Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

Klorigami

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Segelschiffli, der Taj Mahal, die entscheidenden Szenen der Schlacht von Waterloo: Wenn es darum geht, Hotelgästen, die zum ersten Mal das WC in ihrem Zimmer aufsuchen, ein entgeistertes “Läck! Komm mal ins Bad! Das musst du dir anschauen!” zu entlocken, ist den für das Toilettenpapierdesign zuständigen Facility-Mangagerinnen kein Aufwand zu gross.

Der Rohstoff für ihre Origami-Orgien stammt aus einer abgelegenen Ecke des Amazonas-Urwaldes, wo Heerscharen von barfüssigen chinesischen Zweitkindern rund um die Uhr Bäume auf den Tausendstel Millimeter präzise plattstampfen. Dass zum Falten nur fast transparentes Papier verwendet wird, hat laut Silvie von der Rolle, der Medienreferentin des Branchenverbandes „Kloho!“, einen einfachen Grund: „Damit geht es am besten.“

Bei allem Verständnis für die kreativen Anliegen des Herbergenpersonals: Die Endverbraucher rufen immer lauter nach mehrlagigem Material, um sich auch nach intensivsten Sitzungen von der besten Kehrseite zeigen zu können. Ob das Papier den Eifelturm oder die Freiheitsstatue darstellt, sei für ihn “von sekundärer Relevanz”, sagt ein Banker, der viel Zeit in Hotels verbringt. “Für mich zählt nur, dass ich meine Geschäfte auf eine saubere Art und Weise abschliessen kann.”

Mit ultradünnem Toilettenpapier, „das schon beim Anschauen reisst“, sei ihm das nicht möglich – im Gegenteil: „Das Festhalten an der Einlagentechnik zwingt mich dazu, auch für den kleinsten Scheiss kilometerweise Papier zu vergeuden, das die Menschheit sicher noch für Gescheiteres verwenden könnte.“

Wobei: Wenn – nur einmal angenommen – eine Seafoodbeiz zwischen Hobart und Coles Bay von einer Buslandung Japaner gestürmt wird, die Sekunden später drängelnd und nörgelnd den ganzen Betrieb durcheinanderbringen, und man nach einem Weg sucht, sich ein bisschen an den Hopplajetztkommich-A…siaten zu rächen, gibt es wenig Naheliegenderes, als sich in der einzigen Toilette des Lokals mit dem letzten WC-Papier so lange die Brille zu putzen, die Nase zu schneuzen und so weiter und so fort, bis nur noch der blanke Karton übrig ist.

Dann verlässt man das Örtchen im beruhigenden Wissen darum, dass in absehbarer Zeit eine der Nervensägen mit heruntergelassenen Hosen auf der Schüssel festsitzt und sich zähneklappernd fragt, wie lange seine Mitreisenden wohl auf ihn warten und wenn ja, was sie sagen werden, wenn sie merken, dass mit ihm in hygienischer Hinsicht etwas hinten und – je nach Konsistenz und Menge – auch vorne nicht stimmt.

Znachtruhestörung

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Es war ein wunderschöner Abend in einem heimeligen Lokal (siehe Bild), mit einem fantastischen Essen in überaus netter Gesellschaft, doch in dem Moment, in dem Sonja Guzzanti, die Chefin von “Mediterrane Leckereien” am Solothurner Landhausquai, den Hauptgang servieren wollte, flog die Türe auf und zack: war die kleine Beiz bis in die hinterste Ecke mit Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern besetzt, die alsbald gar lustig drauflosguugten und schampar originelle Bänke über ihren Stadtpräsidenten und Flüchtlinge schnitzelten, und als die Närrinnen und Narren merkten, dass nicht alle an unserem Tisch ihr Treiben als sooo lustig empfanden wie sie, teilte uns eine der kostümierten Scheesen gehässig mit, wir sollen gefälligst nicht so tun; schliesslich seien wir selber schuld, wenn wir an der Fasnacht in Zivilkleidung unterwegs seien, und dann gings auch schon weiter mit Tschingdärässabumm und allem, aber henu.

Nein – der Typ links macht die Zigi nicht aus

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Das Lüftchen kommt von links, das Pärchen setzt sich an den Tisch rechts, und kaum, dass es sitzt, sagt sie zu ihm, der Typ da äne rauche im Fall; das sei ja WIDERLICH!!!, wie das stinke, worauf ihr Begleiter, dem diese Situation nicht völlig fremd zu sein scheint, sich mit erkennbarem Unbehagen an den Unflat nebenan wendet und ihn fragt, ob es ihm viel ausmachen würde, die Zigi auszulöschen, worauf der Angesprochene mit aller gebotenen Freundlichkeit sagt, ja, das würde es, er habe die Zigi nämlich schon angezündet gehabt, als er noch alleine hiergewesen sei, und abgesehen davon höckle man in einer Openairbeiz mit Aschenbechern und allem, worauf der Mann seiner Frau rapportiert, der Typ mache seine Zigi nicht aus, worauf die Frau etwas Unverständliches zischt und das Handtäschli packt und hineingeht und zahlt und zu ihrem Mann sagt, “komm, wir gehen”, bevor die beiden auch nur an ihrem Kafi genippt haben.

Der unbekannte Bekannte

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(Bild: Andreas Althaus; “SpringSeil” 2015, Variable, 42 x 29,7; Privatbesitz)

Der Herr da hinten, auf dem Sessel im Eggeli, sei ein extrem berühmter Künstler, sagte ich zu der Servierfrau an der Bar; wenn es ihr nicht allzuviel ausmieche, würde ich jetzt meinen Kaffee nehmen und mich zu ihm setzen, weil Promis dieses Kalibers treffe man nicht jeden Tag, nicht einmal hier und schon gar nicht zu dieser frühen Stunde, raunte ich über den Tresen, worauf die Frau “Oh” sagte, und weil sie den Mann offensichtlich nicht kannte, fügte ich, bevor ich mich auf den Weg ins Eggeli machte, an, er sei so etwas wie der Zwillingsbruder von Salvador Dalì, nur auf Emmentalisch statt auf Spanisch, worauf die Frau noch einmal “Oh” sagte, und während ich, mit dem Kaffee in der einen und dem Wasserglas in der anderen Hand, möglichst cool von dannen bummelte, konnte ich beinahe hören, wie es im Kopf der Frau hinter mir ratterte und knirschte und und funkte und machte, aber irgendwie kam sie einfach nicht darauf, um wen es sich bei dem Künstler handeln könnte, und als sie nach einer Weile bei uns vorbeischaute, um nachzufragen, ob wir gerne noch etwas zu trinken hätten, sagte ich zu dem Mann, dass ich der Frau vorhin verraten habe, er sei ganz wahnsinnig berühmt, was dem Mann irgendwie ein bisschen peinlich zu sein schien, worauf die Frau sagte, das sei ihr jetzt im Fall schon nicht recht, dass sie ihn nicht erkannt habe, worauf er lachte und sagte, das spiele üüüüberhaupt keine Rolle, er sei nämlich gar nicht berühmt, und als das geklärt war, stellte er sich ihr vor und sie sich ihm und…nein: nichts “und”.

Wir tranken unsere Kaffees aus und bezahlten und gingen, und falls wir uns wieder einmal in diesem Restaurant treffen sollten, der Mann, der tatsächlich ein Künstler ist, und die Servierfrau und ich, wissen wir alle, mit wem wir es zu tun haben, und das, finde ich, kann so oder so nichts schaden, Promi hin, Normalsterblicher her.

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Häppchenweise: Mit einem Apéro trés riche dankt Burgdorf seinen Kulturschaffenden jedes Jahr für deren Einsatz zugunsten eines vielfältigen Stadtlebens. Traditionell findet der Anlass im Restaurant des Casino Theaters statt. Auch heuer trafen sich auf dessen Terrasse wieder Dutzende von aufgestellten Damen und Herren, um sich bei einem Glas Wein oder Orangensaft und feinen Häppchen genreübergreifend ein bisschen näher zu kommen.

Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk

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Mit ungekünstelter Herzlichkeit und dem ihr eigenen Gespür für den grössten gemeinsamen Wohlfühlnenner von Menschen aus allen Alters-, Berufs- und Gesellschaftsschichten betreibt Anita Häberli (Bild oben) seit Kurzem das “Kraftwerk”. Das eine Gehminute hinter dem Burgdorfer Bahnhof gelegene Kaffee ist laut Eigenwerbung ein “Home of the good times” und “ganz anders als alles, was Burgdorf bislang zu bieten hatte.”

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Wer das Beizli zum ersten Mal betritt, stellt sofort fest: “Home of the good times” und “anders als alles…” sind im “Kraftwerk” nicht leere Werbeslogans, sondern Versprechen. Als ob man jemandem, den man seit Langem gut mag, in seiner neuen Wohnung besuchen würde, setzt man sich hin, schaut sich um…und beginnt unwillkürlich, die anstehenden Termine geistig nach hinten zu schieben oder gleich ganz aus dem Gedächtnis zu löschen. Das liegt nicht nur am einnehmenden Wesen der Chefin, sondern auch am liebevoll arrangierten Interieur, das an Originalität und Behaglichkeit nichts zu wünschen übriglässt.

Rund 50 Helferinnen und Helfer – darunter auch Jugendliche – haben die frühere Werkstatt des “Radix”-Snowboardshops an der Kirchbergstrasse 25 in monatelanger Fronarbeit zu einer zweistöckigen Entspannungsoase samt Bar, Sitzecken, einer Bühne und zig weiteren Sehenswürdigkeiten umgebaut. Entstanden ist ein innenarchitektonisches Kuddelmuddel, das seine Wurzeln irgendwo in der Mitte des letzten Jahrhunderts hat und das trotzdem – oder gerade deshalb – einen zeitlosen Charme verströmt.

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Knietiefe Nierentischchen, eine Jukebox (perfekt sortiert: bei unserem Besuch bekundeten erst die Rolling Stones ihre “Sympathy for the Devil”, dann reisten Toto nach “Africa”, anschliessend genossen Led Zeppelin a “Whola lotta Love”, und das alles in einer Lautstärke, bei er es sich problemlos miteinander plaudern liess), selbstkreierte Lampen, ein Ledersofa, vergilbte Bilder, quasiantike Accessoires, bunte Leuchten, hölzerne Dielen, alte Sicherungskästen, aus halbverputzten Wänden ragende Rohre oder Vitrinen aus Mutters und Grossmutters Zeiten: Das alles sieht aus wie zufällig arrangiert und wirkt wie eine WG, in der ein paar geschmackssichere Freunde ihren retrovertierten Einrichtungsfantasien freien Lauf lassen konnten.

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Für den kleinen Gluscht zwischendurch hält Anita Häberli, die schon als “Metzgere”-Wirtin in der Burgdorfer Oberstadt eine ebenso treue wie dankbare Stammgaschtig um sich geschart hatte, handgemachte Sandwiches und süsse Versuchungen bereit. Die Getränkeauswahl umfasst, was Herz und Kopf und Leber begehren. Darüberhinaus freuen sich DJs und eine eigens für das “Kraftwerk” zusammengestellte Hausband darauf, die Nacht mit den Gästen zum Tag zu machen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 16 bis 0.30 Uhr, Samstag 10 bis 0.30 Uhr.

Weitere Infos gibts hier.

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Wie alle, nur anders

Auf ihre ganz…äh…eigene Art sind sie schon drollig, die deutschen Touristen auf Gran Canaria und überall sonst auf der Welt.

Wenn ihnen jemand, den sie als Führungsfigur anerkennen – den Schildermaler einer Strandbeiz, zum Beispiel – etwas vorschreibt…

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…machen sies einfach,

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und zwar unabhängig davon, ob das einen Sinn ergibt und ungeachtet dessen, wer das Chaos am Ende aufräumt.

Und überhaupt: Was heisst hier

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schon “Heute 19.45”?

Deutschen Ton gibts hier (und dort. Und da auch) fast rund um die Uhr, von morgens um 6, wenn die ersten Hotelgäste, windschlüpfrig über ihre Rollatoren gebeugt, zum Pool sprinten, um sich mit dem Badtüechli einen Platz am Wasser zu sichern, weil spätestens um 10 Uhr jede Liege mit allen verfügbaren Mitteln besetzt sein wird,

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bis abends um 9, wenn auch die zächsten Paare, vom Foxtrotten bis an den Rand des Komas ermattet, in ihre Betten sinken.

Sie bestellen, wie schon vor zwei Jahren und wie bestimmt auch in zweihundert Jahren noch, ne Pälla, von der sie dann nur einen Viertel verspeisen (jenen Teil nämlich, der Esswaren enthält, die sie kennen: den Reis, die Erbsli und den Pouletfetzen), Fruttidelmareplatten, die sie zurückgehen lassen, weils Fisch drauf hat und Nochi, obwohl die das einzige sind, was auf der Karte fehlt.

Sie meckern, weils draussen zu warm ist oder drinnen zu kühl, sie diskutieren stundenlang mit dem Personal, weil sie am Vorabend für irgendetwas bezahlen mussten, was laut Katalog im Preis inbegriffen war und drohen dem Busfahrer mit rechtlichen Schritten, wenn er zwei Minuten zu spät vor dem Hoteleingang steht.

Sie beklagen sich darüber, dass “in diesem Laden” zuwenig laufe. Aber wenn die Animatrice dann zur Wassergymnastik oder zum Bogenschiessen oder zum Darts oder zum Billard ruft, bleiben sie lieber auf ihren Liegen liegen; das fehlte ja gerade noch, dass sich auf dem mühselig erkämpften Plätzchen nachher genau der Typ räkelt, den man vor Sonnenaufgang mithilfe von zwei Weckern und einem perfekt getimten Anruf aus der Rezeption so elegant ausgebremst hat.

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Sie “fragen” arglos an der Bar bloggende und sich dabei selber fotografierende Schweizer, ob sie “mal eben” deren Laptop ausleihen können, um zu scheckn, ob die Gran Canaria-DVD, die sie in der Innenstadt einem halbseidenen Händler abgekauft haben, um sich die Insel nicht selber anschauen zu müssen, “auf diesem Ding” läuft (hätte der Mann auch nur “Mac” statt “Ding” gesagt, wäre eine wenn vielleicht auch nur gespielte Verhandlungbereitschaft nicht zum Vornherein ausgeschlossen gewesen).

Kurz: Die Deutschen benehmen sich auf Gran Canaria genauso wie all die anderen Touristen, nur ein bisschen anders.

750 000 (in Zahlen: 750 000) Deutsche fallen Jahr für Jahr auf dieser Insel ein (das schreibt jedenfalls Manfred Schock, und es gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Schliesslich ist er der für Touristen zuständige Geistliche vom lokalen evangelischen Pfarramt).

Dazu kommen rund 11 000 Germanen, die ständig hier sind. Die nikotinabstinente Mehrheit dieser Bevölkerungsgruppe blickt vermutlich immer mal wieder neidisch in Richtung der paffenden Fraktion, denn “günstiger als in Deutschland sind auf den Kanaren nur die Zigaretten”, wie der Website Gran Canaria aktuell zu entnehmen ist.

(Weiterer wichtiger Hinweis: “Die meisten Produkte, und das fängt beim Toilettenpapier an, wachsen weder auf der Insel…”. Und, wenn wir schon dabei sind, noch ein Gratistipp obendrauf: “Das Leben besteht nicht nur aus selbstgemachten Kartoffelsalat.”)

Eigentlich wollte ich aber gar nicht über die Deutschen berichten, sondern über Luggi und Tine Stadlmair.

Der Musiker aus Österreich und seine Frau aus – nun denn – Deutschland leben seit vielen Jahren auf Gran Canaria. Erst betrieben sie in Maspalomas mit mässigem Erfolg einen “Bayrischen Biergarten”. Ein verheerender Waldbrand legte ihre Finca in Fataga 2007 in Schutt und Asche.

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(Ausschnitt: wochenblatt.online.)

Dieser Nackenschlag konnte das Paar jedoch nicht davon abbringen, seinen Traum vom Dasein auf Gran Canaria weiter zu verwirklichen. Es richtete auf einer Terrasse des Einkaufszentrums “La Sandia” in Playa del Inglés die “Larifari-Lounge” ein.

“Alt und Jung”, “Cocktail-Fans, Liebhaber von Live-Musik oder Karaoke-Künstler”: Alle würden sich bei ihnen wohlfühlen, versprechen Luggi und Tine Stadlmaier.

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(Bild: pd)

Als jemand, der sich weder besonders jung noch übertrieben alt fühlt, keine Cocktails trinkt und sich die Hölle als riesigen Karaokeschuppen vorstellt, in dem beschwipste Mittelkaderbanker und dem Vergessen anheimgefallene “Superstars” endlos “Last Christmas” und “Wind of Change” darbieten, will ich heute Abend herausfinden, wie Bluesler-kompatibel das Larifari wohl ist.

Sehr lange werde ich allerdings nicht bleiben können. Dieta von nebenan steht mit seinem Rollator garantiert schon um Mitternacht im Startloch. Doch morgen früh hat er keine Chance:

Ich mache in meinem Zimmerchen durch.