Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?”

Hofstetter: “Ich glaube, ich bin nahe dran.”

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): “Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…”

Hofstetter: “Was murmelst du da?”

Hofstetter: “Nichts. Gar nichts.”

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

Eine Art Betriebsausflug (2)

Kaum waren Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria gelandet, stellten der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer einer Burgdorfer Schreibwerkstatt fest, dass sie ihren Verwaltungsratspräsidenten Hofstetter zuhause vergessen hatten.

Um sicherzustellen, dass so etwas in Zukunft weniger häufig passiert, treffen sie sich heute zu einer Sondersitzung. Mit einem Memo, das er weit nach Mitternacht verschickte, zitierte Hofstetter die anderen beiden auf 3.30 Uhr zum Pool beim Hotel. Um diese Zeit, schrieb er, würde “noch nicht ständig der Fax rattern”. Man sei also völlig ungestört.

Nun baumeln sechs flipflopmalträtierte Füsse im Wasser. Nicht alle Mitglieder des Trios machen den gleich busperen Eindruck.

Hofstetter: “So, meine Herren: Ich danke euch fürs Erscheinen. Einziges Traktandum unseres Meeting ist die Causa ‘Hofstetter’. Ich wäre froh, wenn wir uns ausschlieslich darauf konzentrieren würden und möglichst wenig Nebenschauplätze…”

Hofstetter: “Mir ist sterbenselend.”

Hofstetter: “Schlecht geschlafen?”

Hofstetter: “‘Schlecht’ wäre schön gewesen. Ich habe kein Auge zugetan.”

Hofstetter: “Ich schon.”

Hofstetter: “Ich auch. Also: Reden wir über…”

Hofstetter: “Gegen 23 Uhr kehrten wir vom Allyoucaneatasiaten ins Hotel zurück. Dann ging ich duschen. Anschliessend las ich noch ein paar Seiten.”

Hofstetter: “Was liest du gerade?”

Hofstetter: “Das brauchst du nicht zu wissen. Kennst du sowieso nicht.”

Hofstetter: “Sag schon.”

Hofstetter: “Nein, ich sags nicht. Und wenn ich nein sage, meine ich nein.”

Hofstetter: “Wenn dus mir verrätst, lade ich dich zu einem Cordon bleu im ‘Stadthaus’ ein, mit ohne Gemüse.”

Hofstetter (flüstert): “Fifty shades of grey”.

Hofstetter: “Hä?”

Hofstetter: “Fifty shades of grey!“

Hofstetter: “Na und? Meine Grossmutter sagte, das sei gar nicht so schlecht. Im Darknet habe sie darüber nur lausige Kritiken gelesen. Aber dann habe sie gemerkt, dass das wie ein Pilcher-Roman sei, nur mit mehr Werkzeug.””

Hofstetter: “Jedenfalls: Kaum hatte ich den Schalter zum Lichterlöschen gefunden, riefst du an und sagtest, seit soeben liege eine Mail in meinem Postfach.”

Hofstetter: “Stimmt. Genauso habe ich das gemacht. Um Punkt Einsfünzehn, wenn ich mich richtig erinnere.”

Hofstetter: “Du sagtest, in der Mail stehe, dass wir uns um 3.30 bei diesem Pool hier versammeln, um über Hofstetter zu sprechen.”

Hofstetter: “Richtig.”

Hofstetter: “Um ehrlich zu sein – und nimm das jetzt bitte nicht persönlich! -, habe ich mich in diesem Moment zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob du eigentlich noch alle Tassen im Schrank hast, und wenn ja, ob sie noch ganz sind.”

Hofstetter: “Bitte?!?”

Hofstetter: “Ich meine: Kein Mensch – kein einziger Mensch auf dieser Welt! – ruft mitten in der Nacht einen anderen Menschen an, um ihm zu sagen, er habe ihm gerade etwas gemailt…und ihm gleich noch zu erklären, was er gemailt hat.”

Hofstetter: “Ich habe ja nicht nur dich angerufen, sondern auch Hofstetter.”

Hofstetter (langsam, aber sicher verzweifelnd): “Das spielt doch keine Rolle.”

Hofstetter: “Und ob das eine Rolle spielt: Gerade hast du gesagt, dass niemand mitten in der Nacht einen anderen Menschen anrufe undsoweiterundsofort. Das war, wie du selber weisst, Chabis. Mit Hofstetter warens zwei Menschen. Also hundert Prozent mehr als von dir behauptet.”

Hofstetter (dem Weinen nahe): “Ich mag jetzt nicht über so Zeug diskutieren. Du hast Recht mit deinen Prozenten und allem, und ich danke dir auch aus tiefstem Herzen für deine Infos zu später Stunde…”

Hofstetter: “…keine Ursache…”

Hofstetter: “…aber mir ist wirklich ganz grauenhaft übel. Ich…”

Hofstetter: “…denk jetzt einfach nicht an den Schoggi-Dürüm, den wir am ersten Tag hier bestellt hatten. Denk! Um! Himmelswillen! Nicht! An! Diesen! Schoggi-Dürüm!!!”

Hofstetter (hält sich die Hand vor den Mund, stösst sich mit der anderen Hand aus dem Wasser und rennt quer durch den Hotelgarten zum Ausgang. Noch bevor die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen ist, sind aus dem Dunkel Würgelaute zu hören, die nichts Menschliches an sich haben).

Hofstetter: “Wetten, er hat eine Palme…”

Hofstetter: “…auf dieser Seite hats keine Palmen. Das ist ein kleiner Parkplatz. Die Randständigen von Maspalomas legen sich jeweils hier schlafen.”

Hofstetter: “Gut. Dann reden halt nur wir beide über diese Verwaltungsratspräsidentensache.”

Hofstetter: “Zuerst will ich noch wissen, was das mit dem Fax bedeuten sollte.”

Hofstetter: “Das mit dem Fax?”

Hofstetter: “In deinem Memo stand, dass wir uns so früh treffen, weil dann noch kein Faxgerät rattert.”

Hofstetter: “Ach so, das. Ja, das habe ich geschrieben.”

Hofstetter: “Wieso?”

Hofstetter: “Hörst du einen Fax? Oder sonst etwas, was uns stören könnte?”

Hofstetter (lauscht angestrengt): “Nein. Keinen Mucks. Nur diese…diese…Geräusche von hinter der Mauer.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter (sich kaum hörbar selber fragend): “Ist das noch Wahnsinn – oder ist es schon Genie?”

Hofstetter: “Wie meinen?”

Hofstetter: “Nichts, nichts.”

Hofstetter: “Nun denn. Bevor ich anfange, darf ich euch, beziehungsweise jetzt halt nur dir, beste Grüsse von unserem geschätzten Verwaltungsratsvorsitzenden Hofstetter ausrichten.”

Hofstetter (leicht erstaunt): “Du hast mit ihm geredet?”

Hofstetter: “Natürlich. Gestern Abend, nachdem wir wieder im Hotel waren.”

Hofstetter: “Ich bin jetzt gerade ein bisschen…was hat er denn gesagt? Habe ihr DAS Thema überhaupt ansprechen können, ohne einen Bruderkrieg anzuzetteln?”

Hofstetter: “Wir haben uns nur darüber unterhalten. Er sagte, dass das alles kein Problem sei. Und dass er auch dann nicht mitgekommen wäre, wenn wir ihn mit einem Chärtli zu dieser Reise eingeladen hätten, sagte er. Ihn brauche es bei diesen Strategiemeetings ja gar nicht. Da nutze er die Zeit lieber für Sinnvolles, sagte er.”

Hofstetter: “Wörtlich? Auch das mit dem Sinnvollen?”

Hofstetter: “Wortwörtlich. Weiter sagte er noch, es könne uns und dem gesamten Konzern sicher nicht schaden, wenn wir einmal für ein Weilchen ohne ihn z Schlag kommen müssten. Wir hätten den Laden ja auch zu Dritt total im Griff.”

Hofstetter: “Er war nicht hässig oder so?”

Hofstetter: “Kein bisschen. Eigentlich klang er so munter wie seit Jahren nicht mehr.”

Hofstetter: “Und er sagte auch nicht, nächstes Mal wolle er mit von der Partie sein?”

Hofstetter: “Nein, will er nicht. Weder nächstes noch ein anderes Mal.”

Hofstetter: “Das heisst…Moment…das heisst, wir hätten uns über ihn gar keine Gedanken zu machen brauchen?”

Hofstetter: “Du hast es erfasst.”

Hofstetter: “Das heisst aber auch, dass wir uns diese Sitzung von Anfang an hätten schenken können?!?”

Hofstetter: “So betrachtet, hast du zumindest nicht völlig unrecht.”

Hofstetter: “Nicht ‘so betrachtet’. Ich habe in jeder Hinsicht recht.”

Hofstetter: “Wenns dir hilft: In jeder Hinsicht, tatsächlich.”

Hofstetter: “Wenn Hofstetter das erfährt, dreht er durch.”

Hofstetter: “Kann sein, ja. Heute scheint nicht sein bester Tag aller Zeiten zu sein.”

Hofstetter: “Was wollen wir machen?”

Hofstetter: “Überlass das nur mir. Du wirst sehen: In zwei Minuten will er mich küssen.”

Hofstetter: “Ganz bestimmt wird er das wollen.”

Hofstetter (wankt vom Tor her leichenblass in Richtung Pool und krächzt): “Hallo?!! Seid ihr noch da?”

Hofstetter: “Klar sind wir noch da. Wir haben extra auf dich gewartet.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob ich das gutfinden soll. Eigentlich würde ich lieber direkt ins Bett…”

Hofstetter: “…dorthin kannst du auch gleich. Wir haben die Angelegenheit bereits a Fong durchbesprochen. Hofstetter wird Hofstetter nach dem Sonnenaufgang anrufen und ihm sagen, wie leid uns das alles tut, und dass wir, ihn engster Absprache mit ihm, am liebsten gleich die Daten für unseren nächsten Betriebsausflug fixieren möchten. Dann gibt uns Hofstetter zwei, drei Tage durch, an denen es ihm passen würde. Aber wenn es soweit ist, hat er die Reise schon wieder vergessen.”

Hofstetter: “Das klingt jetzt fast zu einfach, um wahr zu sein…bist du sicher, dass das funktioniert? Wieso sollte er unsere Reise vergessen?”

Hofstetter: “Lueg, unser VRP hat dermassen viel um die Ohren, dass ihm immer mal wieder etwas unters Eis gerät. Darunter sind bestimmt auch einige Termine, die wichtiger sind als unsere Ausflüge; ämu für ihn.”

Hofstetter: “Ich…”

Hofstetter: “Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich weiss so sicher, dass er nicht mitkommen wird, als ob er mirs selber gesagt hätte.”

Hofstetter (beugt sich zu Hofstetter hinüber, legt ihm einen Arm um die Schultern, zieht ihn an sich und sagt: “Sorry, Alter. Aber dafür muss ich dich einfach küssen!”

Hofstetter: “Geh dir erst die Zähne putzen. Und leg dich dann für ein paar Stunden hin.”

Hofstetter: “Darf ich wirklich…?”

Hofstetter: “Aber sicher. Ich bestätige es dir gleich noch per Mail und rufe dich anschliessend kurz an, ok?”

Besuch von gegenüber

“So kalt hatten wir in unseren ganzen Leben noch nie”, sagten Chantals Cousine Niqui Caridad und deren Freundin Tiff Batcheldor, als sie uns neulich besuchten.

Das ist kein Wunder: Wenn zwei Australierinnen Ende November durch Europa reisen, ist ein Temperaturschock programmiert. Cool, wie die beiden nunmal sind, verkrochen sie sich jedoch nicht in der Wärme, sondern fuhren mit uns nach draussen, an die Frostfront.

Am Thunersee und in Interlaken bestaunten sie die Berge (und die unzähligen asiatischen) Touristen. Beim Bummel über den Weihnachtsmarkt in der Strafanstalt Hindelbank wärmten sie sich mit Glühwein wieder auf. Dann war die Zeit in wonderful Switzerland auch schon wieder vorbei: Unsere Gäste flogen weiter nach Madrid, wos den Prognosen zufolge zwei, drei Grad wärmer gewesen sein dürfte.

Weltwunder und Wunderwelten

“In die USA wollt ihr? Ernsthaft?” – So und ähnlich lauteten Kommentare im Freundeskreis, nachdem ich bekanntgegeben hatte, dass wir ab dem 22. September drei Wochen lang in den Vereinigten Staaten unterwegs sein würden.

Vor 12 Monaten hätten unsere Reisepläne noch zu keinerlei Bedenken Anlass gegeben. Aber damals war noch Barack Obama Präsident. Inzwischen hat das Land einen neuen Commander in Chief – und mit ihm ein stetig wachsendes Imageproblem. Einreiseverbote für Einwohner arabischer Staaten, Rassismusvorwürfe, Bestechungsverdächtigungen, tollpatschige Aufritte, ein Ego so gross wie Disneyland undsoweiterundsofort: Trump liess in den ersten Monaten seiner Amtszeit nichts aus, um sich und seine Nation rund um den Globus in Misskredit zu bringen.

An unseren Ferienplänen konnte all das nichts ändern. Schliesslich wollten wir in erster Linie das Land und in ihm lebende Leute kennenlernen und erst in peripherer Priorität deren Chef. Dass Trump uns am Ende doch noch näher kam, als wir je erwartet hätten, war, buchstäblich, auf Gewalt von sehr viel höher zurückzuführen.

“Wir”: Das sind Monique und Josy und mein Schatz und ich. Mit dem Ehepaar aus der Zentralschweiz sind wir seit Jahren befreundet; die beiden kennen den Westen der USA wie ihre – eben: – Westentasche und waren für uns nicht nur, aber auch deshalb die perfekten Begleiter.

Los ging unser Trip in San Francisco. In der einstigen Hippie-Metropole fuhren wir mit dem Cable Car, kurvten wir süüferli die rankreichste Strasse der Welt hinunter und bestaunten wir die Golden Gate Bridge:

Auch den Sea-lebrities im Hafen sagten wir selbstverständlich Hallo:

Dann fuhren wir südwärts. Bei einem Zwischenstopp in Santa Cruz hatten wir das seltene Vergnügen, einem freilebenden Seelöwen beim Verputzen einer Portion Muscheln zuschauen zu dürfen:

In einem Motel in Paso Robles bekamen wir ein erstes von vielen noch folgenden Beispielen dafür geliefert, wie selbst Kleinunternehmen sich mit Warnungen, die an Absurdität kaum zu toppen sind, gegen allfällige Millionen-Schadensersatzklagen abzusichern versuchen:

Am nächsten Tag erreichten wir – gesund und munter – Santa Monica. Besonders beeindruckt hat uns in diesem Rückzugsort für Promis der Pier. Er bildet den Endpunkt der Route 66 und war auch in “Forrest Gump” zu sehen.

24 Stunden später fühlten wir uns in Oceanview ein bisschen wie am Burgdorfer Nachtmarkt:

Dass in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt (und nicht mehr alles glänzt, was einst mit Gold veredelt wurde), war mir klar. Doch dass der Walk of Fame mit seinen über 2500 Star-Sternen dermassen schmuddelig unglamourös wirken würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.

Dafür wäre mir vor lauter Freude beinahe das Augenwasser gekommen, als wir am Hauptsitz von Capitol Records vorbeikamen und am “Troubadour” (wer da nicht schon alles aufgetreten ist!) und an weiteren Plätzen, an denen unzählige wunderschöne Kapitel der Blues- und Rockgeschichte geschrieben wurden.

Noch am selben Tag liessen wir die Smogglocke von Los Angeles hinter uns. In der Nähe der mexikanischen Grenze, in Escondido, fanden wir Obdach. Dort stiess für ein Nachtessen Moniques Ex-Schwägerin aus dem Grossraum Los Angeles zu uns.

In Sachen “Distanzen” ticken die Amerikaner ähnlich wie die Australier: Eine mehrständige Autofahrt ist für sie sowenig der Rede wert wie für uns ein Ausflug von Burgdorf nach Oberburg.

In der ersten Nacht in Escondido kam es vor unseren Motelzimmertüren zu wüsten Szenen. Original echte Eingeborene lange vor Sonnenaufgang mit voll aufgedrehten Lautsprechern in einem fort “Motherfucker!” brüllen zu hören: Das kann man – mit einem Minimum an gutem Willen – allerdings auch als soziokulturelle Erfahrung verbuchen, die zu machen nicht jedem Temporärbewohner des Home of the brave vergönnt sein dürfte.

Wir geben bei dieser Gelegenheit kurz ab in die Musikredaktion:

Ungleich gesitteter – um nicht zu sagen: beschaulicher – als in Escondido ging es in San Diego zu und her. Auf feinsäuberlich gepützelten Trottoirs flanierten finanziell und auch sonst gut gepolsterte Erwachsene der Pazifikküste entlang, während sich überaus artig aufführende Teenager auf Rollbrettern vergnügten. Die Coolness in….äh…Person war jedoch jener Pfundskerl, der es sich vor der Basis der Kriegsmarine auf einer Boje gemütlich gemacht hatte (und, jede Wette, noch immer daliegt).

Mit einem stundenlangen Rundgang durch den parkähnlichen


Zoo

und einem Bummel durch die westernmässig gestylte Oldtown rundeten wir unser Gastspiel in der zweitgrössten kalifornischen Stadt ab, um durch eine fast unnatürlich schöne Landschaft nach Palm Springs zu cruisen.

Dort verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte, rissen dabei aber weder Palmen noch andere Bäume aus. Dolce far niente am Pool war angesagt; und chli Lädele.

In Julian besuchten wir anschliessend Freunde von Monique und Josy, genossen einen wunderschönen Abend in einem ebensolchen Anwesen und erhielten zubester Letzt, nach dem Lichterlöschen im Garten, auch noch Besuch von einer putzigen Waschbärenfamilie.

Nur für den Fall, dass es mal jemand pressant haben sollte und beim Geschäften aller Eile zum Trotz Wert auf Stil legt: In “Granny’s Kitchen”, einem schmucken Beizli im Zentrum von Julian, gibts das pittoreskste Abörtchen zäntume

und dazu (oder amänd besser: danach) ein super Zmorge:

Überhaupt: Am Essen hatten wir in der ganzen Zeit fast nicht das Geringste auszusetzen. Einziger Schwachpunkt war ein velyvely spicy Fondue Chinoise bei einem Allyoucaneatasiaten in San Francisco. Doch in von wohligem Magenknurren begleitetem Gedenken an all die höchstens einmalig brennenden Köstlichkeiten, welche uns in zig anderen Lokalen aufgetischt wurden, haken wir diese kulinarische Grenzerfahrung mit buddhistischem Grossmut als nie gemacht ab.

Von Julian aus zogen wir sozusagen fast im Frühtau zu Berge, an den


Big Bear Lake.

Zurück in der Ebene, legten wir in Needles einen Schlafstopp ein. Was es über Needles zu sagen gibt, ist in einem Diner an der Einfahrt zum Highway notiert, der aus der Stadt hinausführt:

Wenig später standen wir vor etwas vom Gigantischsten, was die Natur je erschaffen hat: Dem Grand Canyon. Mir (oder, wie ich vermute: uns allen) fehlen heute noch die Worte, um zu beschreiben, wie dieses Weltwunder auf uns wirkte.

Ehrfürchtig starrten wir in die Abgründe der Schlucht und an ihre majestätischen Wände und versuchten vergeblich, das Unermessliche zumindest halbwegs ermessen zu können. Nur schon der Gedanke daran, dass dieser Megagigagraben schon Ewigkeiten vor dem ersten Menschen da war und auch noch da sein wird, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, ist zu mächtig, um zu Ende gedacht werden zu können.

Gegen Abend trudelten wir, vom soeben Erlebten immer noch leicht belämmert, in Williams ein. Dieser Ort lebt primär von seinem Anschluss an die legendenumwobene Route 66, hat aber auch musikalisch einiges zu bieten – jedenfalls, wenn John Carpino in town ist:

Und dann…dann waren wir in Las Vegas.

“Caesar’s Palace”, “The Venetian”, “Luxor”, “Treasure Island”, “Planet Hollywood”, “Golden Nugget”…: Ein Casino reiht sich ans nächste. Im Zockerparadies am und um den Strip leuchtets und blinkts und machts ununterbrochen.

Rund um die Uhr herrscht in den Häusern, vor denen The Animals schon vor einem halben Jahrhundert warnten, Hochbetrieb, wobei: Uhren sind in Las Vegas so gut wie keine zu sehen. Wer in Sin City spielt, braucht nicht zu wissen, wie spät es im eigentlichen und im übertragenen Sinn ist.

Als wären sie ferngesteuerte Roboter, schieben zombiebleiche Wesen apathisch Geld in die Schlitze der Maschinen und über die grünen Flächen der Poker- und Blackjacktische. Kurzberockte Damen versorgen sie künstlich lächelnd mit Gratisgetränken. Was dem Römer das Brot und die Spiele waren, sind dem Vegas-Junkie der Gin Tonic und ein Kasten mit den Kiss-Fratzen oder sonst etwas drauf.

Andere gamblen zum Vergnügen. Sie betreten das Casino mit einer bestimmten Summe, und selbst wenn ihr Geld sich auf wundersame Weise vermehrt, hören sie irgendwann auf. Falls sie verlieren, zucken sie mit den Schultern und gehen zu Bett. Von ihren verlebten Mitspielerinnen und -spielern unterscheiden sie sich auch dadurch, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen. Sie reden miteinander. Manchmal lachen sie sogar.

Zum Abschluss unserer Westcoast-Tournee besichtigten wir den Red Rock Canyon. Eine halbe Autofahrstunde von der Stadt entfernt erstreckt sich auf über 300 Quadratkilometern eine faszinierende Landschaft aus Kalksteinbergen und versteinerten Dünen, die vor 400 Millionen Jahren aus einem Meeresbett hervorgegangen waren.

Wegen dieses Ausflugs verpassten wir leider, leider den Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der sich heute – drei Tage nach dem “Mandalay”-Massaker; vermutlich hatte er vorher noch Dringenderes zu erledigen – nach Las Vegas bemühte, um mit Überlebenden des Massenmordes zu sprechen, den ein gewisser Stephen Paddock am Sonntag verübt hatte. Bei dem Attentat starben mindestens 59 Menschen, über 500 wurden verletzt.

Wir hatten das Gebiet, das Paddock aus dem 33. Stock des Hotels unter Seriefeuer nahm, nur Minuten vor der Schiesserei passiert.

Das wäre, eigentlich, ein guter Grund, um einmal tiefgehend über die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen, Zufälle im Besonderen und Vorbestimmungen im Speziellen nachzudenken.

Im Wissen darum, dass diese Entscheidung nur von einer vernachlässigbar kleinen Anzahl von Psychologen spontan gutgeheissen würde, habe ich für mich aber beschlossen, die “Mandalay”-Tragödie in einer Welt zu verorten, mit der ich nichts zu tun haben will.

Und die sich weit, weit weg von dem fantastischen Riesenstück Land befindet, das wir mit und dank Monique und Josy nun kennenlernen durften.

Shoppen, spielen, beten

12 Stunden nach dem “Mandalay”-Massaker: Obwohl wir vermuten, dass die Innenstadt teilweise abgeriegelt sein würde, fahren wir aufs Geratewohl los in das Zentrum von Las Vegas.

Fünf Minuten später parkieren wir in der Tiefgarage des “Bellagio”-Hotels. Auf der Strasse herrscht vor 10 Uhr schon reger Betrieb: Stossstange an Stossstange kriechen Autos durch die Las Vegas Avenue. Touristen starren in Schaufenster, bewundern Fassaden und schlendern durch Caesar’s Palace, The Venetian mit seinem künstlichen Canale (siehe Bild oben), Treasure Island und was der Attraktionen mehr sind.

Was auffällt, sind die vielen haushohen Bildschirme, auf denen zum Blutspenden für die Überlebenden aufgerufen wird. Andere gigantische Affichen versichern, dass “man” in Gebeten bei den Opfern des Attentats und deren Hinterbliebenen sei.

“Man” dürfte nach all den hausgemachten und fremdbestimmten Anschlägen, von denen dieses Land in den letzten Jahren heimgesucht worden ist, inzwischen gelernt haben, eine weitere Note in den Schlitz des Geldautomaten zu schieben und gleichzeitig seiner verstorbenen und verzweifelnden Mitmenschen zu gedenken.

Sicherheitskräfte sind omnipräsent. Überall stehen Polizeiautos mit flackernden Blau- und Rotlichtern. An fast jeder Ecke beobachten Uniformierte das Geschehen. Sie machen keinen übertrieben beschäftigten Eindruck. Einige von ihnen stellen sich lächelnd für Selfies mit Passantinnen und Passanten zur Verfügung.

Nachdem sich der Attentäter am Ende seiner Gewaltorgie auch noch das eigene Leben genommen hat, dürfte ihre Anwesenheit eher psychologische denn ermittlungstechnische Gründe haben: Der Stadt geht es offensichtlich darum, den Millionen von Menschen, die hier leben, spielen, shoppen und feiern Tag für Tag und Nacht für Nacht unermesslich viel Geld liegenlassen, das Gefühl zu geben, dass sie noch ewig lange hierbleiben können, ohne etwas befürchten zu müssen.

Dazu will auch Donald Trump seinen Teil beitragen. The President wird morgen Mittwoch in Las Vegas erwartet.

Es stimmt halt schon: Ein Unglück kommt selten allein.

First World Problems

So ruft “unser” Hotel seine Kundschaft zum Wassersparen auf:

Es wäre ja wirklich zu schade, wenn all die Springbrunnen und Wasserfälle in dieser Wüstenstadt auf einmal versiegen würden, nur, weil ihre Besucherinnen und Besucher es nicht schaffen, ein Badetuch zweimal zu benutzen.

Als Gäste, die wissen, was sich gehört, und denen vor allem bewusst ist, dass wir die Welt, in der wir leben, nur von unseren Nachkommen geliehen bekommen haben undsoweiterundsofort, taten wir, wie gebeten, und hängten die Tücher nach dem Abtrocknen wieder auf.

Unser Room Cleaning Assistant wechselte sie trotzdem gegen neue aus.

Als ob nichts gewesen wäre

Acht Stunden sind es nun her, seit ein Mann aus dem Mandalay Bay Hotel in Las Vegas auf eine Menschenmenge geschossen hat. Mindestens 50 Personen sind tot. Hunderte wurden verletzt.

Mein Schatz und ich bekamen von diesem Angriff nichts mit. Während des Massakers lagen wir schlafend in unserem Hotel.

Nachdem wir – geweckt durch besorgte Anfragen von Freundinnen und Freunden aus der Schweiz – realisiert hatten, was an der Casino-Meile passiert war, dachten wir an den Abend zurück, den wir zuvor in Las Vegas verbracht hatten: Um 21.20 Uhr verabschiedeten wir uns von einer Verwandten, die seit vielen Jahren in dieser aus der Wüste gestampften Geld- und Glitzermetropole lebt. Dann fuhren wir mit unserem Mietwagen in die Innenstadt.

Als wir um kurz vor 22 Uhr über den weltberühmten Strip cruisten, hätte es uns durchaus gereizt, irgendwo zu parkieren und nochli an an den weltberühmten Casinos und Hotels vorbeizubummeln.

Andrerseits: Vom vielen Reisen, Reden und Essen waren wir schon ziemlich ermattet. Deshalb beschlossen wir, schlafen zu gehen. All die Attraktionen würden wir auch morgen noch bestaunen können.

Also fuhren wir weiter; auch am Mandalay Bay Hotel vorbei, vor dem, wie wir aus dem Autofenster mitbekamen, ein Konzert im Gange war. Minuten später krachten dort die ersten Schüsse.

In unserem Hotel, in dem wir bis zur unserem Heimflug am Donnerstag wohnen, ist von der Tragödie wenig bis nichts zu spüren.

Während sie zwei Kaffees zubereitet, erzählt eine Barfrau, sie habe vorhin eine Überlebende des Attentats gesehen. Sie habe “traumatisiert” gewirkt.

Vor dem Eingang nimmt ein Angestellter mit einem festgebostichten Lächeln neue Gäste in Empfang. Sie grinsen erwartungsfroh. Weder er noch seine Kundschaft verlieren über die Bluttat auch nur ein Wort.

Drinnen (siehe Bild) sind um 6 Uhr am Morgen schon mehrere Pokertische besetzt. Vor unzähligen Geldautomaten sitzen Dutzende von Spielerinnen und Spieler. Wie in Trance schieben sie bleichgesichtig eine Dollarnote nach der anderen in die Automaten. Ständig klingelts irgendwo, oder pfeifts oder schepperts. Versteckte Lautsprecher berieseln den Saal mit Gutelaunemusik.

Auf den Bildschirmen über ihren Köpfen sind immer wieder “Breaking News” über den Massenmord in der Innenstadt zu sehen, doch kein Mensch schaut zu den Fernsehern hoch.

“This could be heaven. Or this could be hell”: Das schrieb ich gestern in diesem Blog über Las Vegas. Als ich die neun Worte tippte, ahnte ich nicht, wie präzise sie die Wirklichkeit tags darauf beschreiben würden.

Mythen und Musik

“Wahnsinnig”, “unbeschreiblich”, “sagenhaft”, “imposant”, “gigantisch”, “phänomenal”: Wer am Rande des Grand Canyon steht, sucht automatisch nach Worten, die beschreiben, was er oder sie gerade sieht.

450 Kilometer lang, bis zu 30 Kilometer breit und stellenweise 1800 Meter tief: Die “technischen Daten” der Schlucht, die der Colorado-River während Millionen von Jahren ins Land gegraben hat, sind, eigentlich, schon eindrücklich genug.

Nur: Dieses Steintal, das weder einen Anfang noch ein Ende zu haben scheint, einmal “live” bestaunen zu dürfen – das liegt meilenweit jenseits des üblichen Sehenswürdigkeitenabklopfens.

Das hat etwas Mythisches.

Ähnliches gilt für die Route 66. Die einst knapp 4000 Kilometer lange Strasse führt von Chicago an der amerikanischen Ost- nach Santa Monica an der Westküste. Sie ist zwar nicht mehr durchgehend befahrbar, hat aber bei Menschen, die sich vorzugsweise auf schweren Töffs und noch vorzugsweiser auf Maschinen der Marke Harley Davidson fortbewegen, nichts von ihrem Legenden-Nimbus eingebüsst.

Williams im Bundesstaat Arizona, wo wir unsere letzten zwei Nächte verbrachten, liegt an dieser Strecke. Die 3000 Einwohnerinnen und Einwohner geben alles, um sich von dem offensichtlich immer noch sehr wertvollen Kuchen mit der “66”-Glasur das eine und andere Brösmeli zu sichern, wie ein Gang entlang der Hauptstrasse zeigt:

Die Route 66 ist jedoch nicht ganz das einzige, was Williams zu bieten hat. Zu den Sehens-, bzw. Hörenswürdigkeiten zählt auch John Carpino. Der Singer/Songwriter bedient sein Publikum “with an impressive blend of acoustic rock, roots, rhythm and truth”, wie er selber sagt, und wurde nun schon zum 14. Mal in Folge zum “best local musician” erkoren.

Wir erlebten den gmögigen Ex-Lehrer auf einer kleinen Bühne neben unserem Tisch in Goldie’s Route 66 Diner. Mit vielen Eigenkompositionen – eine davon widmete er seinem Hund, was ihm von uns spontan mindestens 10 000 Bonuspunkte einbrachte – und Coverversionen zeitloser Hits von Johnny Cash, Simon & Garfunkel, The Doors, The Animals, den Beatles undsoweiterundsofort; es war chli wie im Paradies für hoffnungslose Musiknostalgiker, sorgte er für einen wunderschönen Abend.

Den Wunsch seiner vier neuen friends of Switzerland erfüllte er gerne:

“You can check out anytime you like, but you can never leave”: Was für die Gäste des – ebenfalls von unzähligen Mythen umrankten – “Hotel California” ein Problem sein mag, ist für uns kein Thema: Wir verlassen Williams in wenigen Stunden in Richtung Las Vegas.

Dort war ich noch nie, aber nach allem, was man schon so von Freunden gehört, in Büchern und Reportagen gelesen und in Filmen gesehen hat, gilt auch und ganz besonders für diese Stadt:

This could be heaven. Or this could be hell.

Ess geht auch so

Als glühender Anhänger des Weight Watchers-Prinzips flog ich mit dem Vorsatz in die USA, beim Essen dort jedes Erbsli zu zählen.

Kaum waren wir in San Francisco gelandet, musste ich allerdings leicht verdrossen feststellen, dass Erbsen eher nicht zu den dominierenden Elementen amerikanischer Speisekarten gehören.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als auf andere Naturprodukte auszuweichen.

Auf Eier von glücklichen Hühnern zum Beispiel

oder auf Fleisch von Rindern, die nie einen Stall von innen gesehen und nur wenige Stunden zuvor noch auf endlosen Wiesen gegrast haben

oder auf Kartoffeln aus sonnenlichtdurchtränkten Äckern, und auf Käse aus quietschfidelen Kühen aus dem Land we call the home of the brave

sowie – als kleine Sünde zwischendurch – auf frische Früchte:

Inzwischen, nach knapp zwei Wochen, habe ich mich mit der Ernähungsumstellung arrangiert und gelernt: Es brauchen wirklich nicht ständig Erbsen zu sein.

Was immer ich auf unserer Reise zu mir nehme, ist zwar bio durch und durch, schmeckt aber trotzdem hervorragend und sättigt erst noch nachhaltig.

Herzkranzgefäss, was willst du mehr?

Meg und die Möchtegern-Millionärinnen

Adiós, Escondido – hello, Palm Springs!

Hier, am Fuss einer atemberaubend schönen

Bergwüste,

verbringen wir auf unserem Weg nach Las Vegas die nächsten zweieinhalb Tage. Zuvor hatten wir einen Zwischenhalt in einem Städtchen eingelegt, von dessen Existenz ich bisher nichts gewusst hatte: Julian heisst das schmucke 2000 Einwohner-Örtchen, das in erster Linie von Äpfeln und zweitens von Touristen lebt (vielleicht ist es auch umgekehrt). In Granny’s Kitchen gönnten wir uns eine Kleinigkeit zum Zmorge

und trafen wir Dale.

Dale ist Stammgast in dem Kaffee. Ausgesucht freundlich erkundigte er sich bei uns, woher wir kommen, und als wir ihm sagten, wir seien Touristen aus der Schweiz, geriet er ins Schwärmen: In Diessbach im Berner Oberland habe er schon öfter seine Ferien verbracht, sagte der Senior, und fügte an, unsere Heimat sei das schönste, gastfreundlichste, zivilisierteste und überhaupt Land der Welt.

Als unser gmögiger neuer Bekannter gegangen war, fiel uns ein, dass in unserem Auto noch Schweizer Schoggi lag. Wir deponierten sie an der Kasse des Beizlis und baten die Inhaberin, es Dale bei dessen nächstem Besuch auszuhändigen.

Wenige 100 Kilometer später waren wir in Palm Springs. Hier, an diesem Treffpunkt der Reichen und Schönen (oder dem Ort, in dem sich laut Wikipedia “die Stars erholen“), hoffte ich von einer Frau endlich eine Antwort auf jene Frage zu bekommen, welche mich seit Jahren fast rund um die Uhr umtreibt: Wieso sie sich standhaft weigert, meine Freundschaftsanfrage auf Facebook anzunehmen.

Doch während ich an der Rezeption unseres Hotels noch überlegte, ob ich die Dame, die ich möglicherweise gleich sehen würde, einfach mit “Meg” oder vielleicht doch besser mit “Miss Ryan” ansprechen soll, huschte ein Rudel Frauen durch die Lobby, die allesamt wirkten, als ob sie gleich bei einem Casting für die “Desperate Housewives” vorsprechen dürften: In Stögelischuhen, knallengen Hosen und topmodischen Blusen die einen, mit Ayurvedasandalen an den pedikürten Füssen und wallenden Gewändern auf der ledriggebräunten Haut die anderen, trippelten sie hochnäsig schweigend an uns vorbei.

Laminierte Badges wiesen sie als Teilnehmerinnen eines Seminars aus, das sie in den nächsten drei Tagen und für läppische 700 Dollar pro frischfrisiertem Kopf auf Hundert und zurück, wie die Veranstalter versprechen, zu Millionärinnen machen wird.

God bless America!

Nun, nach der ersten Nacht in unserer Juniorsuite – die normalen Zimmer sind durch die Neureichen in spe belegt – liege ich an einem der drei Hotelpools und warte und warte und warte seit Stunden auf Meg Ryan wie seinerzeit DÖF auf a Taxi, oba si kummt net.