Fast wie daheim

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Das Restaurant Seetal in Beinwil am See war für mich wie ein zweites Zuhause. Einerseits kehrten wir mit dem FC regelmässig in der urgemütlichen Beiz an der Aarauerstrasse 79 ein. Andrerseits war ich mit den Söhnen der damaligen Wirtsleute befreundet.

Von ihnen, ihrem Vater und ihrem Grossvater – er hatte es als Mann mit den grössten Ohren der Schweiz einst bis in den “Blick” geschafft – lernte ich an endlosen Samstag- und Sonntagnachmittagen jassen und auch sonst allerhand über das Leben.

Der kulinarische Hit waren Bratwürste mit Zwiebeln und Rösti. Am runden Stammtisch diskutierte die Gaschtig die Welt in Ordnung; nach einigen der Bauern und Handwerker konnte man die Uhr stellen. Hinter dem Tresen mit der Kasse darauf war die Küche, und hinter der Küche war der Hof, und auf dem Hof war der Stall (und neben dem Stall stand eine mächtige Tanne, auf deren Wipfel Spatzen sassen, auf die wir einmal ein bisschen mit dem Luftgewehr schossen. Aber das nur nebenbei.).

Im “Seetal” duftete es nicht nur nach Zigaretten und Stumpen, sondern manchmal auch nach Mist und Kühen, aber das störte niemanden, im Gegenteil: Auch das trug viel dazu bei, dass man sich im “Seetal” weniger wie in einem Restaurant fühlte, sondern wie bei Menschen, die ständig daheim sind und denen es nicht das Geringste ausmacht, wenn allpott Leute hereinschneien, um chli zu plaudern oder Zeitung zu lesen oder einfach nur schweigend in einer Ecke zu höcklen und bei einem Halbeli Roten darauf zu warten, dass auch dieser Tag vorbeigeht.

Seit meinem letzten Bier im “Seetal” ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Im Rahmen einer Familienfeier kehrte ich gestern in das Haus zurück, in dem ich als Teenager unzählige tolle Stunden verbracht hatte.

Meine Befürchtungen, dass die (inzwischen nicht mehr sooo) neuen Besitzer alles umgebaut und auf Modern getunt haben könnten, verflogen in dem Moment, in dem ich durch die Eingangstüre trat: Abgesehen davon, dass die Aschenbecher fehlen, sieht es in der Gaststube noch fast genau gleich aus wie einst. Von der ersten Sekunde an wars mir im “Seetal” wieder genauso vögeliwohl wie damals, als “Fis” jeden Tag aus seiner glorreichen Operettenvergangenheit erzählte und Ferdi bei Margrit im Halbstundentakt “nones Grosses” bestellte.

Aufgetischt wurden nicht Würste, sondern Spezialitäten aus der Steiermark (die Familie von Andreas Schelesen, die den Betrieb nun führt, stammt aus Österreich): Einem chüschtigen “Vogerlsalat” folgten ein butterzartes Stück Braten an einer himmlischen Sauce mit einer Polenta, die auch Menschen, die mit atomisiertem Mais sonst nicht wahnsinnig viel anfangen können, die Freudentränen in die Augen trieb. Crêpes über einer halbgefrorenen Glace rundeten das Erlebnis ab.

Das einzige, was mir chli fehlte, waren das Muhen der Kühe im Hintergrund und, nach dem Dessert, die Frage, “machemer none Jass?” Abgesehen davon fühlte ich mich im “Seetal” wie schon neulich, als ich mit meiner Frau einen Match meines ehemaligen Fussballclubs besucht hatte: Als ob ich durch ein Loch in der Zeit gefallen und sehr, sehr sanft gelandet wäre.

Damals, bei Winnie

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Klar komme er mit, sagte er, als ich in jenem Herbst weit nach Feierabend wieder einmal bei ihm im Laden stand, mich durch die neusten CDs hörte und ihm beiläufig sagte, ich habe ein vöriges Billet für das Konzert der Dire Straits im Hallenstadion. Ich soll dann einfach vor dem “Bären” warten, sagte er; er hole mich ab.

Am 14. Oktober 1991 fuhren wir zusammen nach Zürich, um Mark Knopfler und seine Jungs auf ihrer “On every street”-Tournee ein minimunziges Stück weit zu begleiten.

Ob wir uns nachher noch einmal gesehen haben, weiss ich nicht mehr.

Woran ich mich hingegen genau erinnere, ist, dass wenig später erst zwei und dann immer mehr Blumen vor seiner geschlossenen Ladentüre lagen. Am “Bären”-Stammtisch fragte ich, was da los sei, in dem Haus da hinten, und erfuhr: Winnie Jauch hat sich umgebracht.

Für mich und zig andere musikbegeisterte junge Leute aus dem Wynen- und Seetal wechselte die Tonart des Lebens von einem Tag auf den anderen vom unbeschwerten Dur zum traurigen Moll. Denn Winnie Jauch war für uns weit mehr als ein Plattenverkäufer gewesen. Er war eine Institution (hätte ihm das jemand gesagt: Er hätte nur seinen spärlich behaarten Kopf geschüttelt und herzhaft gelacht).

Winnie wusste nicht nur immer, wer wann eine neue Platte herausbringt. Er kannte auch jeden einzelnen Song auf jeder CD – CDs waren damals gerade dabei, die Vinyltonträger vom Markt zu fegen – und konnte einem mit hundertprozentiger Sicherheit voraussagen, ob einem die Scheibe gefallen würde oder nicht.

Darüberhinaus hatte er – und ich vermute heute stark, dass genau das ein Teil seines Problems war – auch fast rund um die Uhr ein offenes Ohr für die Sorgen und Sörgelchen seiner Kundschaft.

Eines Abends, als ich nicht wusste, wohin mit meinem Liebeskummer, bummelte ich um 22 Uhr herum nicht ganz zufällig an seinem Schaufenster vorbei. Durch die grosse Scheibe sah ich, wie aus seinem Büro ein schwacher Lichtstrahl durch den Türspalt in den Laden fiel. Ich klopfte ans Glas. Wie wenn er auf mich gewartet – oder, wie ich ebenfalls rückblickend glaube: wie wenn auch er irgendeine Gesellschaft gebraucht hätte – bat er mich herein.

Ohne auch nur einmal auf die Uhr zu blicken, liess Winnie mich meinen Gefühlsballast abladen. Von Satz zu Satz mehr erleichtert, fühlte ich: Das hier war nicht eine alltägliche Plauderei zwischen einem Verkäufer und seinem (guten) Kunden, sondern ein ernsthaftes Gespräch unter…jetzt hätte ich beinahe geschrieben: “Freunden”, aber das hätte es nicht ganz getroffen.

Freunde waren wir nicht. Wir hatten zwar einen ähnlichen Musikgeschmack, konnten endlos über zu lange Schlagzeugsoli und göttliche Keyboardpassagen diskutieren und hätten miteinander auch ziemlich sicher drei Wochen Ferien verbracht, ohne uns zu streiten.

Doch trotz (oder gerade wegen) seiner enormen Menschenkenntnis und ungeachtet seines umgänglichen Wesens wahrte Winnie bewusst oder unbewusst stets eine gewisse Grunddistanz zu seinen Mitmenschen. Auch an jenem Abend, an dem ich ohne Vorwarnung ein tonnenschweres Paket voller Probleme auf seinem Tresen deponierte, gab er mir nicht das Gefühl, eine Art Blutsbruder vor mir zu haben.

Aber er hörte mir zu und liess mich ahnen, dass er sehr wohl wusste, wovon ich sprach, als ich ihm von meiner abgrundtiefen Enttäuschung erzählte.

Am Ende – Mitternacht war längst vorbei – schenkte er mir eine Platte; “…but seriously” von Phil Collins. Seither muss ich an Winnie Jauch denken, wenn ich “I wish it would rain down” höre.

All das ging mir durch den Kopf, als ich vorhin “Rhythm & Blues” von Buddy Guy aus dem Internet auf meine Festplatte lud. Die Download-Anzeige schlich gerade von “Messin’ with the kid” zu “What’s up with that woman” – da wurde mir bewusst: Der Erwerb von Musik hat nichts Menschliches mehr an sich. Es handelt sich um einen rein technischen Vorgang. Roboter bauen Autos, Chips steuern Flugzeuge, iTunes verkauft Platten.

iTunes hat zwar nonstopp geöffnet und eine ungleich grössere Auswahl, als Winnie Jauch sich je zu erträumen gewagt hätte. iTunes gibt Klangjunkies den Stoff günstiger ab als ein leibhaftiger Dealer. Was iTunes liefert, rauscht nicht und kratzt nicht und hält länger als ewig.

Doch iTunes sagt mir nicht, ich solle von dieser oder jener Scheibe besser die Finger lassen (ganz im Gegenteil: iTunes brüllt ununterbrochen “Kauf! Kauf! Kauf!”). iTunes sagt mir nicht, dass das atemberaubende Solo auf dem dritten Stück nicht vom Originalgitarristen, sondern von einem Studiomusiker eingespielt wurde, und iTunes sagt nicht “Danke!”, wenn ich bezahle.

Vor allem aber sagt iTunes zu niemandem, was ihn oder sie im Moment über alle Massen beschäftige, fühle sich schon bald nur noch halb so wild an. Es, iTunes, wisse aus eigener Erfahrung, dass dieser Schmerz irgendwann ganz vorbei und vergessen sei, auch wenn man sich das jetzt kaum vorstellen könne.

iTunes stiehlt sich allerdings auch nicht klammheimlich aus dem Leben und hinterlässt eine Lücke, die auch ein Vierteljahrhundert später noch zu spüren ist; nicht jeden Tag natürlich und auch nicht jede Woche und nicht einmal jedes Jahr.

Aber manchmal…manchmal schon.

Nachtrag 14. Oktober: Kaum hatte mein Brüetsch diesen Text auf Facebook verlinkt, meldeten sich längst erwachsene Zeitgenossinnen und -genossen, die als Teenager ebenfalls gerne und oft bei Winnie Jauch ein- und ausgingen. Ich habe ihre Kommentare so belassen, wie sie verfasst worden sind.

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Nicole Torretti schreibt: “Jo, das sind no Zyte gsi bim Winnie!”

Stephan Hess: “Wir alle stürmten jeden Samstag seinen Laden und fanden alle mit seiner Hilfe das, wo wir suchten. Gehörte Vinyl oder CDs durften nicht selber wieder einsortiert werden…:-)”

Sarah Hunziker: “Wenni es lied ghört ha,aber ned gwüsst ha wies heisst hanis em winnie vorgsunge und sekunde spöter die passend cd ede hand gha…da gets secher nieh meh….”

Susanne Fritschi: und Claudio Haller: “Jo, de winnie fählt…”

Urs Zurlinden: “R.I.P. winnie!! schön hämer en teil (die einte meh, die andere weniger) vo eusere jugend met der ond i dim lade dörfe verbrenge. onvergässlech!”

Karin Dätwyler-Mosimann: “Er fehlt emer no, und werd glaub i au emer fehle e eusem Dorf.”

Jacqueline Hauri-Zieler: “Ich glaube, jede wo de Winnie kennt het, chönnt es paar schöni gschechte verzöue. Er esch eine gsy wo niemer cha ersetze. Ha jetzt no en CD Player vo ehm. Leider goter nöm aber ich ha en errenerig vom Winnie.”

Verena Hofmann: “Sogar ich met Johrgang 1944 ha de Winnie kennt. Ha ou emol em Lade es Lied vor gsummet won i am Radio ghört ha ond nach paar Tön heter mi agluegt ond gseit: Sweet Dreams vo de Annie Lenox. Sone feine Mönsch gsi.”

Robert Eichenberger: “Winnie hesch die LP vo dene dütsche Punks wo schwarz esch ond es 18ni droffe stoht?” “Nei eigentli offiziell ned … aber wenn die meinsch wo i do henterem Trese ha, de steck der si gärn en Plastiksack.:-)”

Marc Torretti: “Esch au das en geile Lade gsi ond de Winnie en tolle Typ!! Er fählt extrem … au nach all dene Johr.”

Sandra Haller-Dal Col: “Ich erlaube mer do au en chliine Biitrag. Wenn no viel, viel meh Lüüt, e so wie e All dene schöne Biiträg dänkt und vor Allem iikauft hätte bem Winnie… Denn wäre secher au di Existenz Sorge chliiner gsi, oder gar ned vorhande gsi…Aber leider hett halt au das Günstig, Günstiger am Günstigste “Dänke” Ned vor em Winnie halt gmacht mängisch hett er zäme met em Matthias ( HAWE hetts Gschäft a de Stumpistr.) näbedra gha, d’Veränderige im Chaufverhalte i de chlinere Fachgschäft z’Rynech diskutiert…ebeso de Horrändi Mietzins i dem Objekt… So Sache chönne eim s’Läbe haut scho au schwärmache… Aber glöcklech händ Ihn gaaanz secher All di guete, ihn ond d’Kunde zfriedestellende Begägnige/ Gspröch etc.gmacht Aber ebe… Mängisch längt Da elei haut glich ned…”

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(Bild: Annette Härri)

Sturz durchs Zeitloch

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Eine kleine Notiz bescherte uns einen grossartigen Abend: Auf Facebook teilte der FC Beinwil am See mit, er treffe am Samstagabend im Seetaler Derby auf Meisterschwanden. Als ich das las, bekam ich aus heiterem Himmel chli Heimweh.

Weil es auch meine Frau wunder nahm, wo ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht hatte, fuhren wir kurzentschlossen aus dem Emmen- ins Seetal.

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Der FC Beinwil war ein fester Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebens: Beim FC Böju habe ich getschuttet und Junioren trainiert. Später, als Redaktor beim Wynentaler Blatt, schrieb ich über ihn (und zwar immer mit einem My mehr Herzblut als über die anderen Clubs; jetzt kann ichs ja sagen).

Der FC Böju: Das sind für mich glorreiche Siege, unverdiente Niederlagen, turbulente Grümpelturniere, bierselige Samstagabende, endlose Fahrten in die hintersten Ecken des Aargaus, Trainings im strömenden Regen und bei brütender Hitze, Grundsatzdiskussionen mit Vätern, die nicht verstehen konnten oder wollten, dass auch ihr Sohn keinen Stammplatz habe, meist kurzweilige Vorstandssitzungen und gemütliche Jahresendhöcks in der verschneiten Waldhütte.

Natürlich: Das alles gibt es in zig Vereinen landauf und -ab auch. Doch während man anderswo mit dem einen Auge ständig auf die Tabelle und mit dem anderen ununterbrochen in die Kasse schielte, stand in Beinwil am See etwas über allem anderen, was auch der potenteste Sponsor nicht herbeikaufen kann: Das Menschliche.

Als ich mit Chantal gestern Abend durch das Gittertor beim Sportplatz Strandbad gegangen war, merkte ich sofort, dass sich daran nichts geändert hat. Vom Grössenwahn, der schon manchen FC nach dem Aufstieg in die 2. Liga erfasst hat und der im Verbund mit Neid und Ehrgeiz auch die harmonischste Clubstruktur innert weniger Monate von innen zerfressen kann, ist am westlichen Ufer des Hallwilersees nichts zu spüren.

Entsprechende Befürchtungen hatte ich allerdings nie ernsthaft gehabt. Einerseits wird der FC Böju seit Jahr und Tag von meinem besten Freund Martin Hintermann (rechts im obersten Bild) geführt. Er alleine ist mit seiner bodenständigen Art ein Garant dafür, dass keines der weit über 200 Aktivmitglieder auf die Idee kommen kann, abzuheben, nur, weil man jetzt in einer höheren Spielklasse mitwirkt.

Darüberhinaus arbeiten im Hintergrund des Vereins zig Männer und Frauen mit, die wissen, wie man “Kontinuität” buchstabiert und die im FC so fest verwurzelt sind wie ein Mammutbaum in der Erde. Fremde Fötzel auf der Suche nach Schwarzgeldverstecken sind im FC Beinwil am See ebensowenig willkommen wie Egoisten, die auf und neben dem Spielfeld ihre Profilierungsneurosen ausleben wollen.

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Die Rückkehr auf das vertraute Terrain fühlte sich an wie eine weiche Landung nach einem Sturz durch ein Loch in der Geschichte: Der Platz, der Kiosk, die Festbeiz und die Unterstände für die Trainer und Ersatzspieler sehen noch fast genau gleich aus damals, als ich die 16 auf dem Rücken des gelbblauen Leibchens trug. Über allem liegt der vertraut-herbe Duftmix aus Dul-X, Schweiss und Bratwürsten. Verschwunden sind die Zuschauerbänkli hinter den Seitenlinien. Dafür gibt es eine elektronische Anzeigetafel auf dem Dach der Garderobe und eine hochwattige Flutlichtanlage und einen Kugelgrill plus einen Fan, der die Böjuer mit seinem Megaphon akustisch verstärkt.

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(Bild: pd)

Der Match selber war…naja. Wir haben gewonnen, doch in die engere Wahl für den Friedensnobelpreis wirds das Spiel kaum schaffen. Nach dem Abpfiff stürmte ein gegnerischer Fan auf den Rasen und streckte einen der Böjuer Akteure mit einem Faustschlag nieder. Wenig später war die Platzwunde am Kopf verarztet und die Polizei vor Ort, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mit all den Helden von früher, die sich das Seetaler Derby ebenfalls nicht entgehen lassen wollten, hätte sich beinahe eine komplette Mannschaft bilden lassen.

Die Freude und Herzlichkeit, mit der die ehemaligen Sportsfreunde Chantal und mich begrüssten, hatte etwas Rührendes. Es gab kein Fremdeln und kein Beschnuppern. Vielmehr fühlte es sich an, als ob seit unserem letzten Treffen nur fünf Tage und nicht 25 Jahre vergangen wären.

Als wir nach Hause zurückfuhren, wusste ich: Es gibt Bänder, die nie reissen. Auch wenn die Zeit noch so lange an ihnen zerrt.

Infos für Insider (II): Das Dorfheftli

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Sieh, das Interessante liegt so nah: Seit knapp zwei Jahren kümmert sich das “Dorfheftli” in sieben Aargauer Gemeinden um das gesellschaftliche, sportliche, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen vor den Haustüren seiner Leserinnen und Leser. Die Redaktion des monatlich erscheinenden Magazins erfüllt ihre Aufgabe mit grosser Professionalität.

Erfolgsgeschichten werden in der Schweizer Zeitungslandschaft nur noch selten erzählt. Im beinahe abgeholzten Blätterwald  raunen sich die letzten Überlebenden des grossen Kahlschlags ununterbrochen Klagen über sinkende Auflagen und Inseratevolumen zu, weil immer mehr Leserinnen und Leser sich  online informieren und Werbegelder fast nur noch ins Internet fliessen.

Und doch – es gibt Ausnahmen. Das “Dorfheftli” zum Beispiel hat es geschafft, sich aus dem Stand in knapp zwei Jahren als Pflichtlektüre für über 12 000 Menschen zu etablieren.

In sieben Gemeinden im aargauischen Wynen- und Seetal erscheint an jedem zweiten Mittwoch im Monat das durchgehend farbige und im handlichen A5-Format publizierte Magazin – und zwar flächendeckend. Es wird in sämtliche Haushaltungen verteilt; auch in jene,  die an ihren Briefkästen einen “Stopp Werbung”-Kleber angebracht haben.

Thomas Moor, einer der  Macher des “Dorfheftli”,  erinnert sich an die Geburt eines der jüngsten Kinder der um ihre Zukunft bangenden Zeitungsfamilie:  “Entstanden sind die Dorfheftli aus dem traditionellen «Böjuer», dem Informationsblatt für die Gemeinde Beinwil am See. Er bestand jahrzehntelang aus zwei bis drei schwarzweissen, fotokopierten und gefalteten A4-Seiten. Seinen Schwerpunkt bildeten Gemeindeinfos. Um ein typografisches Kunstwerk handelte es sich nicht, wie auch der Beinwiler Ortsbürger Heinz Barth befand.”

Als Inhaber der Werbeagentur artwork ag im benachbarten Reinach habe Barth dem “Böjuer”-Herausgeber eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, sei damit aber auf taube Ohren gestossen.

Doch kaum hatte der Verleger Beinwil am See verlassen, wurde Barth aktiv: Er lancierte  ein umfangreicheres, farbiges und informativeres “Dorfheftli”.

Auf so etwas hatten offensichtlich auch andere Gemeinden im Wynen- und Seetal gewartet: Kaum war der neue “Böjuer” da, erkundigten sich bei Barth Behördemitglieder von umliegenden Orten danach, ob sich auch für ihre Dörfer etwas Ähnliches produzieren lasse. Inzwischen gibt es massgeschneiderte “Dorfheftli” für Beinwil am See, Leutwil, Meisterschwanden, Menziken, Reinach, Seengen und Tennwil.

Als jemand, der in Beinwil geboren und aufgewachsen ist, widme ich mich “meiner” Ausgabe in der Hoffnung, Neues über meine alte Heimat zu erfahren – und, wer weiss, den einen oder anderen alten Bekannten zumindest auf Papier wiederzusehen.

Nach zwei Seiten trockener Ratsnachrichten wird mein Wunsch  erfüllt: Ausführlich verabschiedet das „Dorfheftli“ einen Zeitgenossen, mit dem auch in in frühen Jahren hin und wieder zu tun gehabt hatte:

Der Schulhausabwart Heinz Bruder wurde, wie es im Lead heisst, „nach 29jähriger, pflichtbewusster Tätigkeit“ pensioniert. Mit sieben aussagekräftigen Bildern und einem gmögigen Text wird das Ereignis gewürdigt.

Erfreulich ist: Im “Dorfheftli” heissen die Menschen nicht, wie in vielen anderen Lokalpostillen, „Frau Meier“ oder „Herr Müller“; sie haben einen Vornamen und einen Namen. Die Schreibenden sind sich offensichtlich nicht zu schade, bei Bedarf nachzufragen, wie die Protagonisten ihrer Berichte heissen. Damit signaliseren sie: Wir interessieren uns für das, was ihr tut. Und wir behandeln euch mit Respekt.

Die Titelgeschichte ist, wie auch die Frontseite, dem FC Beinwil am See gewidmet, der soeben den Wiederaufstieg in die 2. Liga geschafft hat. Auf vier Seiten wird der ruhmreiche Vereins vorgestellt. Weil nicht nur die obersten Clubverantwortlichen, sondern auch untere Chargen zu Wort kommen, wirkt die Story einerseits sehr läbig.

Andrerseits ist sie etwas gar textlastig ausgefallen; sie “bleielet”. Wenn zumindest ein Teil der Gesprächspartner mit einem kleinen Bild vorgestellt würde, käme er wesentlich luftiger und leichter lesbar daher.

In die Rubrik „PR“ fallen die über das ganze Heft verteilten Mitteilungen der Schulleitung und der Schulpflege, des Altersheims, des Spitals, einer Treuhandfirma, des Turnvereins, des Männerchors, der Kirche, der Polizei, einer Bäckerei, der Kerzenzieher, der Wyna-Expo, der Veranstalter des Homberg-Laufes und einer Schreinerei. Sie machen rund einen Viertel des redaktionellen Teils aus.

Die PR-Beiträge sind kaum je als Fremdmaterial deklariert. In Einzelfällen weist eine munzige Fussnote darauf hin, woher der Text stammt. Weil die redaktionellen Eigenleistungen ebenfalls nicht namentlich gezeichnet werden, weiss der Leser nie so recht, was jetzt echter Journalismus ist und was (bezahlter?) Stoff. Ein “pd” am Anfang oder am Ende der Pressemitteilungen würde für  Transparenz sorgen.

Die Aktualität hat im “Dorfheftli” naturgemäss an einem kleinen Ort Platz: Ein Monatsmagazin kann sich dem Tages- und Wochengeschehen nicht mit derselben Intensität widmen wie eine Zeitung.

Aber als Konkurrenz zum “Wynentaler Blatt” oder zum “Der Lindenberg” versteht  sich das “Dorfheftli” gar nicht; jedenfalls nicht auf  redaktioneller Ebene. Wenns ums Geld geht, siehts nachvollziehbarerweise anders aus: “Vom kaum grösser werdenden Inseratekuchen schneiden wir eine nicht zu unterschätzende Scheibe ab”, sagt Thomas Moor.

Satt sind die “Dorfheftli”-Macher noch lange nicht – und Kuchen ist nach wie vor da: Nach den sieben bisherigen hätten auch weitere Gemeinden ihr Interesse an einem “Dorfheftli” signalisiert, sagt Thomas Moor. Entsprechende Verhandlungen seien “am Laufen”.

 

Das “Dorfheftli” auf einen Blick:

Herausgeberin: artwork ag, Reinach.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Vier festangestellte  für die Redaktion, Produktion und Social Media-Aktivitäten plus vier freie für journalistische Einsätze.

Erscheinungsweise: 12x pro Jahr

Auflage: 12 310 Exemplare

Weitere Infos: www.dorfheftli.ch

In der Rubrik “Infos für Insider” bereits erschienen: “Theater Zytig”

Nachtrag 24. Januar 2014: Ein halbes Jahr nach diesem Beitrag beschäftigt sich auch die Argauer Zeitung mit dem “Dorfheftli”.

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Auf zu immer neuen Ufern

Da schlagen die Herzen von Freunden intelligenten rockmusikalischen Schaffens gleich ein paar Takte höher: Die “Stranded Heroes” haben ihren Song “Bed of ivory” von ihrem Debütalbum “Metamorphin” als Single ausgekoppelt und verfilmt (siehe oben).

Seit heute steht das Video auf youtube; die Single ist ab morgen erhältlich. Sängerin Anja Bolliger verarbeitet im Text zu “Bed of ivory” die Zeit, die sie nach einer Rückenoperation durchmachen musste. Wie sie der Aargauer Zeitung erzählte, wurde sie nach diesem Eingriff morpiumabhängig. Der Entzug von dem Gift sei “eine sehr schmerzvolle Erfahrung” gewesen, an der sie habe wachsen können, sagte Bolliger.

Falls sich die Hoffnungen der Band aus meiner Heimat erfüllen, ist der nicht nur für Schweizer Verhältnisse sehr professionell produzierte Streifen bald auch auf den einschlägigen TV-Kanälen im In- und Ausland zu sehen. Zu gönnen wärs dem Quartett, das bei seiner Karriereplanung weniger auf Mutter Zufall, denn vielmehr auf Vater Arbeit plus die ihm in die Wiege gelegte Riesenportion Talent setzt.

Nachdem Anja Bolliger, Stefan Voramwald (Gitarre). Mash Lüscher (Bass) und Kusi Hintermann (Schlagzeug) ihre

erste CD

am 11. November letzten Jahres vom Stapel gelassen hatten, peilten die gestrandeten Helden Ufer um Ufer an, um sich und ihr Werk der Öffentlichkeit vorzustellen. Auf ihrem Tourneeplan standen nicht nur kleine, aber feine Openairfestivals in Hünibach, Salavaux, Gränichen oder Menziken, Auftritte am Fête de la musique in Lausanne und im sagenumwobenen Berner Gaskessel, sondern auch …Achtung: Trommelwirbel, der langsam von Pauken und Trompeten abgelöst wird…ein Gig am legendären Jazz-Festival in Montreux.

Mit besonders grossem Interesse wird das Video – hoffentlich! – nicht nur jeder Meinungsmacher in der Musikindustrie begutachten, sondern bestimmt auch jener Obdachlose, der in der Halle, in der der Film gedreht wurde, “wohnt”. Er wusste laut Drummer Kusi Hintermann genauso wenig, dass sein Unterschlupf als Location für ein Rockvideo dient, wie die Band ahnen konnte, dass an ihrem Drehort jemand haust.

Der Mann habe nicht schlecht gestaunt, als er eines Morgens nach Hause kam und seine zig Wände vor lauter Trockeneis kaum mehr wiedererkannte, erzählte der Schlagzeuger nach dem Dreh schmunzelnd.

Von Strand zu Strand durchs Land

Aha: Die Sommertournee der Stranded Heroes nimmt Formen an.

Freunde hochklassiger Rockmusik kommen im Bernbiet gleich zweimal auf ihre Kosten: Am 15. Juni spielen die Seetaler im legendären Gaskessel; am 7. Juli injizieren sie ihr “Metamorphin” den Besucherinnen und Besuchern des Cholerock Openair in Hünibach.

Nachtrag: Die “Helden” stürmen auch das ruhmreiche Berner Bierhübeli. Am 29. März spielen sie als Vorband von “The Subways” (GB). Beginn: 20.30 Uhr.