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Schlagwort: Preise

Ein stierisch gmögiger Pfundskerl

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(Bild: Schatz)

Wir haben uns schon einmal gesehen, Fors vo dr Lueg und ich, und zwar genau am Sonntag, dem 1. September 2013, wobei: ich sah damals, als er durch die Emmental-Arena des Eidgenössischen Schwing- und Älperfestes in Burgdorf geführt wurde, ungleich mehr von ihm als er von mir, und ziemlich sicher war ich von ihm auch deutlich stärker beeindruckt als umgekehrt. Er war in jenen Minuten der grosse Star, während ich im Sektor X in Reihe Y unter über 50 000 Menschen höckelte und röchelnd von meinem Sitz hätte fallen können, ohne, dass das jemandem aufgefallen wäre.

Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und wäre er damals tot umgekippt oder durchgebrannt: auf der Medientribüne hätten die Dutzenden und Aberdutzenden von Sport- flugs durch Katastrophenberichterstatter ersetzt werden müssen, und noch in grob geschätzt 483 Jahren würden die Menschen, wenn sie über das ESAF in Burgdorf reden, vollautomatisch eine Schweigeminute einlegen, um ihm oder all jener zu gedenken, die damals in den ersten Reihen sassen und beim „Muninferno“ (wie der „Blick“ auf der Frontseite seiner 16seitigen Sonderausgabe titelte) flach herausgekommen waren.

Nun trafen wir uns wieder, und zwar wars – ich glaube, das ist genau das, was uns verbindet und die sozusagen in Sägemehl gegossene Basis unserer Beziehung darstellt – erneut an einem Schwinganlass; genauer: am „Oberaargauischen“ in Seeberg-Grasswil. Ich begleitete meinen Schatz, er den amtierenden Schwingerkönig, und als wir uns unter dem mit grauen Wolken verhangenen Himmel zum ersten Mal überhaupt direkt in die Augen blickten, wussten wir in derselben Sekunde mit absoluter Gewissheit: gleich beginnts zu regnen.

Er hatte, fand ich, ein bisschen abgenommen in den letzten Monaten. Das mag einerseits daran liegen, dass er als Eidg. Siegermuni ziemlich viel Arbeit hat, und andrerseits daran, dass er nebenbei noch als Model arbeitet. Fors ist mittlerweile mehrfacher Vater und amtierender Mister Thun. Oesch’s die Dritten, die wohl berühmteste Volksmusiktruppe der Schweiz, haben ihm, den potentesten Promi zäntume, sogar ein Lied auf den rund eine Tonne wiegenden Leib geschrieben:

Doch er nimmt den Rummel, der bisweilen um ihn herum veranstaltet wird, gelassen. Ohne Extrawürste zu verlangen, geniesst er seine Freizeit mit einigen Artgenossinnen und einem Haufen Truthähne auf dem Thanhof von Simon Hertig, dem Cousin von Schwingerkönig Matthias Sempach, im idyllischen Ranflüh. Ab und zu zeigt er sich an Sponsorenanlässen. Zweimal pro Woche geht er zum Samenspenden. Letzteres ist für ihn mit mehr Arbeit verbunden, als mann vielleicht denkt.

Einmal hat die „Schweizer Illustrierte“ ihn auf die Büez begleitet. Als der Reporter seine Eindrücke anschliessend in Worte zu packen versuchte, muss ihm selber fast ein Schuss abgegangen sein: „Tierpfleger Leo Grünenfelder lässt ihn zweimal einen anderen Stier von hinten bespringen – Blindsprünge. Jetzt ist Fors giggerig genug – auf gehts zum Finale! Zum Absamen, wie es unter Fachleuten heisst. Breitbeinig nimmt Fors Stellung vor dem Bock, schnaubt und grunzt. Und springt! Der Oberkörper bleibt oben, innert Sekundenbruchteilen folgt ein Nachsprung – die Hinterbeine in der Luft. Leo Grünenfelder reagiert blitzschnell. Er weiss genau, in welchem Augenblick er den Samen mit der 41 Grad warmen ‚künstlichen Vagina‘ abzapfen muss. Im nächsten Augenblick steht Fors wieder auf allen vieren. In einer Stunde ist er nochmals an der Reihe. Dann ist Feierabend!“

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50 Franken kostet eine Dose „Fors flüssig“, und wenn der Pfundskerl auf diese Weise, wie geplant, tatsächlich 8000 Kälbchen zeugen würde, käme eine schöne Stange Geld zusammen. Doch Fors wäre nicht Fors, wenn er das alles für sich behalten würde. Er und sein Chef spenden fünf Franken pro Büchse an Nachwuchsschwinger und eine Organisation, die sich um Kinder in der Schweiz kümmert.

Das alles und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als wir in Seedorf nebeneinander standen. Nicht ohne Ehrfurcht und mit allem gebotenen Respekt beugte ich mich ein bisschen zu ihm hinunter, um unser Treffen für die Nachwelt mit einem Selfie zu dokumentieren. Als unsere Augen auf derselben Höhe waren, stupste er mich mir seinem linken Horn leicht an. Es war, als ob er mir auf diese Weise hätte sagen wollen: „Du bist gerade dabei bist, vor allen Leuten ein Bild von dir und einem Stier zu schiessen. Ist dir das wirklich ernst?“

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Notizen aus dem Morgenland (V)

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Zu den vielen Geheimnissen des Orients gehören die Taxitarife in Maskat. Sie werden von den Fahrern nach Gutdünken festgelegt; wer sich nicht vor dem Start nach dem Preis erkundigt, kann teure Überraschungen erleben.

Für den viertelstündigen Transfer vom Flughafen zum Hotel berappten wir 10 Rial oder umgerechnet 28 Franken. Am nächsten Tag legten wir für eine relativ kurze Fahrt in den alten Stadtteil stolze 7 Rial hin (was insofern einleuchtet, als der junge Mann am Steuer, wie er uns wortreich darlegte, auf eine Frau samt Haus hinarbeitet). Der ungleich längere Trip zurück zu unserer Unterkunft kostete mit 4 Rial dann knapp die Hälfte. Zwischendurch liessen wir uns von einem alten Mann von A nach B bringen. Auf die Frage, was er dafür haben wolle, sagte er, wir könnten ihm geben, was immer wir als angemessen erachten würden.

Omanische Taxichauffeure sind ausgesprochen freundlich und so gesprächig wie eine durchschnittlich gut aufgelegte Schweizer Coiffeuse. Statt einfach an einem Standplatz darauf zu warten, dass jemand an ihre Autoscheibe klopft, werben sie aktiv für ihre Dienste, indem sie potenzielle Kundinnen und Kunden von hinten anhupen.

Alternativen zu den Taxis gibt es kaum. Zum Velofahren ist es tagsüber zu heiss. Abgesehen davon sind die Verkehrsregeln für viele Automobilisten nicht mehr als unverbindliche Empfehlungen. Und auf die Idee, die Eisenbahn zu erfinden, ist in dem Sultanat noch niemand gekommen.

Was die Busse betrifft: Ein 24 Stunden-Ticket für den Hop on/Hop of-Bus kostet über 50 Rial (zum Vergleich: in London kostet ein 48 Stunden lang gültiges Billet für dasselbe Verkehrsmittel 36 Franken). Das mieche für meinen Schatz und mich zusammen 280 Franken, und das jeden Tag. Für soviel Geld können wir ziemlich oft und weit taxifahren.

Oder, je nachdem, auch nicht.

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Bald steigen auf Gran Canaria die ersten Manne i d Hose

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Wer einmal in aller Ruhe darüber nachdenken kann, was noch fehlt auf der Welt, kommt – vor allem als Burgdorfer – eher früher als später auf die Idee, auf Gran Canaria ein Schwingfest zu veranstalten, mit allem.

Als Chef des aus mir bestehenden Organisationskomitees für „Hosaslupfas2014“ habe ich mich heute Morgen an die Vorbereitungsarbeiten gemacht. Nun sind sie abgeschlossen. Was noch fehlt, sind die Schwinger, aber die kommen dann schon, wenn sie merken, was hier bald los ist.

Meine erste Amtshandlung war die Besetzung des Ehren-OK. In dieses berufen habe ich meine Frau, meinen Bruder und meine Schwägerin, und falls jetzt jemand murmelt, „huere Vetterliwirtschaft, das.“, brülle ich ihm in aller Gelassenheit entgegen: „WAS, VETTERLIWIRTSCHAFT?!? Bei Anlässen dieser Grössenordnung sind – um mit dem grossen Astronauten Charles Darwin zu sprechen – nur „The Fittest“ gefragt! DIE WÄGSTEN UND CHÄCHSTEN!, und wenn ich das mit der Vetterliwirtschaft noch einmal höre, häscherets!!!“

Nachdem das geklärt ist, kommen wir nun zu den infrastrukturellen und technischen und anderen Aspekten des Events (das Wort „Event“ habe ich bewusst gewählt, um auch potenzielle Zuschauerinnen und Zuschauer unter 90 anzusprechen).

Die Arena ist bereit

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und provisorisch grächelet. Gegen Abend kommt noch ein Stadion drauf.

Der Kran für die TV-Kameras muss noch kurz etwas anderes fertigmachen, steht dann aber unbeschränkt für „HL14“ zur Verfügung.

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Puristen mögen jetzt einwenden, das sei ja gar keine Sägemehl da unten, in der Arena. Da habe es bloss Sand wie, äh, Sand am Meer.

Dazu kann ich nur sagen: „Wer muss soweit wie möglich mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten? Wer achtet aufs Geld? Was ist mit dem Umweltschutz? Und überhaupt: WER IST HIER DER OK-PRÄSIDENT, WERELIWER?!?

Zu meinem Entzücken durfte ich schon kurz nach Beginn der Planungsbüez feststellen, dass es im Grunde genommen gar nicht viel zu planen gibt. Es ist ja und sind ja schon alles und alle da.

Die Vorverkaufsstelle:

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Für jeden Ansturm gerüstet.

Der Brunnen:

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Sprudelt wie verrückt.

Das Kommunikationszentrum:

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CNN und BBC werden juchzen.

Kulinarisch:

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Es hat für alle von allem genug.

Kampfrichter:

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Bis in die Haarspitzen motiviert.

Partymeile:

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Schluckt auch unüberschaubare Menschenmassen.

Unterhaltungsprogramm für reifere Besucher:

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Niemand bleibt sitzen. Und alleine.

Unterhaltungsprogramm für jüngere Gäste:

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Aber sicher!

Hütedienst:

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Ihr Kinderlein kommet.

Verkäufer der Gangblätter:

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Eingeschleust (und zwar zum Teil von weit her).

Schwingveteranen, die immer benörgeln, früher, als „Kanarische“ noch 400 mal kleiner waren, sei alles besser gewesen:

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Im Anmarsch.

Ehrendamen:

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Konnten für die nächsten drei Tage fast ohne Gewaltandrohung von ihren Partnern getrennt werden.

Relaxingzone für die Aktiven:

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Nochli ein Puff, aber zum Anschwinget betriebsbereit.

Gabentemptel:

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Steht.

Lebendpreis:

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Voilà.

Das wärs glaub schon, glaube ich. Als Helferinnen und Helfer stehen die bewährten Kräfte der Szenerie Burgdorf im Einsatz.

Weitere Zahlen und Fakten können hier nachgelesen werden (einfach „Burgdorf“ durch „Playa del Inglés“ und „Emmental“ durch „Gran Canaria“ ersetzen).

Auch wenn ich davon ausgehe, nichts vergessen zu haben, wäre ich froh, wenn mich einer der möglicherweise mitlesenden Organisatoren des letzten „Eidgenössischen“ – sagen wir: mein Nachbar Franco Rappa – auf allfällige Mängel aufmerksam machen würde, bevor die ersten Mannen in die Hosen steigen.

Die Berichterstattung über das weltweit erste „Kanarische“ erfolgt ab morgen Freitag um 8 Uhr schwingerkompatibel über Facebook, Twitter und so weiter, und so fort.

Obs damit klappt, hängt in erster Linie von der Qualität der Internetverbindung ab, und um die ist es auf den Kanar%“KP…ç=!…++C….///£:GA°…!)(;;T

Aber live fägts sowieso mehr. Echte Schwingfans wissen das. Sie haben ihre Plätze bereits eingenommen:

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Nachtrag 12. April: Das Fest findet nicht statt. Es haben sich exakt null Teilnehmer angemeldet, was das OK daran zweifeln lässt, dass die Veranstaltung burgdorfähnlich imposante Dimensionen annehmen könnte.

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Drei Franken für eine Minute Musik

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11. September 2001: Arabische Terroristen steuern Passagierflugzeuge in das World Trade Center und in das Pentagon.

11. September 2013: Roger Waters, der ehemalige Kopf von Pink Floyd, führt „The Wall“, das eine der beiden Jahrhundertwerke seiner Ex-Band, im Zürcher Letzigrundstadion auf.

Was die beiden Daten miteinander zu tun haben? Nichts, eigentlich. Ich brauche nur einen knackigen Einstieg für diesen Beitrag, weil mir für einen geistreicheren Anfang die Worte fehlten.

Abhanden kamen sie mir vorhin in der Ticket-Vorverkaufsstelle im Burgdorfer Bahnhof. Dort blätterte ich für die zwei „Wall“-Billete total SFr. 409.40 hin, wobei man den Halsabschneidern Dealern vom Ticketcorner zugute halten muss, dass die je sechs Franken Bearbeitungsgebühren in dieser Summe bereits enthalten waren.

Zweihundertvierfrankensiebzig: Soviel habe ich für einen Konzerteintritt in meinem ganzen Leben noch nie bezahlt.

Wenn ein Veranstalter sich vor 20 Jahren erdreistet hätte, mehr als hundert Franken für ein Billet zu verlangen, hätte er entweder die Beatles in Originalbesetzung plus Abba als Vorband plus Jimy Hendrix als Gastgitarrist plus Janis Joplin als Schubidu-Sängerin im Hintergrund auf die Bühne bringen müssen – oder dann wäre er noch vor dem Soundcheck Konkurs gegangen, weil es keinem Menschen eingefallen wäre, zu diesen Wuchertarifen ein Ticket zu posten.

Doch the times, they are, wie Bob Dylan schon vor grob geschätzten 837 Jahren gesungen hat, a-changing. Heute regt sich kaum jemand mehr auf, wenn er für eine Minute Livemusik mit drei Franken zur Kasse gebeten wird (wers nicht glaubt: „The Wall“ dauert auf CD

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66.35 Minuten.

Und 409.40 geteilt durch 66.35 macht…eben.

Der Waters-Gig ist jedenfalls so gut wie ausverkauft. Er wäre es vermutlich auch, wenn der Eintritt pro Kopf 300 oder 400 Franken kosten würde, weil: „The Wall“ ist ein einsam aufragendes Monument in der Musiklandschaft. Eine Ikone aus Klängen und Effekten. Der Wahnsinn – im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Oder kurz: Etwas, was man einfach gesehen haben muss, wenns schon einmal da ist.

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Der britische Musikprofessor und Rockkritiker Simon Frith erklärt diese „Ich will an dieses Konzert, koste es, was es wolle“-Mentalität in einem sehr lesenswerten Gespräch mit „Spiegel online“ so:

„Die Live-Erfahrung ist schon immer zentraler Bestandteil des musikalischen Erlebens und des Fantums gewesen. Wer würde schon sagen: Tolle Band, aber live würde ich die nie sehen wollen?“

An tollen Bands und Solisten fehlts in der Schweiz auch heuer nicht. Sie sind zu folgenden Preisen zu sehen und hören:

Bon Jovi oder Bruce Springsteen kosten mindestens 108 Franken,

Patricia Kaas oder Peter Gabriel kann man für 90, bzw. 85 Franken erleben.

Kiss oder Krokus gibts für 88, bzw. 70 Franken.

Wieso sich all diese und andere Schwergewichte nicht ein Vorbild an den Halunke nehmen, die im im Maison Pierre für 30 Franken und damit fast gratis auftreten: Niemand weiss es.

Das heisst – doch. Inzwischen kennen es ja alle, das traurige Lied von den Künstlern, die wegen des Internets kaum mehr Geld verdienen. Und die ihre Haut deshalb auf endlosen Tourneen durch die grössten Stadien rund um den Erdball so teuer wie möglich verkaufen müssen.

Laut dem Experten Firth explodierten die Tickettarife ab Mitte der 90er-Jahre: „Damals fingen die CD-Preise an zu sinken. Den Bands brachen daraufhin die Einnahmen weg, und der finanzielle Druck stieg, sich eine neue Geldquelle zu suchen. Später, durch die Digitalisierung, hat sich dieser Trend natürlich drastisch verstärkt.“

Von dieser Entwicklung könnten jedoch nur die Künstler in der Grössenordnung von U2, Madonna, den Rolling Stones oder, eben, Roger Waters profitieren. Kleinere Bands müssten schauen, wo sie bleiben, denn „ihnen fehlt das entsprechende Publikum – sowohl die reine Masse an Menschen als auch der Ruf, das hohe Eintrittsgeld wert zu sein. Neue Bands müssen ihre ersten Touren mittlerweile selbst subventionieren, bis sie sich eine signifikante Fangemeinde erspielt haben.“

Doch trotz allem Verständnis für die Existenzängste der musizierenden Zunft: Zweihundert Stutz für Roger Waters – das ist ebenso jenseits von der Normalität wie dessen „grandios-pompöses Multimedia-Spektakel“:

(Stimme von den billigen Plätzen im Leserkreis): „Sag mal: Hat dich jemand gezwungen, diese Tickets zu kaufen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Also. Was soll das Gejammer?“

„Das ist kein Gejammer. Das ist eine schon fast wissenschaftliche…“

„…hör doch auf. Du meckerst hier ständig über Preise für etwas, was du im Grunde gar nicht brauchst.“

„Natürlich brauche ich das.“

„Was?“

„Die Musik. Die Stimmung. Zu hören, wie etwas live klingt, was ich bisher nur ab Platte kannte.“

„Schon klar. Aber wenn dus schon brauchst, kannst du dafür ja auch bezahlen. Du bekommst ja auch etwas dafür.“

„Wie gesagt: Ich bezahle ja gerne, nur…“

„Eben. Dann hör auf zu motzen.“

„Ich motze nicht.“

„Tust du doch.“

„Gut, dann motze ich halt. Liest du hier ab und zu mit?“

„Klar. Ich bin dein grösster Fan. Ich lese alles von dir, auch den grössten Schrott.“

„Wunderbar. Ab sofort kostet ein Beitrag fünf Franken. Mit Bild machts acht Stutz, und wenn noch ein Video dabei ist, kann du mir eine Zehnernote überweisen.“

„Spinnst du jetzt?“

„Zwingt dich jemand, diesen Blog zu lesen?“

„Nein, aber…“

„Du brauchst das einfach, fürs Wohlbefinden und so.“

„Genau.“

„Et voilà“.

„Du wirst ja nicht ernsthaft diesen Blog mit einem Rolling Stones-Konzert…“

„…natürlich nicht. Ich sage nur…“

„Hör doch auf.“

„Hör du doch auf.“

„Depp.“

„Aff.“

„Idiot.“

„Hör mal: Ich muss hier weiter…“

„…mach nur. Ich bin weg. Für immer.“

„Auch gut. Du ziehst hier sowieso nur das Durchschnittsniveau der Leserschaft in den intellektuellen Abgrund.“

„Das war jetzt gemein.“

„Aber wahr.“

„Schreibst du morgen wieder etwas?“

„Mal sehen. Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Auf alles.“

„Super. Ich freu mich.“

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Aus dem Leben eines Playaboys (V)

(Der Palmenmann wollte auf keinen Fall, dass er bei seiner Tüechliherunterholaktion fotografiert wird. Deshalb muss ein notdürftig improvisiertes Symbolbild als Illustration genügen.)

Etwas vom Schönsten an Orten wie diesem ist ja, dass einen hier keine Sau kennt; und auch kein Mensch.

Dazu nur ein spontan aus dem ärmellosen T-Shirt geschütteltes und entsprechend absurdes Beispiel: Wenn der Wind ein Tüechli von der Terrassenbrüstung in den zweiten Stock der nächsten Palme weht und sich der Mann, zu dessen Zimmer die Terrasse gehört, gewungen sieht, das Tüechli zechelend und sich streckend und unter allerlei Verrenkungen vom Baum zu holen, mag das bei den vielen Leuten, die ihm, hocherfreut über die Abwechslung, dabei zugucken, für Heiterkeitsausbrüche sorgen, die nach Ansicht des Mannes an der Palme eher nicht angebracht sind.

Doch sobald die Misson accomplished ist, wendet das Gafferpack (ist doch wahr. Man könnte ja meinen, es fliege hier nie ein Gebrauchsartikel von A nach B) sich wieder seinen ursprünglichen Tätigkeiten zu: Es versucht, den komplexen Handlungssträngen in seinen Utadanellaromanen zu folgen, tippt Kurznachrichten („Roberto ist voll süss! Im Winter kommt er uns besuchen! Du wirst ihn liiiiieben!“) und erörtert, ob man es heute, am vierten Tag in diesem Hotel, jetzt vielleicht doch einmal riskieren könne, am Abend auswärts essen zu gehen, oder ob man nicht doch noch einmal hier speisen und morgen entscheiden wolle, ob man in die Stadt fahre.

„Stadt!“, sagt der Mann mit dem kümmerlichen Rest Autorität, den er sich in 15 Jahren Ehe mit einer Frau bewahren konnte, die, seit die Kinder aus dem Gröbsten heraus und bald fertig mit dem Studium sind, eine wie verrückt florierende Kita leitet und seit langer, langer Zeit im Gemeinderat sitzt, wo sie sich mit straffer Hand um das Soziale kümmert.

„Hotel!!“, sagt die Frau, und erinnert ihren Gatten daran, was die Begrüssungsapérodelegierte nach dem Einchecken zu den neuen Gästen gesagt hat; an das mit den Taxifahrern und den Appartmentverkäufern und den Mördern.

Mit Blick auf die nächsten 15 Ehejahre einigt man sich darauf, noch einmal innerhalb der Anlage zu tafeln.

Dieses Paar und all die anderen Menschen im Hotelgarten haben die Tüechlisache schneller vergessen, als der Palmenmann das Stück Stoff wieder über die Terrassenbrüstung legen und mit dem Aschenbecher, der so gut wie unbenutzt auf der Veranda des Nebenzimmers steht, beschweren kann. Wenn der Palmenmann das mit dem Beschwerenmüssen vorher gewusst hätte, wäre ihm etwas erspart geblieben, das bei ihm daheim auf Hundert und zurück Langzeitfolgen gehabt hätte. Er wäre im Quartier für immer und ewig derjenige gewesen, der sich vor zig Fremden einen von der Palme schütteln musste. Dass er nicht „einen“ von der Palme schüttelte, sondern „etwas“, und das von „schütteln“ keine Rede sein konnte – geschenkt. Das Stigma wäre er nie, nie mehr losgeworden.

Hier aber, in der Anonymität der Touristenmasse, in der es im Grunde jedem wurst ist, was der andere tut, braucht er sich nicht einmal für sein Missgeschick rechtzufertigen versuchen, indem er jeden und jede darauf hinweist, dass niemand – nicht einmal jemand, der fast drei Jahrzehnte lang an einem See lebte, an dessen Ufer alle fünf Minuten die Sturmwarnung losgeht – habe ahnen können, dass an so einem himmlischen Fleckchen Erde derartige Monsterböen um die Ecke geschossen kommen könnten.

Weniger schön an Orten wie diesem sind gewisse bauliche Eigenheiten. Diesen Fall

habe ich schon beim Landeanflug auf Las Palmas stirnrunzelnd studiert. Seither bin ich am Werweissen, ob da, unbemerkt von den Medien (und vertuscht von der Regierung!), einmal etwas ziemlich Grosses hineingeflogen (worden) sei, oder ob der Bauherr irgendwann einfach kein Geld mehr hatte, worauf die Handwerker ihr Wärli packten und sich daran machten, etwas weiter rechts das nächste Bijou aus dem sandigen Boden zu stampfen.

Erst jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, fällt mir auf: Neun von zehn Männern bestellen an Bars etwas Alkoholisches.

Ich mag das nicht vertiefen. Ich wills und kanns auch nicht werten. Es ist einfach so.

Wenn das kein Schnappschuss vor den Bug des Pulitzerpreis-Komitees ist: Mit diesem Bild zeige ich weltexklusiv – und erst noch farbig! – den Mann, der auf den Kanarischen Inseln das Wetter macht.

Daran, dass er sein Handwerk versteht, gibts keine Zweifel: Drei Stunden, nachdem ich ihn (Notiz an den Presserat: Ohne sein Wissen und nicht im Traum daran denkend, ihm zu erklären, dass ich das Bild unverpixelt veröffentlichen werde. Wenn ichs ihm gesagt hätte, wärs kein Schnappschuss mehr gewesen. Und mit gestellten Bildern muss man den Pulitzerleuten nun wirklich nicht kommen) fotografiert habe, wars auf der Insel schon nicht mehr so frostig:

Erkenntnis des Tages: Ich muss mich politisch noch stärker engagieren als bisher, und zwar mit den Schwerpunkten Finanzen, Währungen, Weltfrieden. Darauf bin ich gekommen, als im im Supermercato Zigaretten holte. Für vier Päckli Camel blätterte ich 9.60 Euro hin. In Sydney bezahlte ich für dieselbe Menge Stoff gleicher Qualität 68 australische Dollar. Das sind umgerechnet…Sekunde, ich habs gleich…68 Franken.

Auf dem Weg zurück in meine Behausung dachte ich intensiv darüber nach, worin der Grund für diese Diskpranz liegen könnte. In dem Moment, in dem ich die durchgezogene Sicherheitslinie überquerte, fiel es mir wie Schuppen von den Fischen in der Hotelküche: Je weniger ein Land mit Europa zu tun hat, desto teurer sind dort die Zigaretten. Australien etwa hat mit Griechenland nichts gemeinsam, ausser dem schönen Wetter und viel Meer an den Rändern. Das auf dem Suchtmittelsektor wesentlich kundenfreundlicher operierende Gran Canaria hingegen würde glatt als Zwilling von Griechenland durchgehen (Melonen, Esel, Antiquitäten).

Es gilt folglich, enger zusammenzurücken, auch wenn das im Fall Australien und Griechenland auf den ersten Blick leichter gesagt scheint als getan. Es geht darum, jene Nationen, bei denen die Städte am Südpol den Grossteil der Zentrumslasten tragen, stärker an Europa zu binden und langfristig in die Preispolitik nördlich des Äquators zu integrieren.

Das schaffen wir nur, wenn wir alle – ich betone: alle! Auch die Kita-Leiterinnen, Taxifahrer und Appartmentverkäufer – uns auf unsere Stärken besinnen und gleichzeitig mit allen Mitteln versuchen, die Schwächen der anderen zu eliminieren. Die Zeiten, in denen jeder nur für sich selber eine Grube schaufelte und darob völlig vergass, dass es primär darum geht, was der Nachbar mit dem Balken im Auge für einen tun kann, sind vorbei.

Heute Abend: Grosse Akrobatik-Show. Da ist überdurchschnittlich viel Gelenkigkeit gefragt, und viel Gleichgewichtsgefühl, und ein Übermass an Koordinationsvermögen.

Sobald ich den Tigertanga gefunden habe, gehe ich Keulen mieten.

(Morgen live von der Insel: Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Verhör unter Bernern. Ärger am Strand.)

Bereits erschienen:

„Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ singt.

„Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien“.

„Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.“

„Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht“

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Wahrscheinlich hat auch das seine Logik:

Einerseits folgen sich die Preiserhöhungen bei den SBB bald im Stundentakt.

Andrerseits hat man, wenn man am Sonntagabend um 21 Uhr von Zürich nach Burgdorf fährt, den Speisewagen ganz für sich alleine. Nicht einmal ein Kellner stört. Der Mann an der Bar hat längst Feierabend.

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