ganz oben steht für unseren aktuellen Aufenthaltsort) sind wir in Mackay angelangt. Die gestrige Etappe durch Queensland verlief nicht ganz störungsfrei: Zuerst spickte ein Kieselstein in die Frontscheibe unseres Autos. Er hinterliess im Glas einen kleinen Kratzer.

Stunden später wurden wir von einer Einmann-Polizeistreife aus dem Verkehr gezogen, weil wir auf dem Bruce Highway mit 114 statt 100 Stundenkilometern dahingebraust waren. Die Folgen: 220 Dollar Busse plus drei Punkte im australischen Flensburg. Angemessen zerknirscht versprachen wir dem bemerkenswert freundlichen Officer, uns ab sofort sklavisch an die gesetzlichen Vorgaben zu halten.

Busse

Aber mir wei nid chlage. Immerhin haben wir nicht, wie zig andere Automobilisten vor uns, ein Känguruh totgefahren. Kadaver dieser Tiere verwesen am Strassenrand alle paar hundert Meter vor sich hin. In der Schweiz würden die zerfetzten Überreste der Opfer unmittelbar nach dem Unfall amtlich beseitigt. Hier überlässt man die Entsorgung den Raubvögeln und Dingos.

Nachdem wir seit dem Start in Byron Bay schon um die tausend Kilometer abgespult haben, ist jetzt Sonnenbaden und Shoppen angesagt. Vom Schwimmen im Meer und dem Durchstreifen von touristisch nur mässig erschlossenen Gebieten wurde uns abgeraten, weil sich im Norden der Ostküste um diese Jahreszeit gerne Haie, Quallen, Stachelrochen und Alligatoren tummeln.