Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Schattenspender für die Konkurrenz

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Mit “Long Stick goes Boom – Live from da House of Rust” legen Krokus das dritte Livealbum ihrer bald 40jährigen Bandgeschichte vor. Das in der Solothurner Kulturfabrik Kofmehl eingespielte Konzertdokument hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits macht es grossen Spass, viele alte Heuler in einer etwas modernisierten Fassung zu hören. Andrerseits wirkt die CD seltsam künstlich.

“Headhunter” fehlt, “To the Top” fehlt, “Winning Man” fehlt… doch abgesehen davon bieten die Bluesrock-Berserker vom Jurasüdfuss ihren Fans genau genau das, was sie von ihnen erwartet haben.

Und, für Veteranen dieses Genres eher überraschend, sogar noch mehr: Mit „Dirty Dynamite“, „Go Baby go“, „Hallelujah Rock’n’Roll“ sowie Auszügen aus „Betta than Sex“ und „Dög Song“ bringen Fernando von Arb, Mandy Meyer, Mark Kohler (Gitarren), Marc Storace (Gesang), Chris von Rohr (Bass)  und Flavio Mezzodi (Drums)  auch Müsterchen aus der jüngsten Schaffensperiode zu Gehör.

Nur: Im Gegensatz zum erdig-körnigen Live-Doppeldecker “Fire & Gasoline” aus dem Jahr 2004 klingt “Long Stick…” verdächtig geschliffen. Der “Dräck”, den von Rohr von anderen Bands unermüdlich fordert, fehlt diesmal weitgehend.

Wie tief von Rohr, der die Platte produzierte, bei der Fertigstellung des Werks in die  Trickkiste gegriffen hat, ist unklar. In einem Interview antwortet er auf die Frage, ob “Long Stick…” im Studio nachpoliert worden sei, erst mit “das war zum Glück nicht nötig”.

Zwei Atemzüge später räumt er ein, “einige wenige Kleinigkeiten ausgebessert” zu haben, “hauptsächlich bei den Chor-Gesängen”. Darüberhinaus seien “zwei bis drei verstimmte Gitarren ersetzt” und “zu lange Sing Along-Passagen mit dem Publikum gekürzt” worden.

Ob in “Long stick…” soviel “Live” ist, wie draufsteht, weiss ausser Chris von Rohr folglich kein Mensch.

Wobei: Solange es aus den Lautsprechern und Kopfhörern chlöpft und tätscht wie anno dazumal, als die ewigen Wandler in den AC/DC-Fusstapfen erst die Kirchgemeindehäuser in ihrer Wohngegend und später die Megastadien in den Vereinigten Staaten erbeben liessen, ist das alles ja gar nicht sooo wichtig.

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Übrigens: Mein Bruderherz scheint mit “Long Stick…” ebenfalls nicht rundum glücklich zu sein. In einer Plattenkritik auf CeDe.ch notiert er unter dem Titel “Nur das 2.-beste Livealbum”:

“Vorab: <Fire & Gasoline> gefällt mir besser. In meinen Ohren knallt das Teil einfach mehr als <Long stick…>. Und ganz ehrlich: Von 3 Gitarren erwarte ich, dass man den Unterschied zu 2 Gitarren auch wirklich merkt! Und zwar nicht an verschiedenen Stellen der Songs oder des Albums, sondern im Gesamtpaket!

Klar, Maiden haben damit auch immer wieder ihre Schwierigkeiten. Aber gerade deshalb finde ich: 2 Gitarren tätens auch.

Die Songauswahl: Nicht schlecht. Schön, dass es <Hellraiser> darauf geschafft hat. Der Beweis, dass auch CvR nicht immer stur an seiner Meinung festhalten muss und will. Aber warum man auf Live-Knaller wie <Winning man> oder Album-Fan-Faves wie <To the top> verzichtet, das wird wohl für immer ein gut gehütetes Krokus-Geheimnis bleiben.

Jä nu… Hauptsache, sie sind noch dabei und stecken live noch so manche Schnuderigruppe in den Sack!”

Der erste Satz und was dann kommt

Mit dem ersten Satz ist es immer so eine Sache: Einerseits sollte er die Leserinnen und Leser packen und fesseln und in die Geschichte ziehen.
Andrerseits gibt es für den potenziellen Leser wenig Abschreckenderes als einen Satz, dem man schon von Weitem ansieht, dass er einen packen und fesseln und in eine Geschichte ziehen soll.

In den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen. Sie beginnen – Überraschung! – alle ganz anders. Und haben mich doch alle gepackt und gefesselt.

“Dass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Strasse runter wohnt, mit einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte”:

So beginnt die erste von vier Kurzgeschichten des britischen Erfolgsautors Nick Hornby (“High Fidelity”), die der Verlag Kiepenheuer & Witsch im Band “Small World” zusammengefasst hat. Mit diesem Satz verspricht Hornby mehr hochklassige Unterhaltung als, sagen wir: Mario Barth mit einer zweistündigen RTL-Vorschau auf sein Abendprogramm. Und beim Versprechen belässt Hornby es nicht: Wer das Buch zur Hand nimmt, legt es erst wieder zur Seite, wenn er oder sie zu seinem oder ihrem grossen Bedauern schon auf Seite 158 und damit am Schluss angelangt ist. “Small World”: Das ist eine luftig-leichte und damit perfekte Lektüre für einen lauen Frühlingsabend im Garten oder einen Sommertag am See. Wie jedes andere Buch von Nick Hornby auch.

“Was die Todessehnsüchte im Rock’n’Roll betrifft, steht der Motörhead-Song “Ace of spades” mit seiner Textzeile “I don’t wanna live forever”-Textzeile immer noch ganz weit vorne”:

Das sind die ersten Worte von “Lemmy Talking”. Die folgenden 170 Seiten enthalten zig Zitate von Lemmy Kilmister, dem Gründer und Chef von Motörhead. Um “Sex, Drugs & Rock’n’Roll” geht es in dem Buch naturgemäss auch, aber nicht nur. Die “Heavy Metal-Legende” (als solche preist der Verlag seinen Protagonisten an) äussert sich auch über Kollegen, und zwar, wie in diesem Fall, überraschend wohlwollend: “Er hat grossartige Songs geschrieben. Wenn Mikkey sich mal das Gehirn wegsaufen sollte kurz vor einem Auftritt, und angenommen, er (der andere Musiker) sitzt zufällig in der Garderobe nebenan und ich bitte ihn sehr, seeeehr höflich um Hilfe – der spielt ein komplettes Set von Motörhead. Ohne Fehler!”, sagt der vermutlich ehrlichste Mensch der Rockgeschichte über…Phil Collins

“Abbas unglaublicher Erfolg ist die Geschichte von vier Musikern aus einem fernen Land im Norden Europas, die gemeinsam mit ihrem rastlosen und eigenwilligen Manager auszogen, die Welt zu erobern”:

Das ist dem schwedischen Autor Carl Magnus Palm zum Auftakt seiner Abba-Biographie “Licht und Schatten” eingefallen. Über 650 Seiten umfasst der Wälzer, in dem Palm “Die wahre Geschichte” einer der grossartigsten Bands ausbreitet, die je auf diesem Planeten musiziert hat. Schön ist, dass Palm sich nicht auf das flüssige Aufzählen von sauber recherchierten Fakten und das Verknüpfen von (teils natürlich längst bekannten) biographischen Details beschränkt. Er analysiert auch die Musik, die Millionen und Abermillionen von Menschen noch heute begleitet, auf eine so nachvollziehbare Art und Weise, dass auch Laien verstehen, was die Magie der Abba-Harmonien ausmachte – und nach wie vor ausmacht.

“Es ist viel passiert seit damals, als wir unsere Band gegründet und angefangen haben, die Musik zu machen, die wir bis heute lieben”,

schreiben Francis Rossi und Rick Parfitt im Vorwort zu “Die Status Quo-Autobiographie”. – “Viel passiert” ist gut: Die vor rund 50 Jahren gegründete Boogie-Rock-Truppe hat das Musikschaffen des letzten Jahrhunderts mitgeprägt wie wenige andere Formationen. Dafür genügten ihnen plusminus drei Akkorde – und ein untrügliches Gespür dafür, was die Leute in den Festzelten und Riesenarenen dieser Welt hören wollen. Rick Parfitt und Francis Rossi, die Quo-Masterminds, haben ihre gemeinsame Geschichte with a little help from the Journalist Mick Wall verfasst. Wie die beiden in (bisweilen leicht divergierenden) Erinnerungen schwelgen, mit wieviel Humor sie den Trubel um sie herum (und sich selber) betrachten und mit welchem Spass und Ehrgeiz sie ihr in die Jahre gekommenes Schlachtross immer noch von Bühne zu Bühne treiben: Das erstaunt und beeindruckt und lässt darauf hoffen, dass ihnen und ihren Mitspielern noch viele, viele Jahre vor möglichst imposanten Lautsprechertürmen rund um den Planeten vergönnt sein mögen.

“Als sich Roger Waters das erste Mal herabliess, das Wort an mich zu richten, studierten wir am College schon fast ein halbes Jahr Architektur zusammen”:

So leitet Rick Mason, der frühere Schlagzeuger von Pink Floyd, sein Buch “Inside Out” ein. Wobei: Dieses Werk “Buch” zu nennen, ist, wie zu sagen, Wolfgang Amadeus Mozart habe sich als Klavierspieler verdingt. “Inside out” ist die Bibel für die Freunde der rockmusikalischen Hochkultur. Eine auf Hochglanzpapier gebannte Orgie von Klängen, Texten, Bildern, Ideen und Träumen. Ein Rausch zum Lesen. Und eine psychologische Studie über das Neben-, Mit- und Gegeneinander von Menschen, deren Egos irgendwann so gigantisch gross ware, dass sie sich unter ihrem Gewicht kaum mehr fortbewegen oder weiterentwickeln konnten. Selbstverständlich schildert Mason die Pink Floyd-Saga von ihren alles anderen als bescheidenen Anfängen bis zu ihrem bitteren Ende. Er erzählt, wie “Wish you were here”, “Dark side of the moon” und (fast) sämtliche anderen Alben der Briten zu zeitlosen Klassikern avancierten und was es alles brauchte, bis “The Wall” endlich stand. Aber wie Mason das tut; wie er diese Saga einbettet in den Lauf der Zeit; wie er Zusammenhänge erklärt, die andere nicht einmal erkannt haben, das sucht auf dem Markt der Musik-Biographien vermutlich Seinesgleichen, ohne je fündig zu werden.