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Tag: Ruhe

Alles aufstehen!

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Sonntagmorgen: Burgdorf schläft. Kein Laut ist zu hören, und auch kein Leise. 16 000 rundumentspannte Menschen geniessen unter einer unsichtbaren Glocke des Friedens die Ruhe.

Jetzt wäre ein guter Moment, um die Probealarmsirenen mal ausserplanmässig chli heulen zu lassen.

Paradies in der Pampa

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43°3’24’’ N, 10°52’4’’O: So lauten die Koordinaten des Fleckchens Erde, auf dem mein Schatz und ich unsere Sommerferien verbringen. Mehr verrate ich nicht, denn das letzte, was wir jetzt brauchen könnten, wäre eine Horde Touristen, die mit Ghettoblastern auf den Schultern und Kartons voller Billigstwein unter den Armen hier einfallen, um zu finden, was sie „Erholung“ nennen.

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Im Moment, in dem ich das schreibe, höre ich hinter mir das leise Schnauben von drei Eseln, über mir das lebhafte Zwitschern von jungen Schwalben, die gerade ihre ersten Flugstunden absolvieren, und aus dem dichten Wald das Zirpen von Milliarden von Zikaden. Aus dem Schuppen duftet es nach Heu. Auf einer Fensterbank schläft eine Katze. Cora und Oscar, die zwei Hunde, sind noch im Haus am Schlafen oder anderweitig beschäftigt. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Das Thermometer zeigt 38 Grad. Es ist so heiss, dass der Schweiss schwitzt.

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Eigentlich hatte ich vorgehabt, in der Toscana – wie schon in Australien und auf Gran Canaria – eine Art Tagebuch zu führen. Aber einerseits passiert hier, mitten in der Pampa, glücklicherweise so wenig, dass es sich kaum lohnt, den Laptop aufzuklappen, um es zu rapportieren, und andrerseits ist es mir in diesen Tagen gar nicht soooo ums Schreiben zumute: Die reglos in der glühenden Sonne stehenden Eseli zwischen den langen Ohren zu kraulen, chli mit dem Mops zu schmusen, tatenlos am Strand zu liegen, herzige Ortschäftli zu erkunden und ab und zu einen Teller Meeresfrüchte oder Teigwaren oder einen Becher selbstgemachter Gelati zu verputzen, ist zu meiner Verblüffung ebenso entspannend, wie Buchstaben aneinanderzureihen; oder ämu fast.

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Ferien in der Toscana, bei Teresa und Fritz: das ist die totale Abwesenheit von Hektik und Müssen. Es gibt keine Termine, die dringend wahrgenommen werden sollten, es gibt keine Internetverbindung und damit auch weder einen Grund noch die Möglichkeit, immer mal wieder ins Mailfach zu schauen, es gibt keinen Anlass dafür, sich ständig zu überlegen, wo und womit man sich die viele freie Zeit mehr oder sinnvoll vertreiben könnte, weil es nichts Schöneres gibt, als diese Zeit beim far niente zu geniessen, und es gibt keine Ebenfallsferienhabenden, die einem schon beim Zmorgebuffet die Ellenbogen ins Gesicht rammen und ihren Poolstuhl noch vor Sonnenaufgang mit einem Tüechli besetzen.

Das alles so zu beschreiben, das es auch für Leute nachvollziehbar ist, die gerade über Exceltabellen brüten oder in furchtbar wichtigen Sitzungen mit dem Sandmännchen ringen, ist völlig unmöglich, wenn man das Gehirn auf Standby geschaltet hat und, wenn schon, nur auf jene seiner zig Funktionen zurückgreifen mag, die zum Einfachnursein nötig sind

Deshalb gibts statt vieler Worte diesmal nur ein paar Bilder, die hoffentlich einen Eindruck dessen vermitteln, wo und wie wir in diesen Tagen leben. Und wieso wir den Gedanken daran, in absehbarer Zeit wieder nachhause zurückkehren zu müssen, verdrängen, sobald er sich in den eigentlich stillgelegten Regionen unserer Hinterköpfe zu regen beginnt.

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Verbal-Durchfall am Feier-Abend

Zuerst sind pdf-Dateien das grosse Thema. Dann gehts um Excel-Tabellen und kurz darauf um irgendwelche Programme. Als es dazu wirklich nichts mehr zu sagen gibt, dreht sich der Monolog um Stellvertretungen, Nachfolgeregelungen, Versetzungen nach Übersee, den Lohn, Spesen, buchhalterische Probleme, doofe Zicken, arrogante Chefs, strohdumme Mitarbeitende und – immer wieder – darum, dass die Verantwortlichen nicht erkennen wollen oder können, was sie an ihr haben; an ihr, der Frau, die das Schicksal an diesem Silvesterabend an unserem Tisch plaziert hat, und die diesen festlichen Anlass (und die mitgebrachte Kollegin) seit ihrem Eintreffen vor drei Stunden dazu missbraucht, über ihren Job zu reden.

Bevor wir an dieser mit viel Herzblut organisierten Party mit den vielen anderen Gästen auf das neue Jahr anstossen können, fahren wir eher übel als wohl zurück nach Burgdorf. Eine andere Möglichkeit, dieser Fleisch gewordenen Selbstüberschätzung mit Verbaldurchfall zu entrinnen, sehen wir nicht. Im Zehnminutentakt nach draussen flüchten, um zu rauchen? Nicht bei dieser Kälte. Und schon gar nicht an einer Feier, an der ansonsten alles bis aufs letzte Detail stimmt: Die originelle Dekoration, die fägige Musik, das tolle Essen, die herzlichen Gastgeber – es könnte so schön sein.

Natürlich: Wir hätten die Frau zwischen dem Hauptgang und dem Dessert fragen können, ob es in ihrem Leben eigentlich noch etwas anderes gebe als Dateien und Tabellen und ob sie wirklich ganz sicher sei, dass ihr Geschäftsgeklöne irgendjemanden interessiere. Wie man sich so fühle, mit nichts als dem Job im Kopf. Wieso sie nicht einfach die Stelle wechsle, wenn sie doch so schampar gut sei, während der Rest der Belegschaft nicht einmal einen Kaffee aus dem Automaten laufen lassen könne, ohne die Firma in den wirtschaftlichen Abgrund zu stürzen.

Aber: Wir hatten diese Ausgeburt der Ego-Hölle nie zuvor gesehen. Wir konnten nicht ahnen, wie sie auf Kritik reagieren würde; ich gehe davon aus, dass “kritikfähig” nicht das Adjektiv ist, das ihre Kolleginnen und Kollegen immer wieder verwenden, wenn sie über die Frau reden. Wahrscheinlich wäre nach so einer Bemerkung ein Glas geflogen und dann ein Teller und dann irgendjemand aus dem Saal.

Das wollten mein Schatz und ich vermeiden. Das Risiko, die Hochstimmung der anderen Gäste mit einer wie auch immer gearteten Intervention zu trüben, erschien uns zu hoch. Aber: Vom Tisch des Grauens wegzügeln ging nicht, weil die restlichen Plätze reserviert und besetzt waren. Der Frau ein Kuchenmesser ins Dekolleté zu rammen, war eine Option, die ich kurz erwog, dann aber mit Blick auf allfällige juristische Folgen wieder verwarf.

Chantal und ich rutschten dann vor unserer Haustüre ins neue Jahr; im Nieselregen, mit einem tollen Feuerwerk vor Augen.

(Frage in die Runde: Hat jemand schon Ähnliches erlebt? Was tut man in so einem Fall?)

Das Reich der Sterne als Oase der Ruhe

Mit Weihnachtsbeleuchtungen habe ich es sonst nicht so. Weihnachtsbeleuchtungen: Das sind für mich hässige Eltern und nörgelnde Kinder und kalte Hände und abgestorbene Füsse und Krieg in den Läden statt Frieden auf Erden.

Aber es gibt eine Ausnahme: Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Burgdorfer Kronenplatz wirkt, als ob sie von einem besonders poetisch veranlagten Menschen aus dem Märchenland erdacht worden wäre: Jeweils ab Ende November proij proje projj proji “malt” der Altstadtleist mit gut versteckten Scheinwerfern grosse und kleine Sterne auf die Hauswände in der Oberstadt. Sie bewegen sich gaaaaanz langsam über die Mauern und Fenster und Türen und Dächer.

Man kann ewig lange auf dem Platz stehen und den Fünfzacken beim endlosen Kreisen zugucken, ohne, dass einem langweilig wird. Am Allerschönsten ist es, wenn irgendwo ein Musiker mit seinem Cello sitzt und leise Melodien spielt, die den Menschen die Herzen öffnen. Mehr Ruhe und Besinnlichkeit ist mitten im alle Jahre noch strüberen Vorweihnachtszeitstrubel kaum denkbar.

Anschliessend verzieht man sich zu Anita in die “Metzgere” – jedenfalls, solange Anita noch da ist – gönnt sich einen dampfend heissen Kaffee oder Tee und denkt, sich damit ein bisschen selber überraschend: Momoll. Advent ist eigentlich schon eine cheibe schöne Zeit.