Im Traum- statt in Russland

Samstagabend, 17. Juni 2018: Millionen fiebern vor ihren Fernsehern und an Public Viewing-Plätzen mit, als die Schweiz an der Fussball-WM in Russland Brasilien ein 1:1 abtrotzt. Auch viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn verfolgen den Match. Regelmässig sind aus dem umliegenden Häusern und Gärten  “Jaaaa!”- und “Neeeei!”-Rufe plus ein frenetischer Jubel zu vernehmen.

Unserer Tess ist das alles egal. Sie schläft. Alles, was wir von ihr hören, ist ein gelegentliches Seufzen und Murmeln.

Erik hört Stimmen

Eigentlich beginnt die Saison auf dem Strandcamping in Nyborg erst am Samstag. Dem Schweizer Ehepaar mit dem herzigen Hund stellte die Chefin, die gerade dabei war, den Shop beim Eingang des Platzes einzurichten, trotzdem einen Bungalow zur Verfügung.

Nun haben der Mann und die Frau es sich im Häuschen Nummer 10 gemütlich gemacht. Wasser, Strom, Heizung: alles funktioniert. Der Vierbeiner fühlt sich wie zuhause. Nachdem er schnüffelnd jeden Quadratzentimeter des Areals erkundet hat, erholt er sich auf seinem Schaffell von den Strapazen des Tages.

Der Polarwind fegt Sand über das Gelände und treibt graue Wolken über die Südküste Dänemarks. Die Wohnwagen, die von ihren Besitzern den Winter über stehengelassen wurden, sehen aus wie gestrandete Wale.

Sanft legt sich die Nacht auf das Land. Die Lichter im Laden sind erloschen. Ermüdet von der langen Reise und gesättigt von all den Eindrücken, die sie unterwegs sammeln durften, verkriechen sich die zwei einzigen Menschen weit und breit früh ins Bett.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Sosehr Erik sich auch bemüht und solange er sich auch schreiend die Ohren zuhält: Die Stimme in seinem Kopf wird nicht leiser. Zum ersten Mal hörte er sie vor einer Stunde in einem Restaurant in Nyborg. Erst glaubte er – wollte er glauben – , dass sie aus dem Fernseher über der Bar dröhnte. Er bat den Kellner, den Apparat auszuschalten.

Das Bild verschwand, die Stimme blieb.

Sie murmelte immer dasselbe. Sie schien ihn zu leiten. Als ob er von einer unsichtbaren Schnur gezogen würde, lief er durch die Gassen der Stadt. Er kam an einem Einkaufszentrum vorbei und an einem kleinen Laden und überquerte achtlos einen Kreisel.

Plötzlich stand er vor einer Barriere. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und aktivierte die Taschenlampe. Der Lichtstrahl streifte über ein Schild mit der Aufschrift „Camping“. Erik wusste: Hier war er richtig. Zufrieden grinsend, ging er an der Abschrankung vorbei.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

In diesem Moment lässt ihn ein Knirschen unter seinen Füssen zusammenzucken. Ohne es zu merken, hat er einen Kiesweg betreten. Dieser führt zu einer Hütte, von der er nur die Umrisse erkennen kann. Im ersten Moment denkt er, sie stehe leer. Doch dann jault in dem Häuschen ein Hund auf.

Erik schleicht weiter. Jetzt bellt das Tier wütend. Eine Frau zischt „Tess! Ruhig! Es ist alles gut.“ Ein Mann murmelt etwas Unverständliches. Der Hund verstummt.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Die Stimme macht Erik wahnsinnig. Das bisschen Verstand, das in seinem Hirn verzweifelt gegen sie angekämpft hatte, kapituliert.

Mit seinen Zehen stösst Erik gegen etwas Hartes. Er tastet sich mit einem Fuss vor und stellt fest, dass er vor einer Treppe steht. Unendlich vorsichtig steigt er die wenigen Stufen hoch. Dann streckt er wie ein Blinder die Hand aus, um sich zu orientieren. Seine Fingerkuppen streichen über Holz und Glas und berühren schliesslich ein eiskaltes Stück länglichen Metalls.

Millimeter um Millimeter drückt er den Griff nach unten. Im Haus ist es – abgesehen vom Schnarchen des Mannes – still. Sachte drückt Erik die Türe auf. Gleichzeitig zieht er aus seiner Manteltasche das grosse Steakmesser, das er in dem Lokal vor einer halben Ewigkeit beinahe unbewusst eingesteckt hatte.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Seine Augen gewöhnen sich schnell an die Finsternis. In einem der Zimmer sieht er das Paar unter dicken Decken liegen. Daneben hat sich der Hund ausgestreckt.

Noch fünf Schritte, und Erik ist am Ziel.

Noch vier.

Noch drei.

„Muss töten.
Muss töten.
Muss töten.“

Noch zwei.

Seine Waffe fest umklammernd, steht er neben dem Bett.

Das letzte, was Erik in seinem Leben sieht, sind weisse Zähne, die von unten her auf ihn zuschiessen. Das letzte, was er fühlt, ist ein grauenhafter Schmerz, als die Muskeln und Sehnen in seinem Hals wie Papierschlangen reissen. Das letzte, worüber er staunt, ist, wieviel Blut innerthalb einer Sekunde aus einem menschlichen Körper sprudeln kann.

Das letzte, was er hört, ist nicht die Stimme in seinem Kopf, sondern jene einer ihm wildfremden Frau:

„Feini Meite“, flüstert sie.

Auch den 1000. Blog schreibt Hannes, aber ein anderer

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Der Gastautor des 1000. Beitrags auf www.bluesler.ch: Hannes Zaugg-Graf

Hätte ich nicht von Anfang an mitgezählt und jeden Tag zwei-, dreimal auf die Statistik geschaut, wäre mir glatt entgangen, dass das hier der 1000. Beitrag in diesem Blog wird. Zur Feier des Jubiläums suchte ich auf Facebook nach jemandem, der diesen Text verfassen möchte. Das Thema, die Länge und überhaupt alles würde ich dem Autor oder der Autorin überlassen, schrieb ich, und am Ende wählte ich aus dem einen Beitrag, der auf meinen Aufruf hin eingegangen war, jenen von meinem Vornamensvetter und Freund (nein: umgekehrt) Hannes Zaugg-Graf aus Uetendorf aus. Er ist den Stammgästen in meinem virtuellen Stübli als spitzfedriger Kommentator längst bestens bekannt. Es freut mich sehr, dass er diese “Aufgabe” übernommen hat.

Und hier ist es, sein Jubiläumsgeschenk für den Bluesler:

“Wenn man im Schrebergarten gut getrocknetes Material verbrennt (siehe hier), kommt die Ortspolizeibehörde, klopft einem – weil kein Tisch vorhanden ist – auf die Finger und zieht eine saftige Busse ein wegen Nichteinhaltung der Luftreinhalteverordnung, welche das Vergrössern des Ozonlochs über Australien verhindern soll, damit die dortigen Gesundheitskosten infolge Anstiegs der Hautkrebsfälle nicht auf das Niveau der Schweiz steigen.

So weit, so gut.

Etwas über meine intellektuellen Fähigkeiten gehen in diesem Zusammenhang aber gewisse tolerierte und mit Sicherheit behördlich genehmigte Aktivitäten im Emmental. Vielleicht wird das heurige Sommerloch deshalb mit Regen gefüllt. Was wiederum der Grund dafür sein könnte, dass der Aufschrei der Gewerkschaften bisher ausgeblieben ist.

Völlig unbeachtet ist nämlich eines der himmeltraurigsten Phänomene des Neoliberalismus aus Asien zu uns herübergeschwappt: Die Sofortmontage.

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Diese ermöglich es Firmenchefs, das Wochenende jederzeit zu umgehen. Nur so sind zwei T-Shirts für 7 Franken bei Aldi oder andere Schnäppchen bei all den “So-muss-Technik-ich-bin-doch-nicht-blöd”-Ketten überhaupt möglich.

Zwar gibt es vereinzelte Bemühungen aus der Party- und Eventszene, Sofortfreitage einzuführen. Bis heute meines Wissens allerdings ohne grossen Erfolg.”

Kleine Kultour de Suisse

G’day, mate: Diese Woche haben wir Besuch. Eric is here, Chantals Cousin aus Sydney. Und genauso, wie wir bei unseren Reisen durch Australien jeweils versuchen, von Land und Leuten soviele Eindrücke wie möglich zu sammeln, ist auch Eric wild entschlossen, in einem Minimum an Zeit ein Maximum an Einblicken in das ihm fremde Land zu gewinnen.

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Los gings am Mittwoch mit einem Trip ins Berner Oberland. Nach einem Atelierbesuch beim Berner Künstler Housi Knecht in Rubigen und einem Zwischenstopp am Brienzersee fuhren wir nach Grindelwald.

Zu sehen gabs, was es in Orten wie Grindelwald halt zu sehen gibt: Verbrannte Touristen, übelgelaunte Serviertöchter (“Ich bin eigentlich gar nicht hier; bestellen Sie bei meiner Kollegin.”), runzlige Eingeborene, gepuderzuckerte Tannen und verbislete Schneemaden.

Nur Steinböcke, auf die sich unser Gast so gefreut hatte, waren keine unterwegs; weder auf den Strassen noch im Wald noch sonstwo. Wir vertrösteten Eric auf später; in Bern, an der Aare unten, gebe es davon jede Menge.

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Tags darauf stand unser Besucher, der seit Jahren davon träumt, in Europa Kunst zu studieren, der Sinn nach Kultur. Also taten wir das Naheliegende: Wir düsten in aller Herrgottsfrühe los, um der Galerie von Bruno Bischofsberger in St. Moritz einen Besuch abzustatten.

Gut vier Stunden nach dem Start in Burgdorf waren wir schon am Ziel (oder, um dem womöglich mitlesenden Tourismusdirektor das Freudeli zu machen, “on top of the world”).

Ich wunderte mich kurz darüber, dass die Leute in St. Moritz nicht mit Chlämmerli auf den Nasen umherlaufen. Aber Geld stinkt auch auf 1856 Metern über Meer nicht; es manifestiert sich in Gestalt von hochgetunten Frauen, die in die Überreste von toten Tieren gewandet von Boutique zu Boutique schlendern, und spätmittelalterlichen Herren in Maseratis und Porsches.

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Über die Galerie lässt sich nicht viel mehr sagen, als dass sie geöffnet war. Darin standen und hingen ein Dutzend Skulpturen und Bilder von einem Spanier. Eine Viertelstunde, nachdem wir den Raum mit der gebotenen Ehrfurcht betreten hatten, standen wir leicht ernüchtert wieder auf dem Trottoir.

In einem Café gönnte Eric sich eine der weltberühmten Bündner Spezialitäten: Fish & Chips. Wir blieben bei Bratwurst mit Rösti und einer Handvoll Capuns. Dann fuhren wir heim.

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Am Freitag steuerte unser kleiner Kultour de Suisse-Tross einen weiteren Etappenort an: Das Museum von HR “Alien” Giger in Greyerz. Sehr gruselig, schampar makaber, nur bedingt feminisischen Idealen verpflichtet – und trotzdem oder gerade deshalb total faszinierend: Den Gang durch die von Höllenkreaturen belebten Albtraumlandschaften dürfte unser Freund von der anderen Seite des Erdballs als einer der Höhepunkte seines Aufenthalts Overseas verbuchen.

Kulinarisch hinterliess das Fondue auf der sonnenbeschienenen Terrasse des Hotel de Ville einen stundenlang bleibenden Eindruck.

Steinbockmässig kam der Mann vom anderen Ende der Welt ebenfalls auf seine Rechnung: Bevor wir den Röstigraben überquerten, bummelten wir durchs Dählhölzli. Gleichmütig posierten die Langhörner für Erinnerungsfotos.

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Gestern dann: Zürich, mit Schaufenstergucken im Niederdörfli und Flanieren auf der Bahnhofstrasse. Heute lassen wir uns mit einem Car auf die Lueg bringen; von dort gehts zu Fuss back to Burgdorf.

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Am Mittwochmorgen fliegt Eric über Wien, Amsterdam und China in seine Heimat zurück. Bis dahin gibts für ihn – auch in unserer näheren Umgebung – noch einiges zu entdecken.

Verraten und verkauft

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Kaum hatten wir im Gasthaus Hoher Hirschberg über Appenzell Meistersrüte gestern Platz genommen, hiess mich die Swisscom per SMS “Willkommen in Österreich!”

Ich frage mich: Was verschweigt uns unsere Landesregierung?

Nachtrag: Es ist vermutlich alles noch viel schlimmer. Meine Facebook-Freundin Gabi Leu schreibt zu diesem Beitrag: “Ist mir fast gleich ergangen, gestern im Bergrestaurant in Moléson. Ich erhielt eine SMS mit “Willkommen in Frankreich…”

Ist in letzter Zeit sonst noch jemand in eine patriotische Identitätskrise gestürzt worden? Meldungen bitte in den Kommentaren.

Should I stay or should I go?

SVP

Mit dem Ja des Schweizer Stimmvolks zur Einwanderungsinitiative der SVP haben einige meiner Facebook-Freundinnen und -Freunde erkennbar Mühe:

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Usw., usf.

Dann warten wir jetzt einfach mal ab.

Nachtrag 11. Februar: Die öffentlich zelebrierte Instant-Betroffenheit irritiert auch andere: “Dieses linke Flennen, das jetzt aus allen Kanälen tropft, ist fast nicht zu ertragen.”, schreibt Jean-Martin Büttner im Tages Anzeiger. Und weiter: “Etwas Weihevolles schwebt über den Gequälten, deren Offenheit am Sonntag zubetoniert wurde. Die sich in ihrem eigenen Land so fremd fühlen, dass sie es nicht mehr lieben können. Die am liebsten auswandern möchten, es aber dabei belassen, das Auswandern anzukünden. Die sich aneinander wenden, um sich ihrer leidenden Toleranz zu versichern.”

Die Hölle liegt gleich hinter dem Himmel

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Im Leben von Ulrich Ochsenbein (Hans Witschi) war nicht jeder Schuss ein Treffer. Mancher ging nach hinten los. Und einer tötete seine geliebte Frau. (Bilder: zvg)

Adolf Ogi, Samuel Schmid, Ruedi Minger, Rudolf Gnägi, Friedrich Wahlen…und…äh…: Wer die zwölf Berner aufzählen will, die seit der Gründung des Schweizer Bundesstaates 1848 in der Landesregierung sassen, gerät schnell einmal ins Stocken.

Der Name “Ulrich Ochsenbein” zum Beispiel ist kaum noch jemandem ein Begriff. Dabei gilt er als “Gründer der modernen Schweiz”.

In der kulturfabrikbigla in Biglen zeichnet die Berner TheaterCompanie das Leben dieses Mannes nun nach. Er musste durch blutgetränkte Abgründe gehen, um höchste Gipfel zu erklimmen. Und stürzte, kaum auf dem politischen Zenith angelangt, zurück in die Hölle.

Visionär und Realist, Ehrgeizling und Träumer, Zauderer und Macher: Ulrich Ochsenbein vereinigte offenbar viele Charaktere in sich. Entsprechend schillernd verlief die Laufbahn des Mannes, der in Schwarzenegg im Berner Oberland am 11.11.1811 in ärmliche Verhältnisse geboren wurde: Nach dem Gymnasium und dem Jus-Studium eröffnete er mit einem Schwager eine Anwaltskanzlei in Nidau. Militärisch brachte er es bis zum Hauptmann im Generalstab.

1844 und 45 beteiligte er sich als Vordenker der radikalen Berner Regierung an den Freischarenzügen, mit denen die “Jesuitenregierung” in Luzern gestürzt werden sollte. Beide Waffengänge scheiterten; bei den Attacken auf das geografische Herz der Schweiz liessen Dutzende von Bernern ihr Leben. Hunderte wurden verwundet. Die verheerende Niederlage im “Gefecht von Malters” bedeutete das Ende von Ochsenbeins Militärlaufbahn.

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Trotzdem avancierte er in seiner Heimat zu einem Volkshelden. Ochsenbein wurde in den Grossen Rat und in den Regierungsrat gewählt. Als Präsident der Verfassungsrevisionskommission verwandelte er die vom Sonderbundskrieg gebeutelte Schweiz innert weniger Wochen in einen für Europa völlig neuartigen demokratischen Bundesstaat.

1848 durfte sich der Seeländer als einer der ersten sieben Bundesräte feiern lassen. Sieben Jahre später verzichtete die Vereinigte Bundesversammlung darauf, ihn im Amt zu bestätigen. Ochsenbein schloss sich der französischen Armee an und kommandierte eine Zeitlang die Fremdenlegion, ohne je in einen Krieg verwickelt zu werden.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz verbrachte er seinen Lebensabend in Nidau. Dort ereignete sich die wohl grösste Tragödie seines Lebens: Aus Versehen erschoss er seine über alles geliebte Frau. Politisch nach wie vor interessiert, aber zunehmend isoliert und verbittert, verstarb er mit 75 Jahren.

Damian Zingg, dem Autoren des Stücks, und Peter Leu, dem Regisseur, gelingt es, diese an Höhen und Tiefen überaus reiche Geschichte in knapp zwei Stunden nachzuzeichnen. 16 Darstellerinnen und Darsteller treten – zum Teil in Doppel- und Dreifachrollen – als Weggefährten und Gegner von Ochsenbein in Erscheinung.

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Hans Witschi gibt einerseits den Erzähler, der das Publikum mit magistraler Souveränität durch die Handlung führt, und andrerseits einen vom Scheitel bis zur Sohle glaubwürdigen Ochsenbein, der eben diese Handlung prägt. Ihm treu zur Seite steht seine Ehefrau Emilie (Claudia Iten; sie spielt auch die ebenso liebenswürdige wie wehrhafte Mutter Helvetia).

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Für einen Hauch Mystik und eine Prise Humor sorgen auf ihrem Bänkli in der Ecke Vreni Schneider als Ochsenbeins Tante Bäsilina (Bild unten) und Lukas Tanner und Jürg Walther als Gesandte ihrer französischen und österreichischen Majestäten. Gastauftritte von Jeremias Gotthelf oder Gottfried Keller lockern die über weite Strecken sehr happige Kost zusätzlch auf.

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Mit Blick auf die beeindruckende Gesamtleistung des Ensembles – das auch das ganz und gar chichifreie Bühnenbild konzipierte – mutet es jedoch fast schon unfair an, einzelne Akteure hervorzuheben.

Wer auch immer in welcher Rolle auch immer agiert: Die Schauspielerinnen und Schauspieler leisten in “Ochsenbein” viel mehr, als sich glaubhaft durch die Handlung zu “arbeiten”. Sie ermöglichen dem Publikum vielmehr einen Blick auf eine Epoche, die schon Ewigkeiten zurückzuliegen scheint – und die angesichts der endlosen politischen Ränkespiele in der heutigen Zeit doch so nah ist.

Wäre Staatskunde seinerzeit in dieser Form dargeboten worden: Man hätte wie von alleine sehr viel mehr lernen können – und wollen.

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Stimmen zum Stück

Die Berner Zeitung lobte nach der Premiere: “Auch wenn sich das Stück an historische Fakten hält, ist daraus keinen trockene Geschichtsstunde geworden.”

Das Bieler Tagblatt staunte: “Im kleinen Biglen wird europäische Geschichte vordemonstriert, entsteht das politisch und brisante höchst brisante Biotop des vorletzten Jahrhunderts neu, in dem Ulrich Ochsenbein gefordert war.”

Hannes Zaugg, Chefredaktor der Theater-Zytig: “So unterhaltsam und spannend wurde wohl noch nie ein wichtiger Teil der bernischen und schweizerischen Geschichte vermittelt. Unbedingt empfehlenswert (für amtierende Politiker quasi Pflicht).”

Das Regionaljournal Bern-Freiburg-Wallis berichtet von einem “läbigen” Stück; “gäng geit öppis.” (A propos “Radio”: SRF1 widmete Ulrich Ochsenbein schon vor drei Jahren einen “Doppelpunkt”).

Volkmusikstar Melanie Oesch aus Ulrich Ochsenbeins Geburtsort Schwarzenegg (im Gästebuch der kulturfabrikbigla): “I bi begeistert vo dere grossartige Arbeit u vo öiere Art jedi einzelni Rolle so ufe Punkt z bringe. Mau sehr sachlich, mau dramatisch, mau lustig, mau truurig, mau euphorisch, mau unghüürig – es isch aus drbi. Eifach genial. ”

Die Berner kulturagenda beleuchtet Hintergründe der “geschichtsträchtigen” Inszenierung.

Weitere Aufführungen:

Donnerstag, 6. Februar,
Samstag, 8. Februar,
Sonntag, 9. Februar (ausverkauft),
Dienstag, 11. Februar,
Mittwoch, 13. Februar,
Donnerstag, 14. Februar,
Freitag, 15. Februar.

Für Tickets gehts hier entlang. Der telefonische Vorverkauf ist von Montag bis Sonntag jeweils von 10 bis 13 Uhr geöffnet (0900 10 11 12 / Fr. 1.19/Min.)

Gluschtig und gäbig

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Wer bei meinem Brüetsch und meiner Schwägerin zum Znacht eingeladen ist, kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, mit einer Rüebli-Terrine, einem auf Gemüse gebetteten Lachspäckli samt Härdöpfelauflauf und Beeren an einer Vanillecrème verwöhnt zu werden.

Das Essen spielt sich in einem “fröhlichen Haushalt” ab, in dem “Judith entspannt durch die Küche wuselt und Urs alles himmlisch findet, was sie ihm zum Probieren gibt”, während Robin, der jüngste im Gastgeberbunde, “die Besucher so lange anlächelt, bis sie verzückt dahinschmelzen”.

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Das und noch viel mehr ist dem Kochbuch “Unser Menü eins” zu entnehmen. Die Schweizer Fernsehmoderatorin Nadia Zimmermann hat dafür Familien gebeten, “ihren gängigsten Dreigänger” (und damit irgendwie auch sich selber) einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. 25 ebenso gluschtige wie unkomplizierte Rezepte kamen zusammen.

“Rezepte” ist allerdings etwas viel gesagt. Denn statt aufs Priseli genau anzugeben, wieviel Pfeffer und Salz vonöten ist, um einen toten Fisch in eine kulinarische Offenbarung zu verwandeln, konzentriert sich die Lifestyle-Autorin lieber auf das Drumherum. Sie beschreibt, wie die Hobbyköchinnen und -köche leben, worauf sie beim Essen Wert legen, was den Kindern aufgetischt wird und gibt Dekorationstipps und Einkaufsratschläge. Was die eigentliche Zubereitung betrifft, überlässt sie vieles der Fantasie und Kreativität der Leserinnen und Leser.

“Unser Menü eins” liest sich deshalb weniger wie eine Gebrauchsanweisung für das perfekte Fünfsterne-Dinner. Der 430 Seiten dicke und liebevoll bebildere Wälzer wirkt vielmehr wie eine Ansammlung von unterhaltsamen Mini-Reportagen aus Schweizer Küchen.

Bei der Lektüre fällt auf, dass – unabhängig davon, ob mehr oder weniger prominente Leute oder “Normalsterbliche” ihre Verwandten und Freunde zu Tisch bitten – das Hauptaugenmerk auf einer einfachen Zubereitung liegt.

Wichtig ist nicht, dass die Hausfrau oder der Hausherr stundenlang am Herd steht, um mit seinen Reduzier- und Aufmontierkünsten zu brillieren. Wichtig ist, dass viel Zeit für das bleibt, wofür man sich letztlich getroffen hat: Um gemütlich beisammenzuhöcklen und zu plaudern.

Unter Zigaunern

Rauch

Da kauft man einmal eines dieser Gratisheftli – und was muss man sehen? Nicht einmal in den Sommerferien ruhen die Volksbevormundungs-Taliban in der Bundesverwaltung.

“Um den Zigarettenkonsum einzudämmen, fordert die Kommission für Tabakprävention Preisaufschläge von bis zu 80 Rappen pro Zigarettenschachtel”, schreibt 20minuten. Und rechnet hoch, dass das Zigpipäckli somit neu neun Franken kosten würde.

Neun Franken. Darüber kann der abgeklärte Raucher, der sich vor einem Vierteljahrhundert geschworen hat, das Paffen einzustellen, sobald der Preis für ein Päckli die magische Grenze von drei Franken überschritten hat, nur lachen kurz trocken husten.

Denn der echte Süchtige weiss: Bevor er, um den Privatkonkurs abzuwenden, mit dem Rauchen aufhört, verzichtet er lieber auf seine Ferien. Oder streicht er der Ehefrau das Sackgeld zusammen. Oder zügelt er in eine günstigere Wohnung.

Und überhaupt: Auf die Idee, die Gesellschaft mit finanziellen *räusper* Anreizen auf den richtigen, lies: gesunden Weg zu bringen, sind schon ganz andere gekommen.

In Australien zum Beispiel käme es zu Hamsterkäufen an Kiosken und in Läden, wenn dort Zigi für neun Franken verschleudert würden: Ein Päckli kostet Down Under zwischen 15 und 25 Franken – unabhängig vom abschreckend wirken sollenden

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Schock-Sujet

und ungeachtet der Tatsache, dass das Rauchen nicht nur in Bussen, Bahnen und öffentlichen Gebäuden, sondern in der Regel auch an bewachten Stränden und auf Märkten unter freiem Himmel verboten ist. In Queensland ist es vor Openair-Restaurants nur mit fünf bis sieben Metern Abstand gestattet. Wer auf Terrassen oder in Gartenbeizen eine Zigi anzündet, wird höflich gebeten, seinem Laster sonstwo zu frönen.

(Wer Zeit und Lust hat, sich durch das gesamte Raucherregelwerk Australiens zu lesen, kann einfach hier draufklicken.)

Zu einem Nichtraucherland ist Australien trotzdem nicht geworden. Schätzungen zufolge inhalieren 15 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner regelmässig Nikotin und Teer. Diese Zahl soll laut dem Gesundheitsministerium in den nächsten Jahren auf zehn Prozent sinken.

Doch ob dieses Ziel mit astronomischen Preisen, noch so absurd wirkenden Gesetzen und unanmächelig-uniform gestalteten Zigarettenschachteln erreicht werden kann, ist fraglich. “Wir erwarten in Australien einen sich ausbreitenden Schwarzmarkt”, sagte Scott McIntyre von British American Tobacco in einem Bericht der “Tagesschau” in der ARD.

“Jetzt, wo alle Packungen gleich aussehen, ist es viel einfacher, sie zu kopieren. Auf den Strassen von Sydney und Melbourne wird es an jeder Ecke Schwarzmarkt-Zigaretten aus Indonesien und China geben.”

Es deutet einiges darauf hin, dass sich den asiatischen Zigauern zwischen Romanshorn und Genf with a little help aus der Bundesverwaltung bald neue Geschäftsfelder eröffnen.