Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

Ahnungslos durch die Nacht

Mit zwei Stunden Verspätung fährt der Zug, der uns samt unserem Hund und dem Auto nach Hamburg bringen wird, in Lörrach los, aber das macht nichts; schliesslich hatte niemand ahnen können, dass im Waggon 4, in dem wir das Abteil 3 reserviert hatten, ausgerechnet an diesem Abend für eine Weile der Strom ausfallen würde, aber jetzt ist er wieder da, der Pfuus, und während wir es uns in unserem mobilen Zimmerchen gemütlich machen und einen Happen essen, drückt der Lokomotivführer das Gaspedal (wobei: Gas?) immer tiefer nach unten, und alles ist gut.

Als die Nacht über Süddeutschland hereingebrochen ist, legen sich meine zwei mitreisenden Damen zur Ruhe. Ich schlurfe ein paar Meter weiter nach vorne in den Speisewagen., wo ein Teil der Passagiere gerade damit beschäftigt ist, kalte Stromausfall-Gedenkplatten zu verputzen (die Speisekarte preist auch ein Braten aus dem Ofen an, aber daraus wird heute wohl nichts). Die andere Hälfte verpflegt sich, an Sechsertischchen sitzend, flüssig. An der Bar steht eine ältere Dame vor einem Glas Rotwein.

Ohne, dass ich ihn darum gebeten hätte – aber mit perfektem Timing – hängt sich Rainhard Fendrich in meinem Kopf eine Gitarre um und beginnt zu singen:

Eine Stunde vor Mitternacht hält der Zug in the middle of nowhere. Das Bahnpersonal und der offenbar einzige noch muntere Raucher steigen aus, um ihre Nikotinspeicher aufzufüllen.

In den Lärm des Baggers hinein, der weiter hinten gleichmütig ein gewaltiges Loch in das Perron schaufelt, frage ich einen Mitarbeiter, wann wir in Hamburg ankommen („Keine Ahnung. Halb Sieben, denk ich ma, vielleicht auch um Sieben. Fahrplanmässig wäre um Zehnvor.“), und wieviele Zwischenstopps es bis dahin noch geben würde („Kommt ganz darauf an. Zwei? Drei? Können auch mehr sein, oder weniger.“).

Dass wir nicht auf die Hundertstelsekunde genau rechtzeitig gestartet seien, spiele absolut keine Rolle, erklärt mir der Chef der Truppe. „Sie glauben gar nicht, wieviel Zeit wir haben, um das bis Hamburg aufzuholen.“

Mir wird klar: Dies ist kein Zug wie jeder andere. Er funktioniert quasi ausserhalb des Gesetzes nach einem Plan, den – wenn überhaupt – nur die Menschen kennen, die in ihm arbeiten. Sein Puls schlägt in Stunden, nicht in Minuten.

Dieser Umstand schenkt dem Personal und seinen Gästen Freiheiten, die „normale“ Bahnleute nicht haben. „Neulich musste einer dringend mit dem Hund raus. Also haben wir für ihn und seinen Wauwau einen Stopp eingelegt“, erzählt einer der Uniformierten auf dem Perron.

Dass der Mann den Extrahalt nutzte, um mit dem Vierbeiner seelenruhig einen veritablen Bummel den Schienen entlang zu unternehmen, sei zwar nicht vorgesehen gewesen, habe aber auch niemanden aus der Ruhe gebracht.

23.18 Uhr: Die Frau an der Bar ist vom Wein auf Cognac umgestiegen und lässt ihr Publikum schwerzüngig wissen, sie sei 72 Jahre alt und noch sehr viel besser beieinander als ihr 52-jähriger Sohn, der immer noch bei ihr daheim wohne und so weiter und so fort.

Um 00.36 teilt mir ein Uniformierter mit, wir seien gleich in Darmstadt; dort gebe es die nächste Rauchgelegenheit. Nebeneinander stehen wir, je ein Päckli Zigaretten und ein Feuerzeug in den Händen, im Gang. Der Zug bremst ab, nähert sich dem Bahnhof, passiert im Schrittempo zwei Schilder mit der Aufschrift „Darmstadt“ – und beschleunigt erneut.

„Tja. War wohl nix“, sagt der Uniformierte und verstaut die rotweisse Schachtel achselzuckend in seiner Westentasche. „Letztes Mal gabs hier eine Pause. Ich habe keine Ahnung, was heute…aber ist ja egal“, sagt er.

Wir gehen zurück in den Speisewagen. Er, der Barkeeper und ich sind nun unter uns. Die totalbetrunkene Frau wurde von einer gutmeinenden Mitreisenden in ihr Abteil geleitet.

Der Barmann zählt Münz, der Bähnler trocknet Gläser ab. Ich tippe auf dem Laptop herum. Eigentlich bin ich todmüde, aber die surreale Stimmung hält mich wach. Es ist, als ob Raum und Zeit neu justiert worden wären.

Ein Ruck geht durch den Zug. Wir sind in Frankfurt Main Süd angekommen. Wer noch oder schon wieder wach ist, steigt ungeschminkt, in Trainerhose und T-Shirt und mit verstrubbelten Haaren aus. Schweigend qualmt das Grüppli auf dem verlasssenen Bahnsteig.

Kein Mensch weiss, wann es weitergeht, aber das kümmert niemanden. Wir haben ja Zeit.

Unendlich viel Zeit.

Schöner leben

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“Kannst du am Montag?”

“Klar. Wie siehts bei dir am Dienstag aus?”

“Dienstag ist gut. Mittwoch auch, aber am Abend habe ich auswärts eine Sitzung. Dann gehts nicht.”

“Kein Problem. Ich hole sie vorher ab. Am Donnerstag würde ich sowieso…”

“…gut.”

“Ok. Dann du am Freitag?”

“Yup.”

Regelmässig führen mein Schatz und ich Gespräche, die führen zu müssen wir uns noch vor einem halben Jahr nie vorgestellt hatten. Immer, wenns gegen das Wochenende zugeht, zücken wir unsere Kalender, um miteinander die Hundebetreuung zu organisieren.

Seit Tess bei uns eingezogen ist, hat die inzwischen gut siebenmonatige Labradordame unser Leben auf den Kopf gestellt. Auch wenn natürlich wir die Chefs sind sein sollten, bestimmt letztlich doch sie unsere Tagesabläufe: spätestens um 5 Uhr will sie zum ersten Mal geschäftlich raus. Um 6 gibts Zmorge. Wenig später fährt sie mit Chantal ins Büro oder trottet mit mir zum Einkaufen durch die Häuserschluchten von Burgdorf.

Wobei: damit, sie an die Leine zu nehmen und aus dem Haus zu gehen, ist es nicht getan: nur schon bei Kurzausflügen gehören ein paar Säckli zur Beseitigung von Frischverdautem ebenso zur Standardausrüstung wie ein Hämpfeli Gudis. Falls der Ausflug länger dauert, packt der oder die weitsichtige Hütediensthabende zusätzlich einen zähen Lederknochen oder ein wie ein Maimorgen duftendes Stück Dörrpansen plus ein Spielzeug mit ein.

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Sackerl fürs Gackerl, wie der Wiener sagt, können Hundehalter nie zuviele bei sich haben. Sie stecken deshalb in so gut wie jedem unserer Kleidungsstücke. Vor Gericht hätte ich neulich beinahe versehentlich in einen dieser roten Kunststoffbeutel aus der linken Hosentasche geschneuzt statt in eines der vorne rechts verstauten Papiertaschentücher.

Sind wir bei Freunden eingeladen, die bei sich daheim keine Hunde haben können oder wollen, gilt es, beizeiten einen “Baby”sitter zu finden (und bei Tisch auch mal ein Thema anzuschneiden, das die Gastgeber wirklich interessiert; es muss ja nicht immer nur um Tess gehen). Wir schätzen uns überaus glücklich über den Umstand, dass wir mit Nicole E., Trix B. oder der Familie D. & F. Menschen um uns wissen, die sich auch auf kurzfristigste Anfragen hin liebevoll und mit einem perfekten Mix aus Toleranz und Strenge um unsere Meite kümmern.

Zum täglichen Pflichtprogramm gehört – abgesehen vom mehrmaligen Gassigehen, dem Füttern und dem Renovieren der Wohnung – das Üben der benimmtechnischen Basics. “Sitz” und “Platz” und “Warten” hat Tess schon einigermassen intus. Mit dem Abrufen, dem Ohneleinelaufen und anderen Petitessen haperts zuweilen aber noch ein bisschen.

Um das zu korrigieren, besuchen wir mit ihr jeden Samstag die Hundeschule. Unter der Woche führen wir sie immer wieder auf die Schützenmatte, um das Gelernte zu vertiefen. Auf der grossen Wiese kann Tess das Nützliche gäbig mit dem Angenehmen verbinden: irgendein Artgenosse, dem der Sinn gerade ebenfalls nicht nur nach Trainieren steht, lässt sich immer in eine kollegiale Rauferei verwickeln.

Selbstredend prägt unser längst bestens ins Quartierleben integrierte neue Familienmitglied auch die Ferienplanung entscheidend mit, und überhaupt auch sonst alles: die letzten Bücher, die ich gekauft habe, drehten sich um Labis im Allgemeinen und die Hundeerziehung im Besonderen. Der Speicherplatz in unserer TV-Box ist nicht mehr mit Krimis und romantischen Filmen belegt, sondern mit Serien wie “Der Hundeflüsterer” und Artverwandtem.

Fuhren oder flogen wir früher aufs Geratewohl und Gefallegut irgendwo hin, müssen wir uns heute lange im Voraus überlegen, wohin die Reise gehen soll, und wie wir unser Ziel auf eine möglichst vierbeinerkompatible Art und Weise erreichen könnten. Tess im Frachtraum eines Flugzeuges zu verstauen, ist für uns vorläufig ebensowenig eine Option, wie ihr endlos lange Zugfahrten zuzumuten. Dazu kommt: auch die artigsten Hunde werden nicht in jeden Hotel geduldet. Theater-, Museum-, Konzert- oder Kinobesuche sind mit tierischer Begleitung in der Regel unmöglich.

Aber: auch wenn das alles vielleicht sehr nach “Müssen” und Einschränkung und Umstellung und weiss der Gugger noch nach was allem klingt: wir gäben Tess nicht mehr her; unter gar keinen Umständen und für kein Geld der Welt.

Sie treibt uns manchmal fast in den Wahnsinn, sie verwüstet mit bemerkenswerter Konstanz unser Daheim, sie ist hellwach, wenn wir schlafen wollen und döst ostentativ vor sich hin, wenn wir mit ihr etwas unternehmen möchten, sie klaut unseren Vermietern die Äpfel aus der Vorratskiste und verknurrt in aller Herrgottsfrühe den Zeitungsverträger, sie kämpft gegen den Staubsauger, verchaflet alles, was ihr zwischen die Zähne gerät und unterweist sich Abend für Abend ohne Rücksicht auf Verluste in der Kunst des lautlosen Tötens durch Furzen.

Manchmal, wenn ich mit Tess durch die Gegend bummle oder sie selig schnärchelnd zwischen uns liegt, frage ich mich, wie das eigentlich gewesen ist: das Leben ohne Hund.

Es war, natürlich, weniger verplant. Es bot, irgendwie, mehr Freiheiten. Die Zeiten, in denen Chantal und ich mehr oder weniger tun und lassen konnten, was auch immer wir wann auch immer tun und lassen wollten, sind seit dem 4. Oktober 2015 jedenfalls vorbei.

Aber schöner war das Leben deswegen nicht –  ganz im Gegenteil: rundum schön ist es erst an dem Tag geworden, an dem wir Tess gefunden haben.

Oder – wer weiss? – an dem sie uns gefunden hat.

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(Bild: Schatz)

 

Seeschwächen

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Mit grossen Plakaten betreibt die Bern-Lötschberg-Simplonbahn (BLS) auf Bahnhöfen im Kanton Bern Werbung in eigener Sache. In Burgdorf zum Beispiel verspricht das Unternehmen den auf den nächsten Zug wartenden Passagieren, sie “in 49 Minuten” auf den Thunersee zu bringen.

Unerwähnt lassen die BLS dabei wohlweisslich, dass ein solcher Ausflug nicht zwingend das Nonplusultra der Freizeitgestaltung zu sein braucht; man denke nur an die blutdurstigen Mücken, oberpingeligen Bademeister, stechwütigen Bienen, tieffliegenden Frisbees, entnervten alleinerziehenden Väter (“Nein, Leo: Es gibt jetzt keine Glace mehr. Dein Mami hat uns wieder nur einen Fünfliber mitgegeben.”), hysterischen alleinerziehenden Mütter (“Anastacia-Jennifer! Wenn jemand von uns beiden fremden Männern in die Badehose greifen darf, bist das ganz sicher nicht du!”), unangeleint dem Ufer entlangstreunenden Hunde, die Seespiele, die pfeffersprayenden Billetkontrolleure undsoweiterundsofort.

Abgesehen davon: Falls jemand trotz alldem nach Thun reisen will, kann er das auch in 45 Minuten hinter sich bringen, wenn auch nicht mit der BLS, sondern mit der guten, alten SBB:

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Dann muss er oder sie zwar einmal umsteigen. Doch wer Burgdorf kennt, weiss: Das ist nichts Mühsames, sondern die Chance, an den Schlossfuss zurückzukehren, bevor es zu spät ist.

Über und unter den Wolken kann der Frust grenzenlos sein

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“«Travel Service Airlines» ist ein Profi im Charter-Fluggeschäft und erfüllt unseren Kunden (…) alle Wünsche”: Mit diesen Worten wirbt die Firma Travelhouse – laut Eigenwerbung “Die führenden Ferienspezialisten der Schweiz” – für ihren Partner, die Fluggesellschaft Travel Service.

Mit Travel Service arbeitet Travelhouse seit letztem Sommer zusammen. Damals ging die Schweizer Tiefstpreislinie Hello, mit der Travelhouse bis dahin kooperiert hatte, Konkurs. Also musste Travelhouse einen neuen Partner finden, der “unsere Gäste” – und damit weiter im Werbetext – “zuverlässig und komfortabel in ihre Ferien bringt”.

Wie Travelhouse auf die Idee kommen konnte, dass ausgerechnet Travel Service diese Kriterien am besten erfüllen würde, ist kaum nachvollziehbar. Denn die Adjektive “zuverlässig” und “komfortabel” passen nur sehr bedingt zum Label “Travel Service”.

“Travel Service”: Das verbinde ich vor allem mit “unzuverlässig”, “unfreundlich” und “unbequem”. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht alleine da: In einem “Airline-Test”, der von “Angolan Airlines” bis “Tyrolean Airlines” 54 Fluggesellschaften aufführt, von denen kein Mensch je gehört hat, belegt Travel Service den 41. Platz.

Als einzige Erklärung für den Schulterschluss bietet sich dem Laien folglich an: Travelhouse hat aus finanziellen Gründen einfach jenen Partner gewählt, der die Auslagen – zum Beispiel mit minimstem Personaleinsatz und Löhnen am Rande des Existenzminimums – so tief wie möglich hält.

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Dazu passt, was der Airline-Pilot und Aviatik-Fan “Danix” im Onlineportal “flightforum.ch” an die Adresse des ebenfalls mit Travel Service verbundenen Veranstalters Hotelplan zu bedenken gibt: “Es ist scheinheilig, wenn man Hello vorgeworfen hat, dass sie mit ihrem Personal unmenschlich umgehen, nur um jetzt den Markt von einem ähnlich operierenden Ausländer abdecken zu lassen.”

“Ähnlich operierend” geht im Fall “Travel Service” so: Sowohl der Flug QS4528 von Zürich nach Las Palmas am 5., als auch der Rückflug QS4529 am 12. April sind um über eine Stunde verspätet. Auf dem Hinweg kommt hinzu: Als die Passagiere endlich im mit laufendem Motor wartenden Bus zum Flugzeug zusammengepfercht sind, müssen sie in totaler Ahnungslosigkeit über das Warum und Wielangenoch eine halbe Ewigkeit ausharren, bis sich das Gefährt in Bewegung setzt.

Weder in Zürich noch auf Las Palmas werden die wartenden Gäste über den Grund für die umterminierten Flüge informiert. Beide Male erachten es die Travel Service-Verantwortlichen als nicht angezeigt, sich bei ihren Kunden für das aktuelle und noch folgende Ungemach (verpasste Anschlusszüge oder -flüge, im Ungewissen gelassene Angehörige am Bestimmungsort und so weiter) zu entschuldigen.

Der Service an Bord ist mit “lieblos” nur unzureichend beschrieben, doch dafür bleiben wir damit auf der juristisch sicheren Seite. Vor dem Start gibts Orangensaft und Wasser, aber nicht für alle. Falls der Fruchtsaft von einer ähnlichen Qualität gewesen sein sollte wie die Hühner- und Härdöpfelpampe, die einem später ohne Vorwarnung und wortlos aufs Tischli geknallt wird, hat allerdings keiner der Übergangenen viel verpasst.

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Wer sein iPad oder iPhone (im Flugmodus!) eingeschaltet hat, um zu lesen oder Musik zu hören, wird nicht, wie in anderen Jets, freundlich gebeten, das Gerät während der Start- und Landephase zu deaktivieren, sondern in einem Ton, der jeden Oberstleutnant erstarren liesse, zum “Switch it off!!!” verdonnert. Ein Lächeln der Flight Attendants kostet wohl extra. Wer bar bezahlt, geniessts sogar zum Dutyfree-Tarif.

Die Schuld an der Misere dem Personal in die Schuhe zu schieben, wäre aber unfair. Die zwei Damen und der Herr, die zwischen den thrombös eng bestuhlten Sitzreihen Dienst nach Vorschrift leisten, haben vor noch nicht allzulanger Zeit vielleicht in den rosarotesten Farben davon geträumt, sich hoch über den Wolken aufmerksam – und anständig entschädigt – um ihre Klientel kümmern zu dürfen.

Dann landeten sie bei Travel Service und damit auf dem Boden der luftfahrttechnischen Realitäten: Nur was und wer nicht kostet, ist für unzählige Anbieter in der Flugschnäppchenbranche etwas wert.

Jetzt geht es für sie nur noch darum, die rund 40 Jahre bis zur Pensionierung mit einem letzten Rest Selbstachtung über die Runden zu bringen. “Wenn wir uns schon von den Chefs alles gefallen lassen müssen, spielen wir zumindest für die Passagiere nicht die daueraufgestellten Hampelmänner und -frauen”: Mit diesem Gedanken steigen sie jeden Tag aus irgendeinem Hotelbett. Man mag sich das gar nicht zu plastisch vorstellen.

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Unmittelbar nach der Landung in Zürich schrieb ich auf Facebook, dass ich der Firma Travel Service dringend eine Namensänderung empfehle: “Getravelled wird nur mit Verspätung, der Service entspricht dem aktuellen Standard an Bord von MH370.”

Minuten später meldeten sich zwei Facebook-Freundinnen, die mit diesem Unternehmen ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Die eine notierte:

“Wir sind letztes Jahr auch mit Travel Service auf die Kanaren geflogen. Hin- und Rückflug mit Verspätung. Beim Einchecken für den Rückflug hiess es zuerst fünf Stunden, schlussendlich waren es “nur” gute drei Stunden. Ein Grund wurde uns nicht genannt, Entschuldigung kam auch keine. Einmal, aber nie wieder!!!”

Noch übler war es der anderen Freundin ergangen: Sie hatte auf ihrem Flug von Las Palmas nach Zürich sieben Stunden Verspätung, was nicht zuletzt auf eine unangekündigte Zwischenlandung auf Teneriffa zurückzuführen war.

Sieben Stunden Verspätung: Das ist bei Travel Service offensichtlich nichts Aussergewöhnliches.

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Genauso lange wartete in der Hauptstadt von Gran Canaria auch ein gewisser Artur Nideröst auf den Take-off. Das Flugzeug, das ihn heim in die Schweiz bringen sollte, sah Nideröst zwar auf der Startbahn stehen. Er realisiert auch, wie es abhob.

Nur sass er nicht drin.

«Kein Mensch sagte uns, was los war», erzählte Niederöst später dem Konsumentenmagazin K-Tipp. Erst nach beharrlichem Durchfragen am Flughafen und einem Gespräch mit der Hotline seines Reiseveranstaltes habe er den Grund für die Flugverspätung erfahren – “aber nicht, wie lange das Warten noch dauern würde”. und: “Einen Verpflegungsbon gab es erst nach Insistieren.”

Der komplette Artikel mit Niderösts Geschichte findet sich hier.

Ich gehe nicht davon aus, dass dies der letzte Erlebnisbericht bleibt, den der K-Tipp über enttäuschte Travel Service-Kunden veröffentlichen kann.