Ende Feuer

Wir wissen nicht, in wessen Stube du im letzten Dezember standest, und wir staunten nicht schlecht, als du eines Januarmorgens in unserem Garten lagst.

Jetzt, lieber Christbaum, wurde es time to say good-bye. Auf deine trockene Art hast du dein Schicksal klaglos akzeptiert und gingst fast so schnell von uns, wie du gekommen warst.

Das Neuste aus dem Alten Markt

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Zeitungssterben?

Nicht in unserem Quartier. Wir erhalten seit bald einem Monat jede Woche frisch ab Kopierer eine nigelnagelneue Ausgabe der “Alter Markt Zeitung”.

Unser Nachbar Livio Gneist hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bewohnerinnen und Bewohner unseres kleinen Paradieslis regelmässig in Text und Bild darüber aufzudatieren, was hinter den Hausmauern und Hecken am Schlossfuss so läuft.

Dank des Schülers und seines publizistischen Engagements konnten mein Schatz und ich unseren Beobachtungsposten am Küchenfenster, den wir jahrelang im Schichtbetrieb besetzt gehalten hatten, endlich räumen. Wenn jemand wegzieht, erfahren wir das nun ebenso umgehend, wie wenn auf der Weide nebenan neue Schafe grasen, sich in einer Wohnung auf einmal Insekten tummeln, die wie Urtiere aussehen, oder wenn auf der anderen Strassenseite ein Parkplatz frisch gegrient wird.

Auch unsere vierbeinige Mitbewohnerin war schon ein Thema: “Täglich mehrmals sieht man Hannes mit Tess, seiner Hündin, gassigehen. Tess ist ein Labrador mit grau-braunem Fell. Sie ist ca. 2 Monate alt und noch sehr verspielt. Sie wird von Hannes oft ‘Meite’ genannt”, hat der junge Reporter beobachtet.

Dazu gibts saisonkompatible Kochtipps (Marronen-Cake, Kürbis- oder Gerstensuppe) und selbstgezeichnete Comics. Ein Inserat wurde bereits geschaltet, und dass schon in der zweiten Ausgabe ein Korrigendum gedruckt werden musste (“XY zieht nicht in den Kanton Zug, sondern hier in die Region”), störte nicht im Geringsten, sondern rundete den überraschend professionellen Eindruck, den die maschinengetippte Zeitung im A5-Format macht, eher noch ab.

Im Wissen darum, dass die News auch im Alten Markt nicht auf den reichlich vorhandenen Bäumen wachsen, ermuntert der Verleger die Leserschaft seiner kostenlosen Nachrichten zur Mitarbeit: Es sei zwar “keine Pflicht”, aber wenn er “ab und zu einige Informationen erhalten würde”, wäre er “froh”, teilt er mit. Auch Werbung, fügt er an, trage dazu bei, dass “die Zeitung ein bisschen voller” wird.

Ein Impressum gibts ebenfalls. Diesem ist zu entnehmen, dass “alle Angaben ohne Gewähr” seien und dass “Rechtschreibefehler nicht korrigiert werden” könnten.

Solche Hinweise würden auch manch grösserer Zeitung nicht schlecht anstehen.

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Wenn Vandalen wüten

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“Vandalismus ist in Burgdorf eine ernst zu nehmende Problematik. Sprayereien, Kleber an öffentlichen Gebäuden und Signalen, Manipulationen von Schachtdeckeln oder an Verkehrseinrichtungen, Zerstörung von Fenstern und Einrichtungen sind Beispiele der verübten Delikte. Die Kosten für die Behebung der Schäden belaufen sich für die Stadt Burgdorf im laufenden Jahr auf rund 50 000 Franken. Bis jetzt wurden 34 Strafanzeigen eingereicht.”

Das schrieb die Präsidialdirektion der Stadt Burgdorf vor knapp einem Jahr in einer Medienmitteilung. “Vertretende verschiedener Beratungsstellen” hätten sich mit Verantwortlichen der Schulen, der Kantonspolizei, der Jugendanwaltschaft und der Stadtverwaltung zusammengesetzt, um sich mit den Themen „Früherkennung und Frühintervention“ sowie „Datenschutz–Täterschutz“ auseinanderzusetzen.

Sehr viel scheint das Meeting nicht gebracht zu haben, wie der Berner Zeitung von heute Montag zu entnehmen ist:

“In der Nacht auf Sonntag waren in Burgdorf Vandalen am Werk. Laut einem Geschädigten haben sie mehrere Briefkästen demoliert. Vor allem aber haben sie mit unschönen Kritzeleien Hauswände, Schaufenster, Plakate und zum Beispiel auch einen Lastwagen versprayt. Ihr Unwesen trieben die Vandalen sowohl in der Oberstadt als auch im Gebiet des Bahnhofs und der Markthalle. Mit der orangen Farbe, die sie auf ihrer Tour einsetzten, hinterliessen sie überall Spuren.”

Betroffen davon waren auch wir (siehe Bild oben) und unsere Nachbarn in unserem Paradiesli im alten Markt:

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Stadtbilder (41)

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Einzigartig: Nirgendwo auf der Welt wird es atemberaubender Abend als in dem Quartier, in dem wir in Burgdorf daheim sind (gut: nur 20 000 Kilometer weiter südlich gibts zum Erleben des Einnachtens noch zig ebenso schöne Orte, aber die sind in dem Moment, in dem ich in dieses gelborangerote Licht gucke, halt ziemlich weit weg).

Ausgepumpt

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Nie hat jemand sie gelobt, kein Mensch hat je dankbar eines ihrer Ventile getätschelt. Stattdessen liessen wir Hausbewohnerinnen und -bewohner sie ununterbrochen für uns chrampfen: Wir schütteten sie rund um die Uhr mit Abwasser aus der Küche, dem Bad und der Toilette voll und gingen wie selbstverständlich davon aus, dass sie sich dann schon irgendwie darum kümmern würde.

Jahrelang ging das gut. Tag und Nacht verrichtete die Pumpe im Garten ihren Dienst, ohne sich auch nur einmal über die viele Arbeit zu beklagen. Aber jetzt: jetzt ist sie kollabiert. Für uns heisst das: Rien ne va plus, oder ämu fast rien.

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Ein von unseren Vermietern eiligst aufgebotenes Careteam fuhr gestern zwar nicht mit Blaulicht, aber immerhin mit einem blauen Einsatzwagen, in unserem Quartier vor, um sich um die Darniederliegende zu kümmern. Mit viel gutem Zureden und unter Einsatz all ihres handwerklichen Könnens versuchten die Männer, sie zum Weitermachen zu bewegen, doch es nützte alles nichts. Die Experten beschlossen, die offenbar unter akuter Verstopfung leidende Patientin von ihrem Leiden zu erlösen und sie zu ersetzen. Bis ihre Nachfolgerin im Loch in der Wiese versenkt ist, gelten in unserem Haus neue Regeln:

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Etwas Gutes hat der Zusammenbruch der alten Pumpe aber gehabt: Wir betrachten das Wirken der überraschend von uns Geholten rückblickend mit jener Demut, die schon zu ihren Aktivzeiten angezeigt gewesen wäre. Wir lassen Wasser nur noch wenn unbedingt nötig laufen und sorgen mit Stöpseln dafür, dass kein Tröpfchen in der Leitung verschwindet und sich von dort ungesäubert in den Boden ergiesst.

Oder, um es frei von jeglichem Pathos zu formulieren: Wir pflegen ohne Rücksicht auf unser eigenes Wohlbefinden auf einmal einen überaus umweltorientierten Umgang mit unseren Ressourcen und vergeuden nicht mehr achtlos den überlebenswichtigen Proviant der uns folgenden Generationen.

Was die neue Pumpe betrifft, die im Moment noch unter einer dicken Staubschicht in irgendeinem Lager darauf plangt, endlich zeigen zu können, was sie kann: Sie soll sich nicht zu sehr freuen. Sobald sie ihre Arbeit heute Nachmittag aufgenommen hat, entsorgen wir alles Wasser, das sich in den letzten 24 Stunden bei uns angestaut hat (siehe unten), auf einmal.

Und wenn sie, vermutlich erst gegen Abend, damit fertig geworden ist und ernüchtert denkt, “Phu! Hätte ich doch auf meine Eltern gehört und wäre, wie mein Papi, Stempeluhr in einem Zweimannbudeli geworden”, kommen die anderen Mieterinnen und Mieter nach Hause – und schütten ihre unfreiwillig angelegten Abwasservorräte ebenfalls zigliterweise in den Ausguss, ohne auch nur eine Sekunde lang kurz daran zu denken, was sie der stillen Schafferin im feuchtkalten Untergrund damit zumuten.

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