Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die “Search”-App und tippte “Schlüsseldienst” und “Burgdorf” ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass “in maximal 20 bis 40 Minuten” ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den “Beobachter” lesen müssen.

Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

Zu jung für diese Altersgruppe

Ich hatte es nicht bestellt, aber neulich lags trotzdem im Briefkasten: “50plus – Das Magazin für ein genussvolles Leben”.

Während ich es zuoberst auf die Altpapierbeige lege, frage ich mich, womit ich in einer hoffentlich sehr fernen Zukunft noch beglückt werden würde: “60plus – Goldene Zeiten für Silberrücken”. Dann: “70plus – Kein Job, keine Zukunft, aber hey: That’s life!”. Wieder zehn Jahre später: “80plus – Wer das lesen kann, ist noch nicht tot.” Schliesslich: “90plus – Und täglich grüsst der Sensemann”.

So betrachtet, denke ich gedankenverloren, bin ich mit meinen 50plus eigentlich gar nicht so schlecht bedient. Ich nehme das Heftli wieder vom Haufen.

“Sei du selbst”, empfiehlt mir das Magazin auf der Titelseite. Weiter verspricht es Ratschläge für Stellensuchende, Tipps für profimässiges Kochen und – es wurde aber auch langsam Zeit – eine verbindliche Antwort darauf, “warum Essen Spass machen soll”.

Die Frage ist: Braucht das jemand?

“Sei du selbst” gehört längst zum Basisvokabular jedes Küchentischpsychologen, jeder Dschungecamp-Teilnehmerin und jedes Castingshowmasters. Arbeitslosen helfen das RAV und private Institutionen. Kulinarikzeitschriften liegen an Kiosken und in Buchhandlungen kilometerweise auf; dazu kommen zig Kochsendungen und eine endlose Menge von Online-Publikationen.

“Genauso würde vermutlich ein Heftli aussehen, wenn man Kurt Aeschbacher ein Heftli machen liesse”, sinnierte ich: Viel Gspüri, viel Service und viel Genuss.

Und noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende gedacht habe, lächelt mir auf der Seite 3 werelilwer entgegen?

In seinem Editorial behauptet “Aeschbi”, es gebe “nichts Anregenderes, als mit der Familie oder seine Freunden um einen schön gedeckten Tisch zu sitzen, ein feines Essen zu geniessen und dabei über all das, was einen bewegt, zu diskutieren”. Illustriert ist der Text mit einem Bild, das den Autor alleine auf einem Sofa sitzend zeigt, mit einem halbvollen Glas Rotwein in der Hand. Kurz nach dem Hinweis auf einen “aufschlussreichen Bericht über die Bauchspeicheldrüse” und vor den “herzlichen Grüssen” fragt er in die Runde: “Was gibt es Schöneres, als nach einer anstrengenden Wanderung sich noch ein paar Stunden in einer Wellnessoase verwöhnen zu lassen”.

Nun: Mir kommen spontan dreihunderttausend Dinge in den Sinn, die eine (von mir aus auch bubieinfache) Wanderung an Schönheit toppen würden, aber sie auch nur stichwortartig zu notieren, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.

Auf knapp 100 Seiten werden in der Folge all jene (oder ämu viele der) Themen abgehandelt, welche Leute knapp jenseits der Pubertät nach Ansicht der “50plus”-Macher in ihrer offenbar reichlich bemessenen Freizeit umtreiben: Kuratiertes Sammeln, Heimwerken, Gemüseanpflanzen, Testamentverfassen, Pankreatitis, Reisen oder die Suche nach der perfekten Alterssiedlung.

Den Schwerpunkt der mir vorliegenden Ausgabe bildet das Essen: Eine Reportage über die chinesische Küche fehlt ebensowenig wie – dass ich das noch erleben darf! – ein Artikel über georgische Tischsitten. Dazu gibts mehr und weniger originelle Rezepte plus, natürlich, eine schampar lustige Kolumne, die vor allem deswegen auffällt, weil viele Worte “IN GROSSBUCHSTABEN” geschrieben sind (wohl für den Fall, dass Teile der Zielgruppe vergessen haben, die Kontaktlinsen einzusetzen, mit denen sie bis zur Brille sehen können).

Inserate werben hauptsächlich für Medikamente (“Helfen Sie Ihrem Herz wieder auf die Beine”), Banken (“Wir lassen Sie auch im Alter nicht im Stich”) oder Thermen (“Mit Abhol- und Heimfahrservice”).

Was Werbung ist und was redaktionelle Leistung, ist nicht in jedem Fall klar. Es spricht zum Beispiel sicher nichts dagegen, unter dem Motto “Wunderbares für Körper und Seele” allerlei Elixiere, Essenzen und Düfte “für die Party” vorzustellen. Nur: Wenn diese Produkte in salbungsvollen Worten und samt Preisangaben unter der Rubrik “Beautytipps” angepriesen werden, runzelt der journalistische Puritaner jedoch automatisch die botoxfreie Stirne. Diese Doppelseite mit “Publireportage” zu kennzeichnen, wäre ehrlicher gewesen. Oder zumindest transparenter.

Ansonsten gibts an “50plus” zu meinem eigenen Erstaunen wenig zu bemängeln. Die Texte sind fast ausnahmslos flott getippt und vermitteln eine Vielzahl von – auch überraschenden – Informationen. Sie sind in einem Tonfall gehalten, der erkennen lässt, dass die Schreibenden die Lesenden ernstnehmen (wobei: Das darf der Lesende vom Schreibenden für SFr. 7.90 wohl erwarten). Die hochwertigen Fotos dienen nicht als Füllmaterial, sondern als Blickfänge.

Während ich durch das Magazin blättere, fühle ich mich ein wenig wie vor einem Jahr, als ich versehentlich zwei Nächte in einer Seniorenresidenz im Tessin verbrachte: Es ist alles ganz nett und schön und gut (gemeint), aber letztlich…letztlich halt doch nichts für mich.

Sowohl das Heft als auch das Heim signalisier(t)en mir – wenn auch subtil – , es wäre langsam an der Zeit, mich mit dem Älterwerden und dessen Folgen zu beschäftigen. Dafür fehlt mir vorläufig aber die Zeit. Und, vor allem: die Lust.

Sobald ich mich wie 50 fühle, nehme ich das Heftli aber sicher gerne wieder einmal zur Hand. Falls es dann noch existiert.

Einfach so

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Wenn der Lokomotivführer nach der Abfahrt in Bern nur ein bisschen mehr Gas(?) gegeben hätte, hätte es die Billetkontrolleurin bis zur Einfahrt in Burgdorf nicht mehr bis zu mir geschafft. Das wäre mir insofern nicht ungelegen gekommen, als ich vergessen hatte, ein Billet zu lösen.

Der Lokomotivführer nimmts mit dem Tempo aber sehr genau, und deshalb steht die Kontrolleurin jetzt, nur wenige hundert Meter vor dem rettenden Ufer Bahnhof, vor mir.

Also knipse ich den treuherzigsten Blick an, den ich auf die Schnelle im Repertoire finden kann, und sage halblaut:

“Mist. Das wird teuer.”

“Wieso meinen Sie?”, fragt die Kontrolleurin.

“Ich habe kein Billet. Sonst habe ich immer eins, nur heute nicht.”

“Haben Sie einen Ausweis dabei? Das Halbtax oder so?”

“Ich habe alles: Halbtax, Streckenabo, Liberoabo, ID, zwei Kafipässe vom Kiosk und vom Spettacolo, Bankkarten, einfach alles, ausser dem Billet, leider.”

“Das ist ja nicht schlecht. Können Sie mir kurz das Halbtax…”

“…klar! Hier!”

(Die Kontrolleurin betrachtet das Abo, greift zur Umhängemaschine und beginnt zu tippen.)

“Fahren Sie einfach oder retour?”

“Einfach.”

“Und nur bis Burgdorf?”

“Ja.”

“Ab Bern.”

“Ja.”

“Gut.”

“Wie mans nimmt. Das wird die teuerste Einfachfahrt aller Zeiten.”

“Nein, nein. Macht fünf Franken.”

“Was? Nur…?”

“Jaja. Wir können so Sachen auch so erledigen.”

“Oho! Heute ist mein Glückstag. Dankedanke!”

“Kein Problem. Einen schönen Tag noch.”

Wers glaubt, wird wahnsinnig

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Ich weiss nicht, wie viele Male ich im Sunrise-Shop in der Gurzelengasse in Solothurn vorsprach, und ich kann auch nicht mehr genau sagen, wie oft ich auf die Hotline dieser Firma anrief, weil ich mein Handy-Abo zur Swisscom transferieren wollte. Es mussten Dutzende von Versuchen gewesen sein.

Wen auch immer ich bei Sunrise fragte – die Antwort war immer dieselbe: “Dafür müssen wir nur Ihre Nummer portieren. Das ist überhaupt keine Sache. Bis heute Abend oder morgen früh ist das erledigt.”

Ein halbes Jahr später löste schliesslich eine hilfbereite Mitarbeiterin in einem Swisscom-Shop im Zug das Problem. Nachdem sie  sich eine Stunde lang durch das halbe Sunrise-Organigramm telefoniert hatte, konnte sie mir freudig melden: Wechsel vollzogen.  Dem Kauf eines Swisscom-iPhones stand nichts mehr im Wege.

Kundenservice und Sunrise – das sind für mich seither zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausschlissen. Deshalb staunte ich nicht schlecht, als ich am Schaufenster genau jenes Geschäftes, in dem ich vor Jahren beinahe zum Berserker geworden wäre, heute Plakate kleben sah, auf denen Sunrise verspricht, ich könnte bei ihnen “mein Abo wechseln, wann ich will”.

Über und unter den Wolken kann der Frust grenzenlos sein

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“«Travel Service Airlines» ist ein Profi im Charter-Fluggeschäft und erfüllt unseren Kunden (…) alle Wünsche”: Mit diesen Worten wirbt die Firma Travelhouse – laut Eigenwerbung “Die führenden Ferienspezialisten der Schweiz” – für ihren Partner, die Fluggesellschaft Travel Service.

Mit Travel Service arbeitet Travelhouse seit letztem Sommer zusammen. Damals ging die Schweizer Tiefstpreislinie Hello, mit der Travelhouse bis dahin kooperiert hatte, Konkurs. Also musste Travelhouse einen neuen Partner finden, der “unsere Gäste” – und damit weiter im Werbetext – “zuverlässig und komfortabel in ihre Ferien bringt”.

Wie Travelhouse auf die Idee kommen konnte, dass ausgerechnet Travel Service diese Kriterien am besten erfüllen würde, ist kaum nachvollziehbar. Denn die Adjektive “zuverlässig” und “komfortabel” passen nur sehr bedingt zum Label “Travel Service”.

“Travel Service”: Das verbinde ich vor allem mit “unzuverlässig”, “unfreundlich” und “unbequem”. Mit dieser Ansicht stehe ich nicht alleine da: In einem “Airline-Test”, der von “Angolan Airlines” bis “Tyrolean Airlines” 54 Fluggesellschaften aufführt, von denen kein Mensch je gehört hat, belegt Travel Service den 41. Platz.

Als einzige Erklärung für den Schulterschluss bietet sich dem Laien folglich an: Travelhouse hat aus finanziellen Gründen einfach jenen Partner gewählt, der die Auslagen – zum Beispiel mit minimstem Personaleinsatz und Löhnen am Rande des Existenzminimums – so tief wie möglich hält.

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Dazu passt, was der Airline-Pilot und Aviatik-Fan “Danix” im Onlineportal “flightforum.ch” an die Adresse des ebenfalls mit Travel Service verbundenen Veranstalters Hotelplan zu bedenken gibt: “Es ist scheinheilig, wenn man Hello vorgeworfen hat, dass sie mit ihrem Personal unmenschlich umgehen, nur um jetzt den Markt von einem ähnlich operierenden Ausländer abdecken zu lassen.”

“Ähnlich operierend” geht im Fall “Travel Service” so: Sowohl der Flug QS4528 von Zürich nach Las Palmas am 5., als auch der Rückflug QS4529 am 12. April sind um über eine Stunde verspätet. Auf dem Hinweg kommt hinzu: Als die Passagiere endlich im mit laufendem Motor wartenden Bus zum Flugzeug zusammengepfercht sind, müssen sie in totaler Ahnungslosigkeit über das Warum und Wielangenoch eine halbe Ewigkeit ausharren, bis sich das Gefährt in Bewegung setzt.

Weder in Zürich noch auf Las Palmas werden die wartenden Gäste über den Grund für die umterminierten Flüge informiert. Beide Male erachten es die Travel Service-Verantwortlichen als nicht angezeigt, sich bei ihren Kunden für das aktuelle und noch folgende Ungemach (verpasste Anschlusszüge oder -flüge, im Ungewissen gelassene Angehörige am Bestimmungsort und so weiter) zu entschuldigen.

Der Service an Bord ist mit “lieblos” nur unzureichend beschrieben, doch dafür bleiben wir damit auf der juristisch sicheren Seite. Vor dem Start gibts Orangensaft und Wasser, aber nicht für alle. Falls der Fruchtsaft von einer ähnlichen Qualität gewesen sein sollte wie die Hühner- und Härdöpfelpampe, die einem später ohne Vorwarnung und wortlos aufs Tischli geknallt wird, hat allerdings keiner der Übergangenen viel verpasst.

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Wer sein iPad oder iPhone (im Flugmodus!) eingeschaltet hat, um zu lesen oder Musik zu hören, wird nicht, wie in anderen Jets, freundlich gebeten, das Gerät während der Start- und Landephase zu deaktivieren, sondern in einem Ton, der jeden Oberstleutnant erstarren liesse, zum “Switch it off!!!” verdonnert. Ein Lächeln der Flight Attendants kostet wohl extra. Wer bar bezahlt, geniessts sogar zum Dutyfree-Tarif.

Die Schuld an der Misere dem Personal in die Schuhe zu schieben, wäre aber unfair. Die zwei Damen und der Herr, die zwischen den thrombös eng bestuhlten Sitzreihen Dienst nach Vorschrift leisten, haben vor noch nicht allzulanger Zeit vielleicht in den rosarotesten Farben davon geträumt, sich hoch über den Wolken aufmerksam – und anständig entschädigt – um ihre Klientel kümmern zu dürfen.

Dann landeten sie bei Travel Service und damit auf dem Boden der luftfahrttechnischen Realitäten: Nur was und wer nicht kostet, ist für unzählige Anbieter in der Flugschnäppchenbranche etwas wert.

Jetzt geht es für sie nur noch darum, die rund 40 Jahre bis zur Pensionierung mit einem letzten Rest Selbstachtung über die Runden zu bringen. “Wenn wir uns schon von den Chefs alles gefallen lassen müssen, spielen wir zumindest für die Passagiere nicht die daueraufgestellten Hampelmänner und -frauen”: Mit diesem Gedanken steigen sie jeden Tag aus irgendeinem Hotelbett. Man mag sich das gar nicht zu plastisch vorstellen.

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Unmittelbar nach der Landung in Zürich schrieb ich auf Facebook, dass ich der Firma Travel Service dringend eine Namensänderung empfehle: “Getravelled wird nur mit Verspätung, der Service entspricht dem aktuellen Standard an Bord von MH370.”

Minuten später meldeten sich zwei Facebook-Freundinnen, die mit diesem Unternehmen ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Die eine notierte:

“Wir sind letztes Jahr auch mit Travel Service auf die Kanaren geflogen. Hin- und Rückflug mit Verspätung. Beim Einchecken für den Rückflug hiess es zuerst fünf Stunden, schlussendlich waren es “nur” gute drei Stunden. Ein Grund wurde uns nicht genannt, Entschuldigung kam auch keine. Einmal, aber nie wieder!!!”

Noch übler war es der anderen Freundin ergangen: Sie hatte auf ihrem Flug von Las Palmas nach Zürich sieben Stunden Verspätung, was nicht zuletzt auf eine unangekündigte Zwischenlandung auf Teneriffa zurückzuführen war.

Sieben Stunden Verspätung: Das ist bei Travel Service offensichtlich nichts Aussergewöhnliches.

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Genauso lange wartete in der Hauptstadt von Gran Canaria auch ein gewisser Artur Nideröst auf den Take-off. Das Flugzeug, das ihn heim in die Schweiz bringen sollte, sah Nideröst zwar auf der Startbahn stehen. Er realisiert auch, wie es abhob.

Nur sass er nicht drin.

«Kein Mensch sagte uns, was los war», erzählte Niederöst später dem Konsumentenmagazin K-Tipp. Erst nach beharrlichem Durchfragen am Flughafen und einem Gespräch mit der Hotline seines Reiseveranstaltes habe er den Grund für die Flugverspätung erfahren – “aber nicht, wie lange das Warten noch dauern würde”. und: “Einen Verpflegungsbon gab es erst nach Insistieren.”

Der komplette Artikel mit Niderösts Geschichte findet sich hier.

Ich gehe nicht davon aus, dass dies der letzte Erlebnisbericht bleibt, den der K-Tipp über enttäuschte Travel Service-Kunden veröffentlichen kann.

Das swisscommt mir gerade recht

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Ich weiss nicht, wer sich bei der Swisscom um die “kundenspezifische Kommunikation” (oder wie immer diese Geschäftssparte auch heissen mag) kümmert. Es muss sich um jemanden handeln, der über ein ausgeprägtes Gespür für bestehende oder möglicherweise noch auftauchende Bedürfnisse seiner Klientel verfügt. Oder zumindest weiss, wer wann wieso schon einmal die Hilfe des Unternehmens in Anspruch nehmen musste.

Was ich weiss ist: Er oder sie macht seinen oder ihren Job saugut. Mit dem Hinweis, den mir die Swisscom kurz nach meiner Landung in Las Palmas per SMS hat zukommen lassen, traf sie ins Schwarze – wenn auch ein bisschen zu spät.

Denn “Richtiges Verhalten bei einem Handy-Klau in Spanien”: Das ist ein Thema, das auch mich vor nicht allzulanger Zeit auf einmal brennend interessierte.

Dienst am Kunden

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Routinemässig fragte die Frau an der Rezeption den Gast beim Auschecken, ob alles in Ordnung gewesen sei, worauf der Gast sagte, “ja, klar, tiptopp”, worauf die Frau “schön” sagte und lächelte, doch dann fügte der Gast an, “nur das mit der Nachtglocke war chli komisch. Als wir gegen 2 Uhr vom Niederdorf zurückkamen und ins Hotel wollten, fanden wir die Nachtglocke nicht. Zum Glück hat uns ihr Kollege gesehen. Er hat uns freundlicherweise die Türe geöffnet. Sonst hätten wir draussen schlafen müssen.”

Die Frau an der Rezeption versprach, sich um das Problem zu kümmen.

Kaum war der Gast weg, rief sie auf ihrem Computer das Formular “Beschwerden/Complaints/Réclamations” auf. Unter “Anmerkungen” tippte sie: “Gast konnte Nacntglocke nicht finden.”

Noch am selben Tag brachte der KV-Stift unter dem Hinweis “Nightbell” einen Zettel mit der Aufschrift “PUSH HERE” an. Dazu zeichnete er einen Pfeil, damit auch ganz begriffstutzige Spätheimkehrer sehen: Aha. Da kann man draufdrücken, und schon geht die Türe auf.

Wochenlang ging das gut. Niemand klopfte mehr mitten in der Nacht an die Glastüre, um Einlass zu begehren.

Doch eines schönen Morgens stand erneut ein Gast an der Rezeption, der es wenige Stunden zuvor nicht geschafft hatte, ins Hotel zu gelangen. Er habe die Klingel nicht gesehen, meckerte er. “Aber die ist doch angeschrieben, sogar noch mit einem zusätzlichen Pfeil”, sagte die Frau am Empfang freundlich. “Kann schon sein”, murrte der Kunde. “Aber der Abstand zwischen dem Pfeil und dem Knopf ist zu gross. So findet die Klingel ja kein Mensch.”

Also: Neues Formular. “Gast fand Nachtglocke trotz ergänzender Signalisation nicht”, schrieb die Rezeptionistin. Nach einigem Überlegen setzte sie hinter “nicht” noch drei Pünktchen. Dann schickte sie auch dieses Papier ins Service-Department.

Wenig später klebte unter dem ersten Zettel ein zweiter. Statt noch einmal “PUSH HERE” darauf zu schreiben (das sähe irgendwie komisch aus, fand er, so zweimal “PUSH HERE” untereinander; vor allem die schlaueren Gäste würden sich amänd langsam fragen, für wie dumm man sie hier eigentlich hält) malte der Stift einen extradicken Pfeil aufs Papier.

Seither hat es wegen der Nachtglocke keine Beschwerden mehr gegeben.

Das Kreuz mit der Box

Montag, 15. Oktober 2012, 13.20 Uhr: Dann werde man sich halt “von der Zentrale aus” um das Problem kümmern, sagte der Hotline-Mann von der Swisscom soeben. Die letzte halbe Stunde hatte ich damit verbracht, mit ihm im Ohr die TV-Box plus den Router je einmal total zu resetten. Die Bemühungen waren umsonst: Der Fernseher ist immer noch tot. Mehr als ein rotes Kreuz und drei graue Viereggli gibts seit heute Morgen nicht mehr zu sehen.

Jetzt schauen wir einfach mal, was “die Zentrale” so macht, und innert welcher Frist.

Fortsetzung folgt.

15.10 Uhr: Das geht ja flott: Nur noch zwei Viereggli.

19.50 Uhr: Das rote Kreuz ist immer noch da. Mit drei Viereggli.

Was verpasse ich alles?

– Eine Mankell-Verfilmung (schon gesehen),
– „Jagd auf „Roter Oktober“ (schon gesehen),
– zwei Folgen „C.S.I.“ (wahrscheinlich schon gesehen),
– zwei Folgen „Simpsons „(ziemlich sicher schon gesehen) und
– „Das Wetter in Baden-Württemberg“.

Gut, habe ich mir neue Bücher aufs Eipäd geladen: „Die Frau an seiner Seite“ von Heribert Schwan, „Mordmethoden“ von Mark Benecke und „Recht und Gerechtigkeit“ von Jörg und Miriam Kachelmann (und das, obwohl Kachelmann mit seinem subsouveränen Auftritt bei Günther Jauch in meinem persönlichen Rating schwer Punkte eingebüsst hat. Aber ich gehe jetzt einfach einmal davon aus, dass ihn diese Rückstufung im Moment nicht übertrieben stark beschäftigt).

Literarisch dermassen hochgerüstet, hoffe ich die Zeit, in der „die Zentrale“ von Ferne in den Innereien meiner TV-Box herumfummelt, überbrücken zu können. Falls ich alles fertiggelesen haben sollte, bevor die Swisscom das Chäschtli geflickt hat, kann ich immer noch ein Buch schreiben oder Japanisch lernen, bis die Kiste wieder läuft.

Dienstag, 16. Oktober, 4.20 Uhr: In der Nacht, ohne Spiegelungen, sehen das Kreuz und die Viereggli besser aus als am Tag. In der Zwischenzeit habe ich feststellen müssen, dass der Hotline-Mann gestern chli geflunkert hatte. Als ich ihn fragte, ob das öppedie vorkomme, so drei Viereggli mit einem Kreuz, sagte er mir ins Gesicht iPhone, nein das sei ist jetzt das erste Mal. Doch was muss ich beim Blick in eine Fernsehflick-Selbsthilfegruppe sehen: Soooo selten ist das gar nicht.

Andrerseits: Wenn ich der Hotline-Mann wäre, würde ich einem Kunden vermutlich auch nicht graduse sagen: „Jessesgott, Sie. Sie glauben ja nicht, wie das immer leuchtet, wenn unser System nicht funktioniert! Am besten ist es, wenn es am Weihnachtsabend aussteigt. Dann können sie sich den Christbaum schenken, so wie das blinkt.“

Um auf andere Gedanken zu kommen, gehe ich ins Büro. Gegen Mittag bin ich zurück. Bis dann ist die Box repariert, sonst…sonst…sonst… .

11.48 Uhr: Wer statt fern nur ein Kreuz und Viereggli sieht, hat viel Zeit zum Überlegen. Ich habe sie genutzt, um eine Verschwörung aufzudecken (aufzudecken im Sinne von “enthüllen” gabs zwar nichts. Es lag für alle sichtbar auf dem Boden. Es brauchte nur jemanden, ders aufhebt). Und zwar: Carsten Schloter, der Swisscom-Chef, ist Deutscher. Der Hotliner, mit dem ich vor 248 Jahren gestern telefonierte, ist ebenfalls Deutscher. Das heisst: Die Swisscom ist in deutscher Hand. Es ist folglich nur eine Frage der Zeit, bis Schloter und der Hotliner unser Paradeunternehmen in die deutsche Telekom integrieren. Die Telekom wiederum gehört vermutlich zu einem nicht kleinen Teil der deutschen Regierung. Damit ist absehbar: Deutschland übernimmt den Schweizer Telefonmarkt. Und sobald Angela Merkel die Schweizer Kommunikationsstränge in der Hand hält, kann sie schwupp realisieren, was noch vor 80 Jahren gescheitert war.

Ein unfriendly Takeover der Schweiz wäre jedoch nichts im Vergleich zu dem, was Peter Gutjahr aus Effretikon prophezeit (für jene, denen Peter Gutjahr kein Begriff ist: Er studiert die Astro-Realität). In dieser Funktion schreibt er ausgewählten Redaktionen: “Entfernen Sie mich sofort aus Ihrem E-Mail-Verteiler und senden Sie mir niemals mehr eine E-Mail. Beten Sie weiter Ihren Urknall-Satan an, und werden Sie glücklich dabei. Sorgen Sie dafür, dass ich von der ETH-ZH, von der UNI-ZH, vom CERN und vom PSI, niemals oder niemals wieder angeschrieben werde. Die resultierende Kausal-Weltbild-Global-Realität aus dem Urknall ist physikalisch so unmöglich wie der Urknall. Sie können Richtung Fixstern Sonne und Richtung Alter-Grösse-Universum ein wenig an den Zahlen-Werten schräublen, in der Global-Realität können Sie dann das Kausal-Realität-Wissen des Schräublens ablesen. Die Verkündung des Geschräubleten können Sie den Holocaust-Juden-Sekte Astro-Koryphäen, Realität-Koryphäen und Physik-Koryphäen übertragen, so wie vorgesehen, und seit Jahrzehnten Sekten-Realität. Wo die Wahrheit zerstört ist, ist immer Satan, und das ist nur ein Begriff wie tausende andere.”

“Die Verkündung des Geschräubelten”: Es wird einem Angst und Bange.

Aber – und damit zurück zur Swisscom -: Zum Schräubeln wärs, Realität-Koryphäen hin, Physik-Koryphäen her, jetzt dann langsam Zeit.

14.50 Uhr: Anruf bei der Swisscom. Ein aufgestellter Bündner nimmt nach dem zweiten Läuten ab, hört sich die Geschichte an und sagt dann sinngemäss “Ah. Oh. Hm. Moment”. Im Hintergrund ist Tastaturklicken zu hören. Dann sagt er: “Es kommt jemand vorbei. Morgen um Drei.”

Damit geben wir kurz ins Studio für ein bisschen Musik:

Mittwoch, 17. Oktober, 14.21 Uhr: Die Spannung steigt. Ich sitze hoffnungsfroh zuhause und schaue alle paar Minuten aus dem Fenster. Kommt der Monteur? Kommt er nicht? Wie lange ist er schon im Geschäft? Schickt mir die Swisscom einen Profi mit jahrzehntelanger Boxflickerfahrung vorbei? Oder steht gleich ein Erstlehrjahrsstift vor der Türe, der nur aus Erzählungen seiner Eltern weiss, was ein Fernseher ist?

Wenn ich nicht schon rauchen würde – jetzt wäre ein guter Moment, um damit anzufangen.

Gemessen an den Klicks (gut 250 seit vorgestern) und der erschütternd geringen Anzahl Kommentare (nur auf Facebook fühlte sich jemand , den ich ideologisch jetzt einfach mal in der waldorfschulgestählten Gutmenschenfraktion verorte, bemüssigt, mir von der Seite her anzubieten, sich einmal mit mir über mein Suchtverhalten zu unterhalten, was ich über alle Massen schätze, besonders in Situationen, in denen ich so verletzlich bin wie in diesen, wenn der Fernseher streikt) gehe ich nicht davon aus, dass das Drama um unsere kaputte Box die Welt erschüttert hat.

Trotzdem will ich den treuen Leserinnen und Lesern, die von Anfang an dabei waren und offensichtlich finster entschlossen sind, bis um letzten Punkt durchzuhalten, nicht vorenthalten, welch Happy End die Geschichte soeben nahm. Weil die Sache textmässig sowieso schon leicht überbordet (Monstersätze wie den, aus dem der letzte Abschnitt besteht, passieren mir sonst eher nie), fasse ich mich kurz.

15.16 Uhr: Der Monteur ist da. Das ist chli später als gestern vom flotten Bündner versprochen, aber was solls. Wenn ich Cablecom-Kunde wäre, hätte ich zwischen den ersten Notruf an die Hotline und das „Dankeschön“ für den Mechaniker locker die Australienferien schieben können.

15.20 Uhr: Der Monteur montiert nach einem kurzen Smalltalk gigantische Swisscom-Filzpantoffeln und betritt die Wohnung.

15.23 Uhr: Er kontrolliert das Internet und die Kabel und alles.

15.26 Uhr: Auswechseln der Box.

15.30 – 15.43 Uhr: Nichts passiert. Leise Beunruhigung auf Seiten des Kunden.

15.44 Uhr: Der Monteur ruft in der Zentrale an. Viele „Ah“ und „Hm“ und „Klar“ und „Gut“.

15.50 Uhr: Blaurote Lebenszeichen auf dem Bildschirm

15.54 Uhr: Der Fernseher ist wieder wie neu!!!

16.06 Uhr: Der Monteur verabschiedet sich. Die Pantoffeln nimmt er mit. Schade: Ich wäre in ihnen gerne mal Kanu gefahren.

16.10 Uhr: Blick ins TV-Programm. Nichts Gescheites in Sicht.

16.11 Uhr: Griff zum iPad. Antippen des Kachelmann-Buches.

16.15 Uhr: Erkenntnis: Das Buch ist Schrott.

16.16 Uhr: Käfele im Garten.

Zur Feier des Tages:

Aus dem Leben eines Playaboys (III)

Begrüssungsapéros sind laut den Hotelverantwortlichen dazu da, den neuen Gästen die Möglichkeit zu bieten, sich kennenzulernen. Den vertrauten Orangensaft literweise durch die vom Flug und der Hitze ausgetrocknete Kehle schüttend oder süüferli an einem dieser bunten Drinks nippend, die man vom “Traumschiff” her kennt (“Koste mal, Heinz! Mango!!”), sollen die sich Fremden schnell zu Freunden werden, die miteinander wie gewünscht und gebucht die schönste Zeit des Jahres verbringen.

Weiter ist es für die Gastgeber natürlich praktisch, wenn sie die ahnungs- und arglosen Frischlinge in dieser ganz und gar unverkrampften Athmos Atmos Atmosf Atmosph Stimmung darauf hinweisen können, dass alles, was man als Tourist so zum Leben benötigt, in der fortknoxartig gesicherten Hotelanlage erstanden werden kann. Nach draussen brauche sich im Grunde folglich niemand zu bemühen.

Natürlich; Auf eigene Faust durch die Stadt zu bummeln, sei jedem freigestellt, fügen die Begrüssungsapérodelegierten jeweils an. Nur: Jenseits des geschützten Hotelrahmens würden sie halt lauern, die über Seniorenleichen gehenden Appartmentverkäufer, mit allen Scheibenwischwassern gewaschenen Taxifahrer und unzählige weitere Gefahren, die aus den unbeschwerten Ferien schwuppdiwupp ein – kurze Kunstpause – tödlich endendes Abenteuer machen können.

Das alles interessiert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solcher Veranstaltungen nur sehr peripher. Ihnen ist primär daran gelegen, noch vor dem Zimmerbezug abzuchecken, welcher von diesen bleichen Heinis, die einem schon an der Rezeption, in der Schlacht um die Schlüssel, negativ aufgefallen sind, der grösste Konkurrent im Krieg um die besten Poolplätze sein wird. Und welche von diesen aufgedonnerten Schlampen frau später, am Buffet, wie ausbremsen muss, um den Teller vor allen andern randvoll mit all dem exotischen Zeugs zu füllen, das adrett auf crushed Eis drapiert darauf wartet, kurz probiert und dann stehengelassen zu werden.

Wer die ersten Stunden auf dem fremden Terrain überlebt und am dritten Tag vielleicht sogar eine Zigarette auf dem Trottoir vor dem Hotel rauchen konnte, ohne im milden Licht des frühen Morgens von einer Maschinengewehrsalve aus dem gegenüberliegenden Parfümladen niedergemäht zu werden, kommt womöglich auf die tollkühne Idee, einmal auswärts zu essen gehen. Mit etwas Glück landet er oder sie dann in einem Lokal, in dem nicht nur Currywurst oder Eisbein, sondern auch einheimische Spezialitäten zur Auswahl stehen.

Ich zum Beispiel genoss unten am Strand eine

wunderbare Paëlla.

Während ich so vor mich hinkaute, überlegte ich mir, ob ich mir überlegen soll, wieviele von den 19 Euro, die ich für den Reis und die Scampi und das Huhn und die Muscheln und das Kaninchen und die Erbsli und alles hinlegen würde, wohl bei dem Fischer landen, der Nacht für Nacht hinausfährt, um die für derlei Speisen erforderlichen Zutaten mühevoll aus den unergründlichen Tiefen des Ozeans zu hieven, derweil zuhause Frau und Kinder mantramässig ihr „Petri Heil“ beten, auf dass ihr Geliebter und Ernährer einen guten Fang mache, auf dass wiederum sie etwas Sättigendes und Warmes in die Mägen bekommen; oder wenigstens ein paar Fische, die von den Einkäufern der Grossverteiler und den Restaurantbesitzern an der Promenade als zu mickrig taxiert und dem Lieferanten kaltschnäuzig vor die Füsse geknallt wurden.

Aber dann dachte ich: Darüber nachzudenken, ist für jemanden, der von Betriebswirtschaft soviel Ahnung hat wie ich, sinnlos. Ich bin ja kein Önologe. Den Gesprächen an den Nebentischen zu lauschen, hatte einerseits einen gewissen Unterhaltungswert („Playa heisst auf Spanisch soviel wie spielen“). Andrerseits wars aber auch ziemlich bemühend. Das Gemecker über das Land und die Menschen, die es bewohnen, wollte nicht enden. Es ist aber auch ein Elend: Da verschuldet man sich Jahr für Jahr aufs Neue über beide Ohren, um der Misère daheim wenigstens für zwei Wochen entfliehen zu können – und dann kostet eine Strandliege 3 Euro pro Tag.

Zum Sympathieträger der Woche erkor ich spontan jenen Herrn (die Nationalität des Deutschen spielt keine Rolle), der seine aktuelle Lebensabschnittspartnerin vermutlich nur deshalb in die Ferien begleiten durfte, weil er wenige Stunden vor dem Abflug fast ohne Zicken zu machen akzeptiert hatte, dass sie diese Reise primär für ihren und mit ihrem Sohn unternimmt.

Als das etwas wackelig wirkende Familienmodell auf den drei somit nicht mehr freien Plätzen an meinem Tisch installiert war, fragte der vielleicht fünfjährige Bub, was ich da esse.

Bevor ich etwas sagen konnte – nicht, dass ich unbedingt etwas hätte sagen wollen – antwortete der Vater auf Zeit: „Ne Pälla.“

Der Bub (ernsthaft interessiert): „Was ist das? Was ist da drin?“

Der Mann (in einem Ton, in dem der ganze Frust darüber mitschwang, die Ferien mit dem lästigen Goof absitzen zu müssen, statt sie liegend mit scharf und allem nur mit der Mutter geniessen zu können): „Meerscheiss. Musste nicht haben.“

Daraufhin bestellten alle drei original echte Wiener Schnitzel mit Pommes, wobei der Kleine auf seinen vielseitigen Wunsch hin ebenfalls eine Erwachsenenportion vorgesetzt bekam, von der er tatsächlich einen Viertel vertilgte. Der Rest – darunter das komplette Schnitzel – : Return to sender.

Und damit wirds Zeit für ein bisschen Musik. Ich bin gleich wieder da. Mit einem neuen Trend, Beobachtungen von der Kellnerfront – und mit einer Frage, die kein Mensch je wird beantworten können.

Schön, nicht?

Für die jüngeren Leserinnen und Leser: Das Lied ist 60 Jahre alt und wird von Elvis Presley gesungen. Der checkte erst im Heartbreak Hotel ein und dann – das war noch im letzten Jahrtausend – im Rock’n’Roll-Himmel, weil er zuviele Hamburger und Tabletten gegessen hatte. Denkt also mal über eure Grundnahrungsmittel nach.

Wenn wir thematisch schon in die Höhe gestiegen sind: Beim Pällaessen entdeckte ich einen neuen Einrichtungstrend. Wer für seine Bilder keinen Platz mehr an den Wänden findet, hängt sie einfach an die Decke:

Tate Gallery. Museum of Modern Arts. Louvre. Stiftung Uetendorfberg: Wieviele Bilder mögen, von der Öffentlichkeit unbeachtet, in den Kellern dieser Kunstinstitutionen lagern? Da eröffnen sich doch völlig neue Perspektiven, in jeder Hinsicht! Und das alles dank eines Beizers in Playa del Inglés, der eines Tages nicht mehr wusste, wohin mit seinen Postern.

A propos “Beiz”: Obwohl ich nun schon seit drei Tagen auf dieser Insel bin, hat sich mir das auf Vollbeschäftigung beruhende Arbeitsprinzip der hiesigen Kellner noch immer nicht zur Gänze erschlossen. Vor allem habe ich etwelche Mühe damit, zu kapieren, wie das rentieren kann.

Aber eben: Ich bin kein Ökologe.

Das Vollbeschäftigungsprinzip der Kellner auf Gran Canaria geht so:

Kellner A zerrt den Passanten in die Beiz, und zwar unabhängig davon, ob dieser bereits gegessen oder woanders reserviert hat.

Kellner B rückt für den verdatterten Gast, der sich nur langsam mit seinem Schicksal abfindet, einen Stuhl zurecht.

Kellner C sagt dem Gast etwas Nettes.

Kellner D erkundigt sich danach, was der Gast zu trinken gedenke.

Kellner E fragt den Gast, ob er etwas zu essen wünsche.

Kellner F bringt das Getränk.

Kellner G bringt die Speisekarte.

Kellner H notiert die Bestellung.

Kellner C schaut erneut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner I deckt den Tisch ein.

Kellner J schleppt einen Zweiliterkrug Wasser an, mit Limettenschnitzen und der halben Antarktis drin.

Kellner K bringt das bestellte Getränk.

Kellner L hat mit dem Gast eigentlich nichts zu tun, will aber trotzdem wissen, ob alles in Ordnung sei.

Kellner M bringt die Vorspeise.

Kellner N räumt die Vorspeise ab.

Kellner O wechselt das zum Teil noch gar nicht benutzte Besteck aus.

Kellner P bringt den Hauptgang.

Kellner C schaut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner Q räumt ab.

Kellner R ist derjenige, der

Kellner S ausrichtet, dass man gerne zahlen möchte.

Kellner T bringt die Rechnung auf einem Klemmbrettli:

Kellner U holt das Klemmbrettli mit dem Geld darauf ab.

Kellner V bringt das Wechselgeld.

Kellner W behändigt das Trinkgeld.

Kellner X verabschiedet den Gast wortreich.

Für die Kellner Y und Z gabs in meinem Fall nichts zu tun. Ich hätte noch ein Kafi ordern sollen.

Dann geht man, überraschend tiptopp verpflegt, zurück auf die Strasse. Dort fallen einem als Erstes die vielen jungen und fast schon beänstigend aufgestellten Menschen auf, die den Touristen Flyer verteilen. Diese künden in knallbunten Grossbuchstaben davon, dass in der Disco „Dreamland“ (oder in einem vergleichbaren Tanz- und Knutschschuppen) heute Abend Die! Absolute! Megagigasuperduperschaumparty! steige, zu der man hiermit aufs Herzlichste eingeladen sei, sofern man 15 Euro Eintritt und die Getränke selber bezahle.

Wenn man an diesen Flyerverteilern vorbeispazieren kann, ohne dass sie einen bis unter die Hoteldusche verfolgen: Spricht das gegen die Arbeitsmoral dieser jungen Leute?

Oder vielleicht doch eher dafür, dass man ab einem bestimmten Alter mit einem gewissen Auftreten dermassen abgeklärt wirkt, dass einem derlei Angebote nicht den geringsten Eindruck mehr zu machen vermögen?

(Morgen live von der Insel: “Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt).

Bereits erschienen:

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”