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Lauch im Schloss und Öl im Wasser

Es regnet, mal wieder und wohl bis auf Weiteres, und das heisst für eher zimperlich veranlagte Zeitgenossinnen und -genossen: drinnenbleiben, tagelang, und wenns extrem dumm läuft (das hängt natürlich, wie alles andere auch, ganz vom Wetter ab) amänd sogar darüberhinaus, vielleicht sogar für Monate, aber dieser Gedanke ist nun wirklich zu absurd, um weitergesponnen zu werden.

Was machen jetzt die Touristen im Schloss? Dort wurde am letzten Wochenende die Jugendherberge eröffnet. Wies in den Gassen der Altstadt aussieht, wird das neue Angebot rege benutzt; jedenfalls waren vor meiner Haustüre in den letzten Tagen deutlich noch mehr Menschen unterwegs als vor dem Lockdown und auch sonst, und wenn diese Völkerwanderungen und -ebikefahrten jemandem vor allen anderen zu gönnen sind, dann sicher den Beizerinnen und Beizern, die nach der Corona-Zwangspause fröher denn je um jeden und jede sein dürften, der oder die bei ihnen einkehrt, auch wenn es sich dabei um multiintolerante Helikoptereltern mit ihrem auf Vegan gedrillten Nachwuchs aus, sagen wir, Delmenhorst handelt.

Verpflegen können sich die Gäste allerdings auch im Schloss. Ein Blick in die Speisekarte des Restaurants lässt erahnen, dass die Verantwortlichen bei der Planung nicht primär die klassische Jugi-Gaschtig vor Augen hatten, sondern ziemlich sehr daran interessiert sind, Geld zu verdienen (aber gut: dass sie auf dem Hoger eine Notschlafstelle samt Suppenküche betreiben würden, haben sie nie behauptet).

Eine Bratwurst für 19 Franken 50, grillierter Lauch für 20 Franken 50, ein Hamburger für 22 Franken 50, ein Rindsvoressen für 33 Franken 50, Siedfleisch für 36 Franken 50 oder eine Forelle für 33 Franken 50 (auf Füfzgi scheinen die Gastronomen in der Burg grossen Wert zu legen): das läppert sich, auch ohne Getränke, und während Papi mit dem Chärtli auf die Servicefachangestellte mit dem Maschineli wartet, kann der Rest der Familie darüber nachdenken, ob er den himalayakompatiblen Rucksack auch beim nächsten Ausflug schon auf der Hinfahrt bis auf das letzte Vollkornmutschlibrösmeli plündern will, oder sich fragen, wieso ein Zvieri in der Heimat von Jeremias Gotthelf zur „Vesper“ mutiert sein könnte.

Wobei: Es gibt wahrlich Wichtigeres. Kaum haben wir coronamässig das Allergröbste (vielleicht) überstanden und freuten wir uns darauf, nicht mehr rund um die Uhr mit Ansteckungszahlen und Sterbestatisiken zugeschüttet zu werden, jagen, völlig virenfrei, andere Schreckensnachrichten um die Welt.

Rassenhass in den USA (sehr informativ, aber hinter der Bezahlschranke versteckt: der Leitartikel im aktuellen „Spiegel“), ein weiterer unfassbarer Kindermissbrauchsfall in Deutschland, eine Ölkatastrophe in Russland, eine beängstigend schnell wachsende Gemeinde von Verschwörungstheoretikern (ebenfalls lesenswert, wenn auch nicht mehr ganz neu: „Die ergoogelte Wirklichkeit“ des deutschen Soziologen und Politologen Michael Scheltsche), der Klimawandel: Irgendwie hat es die „alte Wirklichkeit“ geschafft, sich in die „neue Normalität“ hinüberzuretten, und falls dieser Tatsache etwas Positives abgewonnen werden kann, dann möglicherweise die Erkenntnis, dass es uns hier in der Schweiz, im Emmental und in Burgdorf, trotz all der Affären, Skandale und Aufregerchen, mit denen wir uns gelegentlich konfrontiert sehen, nach wie wie vor schampar gut geht.

Ein stierisch gmögiger Pfundskerl

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(Bild: Schatz)

Wir haben uns schon einmal gesehen, Fors vo dr Lueg und ich, und zwar genau am Sonntag, dem 1. September 2013, wobei: ich sah damals, als er durch die Emmental-Arena des Eidgenössischen Schwing- und Älperfestes in Burgdorf geführt wurde, ungleich mehr von ihm als er von mir, und ziemlich sicher war ich von ihm auch deutlich stärker beeindruckt als umgekehrt. Er war in jenen Minuten der grosse Star, während ich im Sektor X in Reihe Y unter über 50 000 Menschen höckelte und röchelnd von meinem Sitz hätte fallen können, ohne, dass das jemandem aufgefallen wäre.

Aller Augen waren auf ihn gerichtet, und wäre er damals tot umgekippt oder durchgebrannt: auf der Medientribüne hätten die Dutzenden und Aberdutzenden von Sport- flugs durch Katastrophenberichterstatter ersetzt werden müssen, und noch in grob geschätzt 483 Jahren würden die Menschen, wenn sie über das ESAF in Burgdorf reden, vollautomatisch eine Schweigeminute einlegen, um ihm oder all jener zu gedenken, die damals in den ersten Reihen sassen und beim „Muninferno“ (wie der „Blick“ auf der Frontseite seiner 16seitigen Sonderausgabe titelte) flach herausgekommen waren.

Nun trafen wir uns wieder, und zwar wars – ich glaube, das ist genau das, was uns verbindet und die sozusagen in Sägemehl gegossene Basis unserer Beziehung darstellt – erneut an einem Schwinganlass; genauer: am „Oberaargauischen“ in Seeberg-Grasswil. Ich begleitete meinen Schatz, er den amtierenden Schwingerkönig, und als wir uns unter dem mit grauen Wolken verhangenen Himmel zum ersten Mal überhaupt direkt in die Augen blickten, wussten wir in derselben Sekunde mit absoluter Gewissheit: gleich beginnts zu regnen.

Er hatte, fand ich, ein bisschen abgenommen in den letzten Monaten. Das mag einerseits daran liegen, dass er als Eidg. Siegermuni ziemlich viel Arbeit hat, und andrerseits daran, dass er nebenbei noch als Model arbeitet. Fors ist mittlerweile mehrfacher Vater und amtierender Mister Thun. Oesch’s die Dritten, die wohl berühmteste Volksmusiktruppe der Schweiz, haben ihm, den potentesten Promi zäntume, sogar ein Lied auf den rund eine Tonne wiegenden Leib geschrieben:

Doch er nimmt den Rummel, der bisweilen um ihn herum veranstaltet wird, gelassen. Ohne Extrawürste zu verlangen, geniesst er seine Freizeit mit einigen Artgenossinnen und einem Haufen Truthähne auf dem Thanhof von Simon Hertig, dem Cousin von Schwingerkönig Matthias Sempach, im idyllischen Ranflüh. Ab und zu zeigt er sich an Sponsorenanlässen. Zweimal pro Woche geht er zum Samenspenden. Letzteres ist für ihn mit mehr Arbeit verbunden, als mann vielleicht denkt.

Einmal hat die „Schweizer Illustrierte“ ihn auf die Büez begleitet. Als der Reporter seine Eindrücke anschliessend in Worte zu packen versuchte, muss ihm selber fast ein Schuss abgegangen sein: „Tierpfleger Leo Grünenfelder lässt ihn zweimal einen anderen Stier von hinten bespringen – Blindsprünge. Jetzt ist Fors giggerig genug – auf gehts zum Finale! Zum Absamen, wie es unter Fachleuten heisst. Breitbeinig nimmt Fors Stellung vor dem Bock, schnaubt und grunzt. Und springt! Der Oberkörper bleibt oben, innert Sekundenbruchteilen folgt ein Nachsprung – die Hinterbeine in der Luft. Leo Grünenfelder reagiert blitzschnell. Er weiss genau, in welchem Augenblick er den Samen mit der 41 Grad warmen ‚künstlichen Vagina‘ abzapfen muss. Im nächsten Augenblick steht Fors wieder auf allen vieren. In einer Stunde ist er nochmals an der Reihe. Dann ist Feierabend!“

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50 Franken kostet eine Dose „Fors flüssig“, und wenn der Pfundskerl auf diese Weise, wie geplant, tatsächlich 8000 Kälbchen zeugen würde, käme eine schöne Stange Geld zusammen. Doch Fors wäre nicht Fors, wenn er das alles für sich behalten würde. Er und sein Chef spenden fünf Franken pro Büchse an Nachwuchsschwinger und eine Organisation, die sich um Kinder in der Schweiz kümmert.

Das alles und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als wir in Seedorf nebeneinander standen. Nicht ohne Ehrfurcht und mit allem gebotenen Respekt beugte ich mich ein bisschen zu ihm hinunter, um unser Treffen für die Nachwelt mit einem Selfie zu dokumentieren. Als unsere Augen auf derselben Höhe waren, stupste er mich mir seinem linken Horn leicht an. Es war, als ob er mir auf diese Weise hätte sagen wollen: „Du bist gerade dabei bist, vor allen Leuten ein Bild von dir und einem Stier zu schiessen. Ist dir das wirklich ernst?“

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Notizen aus dem Morgenland (V)

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Zu den vielen Geheimnissen des Orients gehören die Taxitarife in Maskat. Sie werden von den Fahrern nach Gutdünken festgelegt; wer sich nicht vor dem Start nach dem Preis erkundigt, kann teure Überraschungen erleben.

Für den viertelstündigen Transfer vom Flughafen zum Hotel berappten wir 10 Rial oder umgerechnet 28 Franken. Am nächsten Tag legten wir für eine relativ kurze Fahrt in den alten Stadtteil stolze 7 Rial hin (was insofern einleuchtet, als der junge Mann am Steuer, wie er uns wortreich darlegte, auf eine Frau samt Haus hinarbeitet). Der ungleich längere Trip zurück zu unserer Unterkunft kostete mit 4 Rial dann knapp die Hälfte. Zwischendurch liessen wir uns von einem alten Mann von A nach B bringen. Auf die Frage, was er dafür haben wolle, sagte er, wir könnten ihm geben, was immer wir als angemessen erachten würden.

Omanische Taxichauffeure sind ausgesprochen freundlich und so gesprächig wie eine durchschnittlich gut aufgelegte Schweizer Coiffeuse. Statt einfach an einem Standplatz darauf zu warten, dass jemand an ihre Autoscheibe klopft, werben sie aktiv für ihre Dienste, indem sie potenzielle Kundinnen und Kunden von hinten anhupen.

Alternativen zu den Taxis gibt es kaum. Zum Velofahren ist es tagsüber zu heiss. Abgesehen davon sind die Verkehrsregeln für viele Automobilisten nicht mehr als unverbindliche Empfehlungen. Und auf die Idee, die Eisenbahn zu erfinden, ist in dem Sultanat noch niemand gekommen.

Was die Busse betrifft: Ein 24 Stunden-Ticket für den Hop on/Hop of-Bus kostet über 50 Rial (zum Vergleich: in London kostet ein 48 Stunden lang gültiges Billet für dasselbe Verkehrsmittel 36 Franken). Das mieche für meinen Schatz und mich zusammen 280 Franken, und das jeden Tag. Für soviel Geld können wir ziemlich oft und weit taxifahren.

Oder, je nachdem, auch nicht.

Bald steigen auf Gran Canaria die ersten Manne i d Hose

Bald steigen auf Gran Canaria die ersten Manne i d Hose

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Wer einmal in aller Ruhe darüber nachdenken kann, was noch fehlt auf der Welt, kommt – vor allem als Burgdorfer – eher früher als später auf die Idee, auf Gran Canaria ein Schwingfest zu veranstalten, mit allem.

Als Chef des aus mir bestehenden Organisationskomitees für „Hosaslupfas2014“ habe ich mich heute Morgen an die Vorbereitungsarbeiten gemacht. Nun sind sie abgeschlossen. Was noch fehlt, sind die Schwinger, aber die kommen dann schon, wenn sie merken, was hier bald los ist.

Meine erste Amtshandlung war die Besetzung des Ehren-OK. In dieses berufen habe ich meine Frau, meinen Bruder und meine Schwägerin, und falls jetzt jemand murmelt, „huere Vetterliwirtschaft, das.“, brülle ich ihm in aller Gelassenheit entgegen: „WAS, VETTERLIWIRTSCHAFT?!? Bei Anlässen dieser Grössenordnung sind – um mit dem grossen Astronauten Charles Darwin zu sprechen – nur „The Fittest“ gefragt! DIE WÄGSTEN UND CHÄCHSTEN!, und wenn ich das mit der Vetterliwirtschaft noch einmal höre, häscherets!!!“

Nachdem das geklärt ist, kommen wir nun zu den infrastrukturellen und technischen und anderen Aspekten des Events (das Wort „Event“ habe ich bewusst gewählt, um auch potenzielle Zuschauerinnen und Zuschauer unter 90 anzusprechen).

Die Arena ist bereit

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und provisorisch grächelet. Gegen Abend kommt noch ein Stadion drauf.

Der Kran für die TV-Kameras muss noch kurz etwas anderes fertigmachen, steht dann aber unbeschränkt für „HL14“ zur Verfügung.

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Puristen mögen jetzt einwenden, das sei ja gar keine Sägemehl da unten, in der Arena. Da habe es bloss Sand wie, äh, Sand am Meer.

Dazu kann ich nur sagen: „Wer muss soweit wie möglich mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten? Wer achtet aufs Geld? Was ist mit dem Umweltschutz? Und überhaupt: WER IST HIER DER OK-PRÄSIDENT, WERELIWER?!?

Zu meinem Entzücken durfte ich schon kurz nach Beginn der Planungsbüez feststellen, dass es im Grunde genommen gar nicht viel zu planen gibt. Es ist ja und sind ja schon alles und alle da.

Die Vorverkaufsstelle:

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Für jeden Ansturm gerüstet.

Der Brunnen:

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Sprudelt wie verrückt.

Das Kommunikationszentrum:

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CNN und BBC werden juchzen.

Kulinarisch:

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Es hat für alle von allem genug.

Kampfrichter:

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Bis in die Haarspitzen motiviert.

Partymeile:

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Schluckt auch unüberschaubare Menschenmassen.

Unterhaltungsprogramm für reifere Besucher:

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Niemand bleibt sitzen. Und alleine.

Unterhaltungsprogramm für jüngere Gäste:

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Aber sicher!

Hütedienst:

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Ihr Kinderlein kommet.

Verkäufer der Gangblätter:

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Eingeschleust (und zwar zum Teil von weit her).

Schwingveteranen, die immer benörgeln, früher, als „Kanarische“ noch 400 mal kleiner waren, sei alles besser gewesen:

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Im Anmarsch.

Ehrendamen:

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Konnten für die nächsten drei Tage fast ohne Gewaltandrohung von ihren Partnern getrennt werden.

Relaxingzone für die Aktiven:

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Nochli ein Puff, aber zum Anschwinget betriebsbereit.

Gabentemptel:

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Steht.

Lebendpreis:

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Voilà.

Das wärs glaub schon, glaube ich. Als Helferinnen und Helfer stehen die bewährten Kräfte der Szenerie Burgdorf im Einsatz.

Weitere Zahlen und Fakten können hier nachgelesen werden (einfach „Burgdorf“ durch „Playa del Inglés“ und „Emmental“ durch „Gran Canaria“ ersetzen).

Auch wenn ich davon ausgehe, nichts vergessen zu haben, wäre ich froh, wenn mich einer der möglicherweise mitlesenden Organisatoren des letzten „Eidgenössischen“ – sagen wir: mein Nachbar Franco Rappa – auf allfällige Mängel aufmerksam machen würde, bevor die ersten Mannen in die Hosen steigen.

Die Berichterstattung über das weltweit erste „Kanarische“ erfolgt ab morgen Freitag um 8 Uhr schwingerkompatibel über Facebook, Twitter und so weiter, und so fort.

Obs damit klappt, hängt in erster Linie von der Qualität der Internetverbindung ab, und um die ist es auf den Kanar%“KP…ç=!…++C….///£:GA°…!)(;;T

Aber live fägts sowieso mehr. Echte Schwingfans wissen das. Sie haben ihre Plätze bereits eingenommen:

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Nachtrag 12. April: Das Fest findet nicht statt. Es haben sich exakt null Teilnehmer angemeldet, was das OK daran zweifeln lässt, dass die Veranstaltung burgdorfähnlich imposante Dimensionen annehmen könnte.

Drei Franken für eine Minute Musik

Drei Franken für eine Minute Musik

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11. September 2001: Arabische Terroristen steuern Passagierflugzeuge in das World Trade Center und in das Pentagon.

11. September 2013: Roger Waters, der ehemalige Kopf von Pink Floyd, führt „The Wall“, das eine der beiden Jahrhundertwerke seiner Ex-Band, im Zürcher Letzigrundstadion auf.

Was die beiden Daten miteinander zu tun haben? Nichts, eigentlich. Ich brauche nur einen knackigen Einstieg für diesen Beitrag, weil mir für einen geistreicheren Anfang die Worte fehlten.

Abhanden kamen sie mir vorhin in der Ticket-Vorverkaufsstelle im Burgdorfer Bahnhof. Dort blätterte ich für die zwei „Wall“-Billete total SFr. 409.40 hin, wobei man den Halsabschneidern Dealern vom Ticketcorner zugute halten muss, dass die je sechs Franken Bearbeitungsgebühren in dieser Summe bereits enthalten waren.

Zweihundertvierfrankensiebzig: Soviel habe ich für einen Konzerteintritt in meinem ganzen Leben noch nie bezahlt.

Wenn ein Veranstalter sich vor 20 Jahren erdreistet hätte, mehr als hundert Franken für ein Billet zu verlangen, hätte er entweder die Beatles in Originalbesetzung plus Abba als Vorband plus Jimy Hendrix als Gastgitarrist plus Janis Joplin als Schubidu-Sängerin im Hintergrund auf die Bühne bringen müssen – oder dann wäre er noch vor dem Soundcheck Konkurs gegangen, weil es keinem Menschen eingefallen wäre, zu diesen Wuchertarifen ein Ticket zu posten.

Doch the times, they are, wie Bob Dylan schon vor grob geschätzten 837 Jahren gesungen hat, a-changing. Heute regt sich kaum jemand mehr auf, wenn er für eine Minute Livemusik mit drei Franken zur Kasse gebeten wird (wers nicht glaubt: „The Wall“ dauert auf CD

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66.35 Minuten.

Und 409.40 geteilt durch 66.35 macht…eben.

Der Waters-Gig ist jedenfalls so gut wie ausverkauft. Er wäre es vermutlich auch, wenn der Eintritt pro Kopf 300 oder 400 Franken kosten würde, weil: „The Wall“ ist ein einsam aufragendes Monument in der Musiklandschaft. Eine Ikone aus Klängen und Effekten. Der Wahnsinn – im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Oder kurz: Etwas, was man einfach gesehen haben muss, wenns schon einmal da ist.

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Der britische Musikprofessor und Rockkritiker Simon Frith erklärt diese „Ich will an dieses Konzert, koste es, was es wolle“-Mentalität in einem sehr lesenswerten Gespräch mit „Spiegel online“ so:

„Die Live-Erfahrung ist schon immer zentraler Bestandteil des musikalischen Erlebens und des Fantums gewesen. Wer würde schon sagen: Tolle Band, aber live würde ich die nie sehen wollen?“

An tollen Bands und Solisten fehlts in der Schweiz auch heuer nicht. Sie sind zu folgenden Preisen zu sehen und hören:

Bon Jovi oder Bruce Springsteen kosten mindestens 108 Franken,

Patricia Kaas oder Peter Gabriel kann man für 90, bzw. 85 Franken erleben.

Kiss oder Krokus gibts für 88, bzw. 70 Franken.

Wieso sich all diese und andere Schwergewichte nicht ein Vorbild an den Halunke nehmen, die im im Maison Pierre für 30 Franken und damit fast gratis auftreten: Niemand weiss es.

Das heisst – doch. Inzwischen kennen es ja alle, das traurige Lied von den Künstlern, die wegen des Internets kaum mehr Geld verdienen. Und die ihre Haut deshalb auf endlosen Tourneen durch die grössten Stadien rund um den Erdball so teuer wie möglich verkaufen müssen.

Laut dem Experten Firth explodierten die Tickettarife ab Mitte der 90er-Jahre: „Damals fingen die CD-Preise an zu sinken. Den Bands brachen daraufhin die Einnahmen weg, und der finanzielle Druck stieg, sich eine neue Geldquelle zu suchen. Später, durch die Digitalisierung, hat sich dieser Trend natürlich drastisch verstärkt.“

Von dieser Entwicklung könnten jedoch nur die Künstler in der Grössenordnung von U2, Madonna, den Rolling Stones oder, eben, Roger Waters profitieren. Kleinere Bands müssten schauen, wo sie bleiben, denn „ihnen fehlt das entsprechende Publikum – sowohl die reine Masse an Menschen als auch der Ruf, das hohe Eintrittsgeld wert zu sein. Neue Bands müssen ihre ersten Touren mittlerweile selbst subventionieren, bis sie sich eine signifikante Fangemeinde erspielt haben.“

Doch trotz allem Verständnis für die Existenzängste der musizierenden Zunft: Zweihundert Stutz für Roger Waters – das ist ebenso jenseits von der Normalität wie dessen „grandios-pompöses Multimedia-Spektakel“:

(Stimme von den billigen Plätzen im Leserkreis): „Sag mal: Hat dich jemand gezwungen, diese Tickets zu kaufen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Also. Was soll das Gejammer?“

„Das ist kein Gejammer. Das ist eine schon fast wissenschaftliche…“

„…hör doch auf. Du meckerst hier ständig über Preise für etwas, was du im Grunde gar nicht brauchst.“

„Natürlich brauche ich das.“

„Was?“

„Die Musik. Die Stimmung. Zu hören, wie etwas live klingt, was ich bisher nur ab Platte kannte.“

„Schon klar. Aber wenn dus schon brauchst, kannst du dafür ja auch bezahlen. Du bekommst ja auch etwas dafür.“

„Wie gesagt: Ich bezahle ja gerne, nur…“

„Eben. Dann hör auf zu motzen.“

„Ich motze nicht.“

„Tust du doch.“

„Gut, dann motze ich halt. Liest du hier ab und zu mit?“

„Klar. Ich bin dein grösster Fan. Ich lese alles von dir, auch den grössten Schrott.“

„Wunderbar. Ab sofort kostet ein Beitrag fünf Franken. Mit Bild machts acht Stutz, und wenn noch ein Video dabei ist, kann du mir eine Zehnernote überweisen.“

„Spinnst du jetzt?“

„Zwingt dich jemand, diesen Blog zu lesen?“

„Nein, aber…“

„Du brauchst das einfach, fürs Wohlbefinden und so.“

„Genau.“

„Et voilà“.

„Du wirst ja nicht ernsthaft diesen Blog mit einem Rolling Stones-Konzert…“

„…natürlich nicht. Ich sage nur…“

„Hör doch auf.“

„Hör du doch auf.“

„Depp.“

„Aff.“

„Idiot.“

„Hör mal: Ich muss hier weiter…“

„…mach nur. Ich bin weg. Für immer.“

„Auch gut. Du ziehst hier sowieso nur das Durchschnittsniveau der Leserschaft in den intellektuellen Abgrund.“

„Das war jetzt gemein.“

„Aber wahr.“

„Schreibst du morgen wieder etwas?“

„Mal sehen. Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Auf alles.“

„Super. Ich freu mich.“